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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Im Bruch und in den Bruchwiesen

Der große Brachvogel

Im Bruche klingt eine neue Stimme. Bisher hatte der Birkhahn das große Wort; wenn die Nacht noch auf den Wiesen lag, trommelte und blies er schon, und wenn die Sonne hinter den schwarzen Kiefernwäldern verschwand, war er wieder auf seinem Balzplatze, tanzte und sprang und zischte und tollerte. Tot lag das Bruch noch, die Wiesen waren noch kahl, und allmählich hing der Reif in dem Ried.

Die Silberkätzchen der Weidenbüsche werden zu blankem Golde, an den Gräben schießt das junge Ried empor, die Blütenknospen der Gagelbüsche dehnen sich, der Bach begrünt sich mit Wasserstern. Da klingt das neue Lied über das Bruch.

Ein Flöten ist es, weich und rund, ein Trillern ist es, laut und hell, klingt jauchzend und jubelnd, jammernd und klagend, schwillt an und erlischt, ist hoch oben in der Luft und klingt unten von der Erde, verhallt in wehmütigem Gewimmer und erhebt sich wieder zu gellendem Gejubel.

Ein großer, langflügliger Vogel schwebt über den fahlen Wiesen, kreist in schönem Bogen, wiegt sich in anmutigem Fluge. Wie Silber blitzt er in der Sonne; nun dreht er sich und leuchtet wie Gold, kommt in den Wolkenschatten und wird zum schwarzen Kreuz und steht auf der Wiese als brauner Pfahl.

Hochbeinig und langhalsig ist er, und sein langer Schnabel ist schön gebogen. Stolz blickt er um sich, und vorsichtig späht er umher, ob der Habicht nicht um die von gelbem Rohr umsäumten braunen Erlenbüsche heranschwenkt, ob nicht der Fuchs hinter den Gagelbüschen herschleicht oder ein Mensch den Damm entlang kommt.

Dann dreht er den langen Hals, zupft mit dem Schnabel sein rotgelbes, schwarz gestriemtes Rückengefieder, den weißen, braungestreiften Bürzel, die helle leichtgetupfte Flanke. Jäh fährt der Schnabel aus den Federn, aufmerksam äugt der Vogel zum Himmel, wo ein großer Vogel heranrudert, aber beruhigt putzt sich der Brachvogel weiter, denn der Schwarzrock da oben ist der Kolkrabe, ein harmloser Geselle für ihn.

Mit gewichtigem Gange stelzt er durch die feuchte Wiese, bei jedem Tritte bedächtig nickend und mit den dunkelbraunen Augen bald das Moos durchspähend, bald das Moor und den Himmel überblickend. Der lange Schnabel nimmt die Raupe vom Halme, die Schnecke aus dem Moose, stochert den Käfer unter dem Erlenlaube hervor, pflückt die vorjährige Moorbeere, findet die Eulenpuppe im Torfmoospolster und die Köcherfliegenlarve in der Wasserrinne.

Eine weiße und eine braune Weihe schweben über die Gagelbüsche. Der Brachvogel äugt nach ihnen und jagt beruhigt weiter. Dicht bei ihm wirft sich das balzende Weihemännchen sausend bis dicht an die Erde und keckert gellend, ohne daß er sich darum kümmert. Und dann macht er einen langen Hals, wird steif wie ein Stock, erhebt sich mit heiserem Warnruf und steigt eilig in die Luft, schrill flötend.

Ein zweites Flöten von dem Bache her antwortet ihm. Da schwebt sein Weibchen in der Luft, und beide kreisen über der Füchsin, die quer über die Wiesen angeschnürt kommt, nach Enteneiern suchend. Gellend pfeifend und schrill flötend, eilig rudernd und dann jäh hinabfahrend stoßen die Brachvögel nach dem Fuchse, heben sich, senken sich, rufen die Krähen herbei, locken die Kiebitze heran, melden es der Mooreule und dem Raubwürger, daß der rote Räuber da ist, und die Hetzjagd geht quer über die Wiesen hin. Die Krähen stechen quarrend nach der Füchsin, höhnisch quäkt die Mooreule und rüttelt über dem Schleicher, schrill kichert der Würger, und die Kiebitze taumeln quiekend rechts und links neben ihr herum. Mit einem Satze gewinnt die Füchsin die braunen Büsche, und es wird wieder still im Bruche von groben und harten Stimmen, und nur das Geschmetter des Baumpiepers und das Gezirpe der Rohrammer herrscht in der Runde.

Hoch oben am blauen, leicht bewölkten Himmel kreisen die beiden großen Vögel und erfüllen das Bruch mit ihrem Geflöte und Getriller. Der Bauer, der an seinen Staugräben arbeitet, die ihm das Winterwasser zuschlämmte, legt die Hand vor die Augen und sieht zu den Vögeln empor, und ohne daß es ihm zum Bewußtsein kommt, freut er sich an dem Wechsel der Farben ihres Gefieders, das, je nachdem das Sonnenlicht darauf fällt, silberweiß schimmert und goldig glänzt und, angeregt durch ihr wohllautendes Trillern und ihr süßes Flöten, spitzt er die schmalen zugekniffenen Lippen und pfeift bei der Arbeit leise das Lied vom Brommelbeerbusche vor sich hin, das die Mädchen Sonntags abends singen, wenn sie untergehakt über die Dorfstraße gehen.

