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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 40
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Wiesel und Marder

Abseits der großen Verkehrsstraßen liegt ein einsames Tal. Den Touristen ist es unbekannt, obgleich es reich an Schönheiten mannigfacher Art ist. Ein fröhliches Flüßchen durchrieselt die bunten Wiesen, seltsame Kalksteinklippen erheben sich aus den Gehölzen, die die Kuppen der Hügel verhüllen, buschgefüllte Schluchten zerschneiden die Abhänge, auf dem Grunde der Erdfälle liegen dunkle Teiche, und hier und da entspringt eine lustige Quelle. Reich an Blumen, Beerensträuchern und Wildobstbäumen ist das Tal und reich an allerlei harmlosem Getier. Deswegen mangelt es dort auch nicht an Raubwild. Der Fuchs ist mehr als häufig, auch die Wildkatze hat sich noch erhalten, und alle deutschen Marderarten, der Nerz allein ausgenommen, kommen entweder ständig hier vor, oder geben Gastrollen wie der Otter, der Forellen und Krebsen in der Ellerbeck nachstellt.

Tagsüber lassen sich die meisten dieser Räuber freilich wenig sehen. Es kommt ja zuweilen vor, daß der Otter am hellen Mittag fischt, und der Dachs nimmt gern ein Sonnenbad vor seinem Bau. Aber man muß schon sehr viel Geduld und noch mehr Glück haben, will man den Edelmarder zu Gesicht bekommen, obschon selbst der ab und zu am Tage auf Maikäfer und Heuschrecken jagt, oder sich an den Wildkirschen und Ebereschen gütlich tut. Der Steinmarder aber ist fast ganz ein Tier der Nacht und der Iltis völlig, und nur bei einer guten Neuen kann man an den Spuren feststellen, wie reich an ihnen das Tal der Ellerbeck ist.

Um den Quellteich des Flüßchens stehen dreizehn hohe Kopfweiden und eine mächtige Buche, deren Tagwurzeln den Kalkfelsen zersprengt haben und so allerlei Winkel und Löcher bilden. Wenn es ganz still hier ist, dann guckt plötzlich ein Köpfchen, flach wie das einer Eidechse, aus einer Felsspalte hervor, verschwindet, taucht an einer anderen Stelle wieder auf, und dann huscht auf einmal ein kleines braunes Ding durch das Gras. Noch eins stellt sich ein und noch eins, und es gibt ein merkwürdiges Gekribbel und Gekrabbel und Gerenne und Gejage um die Wurzeln der Buche.

Die Kleinwiesel sind es, die dort wohnen, spannenlange Dingerchen, flink wie Eidechsen, furchtsam wie Mäuse und blutrünstig wie Tiger. Die Alte ist unter den Schlehdornbusch geschlüpft. Nur ein Weilchen blieb sie dort, und schon ist sie wieder da, eine halbwüchsige Brandmaus zwischen den Zähnen haltend. Kerzengerade sitzt sie da, den Wind prüfend, und hüpft dann dem Bau zu. Mit einem Schlage versammeln sich ihre vier Jungen um sie, um ihr die Beute abzunehmen. Aber die Mutter springt damit nach dem freien Anger, wo das Mäuschen nicht so leicht entwischen kann, und da läßt sie es laufen. Weit kommt es aber nicht, denn schon hat eins der Jungen es am Wickel, und die anderen packen auch zu, und unter viel dünnem Gepfeife und Gefauche wird die Maus verzehrt.

Der Schatten des vorüberstreichenden Lerchenfalken fällt auf den Anger; fort sind alle Wieselchen. Aber schon schaut hier eins unter einer Wurzel hervor, und dort sieht eins aus einer Spalte heraus, und da schlüpft ein drittes aus einem Mauseloche, und jetzt sind alle fünf wieder da, und es gibt ein lustiges Necken und Spielen, bis ein Maikäfer sich brummend aus dem Grase erhebt. Sofort springt die Alte zu, holt ihn aus der Luft herunter, und er geht denselben Weg wie die Maus, und nicht minder ein großer brauner Spinner, der in unstetem Fluge angezickzackt kommt und von der Wieselmutter erwischt wird.

