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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Der Mäusebussard

Südwestwind geigt in der breiten Krone der knorrigen Feldeiche, die unterhalb des Waldes auf dem Anberge steht. Eine mächtige Lößschicht bedeckt dort den strengen Kalkboden; Heidkraut überzieht die Blößen, Sandrohr bildet dichte Horste vor der dicken Hecke aus Schlehen, Weißdorn und Rosen, die sich an dem Bache entlang zieht, und über den das Schlingwerk der Waldrebe tief hinabhängt.

Auf dem untersten Aste der Eiche sitzt der Bussard. Es ist einer seiner Hauptanstandsplätze, dieser Ast. Der Löß ist warm und trocken, in der Feldmark ist es kalt und naß; darum sind hier am Vorberge immer mehr Mäuse als im Felde, zumal es an Futter dort nie mangelt. Eicheln und Buchnüsse liegen dort im Heidkraut und die Samen des Sandrohres, auch Schlehen, Mehlfäßchen und Hagebutten, und die Heidnarbe fängt den Fichtensamen auf, den der Wind von der Waldkante hierher jagt.

An dem vermoosten Erlenstock raschelt das fuchsrote Winterlaub des Farnbusches. Eine rötlichgraue, schwarzgestriemte Brandmaus huscht hervor, fährt wieder zurück und springt mit langen Sätzen in das Heidekraut. Dort huscht sie hin und her, und jetzt macht sie Halt; sie hat eine Eichel gefunden. Ritzeratz, raspeln die Nagezähne ein Loch in die Schale. Aber weiter kommt das Mäuschen bei dem Male nicht. Lautlos läßt sich der Bussard von dem Aste fallen, bis er dicht über der Maus ist, und dann lüftet er die Schwingen, wirft die Griffe nach vorne und faßt die bunte Maus. Ein feiner Pfiff ertönt, aber kein zweiter. Der Bussard langt sie mit dem Schnabel auf, schlingt sie hinab, schüttelt sich und nimmt wieder seinen Lauerplatz ein.

Es dauert nicht lange, da kommt von dem Stechpalmenbusche unter der dicken Buche eine Waldmaus angehopst. Sie will nach dem Bachufer; sie kommt aber nicht so weit. Wieder läßt sich der Bussard hinabfallen, und das Mäuschen verschwindet in seinem Rachen. Das geht noch mehrere Male so, und zwei Feldmäuse, eine Rötelmaus und eine Zwergmaus finden in den Krallen des Räubers ihren Tod. Dann aber erhebt er sein Gefieder und streicht zu Felde, um auf einem Grenzstein aufzublocken. Dort treibt er es ebenso wie am Vorberge, und noch manche von den wenigen Mäusen, die den nassen Herbst und den schlimmen Winter überdauerten, vertilgt er.

Es kommen wieder härtere Tage. Nordostwind pfeift, die Mäuse bleiben zu Hause. Da ist Schmalhans Tafeldecker. Hungrig streicht der Bussard im Felde umher. Am Wege findet er eine Wursthaut; die stillt seinen ärgsten Hunger. Sonst ist aber nichts zu finden. Traurig blockt er, den Kopf in die Rückenfedern gezogen, auf dem Stumpfe der vom Blitze zerschellten Pappel an der Bachbrücke. Ein Flug Wildtauben kreist über dem Felde und fällt auf der Brache ein. Plötzlich flattern sie empor und stieben fort. Sie versuchen, sich zu einer geschlossenen Schar zusammenzuballen, aber der Wanderfalke, der irgendwo dort oben am Walde gelauert hat, ist schneller als sie. Laut kommt er angebraust, schlägt eine Taube, und da er sehr hungrig ist, versucht er sie zu kröpfen.

Eben ist er dabei, sie zu rupfen, da geht es über ihm: »Hiäh, hiäh,« und er bekommt einen Puff, daß er die Taube fahren läßt und entsetzt zur Seite stiebt. Sofort ist der Bussard bei der Beute. Wütend schlägt er mit den breiten Schwingen und schreit dem Edelfalken seine Katzenschrei entgegen. Zwei-, dreimal versucht der, ihn fortzutreiben, aber er ist es nicht gewohnt, zu Fuße zu fechten, und ärgerlich saust er davon. Der Bussard aber kröpft und kröpft, bis von der Taube nicht mehr viel übrig ist, und dann streicht er mit schwerem Kropfe träge rudernd dem Walde zu.

