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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 34
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Pfingstvogel

Anfangs hatte die Kohlmeise im Walde das große Wort und dann der Buchfink, bis daß es ihr die Singdrossel streitig machte. Als aber die Buchenknospe zersprang, als goldbraune Seidenhüllen in die Blüten von Windröschen und Lungenblumen rieselten, als Goldnessel und Sternmiere den Waldboden mit Gold und Silber bedeckten, mußte die Drossel sich mit ihrem Liede verstecken.

Es war ja kein richtiges Lied, das aus dem Wipfel der aufgrünenden alten Samenbuche verklang, es war keine kunstvoll verschnörkelte Weise, die aus dem jungen Birkengrün erschallte, keine schulgerecht gesetzte Fuge war es, die aus der schneeweißen Krone des hohen Wildkirschenbaumes ertönte, ein wilder Jauchzer war es, ein lustiger Jodler, voll und rund und zugleich schrill und grell, ein weithallendes Flöten, ein fernschallendes Pfeifen.

In den Liedern von Meise und Fink und Drossel liegt Frühlingslust und Maienjubel, aber es spukt darin auch Winterleid und Vorfrühlingsweh nach. In dem Jodelrufe des Pfingstvogels ist kein Ton, der von trüben Erinnerungen spricht; der Pirol kennt nicht Rauhfrost und Spätschnee, sein Herz weiß nichts von grauen Wochen und weißen Tagen, und darum ist sein Lied eitel Lust und Wonne, ist so voll davon, daß er nicht weiß, wie er seine Seligkeit ausdrücken soll, und seinem runden Flöten vor Übermut ein gellendes Kreischen anhängt, das in dem grünen Maienwalde klingt wie das schrille Jauchzen verliebter Dorfmädchen beim Tanzfeste.

Es ist keine heimliche Weise, kein deutsches Lied, das der gelbe Wigelwagel singt. In den Wäldern von Mittelasien ist es erdacht, in den Bambusdickungen unter dem Himalaja, wo seine Sippe groß und gewaltig ist. Hier im Norden ist er der einzige seiner Gattung, ein landfremdes Geflügel, so wenig in den deutschen Wald passend wie der Kuckuck in den Busch, wie der Wiedehopf auf die Viehweide und der Segler an die Kirche. Fremdlinge sind sie allesamt, die aus Palmenwäldern und Bambusdschungeln, aus den Steppen des Ostens und den Klippen des Südens den Flug nach Norden wagten und dort heimisch wurden, aber nur, um in den drei Sommermonaten ihre Brut aufzuziehen und alsbald mit ihr wieder dahin zu verschwinden für drei Viertel des Jahres, wo ihre Urheimat ist.

»Düdloio,« so klingt es aus der Krone des Vogelkirschenbaumes, die aus dem hellgrünen Buchenlaube hervorragt wie ein ferner Firn über die Vorberge. »Dü-dü-to-düdlio, düdlio.« Und hinterher schnarrt es: »Je-ie ie-rrrt«. Solche Laute passen dahin, wo Schmarotzerorchideen und parasitische Alpenrosen auf Riesenstämmen wuchern und Lianen von Baum zu Baum kriechen. Und da fliegt er hin, der stolze Vogel. Es sieht aus, als hätte ein Stück Sonnenlicht Vogelgestalt angenommen, so tief goldig, von nachtschwarzen Schatten gehoben, ist er gefärbt. Seine Farbe ist da erdacht, wo die Sonne heller und die Schatten dunkler sind, wo keine Dämmerung Tag und Nacht verbindet und auf die Tageshelle jäh das Dunkel folgt.

Weiß er das, der goldene Vogel? Man muß es glauben, denn sonst würde er sich nicht so scheu im lichtdurchfluteten Buchenlaube verbergen, als schäme er sich hier, wo alle Farben sanft sind, der brennenden Glut seines Gefieders. Wie er heute, wo kein Menschenlaut in die Vormittagsstille dringt, dahinschwebt, ist es, als träume der Wald einen uralten Traum aus tertiärer Zeit, da die Sonne hier heißer schien, die Bäume höher, die Blumen greller und die Falter prächtiger waren, einen halbvergessenen, goldenen Traum aus längst versunkener goldener Zeit, wo ein ewiger Frühling auf Erden herrschte.