Jeden Tag von früh bis spät pfeift und trillert das Brachvogelpaar über dem Bruche. Die Gagelbüsche blühen auf und umsäumen die Wiesen mit rotem Geloder, an den Gräben leuchten die goldenen Kuhblumen, an den Birken funkeln Smaragde, die Krüppelkiefern bekommen goldrote Kerzen, und ein satter Geruch von Juchten und Kien geht vor dem lauen Winde her. Die Ringeltauben rufen, die Turteltauben schnurren, abends meckern rundherum die Heerschnepfen, und die Ziegenmelker spinnen und rufen. Aber alle, auch die kreischenden Weihen und die keckernden Mooreulen, des Grünspechts schallendes Gekicher und des Kolkraben rollenden Ruf übertönt der Brachvogel Liebesgeflöte und Minnegetriller, und mitten in der Nacht noch, wenn nur die Rohrdommel ruft, klingt der Zwiegesang über der mondhellen Weite.

Tief unten im Bruche, wo das Wasser bis in den Juni hinein die Wiesen versauert, wo ungeheure Gageldichtungen sich aneinanderschließen und der Erlenbach fußhohen Schlamm abladet, wo die Bauern fast nie und ganz selten die Jäger hinkommen, da kommen die Brachvögel jeden Morgen her, dahin streichen sie jeden Abend, bis daß eines Tages immer nur einer auf die Wiesen kommt und nach Schnecken und Gewürm herumstochert. Da hinten in der Wildnis liegt, von Moor umgeben, von Gagelbüschen umsäumt, eine trockene Stelle, mit Wollgras und Heide bestockt, und mitten drin sitzt auf den vier großen, bräunlichen, dunkelgefleckten Eiern die Henne.

Das Wasser schützt sie vor dem Fuchse und ihr bodenfarbiges Gefieder vor dem Habicht und der Rohrweihe. Und wenn das Flugraubzeug dicht über sie hinwegschwebt, sie rührt sich nicht, denn hoch genug ragen die Riedhalme, um sie zu verbergen, und die schwarzen Streifen ihres rötlichgelben Rückens täuschen den scharfen Augen der Räuber trockenes Torfmoos vor, auf dem der Seggenhalme Schatten liegen. Stumm und heimlich kommt zu bestimmten Zeiten das Männchen herangeschwebt, kreist hoch über dem Neste, läßt sich weit davon nieder, hält lange Umschau, schlüpft verstohlen durch das Buschwerk und das Gestrüpp und löst die Henne ab, die sich still von dannen stielt und sich erst weit vom Neste in die Luft erhebt. Treulich brütet der Hahn, bis das Weibchen seinen Hunger gestillt und sein Gefieder geordnet hat, und erst, wenn es sich wieder dem Neste naht, schlüpft der Hahn von dannen und geht auf die Würmersuche, immer sorgsam achtend, ob nicht irgendein Feind sich nahe. Ist das der Fall, so erklingt sein Warnruf quäkend über das Bruch, und es erschallt sein Angstpfiff, und fest drückt sich die Henne auf ihr Gelege, bis die Warnrufe verklingen und sie den Kopf wieder heben darf.

Die bunten Eierschalen springen auseinander. Vier graugelbe, braunschwarzgefleckte Junge zirpen unter der Henne herum, ordnen mit dem kurzen, leicht gekrümmten Schnäbelchen das wollige Gefieder und wagen sich in das verfilzte Dickicht von Heidekraut und Wollgras hinein. Ihnen voran schreitet die Alte, leise lockend, und führt die Kleinen von dem Nistorte fort. In dem dichten, mannshohen Gewirre der Gagelbüsche sind die Jungen sicher; das dichte Blattwerk schützt sie vor den spähenden Augen von Rohrweihe und Habicht, Mooreule und Krähe, und das dürre Geäst und das trockene Gras macht es Fuchs und Iltis unmöglich, sich lautlos zu nahen. Ein Gewimmel von Mücken, Stechfliegen und Gelsen schreckt alle ab, sich in das Dickicht zu wagen, und selbst das Großwiesel meidet sie.

Die Gagelbüsche wachsen jeder für sich und bilden eine Bülte neben der anderen, und zwischen ihnen zieht sich ein Irrgarten schmaler Steige hin, bald offen, bald von Riedgras überhegt, bald trocken und von zartem Mulm erfüllt, bald feucht und morastig und von Torfmoos überwuchert.

