Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Kazimierz Przerwa-Tetmajer: Aus der Tatra - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorKazimierz Przerwa-Tetmajer
titleAus der Tatra
publisherDr. J. Marchlewski & Co.
year1903
translatorJ. von Immendorf
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150210
modified20170703
projectid47a37cbb
Schließen

Navigation:

Krystka

Es war an einem jener klaren Vormittage des späten September, als Krystka Jano kennen lernte.

Die Sonne lag breit hingegossen über den Feldern, kalt und rein, auf der Tatra oben waren in weißblauem eisigen Reife Frostblumen aufgeblüht, die ein grelles Licht ausstrahlten, wie im Winter die Fensterscheiben einer Kirche. Über den Wäldern lichter Nebel, der durch die Luft zittert, wie Glockenton. Auf den Feldern, goldglänzend, Reihen von gemähtem Hafer. Die hie und da zerstreut stehenden jungen Tannen werfen kräftigdunkle Schatten in die Landschaft, flüchtige und durchsichtige die Erlen und Birken. Wo ein Zaun sich hinzieht, leuchtet da und dort eine Stange wie aus poliertem Stahle; wenn irgendwo in der Ferne ein Erntewagen fährt, scheint es, als glitte er leise über seinen eigenen Schatten. Wo ein Bächlein rinnt, blitzt es wie von Diamanten.

Still fliegen die Vögel einher.

Auf den gelben Stoppeln der Kornfelder weidet das Vieh. Die Kühe ziehen ihr Schattenbild nach sich, oder bleiben im vollen Sonnenlichte stehen, glänzend wie Messing. Von Zeit zu Zeit das kurze Brüllen einer Kuh, das Blöken eines Kalbes. Hie und da die Strophe eines Hirtenliedes, von einem hütenden Burschen oder Mädchen in die Luft gejauchzt. Am Waldesrande machen Kinder Feuer an, der Rauch steigt geradeaus in die Höhe, graubläulich, unten von der Flamme grellrot durchrissen.

Zwischen den Feldern gebettet, rauschen Bäche, mit Weiden besetzt, eintönig, ewig.

In der Luft liegt eine glasige Stille, und die in funkelnder Herrlichkeit, in überreichem, blendenden Lichtglanz erstrahlende Sonne flimmert in noch grellerer Helle über den vereisten eingefrorenen Abhängen der Tatra.

Krystka zählte damals sechzehn Jahre. Sie hütete die Kühe. Gemächlich lag sie auf einem grasbewachsenen Grenzhügel zwischen Haferstoppeln auf dem Rücken hingestreckt, in ein weites gelb- und rotgestreiftes Tuch gehüllt, hielt eine Peitsche in der Hand und schwang sie schnalzend über ihrem Kopfe. Die Beine hingen über den Abhang des Hügels und guckten bis zu den Knien unter dem aufgeschürzten Röckchen hervor.

Es war ihr eigentümlich zu Mute, wie wenn sie etwas in den Schultern juckte und ihr zugleich die Brust sprengen wollte. Wiederholt reibt sie ihren Rücken am Rasen, schiebt sich vor, will ihre Lage verbessern, kann aber keine bequeme Stellung finden; eine Unruhe ist in ihr, die ihre Schultern bald hebt, bald senkt. Jetzt fängt sie aus voller Kehle zu singen an:

»Ist ein Mägdelein fünfzehn, wird umsonst sie bewacht,
Sie schaut halt nach Burschen bei Tag und bei Nacht.«

Da regt sich's plötzlich über ihrem Kopf, und sie vernimmt eine tiefe männliche Stimme: – Was singst du denn so, Mädel?

Aber Krystka antwortete nicht, denn ihre Augen waren schier geblendet. Ein junger Bauer stand ihr zu Häupten, ein Bursche, so prächtig, als hätte ihn die Sonne gesandt. Blechzier und der metallbeschlagene Gürtel glänzen auf seiner Brust, es glänzt die Ciupaga in seiner Hand und die Messingringe am Schaft, die weiße CzuchaMantel, der meist nur übergeworfen wird. blinkt auf den Schultern, die roten Stickereien an den Hosen, und unter der schwarzen Hutkrempe leuchtet ein rotwangiges Gesicht und blaue Augen wie taubenetzter Enzian. Krystka blieb mit ihrem Blicke an ihm hangen; er sah es und lächelte:

– Warum schaust du mich so an? he?

