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Aus einer Familie

Edmund Hoefer: Aus einer Familie - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorEdmund Hoefer
booktitleEdmund Hoefer's Erzählende Schriften ? Erster Band
titleAus einer Familie
publisherVerlag von Adolph Krabbe
year1865
firstpub1853
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080630
projectid27c674cb
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1.

Einem heißen Tage war ein schöner, milder Abend gefolgt. In der stillen, kleinen Straße spazierten die Leute gemüthlich und plaudernd auf und ab oder saßen vor den Thüren ihrer Wohnungen und schauten den Kindern zu, welche auf den Sandhaufen der im Tage dort arbeitenden Dämmer ihr Wesen trieben. In der quer vorüberziehenden Straße sah man die Spaziergänger in großer Menge vom nahen Thore kommen oder auch Gruppen von Handwerkern und anderen lustigen Gesellen zu irgend einem Wirthshause hinausziehen. Und indem fingen die Glocken auf den Thürmen fern und nahe an zu schlagen, und von der Hauptwache am nicht weit entlegenen Markt klang der Zapfenstreich herüber. In der stillen klaren Höh' begannen allgemach die ersten Sterne zu zittern.

Der alte Tischlermeister saß auf der kleinen Bank, welche zwischen dem Eckpfeiler der Hausthür und der stolzen, üppig grünenden Linde eingeklemmt war, die sein Haus beschattete; er hatte sich an den rauhen Stamm gelehnt, die Arme übereinandergeschlagen, rauchte den dunkel gebrannten Meerschaumkopf und schaute ruhig auf die ihn umgebende friedliche Scenerie. Den übrigen Theil der Bank nahm seine Frau ein, welche eifrig mit ihrem Strickstrumpf beschäftigt war; ihnen gegenüber saß Karoline, die Tochter des Hauses, auf einem herbeigeholten Stuhl, gleichfalls mit ihrer Strickerei. Und alle drei waren still.

Die Gesellen kamen aus dem Hause, um mit einem freundlichen Gutenachtgruß vorüberzugehen; der Alte rief ihnen nach: »vergeßt nicht, um elf Uhr wird die Thür geschlossen!« und als sie dann um die Ecke bogen, sagte die Frau: »der Sachse gefällt mir nicht, August, er hat im Blick etwas Stilles und Heimliches, als ob er kein gutes Gewissen habe, oder mit der ganzen Welt unzufrieden sei. Und 's ist doch noch ein so junger Mensch.« – Der Meister verzog das Gesicht zum leisen Lächeln. »Dacht' ich's mir doch,« sprach er. »Ihr Weibsleute seht auf die klaren Augen bis an euern Tod. Den Sachsen hab' ich nun selbst beobachtet, und in diesen zwei Tagen nichts als Löbliches an ihm bemerkt. Er ist fix bei der Arbeit und summt, pfeift oder singt stets vor sich hin; das thut kein Nichtsnutz. Sprechen freilich thut er nicht allzuviel, wenigstens bei der Arbeit nicht, doch das heiß' ich gut. Was sollt' er denn reden? Von hier weiß er noch nichts, und was will er draußen viel erlebt haben? Das Geprahle steht einem jungen Menschen aber am wenigsten an. Ich kann's nicht leiden.« Der Meister versank in sein voriges Schweigen wieder so schnell, und man möchte sagen, so wahrnehmbar, daß man leicht zu der Ansicht gelangen konnte, er sei für gewöhnlich ein ziemlich wortkarger Mann. Seiner Frau fiel die lange Rede auch auf, sie blickte ihn aufmerksam und kopfschüttelnd an und schien eine Antwort auf der Zunge zu haben, unterdrückte sie jedoch, da in diesem Augenblick einer der daherkommenden Spaziergänger auf das Haus zusteuerte.

»Guten Abend, ihr alle,« sagte er, und schüttelte dem Meister die Hand. »Das ist ein schöner Tag, Frau Nachbarin, besonders für uns, die wir nun in die kühlen Jahre kommen. Waren die Viere deine Gesellen, Heimberg?« – »Freilich, ja,« entgegnete er. »Karoline, einen Stuhl für den Nachbar!« – »Bleib sitzen, Kind,« versetzte dieser abwehrend und drückte den Tabak in seiner langen Pfeife mit dem Vorderfinger nieder. »Bleib sitzen, denn meine Alte wartet wohl auf mich, und ich wollte nur eben einmal einsehen. Hast du denn so viel zu thun, Alter, daß du alle die Leute hältst? Die Arbeit geht doch sonst schlecht genug, niemand braucht was, und überall klagt man Gottes Klage.« – »Von mir hörst du das nicht, ich habe nie geklagt,« erwiderte der Meister. »Man muß nur billig sein und nicht immer die gebratenen Tauben im Munde haben wollen, denn immer kann es nicht gleich viel zu thun geben. Jetzt läßt der alte Medicinalrath die Aussteuer für seine zweite Tochter arbeiten, und da brauch' ich vier Gesellen. Ist das vorüber, halt' ich wieder meinen alten Ehroth oder einen dazu oder zwei, wie's sich macht.«