Hier wachsen die jungen Brachvögel heran. Reichliches Futter bietet ihnen die heimliche Dickung. Jede Lache wimmelt von Mückenlarven, in allen Torfmoospolstern stecken die feisten Larven der blinden Fliegen und Bremsen, und der Morast ist gespickt mit den fetten, lang geschwänzten Maden der Schlammfliegen. Überall huschen Spinnen, kriechen Räupchen, krabbeln Käfer, flattern Motten, und da, wo am Ufer des Erlenbaches die Kalla mit ihren fetten Blättern den mannstiefen Schlamm überzieht, wo gewaltige Dolden ihr krauses Blattwerk über den nassen Boden spreizen, da kriechen die klebrigen Bernsteinschnecken in Menge, da ist jede Lache, jedes Wasseräderchen zwischen den moosigen Wurzeln erfüllt von allerlei schwimmendem und kriechendem, fliegendem und schwirrendem Geschmeiß.

Niemals kommt ein Mensch dahin, und selbst der Jagdaufseher meidet den Ort, seitdem er einmal bis an den Hals in den Moder sank; einzig allein Rohrsänger und Pieper, Zaunkönig und Rohrammer schlüpfen dort herum, und ein alter Rehbock mit hohem, weitem dunkelbraunen Gehörn und eisgrauem Gesichte nimmt dort Stand und warnt mit dröhnendem Basse, wenn der Wind die Witterung von Mensch oder Hund heranträgt. Ab und zu verirrt sich vom Flusse der Fischotter hierher, aber die Mücken und Gnitten plagen ihn zu sehr, und so schleicht er immer schnell wieder von dannen. Selbst im hohen Sommer, wenn die Sonne das ganze Bruch austrocknet, steht hier in der Senkung das Wasser, und so ist immer Ruhe und Frieden hier; auch der Kuhhirt bleibt hier fort, denn dürftig und ungesund ist die Weide, und zu gefährlich ist der grundlose Boden für das Vieh.

Oben im Bruche klingen die Sensen zum zweiten Male. An den trockenen Stellen im tiefen Gagelmoore schmückt sich die Moorheide mit rosigen Glöckchen. Die jungen Brachvögel sind flugbar geworden und üben in der ersten Morgenhelle die Schwingen, immer von den Alten umkreist, auf deren Warnruf sie jäh zu Boden schießen und in der Undurchdringlichkeit der Gagelbüsche verschwinden, wo sich das flügge Birkwild verbirgt und der alte Bock schon im zehnten Jahre der Bemühungen des Jägers spottet. Ganz selten nur sehen die Bauern einen der sechs Brachvögel, aber der Jagdaufseher, der in der Mondnacht über die Wiesen kommt, hört sie hoch über sich flöten und locken.

In einer warmen Augustnacht, als er sich zur Frühpirsch rüstet, hört er sie wieder pfeifen. Unaufhörlich pfeift es hoch oben in den Lüften, Hunderte von Brachvögeln sind es. Von weit und breit haben sie sich mit ihren Jungen zusammengeschlagen, Finnländer, Sibirier, Dänen, Ostpreußen, Pommern, Ostfriesen, Holländer. Als der Jagdhüter im Morgengrauen durch die Feldmark auf der Geest schleicht, um den Feisthirschen aufzupassen, die Nacht für Nacht im Buchweizen stehen, pfeift es rings um ihn und verschwindet lockend und pfeifend in der hohen Heide, und in dem unsichtbaren Schwarme ist auch das Brutpaar mit seinen Jungen, das unten im Bruche am Erlenbache brütete.

Die Nächte durch wandern die Schwärme der großen Vögel, tagsüber liegen sie auf freiem Feld, suchen Schnecken und Würmer und geben acht, daß kein Mensch auf Büchsenschußweite sich nähert. Naht sich ein Mensch oder ein Hund, dann steht dar ganze Trupp auf und streicht laut klagend ab und fällt erst wieder ein, wo freies, weites, menschenleeres Feld ihm sichere Rast bietet, und nur, wenn dicker Nebel auf der Flur liegt, fühlen sie sich sicher und lassen den Menschen näher herankommen.

So kommt es, daß sie der Jäger selten erbeutet, wenn es nicht aus dem Schirm auf der Birkhahnbalz oder von der Krähenhütte aus geschieht, denn der große Brachvogel raset auf den Uhu so scharf wie die Krähe. Auch auf dem Zuge droht ihm wenig Gefahr, da er zu vorsichtig ist und zu hoch fliegt, so daß er von den Massenmördern am Mittelmeer und auf dessen Inseln recht selten erbeutet wird, und selbst in der Winterherberge in Afrika meidet er den Jäger und kommt ihm nur selten schußgerecht. Die Umänderung der Moore zu Weiden und Wiesen, die andere Vögel, zum Beispiele die Heerschnepfe, beeinträchtigt, kommt ihm sehr zustatten, denn er ist ein ausgesprochener Grünlandsmoorvogel, und da auch Hühnerhabicht und Wanderfalke, die einzigen unserer gefiederten Räuber, die dem erwachsenen Brachvogel gefährlich werden können, recht selten geworden sind, so ist für ganz Norddeutschland festgestellt, daß sich dieser stolze Vogel seit zwanzig Jahren bedeutend vermehrt hat, eine Tatsache, die jeden Freund der Tierwelt um so mehr freuen kann, als sie neben der Zunahme des Schwarzspechtes den einzigen Fall darstellt, daß ein großer, schöner und unschädlicher Vogel bei uns häufiger geworden ist.

 

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