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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Das Feldhuhn

Viel zu lange hält der Winter in diesem Jahre an. Am ersten November trat er die Herrschaft an und hielt das Zepter in harten Händen. Unerbittlich war er; kaum einmal erlaubte er der Sonne, die Schneedecke von dem Felde fortzunehmen, und wenn es geschah, dann blies der Frostwind den nächsten Tag, und eine Eiskruste bildete sich auf dem Acker.

Erbärmlich ging es den beiden Völkern Feldhühner, die im Herbste übriggeblieben waren. Das eine war stark beschossen worden; zwölf Stück zählte es, mit der Hälfte ging es in den Winter. Ein halbes Dutzend Gelthühner, denen im Mai die Gelege ausgemäht waren, schlug sich dazu und wurde nach mancher Beißerei endlich in das Volk aufgenommen, aber jetzt zählt das Volk nur noch fünf Stück, und die meisten davon sind Althühner; die jährigen Hühner sind bis auf einen jungen Hahn verschwunden.

Denn zu bitter war der Winter und zu lang. Wochenlang war die Schneedecke so hoch und so hart ihre Kruste, daß kein Scharren und Picken half. An den Hecken und an den Rainen, wo ein Halm und ein Stengel den Schnee durchbrach, suchten die Hühner halbverhungert nach Samenkörnchen im Schnee oder pickten springend und flatternd die Früchte von den Rispen, mit den Spatzen, Haubenlerchen und Goldammern lungerten sie auf der Landstraße, den Pferdemist durchstöbernd, in der Morgendämmerung strichen sie bis vor die Scheunen, wo der Ausputz lag, der vom Dreschen übrigblieb, und krochen am hellichten Tag mitten in den Gärten des Dorfes umher.

Eine Junghenne, die vor Hunger so schwach war, daß sie die Flügel nicht mehr trugen, riß der Fuchs über Nacht; eine andere, deren Schwingen Glatteis verklebt hatte, griff ein halbverhungerter Bussard, ihr den Hungertod ersparend. Einen Junghahn packte im Bauerngarten die Katze, als er, vor Hunger und Schwäche blind, gegen das Backhaus anstrich und matt in den Schnee flatterte. Ein anderer fror fest und wurde von den Krähen totgehackt. Eine Henne blieb unter den Zähnen des Hermelins, einen Hahn nahm der Iltis mit, und den siebenten griff der Sperber. Nicht besser ging es dem starken Volke; mit dreiundzwanzig Köpfen ging es in den Winter; zwölf Stück bestanden ihn.

Eine jammervolle Zeit war es. Hungrig strichen die Hühner hin und her; wo sich im Schnee ein dunkler Fleck zeigte, wo der Wind einen Fußbreit Boden blankgefegt hatte, fielen sie ein und füllten ihre Mägen mit dürrem Grase und welken Wurzeln. Den Mist, den der Bauer auf das Land fuhr, suchten sie ab, so schlecht ging es ihnen, auf dem Teiche pickten sie an den eingefrorenen Fischen und am Luderplatze an dem beinhart gefrorenen Pferdekadaver herum, als wenn sie Krähen wären.

Aber am schlimmsten war es, wenn die Sonne eine Woche lang nicht zu sehen war, Tag für Tag der Wind heulte und den Schnee über die Felder blies, auch die letzten Unkrautstengel und Grashalme begrabend. Drei Tage lang lagen die Hühner dann, dicht aneinandergedrängt, unter dem Schnee, und verschnaufte der Wind, dann konnten sie hin und her streichen, soviel sie wollten, ohne etwas zu finden, das nicht weiß war, als den Pferdemist auf der Landstraße. Als dann im Hornung die Sonne mehr Gewalt bekam, wurde es auch noch nicht besser; wochenlang pfiff der Wind von Morgen und litt es nicht, daß die Sonne den Schnee auftaute. Wären die Hasen nicht gewesen, die hier und da gescharrt hatten, so daß die Hühner an die Saat konnten, und in deren Lagern sie sich zusammendrängten und vor dem Winden schützten, keins von ihnen wäre durch den Winter gekommen.

