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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Nachbarn

Der Mauersegler

Alle waren sie schon vom Süden zurück, die kleinen Sänger und die großen Rufer. In allen Wäldern schlugen die Finken, pfiffen die Stare, flöteten die Drosseln, riefen die Tauben; die Rauchschwalben zwitscherten über den Dächern, auf den Wiesen stelzte der Storch, und über ihnen gaukelte der Kiebitz.

Als Spatz, Amsel, Kohlmeise und Star sich schon fütterten, erschienen die zartesten Sänger; der Waldschwirrer belebte den hellgrünen Buchenwald, der Spottvogel den blühenden Garten, die Rohrdrossel das Ufer; auf den Viehweiden tauchte die Kuhstelze auf; der bunte Gartenrotschwanz sang vor seinem Brutloche im Garten, der Trauerfliegenschnäpper brachte neue Farben und Töne in den Wald, im Erlengebüsche schlug die Nachtigall, am Flußufer erklang das Geschwätz der Uferschwalben und aus dem tiefen Walde das Geläute des Kuckucks.

War aber auch bei Sonnenaufgang das Konzert noch so vielstimmig, sang es auch den Tag über aus allen Büschen, und klang es bis in den späten Abend hinein von jedem Winkel, belebten Rauch- und Hausschwalben auch die Luft über der alten Stadt, eine fehlte noch, der schnellste Flieger von allen, der lauteste Schreihals, der größte Fresser, der Mauersegler.

In den Ländern um das Mittelmeer, über den Wellen des Niles, in den Steppen Asiens und Afrikas jagte er noch, wo keine Spätfröste ihm die Nahrung schmälerten. Mochte es droben in Deutschland auch längst schon Frühling sein, schien die Sonne dort auch noch so schön, flog seine Beute, winziges Geziefer jeglicher Art, dort auch noch so dicht, er ließ sich noch Zeit mit der Rückreise. Denn nicht als Heimat galt ihm das deutsche Land; mochte er auch vor Jahrhunderten dort eingewandert sein, von den Klippengebieten der Länder um das Mittelmeer erst sich das Alpengebiet erobernd, so sein riesenhafter Vetter, der Alpensegler, über den Gletschern und Firnen jagte, dann weiterdringend in das Bergland und von da in das Hügelgelände und endlich sich auch die Ebene erobernd, in welcher der Mensch ihm künstliche Klippen, die Häuser, künstliche Gebirge, die Ortschaften, schuf.

Vor grauen Zeiten, als ganz Vorderasien und Nordafrika ein einziges Kornfeld, ein geschlossener Gemüsegarten war, drängte es den Segler nicht zum Norden; aber als endlose Kriege aus den Kornfeldern Wüsten, aus den Gemüsegärten Einöden schufen, so daß die kleinen Kerfe, mit denen er seinen Magen füllt, abnahmen, da mußte er zum Norden hin, wo eine neue Kultur aufblühte; er überflog das Mittelmeer, drang über die Alpen.

Eines Tages erscholl ein heiseres Kreischen über der Spitze des Kirchturms, vor dessen Lugloch der Wächter hinausspäte, ob nicht feindliche Haufen sich näherten. Erstaunt blickte der Mann über sich; zwei Vögel, die er noch nie gesehen und gehört hatte, fast wie die Schwalben aussehend, aber viel größer, schossen mit gewaltiger Geschwindigkeit um den Turm.

Jeden zweiten Sonntag wurde der Wächter abgelöst, und dann ging er rund um die Stadtmauer, besuchte dann die Mette und kehrte schließlich in der Schenke ein, um bei einem Trunke einfachen Bieres ein Stündchen zu verplaudern. Die Zeiten waren unsicher, und aus allen möglichen Zeichen deuteten die Leute eine böse Zukunft. Jener hatte abends feurige Männer in den Wolken gesehen, bei diesem hatte der Brei in der Speisekammer rotes Blut gewiesen, ein dritter erinnert daran, daß die Apfelbäume im Herbste noch einmal geblüht hatten, und ein anderer sah es als einen üblen Vorspuk an, daß sich im Winter die Sterbevögel hatten sehen lassen.