»Ei, also der alte Medicinalrath, sieh, sieh!« sagte der Andere und ließ sich mechanisch auf den Stuhl nieder, den Karoline inzwischen doch herbeigeholt. »Der verheirathet schon die zweite Tochter und läßt hier und bei dir arbeiten? Mich wundert, daß er's nicht auch aus den Magazinen nimmt oder aus der Hauptstadt, wie damals bei der ersten Tochter, und wie die Herrschaften sonst alle. Bei uns ist ihnen nichts mehr gut genug.« – »So ist's und wer will's ihnen verdenken?« meinte der Alte. »Auswärts finden sie's billiger, sogar den Transport mitberechnet, haben hübsche neue Façons und immer noch erträgliche Arbeit, und brauchen vor allen Dingen nicht auf den Meister und seine Bequemlichkeit zu warten. Das ist's.« – »Und das findet er nun alles bei dir?« fragte der Nachbar ziemlich spöttisch. – »Ich denke so,« antwortete der Tischler. »Theuer bin ich nicht, und wo ich theurer bin, ersetzt es mein gutes, trockenes Material, das die Magazinmeister nicht so vorräthig haben können. Die Façons und Muster lass' ich mir schicken, und mein Wort habe ich noch immer gehalten, zur bestimmten Stunde ist die Arbeit da.« – »Der Rath ist ja auch wohl lange mit dir bekannt?« fragte der Andere. »Mir ist, als hätt' ich ihn vor Zeiten viel bei dir aus- und eingehen sehen.« – »Wir sind Nachbarskinder und Schulkameraden,« bemerkte der Meister. – »So? Davon hab' ich nie gehört, Heimberg,« sprach der Besucher. »Und ich kenne dich doch auch schon an die dreißig Jahre und drüber weg.«

Der Meister stand auf und ging in's Hans, um sich, wie er sagte, eine andere Pfeife zu holen: seine Frau übernahm die Antwort. »Sprechen Sie davon nicht, Meister Stern,« sagte sie, »mein Alter mag das nicht. An die zwanzig Jahre ist der Rath ganz mit ihm auseinander gewesen, weil er glaubte, sein Sohn, der Joseph, sei zu all' seinen nichtsnutzigen Streichen durch unseren Aeltesten angestiftet worden. Glauben konnte man's wohl, denn die beiden Buben lagen ja auch immer zusammen: jetzt aber wissen wir's recht gut, daß vielmehr Joseph der Verführer gewesen, und seitdem der Doctor das eingesehen, ist er wieder August's Freund geworden.« – »So so!« meinte Stern nachdenklich. »Da sieht man, wie auch die Nachbarn nicht immer gleich alles wissen. Das ist mir ganz fremd geblieben, und es thut mir leid, daß ich es aufrührte. Wo ist übrigens der Joseph eigentlich geblieben?« – »Nach Amerika ist er gegangen, weiß ich wohl, weiteres ist mir nicht bekannt.« – »Und Ihr eigener, Moritz hieß er, nicht wahr? Ich habe nie wieder nach ihm gefragt, seit mir der Alte einmal vor langen Jahren ein fürchterlich Gesicht drüber zuschnitt. Weiß niemand von ihm?«

»Geh' hinein, Karoline,« sprach die Meisterin, »und halte den Vater noch drinnen; ich habe mit dem Nachbar zu reden.« Und da das Mädchen ihrer Weisung gefolgt war, ließ sie den Strumpf sinken und fuhr fort: »ja, ja, Nachbar, das zerreißt mein Herz, daß wir nie von ihm hören, und es war doch mein Herzblatt und Augapfel. Und wenn auch mein Mann nicht einmal wieder von ihm geredet hat und einen Trumpf auf jedes Wort setzt, das an ihn erinnert, so ist das doch ein Nagel zu seinem Sarge. Nun sind es schon über achtzehn Jahr', daß der Junge davonlief, und im Herbst, zu Martini, werden es dreizehn, daß er zuletzt an mich schrieb. Nachher hat mir noch einmal ein Wandergesell einen heimlichen Gruß von ihm gebracht; hatte mit ihm in Preßburg gearbeitet und ihn bei seinem Abgange krank im Hospital verlassen. Seit zehn Jahren hört' ich nichts von ihm. Gott weiß, wo der liegt, und das, Nachbar, ist gar zu – gar zu hart!« setzte sie hinzu, und fuhr mit der Hand über die Augen. – »Nun, nun,« versetzte der Zuhörer tröstend, »Sie müssen auch nicht gleich an das Schlimmste denken. Es war ein derber, zäher Bursch, und wenn er auch ein wenig wild und tollköpfig war, – nun das werden gerade die tüchtigsten Menschen.« – Sie schüttelte den Kopf. »Wenn er noch lebt, zählt er bereits fünfunddreißig Jahr', da sollte er vernünftig sein.«

