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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Triel

Die weite Fläche zwischen dem Kiefernforste und der Feldmark ist ein ganz trauriges Stück Land. Nur an einer einzigen tiefen Stelle unter dem Sandberge gibt es dort Wasser, sonst ist weit und breit alles dürrer Sand. Der Förster hat versucht, Kiefern darauf hochzubringen, aber die meisten hat die Sonne verbrannt oder der Rüsselkäfer umgebracht, und nur einzelne haben es durchgehalten und fristen mühsam ihr Dasein neben einem halben Dutzend krüppeliger Birkenbüsche. Hier und da in den Bodenwellen hat ein hohes Sandrohr sich angesiedelt, ein weißblaues Büschelgras bildet dürftige Blüten, schwarze, harte Moospolster und zunderdürre graue Flechtenkrusten bedecken den Boden.

So traurig das Stück Land aber auch ist, ganz ohne Leben ist es nicht, und zuzeiten hat es sogar allerlei Blumen. Das Sandveilchen schmückt sich mit lichtblauen Blüten, die Zaunlilie behängt sich mit weißen Sternen, die Sandnelke läßt ihre rosenroten Köpfe glühen, des Katzenpfötchens Trugdolden leuchten von Schwefelgelb bis Orangerot, im Sommer überzieht sich der Quendel mit rötlichem Blau, im Frühherbste sprießt aus den niedrigen Polstern der Sandheide eine Fülle rosiger Kelche. Am schönsten ist es aber um Pfingsten hier, wenn des Besenginsters dunkle Ruten über und über mit goldenen Schmetterlingsblüten prangen.

Dann haben es die Zauneidechsen gut, die zwischen den glitzernden Feuersteinbrocken nach Käfern, Fliegen und Raupen jagen, und die grünen und graubraunen flinken Sandläufer, die in der Sonne hin und her schwirren. Auch Sandbienen und Erdwespen tummeln sich dort und düstere Schmetterlinge, und mit Vorliebe jagen über der sonnigen Fläche schimmernde Wasserjungfern. Von größeren Tieren läßt sich nur der Hase hier blicken, und nachts zieht das Rotwild über die Sandblöße zu Felde und scheucht die Heidlerche und den Brachpieper auf, die hier in der Sandöde ein ruhiges Leben führen, falls nicht der Sperber oder der Lerchenfalk sie in Angst versetzt. Gerade so, wie es hier ist, öde und dürr, gefällt es den beiden kleinen grauen Vögeln, deren Gefieder genau den Sande angepaßt ist.

Noch ein anderer Vogel lebt hier auf der Sandheide, auch ein sandfarbiger Vogel, aber er ist viel größer als die Heidlerche und der Brachpieper, taubengroß und hochbeinig. Zu den Regenpfeifern gehört er, ist mit dem Kiebitz und dem Austernfischer verwandt, aber er ähnelt ihnen nur im Bau, denn sein Gefieder ist lerchenfarbig, und seine großen Augen sind gelb wie die einer Eule. Er ist auch ein Dämmerungsvogel, gerade wie die Heidlerche und der Brachpieper, die meistens nur vor Tage und gegen Abend so recht munter sind und sich bei der hellen Sonne still verhalten. Verbirgt sie sich aber am Spätnachmittage hinter den Wolken, dann ruft die Heidlerche ihr »Didli«, und der Pieper läßt sein »Griedlichn« hören.

Der dritte im Bunde aber, der Triel, verhält sich immer noch ruhig. Er hat sich zwar schon aus seinem Sandlager erhoben, hat eifrig mit dem starken, gelben, schwarzbespitzten Schnabel sein sandfarbiges Gefieder nach juckenden Gästen abgesucht, auch die schmalen Flügel gespreizt, daß die braunschwarzen Schwingen sich scharf von dem weißen Sande abheben, aber so recht munter ist er noch nicht. Er zieht den weißbäckigen Kopf wieder bis auf die hellgestriemten Schultern, macht die gelben Glotzaugen halb zu und steht steif und stumm auf den kräftigen gelben Stelzen da. Vor ihm trippelt der Brachpieper im Heidkraut umher und sucht nach jungen Heuschrecken, die Heidlerche hat sich aufgeschwungen und dudelt hoch vom Himmel herab ihr Liedchen, langsam hoppelt ein Hase aus den Kiefernkusseln zu Felde.

