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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Schwarzspecht

Gestern noch starrte das Bruch von blankem Golde; heute ist es über und über versilbert. Gestern loderten die Postbüsche, flammten die abgefrorenen Wiesen, und selbst der Eichenbusch um das Forsthaus suchte mit den goldenen Birken zu wetteifern; heute aber gab der Rauhreif dem Lande ein anderes Gesicht.

Der alte Hegemeister, der, vor der Tür stehend, seine Pfeife raucht, dieweil sein roter Hund ihn fragend anäugt, sieht frohgelaunt über das Land, in dem alles, vom bescheidenen Halme bis zur stolzen Fichte, versilbert ist, so dick hängt der Rauhfrost in den Zweigen.

Ein Tag ist es, wie er selten das Bruch besucht. Lustig quarren die Krähen unter dem hohen Himmel, Kreuzschnäbelflüge ziehen dahin, fröhlich lockend; in den Kiefern lärmen die Häher, die Elster lacht in der Pappel und der Hahn kräht auf dem Miste, so laut er eben kann. »Ein Prachttag ist es, ein Haupttag«, denkt der Weißbart.

Er geht in das Haus, von dem Schweißhunde gefolgt, und kommt nach einer Weile wieder heraus, den Drilling über der Schulter. Froh schwänzelt Sellmann, denn er weiß, es geht in das Revier, und vielleicht gibt es Arbeit für ihn. Aber der Förster denkt nicht daran, daß noch zwei Stück Wildbret und ein geringer Hirsch auf der Abschußliste stehen; er will den letzten Sonnentag mitnehmen, denn morgen regnet es, das weiß er. Rauhreif bringt Wetterumschlag.

Langsam bummelt er dem hohen Kiefernbestande zu. Seine langen Stiefel und die Manchesterhosen sind bald silbern überpudert. Dem Alten lacht das Herz im Leibe, wie er über das große Windbruch sieht. Silber, alles von Silber, jede Schmiele, jeder Brombeerbusch und alle Birken, die gestern noch goldene Blätter schwenkten. Aber morgen regnet es, wenn es nicht schneit, sonst würden die Goldfinken nicht so viel locken, und sonst meldete sich der Schwarzspecht nicht so oft.

Wie eine gläserne Zauberglocke klingt es aus dem Altholze, »Kliäh, kliäh«, und noch einmal »Kliäh«. Ganz unirdisch, ganz märchenhaft hört sich das an, wie ein Laut aus einer anderen Welt. Und hinterher geht es »Trrr, trrr, trrr«, und das ist des Rotkopfes Regenruf. Wenn der Schwarzspecht seinen klirrenden Ruf häufig erschallen läßt, dreht sich die Witterung.

Auf der Blöße treten zwei Rehe hin und her, und ein drittes taucht hinter den silbernen Brombeerbüschen auf. Der Hund hebt die Nase, und der Hegemeister nimmt aus Gewohnheit Deckung. Da schnurrt es hart und laut über die Lichtung hin, daß die drei Rehe einen Augenblick die Häupter heben, ein großer schwarzer Vogel kommt im Bogenfluge dahergestoben und bleibt an einem mächtigen Fichtenstumpfe kleben. Vorsichtig hebt der Förster das Glas und richtet es auf den Specht. Ist das nicht ein Prachtvogel? Wie der Schnabel blitzt, wie sich von dem nachtschwarzen Gefieder die feuerrote Kopfplatte abhebt! Eine wahre Herzensfreude ist es, das zu sehen.

Einige Male hat der schwarze Vogel hin- und hergeäugt; jetzt geht er an die Arbeit. Ein Schlag, und ein handbreites Stück Rinde fliegt dahin. Noch ein Hieb, und wieder poltert ein Borkenfetzen herunter. Jetzt rutscht der Specht zur Seite. Bei jedem Hieb leuchtet der hellrotbraune Splint des Stumpfes, von der Rinde befreit, auf, und jedesmal blitzt es aus dem Schnabel des Vogels hervor und blitzt zurück. Das ist die lange, nadelscharfe, mit Widerhaken bewehrte Zunge, die eine Larve, einen Käfer, eine Spinne aufspießte und in den Schnabel hineinzog.