»Und an dem andern, dem Ernst, haben Sie eine rechte Freude,« bemerkte der Nachbar ablenkend. »Es geht ihm gut? Er ist hier gewesen, hör' ich.« – »Freilich!« entgegnete sie aufgeheitert. »Als Sie neulich im Fest zu Ihrer Tochter waren, kam er mit Frau und Kindern herüber. Aber man braucht auch ein bischen Freude bei all dem andern Schicksal.« – »Heimberg ist gar zu hartköpfig,« sprach Stern in einigermaßen zögerndem Ton. »Weshalb will er nie nachgeben? Da – der Maler – Reiling gibt sich alle Mühe, vorwärts zu kommen. Rosalie will nichts als eure Vergebung – das ist nicht recht von euch.«

Die Frau stand auf, die Brauen waren tief herabgezogen, und um den Mund zuckte es. »Wer ist die Rosalie?« fragte sie hart. »Die Tochter, die wir einmal mit dem Namen hatten, ist todt; laßt sie auf der Seite, denn das ist vorbei.« – »Frau Nachbarin,« sagte er, sich gleichfalls erhebend, »sie ist nicht todt. Sie wohnt mit Reiling am Würsterthor und thut, was sie kann.« – »Thut was sie kann?« wiederholte die Frau. »Nun, wer so gegen unseren Herrgott ist, gegen seine Eltern, seine Ehre und seinen Namen, nur eines andern Menschen wegen, taugt nichts und gehört nicht zu uns. Wir kennen sie nicht mehr und unser Haus kennt sie auch nicht; davon reden wir nicht mehr.« – »Frau, Frau!« sprach er, »sie will ja gut machen. Wie oft hat sie und der Mann nun in den zwei Jahren sich an euch gewandt und um eure Verzeihung, um die Einwilligung zur Heirath gebettelt! Sie wollen nicht auswandern, sie wollen euren Segen zum Kirchgange und zur Ehe.«

»Segen, die?« Die Frau lachte dumpf. »Sie kriegt ihn nie, denn sie hat ihn verscherzt.« – »Sie will ja gut machen.« – »Sie hätt's nicht schlecht machen sollen. Und nun genug davon, Stern, denn das sind verlorene Worte für mich, und mein Mann denkt ebenso. Der Mensch, der Stubenkleckser, ist ein Taugenichts und H'rumtreiber, der mit unserem Willen die Dirne nicht kriegt. Er kann sie aber so haben, denn wir wissen nicht mehr von ihr. Was wollen sie auch unsern Segen zur Trauung? Das ist ja in der neumodischen Welt nicht mehr von nöthen; es fragt niemand mehr danach, sie können 's ja haben ohne die Eltern.« – »Frau Heimberg – daß sie aber nicht ohne die Eltern wollen, sollt' euch das nicht versöhnen und euch zeigen, wie sie sind? Und glauben Sie doch nur, daß der Maler sich gebessert hat, daß er unverdrossen bei der Arbeit ist, um die Rose und das Kind zu ernähren. Meister ist er auch geworden –«. – »Genug!« unterbrach sie ihn, tief Luft holend. »Es ist vorbei. Gute Nacht, Meister. Mein Alter mag Wunder denken, was ich noch so spät zu Plaudern habe, denn er ist müde und will wohl zu Bett.« – »Also,« fragte Stern, »ist das ein letztes Wort?« – »Ein letztes Wort und zwar ein- für allemal, Meister. Die Sache ist nicht mehr werth,« versetzte sie und wandte sich zur Thür. »Gute Nacht.« – »Gute Nacht,« sagte er, rief einen ähnlichen Gruß in die Thür, der von drinnen erwidert ward, und ging. Die Frau nahm die beiden Stühle und ihr Strickzeug, schritt hinein, und nachdem sie die Magd noch für die Rückkehr der Gesellen mit dem Schließen der Thür beauftragt, trat sie in's kleine Hinterzimmer.

