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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das Birkhuhn

Mitten durch die weiße Heide zieht sich ein dunkler Streifen; das ist die Landstraße mit ihren Hängebirken.

Einen ganzen Tag und eine volle Nacht stob der Schnee; nun ist die Heide ganz weiß; sie schläft unter der fußhohen Schneedecke. Die Kiefern haben sich weiße Hauben aufgesetzt, die Wacholder zogen weiße Hemden an.

Blank ist der Februartag. Die Sonne steht am hellen Himmel und läßt den Schnee glimmern und flimmern. Alles, was nicht weiß ist, sieht riesig aus; die Krähe auf dem Grenzsteine, der Hase auf dem Koppelwege sind doppelt so groß als sonst, und wie ein Tor macht sich die Öffnung des uralten Steingrabens auf dem Anberge.

Vom Bruche stiebt ein Flug großer Vögel heran. In reißender Fahrt sausen sie heran und fallen in den Birken ein, daß die Birkenzeisige aus Nordland, die zwitschernd in den schwanken Zweigen herumturnen und die Flügelfrüchte aus den Kätzchen herauszupfen, entsetzt weiterstieben und weiter unten in den Birken untertauchen.

Ein halbes Hundert Birkhähne sind es, die jetzt auf den Birken baumen. Es war ihnen zu unbequem, im Bruche und auf der Heide den Schnee von dem Heidekraute zu scharren, darum stoben sie zur Landstraße, um sich an den Blütenkätzchen der Birken zu äsen zur Abwechslung nach den bitteren Blütenkospen, die ihnen im Bruche die Porstbüsche boten, nach den strengen Wacholderbeeren, dem Samen des Pfeifengrases, den Früchten des Heidekrautes, und was sonst noch unter der fußhohen Schneedecke verborgen ist. Bedächtig weiden sie die Birkenkätzchen ab. Die Sonne bestrahlt ihr schwarzes Gefieder, daß es blau aufleuchtet, und hell glühen die roten Rosen über den Augen. Mit langen Hälsen äugen sie dem Bauern nach, der mühsam den verschneiten Weg entlang geht, und erst, als er über dem Amberge verschwunden ist, äsen sie weiter. Die scharfen, krummen Schnäbel ziehen die Birkenruten heran und streifen die Kätzchen herunter. Dann und wann hält ein Hahn inne und ordnet seine Federchen an der blauschimmernden Brust.

Die Sonne meint es gut; den Hähnen wird frühlinghaft zu Sinne. Ein alter Hahn, dessen Sicheln lang und breit sind, und dessen Rücken ganz dunkelblau ist, würgt einige Male auf seltsame Art, bläst ein bißchen, aber dann schüttelt er sein Gefieder und pflückt weiter an den Zweigen herum. Ein junger Hahn jedoch, dessen Spiel erst halb entwickelt ist, und dessen Rücken noch manche bräunliche Federkante aufweiset, beginnt lustig zu kullern, bricht sein Balzlied aber auch bald wieder ab, denn ein Schlitten klingelt heran. Alle Hähne machen lange Hälse; dann schwingen sie sich ab und fallen zu Felde. Die drei Jäger im Schlitten sehen ihnen nach.

Da, wo es im Felde grün aus dem Schnee hervorblüht, sind die Hähne eingefallen. Das Rotwild hat dort über Nacht gestanden und den Schnee von der Saat geschlagen, und so finden die Hähne bequeme Weide. Ein alter Hahn aber hat andere Gedanken. Er schwingt sich auf den großen Wanderblock am Wege, äugt erst nach allen Seiten, und dann duckt er sich, daß sein Schnabel fast den Stein berührt, bläst den Hals auf, daß die Federn sich sträuben, hebt das weit gefächerte Spiel, läßt die Flügel hängen und beginnt erst leise, dann immer lauter zu trommeln. Das regt einen Junghahn auf, und er macht es dem alten nach, und noch ein Hahn balzt, und noch einer und immer mehr, und während allerlei Wintervögel aus Nordland, Dompfaffen, Birkenzeisige und Bergfinken flötend, zwitschernd und quäkend vorüberfliegen, singen sieben Hähne mitten im Schnee ihre seltsamen Liebeslieder, daß der Briefträger, der die Landstraße entlang geht, ganz erstaunt stehen bleibt und den Kopf schüttelt.

