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Aus einer Familie

Edmund Hoefer: Aus einer Familie - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorEdmund Hoefer
booktitleEdmund Hoefer's Erzählende Schriften ? Erster Band
titleAus einer Familie
publisherVerlag von Adolph Krabbe
year1865
firstpub1853
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid27c674cb
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4.

Inzwischen schritt die Genesung des Sohnes langsam aber stetig vorwärts, und eines Morgens endlich berichtete Karoline der Mutter, daß Moritz eben, wie es der Arzt vorhergesagt, erwacht und bei vollem Bewußtsein gewesen sei; nun schlafe er bereits wieder. Da lief zum erstenmal seit manchen Tagen ein freundliches, heiteres Lächeln über das sorgenvolle Gesicht der alten Frau, unersättlich fragte sie immer von neuem nach jedem Wort und Ton, nach jeder Miene und Bewegung des Sohns und beneidete fast die Tochter, die auch jetzt wie damals in der Nacht den lang Entfernten zuerst begrüßen durfte. Dann eilte sie zu ihrem Mann, zog ihn aus der Werkstatt und theilte ihm das Geschehene mit. »Und nun,« fuhr sie freudig fort, »kommst du doch mit mir hinauf, August? Er hat nach uns Beiden gefragt.«

Er schob die Mütze nach hinten und fuhr sich über die Stirn. »Du solltest mich nachgerade doch kennen,« sprach er ruhig. »Bin ich nur eines Einfalls wegen nicht hinaufgestiegen? Geschah es nicht deswegen, weil sich mein Besuch bei ihm nicht schickt und gehört? Was soll ich jetzt dort, wo es noch eben so ist wie bisher? Er muß zu mir kommen, so gehört es sich. Erinnerst du dich nicht mehr an seine sündlichen Worte damals, Abends, bevor er davon lief? Vergeben will ich sie vielleicht, vergessen aber thu ich sie nie, und er muß kommen und mit mir ernstlich reden, Mann gegen Mann. Und da wird es sich zeigen, ob wir fortan zusammen bleiben können, ob wir wieder auseinander gehen müssen. Bis dahin laß es genug sein, Mariane. Der Zeit muß man nie vorgreifen. Unser Herrgott bringt alles zu seiner richtigen Stunde.« – »Mann, du bist wie Stein!« meinte sie. – »Davon, denk' ich, solltest du schweigen,« entgegnete er, und wandte sich zur Werkstatt zurück.

Sie ging mit gefalteter Stirn in's Haus und zum Sohn, dessen zweites Erwachen sie nicht verfehlen wollte. Und da er alsdann sie gleich erkannte und so gut und milde war, wie sie es kaum gehofft, so ward ihr bitteres, trotziges Herz wieder weich und ruhig, und ihre Augen füllten sich mit hellen Freudenthränen. Sie wich und wankte nicht von seinem Bett, und Rosalie, da sie Nachmittags erschien, mußte drunten beim Vater bleiben. Sie sah Moritz erst am folgenden Tage, wo die Mutter ihr Platz machte. Der Kranke erholte sich jetzt leidlich rasch, und es verlor sich in der fortschreitenden Genesung alsbald wieder die Milde der ersten Tage. Er sprach wenig, ließ sich meistens erzählen und verharrte dabei gewöhnlich in einem beinahe finsteren Schweigen. Nach dem Vater hatte er seit dem ersten Tage nicht mehr gefragt, und seit die Mutter auf seine erste Frage nach Rosens seltenem Erscheinen mit einem lieblosen, wegwerfenden Wort geantwortet, sprach er auch deren Namen nicht mehr aus. Einmal, da der Arzt schon vom Aufstehen geredet und die Mutter strickend und plaudernd an seinem Bette sah, richtete er sich plötzlich ein wenig auf, stützte sich mit dem Ellenbogen auf die zusammengedrückten Kissen und sprach: »Horch Mutter, ihr seid mir alle in Betreff des Alten bisher ausgewichen; nun aber möchte ich endlich genau wissen: lebt er oder ist er vielleicht todt?« – »Mein Jesus, Kind!« rief sie, »wie kommst du auf den Gedanken? Gottlob lebt dein Vater noch gesund und kräftig, nur herauf kommt er nicht – nun du weißt –«. – »Ja, dann weiß ich's,« unterbrach er sie. »Ich weiß, was er denkt und will, ich kenne den Alten noch.« – »Moritz,« bat sie, »mache kein so böses Gesicht! Bedenke, daß es dein Vater ist und daß du ihn damals schwer beleidigt hast.« – »Laß das,« sagte er finster. »Ich bin gekommen, um mir eure Vergebung zu holen und euch alle und das alte Nest einmal wieder zu sehn. Draußen ist es auf die Länge nur miserabel und der Mensch ist ein pauveres Thier, das an alten Narrheiten hängt und auf allerlei Dummheiten im Kopf horcht. Ich weiß, was mir zu thun bleibt, genau. Ich werd' es thun, aber darüber auch keinen Finger breit.«