»Kliäh, kliäh«, ruft der feuerköpfige Waldzimmermeister nun und schwingt sich plötzlich ab, und wie ein Höllengelächter klingt, allmählich verhallend, sein Regenruf aus dem Unterholze. Der Förster geht weiter; seine Lehrjahre fallen ihm ein. Wie die Zeiten sich ändern! Damals gab es Schußgeld für jeden Schwarzspechtkopf, »denn er ringelt die Bäume und bringt sie zum Absterben«, sagte des Forstlehrlings Lehrprinzipal. Aber der Junge hatte nie den Drückefinger auf den Rotkopf krummgemacht, er hatte Augen, die sich an allem Schönen freuten, was im Walde und auf der Heide leibte und lebte, und eine heilige Scheu hielt ihn ab, auf den stolzen Vogel Dampf zu machen. Denn zu Hause hatte er zwischen seinen Schulbüchern ein Märchenbuch stehen gehabt, in dem ein Bild zu sehen war, auf dem ein Mann einen knallroten Mantel, den er sich von Meister Hans, dem Nachrichter, entlehnt hatte, gegen den Baum schwingt, an dem der Schwarzspecht hängt, die Springwurzel im Schnabel. Der Mann mit dem Henkersmantel in den Händen hatte dem Spechte das Nistloch zugekeilt, und nun war der kluge Vogel, der heimliche Künste weiß, in das Land Nirgendwo geflogen und hatte die Zauberwurzel geholt, um damit den Holzpflock aus dem Brutloche herauszuziehen. Und als der Mann den roten Mantel gegen ihn schwang, erschreckte sich der Specht, denn er meinte, es sei eine Feuerflamme; er ließ die Wurzel fallen, und der Mann hob sie auf und fand verborgene Schätze damit.

»Ein Märchen, aber ein wunderschönes Märchen«, denkt der Förster. Zehn Jahre war er alt, als er es las, und jetzt ist er dicht an die sechzig, aber das alte schöne Märchen von der Springwurzel hat er niemals wieder vergessen. Und nie hat er einen Schwarzspecht geschossen. Ein Naturforscher bat ihn einst, ihm einen zu besorgen, denn er wollte feststellen, ob die Pupille des Vogels, wie es hieß, nicht rund, sondern geschweift sei. Er hatte aber kein Glück mit seiner Bitte; der Förster schlug ihm die Erfüllung glatt ab. »Einen Schwarzspecht schießen? Gott soll mich bewahren; und wenn auf jedem Baume einer säße!« hatte er gesagt und hinzugefügt: »Es ist schon langweilig genug auf der Welt geworden.«

Er nickt vor sich hin; jawohl, es ist langweilig geworden, sogar hier im wilden Bruche. Als er hier die Stelle bekam, horstete der Schreiadler noch dort und der Schlangenadler und sogar der Uhu; Wanderfalken gab es und Gabelweihen, Kolkraben und Blauracken, Kraniche und Rohrdommeln, und überall läutete in der Frühe der Wiedehopf. Mit der Aufhebung der Waldhude verschwanden die Blauracken und Wiedehopfe, mit dem Aufkommen der Vorderladerwaffen, dem Landstraßenbau und der Bruchentwässerung blieben die edlen Räuber und die stolzen Recken fort; ein einziges Kolkrabenpaar ist noch auf Meilen in der Runde zu finden, und nur noch ein Paar Waldstörche horsten in dem Forste. »Es ist langweilig geworden auf der Welt, und es wird immer langweiliger«, denkt der alten Mann.

