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Aus einer Familie

Edmund Hoefer: Aus einer Familie - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorEdmund Hoefer
booktitleEdmund Hoefer's Erzählende Schriften ? Erster Band
titleAus einer Familie
publisherVerlag von Adolph Krabbe
year1865
firstpub1853
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid27c674cb
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2.

Der Meister war bereits in die Werkstatt zurückgekehrt, aber das Kaffeegeschirr stand noch auf dem Tisch, und Karoline ging unruhig im Zimmer, umher, ohne ihren sonstigen Geschäften nachzukommen. »Was bedeutet das?« fragte die Mutter, die ihr eine Zeitlang schweigend zugeschaut. »Du hast das Geschirr noch nicht hinausbesorgt, und weißt doch, daß der Vater und ich solche Unrüstigkeit Unrüstig so viel wie unordentlich. nicht mögen. Und was hast du heut nur immer zu laufen?« fuhr sie fort, da sie die Tochter sich der Thür zuwenden sah, »was hast du im Kopf?«

Karoline blieb in der geöffneten Thür stehen. »Willst du mit mir hinaufkommen, Mutter?« fagte sie in etwas ungewissem, beinahe schüchternem Tone. »Ich habe was auf meinem Zimmer, das ich dir nicht sagen kann, aber zeigen möchte.« – »Auf deiner Kammer? Mir zeigen?« fragte die Alte verwundert. »Was möchte das sein? Du weißt, ich steige die Treppe nicht gern. Ja, wenn ich noch so leicht wäre, wie in meinen jungen Jahren,« setzte sie hinzu und betrachtete lachend ihre stattliche Figur im Spiegel, »da wär's was andres, da wollt' ich schneller droben sein als du.« – »So denk' dich zurück, Mutter,« entgegnete die Tochter, »es ist auch was aus deinen jungen Jahren, das lange abhanden gewesen und nun von mir wiedergefunden wurde.« – Die Alte sah sie prüfend an. »Aus meinen jungen Jahren? Abhanden gewesen? Das wird was rechtes sein. Ich versteh' dich aber nicht. Wie kommst du nur zu einem Spaß, bist doch sonst so ernsthaft? Aber geh' nur, ich will mitkommen, denn du hast mich neugierig gemacht.« Karoline sprang vor ihr weg die Treppe hinauf, die Frau folgte langsamer. Droben schloß die Erstere die Thür auf und zog die herbeigekommene Mutter, ohne auf ihre verwunderte Frage zu hören, mit sich in's Zimmerchen hinein.

Ein Paar zerrissener, bestaubter und beschmutzter Stiefel stand an der Thür, ein Stock lehnte daneben, ein Packen, wie ihn die Wanderbursche tragen, lag auf dem Stuhl am Ofen, allerlei andere Kleidungsstücke zeigten sich auf einem anderen Stuhl, und auf dem Tisch standen einige noch unberührte Speisen. Die Frau übersah das alles mit einem Blick und blieb, bestürzt stehen. »Um Gotteswillen, Kind, Männersachen, und solche, auf deinem Zimmer!« – »Ja, Mutter, komm nur, und hier erst!« Sie zog sie zum Bett, das im dunklen Winkel des Gemachs stand, und sie zeigte ihr den, der darin lag und schlief. Aber es war kein ruhiger, guter, friedlicher Schlaf, sondern das Gesicht zeigte sich in dunkler, heißer Glut, an den Schläfen klopfte es, daß man meinte, man müsse es hören können, die Decke über der Brust war in steter, zitternder Bewegung.

Die Meisterin fuhr zurück, sie trat doch wieder näher, eine heiße Röthe überzog ihre Stirn und Wangen, die Hände preßten sich hart zusammen, und das Auge blitzte halb zornig, halb fragend auf die Tochter. »Karoline, Mädchen, in deinem Bett der schmutzige H'rumtreiber! Hier! Mädchen, sagst du bald, was das soll?« – »Mutter, liebe Mutter, es ist ja unser Moritz!«

»Der Moritz!« Sie rief es nicht, sie murmelte es nur, sie fing an zu zittern, so heftig, daß sie sich auf den Stuhl vor dem Bett niederlassen mußte; sie ward tödlich blaß und legte den Kopf, wie vergehend, einen Augenblick in ihre Hände. Als sie sich dann wieder aufrichtete, blieben die Hände zusammen, ihre Lippen regten sich, und die Augen blickten unverwandt auf das Gesicht da in den Kissen. Es war eine lange Pause, und nur die unregelmäßigen harten Athemzüge des Kranken und das Zwitschern der Sperlinge draußen in der Linde unterbrachen die tiefe Stille des Morgens. Ein langer Sonnenstrahl stahl sich leise durch das Laub herein und zitterte auf dem Fußboden.

