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Kazimierz Przerwa-Tetmajer: Aus der Tatra - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorKazimierz Przerwa-Tetmajer
titleAus der Tatra
publisherDr. J. Marchlewski & Co.
year1903
translatorJ. von Immendorf
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150210
modified20170703
projectid47a37cbb
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Wie man den Wojtek Chroniec verhaftete

Der kleine Jakobek Hucianski rannte den Berg hinan, daß ihm der Atem ausging, und rief von Zeit zu Zeit ganz laut:

– Ej! werd' ihm's doch sagen! Ej! werd' ihm's doch sagen!

Der kleine Jakobek Hucianski war schon vierzehn Jahre alt und wußte sehr gut, er dürfe niemandem etwas davon erzählen, daß der Wojtek Chroniec, der vom Militär desertiert war, sich oben am Berge bei seinem Oheim aufhalte; aber er war sich auch dessen ganz gut bewußt, es sei seine Pflicht, dem Wojtek zu sagen, daß seine Braut, die Kasia Pentzkowska, mit anderen Burschen im Wirtshaus tanze.

Darum lief er so schnell als möglich hinauf und rief wiederholt laut vor sich hin:

– Ej! ich muß es ihm sagen! Ej! ich muß es ihm sagen!

Er beeilte sich übrigens auch aus riesiger Angst vor dem Bären, der in der vergangenen Nacht auf der Bergweide mehrere Schafe zerrissen hatte.

Der Wald lichtete sich, die Fichten wurden immer spärlicher, die Alm ward schon sichtbar, hell vom Monde beleuchtet.

– Na, da bin ich ja! – sagte sich Jakobek.

Dann rief er den Hunden zu: »Hierher! Hierher!« und sie erkannten seine Stimme und liefen ihm kläffend entgegen; und als der »Waruj«, ein Köter so groß wie ein Kalb, ihm zwischen die Beine kam, klemmte sich Jakobek auf seinem Rücken fest, packte das Halsband und ritt unter lautem Gebell bis vor die Almhütte seines Oheims.

– Schnell bist heut da, – sagte der Alte. – Hast alles mitgebracht?

Jakobek nahm aus einem kleinen Rucksack einige Päckchen Tabak, Zündhölzchen und eine Flasche Schnaps.

– Alles ist da, was der Oheim auftragen hat.

– Da hast, – erwiderte der Alte und gab ihm ein großes kupfernes Vierkreuzerstück.

Jetzt erhob sich der Wojtek Chroniec, der bei der Wand auf einer Pritsche lag, nahm aus seinem Gürtel einen silbernen »Zwanziger« mit dem Bilde der Muttergottes und reichte ihm denselben.

Jakobek hatte bemerkt, daß ein riesig großer Bursche zweimal den Wojtek besuchte, daß sich beide mit dem Alten leise besprachen, daß dann bald nachher Wojtek auf eine Nacht verschwand, dann auf einen Tag und eine Nacht, zum dritten Mal sogar auf ganze vier Tage; und als er zurückkehrte, hatte er eine große Menge Silbergeld, Zwanziger, Taler, sogar goldene Dukaten, von denen er je einen den beiden stummen Hirten von Mur schenkte, den Brüdern Hajacek, Michael und Kuba. Es waren das Kerle, die jeder einen Zentner Eisen mit den Zähnen zu heben imstande waren und auf dem Rücken sogar fünf Zentner tragen konnten. Dabei aber waren sie ganz ruhige Burschen und taten niemandem etwas zuleide. Obwohl Kuba stumm war, verstand er wunderbar auf der Hirtenschalmei und der Trombone zu spielen, daß das Echo nur so widerhallte. – Jakobek dachte sich, daß Wojtek Chroniec von nirgends anders so viel Silber und Gold hatte bringen können, als nur von jenseits der Tatra her, aus dem Liptauischen, und daß jener gewaltige Bursche niemand anders gewesen, als der Bevollmächtigte der Räuber, mit denen Wojtek in Verbindung stand.