Die Krähen und die Häher haben sich vermehrt, seitdem Habicht und Falke selten wurden, und die Ringeltauben und Turteln desgleichen. Die heimliche Lochtaube aber verschwand, als die alten Eichenbestände fielen und erst neuerdings haben sich wieder einige Paare eingefunden. Das kommt daher, weil der Schwarzspecht sich vermehrt hat, seitdem das Vogelschutzgesetz da ist, denn er, der alle Jahre eine neue Bruthöhle braucht und sich auch hier und da ein Schlafloch zimmert, sorgt dafür, daß die Hohltauben wieder Nistgelegenheiten finden. Und er sorgt auch dafür, daß es im Bruchwalde wieder etwas lustiger hergeht, und hallt des Falken Ruf und des Schreiadlers Stimme hier nicht mehr, wenn der Schwarzspecht die Zauberglocke tönen und sein Höllengelächter schallen läßt, dann klingt das wieder nach alten guten Zeiten.

Den ganzen Tag läutet und lacht der Specht heute, denn der Wetterumschlag sitzt ihm im Geblüte. Unstet treibt er sich von Wald zu Wald umher, schält hier eine tote Kiefernstange und spießt all das Ungeziefer, das im Splinte sitzt, entrindet da den Stamm einer alten Fichte, die er Blitz totschlug, und in der es von feinsten Borkenkäferlarven wimmelt, hackt weiterhin den Stumpf einer Birke auseinander, daß die Fetzen nur so umherfliegen, und begibt sich dann zu einer hohen Fichte, die im Inneren krank geworden ist. Dort hat er anfangs nach Käferlarven gehämmert, aber da er schon satt war, hackte er zum Vergnügen ein tiefes, kreisrundes Loch in den Stamm, und das will er sich jetzt zu einer Schlafhöhle vertiefen. Fleißig arbeitet er, alle Augenblicke den Leib aus dem Loche ziehend und umherspähend, ob nicht irgendeine Gefahr droht; dumpf schallen die kurzen Schläge durch den Wald, und die rostrote Nagelspreu am Boden ist bunt gemustert von den Absplissen, die der Schnabel des Spechtes loshieb.

Mittlerweile hat er aber wieder Hunger bekommen. Laut lacht er auf und fliegt den morschen Stumpf einer Birke an. Eisenhart ist die dicke Borke, aber stahlhart ist der Schnabel des Spechtes; handgroße Rindenfetzen spellt er los und darauf lange, breite Holzstücke, und die feisten Schnackenlarven, die sich im Mulm und Moder ganz sicher fühlten, werden eine um die andere angespießt und verschlungen. Dann aber lockt ihn der Eichenüberhälter auf der Rodung. Kerngesund sieht der Stamm aus, doch der Specht weiß, daß dort genug zu holen ist. In jeder einzigen Runzel der Rinde sitzt eine Larve der schmalen, goldgrünen Prachtkäfer. Hieb auf Hieb führt der schwarze Vogel gegen die Rinde, hageldicht fallen sie, aber so geschickt, so genau berechnet, daß auch nicht mehr Rinde angemeißelt wird, als nötig ist, um die Larven freizulegen. Eine volle Stunde arbeitet der Specht, und feuerrot leuchtet jetzt der vor kurzem noch stumpfgraue Stamm in der Sonne.

Bald hier, bald da klingt das Läuten und Lachen des Spechtes, jetzt im Birkenbusche, dann im Kiefernaltholze, nun im Stangenorte und schließlich in den Fichten. Längst hat die Sonne den Kronen den silbernen Schmuck genommen und der Heide wieder ihr braunes Kleid gegeben, schon ziehen grauliche Wolken über das Moor, und ein hohler Wind seufzt und stöhnt im Bruche, und noch immer ruht der Specht nicht. Soeben schallt sein hartes Pochen da, wo seit dem Nonnenfraße die untergebauten Fichten, von grauen Flechten bedeckt, kreuz und quer übereineinanderliegen, dann tönt sein Klopfen von dem großen Windbruche her, bis er mit gellenden Gekicher quer über die Heide der Kiefernwohld auf den Sandbergen zustreicht, um den Borkenkäfern und Rüßlerlarven nachzustellen. Endlich, als die Krähen ihren Schlafplätzen zugerudert und die Goldhähnchen schon tief in den Fichten wispern, strebt er einer hohen, glattschäftigen Kiefer mitten im alten Bestände zu und verschwindet in der kreisrunden Öffnung, die schwarz in dem roten Stamme gähnt.

