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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Im heimlichen Tal

Die Turteltaube

In das Bachtal ist der Frühling gekommen; Farben und Töne brachte er mit. Auf den Wildkirschenbäumen liegt es wie Schnee, am Bache entlang leuchtet es wie Gold, des Hügels Abhang ist himmelblau, und rot schimmert es am Rain.

Fink und Amsel, Drossel und Star, die zuerst hier das Wort führten, haben Gesellschaft bekommen. Über dem Bache ertönt das Gezwitscher der Schwalben, Laubvögel und Grasmücken singen im Gebüsch, auf der Trift schmettert der Pieper, und im Weidicht schlägt die Nachtigall.

Noch viele andere Vögel singen und schwatzen hier, Braunelle und Rohrsänger, Meisen und Ammern, der Specht trommelt, und der Häher plaudert, der Turmfalke kichert, und der Bussard schreit, doch bis gestern fehlten noch zwei Sänger absonderlicher Art, die Bauchredner der lustigen Truppe.

Gestern Morgen aber klang zum ersten Male wieder des Kuckucks Ruf laut durch den Schälwald, und kaum hatte er gerufen, erscholl ein lautes Schnurren aus der Krone der Wildkirsche, das unten in den Kopfweiden Wiederhall fand, und nun schnurrte es hier, und schnurrte es da, hörte auf, setzte wieder ein, und flinke Vögel stiegen über die Fichtenschonung, kreisten und schlugen die Flügel zusammen, daß es klatschte und knallte.

Jetzt erst ist das richtige Leben im Tale, denn die Turteltauben sind da. Wenn auch die anderen Vögel noch so schön singen und pfeifen, ohne das zärtliche Girren, ohne das kosende Gurren, ohne das fröhliche Klatschen wäre es nur halb so lustig hier im buschigen Wiesenbachtale. Der Ruf der Ringeltauben tönt zwar vom Fichtenwalde bis hierher, und auch ein Hohltäuber läßt sein dumpfes Heulen aus dem alten Eichenüberhälter erschallen, aber so viel Leben wie die Turteltauben bringen beide nicht in das Tal, und nur ihr Schnurren vermag diese behagliche Stimmung zu erzeugen, die zum Frühlinge gehört wie der Schlüsselblume Prangen und des Zitronenfalters Leuchten.

Sie ist der Vogel des Lichts, der Vogel der Sonne. Wo der hohe Fichtenwald düstert und im Dämmerlichte der alten Buchen, da gefällt es ihr nicht. Sonne will sie haben und den jungen Busch, wo das Licht bis auf den Boden fällt und aus dem kupferfarbenen Laube die silbernen Windröschen hervorlockt, die goldenen Schlüsselblumen, die blauen Leberblümchen und die bunten Lungenblumen. Bunt muß das Gelände sein, soll es der Turteltaube gefallen, Feld und Wiese muß es haben und munteres Wasser.

Und bunt ist sie ja auch, die kleinste unserer Tauben. Schmückt sie auch nicht der Perlmutterkragen wie die Ringeltaube, fehlt ihr auch das goldgrüne Halsband, das die Hohltaube ziert, mit der schwarz-weiß gemusterten Halszier, der dämmerungsroten Brust und dem abendblauen Nacken ist sie bunt genug, und die schön schwarz geflammten rostbraunen Flügeldecken und den weißgeflämmten Keilschwanz haben die anderen Tauben nicht aufzuweisen. Und solche flinken Flieger wie sie sind sie auch nicht. Sie aber schwenkt durch die dichten Stangen des Schälwaldes und biegt durch das verworrene Astwerk der Fichte, und wenn sich ihr Balzflug auch nicht so würdig ausnimmt wie der der Ringeltaube und der Hohltaube, auf Würde gibt sie nichts, ihr genügt es, hübsch und niedlich zu sein.

Das ist sie auch. Mit klingendem Flügelschlage stiebt die Taube aus dem Ufergebüsch und fällt da in der Fichtenschonung ein, wo die Sonne am wärmsten scheint. Leise schwankt der Ast auf und ab. Die feuerroten Augen blicken hin und her, nach rechts und links dreht sich der zierliche Kopf. Leise kichernd schiebt sich die Taube den Ast entlang, mitten in die Sonne hinein. Ihre blutroten Füßchen glühen wie Korallen. Das Schnäbelchen zupft hier, zupft da, ordnet die rötlichgrauen Brustfedern, die aschgrauen Federn des Rückens, sie spreizt die Flügel, fächert den weißgekanteten Schwanz und sitzt dann glatt und sauber und sonnt sich.