Aber darüber wurde nicht gesprochen. Jakobek nahm nur wahr, daß der Alte, sein Oheim, den Wojtek mit großer Achtung behandelte, ihm die besten Gerichte vorsetzte und zuweilen das Wort fallen ließ:

– Aus dir, Wojtek, wird noch was!

Jakobek wußte auch, daß Wojtek die Kasia Pentzkowska heiraten wollte, sie hatte ihn sogar zweimal in der Almhütte besucht, da es dem Wojtek unmöglich war, in das Dorf hinunterzugehen, eben wegen dieser Desertionsgeschichte.

Jakobek hatte auch gehört, wie sie dem Wojtek schwur, das Wirtshaus nicht zu besuchen und mit niemandem zu tanzen, insbesondere aber nicht mit dem Bronislaw Walentzak vom Kosny Hamr.»Krummer Hammer«, altes Eisenwerk bei Zakopane.

Nun hatte aber Jakobek, als er den Tabak und Schnaps einkaufte, gesehen, wie die Kasia mit diesem selben Walentzak eine Polka tanzte, worüber sein Herz ganz empört war; er sah sogar noch mehr, und zwar, daß der Walentzak sie im Gedränge umarmte und zweimal gerade auf den Mund, einmal auf die Wange küßte.

Und noch mehr empörte sich das Herz des Jakobek als er den »Zwanziger« vom Wojtek in der Hand spürte. So steht er jetzt vor ihm und spricht:

– Du, Wojtek, ich möcht' dir was sagen!

– Was denn?

– Die Kasia tanzt.

Wojtek schnellt von der Pritsche auf.

– Sie tanzt?

– Sie tanzt.

– Wo?

– Im Wirtshaus bei der Kirche.

– Hast du's gesehen?

– Ja.

– Mit wem?

– Mit dem Walentzak.

Wojtek sprang von der Pritsche auf beide Füße. Er war barfüßig und trat dabei auf glühende Scheite von der Feuerstelle, beachtete es aber nicht.

– Sagst du die Wahrheit? – und er packte ihn am Arm.

– Bei meiner Seel'!

– Da, nimm!

Wojtek warf ihm einen Taler zu. Jakobek steckte ihn ein. Dann sprang Wojtek zur Wand, nahm seine Bergschuhe und begann sie anzuziehen.

Die zwei riesigen Hajacek, welche in ihren schwarzen pechigen Hemden und ihren breiten bis unter die Achseln mit Messing beschlagenen Gürteln, den langen auf die Schultern fallenden Haaren auf einer niedrigen Bank beim Herde saßen und ins Feuer stierten, hoben beide gleichzeitig den Kopf und sahen sich an. Aus ihren dunklen, vom Ruß geschwärzten und von der Sonne verbrannten Gesichtern blitzten nur die blauweißen Augäpfel hervor.

Wojtek hatte seine Schuhe schon angezogen.

– Wohin gehst du? – fragte der Baca.

– Dorthin!

– Hüte dich! – warnte der Baca.

– Habt keine Angst, in der Früh bin ich zurück.

– Behüt dich Gott!

– Gott mit euch!

Sie reichten sich die Hände.

Wojtek nahm seine Ciupaga und ging hinaus. Die zwei riesigen schwarzen Hajacek standen von ihrer Bank auf und nickten nur dem Alten mit den Köpfen.

– Ihr geht mit ihm?

Sie nickten bejahend.

Die Stummen zogen ihre in die Holzwand eingeschlagenen Ciupagas heraus und entfernten sich.

– Was zum Teufel, ist dir eingefallen, ihm so was zu verzählen? – fragte der Alte den Jakobek.

– Wie hätt' ich denn schweigen können, wo ich's doch selber gehört hab', wie sie ihm geschworen hat, nicht zu tanzen? Und grad' den Walentzak, grad' den, hat er gebeten, soll sie vor allen meiden.