Während der eine Teil der Kette den Schnee von der Saat scharrt und sich äst und die anderen balzen oder ihr Gefieder ordnen, halten die Jäger Kriegsrat. Sie wollen sich die Hähne angehen lassen. Sie wissen, daß, wenn die Hähne angerührt werden, sie jedesmal zwischen den einzelnen krausen Kiefern jenseits der Landstraße durchstreichen. Darauf bauen sie ihren Plan. Sie steigen aus und gehen im Bogen über die Heide nach den Kiefern hin; der Kutscher fährt nach dem Dorfe und sagt dem Jagdhüter Bescheid. Hintereinander gehen die Jäger durch den tiefen Schnee, aus dem nur hier und da ein Wacholderbusch, eine krüppelige Kiefer oder eine junge Birke hervorsieht. Mit schrillem Warnrufe fliegt der Raubwürger von der toten Birke ab, wo er die Maus herunterwürgte, die er am Grabenrande erbeutete.

Die Jäger müssen lange warten, denn der Jagdaufseher muß einen großen Bogen machen, um die Hähne richtig anzugehen. Sie sitzen unter den verschneiten Kiefern auf ihren Stuhlstöcken und sehen nach der Landstraße hin, vor der ein Bussard rüttelt, und schauen dem Meisenfluge zu, der in den Kronen einfällt und auf eine Weile die Stille mit lustigen Lauten erfüllt. Eine halbe Stunde vergeht, und noch eine Viertelstunde, da dröhnt von der Heide her der Hebeschuß. Die drei Jäger springen auf, spannen die Waffen und sehen angestrengt dahin, wo die Birken an der Straße den Heidberg überschneiden. Ein schwarzes Gewimmel steigt über die Kronen, senkt sich, zeiht sich auseinander, schließt sich wieder und kommt in rasender Eile näher. Wie die Bildsäulen stehen die drei Männer. Die Hähne streichen gerade auf sie zu und halten zwischen den Bäumen durch. In demselben Augenblicke, als der Flug bei den Schützen ist, heben sich drei Gewehre, drei Schüsse fallen, ein Hahn schlägt dumpf zu Boden, daß der Schnee stiebt, und noch drei Schüsse dröhnen, ein Hahn schlägt Rad in der Luft, einer himmelt, bis er hoch in der Luft ist, und kommt wie ein Stein herab, die Krone einer Kiefer durchschlagend, ein dritter tut sich von der Schar ab, wird bei jedem Flügelschlage langsamer und kommt in schrägem Fluge herunter.

Der alte Weißbart mit dem rosenroten Gesichte springt vor Vergnügen in die Höhe, schlägt sich auf den Schenkel und schreit: »Ho rüd hoch! Das hat geschlumpt! Vier Hähne! Und ich hab' zwei herunter.« Er nimmt den ersten Hahn auf und geht nach dem, der bei dem Graben herunterkam. Aber so wie er ihn in der Hand hat, schreit er: »Kommt mal her und seht euch das hier an!« Und über das ganze Gesicht lachend hält er ihnen eine Hahn hin, bei dem alle kleinen Federn silberweiß mit blauschwarzem Rande sind. Die Jäger hängen die Hähne an die Bäume, setzen sich auf ihre Stuhlstöcke und frühstücken. »Das ist der dritte widersinnige Hahn, den ich geschossen habe,« sagt der alte Jäger und liebäugelt mit dem bunten Hahne; »vor fünfundzwanzig Jahren hatte ich hier eine Kette, von der drei Stück schneeweiß waren; einen Hahn davon schoß ich auf der Balz; von den anderen habe ich nichts wieder gesehen. Und vor sechs Jahren schoß ich im Herbst auf der Suche einen Hahn, der war ganz fahlgelb. Alle beide stehen im Provinzialmuseum, und dieser Prachthahn soll da auch hin.«