Erst spät im Frühjahr fing es langsam an umzuschlagen. Auf den hohen Äckern ging der Schnee fort. Die Saat wurde frei, die Brache zeigte sich, und die Hühner fanden wenigstens etwas für ihre Schnäbel. Wenn über Mittag die Sonne stark schien, kroch hier und da schon am warm gelegenen Raine ein Käfer, krabbelte eine Fliege im Grase umher, ließ sich eine Larve aus dem Fallaube unter der Hecke hervorscharren, und allerlei Sämereien fanden sich in der angeweichten Erde. Nicht mehr so dünn und hungrig lockten nun abends und morgens die Hähne; Hoffnung und Zuversicht klang aus ihrem Rufe.

Von Tag zu Tag wurde der Ruf der Hähne lauter, und er bekam eine andere Färbung; Eifersucht lag darin. Der Streit um die Hennen begann. Steil aufgerichtet, das braune Schild zeigend, stand ein Junghahn in der Saat und rief im herrischsten Befehlshabertone. So lang rief er, bis eine Henne dem Befehl gehorchte und heranschnurrte. Liebestoll schwirrte er ihr entgegen, aber sie duckte sich und rannte leise glucksend davon, und als er gar zu stürmisch wurde, strich sie ab.

Der Hahn strich ihr nach, aber die Henne hatte sich gedrückt. So rief er wieder, ein Dutzend Male. Da konnte sie nicht widerstehen und gab ihm ein sanftes Echo, und als er weiterrief, trippelte sie ihm entgegen, denn zu hübsch sah er aus, wie er dastand, schlank und schnittig. Und dann, als er so verliebt nickte und mit gespreizten Flügeln und gefächertem Schwanze, der wie eine rote Flamme über der grünen Saat leuchtete, zärtlich knurrte, da kam sie noch näher. Aber da erscholl am Raine ein harter herrischer Ruf.

Hochaufgerichtet stand dort der alte Hahn. Die Sonne schien auf das tiefbraune, hellumrahmte Schild, und vornehm nahm sich die blaugraue Brust aus. Unwirsch rief er die Henne heran, aber sie gehorchte nicht, denn zornig befahl ihr der junge Hahn, bei ihm zu bleiben. Als der Althahn sah, daß sein Befehl unbefolgt blieb, strich er mit heiserem Ruf wütend heran und stob vor das Paar hin, daß die Ackerkrume pulverte.

Ängstlich duckte sich die Henne, der Junghahn aber hielt stand. »Garräh« schrie ihm der alte Hahn entgegen; »Girri« antwortete er ihm. Ein Dutzend Male klang der Ruf und Widerruf, und dann stürzte sich der alte Hahn auf den jungen, kreischend vor Wut. Zu einem grauen Federballe, der wild hin und her wirbelte, verschmolzen die beiden Hähne, trennten sich, standen hochaufgerichtet da, jappten, riefen wieder, stürzten sich abermals aufeinander, bissen und kratzten, daß Staub und Roggenblätter und Federn flogen, machten noch eine Pause, rannten wieder gegeneinander an, bis schließlich der junge Hahn, geschunden und zerkratzt und mit drei zerknickten Schwungfedern, das Feld räumte und abstrich.

Höhnisch rief ihm der alte Hahn seinen Siegesruf nach. Dann erquickte er sich an einigen Käfern und ging daran, sein Federkleid wieder in Ordnung zu bringen, das bei dem Kampfe ruppig und struppig geworden war. Gerade war er dabei, das braune Schild zu ordnen, da kam hinter den Weißdornbüschen am Grabenrande ein brauner Schatten angeschwenkt, strich dicht über die Saat, und ehe der Hahn zur Besinnung kam, hatte ihm der Habicht seine Krallen in den Rücken gedrückt und trug ihn hinweg. So war die Henne allein. Als dann am Abend der junge Hahn wieder Mut bekam und seinen Liebesruf über das Feld klingen ließ, gesellte sie sich zu ihm und gab sich ihm zu eigen, und da die anderen Hähne sich inzwischen alle beweibt hatten, wurde das Paar nicht mehr auseinandergebracht.