Krystka war von Natur schlagfertig und schüttelte ihre Überraschung ab.

– Ej, habt ihr mir einen Schreck eingejagt, – sagt sie.

Er lächelt wieder.

– Bin ich denn so häßlich? – fragt er.

– Ah, wo! Aber das Klirren der Ringe an eurer Ciupaga war's. Ich bin ganz erschrocken.

Der Bursche blieb stehen, augenscheinlich gefiel ihm Krystka. Diese warf einen durchdringenden Blick auf ihn, mitten in die Augen.

– Geht ihr weit?

– Ah, was weiß ich . . ., – dann fügte er hinzu: – zu den Seen.Die Seen – sogen. »Gonsienicowe Stawy«. Es sind noch Schafe droben.

– Ej, was ihr für eine große Feder habt! – sagt Krystka, denn er hatte sich eben über sie geneigt und der Schatten der Feder war auf das Stoppelfeld gefallen.

– Eine Adlerfeder. Möchtest sie haben?

– Was soll ich damit? Wo soll ich sie anstecken? in mein Kopftuch vielleicht?

– Da! – sagte der Bursche und schlang seinen Arm um ihre Brust.

– Ej, laß doch! – sie stieß ihn mit dem Ellenbogen zurück, daß seine Hand wegflog, aber ein Schauer durchbebte ihren ganzen Körper, besonders den Rücken.

– Bist denn mit Weihwasser besprengt?

Er stellte sich keck, war aber doch verwirrt. Krystka hingegen hatte ihren Mut wiedergewonnen. Es lag ihr schon etwas auf der Zunge, was ihn lächerlich machen sollte, aber als sie dieses frische rote Gesicht unter der schwarzen Krempe sah, an welcher die lange, in der Luft schwankende Feder stak, wollte kein Wort über ihre Lippen.

Er bemerkte es und lächelte wieder:

– Man möcht' wirklich glauben, daß du boshaft bist.

Und er setzte sich neben sie auf den Hügel.

– Hab' ja Zeit, – sagte er.

– Ej, es ist ja noch früh am Morgen, – antwortete sie und es kam ihr vor, als überkäme seltsame Weichheit ihren Körper.

– Was hast du gesungen, als ich kam?

Krystka war über sich selbst erstaunt, denn sie fühlte, daß sie sich schäme, was bei ihr nie vorzukommen pflegte.

– Ihr habt's ja gehört.

– Wie war's denn?

– Ich hab's vergessen.

– Na, und wenn ich dir's sagen möcht«?

– Ej, wie? – und Krystka errötete und wandte ihren Kopf zur Seite.

– Ej, so, – und der Bursche nahm sie um die Hüfte und zog sie an sich.

– Woher seid ihr denn? – fragte Krystka nach einer Weile.

– Aus Gronie.Ein Dorf.

– Und was für Schafe habt ihr denn bei den Meeraugen? es sind doch die von Zakopane dort und nicht die von Gronie!

Und Mißtrauen erfaßte ihre Goralenseele.

– Ej, das hab' ich dir ja nur so gesagt. Ich hab' ja dort gar keine Schafe, – sagte Jano.

– Also was denn?

– Ich will nur dort hinaufgehen über den Liliowe-Paß.

– Wohin?

– Nach dem Wirchzicha-Tal. Ich soll dort jemanden treffen.

Und in seinen listig zwinkernden Augen blinkte ein verschmitztes Lächeln.

Krystkas Blick glitt über ihn, von oben bis unten: er hatte zwei Messer und eine Pistole im Gürtel.

– Ej ha! – durchfuhr es ihren Kopf, – das ist ja ein Räuber! . . .

Und sofort überkam ihr Herz große Bewunderung und Begeisterung.

– Wann werdet ihr denn wieder zurückkehren? – fragte sie.

– So in einer Woche oder in fünf Tagen. Wirst du dann wieder hier das Vieh hüten?

– Ja.

– Und wie heißt du?

– Krystka. Und ihr?

– Jano. Gibst du mir einen Kuß?

Krystka überflog tiefe Röte, sie senkte ihr Gesicht zur Brust, lächelte dann und sah ihn unter den Wimpern hervor an.

– No, gibst du mir einen?

Sie lispelte leise: – Ja.

