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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
modified20151207
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Die Hohltaube

Gleichmäßiger und einförmiger wird unsere Vogelwelt mit jedem Jahrzehnte. Ackerbau und Aufforstung fressen das Ödland auf, der Wiesenbau verschlingt Moore und Sümpfe, Industrie, Verkehr und Besiedlung nehmen dem Lande die Ruhe, Verkoppelungen scheren die Feldmark kahl, Uferbegradigungen dulden keine schilferfüllten Buchten, das Nadelholz verdrängt den Laubwald.

Manchem Vogel sagt die Umgestaltung des Geländes und die stärkere Bebauung zu; Feldhuhn, Haubenlerche, Grauammer, Hausrotschwanz, Ringeltaube und anderen Arten kommt die Veränderung der Landschaft zugute; andere Vögel, wie Dorngrasmücke und Sumpfrohrsänger, wissen sich der Flur anzupassen, oder sie vertauschen gar, wie Amsel und Star, den durchforsteten, unterholzarmen, unterschlupflosen Wald mit der Ortschaft.

Andere aber, denen die Lebensbedingungen immer mehr genommen werden, denen es von Jahr zu Jahr mehr an Brutgelegenheiten gebricht, die nur noch an wenigen Stellen die Ruhe finden, deren sie bedürfen, oder denen der Jäger und die Eier- und Bälgesammler zu stark nachstellen, gehen schneller oder langsamer in ihrem Bestande zurück, und wenn nicht die staatliche Naturdenkmalpflege sich ihrer annimmt, verschwinden sie über kurz oder lang als Brutvögel aus Deutschland. Dazu gehören der Stein- und der Seeadler, der Schreiadler und der Uhu, Wanderfalke und Kolkrabe, der Kranich, der Säbelschnabel, der rotköpfige und der schwarzstirnige Würger, manche Seeschwalben, der Scharbe, der herrliche Blaurake, der zierliche Wiedehopf und die eigenartigste unserer Tauben, die Hohl- und Lochtaube.

Sie ist der Vogel des alten Waldes, der ihr Bruthöhlen bietet, denn sie baut nicht wie die Ringel- und Turteltaube offene Nester, sondern sie brütet in Baumlöchern, die ihr die neuzeitliche Forstwirtschaft, die keinen kernfaulen oder anbrüchigen Baum duldet, nicht bietet. Und außerdem will sie Ruhe haben, tiefe Waldruhe, und nur sehr schwer gewöhnt sie sich an den Verkehr und an das Treiben der Menschen. Wo das Laubdach des Waldes am dichtesten schattet, wo die Äste sich am festesten verstricken, wo das Licht nur sparsam durch das Blätternetz fällt, da ist es ihr am wohlsten, da spielt sich ihr heimliches Leben ab. Auch dort, wo sie sich dem Verkehr angepaßt hat, in vielbesuchten Wäldern, ist sie heimlicher als die übrigen Wildtauben; nähern sich ihrem Rufbaume laute Stimmen, so bricht sie ihr dumpfes Balzgeheul ab und flüchtet; niemals wird sie, wie hier und dort die Ringeltaube, ein so vertrauter Park- oder Gartenvogel werden wie diese, und selbst wenn sie im Parke brütet, so wird sie dem Menschen doch stets ausweichen. So wird sie wenig beachtet, wo sie vorkommt, und ist, trotzdem sie so groß wie die Haustaube ist, recht unbekannt. Es lohnt sich aber, sie zu beobachten, denn sie gehört zu den fesselndsten Erscheinungen unter unseren mittelgroßen Vögeln, und wer zu pirschen versteht und Geduld besitzt, dem wird es nicht schwer, sich an ihrem Gebaren zu erfreuen.

Schon im Vorfrühlinge, wenn die Weidenbüsche den goldenen Schmuck anlegen und die ersten weißen Blumen durch das Fallaub brechen, trifft die Hohltaube bei uns ein. In großen Flügen wandert sie von Holz zu Holz. Urplötzlich fällt ein Trupp in dem kahlen Walde ein, dreißig der mohnblauen, rosenbrüstigen Vögel lassen sich an dem Saume des Waldes nieder. Stumm hocken sie da, und wenn sie die Köpfe wenden und mit ihren roten Augen umherspähen, schimmern die goldgrünen, purpurn schimmernden Halszierden. Mit hellem Flügelschlage schwingt sie sich ein Stück von den Aste, steigt über die Wipfel und fliegt in den Wald hinein. Die ganze Schar klappert von dannen. Mitten im Walde, wo alte, übergehaltene Eichen stehen, fällt der Schwarm ein, daß es prasselt. Dann aber ist alles still, wohl eine Viertelstunde lang. Ab und zu überstellt sich eine Taube, eine andere schwebt zu Boden hin und trippelt dort umher, nach Sämereien, Obermast und Gewürm suchend.