So treibt er es einen Tag um den anderen, ganz gleich, ob die Sonne scheint oder der Schnee stiebt, ob Plattfrost das Land hart macht oder Regenschauer es erweichen; ihm ist jedes Wetter recht, er findet immer Fraß genug, er braucht nicht zu hungern wie die Meisen, wenn der Rauhreif alle Zweige umspinnt, und wie die Drossel, wenn Hartschnee den Boden bedeckt; für ihn ist der Tisch allzeit gedeckt, denn überall gibt es morsche Stümpfe, kranke Stangen und faule Bäume, in denen Larven, Puppen und Käfer überwintern, hinter abstehender Rinde und in den Holzritzen sitzen Eulen und Fliegen verborgen, die dort auf den Frühling warten, und überall kriechen die Weibchen der Frostspanner an den Laubhölzern umher. Ob die Prachtkäferlarve dicht unter der Rindenoberfläche sitzt, ob nur eine dünne Borkenschicht den Borkenkäfer schützt, oder ob die Larve der Holzwespe des Weidenbohrers und Bockkäfers tief im Stamme verborgen ist, der Specht findet die eine wie die andere; ein Vergnügen ist es ihm, halbfußtiefe Löcher in die befallenen Stämme zu meißeln, und hier und da im Bruche finden sich anbrüchige Bäume, die von oben bis unten so durchlöchert sind, daß sie wie Orgelpfeifen aussehen.

Auf die Dauer aber wird es dem Specht im Bruche langweilig. Unrast plagt ihn und hetzt ihn hin und her. Alle Heidwälder besucht er, ist heute oben auf der Geest, morgen im Moore, er wandert nordwärts und kommt in die Marschen, wo sich sonst niemals ein Schwarzspecht blicken läßt, treibt sich im Hügellande umher und setzt durch die Spuren seiner Tätigkeit die Förster in Erstaunen, denn in wenigen Tagen entrindet er ein halbes Hundert Fichtenstangen, die von den Borkenkäfern getötet sind. Vom Hügellande wandert er in die Berge, und von da gelangt er in das Gebirge, bis es ihn wieder in das Flachland treibt und er dort unstet hin- und herwandert, überall Tod und Verderben allem Getier bringend, das unter der Rinde und im morschen Holze lebt, und also dafür sorgend, daß sich die Waldverderber und Baumschädlinge nicht allzusehr vermehren. Und da er sich überall dort, wo er sich einige Zeit aufhält, Schlafhöhlen zimmert, so sorgt er dafür, daß allerlei Vögel, denen es in den durchforsteten Wäldern an Nistlöchern fehlt, im Frühjahre solche vorfinden, die Hohltaube und der Wiedehopf, die Schellente und der Rauhfußkauz, die Blauracke und der Star, und auch die Waldfledermäuse sind ihm zu Dank verpflichtet, da er ihnen ebenfalls Wohnstätten bereitet.

Um die Mitte des Hornungs wird er das Umherreisen leid, und am ersten Märzen langt er wieder in seinem Bruchwalde an. Der hat inzwischen ein anderes Aussehen bekommen. In den feuchten Gründen zwischen den Fichten liegen noch einzelne Schneeflecke, und das Bruch steht im hohen Wasser, aber an allen sonnigen Tagen leuchten die blühenden Haselbüsche, die Erlen haben sich mit rotbraunen Kätzchen behängt, die Weidenbüsche sind übersät mit silbernen Perlen, und die Espen sind beladen mit dicken Blütenknospen. Schon kreist, rauh rufend, über dem Forste das Kolkrabenpaar im stolzen Balzfluge, die Erlkönigsmeise zwitschert im Weidendickicht ihr Liebeslied, die Goldhähnchen singen in den Wipfeln der Fichten, in denen die Kreuzschnäbel ihre halbflügge Brut füttern, die ersten Kiebitze rufen auf den Weidekämpen, in den Eichen beim Forsthause pfeifen die Stare, und am windstillen Morgen balzt im Moore der Birkhahn.