Einige Tage darauf stand er zum ersten mal auf, und Nachmittags, da Rosalie wie gewöhnlich kam, ging er ihr bereits entgegen, hieß sie sich zu ihm an's Fenster setzen, schickte Karolinen fort, und indem er die Hand der Schwester ergriff, sprach er so freundlich, wie es ihm möglich war und wie er's nur gegen sie von jeher gewesen: »Nun, Schwesterherz, dies und das hast du mir, hat Karoline erzählt, habe ich der Mutter abgemerkt; ordentlich weiß ich jedoch noch nichts von dir, drum laß nun einmal los und erzähle, wie und warum es dir so ergangen.« Und nachdem sie den Gang ihres Lebens und Geschicks ausführlich berichtet, sagte er mit einem höhnischen Lächeln: »Ja, 's ist seltsam, wie es bei uns Beiden übereins gekommen, bei mir auf Mannsweise, bei dir nach deiner Frauenart. Und da müssen wir zwei schwarzen Lämmer auch schier zugleich in den Stall zurückkehren und uns so hübsch in die beiden Alten theilen. Na, na!«– »Moritz,« bat sie und ergriff herzlich seine Hand, »sei sanft und vernünftig, denn es geht nicht ohne die Eltern. Ich merke das jetzt, da ich selbst Mutter bin.« – Er lachte grimmig. »Ja Güte und Vernunft – hol' sie der Teufel, ja, pfeif' was darauf! Zu Kreuz kriechen, katzbuckeln, – das ist's, das wollen sie. Sie wollen immer das zitternde Kind behalten, erwachsen darf das nicht. Aber prost die Mahlzeit!« – »Liebster Moritz, du bist nicht gut, was hat dich nur so bitter, so böse gemacht? Du bist doch durch Ferne und Fieber zur Heimat gelaufen, hast vor der Thür hier geseufzt und geweint!« – »Bah, geweint! Und wenn auch, der Mensch ist einmal eine dumme Bestie, und das Fieber im Gebein macht den stärksten Kerl zum heulenden und lamentirenden alten Weibe. Weßhalb konnte ich nicht in Prag bleiben, da ließ es sich lustig leben!« –