So geht es den ganzen Tag über. Mitten im Spiel wird die Beute gemacht, und die Jagd ist schließlich auch nur ein Spiel, wenn auch kein ungefährliches. Denn jetzt, wo der Waldkauz Junge hat, raubt er selbst unter Tage; zwei von den Wieseljungen griff er an einem Nachmittage. Auch vor dem Bussard müssen die Wiesel sich vorsehen und nicht minder vor dem Gabelweih und dem Habicht, die Tag für Tag bei dem Quellteiche jagen, und der Fuchs sowie die ab und zu hier herumschleichenden Dorfkatzen verschmähen die Wieselchen auch nicht. So führen sie denn ein Leben, halb voller Freude und Lust, halb voller Furcht und Leid, und deshalb kennen sie keine Ruhe und Beschaulichkeit.

Da hat es die Raubwieselfamilie, die in dem trockenen Erdfalle an der anderen Seite des Hügels haust, schon besser, einmal, weil ihre Körpergröße und ihr stärkeres Gebiß sie schützt, und dann, weil die vielen Dornbüsche ein undurchdringliches Verhau an den Rändern der Schlucht bilden. Einen besseren Wohnsitz konnten die Hermeline sich aber auch nicht wählen, denn von der Schlucht aus zieht sich das Gebüsch sowohl nach dem Walde als auch nach dem Bache hin, so daß die Wiesel nicht genötigt sind, das freie Gelände anzunehmen, wo Habicht und Bussard sie greifen können. Außerdem gibt es hier so viel Wühlratten, Mäuse, Eidechsen, Jungvögel und Käfer, daß sie nie in Verlegenheit kommen, und da zudem eine Kaninchensiedlung ganz in der Nähe und der Bach reich an Forellen ist, so leben sie gute Tage.

Nichts ist vor ihren Spürnasen sicher. Die Haselmaus mag ihr Nestchen noch so versteckt anbringen, es wird aufgestöbert und ausgeraubt. Der Zaunkönig ist mehr als vorsichtig, und doch übertölpelt ihn die Wieselmutter. Das junge Kaninchen, das nicht sofort auf das warnende Klopfen des alten Rammlers zu Baue fährt, fühlt plötzlich einen stechenden Schmerz am Halse. Es hampelt und strampelt, aber das hilft ihm nichts; sterben muß es, und obwohl es dreimal so schwer ist wie das Hermken, so wird es doch unter den Weinrosenbusch gezerrt, und eine Stunde später ist nicht viel mehr von ihm übrig als der Balg, die Knochen und die Eingeweide. Mögen die alten Schwarzdrosseln noch so viel zetern, das Wiesel zieht mit dem halbflüggen Jungen, das es aus dem Neste riß, ab, und siegreich besteht es den Kampf mit dem Rebhuhnpaar und raubt ihm ein Junges nach dem anderen. Sogar an mehrere Monate alte Hasen wagt es sich heran und wird mit ihnen, wenn auch unter viel Beschwerden, fertig.

So haßt es der Jagdpächter auf den Tod und stellt ihm Winter und Sommer mit Fallen alle Art nach, spart auch den Schuß nicht, hüpft es ihm über den Weg. Aber mag er auch noch so viele von ihnen fangen und erlegen, es werden ihrer nicht weniger, denn ihre Vermehrung ist stark, und von den dürren Höhen in der Nachbarschaft kommt immer wieder neuer Zuzug nach dem üppigen Tale der Ellerbeck, in dem es von Beute wimmelt. Deshalb ist auch der Iltis hier häufiger als anderswo. Zu Gesicht bekommt ihn der Jäger höchstens einmal an einem warmen Abend im Hornung, wenn der Stänker auf der Suche nach einem Weibchen über den Schnee hüpft. Sonst führt der Ilk ein ganz heimliches Leben, zumal seine Hauptbeute aus Mäusen und Wühlratten besteht, die er im Verein mit den Wieseln recht kurz hält. Auch sorgt er tüchtig dafür, daß die Kaninchen sich nicht zu sehr vermehren und im Winter den Anpflanzungen schaden. Daß er ab und zu die Nester der Feldhühner und Fasanen plündert, auch einen Junghasen nicht verschmäht, verzeiht ihm aber der Jagdpächter nicht und stellt ihm nach Kräften nach.

Im Herbste, wenn die Nächte kühler werden, denkt der Iltis an die Tage, da der Schnee hoch liegt und es nicht mehr so leicht ist, draußen im Felde genug Mäuse zu fangen, um davon satt zu werden. Er wandert dann dem Dorfe zu und sucht in einer Scheune Unterschlupf, wo es von Mäusen aller Art und von Ratten wimmelt, und dann räumt er gründlich unter ihnen auf. Da er aber von Natur etwas faul ist, auch bei Nordostwind nicht gern auf Raub auszieht, dagegen noch weniger gern hungert, so sorgt er beizeiten für Vorrat. Er fängt so viele Frösche, wie er bekommen kann, auch Erdkröten und Unken, versetzt ihnen, damit sie nicht von der Stelle können, eine schwachen Biß in den Rücken und verteilt sie in seine Baue, die er an verschiedenen Stellen hat. Dort quälen sich die armen Lurche so lange, bis er aus Mangel an besserer Beute sich über sie hermacht.