Nur im Felde durfte es nicht bleiben, denn das behaupteten die alten Paare. So siedelte es sich am Rande des Feldes an, wo die Heide begann, und lebte lustig und fröhlich den April über, bald im Felde, bald in der Heide, auf deren Blößen es sich im weißen Sande badete, wenn die Federläufe zu arg kribbelten. Das Paar fand es bald heraus, daß es sich in der Heide besser lebte. An Nahrung gebrach es nicht, denn viel Gewürm und Sämereien gab es dort, es war ruhiger als im Felde, wo alle Augenblicke ein Mensch über die Koppelwege ging, oder ein Hund umherstöberte, und das hohe Heidekraut gab einen besseren Schutz vor Habicht und Fuchs als Saat und Klee.

Aber als die Henne fühlte, daß sie liegen mußte, da trieb es sie doch wieder zu Felde; alle ihre Ahnen hatten im Felde gebrütet. Das Kleestück gefiel ihr, da wo der Klee am geilsten stand, kratzte sie sich eine Delle, fütterte sie etwas mit alten Stengeln aus und begann zu legen. Schon lagen drei Eier im Neste, da kam der Bauer, mähte Kuhfutter, und als die Henne zurückkam, lagen die Eier blank und bloß da. So ungemütlich es ihr war, auf dem ausgemähten Gelege zu sitzen, so tat sie es doch, als sie aber wieder einmal von der Futtersuche zurückkehrte, fand sie nur noch die leeren Schalen vor; die Krähen hatten das Nest gefunden und die Eier ausgefressen.

Nun scharrte sie sich in der Wiese eine Nestmulde, aber kaum war sie damit fertig, da kam ein Mann an, warf die Maulwurfshaufen auseinander und schüttete eine Schaufel Erde über sie. Entsetzt stob sie ab und strich in die Heide, und da Legenot sie plagte, scharrte sie sich zwischen hohen Heidebüschen schnell eine kleine Vertiefung in den Mulm und legte dort. Der Hahn hielt sich meist in der Nähe, und wenn eine Gefahr drohte, warnte er und strich ab. Gestört wurde die Henne nicht mehr, und bald hatte sie ihr Gelege vollzählig; es bestand nur aus sechs Eiern. Ende Mai schlüpften sechs gelblich-graue, schwarzgestriemte Kücken aus. Als die Mutter sie erwärmt und getrocknet hatte, führten die Eltern die Kleinen nach dem verwachsenen Altwege, wo das Pfeifengras dicht und hoch den anmoorigen Boden überragte.

Da war es gut zu leben. Der Boden war besät mit Grassamen und Heidekrautfrüchten, unzählige Käfer, Spinnen und Räupchen lebten im Mulm und Moose, guten Schutz gab die hohe Heide und das dichte Brombeergebüsch am Grabenrande, und an sehr heißen Tagen bot die Wiese Kühlung. Einmal versuchte der Maulwurf eines der Jungen zu fassen, aber Hahn und Henne fielen über ihn her und setzten ihm mit ihrem Schnäbeln so zu, daß der schleunigst in die Erde verschwand und die Elster hatte auch kein Glück, denn so wie sie sich blicken ließ, warnten die alten Hühner, und die kleinen verschwanden spurlos im Heidekraute und unter den Brombeerranken, und als ein Spitz hinter ihnen herschnüffelte, stellte der Hahn sich lahm und lockte den Hund beiseite, und unterdessen führte die Henne die Jungen in die Heide hinein.