»Bruder,« sagte sie ernst, »das geht nicht, du mußt wieder vernünftig und gesetzt werden, die Fremde hat dich verdorben. Hat denn nie ein Finger freundlich an dein Herz geklopft? Du glaubst nicht, wie gut und prächtig der Vater ist. Er will nur ein Entgegenkommen, ein herzlich, kindlich Wort.« – »Betteln kann und thu' ich nicht.« – »Ist das Betteln, wenn du sagst: Vater sei wieder gut, ich will nun gut thun und dir Freude machen! Ist das zu viel? Kann er's nicht fordern, hast du nicht die Hauptschuld? Glaube mir, geh nur hinab, sobald du es vermagst, rede ernst und herzlich mit ihm, er stößt dich nicht zurück! Er will nur, daß du zu ihm kommst, ich weiß das.« – »Ich auch,« versetzte er; seine Züge hatten sich doch über ihre Worte aufgehellt, und er strich einigemal mit der Hand über seine Stirn und das Haar. »Er soll auch seinen Willen haben, denn darin hat er recht, ich muß zuerst kommen; mein damalig Thun und Treiben und das Weglaufen war verrückt genug. Das ist es auch nicht, an was ich denke. Aber ich kenne ihn, er wird wieder rauh und hart sein, kommandiren und mäkeln wollen, und das trag' ich nicht, denn ich brauch' ihn nicht, kann mich allein durch die Welt schlagen, wie ich's seither gethan. Die paar neuen Lappen, die ich auf den Leib haben muß, werden wohl noch von meinem dereinstigen Erbtheil zu bezahlen sein, wenn ich damit drauf verzichte und dankend quittire.« – »Moritz, du bist gründlich schlecht.« – »Ei zum Satan, laß mich, Rose. Ich bin, wie mir's eingegeben wurde, die Fremde ist auch 'ne Medizin, süß und bitter, jenachdem. Nun aber geh', ich will ins Bett.«

Sie nahm Hut und Tuch und sagte, sie wolle noch zum Vater, er möge ihr ein freundlich Wort für ihn mitgeben. Der Bruder war aufgestanden, er schwieg und schüttelte finster den Kopf. »Moritz, Bruder, thu's!« drängte sie. »Glaube mir, es bringt dir Segen.« – »Na – ja, ich lasse ihn grüßen und er möge nur gut sein.« Es kam langsam und zögernd heraus, aber es kam doch. – »Und wann willst du ihn sehn?« – »Hm, wenn ich im schlimmsten Fall gleich meine Füße in die Hand nehmen kann, vor deiner Hochzeit – die wird ja wohl bald? – denn, wenn es gut geht, will ich da noch einmal lustig sein.« – »Noch einmal lustig sein? Was heißt das?« fragte sie bestürzt. – »Nun zum Henker, hierbleiben sollt' ich doch nicht?« meinte er höhnisch. »Wenn wir uns auch einigen, amüsirlich wird es nicht. Es gibt bei Gelegenheit noch was auf's Butterbrod, das kenn' ich. Wenn du klug bist, machst du's wie ich und folgst mir mit den Deinen, denn dir wird es nicht anders gehn. Die Mutter ist in der Weise akkurat so und verzeiht dir den sauren Apfel noch lange nicht, in den sie bei der Versöhnung beißen muß. Komm mit nach Amerika, da geht's frei und ungenirt zu.« – »Das thu' ich nicht,« erwiderte sie bestimmt. »Wir haben hier unser Brod von der Arbeit, und mehr finden wir dort auch nicht. Wir bleiben und du wirst dich auch besinnen. Gute Nacht, Bruder, den Vater werd' ich also von dir grüßen.« – »Thu's,« sprach er kalt und zog den Rock aus, »und in einigen Tagen also das große Friedensfest. Gute Nacht, Rose.« Sie ging und schickte Karolinen wieder zu ihm hinauf. Dann hatte sie ein langes Gespräch mit ihrem Vater. –