Die Jäger gehen dem Dorfe zu; sie wollen Füchse aus dem Bau sprengen. Die Hähne sind bis tief in das Bruch gestrichen; dort sind sie sicher. Wo die überschneiten Porstbüsche ein undurchdringliches Bollwerk bilden, über das hier eine schlanke Birke, dort eine krause Kiefer herausragt, fallen sie ein. Eine ganze Weile sitzen sie auf den Kronen der Bäume und äugen mit langen Hälsen in der Runde, bis sie sich sicher fühlen und ihr Federkleid zurechtzupfen. Dann fällt einer zu Boden, scharrt den Schnee fort und sucht nach Moosbeeren oder springt nach den Kätzchen der Porstbüsche, andere weiden auf den Birken, andere plündern die Wacholderbüsche. Weit von ihnen ragt dunkel der Wald. Auf der Spitze der Randkiefer leuchtet ein heller Fleck. Ein nordischer Wanderfalke ist es. Eine Stunde lang äugt er zu den Hähnen hin. Endlich erhebt sich der Flug und streicht dem Walde zu. Der Falke rührt sich nicht auf seiner Warte. Erst, als die Hähne sich heben, da sie den Wacholderbüschen nicht trauen, schwingt er sich ab. Mit hastigen Flügelschlägen gelangt er über sie, und mit einem Stoße, so jäh, daß es laut saust, fährt er hinab, schlägt dem letzten Hahne die Krallen in den Rücken und fällt mit ihm in den Schnee. Die anderen Hähne aber streichen an der Waldkante entlang und fallen in der Hudewohld ein, in deren Dickichten sie verschwinden.

Am anderen Morgen ist alles im Lande weiß, auch die Birken, der Rauhfrost hält sie umsponnen. Die Sonne scheint hell, aber die Hähne, die hinter dem Bruche auf den Feldern des Nachbardorfes liegen, balzen nicht; der Wetterwechsel liegt ihnen in den Gliedern. Sie äsen sich satt und tauchen wieder im Bruche unter. Regentage kommen und weichen den Schnee von der Heide. Die Hähne sind unsichtbar; sie stecken in der Wohld. Da haben sie Schutz vor dem Regen und Äsung genug. Unter den Fichten und Kiefern wachsen Heidelbeeren und Preißelbeeren; die Birkhähne pflücken die Zweigspitzen ab und scharren im Fallaube und Moose nach verdorrten Beeren und schlafendem Gewürm oder äsen die Blütenknospen von den Porstbüschen, den Erlen, Birken und Haselbüschen. Auch eine Anzahl Hennen sind bei ihnen. Dem Regen folgt eisiger Ostwind; das Birkwild hält sich in Deckung. Aber sowie die Luft wieder still wird und die Sonne sich zeigt, streichen sie in das Bruch, aus dem der Schnee verschwunden ist, und wo sie Nahrung genug finden, denn massenhaft liegen unter den dichten Moorbeerbüschen die dürren Früchte, und die Torfmoospolster sind bedeckt mit den Früchten der Moosbeere. Wenn die Sonne ganz schön scheint, balzt vormittags wohl einmal ein Hahn, doch immer nur am hellen Tage und nur auf einen Augenblick.

Der März kommt. Er bringt einige heiße Tage, sprengt die Blütentroddeln am Haselbusch und öffnet die Kätzchen an den Erlen. Die Knospen der Porstbüsche schwellen, die Grabenränder begrünen sich, allerlei Kerbtiere krabbeln im Grase und schwirren um die Büsche. Eines Morgens um drei Uhr, als es noch nachtschwarz ist, balzt ein Hahn. Am anderen Morgen balzt er nicht; ein eisiger Wind pustet durch das Bruch. Acht Tage lang weht der böse Wind; wenn er verschnauft, pladdert der Regen hernieder. Das gefällt den Birkhähnen nicht. Endlich tritt gutes Wetter ein, und der Jagdaufseher, der vor Tau und Tag durch das Bruch geht, um die Hähne festzumachen, hört hier einen balzen und da einen und drüben noch einen. Am anderen Morgen aber balzen sie mehr auf der Heide, und nach drei Tagen in den Sandbergen, aber auf dem Hauptbalzplatze ist alles tot und still. Die Hähne sind noch nicht platzbeständig, sie balzen verloren, bald hier, bald da. Dann kommen wieder naßkalte Tage, und es wird ganz still in Bruch und Heide; das Birkwild hält sich verborgen. So geht der März zu Ende und die erste Aprilwoche gleicherweise.