Der Meister ging auf und ab. »Was hat er denn noch geschwatzt?« fragte er. – Sie setzte die Stühle an ihren gewöhnlichen Platz. »Das alte Zeug,« entgegnete sie finster. »Eine neue Bettelei. Ich denke aber, er wird nicht wieder anfangen. Meine Antwort war rund.« – Der Alte ging ohne eine Entgegnung noch einigemal hin und her, setzte dann die Pfeife in's Brett und trat schweigend in den kleinen, an's Zimmer stoßenden Alkoven; die Meisterin folgte ihm bald.

Karoline ließ die Magd die Laden der Fenster in ihre Federn drücken, schickte sie darauf mit dem Bedeuten zu Bett, sie selbst wolle auf die Thür achten, da sie doch noch nicht schlafen möge, und stieg endlich in ihr Dachkämmerchen hinauf, dessen Fenster in die grünen Zweige der Linde hinaustrat. Da setzte sie sich hin und blieb nachdenklich und ernsthaft, wie sie den ganzen Abend gewesen. Viel Glück gab es in dem Elternhause nicht, und wo es da war, ward es von all' dem Elend und den Mißlichkeiten tief überwogt.

Sie saß lange still, die Arme in die Schürze gewickelt, den Kopf gegen die Wand gelegt. In den angrenzenden Straßen erstarb nach und nach alles Geräusch, und als die Gesellen nach Hause gekommen, als sie die Thür von ihnen ordentlich verschließen und den Riegel vorschieben gehört, als sich dann die tappenden Schritte im Hause verloren hatten, schien nichts mehr außer ihr zu wachen als die Uhren, die von Viertelstunde zu Viertelstunde leise und laut von den Thürmen herüberklangen.

Da kam ein einzelner, oft unterbrochener, schwankender Schritt die nächste Straße daher, – sie konnte es so weithin vernehmen! Er kam näher und näher, – sie horchte unwillkürlich darauf, wie es so langsam klang und so müde. Jetzt bog es um die Ecke und vor dem Hause hielt es an. Sehen konnte sie niemand, da die Linde mit dem dichten Laube ihr jegliche Aussicht nahm, aber sie hörte den Ankömmling tief Luft holen, so tief, daß man's seufzen nennen durfte, sie hörte ihn näher treten, auf die Stufe, die zu dem kleinen Auftritt vor der Thür führte, dann auch auf diesen, endlich sich auf die Bank niederlassen, und das klang wieder so hart und schwer. Nun seufzte es, nun war es still, nun seufzte es wieder, und dazwischen klangen Töne, die sie nicht recht zu deuten wußte; es war beinahe, als ob es schluchzte. Sie beugte sich so weit aus dem Fensterchen, wie es möglich war, die Zweige jedoch und der Vorsprung des schräg abfallenden Daches hinderten ihren Blick, so daß sie nichts als eine dunkle Masse auf der Bank zu unterscheiden vermochte, von der sie nicht einmal anzugeben wußte, ob's Mann oder Weib sei.

Wer konnte das nur sein? War es Zufall, daß er hier säumte, oder trugen ihn die Füße nicht weiter? Oder war es Absicht, wollte er zu diesem Hause? Und wer war es dann? Wer wollte hieher, hier hinein? Konnte es ihre Schwester sein, die Rose? Aber das war eine lächerliche Frage, denn der Schritt klang ja so hart, und das Klappern eines Stocks meinte sie auch gehört zu haben. – Oder war es vielleicht der Maler? Ging der so schwer und schwankend, führte er einen Stock? Was wollte er jetzt hier, jetzt? Er war nie hier gewesen, seit Rose das Haus verlassen. Und es war hart von den Eltern, daß sie nie die Tochter und ihre Botschaften, ihre Bitten wieder angenommen.

Das alles trieb sich im Kopfe des Mädchens umher, dazwischen hörte sie auf das Seufzen und Stöhnen, und das Herz ward ihr bang und schwer. Am liebsten wäre sie hinabgegangen und hätte nach dem Wesen gesehen; aber das schickte sich nicht, die Eltern konnte sie auch nicht wecken, und Ehroth, der Gesell, der bei dem Vater seit ewiger Zeit in Arbeit gewesen, der die Kinder auf den Armen getragen und zugleich mit den Eltern groß gezogen, der schlief über der Werkstatt hinten auf dem Hofe bei den anderen Gesellen. Dahin durfte sie auch nicht.

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