– Na, dort wird's was geben, – sagte der Alte halblaut, klopfte die Asche aus der ausgebrannten Pfeife, saugte geräuschvoll an ihr und vertiefte sich in seine Gedanken.

Wojtek lief, daß ihm der Kies unter den Füßen stob – über die Alm, durch den Wald, und dabei bemerkte er gar nicht, daß ihm die beiden Hajacek nachrannten; erst auf der Straße hörte er sie. Aber er blickte nicht um, sondern lief weiter.

Er erreichte das Dorf, eilte zum Wirtshaus und sah durch das Fenster: der Walentzak tanzte rund um die Stube und Kasia ihm zur Seite.Nationaler Tanz, in welchem ein Tänzer allein längs der Wand tanzt, wobei die Tänzerin frei folgt. Bei der Musik macht er halt und gibt seinem durch den Tanz gesteigerten Gefühl in oft improvisierten gesungenen Strophen Ausdruck. Eben stand er vor der Musik und sang:

»O hättst du mich, Kaska, so gern wie ich dich,
Dann fände wohl jede Nacht bei einand dich und mich.«

Und der alte Bartholomäus Hucianski, ein sehr lustiger Bauer, sang von der Ecke her zu Ende:

Ei, wär sie dann glücklich, ei, wär ihr das recht,
Wenn nimmer die Sonne aufgehen möcht.

Und alle lachten.

Wojtek trat in den Flur, vom Flur zur Tür.

Da stößt ihn einer an:

– Wie geht's dir, Wojtus?

Er schaut sich um: ein gewisser Florek Francus,Der Franzose. ein alter, magerer, kleiner, häßlicher; aber reicher Bauer, der sehr in Kasia verliebt war, stand hinter ihm. Da seine Eigenschaften durchaus unzureichend waren, neben dem Walentzak oder Wojtek Chroniec sich um die Dirne zu bewerben, haßte er den Walentzak aus dem Grund seiner Seele und sagte sich: »Wenn ich nicht kann, soll sie der Wojtek haben!«

– Wie geht's euch? – sagte Wojtek.

– Siehst du, was dort geschieht?

– Was soll denn geschehen?

– Kasia tanzt mit dem Walentzak!

– Deswegen bin ich ja hergekommen.

– O Gott! Wojtus!

– Es wird schon geschehen, – was geschehen soll.

– Da hast du meine Hand! Wenn du auch drei Tage trinken willst, so trinke! Ich verkaufe meine Kuh, ich verkaufe mein Pferd: trink'! Wojtus, mein Herz! Bei meiner Seele! trink'!!!

Was sind das für Teufel, die mit dir gekommen sind?

– Juhasen von Mur.Ein Dorf am Fuße der Tatra. Die zwei Hajacek.

– Mein Gott! sind die groß! Wenn ich so groß wäre, möcht' der Walentzak was erleben!

– Seid nur ruhig. Das wird er gewiß.

– Bei meiner Treu! Wojtus! Trink' nur so viel du willst! Die Wiese in Oblazy geb' ich her, das Feld geb' ich her, mein Haus geb' ich her: trink' nur, Wojtus, mein Herz, trink'! Ich kann's nicht, so nimm du sie! Nimm sie! Nimm sie! Nimm sie! Wrrr!!!

Hier knurrte Florek Francus wie ein Hund, sein Mund war voll Schaum, er drückte seine Nägel in die Hand des Wojtek, zitterte am ganzen Körper und trippelte von einem Fuß auf den anderen wie ein Hahn.

– Siehst du sie dorten?

– Ich seh' sie.

– Sie küssen sich, sie herzen sich, sie kommen zusammen. Wojtus! Wrrr! . . .

Hier bückte sich Florek Francus und faßte Wojteks Hemdärmel mit den Zähnen.

– Wojtus!