Aber heute ist ein Frühlingstag, wie er schöner in jenen Tagen nicht sein konnte. Um die Wurzeln der Eichen und Buchen summt und brummt es aus unzähligen leuchtenden Blüten, die Luft ist erfüllt von silbernem Geflimmer, Zitronenfalter und Pfauenaugen taumeln selig dahin, betäubend klingt vieler Vögel Sang aus leichtem Laube. Da treibt es auch den goldenen Vogel heraus aus seinem smaragdenen Verstecke. Er schwebt über die Blöße hin, rüttelt über einen Zweig, hascht einen Käfer, verschwindet, jauchzt seinen Jubelgesang, taucht wieder hervor, schwebt zwischen den schimmernden Stämmen hindurch, erspäht mit den rubinroten Augen die Raupe am Birkenstamme, bleibt daran haften, vertilgt das Gewürm und flattert auf den nächsten Zweig.

Stolz sitzt er da, hochaufgerichtet und schlank. Hin und her wendet sich der goldgelbe Kopf, fährt mit dem rotbraunen Schnabel nach einem unordentlichen Brustfederchen, stochert in nachtschwarzen goldgefleckten Schwingen umher, wetzt ihn an dem Aste, schnappt eine langsam dahinziehende Lenzfliege und läßt seinen runden, vollen Pfiff ertönen. Irgendwo dahinten im Walde findet er ein Echo. Wie ein goldener Blitz stiebt der stolze Vogel ab. Zornig klingt aus dem Buchenwipfel sein Pfiff und dann aus der Wildkirsche und aus der Eiche und der Birke und dem Ahorn, und jetzt fahren zwei goldene Blitze über die Blöße, zwei gelbe Vögel sitzen sich tiefatmend in der Hainbuche gegenüber, fahren aufeinander los, fassen sich, überschlagen sich in der Luft und verschwinden in dem Dickicht.

Lange ist es still. Dann klingt aus den Fichten ein froher Laut, und weit, weit, da unten im Tale, kommt sein Echo. Wieder stieben zwei Vögel über die Blöße in die Hainbuche, aber nur einer von ihnen trägt das goldene, schwarzverbrämte Gefieder, das des anderen ist zeisiggrün und unterwärts auf weißlichem Grunde schwärzlich gestrichelt. Das Weibchen ist es, um das sich die beiden goldgekleideten Kämpen balgten, und das der alte Hahn sich errang im wütenden Kampfe mit Schnabel und Krallen. Dort am Boden die schwarze goldgefleckte Feder beweist, wie heiß der Streit war. Und wie groß die Liebe ist, zeigt der Hahn jetzt. Nicht einen Augenblick läßt er sein Liebchen aus den Augen; er folgt ihm aus der Hainbuche in den Holderstrauch, aus der Fichte in die Eiche mit unbeholfenem Fluge. Und hascht er auch einmal einen Käfer, oder schluckt er eine Raupe, unaufhörlich klingt darum doch sein Flöten und Kreischen. Sie aber, die Henne, begleitet ihn dabei, und klingt ihr Flöten auch nicht so voll, es klingt doch hell genug, und ihr jubelndes Kreischen schrillt weit durch den Wald. Bis in den Abend hinein erfüllt der seltsame Zwiegesang den heimlichen Wald.

Inmitten des Waldes liegt mit steilen Gipswänden ein tiefer Erdfall; eine Hainbuche neigt sich über ihn und spreizt ihr Gezweig darüber hin. Hier hing im vorigen Jahre das Nest der Pirole; hier wird es sich auch wieder in diesem Sommer im Winde schaukeln. Der lange, schwanke, gerade Gabelast, den ein dichtes Geriesel von laubreichen Zweigen verhüllt, zieht das Weibchen unwiderstehlich an. Dort, wo die Waldrebe ihr verworrenes Rankenwerk über den Weißdorn spinnt, schwebt die Pirolhenne heran, faßt eine Rindenfaser mit dem Schnabel und reißt sie im Fluge los. Heimlich, auf Umwegen, schlüpft sie zu dem Gabelaste der Hainbuche über dem Erdfalle, windet mit Schnabel und Klaue den Rindenstreifen darum fest, stiebt wieder fort und sucht weiter nach Baustoffen. Hier ist ein altes Grasblatt, weich und geschmeidig, das gefällt ihr, dort eine Ranke und da eine Wollflocke, die ein Schaf dem Dornbusche lassen mußte, und auch das zähe Spinngewebe ist zu gebrauchen, nicht minder die zerschlissenen Rindenfetzen der Birke und die Wolle von Distel und Wasserhanf. Stück um Stück trägt die Henne in die Hainbuche, flicht sie um den Ast, spinnt und zwirnt sie ineinander, verwirkt sie, bis sie einen festen Beutel mit dauerhaftem Saume bilden, und füttert sie mit den Spitzen von Grasblättern und Samenwolle dicht und weich aus.