Plötzlich reißt der Triel die gelben Augen auf und reckt den Hals. Vor ihm raschelt es leise. Da fährt ein winziger grauer Schatten hin und her. Jetzt ist er hinter dem Heidkrautbüschel verschwunden. Mit zwei unhörbaren Schritten seiner langen Beine ist der Triel dort angelangt und mit den Blättern des Sandrohres und dem Sande verschmolzen. Der kleine graue Schatten huscht hinter dem Heidkraute hervor, blitzschnell, aber doch nicht so flink wie der gelbe Schnabel. Es quiekt, und in dem Schnabel hängt, am Nackenfelle gefaßt, eine halbwüchsige Feldmaus und dreht sich und zappelt. Hart wirft sie der Triel gegen den Boden, sein Schnabel stößt einmal, zweimal, dreimal darauf los, da rührt sich die Maus nicht mehr. Noch zwei, drei, vier Schnabelhiebe, und dann verschwindet die Beute in dem weiten Rachen des Vogels.

Der schüttelt sein Gefieder, bauscht es auf, faltet es wieder zusammen, macht einen langen Hals und zieht den Kopf wieder ein. Und dann ruft er laut in den Abend hinein. Ein seltsamer Laut ist es, der Ruf des Trieles, halb dem Flöten des großen Brachvogels ähnlich, aber nicht so voll, nicht so rund und so rein, mehr kreischender Art. »Krählit«, klingt es über das Saatfeld, und von weither antwortet es: »Kräh-i, kräh-ih«, langgezogen und klagend. Neugierig kommt die Nachtschwalbe, die vor dem Forste auf und ab jagte, herangestrichen und rüttelt über der Sandblöße, wo ein fahler Schatten hin und her streicht, aber sie findet nichts, denn so wie einer der Triele wieder auf dem Boden steht, ist er verschwunden, als hätte ihn der Sand aufgenommen. Bald hier, bald dort erklingt der kreischende, heisere Lockruf, jetzt auf dem Sandberge, dann in der Flugsandblöße und nun bei dem Wasserloche im Grunde.

Hinter den fernen Sandbergen verschwindet der letzte Abglanz der Sonne. Vom Forste ertönt das Seufzen der Ohreule, in dem Wasserloche läuten die Feuerkröten, streichende Enten schnattern vorüber. Die Triele jagen. Schnell, wie Trappen, rennen sie über den Sand. Kein Käfer, keine Raupe entgeht den gelben Augen, jeder Stein wird umgedreht, alle Rindenfetzen beiseite gescharrt. Der harte Rüsselkäfer und die weiche Grille, sie wandern ebenso in den Kropf wie die Bernsteinschnecke am Rande des Tümpels und der Regenwurm, den die derben Füße aus dem verrotteten Schafmist scharren, und der dreihörnige Mistkäfer findet genau so schnell seinen Tod wie das jährige Taufröschchen, das im feuchten Moose sitzt.

Dann aber, nachdem an dem Tümpel getrunken ist, geht es in wildem Gleitfluge hin und her über den Sand. Hier schwankt ein Schatten, dort irrt ein fahler Wisch, heiser klingt es vom Waldrande her und klagend von der Trift. Dann wieder ist es still; der eine Triel ist in dem Fanggraben verschwunden, den der Förster gegen die Rüsselkäfer anlegte, und er füllt seinen Kropf zum Platzen mit all dem Kleingetier, das zwischen halbverhungerten Kröten, Fröschen und Molchen in den Fanglöchern umherkriecht, und auch eine halbwüchsige Eidechse, die dort hineinrutschte, wird totgehackt und hinuntergeschluckt. Der andere aber sucht die Trift ab, wo es in den Kuhfladen von Gewürm lebt und webt, und von dort schwebt er zu der Wiese hin, Schnecken zu suchen, und weiter zu Felde, wo es Raupen und Käfer gibt, bis er wieder auf der Sandblöße anlangt, wo das Weibchen schon längst wieder auf den Eiern sitzt.