Da besinnt sich der Schwarzspecht auf sein Frühlingslied. Bald hier, bald dort im Walde klingt seine Glocke, und hinterher lacht er laut, aber es ist nicht immer der klirrende Regenruf, ein gellendes »Quickquickquickquick« ist es, das weithin schallt. Aber taub bleibt sein sehnsüchtiges Rufen, und da fällt ihm ein, daß es noch etwas Besseres gibt, um ein Weibchen heranzulocken. Er fliegt die hohe Eiche an, deren Stamm er im Vorwinter auf der Suche nach Prachtkäferlarven von oben bis unten kupferrot färbte, indem er alle Rindenrunzeln abmeißelte, fällt an einem steil aufragenden Hornzacken ein und läßt seinen stahlharten Schnabel mit so schnellen Schlägen gegen den Ast fallen, daß ein hartes, lautes Getrommel entsteht, das eine halbe Stunde weit durch das Bruch dröhnt.

Voller Freuden hört der Hegemeister, der mit seinem roten Hunde hinter sich durch das Holz geht, wie der Specht seinen Wirbel schlägt. Vorsichtig pirscht er sich so nahe heran, daß er Blick auf ihn hat. Da hängt der stolze Vogel oben in der Eiche und bewegt beim Trommeln den Kopf so rasend schnell hin und her, daß der feuerrote Scheitelfleck in der Sonne wie eine hellichte Flamme leuchtet. Der Förster nimmt den Specht in das Pirschglas, und da sieht er zu seiner Verwunderung, daß in der Naturgeschichte, die er zu Hause in seinem Bücherschranke stehen hat, etwas ganz Falsches über das Trommeln der Spechte steht, denn da heißt es, daß der Specht durch sein Anschlagen einen Ast in zitternde Bewegungen versetze, und daß auf diese Weise das Trommeln entstehe. Jetzt aber sieht er deutlich, daß das nicht der Fall ist; der schenkeldicke, harte Ast rührt sich auch nicht ein bißchen unter den hageldichten Hieben des Spechtes, und die schnell aufeinanderfolgenden Schnabelschläge allein bringen das laute Trommeln hervor, aber nicht der Ast. »Ja, die Bücher,« denkt der Förster »wer sich auf die verläßt, der ist oft betrogen!« Und dann murmelt er vor sich hin: »Man lernt doch nie aus, und wenn man so alt wird wie ein Haus.«

Von Tag zu Tag wird es jetzt lauter und lustiger und bunter im Walde. Überall am Boden recken sich grüne Spitzen, das Geißblatt und die Traubenkirsche begrünen sich, die Weidenbüsche wechseln ihr Silber in Gold um, in den nassen Wiesen erheben sich die fetten Blätter der Dotterblumen, die Postbüsche werden von einem zum anderen Mittag roter, die Wiesen färben sich immer grüner, die Wipfel der Fichten und die Kronen der Kiefern färben sich saftiger, an den Wegrainen leuchten die Huflattichblüten auf, und stellenweise zwingt sich über dem Fallaube am Boden schon ein weißer Blumenstern.