So lebt der Bussard heute wie morgen. Den einen Tag gibt es viel, den anderen wenig, den dritten gar nichts. Dann kommt ein Morgen, an dem er von seinem Lauerposten auf dem Grenzsteine einen alten Hasen erspäht, der mühsam den Graben entlang hoppelt. Wäre es ein gesunder Hase, so würde der Bussard sich nicht um ihm kümmern. Aber dieser hier ist krank. So mancher fiel über Winter und half dem Bussard über die mageren Tage hinweg. Zehn Schritte von dem Grenzsteine bricht der Hase zusammen, reißt sich aber noch einmal empor und hoppelt bis an den Graben. Er rückt nach rechts, er rückt nach links, dann gibt er sich einen Ruck, um den Graben zu nehmen, denn er will im Walde sterben, aber das bißchen Kraft langt nicht mehr dazu, und er kollert in den Graben hinein. Am Rande des Grabens sitzt der Bussard und wartet. Der Hase zappelt noch immer. Endlich hört das Zucken auf; der Raubvogel äugt umher und flattert in den Graben hinein. Es ist zwar nicht leicht, den Balg des Toten aufzureißen, aber es gelingt schließlich und gierig zieht der Bussard Wildbretfetzen heraus. Da geht es über ihm: »Urr, Err, Örr,« er bekommt einen Puff, flattert aus dem Graben, bekommt noch einen Puff und noch einen, es gibt immer mehr Gekrächze, es werden immer mehr Krähen, und da hilft ihm weder Schnabel noch Kralle, er macht, daß er in den Wald kommt, und bekommt noch manchen Schmiß mit auf den Weg.

Dieses Abenteuer hat für heute ihm alle Lust genommen, im Felde zu bleiben. Er lauert im Walde, bis er eine Maus erwischt, macht einen vergeblichen Versuch, eine Eichkatze zu haschen, und duckt sich wieder auf einen tiefen Ast, um weiter auf Mäuse zu warten. Da knallt es nach dem Berge zu. Es ist nicht das erstemal, daß der Bussard es knallen hört, und er weiß, daß oft für ihn dabei etwas abfällt. Vorsichtig, immer in Deckung bleibend, streicht er bergauf und hakt am Rande des Unterholzes auf. Unaufhörlich geht sein Kopf hin und her. Da oben am Hange taucht der Jäger auf; er geht dem Grunde zu. Sobald er dort unten ist, streicht der Bussard dem Kammwege zu. Von Baum zu Baum flatternd, kommt er bis zu der Blöße unter dem alten Buchenüberhälter. Unter der Buche liegt etwas Schwarzes, Blankes. Der Bussard reckt den Hals und späht hinab. Endlich, nach einer Viertelstunde, schwingt er sich hinab und faßt bei der Krähe Fuß, die der Jäger aus der Buche herunterholte. Sie ist mager und trocken, aber immer besser als nichts, und so bleibt von ihr nicht viel übrig.

Allmählich gibt es bessere Tage. Über Mittag kriecht allerlei Gewürm, Schnecken und Raupen im Grase, der Mäuse werden immer mehr. Da treibt es den Bussard, über dem Walde Kreise zu ziehen und seinen Ruf in das Tal hineinzuschicken. Und als ihm hier keine Antwort wird, steigt er höher, und hoch über dem Kamme, hoch über dem Lugaus der Wanderfalken auf den grauen, zerborstenen Klippen, gellt sein schneidender Schrei. Von der Talflanke kommt ihm ein Widerhall; ein Bussardweibchen kreist dort. Bald steigen und fallen die beiden Bussarde über den rotbraunen Buchenkronen und über den dunkelgrünen Wipfeln der Fichten, über den roten Buchenjugenden und den grauen Klippen, und ihr Doppelschrei übertönt den Schlag des Finken und das Lied der Märzdrossel.

