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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Waldkauz

Wer singt im Dorfe den Frühling ein? Wer ruft die gute Zeit heran? Nicht Amsel und Fink sind es, und nicht Meise und Star, und auch nicht Specht und Häher; ein anderer ist es, der mit lautem Liede den Haselbusch lehrt, sich mit Gold und Rubinen zu schmücken, ist es, der die Erle rührt, daß alle ihre Zweige rote Troddeln schenken, und der dem Schneeglöckchen Mut macht, über den Buchsbaum zu sehen.

Ein Kauz ist es, ein dicker, alter Waldkauz, der in der dicken, alten Linde wohnt, die mitten im Dorfe vor dem dicken, alten Kirchturme steht und ihre Äste über die graugrünen Grabsteine spreizt. Seit unvordenklichen Zeiten hat ein Kauzpaar in der Kirchhofslinde gewohnt und ist den Dorfleuten heilig gewesen. Aus uralten Tagen blieb ihnen eine dumpfe Erinnerung, daß die Eule einst Friggas Lieblingsvogel war, ehe der neue Glaube über das Land kam und aus allem, was den alten Göttern lieb war, unholdes Getier und Greuel machte.

Darum darf der Kauz im Dorfe schalten und walten, wie er will, und nicht nur deshalb, weil ein Stück Urglauben mit ihm verbunden ist; so manche Maus, so manche Ratte, die den Schnäbeln und Griffen der jungen Käuze entglitt, fand der Bauer zwischen dem knorrigen Wurzelwerk der Linde und machte sich seinen Vers darauf. Aber am liebsten ist er ihnen, weil er den Frühling verkündet. Liegt auch der Schnee noch auf der Saat, und stehen die Gräben noch in Eis, zieht der März in das Land, dann singt der Kauz den Frühling ein, und das ganze Dorf freut sich, daß die bessere Zeit herankommt.

Eine eigene Art hat die Eule, den Frühling einzusingen; wie mit einem schrillen Schreckensschrei beginnt es, wendet sich in ein Hohngelächter um, steigt zu einem wilden Jauchzen und sinkt zu einem wehen Gewimmer herab. Stadtleute finden es teuflisch und höllisch, die Leute im Dorfe aber lieben es, des Kauzes Frühlingslied, der Eule Liebesgesang.

Gestern war es hell und kalt. Der Wind pfiff von Morgen her, die Sterne waren alle versammelt. Da gefiel es dem Kauze nicht. Stumm strich er im tiefen Holze hin und her, schlug die Maus auf dem Wege und die Wühlratte im Graben und suchte, lange ehe sich die Nacht vor dem Morgen verkroch, sein Loch in der Linde auf.

Heute aber paßt ihm das Wetter besser. Der Wind kommt von der Abendseite, weich und warm ist er, und die Luft ist dick und diesig. In den Wiesen braut der Fuchs, und nur der Abendstern ist wach. Noch bewahrt der Himmel eine rosige Erinnerung an die Sonne, da erhebt der Kauz sein Gefieder und streicht der Wiese zu. Mit festem Griffe faßt er die Wühlratte; ihr Strampeln nützt ihr nichts; ein Biß in den Hinterkopf nimmt ihr das Leben, und sie verschwindet in dem weiten Rachen. Zwei Mäuse folgen ihr bald nach.

Hauptjagdwetter ist heute; die Mäuse laufen ganz anders als gestern. Aber der Kauz hat heute keine rechte Freude an der Jagd. Was ihn lange nicht ankam, heute fällt es ihm ein, loszulachen und aufzujauchzen. »Huch!« kreischen die Mägde in der Spinnstube des einsamen Hofes, und dann lachen sie lustig; wenn der Kauz ruft, hört das Spinnen bald auf, und die Arbeit in Garten und Feld beginnt.

»Kiu-Witt, kuwitt,« geht es draußen. Und dann kommt das Schönste: »Huuu, huhuuu, huhuhuhu,« und dann ein seltsames, langes Trillern, »Klurlurlurlu,« eine ganze Viertelstunde lang, und dann ein heiseres Bellen und ein Lachen hinterdrein, als wenn siebzig Teufel sich über den Fall eines Gerechten freuen.

Aber nichts Arges und Böses denkt sich der Kauz dabei, nur Liebes und Gutes. Er sehnt sich nach einem Herzen, das wie sein Herz fühlt, nach einer großen, schönen Käuzin mit großen, schönen Augen. Nur deswegen quietscht und schreit und lacht und bellt und trillert und jauchzt er heute so sehr. Überall bringt er Leben in den Abend; eben rief es im Walde, nun lacht es im Dorfe, und jetzt rollt sein tiefes Lachen an der Wiese entlang.