– Was?

– Alle Kinder halt' ich dir über die Taufe! Ich verschreib' ihnen mein ganzes Vermögen. Ich werd' sie wie ein Vater behandeln! Schlag' zu!!!

Und er stieß ihn in die Wirtsstube hinein. Die zwei riesigen Hajacek nahten sich der Türe.

Da riß einem der Musiker eine Saite: der Tanz wurde unterbrochen. Kasia erblickte den Wojtek. Sie wurde schrecklich verlegen und errötete, obwohl sie schon vom Tanze rot war. Sie weiß nicht: soll sie zu ihm gehen, oder nicht? was soll sie sagen? Endlich kommt sie auf ihn zu, reicht ihm die Hand und stottert:

– Wojtus? du bist hier?

– Ich bin hier, – antwortet Wojtek.

Daneben steht der Walentzak, angeheitert und erhitzt; auch er reicht dem Wojtek die Hand.

– Bist gesund, Bruder?

– Gesund.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, daß es krachte.

Der Musiker probte die Saiten: er konnte spielen. Mit einer breiten Bewegung zieht Wojtek vor dem Walentzak den Hut vom Kopfe, grüßt ehrerbietig, läßt sich vor ihm auf ein Knie nieder, hebt den Kopf und sagt:

– Bruder, mach' mir Platz.

Walentzak schüttelt trotzig den Kopf.

– Nein, Bruder.

– Ich bitt' dich, mach' mir Platz, Bruder.

– Nein, Bruder.

– Du willst nicht?

– Ich will nicht.

– Ich zahl' dir drei Tänze.

– Ich will nicht.

– Bruder . . .

Aber der Walentzak steht schon vor der Musik und singt:

»Wag's hier nicht, Bürschel, in der Schenk anzubandeln,
Da dürften dich Bess're ein bissel verschandeln.«

Und Wojtek Chroniec antwortet ihm, scheinbar lustig singend:

»So erschlag mich halt einer oder ich schlag ihn kalt,
Denn ich fühl, wie das Blut in dem Kopfe mir wallt.«

Walentzak bleibt stehen und blickt auf Wojtek, Wojtek blickt auf Walentzak. Sie schauen sich an, lächeln zwar, aber drohen sich mit den Augen, daß Funken sprühen. Die Bauern merken, daß da »Etwas losgeht«, ziehen sich zurück und bilden kleine Gruppen. Die Dirnen gehen zu ihren Burschen, bleiben bei ihnen stehen, geben sich Zeichen und halten sich bereit, da es »Etwas absetzen wird«.

Die Musik spielt, Walentzak tanzt. Er tanzt im weiten Kreise herum, aber es will nicht recht gehen. Er mag nicht aufhören, schon aus Zorn und Trotz, und doch bleibt er bei der Musik stehen und singt mit heiserer Stimme den Vers:

»Pferdchen, rotes Pferdchen mein,
Klopfest mit den Eisen dein
Auf der Arvaer Straßen.
Brechen tut mein Herz vor Leid,
Sehnet sich nach seiner Maid
Über alle Maßen.«

Er nimmt die Kasia bei der Hand, will sie umfangen, um sie zum Schlusse in der Luft zu drehen, da stößt Florek Francus den Wojtek in die Seite und flüstert:

»Wojtus!«

Wojtek stürzt vor, packt die Kasia beim Zopfe, reißt sie herum und wirft sie zu Boden! Der Boden stöhnte – sie gab nicht einen Laut von sich.

»Du Hündin! So viel gelten deine Schwüre!« schreit Wojtek und gibt ihr Fußtritte in die Brust.

Walentzak erstarrte und riß Mund und Augen auf. Da kam Staszek Pentzkowski, der Bruder der Kasia, von der Seite her auf ihn zu und schrie: »Hau zu! Erschlag' ihn!« und packte den Wojtek bei der Gurgel. Jetzt wurde auch Walentzak nüchtern und stürzt sich auf den Wojtek!