Die Mutter saß noch immer still und suchte in dem Kranken ihr Kind, ihr erstes und liebstes, und es hatte ihr doch den meisten Kummer gemacht, den herbsten Gram in ihre Seele geworfen, und hatte Jahr auf Jahr fern von ihr zugebracht, ohne sie ein Wort von sich hören zu lassen. Nun lag es vor ihr wie voreinst, da sie es auch bewacht und gepflegt in seinen Krankheiten, da sie auch so an seinem Bettchen gesessen, gewacht und gebetet. Ja, da war's wohl, aber sie war nun eine alte, starre und müde Frau, und das Kind war zum wilden, wüsten, trotzigen Mann geworden, das sah sie ihm an, er braucht' es ihr nicht erst zu sagen; sie sah's in dieser gefurchten Stirn, in den eingefallenen Augen, in all' den gleichsam zerrissenen Zügen, die ihr wie Gräber seiner Jugend und seiner Milde, seines Glaubens und seiner Liebe, seiner Großherzigkeit und seines Lebensmuths erschienen. Der Bart war so wild und struppig, an den Schläfen mischte das dunkelblonde Haar sich mit langen grauen Fäden, die Wäsche sah so unreinlich aus, geflickt und zerrissen. Ja, ja, achtzehn Jahre! Und fern von ihr! Und kein Mensch, der auf ihn geachtet, der sich um ihn bekümmert, der ihn getadelt und ermahnt oder ihn gelobt, der ein einziges mal mit milder, freundlicher Hand über diese trotzige Stirn, über dies wilde Herz gestrichen, wie selbst der kräftigste und härteste Mensch das einmal haben muß, oder er muß erlahmen und zu Grunde gehen in seinem Menschsein. Nicht ein einzig – einzig mal! Und nun war er so tief gesunken, so sehr krank, und da war er doch wieder zur Heimat gekommen und zur Mutter! Sie schüttelte den Kopf und schüttelte ihn wieder und immer heftiger, und als er jetzt im Schlaf und mit heiserer Stimme, aber doch deutlich und vernehmbar, »Mutter!« murmelte, da sank die alte Frau langsam vom Stuhl auf die Kniee vor dem Bett und legte die Arme auf die Decke und den Kopf darauf und weinte bitterlich.

Lange währte diese Ruhe nicht, denn der Kranke machte eine Bewegung, Karoline flüsterte: »Mutter!« – und da sie aufschaute, blickten die Augen des Sohnes sie an, jedoch war es ein starrer, unheimlicher Blick, in dem nichts von einem Erkennen seiner Umgebung zu finden war. »Moritz, mein Kind!« sprach sie, allein er murmelte nur ein paar unverständliche Worte, schob die Decke von der Brust zurück und schloß die Augen auf's neue.