Dort jagt schon seit einer Stunde eine dicke graue Käuzin, ihr gehört die Wiese und die Waldkante, so denkt sie. Sie ist so frech, daß sie den Bussard, der sich in der großen Eiche bei der Ochsenhütte zum Schlafen eingeschwungen hatte, jählings mit ihrem dicken Kopfe in den Rücken stieß, daß er von seinem Aste herabpolterte und entsetzt abstob. Daß auf der besten Stelle der Wiese, wo die Mäuse am meisten laufen, die Rehe stehen, paßt ihr nicht, und sie stößt so lange nach ihnen, bis sie ihr Platz machen. Auch die beiden Hasen, die da Hochzeit halten, jagt sie in den Busch hinein.

Quer durch die Wiese läuft ein heller Bach. Dort, wo das Stauwehr ihn einzwängt, steht eine halbpfündige Forelle, auf Beute lauernd, die ihr die Strömung zutragen soll. Über ihr rüttelt die Käuzin. Etwas Schwärzliches kommt durch das Wehr getrieben; eine junge Maus ist es, die die Müllerin totschlug und in den Bach warf. Die Forelle geht nach der Maus auf, faßt sie und will mit ihr unter den Wasserwurzeln der Erle verschwinden, da fühlt sie sich geangelt und trotz ihres Schnellens und Schlagens emporgehoben. In der Eiche bei der Ochsenhütte hakt die Eule auf und kröpft sich an dem Fische satt.

Da schwebt ein Schatten heran und stößt sie von dem Aste. Er ist kleiner und schwächer, der verliebte Kauz, um ein Drittel kleiner als die Käuzin, aber er ist ein Mann. So treibt er sie fauchend und knappend, quietschend und trillernd in den Wald hinein, treibt sie eine Stunde hin und her, bis sie sich in einer Eiche einschwingt und er ihr gegenüber aufhakt. Und da sitzt er und pfeift und bellt und heult und lacht und trillert und gellt so wunderschön, so lieblich und so ergreifend, daß die dicke braune Käuzin gar nicht anders kann, als sich dem hübschen grauen Kauz zu ergeben und das Loch im Lindenbaume mit ihm zu beziehen.

Breit und geräumig ist das Loch und so tief, daß kein Junge bis auf den Grund fassen kann. Das wagt auch keiner, denn vor Jahren kletterte der Sohn des Pastors in der Linde herauf, um sich die Eier zu holen. Da fuhr ihm aber fauchend das Weibchen in das Gesicht, und aus der Krone der Linde sauste der Kauz heraus und stieß den Jungen in das Genick, und der erschrak so, daß er allen Halt verlor, aus dem Baume fiel, den Unterschenkel brach und sechs Wochen das Bett hüten mußte.

Seit der Zeit haben die Jungen eine heilige Scheu vor der Linde; und auch die großen Leute gehen zu der Zeit, wenn die Käuze Junge haben, im Bogen um den Eulenbaum herum, besonders in der Dämmerung, denn wenn die Eulen gerade schlechter Laune sind, stoßen sie auf die Menschen. So frech aber wie in diesem Jahre waren sie noch nie. Das hat der neue Lehrer, der erst acht Tage im Dorfe ist, erfahren. Dem gefiel es, an einem milden Aprilabend sich auf die Knorren am Fuße der Linde zu setzen. Aber plötzlich stieß er einen Schmerzensschrei aus und rannte so wild davon, daß er den Pastor, der über den Kirchhof ging, fast umwarf. Kreidebleich war er, als er dem Pastor und der Pastorin erzählte, wie es ihm gegangen war. Ganz jählings war etwas Schwarzes gegen seinen Kopf geflogen, und Krallenfinger hatten seinen Nacken gepackt. Und als er den Kopf beugte, konnten der Pastor und seine Frau drei lange blutige Risse sehen.

Als der Lehrer hörte, wer der Unhold war, lachte er und von da ab setzte er sich oft in die Laube vor dem Pfarrhause und sah den Eulen zu, die ab- und zuflogen. Wehe der Katze, die über den Kirchhof schlich; ehe sie es sich versah, hatte sie einen Stoß und ein paar Risse abbekommen und fuhr mit Angstgequake über die Mauer. Des Pfarrers Hund traute sich nicht um sämtliche Leberwursthäute der Welt in der Dämmerung an der Linde vorbei. Denn als er einmal dort hinter den Wieselchen herumschnüffelte, hatte ihn das Eulenpaar überfallen und ihm so zugesetzt, daß er für immer genug davon hatte. Und es war kein kleiner Hund, sondern ein großer Kerl von Bernhardiner.