In dem Fichtenaltholze steht eine schlanke, hochschäftige Fichte. In ihrer äußersten Spitze droht ein dunkler Klumpen. Ein Krähenpaar baute vor Jahren dort sein Nest. Im nächsten Jahre brütete der Habicht dort. Den schoß der Jäger ab, und seitdem horsten die Bussarde dort. Von Jahr zu Jahr ward der Horst breiter und tiefer, denn jeden April kam eine neue Schicht feiner Zweige dazu. Jetzt ist er so dicht, daß kein Schrot, keine Kugel ihn mehr durchbohren kann, und so tief ist die Nestmulde, daß die Eier und die Jungen sicher darin sind, und wenn der Sturm den Wipfel der Fichte auch noch so sehr schüttelt. Pfeift der Wind auch noch so arg, es stört das Bussardweibchen nicht. Fest sitzt sie auf den drei großen Eiern, von denen keins dem anderen gleicht; schwarzbraun ist das eine gefleckt, heller das andere gemustert, und das dritte, viel kleinere, hat fast gar keine Flecken.

Nur zwei Junge entschlüpfen den Eiern. Das eine ist taub, und die Alte wirft es über den Nestbord. Sie kann froh sein, daß sie nur zwei Gierhälse zu füttern hat. Hilft ihr auch das Männchen und versteht sie sich auf den Mauseanstand, den Maulwurfsfang und die Eidechsenjagd, es ist ein hartes Stück Arbeit, zwei hungrige Mägen zu füllen und dabei selbst bei Kräften zu bleiben. Von früh bis spät sind die beiden Alten unterwegs und schleppen alles, was sie erbeuten können, heran, Mäuse, Maulwürfe, Wiesel, halbwüchsige Eichkatzen, ab und zu auch einen Junghasen oder ein Fasanenkücken, und auch Frösche, Eidechsen, Blindschleichen, Heuschrecken, Maikäfer und Mistkäfer, und sogar eine junge Katze, die sich dummerweise in das Feld wagte, büßte ihren Vorwitz mit dem Tode.

In der Hauptsache aber müssen die Mäuse daran glauben, vor allem die Feldmäuse. Es gibt nicht viele in diesem Jahre, aber es ist unglaublich, was das Bussardpaar davon zu Holze trägt und selber kröpft. Zehn bis fünfzehn braucht jedes Junge, um halbwegs satt zu werden, und die Alten kommen mit weniger auch nicht aus. Nebenbei wird auch einmal im Walde eine Maus erbeutet oder im dämmrigen Stangenorte ein Siebenschläfer erwischt, und so mancher Hamster, der allzu verwegen die Deckung verließ, fällt den Bussarden zum Opfer, und wenn er auch noch so sehr strampelt. An der anderen Seite des Tales hat früher einmal ein leichtsinniger Jagdpächter, den Bauern zum Verdruß, Kaninchen ausgesetzt. Der hohe Lößboden ist so recht geeignet dazu, Baue darin zu scharren. Allerlei Felder liegen dort, das Gebüsch ist dicht, und trotzdem vermehren sich die Kaninchen dort nicht so wie an anderen Orten. Den alten Kaninchen können die Bussarde zwar nicht viel anhaben, aber manches Junge, das sich zu weit vom Bau fortwagte, verfällt ihren scharfen Griffen. Viertelstundenlang rüttelt der Bussard über der Kaninchensiedlung, und sobald ein Jungkaninchen in der Luzerne sitzt, saust der Räuber herab und schlägt es.

Aber auch die niedere Jagd ist ihm nicht zu gering. Gern spaziert er an dem Raine entlang und füllt den Kröpf mit Heuhüpfern, Graseulenraupen, Käfern und Schnecken. Geduldig lauert er auf dem Grenzsteine, bis die Eidechse ihr Loch verläßt. Stößt irgendwo ein Maulwurf, so harrt er so lange, bis der schwarze Kerl dicht unter der Oberfläche ist, und greift ihn durch die schwarze Erde hindurch. Auch auf dem Waldboden macht er sich zu schaffen, späht das Nest der Waldwühlmaus aus und verschlingt die Jungen, sammelt Käfer, sucht Raupen, liest Nachtschmetterlinge von der Rinde ab, und wenn ihm dabei eine tolpatschige Jungamsel oder ein aus dem Nest gestürzter junger Häher in den Wurf kommt, ihm ist es recht, er kann alles gebrauchen, was da kreucht und fleucht.