Ein Täuber aber fühlt sich in der Märzsonne. Er richtet sich bolzengerade auf und ruckst. Es ist ein dumpfes, bauchrednerisches Heulen, das er von sich gibt, ein halblautes, hohles »Huuk«, im Anlaut tief und länger, im Ausklang höher und kürzer, fast wie ein Schluchzen. Drei-, vier-, fünfmal gibt er den Doppelruf von sich, dann steigert er die Geschwindigkeit, schiebt den Doppellaut in einen zusammen, verbindet die einzelnen Töne zu einem zitternden Geheule und schließt plötzlich sein Lied. Ein anderer Täuber reckt sich empor und antwortet dem ersten, doch sein Balzgeheul ist noch dumpfer, rollender. Ein dritter, der noch mehr schnurrt, kommt an die Reihe, und ein vierter schließt sich an, der wieder mehr schluchzt, und sowie einer der Täuber ausgeruckt hat, beginnt ein anderer, bis eine Wolke die Sonne verdeckt und mit einem Schlage die seltsamen Bauchredner schweigen. Eine nach der anderen von der Schar schwebt zu Boden und pickt nach Grassamen, Gehäuseschnecken und überjährigen Eicheln im Laube umher, bis das Rattern eines Holzfuhrwerkes näherkommt und mit lautem Geprassel der Flug davonstiebt.

Jeder Tag bringt neue Flüge, die auf den Feldern und Wiesen einige Stunden die Nahrungssuche betreiben und dann ein Stündchen Heulprobe im alten Bestande anhalten. Flug um Flug verschwindet wieder. Ein Paar aber bleibt. Die Schlafhöhle, die über Winter der Schwarzspecht sich in der langschäftigen Buche zimmerte, hat den Beifall des Pärchens. Tag für Tag heult der Täuber nun am auserwählten Platze und treibt die Taube. Heute noch und morgen und übermorgen muß er aufpassen, daß kein unbeweibter Täuber ihm die Genossin abspenstig macht, dann aber ist die Zugzeit vorbei, und wenn auch noch einmal ein lediger Täuber sich alle Mühe gibt, die Taube zu gewinnen, es gelingt ihm nicht, der Gatte wahrt seine Rechte.

Es ist ein Wald, der einem Hohltaubenpaare wohl gefallen kann, ein alter Hudewald, weitab gelegen vom Verkehr, so daß die Holznutzung sich nicht sehr lohnt. Deshalb konnten die Eichen so alt werden. Hunderte von ihnen stehen da, knorrige Gesellen mit wirr geschwungenem Astwerk. Manche haben dicke Knollen, an anderen wuchern breite Schwämme, viele sind hohl und morsch und von armdickem Efeu umsponnen, andere sind zopftrocken und strecken ihre Hornzapfen weit über die Kronen der alten Buchen und Fichten, die weite Bestände bilden. Die feuchte Niederung an dem Bache füllt ein Wald hochstämmiger Erlen mit eichenem Unterwuchse aus, in dem es von Schnecken wimmelt, daran schließt sich ein großer Bestand uralter, geköpfter Hainbuchen an, deren Stämme verrenkt, zerrissen, geborsten sind, und an Blößen und jungen Schonungen mit reichem Gras- und Krautwuchse fehlt es nicht. So findet sich noch ein Paar Hohltauben ein, dasselbe, das schon im vorigen Jahre in der Eiche hinter dem Forsthause baute, und ein drittes, das sich ein Astloch in einer anderen Eiche wählt, deren größere Höhle schon ein Paar Waldkäuze bewohnen. Vor den Käuzen haben die Hohltauben keine Angst und vor den Waldohreulen, die in den Fichten horsten, auch nicht und noch weniger vor den Gabelweihen, die in der höchsten Buche des Forstes ihren Horst haben, und um den Bussard, den Turmfalken und den Lerchenstößer kümmern sie sich auch nicht, desgleichen nicht um das Sperbermännchen. Ihre einzigen Feinde sind der Hühnerhabicht, der ab und zu hier Gastrollen gibt, und das Sperberweibchen. Aber sie sind sehr vorsichtig, die Tauben, äugen immer umher, wenn sie im Felde sind, und sobald irgend etwas Verdächtiges auftaucht, eilen sie jähen Fluges zu Holze. Auch suchen sie ihre Nahrung viel mehr als die beiden andern Taubenarten im Holze selber, und dort faßt sie der Habicht nicht, denn wenn er auch gewandt ist, so flink wie sie ist er doch nicht in dem Gewirre der Äste, in das sie sich vor ihm retten.