Da erzählte der Türmer von den großen, schwarzen, schnellen Schwalben, die seinen Lugaus umflogen und so heißhungrig geschrien hätten; die Männer tranken aus, traten auf die Straße und sahen nach dem Kirchturme, um dessen Spitze die unheimlichen Schwalben hin und her strichen, schrecklich anzusehen und überaus grauslich zu vernehmen. Viele Leute kamen, hoch und gering, machten die Hälse lang und schauten hinauf, zwinkerten der Sonne wegen, niesten beträchtlich, schneuzten sich mit den Fingern, runzelten die Stirnen, erhoben die Zeigefinger und tauschten ihre Meinungen über das schlimme Geflügel aus, und der Ratsschreiber vermerkte in seiner Chronika folgendermaßen: »Haben sich aber am ersten Maien am turme der St. Aegidii gar gravsamblich große und über die Maßen schnelle Vögel nach der Art der schwalben blicken lassen, so gar erschröcklich schrien, daß die, so es vernahmen, sich baß verschraken. Sind diese hier unbekannten Vögel die pestschwalben, woraus zu schließen, daß des elends sobald noch kein Ende seyn wird.«

Ebenso, wie dort dem Türmer, ging es anderen Torwächtern in den Städten und auf den Burgen; hier und da tauchte ein Paar der schwarzen Riesenschwalben auf, erschreckte die Leute mit heiserem Schrei und schallendem Schwingenschlage, baute in irgend einer Mauerlücke sein Nest, brütete, zog seine Jungen auf, und als der August endete, verschwand es. Mit der Zeit war keine Burg, kein Kloster, keine Stadt ohne Segler; wo sich ein Turm erhob, da zog auch der Segler ein; das flache Land aber mied er, denn die niedrigen Häuser mit ihren Strohdächern gefielen ihm nicht, und heute noch gibt es in Deutschland Gegenden, wo kein Segler brütet, weil er keine künstlichen Klippen vorfindet. Aber je mehr das Strohdach verschwindet, je mehr das Ziegeldach zunimmt, um so stärker vermehrt er sich; ganz Europa hat er sich erobert, bis zum nördlichen Norwegen ist er vorgedrungen, und sein heiserer Jagdruf schrillt ebenso laut über den skandinavischen Fjorden wie über den Dächern der Großstadt, über den Kornfeldern Europas, in der turkmenischen Steppe. Denn er kann überall leben, wo reichlich Pflanzenwuchs viele kleine Kerfe ernährt, und wo keine eisigen Luftströmungen den Aufstieg der winzigen Tierchen verhindern.

Darum ließ er sich mit der Rückreise nach Deutschland Zeit. Fühlt er, daß die Reise sich lohnt, so kann er bald dort sein, denn der Begriff der Entfernung ist ihm fremd. Die endlose Sahara, die weite Meeresflut, die anderen Vögeln eine gefahrvolle Reise bieten, ein Kinderspiel sind sie für ihn. Brütet über dem Sande der Wüste eine entsetzliche Hitze, so steigt er so hoch, bis er in kühlere Luftschichten kommt, und erspäht er unter sich ein grünes Eiland in der toten Wüste, so läßt er sich hinabfallen, und die Araber sehen erstaunt den vielen schwarzen Vögeln zu, die mit gellendem Geschrille die Dattelpalmen umfliegen und sich an den Tierchen sättigen, die dort schwirren.

Eine Viertelstunde darauf ist die wilde Schar verschwunden und lärmt nach einigen Stunden über dem Lager der Fremdenlegionäre, und der Wachposten schaut sehnsüchtig den Schreihälsen nach, die der deutschen Heimat zufliegen, während der Mann mit dem Schnellader unter dem Arme weiß, daß er die Heimat, die er im Leichtsinn verließ, niemals wiedersehen wird.

Die Segler aber eilen weiter. Eine Bora zerwühlt die Flut, zerpeitscht sie zu Schaum, erfaßt ein griechisches Handelsschiff und schiebt es auf den Sand, daß die Planken zerbrechen. Die schwarzen Vögel heben sich über die stürmisch bewegte Luftschicht und senken sich erst wieder, als eine eisige Strömung ihnen entgegenweht. Die ganze Nacht fliegen sie, weichen dem Schneesturme aus, der um weiße Gipfel heult, und als der Morgen die Firnen mit Rosenschimmer übergießt, ergießen sich endlose Scharen von Turmschwalben über das frühlingsgrüne Bergland, verteilen sich und hasten nordwärts.