So umschlang Jano ihren Leib und drückte einen Kuß auf ihre Lippen; da durchrieselte sie heiße Wonne.

Und als er von ihr weg, gegen den Wald hinaufging, schlank, hoch, weiß in der leuchtenden Czucha, mit der langen, in der Luft schwankenden Feder am Hut, da schwellte Sehnen ihre Brust und sie schmetterte ihm laut nach:

»Ach' mein sammtner Schatz, mir ist nach dir so bang,
Werde dich beweinen mein Leben lang . . .!«

Er aber antwortete ihr schon aus dem Walde:

»Wein nicht, mein Lieb, wenn ich auch räubern geh,
Bitte unsern Herrgott, dein bleib ich dann eh . . .«

Und lange noch tönte aus dem Walde sein Gesang, immer ferner, immer leiser, bis er nach und nach in der Tiefe der Waldesnacht zerrann.

So war er also von ihr fortgegangen, irgend wohin, weit, weit, in die reifübergossenen Klüfte der Tatra, in Frost, Öde, in die traurige Herbsteinsamkeit, fröhlich, singend, rotwangig, gekleidet wie am Festtag, die ganze Gestalt blitzend von Messing und Waffen.

Um Krystka wurde es still.

* * *

An einem heißen Junitage ging Krystka in den Fichtenwald am Woloszyn,Ein Berg. oberhalb der Alm. Aus der Ferne tönte das helle Geläute der Schafglocken.

Krystka schritt dahin und sang:

»Kränzlein lilienbunt, fällst mir vom Kopf jetzund,
Fließest fort zu Tal – find dich nicht mehr zumal . . .«

– Aber ich bereue es nicht, – dachte sie bei sich. – Und sie sang weiter:

»Ihr Burschen, ihr Burschen, 's gab Gott euch mein Geschick:
Verloren mein Kränzlein – ach gebt's mir doch zurück.«

– No, ihr könntet es doch wiedergeben! verfluchte Hundsköpfe! – sagte sie halblaut.

»Hielt's bis nun geheim, will's nicht mehr heimlich machen,
Sorg du für die Wiege, ich will Windeln machen.
Sorgst du für ein Zirbelkiefer-Wiegelein,
Bring ich Windeln aus gebleichter Webe fein . . .«

– Ej, was! ej, woher denn! so arg ist's noch nicht! – lachte sie auf.

Sie horchte – aus der Ferne drang vereinzelt das Läuten der Schafglocken an ihr Ohr, in langen Pausen, gedämpft. Und bewegt fing sie zu singen an:

»Hell blitzt, mein Jano, dein Aug aus der Fern,
Zum Teufel mit den Händen, feiern gar zu gern . . .«

– Na, er hat's ja auch nicht nötig. Gibt's denn nicht Silber genug in den Zipser Städten und den Liptauer Gewölben?

»Mein Liebster, keine Feder nickt dir vom Kopf,
Sie schmückt halt deines Schätzleins goldblonden Zopf . . .«

– Ej, zum Teufel, wie soll sie denn nicken, sie hat damals geblinkt, wie wir uns zum erstenmal gesehen haben, dort auf der Weide. 's sind schon bald drei Jahr jetzt im Herbst . . .

»Liebe mich, mein Liebster, wie du angefangen,
Dreh die Augen nicht nach andern voll Verlangen . . .!«

– Na, die hätt' 's mit mir zu tun! Hunderttausend Teufel! das wär' ihr Tod!

Sie stampfte mit dem Fuße und nach einer Weile begann sie wieder in süßer, heißer Sehnsucht:

»Komm zu mir bei Tag oder im Traum bei der Nacht,
Denn ich hab ja nur alleweil deiner gedacht.«

– Wo kann er nur sein? ach, Maria, liebste Mutter Gottes! wo kann er nur sein? Er hätt' doch heut' daher kommen sollen, zu den Salaschen . . .

Just da ertönte von oben, vom Grat her, den Waldpfad herunter, dort wo in der Frühe die Schafe auf die Halden gehen, weithin hörbar, die männliche Stimme Janos:

»Ei, so sing ich mir, ob ich auch nichts habe –
Vöglein singen lustig, sind auch ohne Habe . . .«

– Jasiu! Jasitzku! – stieß Krystka hervor und rannte mit ausgebreiteten Armen den Pfad hinan. Und er sang weiter:

»Hej, frei bin ich, frei, wie der Vogel im Feld,
Hej, frei wie das Fischlein im Wasser, das schnellt . . . Uha!
Hättest du Verstand und Witz für derlei Dingen,
Würdest du mich pflegen allein für mein Singen!«

und fröhlich, selbstbewußt und schmuck geputzt, tauchte er aus dem Tannenwalde auf, weiß und blinkend vom Kopf bis zu den Füßen.