Wenn er Junge hat, legt er seine Feigheit ab, begnügt sich nicht nur in der Hauptsache mit Mäusen und Fröschen, sondern stellt dem Haar- und Federwilde und der Vogelbrut schärfer nach, und dann fällt ihm manch Rebhuhn- oder Fasanengesperre und mancher Junghase zum Opfer. Aus angeborener Faulheit heckt er am liebsten in der Nähe der Kaninchensiedlung unter den hohen Felszacken und begnügt sich mit jungen Kaninchen, die er unschwer erbeuten kann. Im allgemeinen ist er ein harmloser Bursche, der sich mehr schlecht als recht ernährt. Da er schlecht klettert, haben außer den Erdbrütern die anderen Vögel wenig von ihm zu fürchten, und sind die Geflügelställe gut verwahrt, so richtet der Ilk auch dort kaum Schaden an, weshalb die Bauern ihm meist nicht sonderlich nachstellen.

Die Massenmördereien, die er angeblich unter dem Hausgeflügel anrichtet, kommen wohl stets auf Rechnung seines Halbvetters, des Steinmarders. Der ist nicht so plump wie der Iltis, sondern fast so gewandt wie der Baummarder. Zu diesem steht er ganz so wie das Kleinwiesel zum Hermelin. Wie das Wieselchen ist er südlicher Herkunft, stammt ursprünglich aus dem Mittelmeergebiet, und er ist viel mehr an den Menschen gebunden als der Baummarder. Er gehört, wie unsere Sperlinge, die Haus- und die Rauchschwalbe, die Hausmaus, Haus- und Wanderratte, die Schleiereule, Dohle und Saatkrähe, der Storch und noch viele unserer freilebenden Tiere, der Quintärfauna an, jener Tiergruppe, die erst mit dem Ackerbau und der Viehzucht von Süden und Osten bei uns einwanderte, während Hermelin und Baummarder der nördlichen, ursprünglichen Fauna zuzusprechen sind. Wenn sich nun auch in einem günstigen Gebiete, wie es das Ellerbecktal ist, Wieselchen und Hausmarder von dem Menschen ziemlich freigemacht haben, zur Winterszeit zieht es sie doch wieder nach den Dörfern und Gehöften, und sobald Schnee liegt, finden sich auf den Dächern und in den Gärten überall die Spuren des Marders, und in der Ranzzeit hört man oft genug ihr Gekreische und Gekecker und sieht sie in der Dämmerung über die Dächer huschen. Sogar am Tage läßt sich ab und zu ein Marder im Freien sehen.

In der Hauptsache aber ist der Hausmarder ein nächtliches Tier. Wenn die Amsel zeternd zur Ruhe gegangen ist und die Krähen ihre Schlafbäume gefunden haben, verläßt er sein Versteck in einer der Klippen oder in dem Heuboden der Gehöfte und geht auf Raub aus. Alles, was warmes Blut hat, ob es nun Haare trägt oder Federn, ist ihm recht, Maus wie Ratte, Spatz wie Taube. Gelingt es ihm, in einen Geflügelstall zu kommen, so begnügt er sich nicht wie der Iltis mit einem Stücke, sondern mordet, was er packen kann, und säuft sich am Blute oft so satt, daß er im Blutrausche zwischen seinen roten Beutestücken einschläft und seine Mordgier mit dem Leben bezahlen muß. Aber auch süße Kirschen und Weintrauben verschmäht er nicht, und zur Kirschenzeit ist seine Losung dicht gespickt mit Kirschensteinen.