Aber das Bruch hat sich inzwischen umgefärbt. Alle Grabenränder sind grün, die Birken haben dicke Knospen, über dem Porst liegt ein roter Schimmer, die Wacholder verjüngen sich und lustig ist es geworden, das stille Bruch. Die Kiebitze sind angekommen und die Bekassinen, Pieper und Heidlerchen sind da, die Finken schlagen, die Graudrosseln pfeifen, Mooreulen und Weihen balzen, der Brachvogel flötet, und da packt es auch die Hähne; an ein und demselben Morgen kullert ihr Balzgesang über das ganze Bruch, und bis zur Landstraße hin, wo der Jagdaufseher steht und in die dunkle Heide hineinsieht, klingt das Blasen. Schnell geht der Jagdhüter den Sandweg entlang, biegt in den Bruchweg ein, und je näher er dem Bruche kommt, um so öfter bleibt er stehen, um zu horchen; vorsichtig schleicht er bis vor die große Bruchwiese, kauert sich in einem breiten Wacholderbusche nieder, den er hohlgehauen hat, steckt sich seine Pfeife an und wartet das Ende des Vormorgens ab.

Noch ist es ganz grau; hier und da schimmert der Stamm einer Birke aus der dicken Dämmerung. Die Luft ist erfüllt von dem Gemecker der Bekassinen und dem Blasen und Trommeln der Hähne. Ab und zu quäkt eine Mooreule, Kiebitze rufen, die Ralle pfeift, sausend streicht Birkwild vorbei. Hinter der Wohld lichtet sich der Himmel und färbt sich rosig. Aus der Dämmerung treten die gespenstigen Formen der Wacholder hervor. Die Drosseln beginnen zu pfeifen, Stockenten schnattern, Kriekenten rufen, hinten im Bruche trillert der Brachvogel, ein Reh, das Wind von dem versteckten Manne bekam, schreckt laut und anhaltend, und in den Erlen am Bache balzt ein Fasanenhahn. Hahn auf Hahn tritt aus dem Nebel hervor; an dreißig balzen in der Wiese, andere in den Heidbergen, andere in der Wohld; überall erklingt ihr Blasen, Trommeln und Fittichschütteln und dazwischen das Gegacker der Hennen. Bis sieben Uhr bleibt der Jagdaufseher sitzen; dann stiehlt er sich ab. Noch drei Morgen verhört er die Hähne, dann weiß er, wo der die Schirme zu bauen hat. Einer muß sich an den dichten Stechpalmenbusch anlehnen, der andere kommt unter die krause Eiche zwischen die Wacholder, und zum dritten müssen die Weidenbüsche ausgebaut werden. In einem Vormittage ist die Arbeit gemacht; die Schirme sind dicht und dabei sichtig, mit Bänken aus Heidschollen versehen und so gut gearbeitet, daß sie wie natürliche Büsche aussehen und den Hähnen nicht ungewohnt vorkommen.

Eines Mittags kommt dann auch der alte Herr, der die Jagd gepachtet hat, an. Er macht sich aus dem Schießen aus dem Schirme nichts mehr, aber die Balz läßt er darum noch nicht aus; zu gern beobachtet er den Minnetanz der Häher und was sich sonst noch zwischen Nacht und Tag dem verborgenen Jäger bietet. Am Spätnachmittage setzt er sich in den Schirm unter die Eiche, raucht seine Zigarre und sieht den Hasen zu, die sich in der Wiese treiben. Hinten in den Heidbergen balzt ein Hahn, vor der Wohld auch einer. Dann saust es über die Eiche hinweg, und ein Hahn fällt zum Balzplatze, ein alter Hahn mit dicken Rosen und starkem Spiele. Lange sichert er, äst sich am jungen Grase, pickt Gewürm auf, und dann fängt er an zu blasen, erst leise und kurz, dann laut und anhaltend, bis er mit wildem Gezische in die Höhe springt und seinen zweiten Vers beginnt. Dumpf und leise tönt das Getrommel. Wie eine schwarzweiße, rotäugige, dicke Schlange schiebt sich der Hahn über die Erde hin, reckt ab und zu den Hals, bläst, bläst noch einmal, springt zischend empor, dreht sich, daß sein Unterspiel wie eine weiße Flamme leuchtet, und trommelt weiter.