Als die Hühnchen schon etwas herangewachsen waren, zogen die Alten mit ihnen etwas weiter fort, wo vor dem Walde eine grasige Trift war, aus der sich vom Vieh verbissene, dichte Dornbüsche erhoben. Dort hatten die Rasenameisen in den Heidekrautbüschen und Grasblüten hohe Haufen gebaut, und die waren vollgestopft mit Larven und Puppen. Nur ein wenig Scharren war nötig, und sofort rieselten die weißen Larven und gelben Puppen heraus, und die Hühnchen pickten und schluckten, bis sie nicht mehr konnten. Außerdem fraß in den Eichen der Wickler, der Boden war besät mit Räupchen, die der Wind herabgeworfen hatte; das war auch ein gutes Futter, und überall im Grase lebte und webte es von Heuhüpfern und anderem Geziefer.

Habicht und Sperber ließen sich dort nicht blicken, denn in einer Ecke der Trift waren fast immer die Hütejungen mit dem Vieh; an das Schreien und Peitschenknallen hatten die Hühner sich bald gewöhnt. Wenn sich ein Feind blicken ließ, so warnte die Amsel, der Dorndreher oder die Grasmücke; die Hühnchen rannten nach den Dornbüschen und verschwanden. Ihre liebste Stelle war der Waldrand. Da spreizten sich dichte Schlehdornbüsche über einen breiten Graben, auf dessen Sohle, die aus losem Sande bestand, gerade über Mittag die Sonne fiel. Da badete sich dann die ganze Familie; die kleinen Hühner scharrten den Sand auseinander, legten sich auf die Seite, schlugen mit den Flügelchen, bis sie ihr ganzes Gefieder eingestäubt hatten, blinzelten nach den Hummeln, die vorbeibrummten, aber wenn der Hahn, der derweilen auf dem Grabenborde Wache hielt, leise warnte, sprangen sie auf und schlüpften unter den Brombeerbusch, der seine zackigen Kanten über den Graben hängen ließ.

Durch das Leben auf der Trift gewöhnten sie sich allmählich an den Wald. Da gab es Fichten, deren Gezweig bis auf den Boden reichte und vor dem Platzregen Schutz bot; sehr viel Dorngebüsch wuchs dort, und im Fallaube und Grase war immer viel Kleingetier, selbst wenn draußen sich vor dem kalten Winde alles verkrochen hatte. So führten denn die alten Hühner ihre Brut gern in den Busch, soweit er licht war, denn vor dem geschlossenen Walde graulten sie sich; ob auch schon Jahrtausende darüber vergangen waren, seit ihre Urahnen aus den Steppen des Ostens in Hungerjahren, zu hundertköpfigen Flügen geschart, sich westlich der Weichsel angesiedelt hatten, noch immer war die Liebe zum offenen Lande wach, und zum Nachtschlafe suchten sie stets die freie Heide wieder auf.

Als die Jungen beflogen wurden, strich das Volk weiter; es trieb sich heute im Felde umher und wagte sich am anderen Tage bis auf das Moor, unfreundlich empfangen von dem Volke, das dort lebte. Das waren etwas kleinere und dunklere Hühner als die der Feldmark, denn seit langen Zeiten hatten sie sich, seitdem am Rande des Moores Äcker und Felder entstanden waren, unter sich fortgepflanzt und in der Färbung dem Untergrunde angepaßt. Aber so sehr gut bekam ihnen das Leben im Moore nicht; bei dem einen Volke waren vier hellgelbe Stücke und bei dem anderen mehrere grau und weiß gescheckte und ein ganz weißes. Keins von ihnen wurde alt; alle schlug der Habicht, denn wenn sie sich auch drückten, die helle Farbe machte sie offenbar. Bei einem dritten Volke im Moor aber war der Hahn von oben bis unten dunkelbraun, und die Hälfte der Jungen geriet auch so; diese kamen gut weiter, denn die düstere Farbe, die genau so war wie die der Torfdämme, war ihnen ein vorzüglicher Schutz.