»Nun Mariane,« sagte Heimberg am Abend zu seiner Frau, »wie ist's? Gibst du der Rose deinen Segen? Reiling soll morgen früh zum Prediger, um das Aufgebot zu bestellen, und ich will noch früher hin, um dem alten Herrn das Ding zu erklären, und daß die Beiden so gelebt haben, weil sie nicht ohne unsern Segen sich trauen lassen wollten. Das ist doch honnet, Mariane, sie sind von guter Art, merkt man dran. Und der Herr Prediger wird sie drum nicht schelten.« – »Ich habe dir bereits gesagt, du mögest mich mit der Gesellschaft in Frieden lassen,« versetzte sie. – »Und dann rüste dich in drei Wochen zur Hochzeit,« fuhr er ungestört fort. »Ernst muß kommen, der Prediger, der Rath mit seiner Frau und noch einige, man muß doch munter zusammensitzen.« – »Daraus wird nichts,« entgegnete sie starr. »Ich will mit denen nichts zu thun haben, weder mit ihnen, noch mit der Hochzeit. Und du gieb, was du willst, meinen Segen dazu bekommen sie nicht.« –

»Weib!« Es war ein tiefer drohender Ton, daß sie trotz ihres Zorns und trotz ihrer Festigkeit zusammenfuhr, und er trat mit dem Fuß nieder, daß die Fenster klirrten. »Bist du toll oder was? Willst du lieber, daß sie so fortleben, sich, uns und der Menschheit zur Schande? Aber sei es so,« fuhr er plötzlich kalt fort. »Willst du nicht, so laß es bleiben. Ich werde dem Pastor unsere Einwilligung bringen, auf meine eigene Hand, – nöthig ist die ja überhaupt nicht, aber in meinem Sinn und in dem des alten Herrn schickt es sich so – und dann will ich sehn, wer dagegen was einwendet.« – »Ja,« sprach sie nach einer Pause bitter, denn sie hatte sich gefaßt, obschon ihr des Mannes Worte noch mächtig durch Kopf und Herz tönten, »ja, der ungerathenen Dirne soll ich verzeihen und du willst bei Moritz –« Sie brach ab, denn sie sah des Gatten Aug' und Stirn so düster werden, daß ihr bange ward, und als er sich dann schweigend abwandte, da hielt sie sich nicht länger, fuhr ihm nach und warf die Arme um ihn. »Mann,« rief sie, »August, verzeih' mir, was ich sagen wollte, es war unrecht, dir das vorzurücken. Verzeihe mir und bedenke, daß ich in der Zeit seither mehr als menschlich leiden mußte.« –

»Du bist nun siebenunddreißig Jahre bei mir,« sprach er und sein Blick war noch dunkel, »wir haben durchgemacht, was ein Leben bringen kann, – kennst du mich denn noch immer nicht? Hast du mich je nachgeben sehen, wo ich mein Recht erkannt und meinen Willen ausgesprochen? Und wenn's dir noch so hart schien, hast du am Ende nicht stets eingesehn, daß es so am besten und recht war? Also laß von deiner Thorheit und zuerst laß von deinem sündlichen Eigendünkel und Hochmuth. Weiter ist dies Wesen gegen die Rose gar nichts. Das überlege, und besinne dich, da wird es gut werden.« – »August, ich kann dich nicht böse auf mich wissen, sei gut!« Sie weinte. – »Ich bin nicht böse, altes Weib,« entgegnete er besänftigend. »Du mußt nur vernünftig sein. Verfahren kann sich jeder einmal, auch hart und trotzig sein, doch muß er auch wieder Vernunft annehmen und nicht aus purem Hochmuth sich weiß und hoch und alles übrige schwarz und niedrig schätzen.« So gingen sie nach einiger Zeit auseinander, die Meisterin noch ganz verstört und im Innersten beunruhigt. Sein Schelten und sein Zorn hätten sie am Ende nicht gebeugt, seine Vorwürfe ärgerten sie sogar, allein die Frage: ob sie die Tochter lieber so fortleben lassen wolle? hatte sie ganz gewaltig berührt. So seltsam dies auch erscheinen mag, von der Seite hatte sie die Sache noch niemals betrachtet, wie man denn in der Aufregung nur zu oft grade das Nächste und Natürlichste zu übersehen pflegt.