Ein heiseres Gackern ertönt, ein Schwirren und Poltern; in den Porstbüschen am Graben sind drei Hennen eingefallen. Eine trippelt dem Hahne zu, aber sowie er sich ihr nähert, rennt sie girrend vor ihm her, und schnurrend läuft er ihr nach. Wieder saust es; ein zweiter Hahn ist eingefallen. Er äugt eine Weile nach den Hennen hin, und dann rennt er der eigenen nach. Ein heiseres Wutgirren stößt der alte Hahn aus, und im nächsten Augenblicke springen die beiden Hähne gegeneinander an, kratzen und beißen sich, daß die Federn fliegen, lassen ab, stehen sich mit gesträubtem Gefieder gegenüber und fahren zischend und murrend wieder aufeinander los. Der Jäger im Schirm schmunzelt; er hat nur nötig, den Drilling an die Backe zu ziehen und loszudrücken, und beide Hähne liegen da; aber er sieht ihnen lieber zu, bis der Junghahn abstiebt und von dem alten verfolgt wird. Die Hennen treten aus dem Porste heraus, weiden, scharren nach Gewürm, und dann machen sie alle drei auf einemal lange Hälse und äugen nach den Weidenbüschen hin, von denen etwas im alten Grase umherschleicht.

Der Jäger nimmt das Glas vor die Augen. »Ein Hahn!« denkt er. Und dann scheint es ihm, dem langen Stoße nach, ein Fasan zu sein. Aber am Bauche ist er schwarz. Und jetzt tritt der Vogel aus dem Grase heraus, und dem Jäger fangen die Hände am Glase zu zittern an, denn zum ersten Male sieht er den geheimnisvollen Vogel vor sich, an den er hatte nie glauben wollen, so oft in den beiden letzten Jahren der Heger ihm auch sagte, daß er im Bruche einen Vogel gesehen habe, halb Fasan, halb Birkhahn. Nun hat er ihn vor sich; ganz deutlich sieht er ihn. Unterwärts ist er schwarzblau, wie ein Birkhahn, auch die Kopfbildung schlägt dahin, aber das Obergefieder ähnelt dem der Fasanenhenne, und der Stoß ist so lang wie beim Fasanenhahne. Mehr als einmal hatte der Jäger beobachtet, daß die Fasanen und das Birkwild sich untereinander paarten, aber daß diese Verirrung Folgen habe können, das hatte er nicht angenommen. Und nun steht der Blendling vor ihm, halb Fasan, halb Birkhahn; die Sonne spielt auf seinem Gefieder, wie er dahinschreitet, scheu beäugt von den Birkhennen, um die er sich ebensowenig kümmert wie um die Fasanenhenne, die aus dem alten Schilfe hervortritt, denn er weiß nichts von der Liebe, die die anderen plagt und beglückt.

Zwei Birkhähne fallen weiterhin auf der Wiese ein und balzen darauflos; kein Auge wirft der Jäger auf sie. Über der Wohld kreisen mit rauhen Rufen die Kolkraben; er achtet nicht auf sie. Vor dem Porste zeiht ein guter Bock her; er bleibt unbemerkt. Den gespannten Drilling in den Händen, sitzt der Jäger da, ohne sich zu rühren, ohne zu wagen, weiter zu rauchen, aus Angst, daß der Bastard das leise Schnalzen der Lippen vernehmen könnte. In die Krone der Eiche, unter der der Jäger sitzt, poltert etwas hinein; ein heiseres, in schneidendes Keifen endigendes Gackern sagt ihm, daß es eine uralte Birkhenne ist, und jetzt fällt sie zur Weide, und er sieht, daß er ein Museumsstück vor sich hat, das seinen Freund, den Direktor des Museums, entzücken würde, denn eine hahnenfedrige Henne ist es, mit gut geschweiften Sicheln und starken Rosen. Aber er sieht nur nach dem Blendling, nach diesem Kabinettstücke, das ihm lieber ist als der bunte Hahn, den er im Februar schoß, und der weiße Hahn und der fahlgelbe, die er vor Jahren erbeutete. Endlich rückt der seltene Vogel vor, so langsam, daß dem Jäger, der die Waffe erhoben hält, Blei in die Arme und Zittern in die Hände kommt, aber als der Bastard auf dreißig Gänge heran ist, da werden die Arme frisch, und als nach dem Schusse, vor dem die Hähne stumm wegpolterten und die Hennen mit Angstgegacker abstoben, der Dampf sich verzogen hat, liegt der Vogel auf dem Rücken im Grase mit gespreizten Fittichen und breit gefächeltem Stoße, und als der Schütze ihn über die Heide trägt, ist er so glücklich wie an jenem Tage, da er als Junge von vierzehn Jahren seinen ersten Bock auf die Decke bringen durfte.