Tag für Tag schlägt der Schwarzspecht nun seine Werbetrommel, bis er endlich ein Weibchen gefunden hat. Und dann gibt es eine wilde Liebesjagd im Bruchwalde, denn das Weibchen ist spröde. Sobald das Männchen mit klingendem »Kliäh« und gellendem Gekicher auf sie losstürzt, macht die Henne eine Wendung um den Stamm, läßt sich fallen und schwenkt zwischen den Stämmen der Bäume hin, und hinterher fährt, schrill rufend, das Männchen. Wie zwei Feuerflammen leuchten die roten Kopfflecke auf, glühen jetzt oben in der Eiche knorrigem Astwerke, brennen nun am Grunde der Kiefernstämme, glimmen zwischen den silbernen Birken und funkeln im sonnenbeschienenen Fichtenwalde auf, bis endlich in der Krone der alten, breithäuptigen Schirmkiefer das Männchen das Weibchen erhascht und sich unter wildem Flügelgeflatter und schrillem Wonnegeschrei den süßen Lohn nimmt. Eine ganze Woche lang freut sich das stolze Paar seiner Liebe, erfüllt den Bruchwald mit dröhnendem Getrommel und jauchzendem Gelächter, alle die vielen kleinen und großen Stimmen übertönend, die von den Wipfeln und aus dem Dickichte erklingen.

Dann heißt es, eine Wiege zimmern für die Nachkommenschaft. Dutzende von Höhlen hat der Specht in den letzten Jahren im Walde gebaut, aber es fällt ihm nicht ein, eine davon anders als für die Nachtruhe zu benutzen. Funkelnagelneu muß die Höhle sein, in der die jungen Spechte aufwachsen sollen. Eine hohe, dicke, glattschäftige, bis zur Krone astfreie Buche hinter dem Forsthause sucht das Paar sich aus, unzugänglich für Mensch wie für Marder, und dreißig Fuß über dem Erdboden meißeln sie den Stamm an, daß auf zehn Fuß im Umkreise das rote Laub besät ist mit den fingerlangen weißen Spänen, auf die später, als das Loch im Rohbau fertig ist und sauber und glatt nachgearbeitet wird, um schließlich in einem eirunden Kessel zu endigen, immer kleinere und kleinere Späne folgen, bis zuletzt nur noch ganz winzige Spänchen zu Boden wirbeln und die Höhle fertig ist.

Immer seltener läßt sich nun das Weibchen sehen, bis es schließlich fest auf den vier schneeweißen, glänzenden Eiern sitzt. Jetzt hat das Männchen doppelte Arbeit, denn es muß das Weibchen, solange dieses brütet, füttern. Alle Stunden kommt es herangeschnurrt, den Kropf voller Larven und Maden und Puppen und Käfern und Ameisen. Denn Ameisen, das ist ein leckeres Futter für ihn. Wenn die Sonne auf die hohen, rotbraunen Haufen scheint und sie über und über von den flinken Tieren wimmeln und krimmeln, dann fliegt der Specht zu Boden, hüpft heran und besieht sich die Sache erst mit lüsternen Augen. Und dann fährt wie ein Pfeil die lange, klebrige Zunge dahin, wo es schwarz von Ameisen ist, leimt ein oder zwei Dutzend fest, zieht sich zurück, kommt wieder hervorgeschossen und schnellt so lange hin und her, bis der Kropf dick gefüllt ist und einen förmlichen Beutel an dem langen dünnen Halse bildet.

Wie wahnsinnig stürzen die Ameisen dahin, wo der Rotkopf sitzt. Sie hängen sich an seinen langen Zehen fest, sie spritzen ihre Säure ihm entgegen, daß Tausende von winzigen Springbrunnen auf einmal in der Sonne aufblitzen; aber ihn stört das Kneifen nicht, ihn bekümmert der scharfe Säuregeruch nicht, er füllt seinen Kropf mit dem bissigen Krabbelvolke und füttert sein Weibchen damit. Ganz glücklich ist er, wenn er die Ameisen dabei erwischt, wenn sie ihre Puppen sonnen; das ist für ihn ein Festessen, und er kehrt so lange wieder, bis die Ameisen die Puppen, die er übrigließ, in die tiefste Tiefe des Baues geflüchtet haben, und womöglich hackt er dann so lange an dem Haufen herum, bis er ein fußlanges Loch hineingearbeitet und die Puppenlager wieder aufgefunden hat, und ohne sich an das Beißen und Spritzen der erbosten Tiere zu stören, schlieft er in das Loch hinein, stopft sich voll mit Ameisen und Puppen, erscheint ab und zu wieder vor dem Bau, um zu sehen, ob keine Gefahr droht, und fliegt endlich zum Nistbaume, um der Spechtin, der fleißig brütenden, den Hunger zu vertreiben.

