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Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen

Hermann Löns: Aus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHermann Löns
titleAus Forst und Flur. Vierzig Tiernovellen
volume3
publisherWeltbild
isbn3-8289-0156-5
pages7-216
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050809
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Die Zwergmaus

Quer durch die wohlbestellte Feldmark, welche die Talmulde zwischen den waldgekrönten Hügeln ausfüllt, fließt ein Bach. Hier und da beschattet ein Baum seine klare Flut, und wo die Ufer steile Wände haben, bollwerkt dichtes Buschwerk, von Hopfen überklettert, von Winden durchwirkt, und bietet vielerlei Getier Unterschlupf und Schutz. Grasmücken und Sumpfrohrsänger, Laubvogel und Goldammer, Hänfling und Zaunkönig bauen dort ihre Nester.

Mitten in dem Gewirre, das die Stengel des Baldrians, die Halme des Bandgrases, die Stiele von Klette und Distel und das Rankenwerk von Hopfen, Klebkraut und Winde bilden, hängt ein Nestchen von Mannesfaustgröße, eirund in der Form, mit dem Schlupfloche seitwärts, locker aus Grasblättern gewirkt und leicht an Halmen und Stengeln befestigt. Wie eins jener Spielnester sieht es aus, die unbeweibt gebliebene, überzählige Zaunkönigmännchen sich bauen, nur ist es lockerer.

Es war kein Vogel, der diese lustige Schaukel webte, die Zwergmaus flocht es sich als Nachtherberge und Kinderwiege. Im Mai, als das Ufergestrüpp sich belaubt hatte und die Stauden ihr Blattwerk entfalteten, kletterte eine winzige, fuchsrote Maus eifrig in dem Gewirr umher, flocht hier zwei Grasblätter zusammen, drehte dort ein anderes um einen Halm, zog noch welche heran, kletterte, das Grasblatt im Mäulchen haltend, einige Male um einen Stengel, bis das Blatt festgewickelt war, zog und zerrte, bis ein Halm knickte, ein Stengel sich senkte, und schließlich war das Gebälk des Nestes fertig. Dann verschwand das Mäuschen, erschien mit einem welken Grasblatt, fügt es dem Nestgerüste ein und trieb das so lange, bis das Nest fertig war. Zum Beschlusse polsterte es die Höhle mit fein zerschlitzten, watteweichen Hälmchen aus.

Nicht den ganzen Tag arbeitete es an dem Kunstwerke herum, meist in der Morgenfrische und in der Abendkühle, wenn die Blätter geschmeidig waren. Unter Mittag war die Maus verschwunden. In dem Stamme der alten Kopfweide war ein enger Spalt, der sich zu einer kleinen Höhle erweiterte; dort verschlief sie die heißen Stunden. Nachmittags aber und späterhin kletterte sie von Halm zu Halm, von Stengel zu Stengel, hier einen Käfer greifend und ihn mit den scharfen Zähnen zerraspelnd, dort ein Räupchen hinuntermümmelnd oder ein keimendes Samenkorn zernagend. Die Graseule, die aus der Puppe schliefte, wurde als fetter Bissen mitgenommen, und das Heupferd, das ihr mit jähem Sprunge vor das ewig schnuppernde Näschen fiel, wurde gefaßt und verschwand in den hastig arbeitenden Nagezähnen.

Manchmal kam auch Besuch. Eine andere Zwergmaus, noch viel hübscher und roter als sie und bedeutend schlanker, kletterte ihr schnüffelnd und zwitschernd nach, und dann gab es ein eindringliches Beschnüffeln und Beschnuppern, dem ein zärtliches Betatzeln folgte. Aber wenn das Mäusemännchen zu frech wurde, wupps, stürzte sich das dicke Weibchen kopfüber in das Blattgewirr. Hinter ihm her plumpste das Männchen, und es entstand dann am Boden im welken Vorjahrslaube und zwischen den blühenden Taubnesseln ein gewaltiges Geschrille und Geraschel, so daß der Zaunkönig ein erbostes Gezeter erhub. Bei einer solchen verliebten Jagd geschah es dann, daß ein braunes, langes, dünnes Tier unter dem Schwarzdornbusch hervorschoß, das Männchen beim Nackenfelle faßte und mit ihm ebenso schnell verschwand, wie es erschienen war.