Nun sind ihm die Birkhähne erst recht gleichgültig, aber darum duldet es ihn, als die alte Kastenuhr auf der Diele des Kruges die zweite Morgenstunde angesagt, doch nicht im Bette, und eine halbe Stunde später sitzt er wieder in dem Schirme unter der Eiche und lauscht den Stimmen des Vormorgens. Ein Hauptbalzmorgen ist es; fortwährend rauscht Birkwild durch die Luft, überall gackert, allerorts bläst und trommelt es. Als es abgraut, tauchen ein Dutzend Hähne aus dem Zwielichte hervor, die zischend emporspringen oder mit dumpfem Gekuller sich drehen und im Grase entlang schieben, bis zwei aneinandergeraten und kämpfen, daß es wie ein schwarzweißer Ball, aus dem es feuerrot hervorflammt, vor dem Jäger umherwirbelt. Aber der denkt nicht an das Gewehr; er sieht zu, wie die Hähne balzen und die Hennen betreten, schaut nach den Brachvögeln, die flötend und trillernd dahinschweben, und nach den Weihen, die sich im Balzfluge mit zackigem Ruf jäh aus der Luft werfen, und lauscht auf das laute Trompetengeschmetter der Kraniche, das zu ihm heranklirrt, und denkt daran, wie er als junger Ingenieur im Kaukasus auf balzende Birkhähne jagte und sehr enttäuscht war, als dort alle Hähne stumm balzten, weswegen, wie er kürzlich in einer Jagdzeitung las, die Forscher eine eigene Form daraus gemacht haben. Langweilig war dort ein Balzmorgen gewesen; hier im Heidbruche ist es schöner.

Wilder und wilder balzen die Hähne; die Luft ist erfüllt von ihrem Gekuller, von der Heide, von den Sandbergen, überallher kommt das Getrommel, alle anderen Vogelstimmen übertönend. Und dann ebbt es ab, flaut immer mehr zurück, denn die Sonne steht blank über dem Walde, und die Hähne halten ihr Morgengebet an, bis sie von neuem zu balzen anfangen, daß die Luft abermals von ihrem Gekuller bebt. Dann kommt der Umflug; ein Hahn streicht ab, andere stehen zu. Hennen poltern fort, andere fallen ein; überall erklingt das lockende Gackern. Aber nun wird der Jäger aufmerksam; ein keifendes Gegacker erklingt, und auf der krausen Kiefer bäumt die hahnenfedrige Gelthenne auf. Da knallt es, dumpf schlägt sie zu Boden, das ganze Birkwild poltert auf, ein Teil stiebt ab, aber die anderen beruhigen sich wieder, und einige Hähne balzen weiter, als ob nichts geschehen wäre, bis einer nach dem anderen abreitet und die Hennen auch verschwinden. Da endlich verläßt der Jäger den Schirm, nimmt die alte Henne auf und geht damit zum Kruge, wo der Wirt lange Augen macht, denn er weiß, daß die Birkhenne bis Mitte September nicht geschossen werden darf, aber der Jagdpächter sagt ihm, daß er behördliche Erlaubnis hat, einige hahnenfedrige Hennen für das Museum abzuschießen.

