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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Die Sumpfhühnchen

Vom Herbste bis in den Frühling hinein steht das Luch unter Wasser, eine Zufluchtsstätte für allerlei gefiedertes Volk bildend, das auf der Südlandsfahrt oder auf der Nordlandsreise hier Rast macht, vom Schwan bis zur Tauchente, vom Seeadler bis zum Zwergfalken.

Späterhin trockenen Wind und Sonne es größtenteils aus, doch bleibt der Boden immer noch so lose und morastig, und so viele Lachen und Kolke stehen an den tiefen Stellen, und so viel Schlamm und Schlick bedecken es, daß der Mensch ihm ferne bleibt, zumal vom Mai bis in den Spätsommer hinein, wo das stechende Geschmeiß in hellen Haufen über ihn herfällt, und in den Weidichten die Luchhexe, das scheußliche Unweib, lauert, um ihn anzupusten und ihm das Wechselfieber mit auf den Heimweg zu geben.

Darum ist das unheimliche Luch eine heimliche Stätte für allerlei Getier, das dem Menschen gerne weit aus dem Wege geht. Dort hat der Otter seinen Bau, schleicht der Nerz noch umher, bergen sich Iltis und Fuchs. Die beiden Dommeln brüten dort noch, die Wildgans und der Kranich, dort fischen in dem braunen Wasser, das so müde und faul dahinschleicht, Reiher und Schwarzstorch, bauen auf den schwimmenden Inseln, die die Wasserschere auf den Kolken bildet, die Moorschwalben ihre Nester, schaukelt die Rohrmeise dahin, geistert die Mooreule umher, und bebt die Luft abends von dem Geplärre der Frösche, dem Geklingel der Enten und dem Gemecker der Himmelsziegen.

Mitten in dem Luche liegt ein unheimliches Gewässer, der Überrest eines gewaltigen Sees, der nach der Eiszeit die ganze Bodensenkung ausfüllte. Schwimmendes Grasland rahmt es ein, auf dem die Bulte von Riedgras, Binsen, Weidenbüsche und Erlgestrüpp mit den Horsten des Kunigundenkrautes und der Riesenwolfsmilch ein Verhau bilden, wie geschaffen für Geschöpfe, die es lieben, ihr Leben im verborgenen zu führen. Hier, wo es von Schnecken, Motten, Grashüpfern, Käfern und allerlei Larven wimmelt, verbringen seltsame Vögelchen die schöne Jahreszeit, heimliche Wesen, die den Schatten der Weidenbüsche lieben, die drei Sumpfhühnchen, winzige Tiere, das stärkste von Starengröße, die beiden anderen Lerchen gleichkommend, Geschöpfchen, bis auf die größte Art, das Tüpfelhühnchen, kaum dem Jäger bekannt, der sich den Kopf darüber zerbricht, was das wohl für Tiere sein mögen, deren helles Pfeifen und Quieken er um sich herum hört, wenn er in der Dämmerung dem Bocke aufpaßt, der in dem Luche seinen Stand hat.

Denn erst um die Zeit, wenn die Sonne hinter dem Walde entschwindet und die Nebelfrauen über dem See ihren Reigen tanzen, fangen die Zwergrallen an, so recht aufzuleben. Dann huscht es hier und schlüpft es dort, rennt eilfertig dahin, klettert emsig dort, und überall raschelt und pfeift und quiekt es. Da, wo die Riesenwolfsmilch ihre mannshohen Stauden emporreckt, tritt ein schlankes Hähnchen heraus, krumm und geduckt, vorsichtig späht es umher und wird auf einmal so gerade wie ein Pfahl. Heftig wippt es mit dem Stummelschwänzchen, immer länger streckt es den Hals, läßt die Flügel hängen und stelzt, einen starken Doppelruf ausstoßend, dahin, wo unter den breiten Blättern des hohen Ampfers ein Weibchen eifrig dabei ist, die langschwänzigen Larven der Schlammfliegen aus den Moospolstern zu zupfen.

Ein hübsches Kerlchen ist der Hahn mit seinem gelben, rotabgesetzten Schnäbelchen, den dunklen Schmuckbinden dahinter, der hellgrauen Kehle und dem porzellanweiß getüpfelten Obergefieder, und trotz seiner Winzigkeit von so stolzer Haltung, als sei er und nicht sein Halbvetter, der Kranich, der da hinten im Moore der Sonne seinen Gruß nachruft, der Herr des Luchs, und alles müsse weichen, nahe er sich. Noch straffer reckt er sich, denn aus den Seggenbüschen tritt, stolz wie er selber, ein ähnliches Wesen, wird aber sofort ganz krumm und wendet hastig, sowie es ihn erblickt, denn das Mittelkrallenhähnchen weiß, daß mit dem Tüpfelsumpfhahn nicht zu spaßen ist, und rettet sich schnell in das Grasdickicht hinein. Der andere aber schreitet weiter, herrisch das Weibchen anrufend, das so tut, als verstände es nicht, was er meine, um, wie der Hahn schon dicht bei ihm ist, plötzlich in den Weidenbüschen unterzutauchen, und nun gibt es eine wilde Jagd, so hastig, so toll, als wenn ein Hermelin eine Ratte jagt, bis, als das Hähnchen schon meint, es sei am Ziele, irgendwoher ein Nebenbuhler da ist. Steif stehen sich beide gegenüber, eine Weile sich messend, ab und zu rufend, und sich langsam näherrückend, bis die Eifersucht sie schließlich gegeneinander stößt und es ein gefährliches Gefecht setzt, einen Kampf mit viel Schnabelgehacke und Fußgeprügel und Gezeter und Geflatter, aus dem das eine Männchen sich schließlich plusterig und flügellahm rettet und zusieht, ob es anderswo mehr Glück hat.