Ganz gewaltige Eier sind es, fast so groß wie kleine Hühnereier, aber anders gefärbt, sandfarbig, leicht grau und braun gestrichelt und getupft, als säßen Moos und Flechten auf einer Sandscholle. Weil sie wegen ihrer Färbung ganz mit dem Sande verschmelzen, braucht sich das Trielweibchen auch nicht damit zu plagen, sie in einem ordentlichen Nest zu verbergen. Nicht weit von den beiden kümmerlichen Birkenbüschen, wo zwischen dem zerstreuten Sandgrasbüscheln allerlei dürres Geäst herumlag, scharrte es die Steine zur Seite, kratzte eine flache Mulde und legte gegen Ende des Monats April die Eier dorthin. Selbst wenn die Birken mit ihren Zweigen das Nest nicht beschatten, würde kein Raubvogel es finden, so sehr geht die Färbung der Eier und des brütenden Weibchens mit der Umgebung zusammen.

Auch die Jungen, die nach sechzehn Tagen ausschlüpfen, zeigen in ihrem Daunenkleide, daß der Sand ihre Heimat ist. Streicht einmal, was sehr selten der Fall ist, am Spätnachmittage die Kornweihe über die Sandblöße, so ertönt sofort des Männchens warnendes »Bilit«, und aus den graugelben Vögelchen, die hurtig im Grase umherhuschen, werden zwei regungslose Klümpchen, bis, nachdem der Raubvogel längst vorüber ist, der Mutter lochendes »Rick, rick« sie wieder zum Leben erweckt. Aber den Tag über zeigen sich auch die Kleinen sehr wenig, und nur, wenn der Himmel sehr bedeckt ist, führt sie die Alte ab und zu dort, wo die Heide höher und der Ginster länger ist, in sicherer Deckung umher und zeigt ihnen, wie man die Grille aus ihrem Erdloche scharrt, und wo die Käfer und Spinnen im Moose zu finden sind. Aber erst, wenn die Dämmerung über der Landschaft liegt, geht das eigentliche Leben für die vier Triele los, und die Blöße, auf der am Tage nur die Grillen fiedeln und die rotflügeligen Heidschrecken schnarren, ertönt dann von dem »Kräh-liet« der Alten und dem »Kräh-ih« ihrer Brut. Kommt dann die Sonne aber wieder über den Wald, so liegt die ganze Gesellschaft dickgefressen und faul unter den krüppelhaften Kiefern im warmen, weichen Pulversand.

Im September sind die Triele auf einmal fort. Über Nacht zogen sie ab. Auf Sandblößen und kahlen Brachen verschlafen sie die Tage, und die Nächte durch wandern sie. Hier und da stößt Gesellschaft zu ihnen, und in einem langen, spitzwinkeligen Haken geordnet, reisen sie weiter. Einige bleiben schon in den warmen Ländern am Mittelmeere, die meisten überfliegen die Flut und verbringen den Winter in Afrika, ihrer alten, ursprünglichen Heimat. Dort, wo es warm und sandig ist, gibt es das ganze Jahr über Triele. Nicht so scheu wie auf dem vorgeschobenen Posten in Norddeutschland und Holland, haben sie sich dort ganz an den Menschen gewöhnt und verleben auf den flachen Dächern der Häuser den Tag. Des Nachts aber streichen sie herab und treiben sich in den Gärten und Feldern mit den fremden Trielen umher, die den Winter hier verbringen, und die norddeutschen Reisenden, die von den Veranden der Hotels in die mondhellen Gärten schauen, wundern sich über die großen, fahlen Vögel, die mit lautlosem Eulenfluge über die Orangenbüsche schweben und hurtig über die Wege rennen, um Spinnen, Skorpione und Tausendfüße zu vertilgen. Daß es auch in den Sandgegenden Deutschlands diese sonderbaren Nachtvögel gibt, das wissen selbst diejenigen Reisenden nicht, die zu Hause die Jagd ausüben. Erbeuten sie zur Zugzeit einmal einen Triel, so betrachten sie ihn verwundert und wissen nicht, ob sie ihn für eine Zwergtrappe halten sollen, oder ob es nicht ein ganz fremder, ausländischer Vogel ist, der sich verflog, und höchstens findet sich ein Förster, der den Vogel halbwegs kennt und ihn einen Brachvogel nennt. Aber der Brachvogel hat einen langen krummen Schnabel und keine gelben Augen, und so schickt man die Beute zum Museum und erfährt dort, daß es der Triel, der Dickfuß, der Eulenkopf, der Nachtregenpfeifer und ein deutscher Brutvogel sei, einer von den Vögeln, die, wie die Weidensumpfmeise und die Zwergsumpfhühner, nur den Vogelkennern von Fach bekannt sind.


 


 

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