Fünf oder sechs Bursche, Freunde und Verwandte, der eine mit einem Sessel, ein anderer mit einem Prügel, wieder andere mit tönernen Krügen, – sich dabei das Bier auf die Köpfe gießend – fielen über den Wojtek her. Im selben Augenblick aber stoben die Leute bei der Türe nach zwei Seiten auseinander, wie das Häcksel in der Krippe, wenn die Kuh darauf bläst. Und die zwei stummen Riesen, schwarz und in ihren messingbeschlagenen Gürteln funkelnd, hoben ihre sonnverbrannten Arme, die sich unter den weiten Ärmeln ihrer Hirtenhemden bis zur Schulter entblößten. Wie die Hämmer im Eisenwerke von KoscieliskoEisenwerk bei Zakopane. (Jetzt nicht mehr in Gang.) das Eisen stampfen, indem sie sich lautlos emporhoben und mit Getöse niederfallen, so erhoben sich stumm ihre Fäuste und fielen zerschmetternd auf menschliche Köpfe nieder. Aus dem Getümmel erklang Jammer- und Zetergeschrei. Den Stummen von Mur blitzten nur die blauweißen Augen in den schwarzen Gesichtern, sie gaben nichts als ein unmenschliches wieherndes Gebrüll von sich und warfen mit den Burschen herum wie mit Garben auf dem Felde. Ein wahres Glück, daß sie von den Äxten keinen Gebrauch machten, denn dann, Jesus Maria! . . . Wojtek Chroniec drückte seine Knie auf den unter ihm liegenden Walentzak und würgte ihn an der Gurgel; dabei fiel ihm die Ciupaga zur Seite.

Die Leute drängten hinaus und flohen aus der Schenke, die entsetzten Musikanten drückten sich in eine Ecke. Die Juhasen von Mur schoben die Menge in den Flur, und der Platz um Wojtek wurde freier. Da schlich Florek Francus zu ihm hin und stieß ihn am Arm.

– Wojtus!

Dann knurrte er:

– Wrrr!!!

Da ergriff Wojtek die Ciupaga, stand auf und hieb in vollem Schwunge mit der Breitseite der Axt auf den Kopf des Walentzak ein, daß das Gehirn hervorspritzte. Dann ein zweites, drittes und viertes Mal, wo er nur treffen konnte.

Und bei jedem Schlage hüpfte Florek Francus in die Höhe und kreischte mit einer unmenschlichen Habichtstimme:

– Hau nur! Ich zahl' ihn dir nach Gewicht!

Wojtek schlug zu und hieb mit dem Axtrücken drein, ohne Rast.

Und Florek Francus kreischte in der Ecke:

– Wojtus! Wojtus! Hi, hi, hi! – und sprang und trampelte mit den Füßen.

Plötzlich ließ Wojtek ab von seinem Opfer, griff nach einer Flasche Schnaps vom Schanktisch, setzte sie an den Mund und trank sie bis zum letzten Tropfen leer. Dann schnalzte er und blickte sich um. Walentzak war wie von einem Fleischhacker zugerichtet, Kasia lag auf der Erde im Blute, zertreten, zerschunden, von der Menge umringt. Die Musiker standen in der Ecke und konnten nicht mehr hinaus.

– Spielt! – schreit sie Wojtek an.

– Spielt! – wiederholt er und wirft ihnen eine Hand voll Taler aus seinem Gürtel zu.

– Spielt! – und er hebt die Axt.

Der Geiger stimmt rasch die Saiten und streicht mit dem Bogen. Wojtek steht vor ihm und singt:

»Spiel mir jetzt auf, Musik, aber spiel gut –
Nimm, bin ich tot, all mein Geld und mein Gut.«

Er tanzt. Er rutscht aus im Blute. Den Walentzak stieß er mit einem Fußtritt zur Seite. Die Kasia schob der vom Schreck bleiche Schankjud unter eine Bank. Die zwei Hajacek mit bluttriefenden, zerkratzten und zerschlagenen Gesichtern stehen in der Türe, ihre Ciupagas in der Hand. Florek Francus in der Ecke hüpft, schreit und pfeift.