So störte niemand die Käuze, und sie fühlten sich ganz als die Herren der Linde und des alten Glockenturmes. Das sah man daran, daß sie am hellen Tag, besonders an warmem Morgen, ganz vergnügt auf einem Aste oder auf einem Balken des Turmes saßen, sich von der Sonne bescheinen ließen und sich putzten und juckten. So vertraut waren sie, daß es ihnen ganz gleich war, wenn eine Kohlmeise sich über sie setzte und sie beschimpfte, und die Spatzen und die Rotschwänze hatten sich schon an die Eulen gewöhnt und ließen sie in Ruhe, zumal ihnen nicht zu trauen war, denn wenn die jungen Eulen zu laut nach Fraß piepten, flogen die Alten am hellen Tage auf Raub aus und griffen manchen Spatzen und auch wohl eine Amsel oder auch eine flüggen Star.

Den Leuten im Dorf war das gleichgültig, denn Spatzen, Amseln und Stare gab es im Dorfe genug. Aber es gab auch Ratten, und die machten die Käuze mit der Zeit dünne. Überall auf den Höfen schwebten sie in der Dämmerung umher, und wehe der Maus und der halbwüchsigen Ratte, die ihnen in den Wurf kam! Ehe sie sich versah, faßten sie die nadelscharfen Krallen, der Schnabel drückte ihnen das Hinterhaupt ein, und fort ging es nach der Linde, wo vier dicke, graue, weißflockige Wollklumpen auf den Ästen vor dem Nistloche saßen und gierig den Eltern die Beute fortgriffen.

Da niemand die Eulen störte, wurden die Jungen bald ebenso keck wie die Alten. Am hellichten Tage kletterten sie aus dem Loche heraus, erstiegen einen Ast, auf dem die Sonne lag, ließen sich bescheinen und sahen mit halbgeschlossenen Augen auf das Leben und Treiben, das sich auf der Straße jenseits der Friedhofsmauer abspielte. Wenn ein Mensch vorüberging, ein Wagen vorüberfuhr oder das Vieh dort hergetrieben wurde, rührten sie sich nicht. Sobald sich aber ein Hund oder eine Katze sehen ließ, richteten sie sich auf, wackelten mit den dicken Köpfen, rissen die Glotzaugen auf, fauchten und knappten mit den Schnäbeln, und der Hund oder die Katze warf einen scheuen Blick nach der Linde, senkte den Schwanz oder richtete ihn empor und beschleunigte seine Schritte. Und wenn sie hungerte, dann piepten sie so lange, bis es der Vater und die Mutter nicht mehr aushielten, ihre Schlafplätze im Lindenlaube oder in dem Glockenturmwinkel verließen und bei Tage dem Holze zustrichen, um mit einer Maus, einer Eidechse, einem Frosch oder einem großen Käfer zurückzukehren.

Darben brauchten die Jungen nicht; unglaubliche Mengen von Unzeug schleppten die Alten herbei. Die Maus mochte noch so schnell und das Wiesel noch so flink sein, viel schneller war der Kauz, viel flinker die Käuzin. Kein Flügelschlag verriet ihr Kommen; lautlos schwebten sie über das Feld, unhörbar rüttelten sie über dem Raine, und niemals stießen sie fehl. Dem Hirschkäfer halfen seine Zangen ebensowenig wie der Kreuzotter ihr Gift; wo die Krallen der Käuze hingriffen, da half kein Kneifen, nützte kein Beißen; verloren war alles, was sie erfaßten.

So mangelte es der Eulenbrut nie an Futter, und sie wuchs und gedieh, schob aus dem Dunenkleide Speile und Federn, und aus den unförmigen Wollklumpen wurden langsam ansehnliche Käuze, die zwar noch immer hinter den Alten herbettelten, aber doch schon ab und zu den Versuch machten, selber eine Maus zu fangen. Anfangs stellten sie sich noch dumm genug an und griffen sogar dann noch vorbei, wenn der Kauz oder die Käuzin eine halbtote, zappelnde Maus vor ihnen fallen ließ. Aber heute lernte der eine, im rechten Augenblicke auf den Frosch zu stoßen, morgen glückte es einem anderen, den Maulwurf im taufeuchten Wege zu schlagen, und bald konnten sich die viere selbst ernähren, und die Alten bissen sie von sich fort.

Damit zerriß auch das Band zwischen Kauz und Käuzin. Beide strichen ziellos hin und her, den Mäusen nach, und wo es viele gab, dort blieben sie, bis sie und Wiesel, Hermelin, Turmfalke und Bussard deren Reihen gelichtet hatten, und dann zogen sie anderen Feldern zu. Als aber der Winter herabkam, suchte der Kauz wieder das Dorf und sein Loch im Lindenbaume, von dem er abends abstrich, um still und heimlich auf Mäusejagd zu fliegen. Gab es aber laue, nebelige Abende, dann übte er seine Stimme und quietschte und heulte, aber lange nicht so laut und so voll und so anhaltend, wie er im Märzen schrie, als er den Frühling einsang.

 


 

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