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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 32
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Erdspechte

Zwischen der Jungenmannschaft der beiden Dörfer Ohlingen und Buchholz hat es beim Tanze Schläge gesetzt, und zwar eines Vogels wegen.

Ohlingen ist ein altes Ackerdorf und liegt in fruchtbarer Feldmark im Tale; seine Bauern haben Geld, und in ihren Ställen stehen glatte Pferde. Buchholz liegt vor den königlichen Forsten an dem mageren Hange; seine Einwohner sind teils Waldarbeiter, teils Bergleute, die wohl ein Stückchen Garten- und Ackerland haben, auch Schweine und Ziegen besitzen, und einige sogar eine Kuh; doch ein Pferd gibt es in ganz Buchholz nicht.

Nun kommt in dieser Gegend der Grünspecht häufig vor, und weil sein Ruf sich fast so anhört wie Herdegewieher, so nennen ihn die Ohlinger Bauern aus Spott den Buchholzer Hengst, und deswegen ist es schon mehr als einmal zwischen den Jungkerlen der beiden Dörfer zu Schlägereien gekommen, so auch letzten Sonntag; denn als in der Tanzpause im Grasgarten hinter dem Kruge der Grünspecht an zu lachen fing, schrie ein Bauernsohn aus Ohlingen den Buchholzern zu: »Es wird Zeit für Euch; euer Hengst will nach dem Stall!« Da war es denn losgegangen, und heute hat mehr als ein junger Mann von hüben und drüben ein paar bunte Beulen im Gesicht.

Der Vogel aber, der daran schuld hat, tut gerade so, als wüßte er das und wollte sich nun darüber totlachen. Bald ist er an dem Hudekampe über dem Dorfe zu Gange, bald in den Kopfweiden, die den Bach auf der Reise nach dem Flusse begleiten, jetzt an den hohen Schwarzpappeln an der Landstraße, und nun an dem Waldrande, vor dem das Arbeiterdorf liegt. Bald hier, bald da schimmert sein smaragdgrüner Rücken, leuchtet sein feuerroter Scheitel, und alle anderen Vogelstimmen übertönt sein gellendes Gelächter, bis ihm vom Walde her ein etwas helleres Lachen entgegenschallt und er dahinstreicht, das Weibchen zu haschen.

Der junge Waldarbeiter, der die Eichendickung durchforstete, schnitt ein schiefes Gesicht, als auf dem Kahlschlage vor ihm das Grünspechtweibchen kicherte, denn ihm war so, als wollte es ihn auslachen, weil er unterhalb der blonden Stirnlocke ein dickes, blau und rot gefärbtes Andenken von Tage vorher behalten hatte. Aber als der Hahn herangestoben kam, schimmernd und leuchtend in seiner Pracht, und mit wahnsinnigem Gelache die Henne von Stamm zu Stamm trieb, und schließlich gar noch ein zweites Männchen heranschnurrte und sich mit dem andern um das Weibchen stritt, da vergaß der junge Mensch seine Beule und seinen Ärger und sah mit lachenden Augen und offenem Munde dem Liebesspiel der drei Vögel zu, und er träumte noch eine Weile hinter ihnen her, als sie längs des Fahrweges verschwanden.

In der Unterstunde aber, als er gegessen hatte und im sonnenbeschienenen Moose, gegen eine Eiche gelehnt, sich lang machte, lacht es wieder auf dem Kahlschlage, klingt aber nicht so grell und rauh, sondern sanfter und schneidiger, und dann beginnt es zu trommeln. Der junge Mann dreht den Kopf und sieht nach der Krone des Eichenüberhälters, an dessen höchsten Hornzacken ein grüner Specht hängt, dessen Scheitel aber nicht soviel Rot zeigt wie die der beiden Spechtmännchen, die vorhin hier herumtobten. Daß es aber ein anderer Vogel ist, der dort oben hängt und trommelt, daß es weithin schallt, das kommt dem Arbeiter nicht in den Sinn, obschon er Tag für Tag im Holze ist und alles Geflügel, das dort lebt und webt, zu kennen meint. Wohl hat er es herausgemerkt, daß die grünen Spechte bald grell und rauh, bald sanft und schmeidig rufen, daß die einen mehr, die andern weniger Rot aufweisen, und daß einige davon trommeln, die anderen nicht, aber daß es zwei verschiedene Arten sind, daß es einen Grün- und einen Grauspecht gibt, das weiß der ebensowenig wie die anderen Holzbauern, und sogar der Förster und der Oberförster haben davon keine Ahnung, zumal die einen wie die andern ganz dasselbe Leben führen.

Vor dem Fahrwege zieht sich ein trockener Graben mit hohen Böschungen hin, in dem sich hier und da ein mehr als faustgroßes, armlanges Loch befindet. Mehr als einmal hat der Arbeiter, als er noch Junge war, darüber nachgedacht, welches Getier diese Stollen wohl in die Grabenwand getrieben habe, ob eine Erdratte oder ein Wiesel oder am Ende gar ein Iltis, bis ihm dann einmal, als er eine Rute hineinführte, ein größerer Vogel so heftig in die Augen flog, daß er vor Schreck auf dem Rücken fiel und gar nicht dazu kam, zu sehen, was das für ein Vogel war. Jetzt, da er an der Eiche lehnt und langsam seine Pfeife raucht, sieht er einen grünen Specht heranschnurren, der sich an der Grabenwand niederläßt, scheu um sich blickt und dann zu hacken beginnt, daß der Löß nur so stiebt. Alle Augenblicke hält der Specht inne und sieht hinter sich, und dann hackt er weiter, bis er immer mehr in der Erde verschwindet und zuletzt nichts von ihm zu sehen ist, doch ab und zu schaut er wieder heraus, um zuzusehen, ob sich keine Gefahr nahe, verschwindet, taucht wieder auf, und so treibt er es eine ganze Weile, bis er sich davonmacht und sich im Walde verliert, um die Erdarbeit mit dem Zimmermannshandwerke zu vertauschen und in eine alte Zitterpappel eine Nesthöhle zu hacken.