Sind dann die Jungen erst da, dann hat das Spechtpaar nicht einen Augenblick am Tage frei. Dann zimmert es zum Vergnügen keine Schlafhöhlen mehr, es muß jede Stunde ausnutzen, um sich und die vier Gierhälse zu ernähren. Denn es ist unglaublich, was die fressen können. Der Bruchwald ist reich an allerlei Holzgetier, und dennoch müssen die beiden alten Spechte sich fleißig dranhalten, um die Jungen satt zu bekommen, denn harte Käfer und dicke Falter werden von ihnen verschmäht, nur weiche Maden und winzige Käferchen munden den Jungen, und davon gehen hundert auf eine Schnabel voll, und tausend braucht ein Spechtmagen, ehe er halbwegs gesättigt ist, denn heißhungrig ist das junge Volk und rasch seine Verdauung. Es braucht viel Stoffe, um das stramme Knochengerüst, die derben Muskeln und Sehnen und das straffe Gefieder aufzubauen, und so kostet ein einziges Schwarzspechtjunges Hunderttausende und Aberhunderttausende von winzigen Kerbtieren, von denen viele Todfeinde der Waldbäume sind, das Leben, ehe der junge Specht so weit herangewachsen ist, daß er die Nesthöhle verlassen, den Alten folgen und sich selber ernähren kann. Das dauert aber bis in den Hochsommer hinein, denn wenn auch die Jungen schon lange beflogen sind und es schon begriffen haben, wie man den Käfer hinter den grauen Flechten und die Larven unter der Rindenschuppe findet, ihre Schnäbel sind noch nicht fest genug, als daß sie damit, wie die Alten, harte Borke, dicke Rinde und derbes Holz zermeißeln könnten, und erst im Herbste sind sie soweit, daß sie selbständig sich ernähren können und die Alten nicht mehr nötig haben. Dann aber ist auch die beste Zeit da; überall im morschen Holze sitzen die feisten Larven und Maden dicht unter der Oberfläche, in allen hohlen Bäumen hängen, vollgepfropft mit dicken, fetten Larven und Puppen, die papiernen Nester der Wespen und Hornissen, und das ist ein prachtvolles Futter für die Spechte, und wenn die Wespen noch so giftig summen und die Hornissen noch so gefährlich brummen und ihre Giftstacheln zücken, an dem harten Spechtgefieder prallen die Stiche ab; der scharfe Meißelschnabel zerhackt die grauen Papierhüllen, und die spitze Zunge reißt eine nach der anderen der weißen Larven und Puppen aus ihren Wiegen.

Prachtvoll lebt es sich im Herbste für die Spechte, aber auch, wenn der Vorwinter mit Sturm und Regen in das Land hereinbricht, geht es ihnen gut, und nicht minder bei strengem Frost. Nur unstet sind sie dann, die Alten wie die Jungen. Jeder schlägt sich allein durch, niemals sieht man zwei zusammen, und jede Gesellschaft ist ihnen verhaßt. Nicht gibt sich der Schwarzspecht, wie es der Buntspecht tut, dazu her, den Führer für Meisen, Kleiber, Baumläufer und Goldhähnchen zu machen, einsam und ungesellig schweift er durch die Wälder den ganzen Winter lang, und erst, wenn die Kohlmeise ihr Frühlingslied singt, die Amsel flötet und der Fink schlägt, sehnt er sich nach Gesellschaft.

Dann schallt sein harter Trommelwirbel über Bruch und Heide, gellt sein schriller Balzruf durch den Wald, bis sich ein Weibchen zu ihm hin findet und das Paar dafür Sorge trägt, daß ihr Geschlecht wachse und sich mehre, dem deutschen Walde zur Zier und Segen.

 

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