So ganz besonders gefiel es der Kette, die am Rande der Heide aufgekommen war, nicht im Moore, und die Heide war ihr auch mehr eine Zuflucht denn ein Wohnort. Wo der Roggen, der Hafer und die Gerste in breiten Feldern standen, wo die Kartoffeln geschlossene Dickichte und die Erbsen ein undurchsichtiges Gewirr bildeten, wo der Klee bollwerkte, wo Lupine und Serradella blühten, da war ihre richtige Heimat, da fühlten sie sich, da lebten die Hühner. Nicht nur diese eine Kette war es, die in der Feldmark lag, sondern ein halbes Dutzend. Eine war darunter, die zählte zwanzig Köpfe. Der einen Henne, deren Hahn im Mai der Habicht geschlagen hatte, hatte ein zugewanderter, liebestoller Hahn, der keine Henne gefunden hatte, so zugesetzt, daß sie in ihrer Legenot in ein fremdes Nest legte, und die andere Henne brachte die fremden Eier mit aus. Aber soviel Ketten auch im Felde lagen, jede hielt sich für sich, und gelte Paare, denen die Gelege zum zweiten Male ausgemäht waren, wurden abgebissen, wollten sie sich zu einem Volke schlagen. So strichen sie hin und her, bis sie auf weitere Paare trafen, die ihre Gelege verloren hatten, und taten sich mit diesen zusammen, ein eigenes Volk bildend.

Herrlich war es im Felde, solange das Getreide stand, und als der Roggen fiel, war es immer noch schön, sogar noch schöner, denn auf der Stoppel lagen Unmengen vom Unkrautsamen, und die Frucht gab noch Deckung genug. Auch als der Hafer und die Gerste fielen, konnten sich die Hühner noch genug bergen, denn die Kartoffeln, die Lupinen und die Serradella waren noch da. Aber dann kam der Tag, und es wurde gefährlich in der Feldmark. Ein großer, weißbunter Hund stieß ein Volk heraus, und ein Doppelschuß sprengte es auseinander. Der Hund suchte Huhn auf Huhn; mochte es zuerst auch sich durch Laufen zu retten suchen, schließlich mußte es doch heraus, und wenn es aufstand, fiel es im Knall wie ein nasser Lappen auf die Stoppel oder rannte, war es geflügelt, zur nächsten Deckung und drückte sich, bis es der Hund fand und dem Jäger zubrachte.

An zwei Völker aber kam der Jäger nicht heran, an die Gelthühnerkette und an das Volk von der Heidkante. Die Gelthühner hielten den Hund nicht aus. Sie liefen in Deckung, bis sie außer Schußweite waren; dann standen sie auf und strichen so weit, daß der Jäger sie nicht im Auge behalten konnte. Es war ein alter Jäger, und er schüttelte den Kopf über die Klugheit der Hühner. In seiner Jugend, als er noch mit dem Vorderlader und dem kurz suchenden deutschen Vorstehhunde jagte, hatten die Hühner besser gehalten. Als die Hinterlader aufkamen und die weit suchenden englischen Hunde, die Pointer und Setter, sich einführten, dauerte es nicht lange, und die Hühner hielten nicht mehr so gut. Und nun waren die Repetiergewehre aufgekommen, die so weit schossen; binnen zwei Jahren hatten die Hühner den Unterschied herausgefunden und hielten zwei Tage nach Aufgang der Jagd nicht mehr.