Rechts von ihr schnurrt es dumpf und zärtlich. Da sitzt ein hübscher Täuber und sagt ihr, wie wunderschön er sie finde. Und immer zärtlicher schnurrt er, immer länger wird sein sonderbares Lied, und sie drückt das Köpfchen und dreht sich und wendet sich, und da flattert er heran und nimmt bei ihr Platz. Noch zärtlicher, immer verliebter schnurrt er, aber da kommt es klingend herangestrichen, ein zweiter Täuber erscheint, stößt mit girrendem Laute den Verliebten von dem Aste und will seine Stelle einnehmen, als ein dritter naht und es mit ihm so macht wie er mit dem ersten.

Nun hat die Taube die Wahl zwischen drei Verehrern. Ein fröhliches Minnespiel beginnt. Sie flattert voran, die drei Verliebten folgen ihr. Einer wagt es und fällt schnurrend bei ihr ein, aber sowie er ihr zu nahe rückt, hat er von seinem Nebenbuhler auch schon einen Schubs und rettet sich verdutzt auf den nächsten Zweig. Stolz steigt der Sieger in die Luft, klatscht sich selber Beifall und umschwebt in schönem Kreise die Holde, und ermutigt von ihren zärtlichen Blicken läßt er sich bei ihr nieder und wird zudringlich. Das ist dem dritten Täuber zuviel, wütend kommt er herangeklingelt, jagt den anderen fort und nimmt dessen Stelle ein, aber auch er muß wieder weichen, denn der erste vertreibt ihn, und eine Stunde lang geht das lustige Spiel hin und her, bis es Zeit wird, zu Felde zu fliegen.

Alles hat seine Zeit, auch die Liebe, das ist der Turteltauben erstes Gesetz. Ist die Stunde da, dann hört das Schäkern und Kosen auf, und die Magenfrage drängt die Bedürfnisse des Herzens zurück. Von allen Seiten fliegt es aus dem Buschwalde zu Felde. Auf dem großen Brachacker sammeln sich alle Turteltauben. Viele Male kreisen sie, fallen ein, fahren empor, kreisen wieder, lassen sich abermals herab, und wenn sie auch redlich bei der Futtersuche sind, alle Augenblicke flattert eine hoch und äugt umher, ob nicht ein Feind sich nahe, und wenn sie auch noch so eifrig bei dem Suchen sind, immer richten sie sich hoch und spähen aus dem Gekraute hervor.

Vielerlei ist auf der Brache zu finden, was ihren Schnäbeln paßt. Da liegen allerlei Samenkörner, große und kleine, die am Keimen sind. Wären die Turteltauben nicht, so könnte der Bauer der Ackerdistel nicht Herr werden. Aber eins nach dem anderen der schmalen Samenkörnchen verschwindet in den zierlichen Schnäbeln, und auch die Samen von Quecke und Hederich werden aufgenommen und noch von vielem anderen Unkraut, das dem Landmann Ärger und Sorge bereitet. Aber auch so manche kleine Raupe wird verspeist und jede Ackerschnecke, und selbst kleine Schnirkelschnecken mit derben Gehäusen werden nicht verschmäht und wandern in Kropf und Magen. Planmäßig rücken die Tauben voran, jeder Zollbreit des Bodens wird von den roten Augen abgesucht, eilig trippeln die rosigen Füßchen voran, und unaufhörlich picken die schwarzen Schnäbelchen.

Endlich ist ein Täubchen satt und fliegt zu Holze. Eine andere folgt und immer wieder eine. Hier und da schnurrt es im Holze wieder, doch ist das nur ein Zwischenspiel. Noch ist für die Liebe die Zeit nicht wieder da, denn erst ist eine andere Angelegenheit zu erledigen. Da, wo die alten Eichen sich über dem Bache erheben, ist ein flaches, toniges Ufer. Sonderbar genarbt ist der Schlamm. Das haben die Füße der Turteltauben getan. Vorsichtig nähern sie sich der Tränke. Rund umher sitzen sie im Unterholze und warten, wenn auch ihr Durst noch so groß ist. Endlich flattert eine zu Boden, äugt lange umher, trippelt an den Bach, äugt noch einmal und steckt den Schnabel in das Wasser, in langen Zügen die Labe einziehend. Eine zweite kommt und eine dritte, eine streicht ab, und wieder eine fliegt herbei und erquickt sich. Da raschelt ein Reh im Uferschilfe, und mit warnendem Flügelgeklatsche stiebt die ganze Gesellschaft von dannen.