Wenige Stunden hinterher sieht die Luft anders aus. Nicht mehr ist sie nur blau und weiß und sparsam von den schwarzen Kreuzchen, den Schwalben, gemustert; sie ist besät mit schwarzen Ankern, die unaufhörlich hin und her schießen, jetzt in schwindelnder Höhe, und gleich darauf, da Wolken die Sonne verhängen und eine kalte Luft mitbringen, stürzen sich die Segler fünfhundert Fuß tiefer, jagen dicht über den Dächern der Stadt, und als auch da die Luft sich plötzlich abkühlt und das fliegende Geziefer zur Erde drängt, folgen ihnen ihre Mörder und jagen dicht über den grünen Feldern und gelbgestickten Wiesen.

Aber die kalte Luft kommt auch dahin; der Himmel ist grau, und der Kerbtierflug hat aufgehört. Plötzlich sind die Segler verschwunden; kein einziger ist mehr da; nirgendwo ertönt ihr heiserer Ruf. Meilenweit entfernt von der Stadt ragt über dunklen Fichtenwäldern eine kahle Bergplatte, von klobigen Steingebäuden gekrönt. Verärgerte Bergfahrer sitzen beim Frühstück. Sie wollten Aussicht haben, aber damit scheint es nichts zu werden, denn der Himmel ist dicht verhangen, und dichter Nebel treibt über die Kuppe und benetzt die Doppelfenster.

Da reißt der Nebel auseinander, beginnt zu wogen, fängt zu wirbeln an, die Wolken treten zurück, die Sonne lacht auf das Trümmerfeld und weckt die weißen Blumen, die blauverfroren ihre Blütenblätter geschlossen hielten. Alle die verärgerten Leutchen lassen Tasse und Teller im Stiche und ersteigen den Aussichtsturm; vor ihnen öffnet sich das Land, Ortschaften tauchen aus dem Nebel, bunte Gefilde werden sichtbar, Vogelgesang klettert zur Kuppe empor, die Luft blitzt von lustig schwirrenden Silberpunkten.

Da, ein heiseres Geschrille, ein laut schallender Fittichschwung, noch einmal und abermals, ein Hin- und Herschießen düsterer Vögel. Die Segler sind es; vor zehn Minuten jagten sie dort unten im Tale, aber als eine schnelle Kältewelle die warme Luftschicht bergaufwärts trieb, folgten sie ihr und langten in demselben Augenblick auf der Kuppe an, als die Luft dort zu leben anfing.

Anderthalb Stunden lang schweben sie über den Felstrümmern der Kuppe, über den im Maischnee schimmernden Geröllhalden, über den zwergigen Fichten, über den nassen Mooren und räumen fürchterlich auf unter den Rapskäfern, Kurzflüglern, Borkenkäfern, winzigen Mücken, Schlupfwespen und Fliegen, welche die Luftwelle auf ihrem Hochzeitsfluge hierhin trug; in demselben Augenblicke aber, da die Wolken sich schließen und die Sonne zurücktritt, sind die Turmschwalben verschwunden, und wenige Minuten später streichen sie wieder über den Dächern der alten Stadt und morden alles, was in der Luft von kleinem Getier lebt.

So spielt sich ihr Leben drei Monate lang ab, vom hellgrauen Morgen bis in den dunkelblauen Abend hinein, ein wildes Leben, dahingebracht in tollem Fluge. Das ganze bewußte Dasein wird in der Luft gelebt, und einzig und alleine die Nachtstunden, im hohen Sommer nur ganz wenige, verbringen die Segler sitzend in ihren Mauerspalten und Dachritzen, und wo sie sonst ihr Nest haben, dieses liederliche, lumpige, verlauste Nest, in das sie Halme und Federn und Haare zusammenschleppen, die die Luft trug, denn niemals in seinem ganzen Leben läßt sich der Segler zur Erde herab, es sei denn, daß er beim Minnekampfe, mit dem Nebenbuhler ineinander verkrallt, vor Wut das Fliegen vergißt.

Er braucht zum Leben weiter nichts als die Luft und ein Mauerloch oder einen Starkasten. Kreischend und schreiend hetzt das Männchen mit fünf, sechs anderen stundenlang hinter einem Weibchen her, bis jenes, das die größte Kraft und die meiste Frechheit ausweist, obsiegt. »Schnell, schnell!« ist die Losung; schnell fliegen, schnell fressen, schnell lieben, schnell brüten. Nur vom ersten Mai bis zum letzten Juli dauert der Aufenthalt hier im deutschen Lande, dann geht es wieder dahin, wo der Löwe aus dem Uferschilfe brüllt und der Elefant krachend das Dickicht zertritt.