Das Volk von der Heidkante hatte er nur einmal schußgerecht gehabt. Als es vor dem Hunde aufstand, hatte er die Flinte an den Kopf gerissen, aber gleich wieder abgesetzt und gemurmelt: »Gabelhühner!« Er hatte gesehen, daß die jungen Hühner noch keine vollentwickelten Mittelfedern in den Schwänzen hatten, also noch nicht schußreif waren. Als sie das aber waren, da bekam er sie nicht zu Schusse, denn sowie der Hund sie fand, dann liefen sie, was sie konnten, und standen sie auf, mochte es auch tief im Felde sein, immer schwenkten sie nach der Heide ab. Er suchte die halbe Heide ab, fand sie aber nicht. Als er müde und hungrig durch das Holz ging, hörte er den Hahn locken, und unwillig murmelte er »Holzböcke!«

Als die Jagd aufging und das Feld immer leerer und unruhiger wurde, hatte sich die Kette wieder der Trift und des Waldes erinnert. In der Morgenfrühe und gegen Abend lag sie im Felde, und auch wohl um die Unterstunde, wenn die Bauern zu Mittag aßen und schliefen, fiel sie zu Felde; die übrige Zeit verbrachte sie in der Heide oder auf der Trift. Mehr als einmal suchte der Jäger sie, aber er bekam sie nie zu Schusse, weil sie der Hund nicht aushielt und jedesmal, wenn sie angerührt war, spurlos verschwand, denn seitdem der Hund sie auch im Busche gestört hatte, strich sie bis in das Moor. Sie zählte jetzt zwölf Köpfe, denn vier Junghühner, der Rest einer stark beschossenen Kette, hatten sich zu ihr geschlagen.

Vor Beginn des Oktobers war der Jäger es schon leid, hinter den Hühnern, die nicht halten wollten, herzulaufen, und als die Hasenjagd aufging, kümmerte er sich gar nicht mehr um sie. Da gewöhnten sich die Hühner wieder mehr zu Felde. Deckung boten noch die Kartoffeln, aber auch damit nahm es schließlich ein Ende. Der Kette von der Heidkante war das gleich; die Heide und der Busch boten ihr Deckung zur Genüge, wenn sie im Felde die Kröpfe mit Unkrautsamen und Gewürm gefüllt hatten. So standhaft wie den Sommer über waren die Hühner nicht mehr; eine seltsame Unruhe zwang sie, entlegene Feldmarken aufzusuchen, heute in der Heide zu liegen, morgen im Moore. Meilenweit riß sie die Wanderlust fort, in Gegenden, die sie gar nicht kannten, aber schließlich zwang es sie doch wieder nach der Feldmark vor der Heidkante zurück, wo sie aus den Eiern gefallen waren, und dort lebten sie wieder ihr altes, gemütliches Leben.

An einem schönen Nachmittage, als die Hühner, durch die Jäger, die im Felde auf Hasen gesucht hatten, vergrämt in der Heide lagen, richteten sie sich plötzlich alle auf einmal empor. Ein seltsames Geräusch trug der Wind zu ihnen heran; es war, als wenn unzählige Hühner auf einmal riefen. Näher und näher kam das seltsame Lärmen, immer deutlicher konnten die Hühner es vernehmen, daß dort viele, viele ihresgleichen riefen, und doch nicht ihresgleichen, denn etwas Wildfremdes, Ungehörtes lag in dem Ruf. Aber dabei hatte er wieder etwas an sich, das die zwölf Hühner, die steif wie zwölf Pfähle im Heidekraute standen, im innersten Wesen ergriff, als wäre es ein Laut, den sie einstmals vernommen, aber ganz wieder vergessen hatten, und ihnen wurde zumute, als müßten sie dem Rufe folgen und wandern, soweit sie könnten, immer weiter und weiter.

Immer näher kam das Rufen, und es war von einem Schwirren begleitet, das immer stärker wurde. Viele goldig schimmernde Punkte strichen über die Stoppel, fielen auf ihr ein und liefen als graue Flecken weiter. Über sie hin aber strichen wieder goldene Punkte, senkten sich zu Boden und wurden zu grauen Klumpen. Jetzt schwirrte ein Flug bis zum Heidrand, fiel auf der Heide ein, wo die Hühner sahen, daß es viele ihresgleichen waren, nur kleiner und grauer und unruhiger. Hastig pickten die vordersten und trippelten voran, und die hinter ihnen waren, schwirrten auf und strichen in die Heide hinein, und die anderen folgten ihnen. Ein neuer Trupp kam an, fiel bei der Standkette ein, aber keins der fremden Hühner kümmerte sich um die Heidhühner; hastig pickend trippelten die Wanderhühner an ihnen vorüber, bis sie sich aufnahmen und fortstrichen.