Aber am folgenden Tage war schon ein anderes verliebtes Männchen für das, welches das Wiesel gefaßt hatte, da, und das Geruschel und Gequieke nahm kein Ende, bis das Käuzchen, das dem scherzhaften Spiele aus der Kopfweide schon lange mit unheildrohenden Blicken zugesehen hatte, das dicke Mäuschen abermals zur Witwe machte. Aber es hatte schnell wieder einen Genossen, mit dem es sich vergnügte; doch als das Pärchen sich einmal zu unbesonnen in dem Gestrüppe über dem Kolke jagte, ließen sich beide in Todesängsten in den Bach fallen, als der Sperber nach ihnen griff. Das Weibchen rettete sich mit Mühe und Not aus der schnellen Flut. Das Männchen riß die Strömung fort, so sehr es auch kämpfte, und als es der Strudel durch das Stauwerk trieb, blitzte es silbern auf, klatschte und spritzte es, und unten zwischen dem Gebälk stand, mit dem Kopfe gegen die Strömung gerichtet und langsam die Schwanzflosse bewegend, die alte, zweipfündige Forelle und lauerte auf weitere Beute, während die dreifache Mausewitwe naß und frierend unter einem großen Pestwurzblatte saß und sich den Balg trocken leckte.

Von dieser Zeit ab gingen ihm die Freier aus dem Wege, denn sie merkten, daß es keine Zeit mehr für ein fröhliches Minnespiel im Gras und Buschwerk hatte. So schlüpfte es denn für sich allein umher, bald am Boden, im Moose und Gekraut Räupchen, Käfer und Schnecken, Knospen und Sämereien suchend, bald in den Saubohnen umhersteigend und süße Blattläuse im Mengen vertilgend, oder im Weizen auf die großen, grünen Heuschrecken pirschend, oder im Gebüsch die Blüten nach Käfern nachsehend. Mit jedem Tage wurde es dicker und bequemer, aber auch hungriger und frecher, und der goldene Laufkäfer konnte noch so böse seinen stinkenden Mundsaft um sich speien, es half ihm nichts, er mußte den ehrlich erbeuteten Maikäfer fahren lassen und eines seiner roten Beine dazu.

Dann war es einen ganzen Tag verschwunden, und als es wieder zum Vorschein kam, sah es recht schlank und elend aus. In dem Nestchen aber lagen acht winzige, nackte, rosenrote, blinde, mopsköpfige Mäuschen, die fein und dünn zirpten. Die Mutter wurde nun noch gieriger und frecher. Sie biß die viel größere Brandmaus keck von der erbeuteten Wasserjungfer ab, fing dem Frosche die Motte vor dem Rachen fort, plünderte das Hummelnest und meuchelte den jungen Hänfling, der aus dem Neste gefallen war, trotz des Gezeters der Alten. Aber sie konnte fressen, soviel sie wollte, dicker wurde sie nicht, denn acht Junge wollten gestillt sein.

Sie gediehen aber auch prächtig, die Kleinen, und bald kletterten sie am Neste herum. Der Jüngste fiel dabei gerade dem dicken grünen Frosch vor die Nase und verschwand in dessen großem, rosenrotem Rachen. Späterhin, als die Kleinen sich im Weizen erlustigten, erwischte das Käuzchen eins davon und brachte es seinen wolligen Jungen nach der hohlen Kopfweide. Ein drittes erlitt einen schändlichen Magertod, denn der Dorndreher griff es und spießte es trotz seines Gequiekes auf den Schlehbusch, wo schon sechs Mistkäfer und zwei blanke Laufkäfer zappelten. Das vierte fing der Igel. Die anderen vier aber wuchsen und gediehen, und als der Mohn im Felde sein rotes Banner entrollte, da waren die jungen Zwergmäuse schon großjährig und liebten und ließen sich liebhaben, während ihre Mutter es nicht anders trieb und bald darauf einem zweiten Gehecke das Leben gab. Nur fünf Junge waren es dieses Mal, und nur eines davon blieb am Leben. Das eine turnte so unvorsichtig auf dem Stauwerke entlang, daß die alte Forelle es sich langte; ein anderes meuchelte nächtlicherweise der Maulwurf, als er im Klee nach Raupen suchte; ein drittes hackte die Elster tot, und das vorletzte fiel der Krähe zum Opfer. Das letzte aber fing ein Mann und nahm es mit nach seinem Hause, wo er es zu einer wunderhübschen halbwüchsigen Brandmaus setzte. Als er am anderen Morgen seine Gefangenen füttern wollte, saß die Zwergmaus dick und fett in der Ecke, und die Brandmaus war zum Drittel aufgefressen.