»Schnell, schnell, ein Mauerloch, es ist Zeit zum Brüten! Dieses hier paßt; es sitzt hoch über den vierten Stock unter dem First. Zwar hat ein Spatz schon darin gebaut; um so besser! Heraus mit dir! Er will nicht. Ein Spatz hat einen dicken Schnabel, aber solche Krallen wie wir hat er nicht. Siehst du wohl! Wärest du freiwillig gegangen, dann säßest du jetzt nicht mit zerkratzter Brust und geknickten Schwingen unten im Hofe und würdest eine Beute der dreifarbigen Katze, die langsam näher schleicht. Macht geht vor Recht, und wer nicht hören will, muß fühlen.«

So machen sie es, die Segler; sie kennen nur ein Recht, das des Stärkeren. Auf dem Giebelbalken hat das Rotschwänzchen gebaut; es hat umsonst gearbeitet. Es krächzt und schimpft und flattert, aber das ist dem Segler gleich; deshalb schießen sie doch herbei, häkeln sich an dem Balken fest, zerren einen Schnabel voll Federn heraus und fliegen mit dem Raube ab. Eine Stunde später ist das Nest verschwunden.

In dem Starkasten an der Wand hat sich der Star eingerichtet; drei Eier liegen darin. Das ist den Seglern ganz gleichgültig; kreischend umtoben sie das Nest, schlüpfen hinein, klammern sich an dem Starweibchen fest, balgen sich damit umher, bis es, angewidert von dem frechen Volke, Nest und Eier preisgibt.

Über dem Starkasten eine enge Mauerritze, die den Seglern ganz ausnehmend gefällt. Was macht es ihnen aus, daß der Fliegenschnäpper dort brütet? »Brüte anderswo, hier ist unser Reich!« Das Paar wird vertrieben, die nackten Jungen mit zähem Speichel überzogen, und darauf werden Federn und Halme geleimt, bis die jungen Fliegenschnäpper erstickt sind, und seelenruhig legt auf dieses frische Grab das Seglerweibchen seine seltsam langen, weißen Eier und bringt über dem Gewimmel von Fliegenmaden und Lausfliegen seine Brut aus.

Sind die Jungen da, so wird das Leben noch wilder, und acht, neun Stunden muß der Tag dann haben, denn die zwei, drei Jungen sind immer hungrig, auch wenn ihnen eben erst der Kropf bis zum Platzen gefüllt wurde. Und sie müssen so hungrig sein, denn sie müssen schnell wachsen, denn Ende Juli geht es über Land und Meer nach Afrika, und wer bis dahin nicht fliegen kann, geht unter. Darum heraus aus dem Nest, ehe die Sonne da ist, denn vielerlei Nachtgeschmeiß fliegt noch über den Dächern, und gejagt, wenn die Sonne hoch steht, gejagt, wenn sie untergeht, und erst wieder hinein in das Nest, wenn es so dunkel ist, daß es zu dunkel für die Jagd wird. Und auch dann will sich das wilde Blut noch nicht beruhigen, und eine Stunde lang noch zirpt und schrillt es aus dem Brutloche heraus.

Dann, mit einem Male ist es, als hätten die Segler Zuzug erhalten. Sie haben es auch, aber nicht vom Norden kam er; die Brut ist flügge geworden und hat die verlausten Nesthöhlen verlassen. Überall sausen hinter den schmalschwingigen Alten die breitflügeligen Jungvögel einher, heiser schrillend, bis die Alten ihnen mitten in der Luft die Kröpfe füllen. Jetzt sind sie hier; aber nun fällt es ihnen ein, daß über den Wiesen, wo die Sense rauscht, mehr zu finden ist, und plötzlich ergießt sich der Strom der schwarzen Vögel dorthin, wo braune Arme die Harkenstiele führen.

Den ganzen Tag schrillt und gellt es über den Wiesen, den anderen Tag aber nicht mehr. Auch über der Stadt ist es still, und bleibt es still. Die Segler sind verschwunden. Sie mögen jetzt schon in der Theißebene jagen, wenn nicht gar in Griechenland, und einen Tag später sehen die Fremdenlegionäre ihnen wieder nach, und über der Oase in der arabischen Wüste ist plötzlich wieder dasselbe Gekreische und Gewimmel zwischen den Dattelpalmen wie vor drei Monaten, nur stärker ist es noch, denn mit doppelten Scharen kamen die Segler zurück.

 

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