Die Mutter erhob sich endlich, und indem sie die letzten Thränen mit der Schürze aus den Augen wischte, fragte sie ihre Tochter, wann und wie der Kranke an- und in's Haus gelangt sei. Karoline erzählte vom vergangenen Abend, wie sie verwundert und neugierig geworden über die Rast auf ihrer Bank, wie sie das Seufzen und Stöhnen nicht länger habe ertragen können, und endlich hinabgegangen sei und geöffnet habe. Da habe er sich mit wirren Worten, mit verstörtem Wesen zu erkennen gegeben, sei ihr die Treppe hinauf gefolgt und sterbensmüde alsbald in's Bett gegangen und in Schlaf gesunken. – Seit wann er denn so sei? fragte die Meisterin. – Sie wisse es nicht, entgegnete die Tochter. Um fünf Uhr habe sie den Erwachenden gebeten, nun still zu sein und zu warten, sie müsse jetzt hinab und wolle sehen, wie sie seine Ankunft den Eltern mittheilen könne. Da habe er ganz vernünftig erwidert: sie möge gehen und ihn schlafen lassen, und darauf sei sie beruhigt hinabgestiegen. »Ist er denn nun sehr krank, Mutter!« – Die Augen der Alten wandten sich vom Sohn zu der Fragenden, und sie schüttelte bekümmert den Kopf. »Krank, der? Zum Sterben, Kind. Ich kenne dies Wesen und den Blick. Allein, selbst wenn unser Herrgott ihn von mir ruft, will ich ihm doch für diese Rückkehr alle Zeit meines Lebens danken, denn der Junge stirbt doch bei mir, und ich weiß, wo ich ihn zu suchen habe. O, der Junge! O, daß er nur wieder da ist!« Und die graublauen alten Augen füllten sich wieder mit Thränen.

»Mutter, wenn's nur der Vater erst wüßte!« – »Der Vater, ja! Er ist so fürchterlich hart.« Sie murmelte es vor sich hin, und schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab, die Augen zwischendurch immer wieder auf den Sohn richtend. – »Mutter, ich dachte mir, wir könnten das dem Medicinalrath überlassen, den wir doch wohl holen müssen,« sprach Karoline und trat zum Fenster. »Wenn die Marie daheim wäre, könnt' ich gleich hingehen, die Uhr ist noch nicht acht, zu Haus' treff' ich ihn noch.« – Die Meisterin blieb stehen. »Das ist ein glücklicher Gedanke, Kind. Wenn die Marie nur daheim wäre! Wo sie auch bleiben mag. Das Volk schwatzt und kann nicht fertig werden.« – »Eben kommt sie, Mutter, ich höre es am Thürzuwerfen.« – »So komm' rasch, Kind, und kappe dich auf: sag' ihm, wer hier ist und wie es mit ihm steht, wie mir in Noth sind, und was wir von ihm wollen; bring' ihn gleich mit und stehlt euch hübsch vorsichtig herauf. Komm!« Sie sahen noch einmal nach dem Kranken, der im gleich fieberhaften Schlaf lag; sie eilten hinab und Karoline schlüpfte alsbald aus der Thür.

Die Meisterin sah nach ihrem Manne in der Werkstatt und überzeugte sich, daß er für's erste nicht von der Arbeit gehen werde, trug der Magd dieses und jenes Geschäft auf, um sie in der Küche festzuhalten, wählte aus ihrem Leinenschrank prüfend und sondernd einige Wäsche, und stieg endlich wieder treppauf. Ein Blick auf den Schläfer bewies ihr, daß sich nichts verändert, und sie setzte sich nun wieder an sein Bett und beobachtete ihn so sorgfältig, und betrachtete ihn so liebevoll, wie sie es früher in der Tochter Gegenwart nicht vermocht. Nach einer geraumen Zeit erst ermannte sie sich, stand seufzend auf und begann nach den einzelnen Stücken seines Anzugs und schließlich nach dem Inhalt seines Wanderpackens zu sehen. Und dabei ließ sie mehr als einmal halb verzweifelnd die Hände sinken, sie seufzte und die Thränen kamen ihr in die Augen, denn es war alles so ärmlich so verkommen und vernachlässigt, und es war ihr Sohn, dem es gehörte, der Sohn der tüchtigen, sauberen, sorgsamen Frau, der wohlhabenden Familie. Ihr Herz wollte sich umkehren, und neben all' der Traurigkeit war es auch ein unbehagliches und verachtendes Gefühl, mit dem sie endlich den ganzen Plunder zusammenband, auf den Vorplatz hinaustrug und in eine Ecke warf.