Vierzehn Tage später saß die Meisterin an einem schönen Nachmittag wie gewöhnlich im Garten auf der Bank unter dem jetzt abgeblühten Jasmin; Rosalie war bei dem Bruder, und die Mutter hatte sich bisher noch nicht überwinden können, ihr zu begegnen. Auf die Hochzeit hatte sie den Gatten verwiesen, darauf die bittende Karoline vertröstet, eine frühere Zusammenkunft schien ihrem spröden Sinn und Herzen ungehörig und unleidlich zu sein. Nur als Frau wolle sie die Tochter wiedersehn und mit ihr verkehren, hatte sie erklärt, und ihr Mann wenigstens war ihr hierin nicht entgegen, da er diesem Grunde ihrer Zögerung eine Geltung zugestand. Auch eine Versöhnungsscene, wie sie es nannte, hatte sie sich verbeten. Wenn das Paar aus der Kirche komme, wolle sie Rosalien und ihrem Schwiegersohn die Hand geben und dann könne man sich zum Essen setzen. Das fernere Verhältniß müsse die Zeit lehren. Damit schienen denn alle sich gern oder ungern beruhigt zu haben, und nun saß sie im Garten, strickte und dachte ziemlich verstimmt an die nah bevorstehende Hochzeit und an ihr dann nothwendiges Benehmen, und dachte ernstlich und nicht wenig unruhig an die noch früher bevorstehende Zusammenkunft ihres Mannes und ihres nun wieder hergestellten Sohns.

Da kam Karoline, die um einige Aufträge zu besorgen, aus dem Hause gewesen, über den Hof daher, durch den Garten und blieb mit dem Ausdrucke der größesten Unruhe vor der Alten stehen. »Weißt du es schon?« fragte sie und rang die Hände. – »Was denn, Kind? Du erschreckst mich!« entgegnete die Mutter und sah verwundert zu ihr empor. – »Marie sagte mir, daß vor einem Augenblick Moritz die Treppe hinab und in's Zimmer gegangen und gleich hinterher auch der Vater aus der Werkstatt gekommen und eingetreten sei. Den Riegel habe sie vorschieben hören, und ihr sei zuvor der Auftrag geworden, jeden abzuweisen, der zum Vater wolle.« Die Meisterin saß still, den Strumpf hatte sie sinken lassen und es regte sich nichts an ihr. – »Und Rose – Rosalie?« – »Das weiß ich nicht, Mutter; Marie sagte, die beiden seien allein im Zimmer.« – »Nun so sei Gott uns allen gnädig,« sprach die Frau und schlug die Augen gen Himmel, »und er lenke die Herzen und die Köpfe.« Lange währte der Blick nicht, denn die Thränen quollen herauf und sie barg das Gesicht in die Hände. – »Willst du nicht hineingehn, Mutter? Es muß wer zwischen ihnen sein! bemerkte Karoline nach einer Weile mit bebender Stimme. – Die Meisterin sah auf. »Dein Vater läßt mich nicht ein,« versetzte sie kopfschüttelnd. »O, um den Alten sorg' ich auch nicht, der ist einsichtig und gerecht, mag ich ihn auch manchmal schelten und tadeln, – aber Moritz – Moritz! O mein Kind, daß Gott dir beistehe und dein thörichtes, trotziges Herz berathe!«

Sie stand auf und ging im Garten umher, nie im Leben hatte sie eine solche Bangigkeit gefühlt. Vergeblich versuchte sie ihre Arbeit fortzusetzen, ebenso umsonst suchten Mutter und Tochter ein gleichgültiges Gespräch zu führen. Sie kamen immer wieder auf die Zusammenkunft der Beiden im Zimmer und horchten angsthaft auf jedes Geräusch. Endlich vermochte sich die Meisterin nicht länger zu halten, sie ging über den Hof an den Fenstern vorbei, ohne daß sie jedoch hinzublicken wagte. Ihr Mann sprach, aber es war nicht laut und sie konnte nicht ein Wort verstehn. Als sie aus dem Hause zurückkehrte, sprach Moritz, allein auch seine Stimme war leise und es erging ihr wie vorhin. Und da fing das Harren wieder an, und es ward spät.