Wojtek tanzt, bleibt dann stehen und singt:

»Es spielen mir Fiedeln und Baßgeig so süß
Und man schmiedet mir Ketten für meine Füß.«

Er tanzt, verliert aber viel Blut, denn er hat im Gedränge auch ziemlich viel Hiebe bekommen, er wankt, aber er singt noch:

Einen fichtenen Galgen baut man über Nacht –
Das hat diese Liebe, dies Mädel gemacht . . .

und er sinkt auf die Bank.

– Du, Jud! – ruft er.

Der Jud zittert vor Angst.

– Was befehlen Herr Räuberhauptmann?

– Gib Papier, eine Feder und – wie heißt das Zeug, womit man schreibt?

– Tinte?

– Richtig, Tinte. Schnell. Da hast für deine Mühe.

Er wirft ihm einen Taler hin.

Der Jude brachte Papier, Tinte und Feder.

– Schreiben Sie, ich verstehe das nicht, – sagt Wojtek.

Der Jude tauchte die Feder ein.

– Schreiben Sie, wie ich sagen werde:

›An den Herrn Gendarmerie-Posten-Führer in Nowy Targ.

Ich, Wojtek Chroniec Sobuscyn, Deserteur vom Ersten Ulanen-Regiment, melde, daß ich die Kasia Pentzkowska wegen Untreue erschlagen habe und den Bronislaw Walentzak Borkowski auch, weil er mich bei der Gurgel gepackt hat, und bitte, man soll kommen und mich gefangen nehmen. Man kann ruhig kommen, ich werde mich nicht wehren.‹

– Unterschreiben Sie mich: Wojtek Chroniec Sobuscyn. Amen. Schicken Sie das mit dem Wagen, damit sie rasch von der Stadt herkommen.

– Und ihr Burschen, – sagte er zu den Hajacek, – schaut, daß ihr fortkommt, damit man euch hier nicht erschlägt oder einfängt. Hier im Gürtel ist hübsch viel Silber, und zwei kleine Kessel voll neuer Zwanziger sind im Ozpadla-Tale vergraben, dort, wo das Wasser vom Felsen rinnt, wenn man von der dürren Föhre auf zwei Schußweiten rechts geht und dann zwei und ein halb Schußweiten hinunter zur linken Hand. Teilt das Geld unter euch und gebt das Viertel von einem Kessel dem Alten, weil er mich den ganzen Sommer gefüttert hat. Geht hinauf.

Er reichte ihnen die Hand. Sie umarmen sich.

– Geht mit Gott!

Die Stummen schauten ihn an und gingen weg.

– Du, Jud, – fragte Wojtek, – lebt sie noch?

– Wer?

– Die Kasia.

– Ich kann nicht hinschauen . . . So viel Blut! . . .

– Juj! sie ist tot, sie ist tot, sie ist tot! – kreischte Florek Francus und brach in Schluchzen aus.

Dann warf er sich auf die Erde, schlug mit dem Kopfe auf den Boden, raufte sich die Haare, wälzte sich hin und her, wimmerte und stöhnte verzweifelt.

Und Wojtek Chroniec ließ den Kopf auf die Brust sinken und murmelte:

– Mich schläfert . . .

Dann, wie im Halbschlaf, sang er leise:

Ei, du Wind vom Feld, ei, du vom Bergeshang
Wenn ich nur fang dich, hundert Buchen überspring ich,
Ei, du Wind vom Feld, ei, du vom Bergeshang
Will man mich hängen, zerreiß meinen Strang.

Sein Kopf sank noch tiefer – er schlief ein . . .

 


 

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