Die anderen Zwergmäuse draußen zwischen Bach und Feld lebten gute Tage. Um Nahrung brauchten sie keine Sorge zu haben; Hafer und Gerste reiften, Weizen und Roggen bekamen Milch in die Körner, und überall krimmelte und wimmelte es von fettem Geziefer. Als dann die Sense im Felde klang, war es zwar nicht mehr so herrlich, dort zu leben, denn zu schön hatte es sich in den gelben Halmen geturnt, aber zum knabbern gab es immer noch reichlich, denn das Feld war bestreut mit Körnern, und trotz der Feldmäuse blieb für die Zwergmäuse noch genügend davon übrig, und im Uferdickicht war jetzt ein Überfluß von Früchten und Sämereien jeglicher Art.

Eines Tages aber brach das Unheil herein. Es regnete und regnete oben in den Bergen, und über Nacht schwoll der Bach, ließ seine Ufer unter sich, stieg hoch in dem Gestrüpp empor und nahm viel Feld ein. Da ging es den Zwergmäusen schlimm. Viele riß die Flut fort, und die Forellen schluckten, bis sie nicht mehr konnten. Viele Mäuse, die sich an das Land retteten, griffen der Storch und die Krähe, die Eule und der Sperber, und nur die, die rechtzeitig in die Spitzen der Büsche und in die Kronen der Kopfweiden geklettert waren, kamen mit dem Leben davon, wenn sie nicht der Sturm in das Wasser warf oder die Kälte ihnen den Tod brachte.

Sowie das Hochwasser ablief, flohen alle Zwergmäuse das gefährliche Ufer. Viele eilten nach der großen Dieme, andere suchten in der Feldscheune Unterkunft, wo es von Brand- und Waldmäusen wimmelte, und wo auch allerlei Spitzmäuse umherhuschten, wo aber auch Iltis und Igel hausten und die Schleiereule allabendlich umflog. Sonst war es aber dort auszuhalten. Hafer und Roggen lag dort in Garben, Rübensaat und Klee, und vielerlei Ungeziefer kroch in den Winkeln herum oder lag halberstarrt im Mulm. Dort verlebten die Zwergmäuse den Winter, nicht so angenehm wie den Sommer, aber doch ohne Nahrungssorge. Manche von ihnen griff das Raubgetier, andere erlagen der Mäusepest, ein großer Bestand aber hielt sich noch bis zu jenem schrecklichen Tage im Vorfrühling, der den meisten den Tod brachte und die anderen in das rauhe Märzwetter hineintrieb.

Ein gewaltiger Wagen rumpelte heran, grobe Stimmen wurden laut, alle Türen flogen auf, kalte Luft zog durch die Garben. Immer lauter wurde es in der Scheune, immer kälter zog es in die Verstecke. Dann ging ein Keuchen, Brummen und Summen los, ein klappern und Rattern. Und mit jeder Stunde wurde es weniger geheuer. Hierhin und dahin flüchteten die Mäuse, um bei Hallo und Geschrei ihr Leben unter genagelten Stiefeln, schweren Holzpantoffeln und Stockstreichen zu lassen oder unter den Zähnen der Hunde, die wie toll hin- und herliefen, um alles, was vier Beine und einen Schwanz hatte, totzubeißen.

Als dann die Garben alle leergedroschen waren und die Scheune blank war, lagen Hunderte von erschlagenen Mäusen im nassen Rasen, Brandmäuse, Waldmäuse, einige Hausmäuse, Zwergmäuse, Haus- und Feldspitzmäuse, auch einige Wasserratten und sogar ein halbes Dutzend Feldmäuse, die sich vor dem letzten Regen in die Scheune geflüchtet hatten; die Krähen konnten eine Woche lang fett leben, und der Fuchs kam jeden Abend hier heruntergeschlichen.

Im Ufergestrüpp des Baches, in der Feldhecke, in der Fasanerie und wo sonst Buschwerk war, fristeten die ausgetriebenen Mäuse mühsam ihr bißchen Leben, bis der Mai ihnen wieder bessere Tage brachte und sie sich daran machten, ihre Nester zu bauen und dafür zu sorgen, daß ihr Geschlecht erhalten bleibe.

 

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