Wegen des Schadens, den er am Geflügel anrichtet, und wegen seines guten Rauhwerkes wird ihm auf alle Art Abbruch getan. In den Durchschlüpfen der Hecken stellt man ihm Kastenfallen, auf seinen Absprungstellen Schlagfallen, auch ködert man Schwanenhälse oder Mordfallen mit Eiern oder Spatzen. So leicht wie der Iltis geht er aber nicht ein, und deshalb lauert man ihm an warmen Winterabenden, wenn er in der Dämmerung seinen Raubzug antritt, mit der Flinte auf. Seine Abneigung gegen alle lauten Metallgeräusche benutzt man zu einer ganz seltsamen Art von Jagd. Hat man ihn in einem Stalle oder in einer Scheune bestätigt, so stellen sich draußen einige Schützen an, während in dem Gebäude mehrere Leute mit Wagenketten, Topfdeckeln und Blecheimern so lange lärmen, bis der Marder sein Versteck verläßt, sich ins Freie rettet und erlegt oder von den Hunden gegriffen wird.

Von allen Mardern, die ständig im Tale der Ellerbeck leben, ist der Baummarder die adeligste Erscheinung. Der dunkle Balg und der dottergelbe Halsfleck lassen ihn viel vornehmer erscheinen als den Steinmarder, der mit seinem braunbeigen Balge und der weißen Kehle. Aber sein Balg ist schuld daran, daß er immer seltener wird, denn es werden so hohe Preise dafür erzielt, daß ihm, wie es eben geht, nachgestellt wird. So ganz leicht ist das nicht, denn der Edelmarder ist ein unsteter Geselle, und die Knüppel- und Würgefallen, die Schwanenhälse und Tellereisen stehen oft wochenlang fängisch, ohne daß sich der Marder fängt, denn wenn er es haben kann, so zieht er lebende Beute aller anderen vor. Da er zudem seine Raubzüge mit Vorliebe durch die Kronen der Bäume nimmt und den Erdboden, soweit es geht, vermeidet, so kommt er nicht so leicht in die Gefahr wie der Steinmarder, der Iltis und die Wiesel, durch die künstlich aus Tannenhecke ausgelegten Zwangspässe in die Kastenfallen hineinzugeraten.

Wenn er auch zumeist ein nächtliches Leben führt, so jagt er doch viel mehr als der Steinmarder bei Tage, besonders in der Zeit, wenn er Junge hat. Dann kann es vorkommen, daß er am hellen Mittage Eichkätzchen hetzt, oder die Nester der Wildtauben plündert, und wenn die Wildkirschen süß werden, oder die Vogelbeeren reifen, dann turnt er schon am Nachmittage im Gezweige umher und tut sich an den süßen oder herben Früchten gütlich, bis eine Krähe den Todfeind ihrer Sippe erspäht, ihre Genossinnen herbeikrächzt und die schwarze Bande ihn so lange belästigt, bis er sein Baumloch oder seine Felsspalte wieder aufsucht oder das nächste Eichkatzenkobel annimmt.

Eichkatzen, Wildtauben, Häher und Krähen sind seine Lieblingsbeute, und je mehr der Marder abnimmt, um so stärker vermehren sie sich. Doch auch die Amseln und Drosseln und alle anderen Kleinvögel haben ihn zu fürchten, wenn er nächtlicherweile leise von Ast zu Ast schlüpft und, wittert er eine Beute, mit jähem Satze darauf losspringt und sie packt. Aber oft maust er auch im Kleeacker oder auf der Luzerne, oder stellt den Ratten und Wühlmäusen an der Ellerbeck nach, und wenn die Maikäfer fliegen, verschmäht er auch diese nicht. Am liebsten aber raubt er hoch über dem Boden in den Baumkronen, plündert die Nester der Häher, Tauben, Krähen, hetzt die Siebenschläfer und Eichkatzen und bringt es sogar fertig, die alten Krähen und Tauben im Schlafe zu übertölpeln.

Sie mögen allerlei Schaden an der Niederjagd anrichten, die Wiesel und Marder, die im Tale der Ellerbeck hausen, aber der Nutzen, den sie mittelbar oder unmittelbar stiften, ist so groß, und das Tierleben ist dort so reich, daß die Art und Weise, wie Jäger und Förster ihnen zu Leibe gehen, nicht angebracht ist. Was ihnen von Wildgeflügel und Junghasen anheimfällt, das sind zumeist schwache oder dumme Stücke, die ihre schlechten Eigenschaften weiterpflanzen würden, räumten die fünf Scheicher nicht mit ihnen auf.

Raum für alle hat die Erde. Wo sie sich zu arg vermehren, da soll man den Räubern Abbruch tun. Wo man sie aber ausrottet, da wird Mäusefraß, Rattenschaden, Eichkatzenverbiß und übermäßige Vermehrung der Tauben und Krähen bald beweisen, eine wie wichtige und nützliche Rolle im Haushalte der Natur die Wiesel und Marder spielen.

 


 

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