Indem hörte sie drunten die Thür öffnen, es kamen Schritte herein, und gleich darauf sah sie Karolinen mit dem Arzt auf der Treppe erscheinen; sie begrüßte den Rath beinahe verwirrt, wenigstens ganz befangen. »Also Moritz ist wieder da?« fragte er, auf der obersten Stufe stehend, den Hut lüftend und die langen weißen Haare von der hohen Stirn zurückstreichend. Sie nickte. – »Krank ist er auch?« – »Sehr – sehr krank.« – »Und der Alte weiß noch nichts von diesem Ueberfall?« – »Sie müssen's ihm beibringen, Herr Doctor.« – »Nun, wir wollen zuerst nach dem Jungen sehen, Meisterin.« – Sie schickte Karolinen hinab, um auf's Haus und den Vater zu achten, ging dann mit dem Arzt in das Krankenzimmer, und eine lange Zeit blieb alles still. Endlich kam sie ohne den Rath herunter, suchte Leinen zu Binden und eine Tasse, und kehrte so schweigend nach oben zurück, wie sie gekommen.

Als der Arzt herabkam, hatte er auf Karolinens bange Fragen auch keine andere Antwort, als ein leises Kopfschütteln, gab ihr ein Recept zur schnellsten Besorgung, traf noch diese und jene Bestimmung, und versprach Nachmittags wiederzukommen. Darauf ging er über den Hof und trat in die Werkstatt, wo ihn der Meister freundlich und mit dargereichter Hand empfing. Nach einigen Worten gingen sie hinaus und in den kleinen Garten, der vor den Fenstern der Werkstatt lag; da schritten sie in dem ziemlich breiten Steige, den die Stachelbeerbüsche zwischen den Obstbäumen einfaßten, plaudernd auf und nieder.

Der Medicinalrath hatt' es sich bequem gemacht, Hut und Stock auf eine Bank gelegt, den weiten braunen Rock aufgeknöpft und die Arme behaglich auf dem Rücken gekreuzt. Die lange, breite Gestalt war ein wenig vorübergebeugt, während die nicht geringere des Meisters daneben sich noch strack und gerade zeigte, als sei der Mann in seinen kräftigsten Jahren.

»Hör' an, Heimberg,« begann der Arzt nach einer zufälligen Pause, »du interessirst dich doch für mein Hauswesen: Joseph hat aus Amerika geschrieben.« – Des Meisters Brauen zogen sich leise zusammen. »So? Hast wohl lange nichts von ihm gehört?« – »Direct nicht, seitdem er fortgegangen. Beiläufig hörten wir jedoch durch den Assessor Römer von ihm, mit dem er im Verkehr blieb. Vor uns schämt' er sich. Nun hat er sich jedoch heraufgearbeitet; seine Wirthschaft ist im guten Gange, seine Familie wohlauf. Seine Frau ist ein gebildetes Weib, die paar Worte, die sie unter seinem Briefe an uns richtet, sind ganz charmant. Das alles hat er sich nun selbst zu verdanken, denn von mir kriegt' und nahm er nichts. Und jetzt fragt er denn an, ob wir ihm verzeihen wollten, ob er im Herbst zum Besuch herüber kommen, uns Frau und Kind zeigen dürfe. Dich läßt er auch grüßen.« – »Bah!« Der Meister blieb stehen und schlug die Arme übereinander. »Na, Doctor, und was wirst du ihm antworten?« – »Lieber Gott, was denn sonst, als daß er kommen soll? Unbarmherzig muß man nicht sein, August. Wenn man steht, wie das im Menschen vorhandene Tüchtige und Gute wieder zum Durchbruch, zur Geltung und Herrschaft kommt, darf man wohl zufrieden sein.« – »Und all' das Herzeleid, das er euch Beiden gemacht, Doctor, all die Streiche, die dummen und die bösen, und daß er davonlief?« – »Das ist alles verblutet, Mann.« – Der Meister schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht!« sagte er. »Wenn sich so was losreißt, so Kinder von Eltern, so eigenmächtig, so scharf und rasch weg, das schließt sich bei den einen vielleicht und bei den andern, es heilt, aber heilen sie auch wieder aneinander?« – »Ja, Meister, ja. Oder vielmehr, ordentlich auseinander kommen sie gar nicht, hie und da hängen sie stets zusammen, es sind Fibern da und Blutstropfen, die von einander wissen. Da heilt es denn. Herzen und Seelen, wenn sie nicht ganz und gar und muthwillig ruinirt werden, sind unglaublich gesund und heilfähig.«

Der Tischler lachte dumpf und hob den Fuß zum Weitergehen. »Ja, für sich!« meinte er. – »Nein, Heimberg, auch mit einem andern Herzen zusammen,« versetzte der Rath und ging neben ihm weiter.