So keck er bei seinen Raubzügen jetzt auch ist, unvorsichtig ist er nie. Der Jagdpächter dieses Reviers schont ihn ja, stellt auch keine Pfahleisen, weil er ein Weidmann und kein Schinder ist, aber trotzdem weicht ihm der Bussard aus. Knallt es aber, so streicht er vorsichtig heran, und so manches Mal lohnt sich die Mühe, denn es gibt dann eine Krähe und mitunter auch das Gescheide von einem Bocke, und daran sitzt immer noch genug, mit dem ein Bussard zufrieden ist, und wäre es weiter nichts als der geronnene Schweiß oder die Milz. Kommt dann nachts dem Fuchs die frische Wundwitterung in die Nase, so findet er nichts als die Därme.

Bietet der Wald nicht genug, so ist das Feld da und das Wiesenland hüben und drüben des Baches. Da huschen Mäuse und Spitzmäuse, da hüpfen grüne und braune Frösche, da kriecht die Ringelnatter und wirft sich die Forelle über die Schotterbank. Ehe sie das Tief gewinnt, hat sie sich der Bussard gelangt, und sie schmeckt ihm ebensogut wie die Ringelnatter, die sich verzweifelt sträubte und noch, als sie schon im Kropfe verschwunden war, sich wand und drehte. Aber am liebsten jagt der Bussard zu Felde. Die Maus ist sein Hauptwild, alles andere nimmt er so nebenher; die Maus aber jagt er planmäßig, und auf hundert Mäuse, die er greift, kommt eine Eidechse oder ein Jungvogel, der im Grase herumflatterte und dem Sperber oder dem Wiesel verfallen wäre, hätte ihn nicht zufällig der Bussard gewahrt. Aber sehr geschickt ist er in solcher Jagd nicht, und nur zufällig fällt ihm ein Vögelchen zur Beute.

Der Sommer kommt heran, die Bussardbrut ist beflogen. Noch lange wird sie von den Alten gefüttert, vorerst im Walde, wo sie sich bergen und hüten kann. Ein lustiges Treiben herrscht dort vormittags. Die alten Vögel fliegen vorauf, und hintendrein flattern, noch etwas ungeschickt, die Jungen. Greift eins beim Aufhaken vorbei und poltert zu Boden, so sind sofort die Alten dabei und ermuntern es, daß es einen zweiten Versuch macht, und mit der Zeit lernten die Jungen, ebenso geschickt zwischen den Stämmen hindurch zu streichen wie ihre Eltern und sich still abzustehlen, naht sich ein Mensch.

Damit ist auch die Zeit gekommen, daß die Alten die Brut zu Felde führen und ihr die Jagd beibringen. Auf der Brache, wo es die meisten Mäuse gibt, und auf der gemähten Luzerne wird der Anfang gemacht. Stumm und steif sitzt hier ein Altes mit einem Jungen vor einem Mauseloche. Das Junge weiß nicht, worauf es ankommt, aber als in den Laufröhren etwas Graues dahinhuscht und der Alte es mit schnellem Griffe erwischt, dämmert ihm ein Verständnis, und hastig faßt es zu, als auch bei ihm eine tapprige Jungmaus auftaucht. Es glückte, und froh ob des ersten Beutestückes, kröpft der junge Bussard die Maus hinab. Zwei Wochen dauert es noch, da weiß er auch den Maulwurf zu haschen und den Frosch zu fassen, und nach zwei weiteren Wochen gelingt es ihm sogar, aus dem Fluge heraus die Blindschleiche zu packen.