Sonst unterscheidet sich die Hohltaube in der Lebensweise von den anderen Tauben wenig. Sie ist etwas mehr Wald- und etwas weniger Feldvogel, heult öfter als die Ringeltaube, nimmt, wie diese, gern die Salzlecken an, welche die Förster für das Wild herrichten, macht zwei, unter Umständen sogar drei Bruten, für die sie jedesmal ein anderes Nestloch gebraucht, weil nach dem Ausfliegen der Jungen das alte Nest zu sehr beschmutzt ist, und lebt wie alle unsere Tauben von Sämereien aller Art, von Eicheln, den Früchten von Rot- und Weißbuche und Nadelholzsamen, frißt auch wie die Ringeltaube Gehäuse- und Ackerschnecken und sucht in ausgetrockneten Tümpeln auch solche Gehäuseschnecken, die im Wasser leben, wie sie denn auch gewisse Käfer, so den Pillenkäfer, aufnimmt. Durch Vertilgen von allerlei Unkrautsamen ist sie nützlich, wogegen der Schaden, den sie in Feld und Wald anrichtet, bei ihrer Seltenheit gänzlich belanglos ist. Wie manche anderen Höhlenbrüter, als Waldkauz und Wiedehopf, wird sie in Gegenden, die ihr sonst zusagen, wo sie aber keine Baumlöcher findet, zum Erdbrüter. In den dünigen Gegenden von Holland, Westwestfalen und Westhannover brütet sie nicht selten in Kaninchenbauen, eine Anpassungsfähigkeit, die man ihr kaum zutrauen sollte.

Seitdem infolge der Vogelschutzgesetzgebung der Schwarzspecht häufiger und verbreiteter wurde, geht es auch der Hohltaube bei uns wieder besser, da der Schwarzspecht für Bruthöhlen sorgt. Seine Nisthöhle benutzt er nie zum zweiten Male, und er zimmert sich mehrfach im Jahre Schlafhöhlen, die dann anderen Höhlenbrütern, so der Schellente, der Mandelkrähe, dem Wiedehopfe und auch der Hohltaube, zugute kommen. Es ist verschiedentlich festgestellt worden, daß in Wäldern, aus denen die Hohltaube verschwunden war, seitdem die alten hohlen Eichen und Buchen gefällt waren, die Hohltaube sich bald darauf wieder ansiedelte, als der Schwarzspecht dort seßhaft wurde, erst in einem, dann in mehreren Paaren. So scheint es, daß sie in Deutschland wieder häufiger wird, und es wäre sehr zu wünschen, wenn man sie von der Liste der jagdbaren Vögel striche und unter das Vogelschutzgesetz stellte, weil ihr Schaden gering und ihr ästhetischer Wert so groß ist. Auch wäre es erwünscht, daß die Vogelschutzvereine sich ihrer annähmen und in stillen Waldungen und großen Parkanlagen Brutgelegenheiten für sie schaffen in Gestalt genügend großer, recht hoch aufgehängter Brutkästen.

Es ist immer ein großer Gewinn für einen Stadtwald oder einen Park, wenn dieser seltsame Bauchredner sich dort ansiedelt. Sein Ruf ist so eigenartig und sein Balzflug so herrlich, daß die geringe Ausgabe für die Nistkästen sich reichlich bezahlt macht, und es ist nicht zu befürchten, daß die Hohltaube irgendwo so lästig auftritt, wie es hier und da in Städten und Anlagen die Ringeltaube schon tut, denn da jedes Paar Hohltauben zwei bis drei Nesthöhlen in jedem Jahre braucht, so ist eine starke Vermehrung dort ausgeschlossen, wo nur wenige Nistkästen zum Aushängen kommen.

 

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