Überall, wo eins der Weibchen herumstöbert, setzt es solche Kämpfe ab, und sie werden von der winzigen Mittelralle und dem noch niedlicheren Zwerghühnchen genau so ernst genommen wie von dem Tüpfelhuhne, und des Gezänks und Gezeters ist kein Ende, bevor die Hennen nicht auf den Eiern sitzen. Sie verstecken sie sehr sorgfältig, denn es gibt Liebhaber genug dafür im Luche, und für die Jungen erst recht. Darum baut die Henne im dichtesten Gestrüpp, wenn irgend möglich dort, wo Wasser es umgibt, und so verborgen, daß selbst die helläugige Weihe es nicht findet, die auf Vogelgelege so erpicht ist, zumal die Eier so gefärbt sind, daß sie mit dem Untergrunde völlig zusammenfließen. Sobald die Jungen aber ausgefallen sind und ihre Daunen getrocknet haben, verschwinden die winzigen, schwarzen Knirpse und schlüpfen wie Spitzmäuschen so flink in das allerverworrenste Gekräut, wo ihnen sogar die Rohrdommel, die heißhungrige, nichts anhaben kann, und selbst die dicken Frösche nicht, denen nichts heilig ist, was sie hinabwürgen können, und einzig und allein das Hermelin und die Wasserspitzmaus sind es, die ihnen Not bringen und einige davon erwischen. Doch jede Henne führt acht bis zehn Kücken und so fehlt es Jahr für Jahr nicht dem Luche an den heimlichen Vögelchen, die niemand sieht und keiner kennt, selbst die besten Vogelforscher nicht, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, die Vögel zu beobachten.

Es ist ja auch nicht so einfach, sie zu belauschen, und das meiste, was wir von ihnen wissen, verdanken wie dem Pfarrer Brehm und den Landwirte Naumann, den Vorkämpfern der wissenschaftlichen Vogelforschung in Deutschland, die Zeit, Mühe und Gesundheit daranwandten, in Sumpf und Moor Tage und Nächte zu verbringen, um die heimlichsten unserer Vögel zu beobachten, die da leben, wo auf morastigem Boden das Gekräut undurchsichtige Dickichte bildet und die Luft erfüllt ist von stechendem Geschmeiße, und von dem der Mensch nicht nur Beulen und Blasen geschenkt bekommt, sondern auch das böse Wechselfieber mit Schüttelfrost und kaltem Schweiß im Gefolge.

Und so ist es recht wenig, was wir von den Zwergrallen wissen, und gehen wir durch die Museen, so finden wir zumeist nur die größte Art, das Tüpfelhuhn, dort im Balge vertreten; die beiden anderen Arten aber glänzen durch Abwesenheit. Auch über ihre Verbreitung in Deutschland und weiterhin wissen wir nur Ungenaues. Das Tüpfelhuhn wird ab und zu bei der Jagd auf Jungenten von Hunden aufgestoßen und kommt so zu Schusse, auch auf der Hühnerjagd, wenn es auf dem Zuge in den Kartoffeln oder Rüben sich versteckte, von dem Jäger erbeutet, aber die wenigsten Jäger wissen, was das für ein Vogel ist, den ihnen der Hund bringt, und raten zwischen Star und Steppenhuhn herum. Auf die Mittelralle und das Zwerghühnchen macht der Jäger aber kaum einmal Dampf, weil er diese lerchengroßen Rallchen kaum beachtet, und da sie ein so verstecktes Leben führen wie Maus und Ratte, so sind diese fesselnden, eigenartigen und so reizend gefärbten Erscheinungen unserer Vogelwelt uns unbekannter in ihrer Lebensweise als Kondor und Kiwi.

Wir wissen nicht, wie sie ihr Gefieder verfärben, kennen den Übergang vom Dunenkleide zum Altersgewande nicht, haben keine Ahnung davon, ob sie auf dem Zuge sämtlich in Südeuropa bleiben, oder ob sie trotz ihrer erbärmlichen Flugwerkzeuge das Mittelländische Meer überfliegen, und was über ihr Benehmen und ihre Nahrung in den Büchern steht, das ist zumeist durch Beobachtung an gefangen gehaltenen Stücken gewonnen.

Und so leben in Deutschlands Lüchen und Brüchen noch zwei Vogelarten, die niemand kennt.

 

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