Den ganzen April über balzen die Hähne, und wenn die Hennen schon legen, balzen auch die Hähne noch, die keine Hennen bekamen, und der Mai geht zu Ende, und der Juni beginnt, und immer balzen morgens und abends einige Hähne noch. Die Hennen aber, mit Ausnahme der alten Gelthennen, die sich unstet umhertreiben, brüten schon. Irgendwo in guter Deckung, wo das Heidekraut lang oder der Porst dicht steht, haben sie sich eine Mulde in den Mulm gescharrt, in der die bodenfarbigen Eier liegen. Fast einen vollen Monat dauert das Brüten, und so heimlich sind die Hennen um diese Zeit, daß der Jagdaufseher nur einmal eine zu sehen bekommt, als er sich zum Vespern auf einen Baumstumpf setzt und ihm eine Henne, die bis dahin auf dem Neste gesessen hat, zwischen den Beinen hochpoltert. Als die Brut ausgefallen ist, bekommt er erst recht nichts davon zu sehen, denn im dichtesten Wirrwarr der Porstbüsche, wo es von Gewürm wimmelt, führt die Birkhenne ihr Gesperre. Auch die Hähne werden immer heimlicher, denn sie mausern, und das Fliegen wird ihnen immer schwerer. Ende Juli schießt der Heger ein Habichtweibchen, das in der Wacholderheide vor ihm mit einem alten Hahne in den Griffen aufsteht und er wundert sich darüber, daß der Hahn am Kopfe und Halse fast ganz wie eine Henne gefärbt ist. Da er das Stück dem Jagdpächter sendet und dieser es dem Museum bringt, so entspinnt sich in der jagdlichen und naturwissenschaftlichen Presse eine lange Auseinandersetzung über die Sommerfärbung des alten Birkhahnes, bis endlich festgestellt ist, daß der Hahn im Hochsommer an Kopf und Kragen die Hennenfarben trägt.

Endlich sind die Gesperre beflogen. Der Sommer ist günstig gewesen; er war nicht zu naß und nicht zu trocken, und so ist das junge Birkwild gut aufgekommen. Immer aber noch führen sie ihr heimliches Leben in der langen Heide und im tiefen Porste, in den verwachsenen Erlenbrüchen, in den sauren Wiesen und in dem dichten Unterholze der Birkensümpfe. Reißt auch der Fuchs oder der Marder ein Stück, oder greift der Habicht eins, es bleiben noch genug für den Jäger übrig, als Mitte September die Jagd aufgeht. Eine böse Jagdart ist das, die auf junges Birkwild. Die Sonne brütet auf dem Bruche, und zwischen den Porstbüschen ist ein häßliches Gehen; den Jägern rinnt der Schweiß in Strömen über die Gesichter, und jede Stunde müssen sie eine Pause machen, damit sie sich erholen können, und die Hunde nicht minder, die von der Hitze und dem Staube die Nase verlieren. Steht dann eine Kette auf, so heißt es Obacht geben, daß keine alte Henne geschossen wird, und was herunterfällt, ist auch noch nicht gefunden, denn das geflügelte Birkhuhn rennt schnell und weiß sich gut zu stecken. Darum werden die Jäger die Suche bald leid, das Birkwild hat Ruhe und kann sich für den Winter mästen.

An Gelegenheit dazu fehlt es nicht. Vielerlei Beeren reifen im Bruche, die Wiesen leben von Heuhüpfern, das Torfmoos ist gespickt mit Larven und Puppen und übersät mit Samenkörnern, Fallkörner die Menge liegen auf der Stoppel, und der Buchweizen reift. Unstet treiben sich die Ketten umher; die alten Hähne aber bleiben für sich. Wenn es ein schöner, heller Abend ist, treibt es sie, zu balzen, und laut klingt über die rosenrote Heide ihr dumpfes Getrommel und ihr heiseres Blasen, und auch in der Frühe melden sie sich dann und wann, wenn die Luft still ist. Je mehr aber der Herbst heranrückt, je rauher die Luft geht, um so seltener kommen sie auf Frühlingsgedanken; sie scharen sich und streichen weit und breit umher, liegen heute auf der Stoppel, morgen im Moore, wo die Moosbeeren reifen, übermorgen auf den Rodungen, die von Preißelbeeren strotzen, um abends in der dunklen Wohld in den dichten Kiefern und Fichten zum Schlafen aufzubauen. Sie lassen sich weit von ihren Standplätzen blicken, fallen in Feldmarken auf die Saat, wo kein Birkwild vorkommt, am späten Abend aber sausen sie wieder reißenden Fluges der Heide zu und dem Bruche, denn Bauland ist ihnen verhaßt, und nur in der Wildnis können sie leben.

 

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