Die Gesellen machten Feierabend, als die Magd die beiden Frauen ins Haus und zum Meister rief. Als sie bebend und angstvoll in das kleine Hinterzimmer traten, führte der Alte ihnen den Sohn entgegen. »Nun Mutter,« sprach er, »da ist Moritz. Wir haben uns recht und richtig verständigt, er wird wieder hierbleiben und wir sind gute Freunde.« Da umschlangen sie einander.

Der Meister machte sich alsbald von den andern los und zog aus dem Alkoven Rosalien herbei und zu seiner Frau. »Da ist noch ein Kind, Alte!« sagte er, »und ich meine, du lässest die Stunde nicht vergehn, ohne daß auch du Frieden machst. Frisch weg, Rose, falle der Alten um den Hals. Es ist alles gut.« –

Was dort im Zimmer geredet und abgemacht, ist nie bekannt geworden. »Es war schrecklich!« sagte Rosalie davon am Abend zu Reiling, »dringe nicht in mich, ich kann das nicht erzählen. Aber,« fuhr sie mit leuchtenden Augen fort, »der Vater, das ist ein Mann, wie ich's nie geglaubt und geahnt, und hab' ich ihn nicht schon geliebt, jetzt könnt' ich für ihn in den Tod gehn. Sogar den Moritz hat er bezwungen, daß er ihm beinah zu Füßen lag.«

Und der Meister redete in derselben Stunde zu seiner Frau: »es ging, weiter will ich nichts davon sagen. Gut ist Moritz nicht, doch es mag mit ihm werden, wie ich hoffen will. Eins aber lege auch du ihm an's Herz, wie ich es bereits heut Nachmittag gethan. Er wollte nach Amerika. Das scheint jetzt überhaupt eine Pest werden zu wollen, die alle thörichten Köpfe ergreift. Den Meinen aber soll sie nicht nahe kommen oder ich sage mich von ihnen los, und dann geht es nicht zur Versöhnung. Wer faulenzen und liederlich sein will, geht dort noch leichter zu Grunde als hier. Wer arbeiten mag, kann hier so gut fortkommen wie dort. Das ist die Hauptsache, das übrige sind nur leere Flausen. Wohin dich Gott gestellt, da sollst du leben und schaffen. Das ist mein Spruch, und den gib auch du ihm zu bedenken. Nun aber Gottlob, daß wieder Friede im Lande ist.«

Und Moritz blieb auch. Nach einiger Zeit setzte er sich selbst als Meister und ist jetzt ein tüchtiger, wackerer, wohlhabender Mann, der die Wildheit und das Verderbnis der Fremde längst von sich abgeschüttelt hat. Mit dem Vater blieb er anfangs im erträglichen Einvernehmen, bis er nach und nach mit ihm so zu sagen ein Herz und eine Seele wurde. Stets fand er in ihm den Vater, der mit der Versöhnung jede Erinnerung an die alten Mißhelligkeiten vergessen zu haben schien. Nicht so schnell und leicht stellte sich das Verhältnis der Mutter zu Rosen und deren Mann her. Jahre vergingen, bevor die Meisterin, um Moritz' Ausdruck zu gebrauchen, den sauren Apfel vergaß, in den sie bei dieser Versöhnung gebissen, bis sie sich durch der Tochter ächte Liebenswürdigkeit und Bravheit endlich besiegt fühlte und wieder warm wurde.

Wir aber schließen mit des Medizinalraths Worten, die er am Hochzeitstisch dem behaglich und zufrieden drein schauenden Tischler zurief: »nun, alter Trotzkopf, siehst du, daß ich recht hatte zu sagen: Eltern und Kinder, die können nimmer auseinander, denn es sind Fibern und Blutstropfen in ihnen, die ewig von einander wissen.«

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