»Wir einigen uns nicht,« sprach der Tischler; er hatte einen Zweig vom Busch gerissen und rollte die Blätter zwischen den Fingern zusammen und auseinander. »Ich meine, so was reißt von einander, es ist vorbei und es kräht kein Hahn mehr darnach. Dann soll man sich auch fern bleiben. Wer sich so auf seine eigenen Füße und seinen eigenen Willen gestellt hat, muß seinen Weg gehen für sich; und wie der wieder weich und weibisch werden, im alten Nest unterkriechen kann, versteh' ich nicht. Dies Nachgeben und Schwachwerden, dies Bitten und Betteln, das ist was Miserables. Das schickt sich für keinen erwachsenen Menschen. Dich tadle ich nicht, daß du nachgiebst, jeder nach seiner Weise und nach seiner Ansicht; aber der Junge! Schon weil er überhaupt kommt, würd' ich ihm nicht verzeihen.«

Der Arzt blieb stehen. »Und das grade halte ich für gut, für natürlich und menschlich, das macht mein Herz für den Jungen auf. Ein Kind kommt nicht los von uns, nicht ganz, mag geschehen was da will. In ihm und in uns spricht was für einander. Ich sagt's schon. Wenn es fort war und nun mit Ehren wieder vor uns bestehen kann, muß es zurückkommen: ich habe mich geirrt, ich habe mich gebessert, da bin ich, denn ihr müßt das zuerst wissen, da ich euch den meisten Kummer gemacht und die meiste Freude schulde. – Und andrerseits, wenn es auch fort war und es erging ihm schlecht trotz aller Müh' und alles Strebens, dann muß es auch zurückkehren und sagen: es wollte nicht gehen, ich weiß nicht mehr aus noch ein, ich komme zu euch, Vater und Mutter, daß ihr mir noch einmal ein Kissen für den müden Kopf gönnt. – Was soll man da thun, Heimberg? Die Heimat, die Eltern und die Kinder – die bleiben immerdar eins und dasselbe. Und das Kind, welches nicht so handelt, das taugt in meinen Augen nicht, es ist kein Mensch.« – Der Meister gab keine Antwort, schweigend gingen sie neben einander den Steig herab und wieder hinauf.

»Hast du lange nichts vom Moritz gehört, alter Kamerad?« fing der Rath wieder an. – Der Tischler zog die Brauen dicht zusammen und winkte mit der Hand. »Nichts davon!« murmelte er.– »Unsinn!« entgegnete der Andere. »Was soll diese Starrköpfigkeit? Schämst du dich nicht?« – »Nein, Rudolph,« versetzte er, »schämen thu' ich mich nicht, denn darin hab' ich meinen eigenen Kopf und mein eigen Recht. Ich weiß nichts von dem und will nichts von ihm wissen.« – »Hat er nie geschrieben, Alter?« – »Vor ein Jahrer zwölf bis fünfzehn, glaub' ich, an die Alte.« – »Und du hast ihm nicht geantwortet?« – »Nein.« – »Böser Kopf! Und wenn er nun schriebe: da und da wohne ich und bin in Ehren, soll ich dir Weib und Kind bringen, Vater? – Nun?« – »Bleib wo du bist, würd' ich sagen, wir kennen uns nicht.« – »Heimberg!« Der Arzt blieb stehen, der Tischler schritt jedoch ruhig weiter. »Anders ist es nicht,« sprach er.