Die Wiege ist fertig, die sturmfeste, regendichte. Mag der Wind brausen, daß die Blätter stieben, mag der Sturm sausen, daß die Fichten den Boden verlieren und lang hinfallen, die schneeweißen, purpurn gefleckten Eier liegen warm und sicher. Und späterhin sind die grünlichen Schreihälse, die daraus hervorschlüpfen, in der hängenden, schwankenden Wiege sicher vor Sturm und Regen und sicher vor Eichkater und Marder. Denn der Ast, an dem das Nest hängt, ist zu dünn, um mehr als das Gewicht des Nestes und seines Inhaltes zu tragen, und was dazu kommt, plumpst unfehlbar auf den Grund des Erdfalles, in dessen dunkler Tiefe die Bergunken läuten. Und hier, in der weichen, warmen Wiege, gedeihen die Jungen prächtig, denn die Eltern schleppen von früh bis spät alles heran, was ein Pirol mag, den Maikäfer und die Raupe, den Nachtfalter und die Heuschrecke, und was es sonst Leckeres im Walde gibt.

Aber darum behält der Hahn doch noch Zeit genug, zu flöten und zu krächzen, und besonders morgens und über Mittag erfüllt er den Wald mit seinen vollen Lauten und schrillen Tönen. Manchmal, wenn es um die Mittagszeit ganz still und überwindig ist, wenn selbst die Espe kein Blatt rührt, dann kommt er auf ganz eigene Gedanken. Es ist dann, als fühle er, daß er die Pflicht habe, Töne zu finden, die in den deutschen Wald besser hineinpassen als die gellenden Laute, die seine Sippe in den Tropenwäldern Asiens ersann. Wenn dann die Sonne auf den Eichenwipfeln brütet, sitzt er ganz frei und offen, wie er es sonst nie tut, hoch oben auf einem Aste, und er, der sonst so quecksilbern ist wie ein Zaunkönig und so unruhig wie ein Fliegenschnäpper, sitzt dann so still da wie ein Bussard und so regungslos wie ein Kauz. Und dann singt er. Er flötet nicht, und er kreischt auch nicht, er singt, er zwitschert, er plaudert wie eine Gartengrasmücke oder wie ein Häher, dem der Frühling in den Kopf gestiegen ist, singt weich und fließend und so dünn und fein, als wäre er nicht größer als ein Laubvögelchen, und wenn er auch in seinen Singsang und sein Geplapper einmal sein Flöten oder Krächzen mischt, er tut das nur ganz schüchtern, als habe er sich geirrt, und schwatzt dann um so leiser, bis er mit einem Male sein Talent nicht halten kann und so gellend lospfeift, daß er sich selbst erschreckt und von seiner Sonnenwarte in das grüne Blättermeer hinabtaucht.

Da ist seine Heimat, da spielt sich sein Leben ab. Ungern verläßt er das Laubdickicht und nur dann, wenn an sonnigen Morgen es ganz still und heimlich im Walde ist, oder wenn die Kirschen in den Baumgärten reifen. Still, wie der Dieb, kommt der scheue Vogel dann angestrichen, sich in Deckung haltend, daß ihn sein goldenes Gefieder nicht verrät. Die süßesten, reifesten Kirschen sucht er sich aus und pflückt das Fleisch von ihnen, daß Kern und Stiel am Zweige bleibt. So behutsam geht er dabei zu Werke, daß Tag für Tag oft ein halbes Dutzend Pirole einen Garten plündern, ehe der Besitzer nur einen zu sehen bekommt. Aber wenn die Kirschenernte vorbei ist, bleibt er wieder in seinem Walde oder Parke und lehrt seine Brut dort die Jagd auf Nachtfalter und Raupen, Käfer und Heuschrecken und die Suche auf alle Beeren, die der Wald birgt.

So lebt die Goldamsel herrlich und in Freuden den Sommer über im deutschen Walde. Naht aber der August heran, dann gefällt es ihr nicht mehr bei uns, und es treibt sie von Wald zu Wald, bis dorthin, wo die Weintraube reift und die Feige in der Sonne schmort, und weiterhin über das Meer in die Korkeichenwälder Marokkos und in die Dattelhaine am Rande der großen Wüste, über die dann schon der schrille Schrei der Mauersegler aus Deutschland klingt, die ihr vorausreisen, und noch weiter in die Masaisteppe bis in die Urwälder von Innerafrika.

Neun Monate treibt er sich dort umher, doch im April reist er zurück in seinen Wald im fernen Deutschland, und die Märzdrossel, die bis dahin das große Wort hatte, muß sich vor ihm verstecken.

 

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