An dem Jagengraben hat er Rasenameisen gesucht, die dort in der warmen Lage ihre unterirdischen Nester haben. Der Specht weiß es ganz genau, wo er einzuschlagen hat, um gerade die Stelle zu treffen, wo die Ameisen ihre Larven und Puppen verwahren. Um das Gekrabbel und Gebeiße der erbosten Tiere kümmert er sich wenig. In je helleren Haufen sie ihm entgegenströmen, um so lieber ist es ihm, und wenn es vor ihm so recht munter wimmelt und krimmelt, dann schnellt er seine lange, klebrige Zunge zwischen sie, auf die sich die wütenden Ameisen sofort stürzen, um sie mit ihren Zangen zu packen, und sobald das geschehen ist, zieht er die Zunge zurück und schluckt die Krabbeltiere, die daran haften, hinunter. Aber er lebt nicht von Ameisen allein; er sucht auch an der Rinde der Bäume nach allerlei Geziefer, meißelt auch nach Larven an morschen Bäumen herum und macht sich bei den Landleuten dadurch unbeliebt, daß er auf der Suche nach allerlei Gewürm Löcher in die alten Strohdächer stemmt.

Das tut er aber nur wintertags und nicht, wie jetzt, zur schönen Frühlingszeit, wo jeder Stamm, jeder Stumpf und jeder sonnige Grabenrand Nahrung im Hülle und Fülle bietet. Mit Vorliebe treibt er sich auf der Trift vor dem Walde umher, wo die Ameisen unter den Grasblüten hohe Hügel aufgeworfen haben. Dort hüpfen, was sonst gar nicht die Art der Spechte ist, die Grün- und die Grauspechte auf der Erde herum, plündern die Ameisenhaufen und spießen mit ihren spitzen Zungen das auf, was ihnen nebenbei an Käfern, Raupen und anderen Kerbtieren in den Wurf kommt, sehen sich dabei aber beständig um, daß der Habicht oder der Sperber sie nicht überrasche, und sobald sich ein Mensch zeigt, fliehen sie mit gellendem Warngelächter dem Walde zu, um dort ihre nützliche Tätigkeit fortzusetzen und Vorsorge zu treffen, daß die Borkenkäfer und anderen Forstverderber sich nicht allzusehr vermehren, oder eine alte Nisthöhle wieder instand zu setzen, oder, ist keine mehr vorhanden, eine neue zu meißeln.

Sehr gerne tun sie das nicht, und es fällt ihnen durchaus nicht ein, wie es die fleißigen Schwarzspechte und der Buntspecht tun, sich eigens Schlaflöcher zu meißeln. Darum wählen sie zur Anlage ihrer Nisthöhlen am liebsten Weichhölzer oder, mangelt es daran, kernfaule Harthölzer. Ihre Jungen verwöhnen sie nicht sehr; einige wenige Holzspäne und etwas Mulm ist die ganze Unterlage für die sechs bis acht spiegelblanken weißen Eier und die dickköpfigen, ungestalten Jungen, die den ganzen Tag ein heiseres Geschwirre und Geklirre ertönen lassen, denn sie haben einen kurzen Darm und eine schlechte Verdauung. Und so müssen die alten Spechte in einem fort hin und her fliegen, um die Schreihälse sattzumachen, und unzählige Räupchen, Puppen, Käfer und Larven sind nötig, ehe die struppigen Gesellen voll befiedert sind und es vermögen, hinter den Alten herzurutschen und zu lernen, auf welche Weise ein Specht sich durch das Leben schlägt.

Sommertags ist das nicht schwer. Aber zur winterlichen Zeit, wenn es nirgendswo von kleinem Getier krabbelt und die Larven sich tief in die Stammritzen und unter Moos und Laub verborgen haben, dann ist es für einen Specht schon schwieriger, so satt zu werden, daß ihn der Nachtfrost nicht umbringt, besonders, wenn es lange geregnet und dann gefroren hat, so daß die mulmigen Baumstümpfe hart wie lebendiges Holz sind, oder wenn Hartschnee den Boden bedeckt, so daß der Specht nicht an die Ameisenhaufen gelangen kann. Dann muß der mit den Samen der Fichten und Kiefern fürliebnehmen, die er aus den Zapfen heraushämmert, und er ist sehr froh, findet er eine Wildfütterung, die mit Eicheln, Buchnüssen und Welschkorn beschickt ist, mit denen er sich über die mageren Tage hinweghilft.

Dann hört man ihn nur selten lachen. Stumm treibt er sich in den Auen umher, wo er die Kopfweiden klopft, auch wohl in dem Ufergebüsch nach Schlehen, Hagebutten und Mehlfäßchen sucht und zur Not sogar Schneeballbeeren frißt. Sobald aber der Frühling den Boden auftaut, dann lacht er wieder, was er kann, und die Ohlinger grinsen und sagen: »Der Buchholzer Hengst wiehert!«

 

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