Bis in den späten Abend hinein zogen die fremden Völker vorüber, alle aus derselben Richtung ziehend, alle einander gleich in Gestalt, Farbe und Schärfe des Rufes. Mitten im Felde standen die Jäger, schlugen die Hände über dem Kopfe zusammen und schimpften, daß sie keine Patronen mit Hühnerhagel bei sich hatten; sie verschossen das grobe Zeug auf die fremden Hühner, die trotz des Schießens näherkamen und zusammenhielten, wenn auch die Schüsse mehrere Stücke aus einer Kette herausholten. Erst als es dunkler Abend war, gingen die Jäger zum Dorfe und konnten nicht genug erzählen von ihrem Erlebnisse, und kopfschüttelnd besahen sie die Hühner, die sie erbeutet hatten; es waren echte Rebhühner, und doch sahen sie so ganz anders aus als die Hühner, die in der Feldmark ausgelaufen waren.

Am anderen Morgen waren die Jäger wieder da und hatten noch sechs Schützen mitgebracht. Als sie durch die Felder gingen, horchten sie, ob sie nicht wieder, wie am Tage vorher, überall Hühner rufen hörten, aber es war alles still. Sie nahmen Abstand und gingen mit den Hunden in langer Kette durch die Felder; sie suchten und suchten, aber sie fanden nur die Kette Gelthühner, und die hielt nicht; die fremden Hühner waren fort. Nach drei Tagen lasen die Jäger in der Zeitung, daß viele Meilen weiter Wanderhühner aufgetaucht und in westlicher Richtung weitergezogen waren, überall die Jäger in Verwirrung setzend.

So, wie die wandernden Völker, waren vor grauen Zeiten große Scharen von Hühnern in dieser Gegend erschienen. Die Dürre hatte sie in dem einen Jahre, früher Schneefall im anderen aus den Steppen des fernen Ostens vertrieben und westwärts gejagt. Immer weiter wanderten sie, soweit sie offenes Land fanden. Sie kamen alle um; kein einziges fand sich wieder zurück. Aber dann kam wieder ein Hungerjahr, und wieder erschienen die Wanderhühner; sie gelangten in Gegenden, wo der Mensch schon Feldbau trieb, wo er eine künstliche Steppe in dem Urwaldlande erschaffen hatte, und sie blieben wohnen und mehrten sich. Bei jedem neuen Vorstoße blieben einige Paare hier, einige dort hängen, und je mehr die Getreidesteppe den Wald zurückdrängte, je offener das Land wurde, um so besser ging es den Hühnern, und im Laufe der Jahrhunderte nahmen sie so zu, daß sie im Herbste zu Tausenden und Abertausenden geschossen werden konnten.

Erst nahmen sie das fruchtbare Weizengelände in der Ebene ein, eroberten dann auch das Hügelland, drangen auf den Sand vor und bis zum Fuße der Berge, gewöhnten sich an den Sand und an das Moor, entwickelten verschiedene Rassen, auf dem fetten Boden es zu großen, bunt gemusterten Stücken bringend, im Moore klein und dunkel, im hungrigen Sandlande klein und grau bleibend.

Wenn dann in ihrer Urheimat ein Hungerjahr den Hühnern die Flügel löste, sie zu Hunderten westwärts trieb, wenn die fremden Hühner dann mit ihrem wilden Rufe auf den Stoppeln auftauchten, dann standen die deutschen Hühner erstaunt und erschrocken da; der Ruf kam ihnen bekannt vor, es waren Hühner wie sie selber und doch anderer Art, und erschrocken flüchteten sie vor ihnen, wie das Volk an der Heidkante vor ihnen geflüchtet war.

 

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