Still ist es jetzt im Walde. Ab und zu schnurrt einmal ein allzu arg verliebter Täuber, aber dann rückt auch er sich wieder zurecht und verdaut. Dann aber wird der ganze Wald wieder laut von dem zärtlichen Geschnurre und hier und da und dort treiben die Täuber die Tauben, steigen laut klatschend über den Busch, schweben zierlich dahin, lassen sich auf die Spitzen der Fichten nieder, schnurren lange und laut, jagen die Nebenbuhler fort und werben um Liebe, bis wieder die Stunde zum Feldfluge da ist und der Wald wieder stille wird. Noch einmal finden sich die Tauben an der Tränke zusammen, verträumen noch eine Verdauungspause, und wenn der Sonne schräge Strahlen die Fichten in rotes Licht hüllen, dann schnurren sie wieder eintönig, bis sie im dichtesten Fichtengeäste, wo der Kauz sie nicht fassen kann, sich bergen und die Köpfe im Gefieder verbergen.

Ein herrliches Leben ist es im Wiesenbachtale, auf dem Felde und im Busche, nur wenn der Sperber sich blicken läßt, ist es still. Schlägt er auch einmal eine Taube, es bleiben noch genug übrig, um das Tal mit lustigem Leben zu erfüllen, und die Nester sind so sorgfältig versteckt, daß die Dorfjungen sie nicht finden. Denn so frei und offen die Turteltaube auch lebt, am Neste ist sie heimlich wie ein Laubvögelchen. Im dicksten Gewirre der Fichtenzweige, im verworrensten Geflechte der Jungeichen oder dort, wo des alten Weißdornes Äste ein undurchdringliches Verhau bilden, steht es. Liederlich genug ist es freilich, denn auf andere Künste als auf die Bauchrednerei versteht sich das Täubchen nicht. Aber es genügt für die beiden weißen Eier und für die kurze Zeit, daß die Jungen im Neste hocken, denn sobald die Schwungfedern durchbrechen, flattern sie schon in den Busch.

Wenn die Taube nur einmal brütete, nähme sie es mit dem Nestbau wohl genauer. Aber kaum, daß eine Brut beflogen ist, dann wird schon wieder gebaut. So hat die Taube nicht gerade sehr viel vom Leben. Kaum ist sie am Brutorte, so sitzt sie auf den Eiern, und wenn ihr der Täuber auch beim Brüten etwas hilft, die Hauptmühe hat sie doch. Dafür unterhält er sie aber auch auf das schönste mit seinem Geschnurre, und wenn die Kleinen da sind, füttert er eifrig mit, die ersten Tage mit dem eigens zu diesem Zweck hergestellten Kropfkäse und hinterher mit im Kropfe erweichtem Futter. Und so wachsen die Jungen und blühen und gedeihen und entwickeln sich aus kleinen piepsenden Scheusälern zu hübschen Täubchen, die eng zusammengedrückt im dichtesten Laube hocken und auf den Vater und die Mutter warten, bis sie beide nicht mehr nötig haben und sich selber trippelnd und kopfnickend auf dem Felde ernähren können.

Das wird ihnen leicht. Im Felde klingen die Sensen, und die Augustsonne prallt auf die Roggenstoppel. Das aber ist der Tauben Erntefeld. Da schimmern überall die ausgefallenen Körner, und von den Raden und Tremsen, Klingelwicken und dem anderen Unkraut liegt so viel Samen umher, daß die allerdümmste Jungtaube kaum zu suchen braucht, um satt zu werden. Allerdings erwischt manche der Sperber, der Strauchritter, wenn sie allzu arglos über das freie Feld fliegt, und stumm, ohne einen Klagelaut, ergibt sie sich in ihr Schicksal. Die übrigen aber leben einen guten Tag nach dem anderen in Feld und Busch, und gefällt es ihnen hier nicht mehr, so suchen sie sich eine andere Stätte.

Wenn aber die Herbstseide über das Feld segelt und die Schwalben in langen Reihen auf den Telegraphendrähten sitzen, dann treibt es die Turteltauben zum Süden, und in Ölbaumhainen und Palmenwipfeln verleben sie die Zeit, da ihr Brutbusch im Norden kahl und öde und die Wiesen im Bachtale fahl und traurig sind.

 

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