Damit lockert sich das Band zwischen den Alten und den Jungen und auch zwischen den Alten selber, und jedes geht seine eigenen Wege. Nicht sehr weit kommt das eine Junge. Jenseits des Berges in der Ebene steht eine Krähenhütte. Jeden freien Nachmittag im Frühherbste sitzt darin der Jagdpächter und donnert alles herunter, was auf den Uhu haßt, den reizenden Turmfalken wie den herrlichen Gabelweih, und auch jeden Bussard. Er hat nie ein wissenschaftliches Werk gelesen, er weiß nichts von den umfangreichen Magenuntersuchungen, die auf der Staatlichen Anstalt für Land- und Forstwirtschaft zu Dahlem angestellt wurden, und aus denen sich ergab, daß der Bussard sich größtenteils von Mäusen nährt; er donnert alles herunter, was einen krummen Schnabel und scharfe Griffe hat.

An einem hellen Septembermorgen sitzt der Massenmörder und Naturverhunzer wieder in seiner Erdhütte. Vor ihm auf der Juhe bockt der Uhu. Von ferne krächzen die Krähen. Sie kommen nicht heran, denn sie wissen Bescheid. Ein Turmfalke, der auf der Stoppel Mäuse gejagt hat, gewahrt die Großeule. Mit hellem »Kikikiki« streicht er heran und neckt den Dickkopf. Es kracht, und das allerliebste Räuberchen, das gesetzlich geschützt ist, liegt blutend und zuckend im Grase. Eine Viertelstunde vergeht, da deutet der Uhu wieder an, daß Besuch kommt. Es ist einer der Jungbussarde aus dem Forst. Solch Ungestüm, wie den Uhu da, hat er noch nie gesehen. Mit höhnischem »Hiäh« haßt er auf ihn. Der Schuß kracht, und mit zerschmettertem Flügel stürzt er auf den Acker. Frohlockend kriecht der Schießer aus seinem Loche, ergreift den Bussard und schmettert dessen Kopf gegen einen Stein.

O, es ist ein eifriger Heger, dieser Mann. An vielen Stellen im Felde hat er Pfähle aufgestellt und darauf Eisen gebunden. Wenn er gerade Zeit hat, sieht er sie nach und freut sich über alles, was er verendet oder noch lebend, aber mit von den Bügeln der Falle zerschmetterten Läufen darin findet. Meistens sind es die Eulen, Waldohreulen, Waldkäuze, auch die allerliebsten Steinkäuzchen, alles nützliche Räuber, die zu fangen nach dem Gesetze verboten ist. Aber was kümmert das den Schießer? Wo kein Kläger ist, ist kein Richter. Und in einer solchen Falle fing sich der zweite Jungbussard. Zwei Tage lang hing er mit zersplitterten Läufen in den Bügeln und flatterte verzweifelt, bis er langsam unter schrecklichen Schmerzen verendete. Mit Befriedigung löste ihn der Jäger aus, und sehr froh war er, als er in dem Kropfe des Bussards ein Flöckchen Hasenwolle fand. Zu Hause setzte er sich hin und schrieb eine Postkarte folgenden Inhalts an seine Jagdzeitung: »Der scheinheilige Bussard. Gestern fing ich einen Mäusebussard im Pfahleisen, der Hasenwolle im Kröpfe hatte. Da sieht man wieder, was es mit der vielgepriesenen Nützlichkeit der Bussarde auf sich hat. Bei mir wird fortan keiner pardoniert. Tod allem Raubzeug und Weidmannsheil allen Raubzeugfängern.«

Der Bussard hätte keine Hasenwolle im Kröpfe gehabt, wenn der Jäger besser nachgesucht hätte. Am Tage, bevor sich der arme Bussard fing, flickte der Jäger eine Hasen an. Sein schlecht abgeführter Hund verlor bald die Fährte, weil er hinter einem gesunden Hasen herhetzte. Der angekratzte Hase ging bald ein, und der Bussard fand ihn und machte sich darüber her.

So liegt es fast immer, wenn ein Bussard Hasenwolle oder Huhn- oder Fasanenfedern innehat. Aber es wird noch lange dauern, bis das Schießertum sich davon überzeugt, daß der Bussard der Jagd so gut wie gar nicht schadet und daß der Jäger, der einen Bussard fängt oder schießt, sich damit selbst als Dummkopf hinstellt.

 

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