»Und wenn er nun hier wäre,« fuhr der Doctor fort, krank und siech, aber er dächte wie du, käme nicht zu dir, sondern ginge ins Hospital, da läg' er, und du erführst es nur zufällig? Was dann?« – Der Meister stand, seine Stirn faltete sich noch tiefer. »Was soll das alles?« – »Ich will dich nur durch dich selbst widerlegen, August, du bist nicht so hart, wie du thust. Also stell' dir das einmal vor und antworte mir: was würdest du thun?« – »Unsinn das alles; mich widerlegst du nicht, denn ich bin so hart. Ich würde für ihn bezahlen, er ist nicht das Kind von Bettelleuten, ich würde ihn begraben lassen, wenn er stürbe, und wenn er davon käme, möcht' er einen Wanderschilling haben wie jeder Geselle. Damit genug und basta.« – »Du nähmst ihn nicht zu dir, nicht in dein Haus?« – »Nein, Doctor.« – »Heimberg, du bist eine böse Kreatur!« Der Arzt schüttelte den Kopf und blickte den alten starren Freund ernst, beinahe strafend an. »Und wenn er nun zu dir käme und sagte: ich kann nicht weiter, Vater! – wie dann?« – Er trat mit dem Fuße nieder. »Ich nähme ihn nicht. Er soll gehen, ich habe keinen Platz für ihn.« – »Und wenn er nun im Hause da plötzlich vor dir läge, todkrank?« Es war eine Pause. »Nun, Meister?«

Der Tischler hob den ein wenig gesenkten Kopf plötzlich auf, trat hart auf den Arzt zu, faßte seinen Arm und sah ihm finster und beinahe drohend ins Gesicht. »Was soll das alles?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Was willst du mit all' den Worten, Rudolph? Ist er da, oder was giebt's sonst? Der Flausen sind genug.« – Der Rath richtete sich auf, doch machte er seinen Arm nicht frei, er sah dem andern nur ernst, fest und entschlossen in die dunklen Augen, und seine Stimme war scharf und klar, als er entgegnete: »Ja, der Flausen sind genug, August. Moritz ist da, heut Nacht vor's Haus gekommen, durch Elend und Noth, mit Krankheit und Schwäche zu seinem Elternhause, sag' ich dir, Karoline hat ihm aufgemacht, ihn eingelassen und in ihr Bett gelegt. Mutter und Schwester sitzen an seinem Bett, haben mich geholt, daß ich nach ihm sehen und dir sagen mochte, was sie nicht riskiren. Ich aber riskir's als dein alter Kamerad, als Mensch und Christ und als Arzt. Ich sage dir: er ist da, und wenn du was mit ihm abmachen willst, so geh' hin und mach' es ab, so lange sein Athem noch geht. Denn merk' das wohl, er ist so krank, daß ich für sein Leben nicht einen Pfennig gebe, daß ich nicht eine Hoffnung habe, wenn nicht die auf unsern Herrgott, bei dem nichts unmöglich. Nun thu', was du kannst und willst. Heut Nachmittag will ich wieder nach ihm sehen, wenns noch nöthig ist.«

Er nahm Hut und Stock und ging ohne ein ferneres Wort aus dem Garten. Der Meister stand eine geraume Zeit auf derselben Stelle und starrte ihm finster und regungslos nach, bis er sich mit einem plötzlichen Ruck aufrichtete, sich schüttelte und in die Werkstatt und zu seinem Geschäft zurückkehrte, ohne eine Miene zu verziehen, ohne einen Ton laut werden zu lassen.

Es ward auch nicht anders, und weder bei der Arbeit noch wo er mit den Seinen bei Tisch oder sonst zusammen kam, sprach er ein Wort. Mach dem Abendessen, das die beiden Alten allein eingenommen, trat seine Frau zu ihm und sagte leise und beinahe schüchtern: »Darf Ehroth heut Nacht mit uns wachen?« – »Wenn er will, ja,« versetzte er. »Willst du denn ausbleiben, Alte?« – Sie legte den alten Kopf an seine Brust, – das hatte sie lange nicht mehr gethan! – und schluchzte leise. Nach einer Pause fragte sie dann: »Kommst du nicht einen Augenblick mit hinauf, Vater?« – »Nein,« entgegnete er bestimmt; aber er strich ihr leicht über den Kopf, sprach: » gute Nacht, Alte!« schob sie sacht von sich und wandte sich zu seiner Kammer.

So blieb's Tag für Tag. Mit Moritz ward es weder schlimmer noch besser; der Alte jedoch fragte nie darnach, wenn er auch alles zur Pflege Gehörende geschehen ließ. Und zu sagen wagte ihm keiner was.

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