– O, Jasitzek, du meiner! – keuchte Krystka atemlos und warf sich ihm um den Hals. – Herzlieber! Goldener!

– Wie geht dir's? – sagte Jano. – Ich hab' Hunger. Habt ihr Molken oder Knödel in der Salasche?

* * *

Ein klarer Augustabend, der Himmel von Sternen übersät, mondlos. Am Woloszyn wiegt sich der Wald, elastisch, gleichmäßig; auf dem einsamen Bergeshang rauschen die Tannen, wie wenn ein Zauber sie bewegte.

Ein Blick nach oben: sie tragen Sterne, auf ihren Ästen flimmern sie wie güldene Falter, durch einen Fluch aus einer schöneren Welt in diesen Wald verschlagen. Ein Blick höher, über die Matten: Sterne an den Felsspitzen, als wären die Berge in kostbare Edelsteine verzaubert.

Krystka geht durch den Wald und ringt die Hände. Tränen rollen über ihre Wangen, ihre zerrauften, aus dem Kopftuch fallenden Haarzöpfe liegen auf den Schultern; der Verzweiflung preisgegeben, geht sie dahin. Und als ihr schon das Herz vor Leid springen wollte, da entrang sich, so wie das überschäumende Wasser die Schleuse sprengt, klagender Gesang ihrer Brust. Und es quoll hervor:

Herz, mein Herz, du weinst und pochst in meiner Brust,
Daß auf deinen Schatz vergeblich warten mußt . . .

Herz, mein Herz, du weinst und möchtest schier ersterben
Ob der Jugendreize, die umsonst verderben . . .

Das Echo schallte; Krystka wußte nicht, woher in ihr diese noch nie gehörten Worte stammen? Sie setzte sich auf einen Stein, barg ihr Antlitz in den Händen und begann zu weinen. Und dann, als es ihr wiederum die Brust sprengen wollte, entquoll ihr abermals der Gesang:

Heut werd ich mein Lager recht schmal mir bereiten.
Mein Schatz kommt nicht wieder, vorbei sel'ge Zeiten.
Meines Lagers Heu wird feucht vor Tränen schier,
Das verlorne Glück erschien im Traume mir . . .
Das verlorne Glück, o unglücksel'ge Stunde,
Bis zum Morgen hell stürb ich an meiner Wunde . . .

Das Echo lief durch den Wald. Krystka erhob sich und ging ihm nach. In ihrer Brust flammten Haß und Zorn. Ihr Schluchzen erfüllte den Wald so weit er reichte:

Hätt ich nur gewußt, welch Weh mir zugedacht,
Fleht ich Gott: er hätt zum Sklaven dich gemacht!
Teufel mögen dir den Weg des Nachts versperren,
Raben an den Resten deiner Leiche zerren!
Hätt ich nur gewußt, du würdest niemals mein,
Drehte ich den Strick für deinen Hals allein!

Und das Echo zog klagend durch den Wald, und Krystka heulte weiter, wie eine toll gewordene Hündin:

Warte nur, fein Hedwig, mit den Rosenwangen
Laß unter dein Fensterlein mich nur gelangen
Wart nur, fein Hedwig, mit den Augen blau
Komm ich zu dir heut Nacht, Mädchen, dann schau.
Wart nur, fein Hedwig, blau sind deine Augen
Und dein Blut so rot, wird den Wald aufsaugen!
Und im Bach wird's fließen, und im Strom wird's fließen;
Und der Sarg wird dich in Linnen weiß umschließen!

Sie ballte die Fäuste und raffte sich auf, um weiter in den Wald zu dringen, immer weiter, immer weiter!

Und die nassen Farnkräuter schlugen an ihre Füße, und unter ihren Schritten raschelten die Reiser und das Heidekraut.

Brüllend trug das Echo ihren Gesang fort, und der alte Baca Michael Zwijac auf der Rusinowa Jaworzyna,Alm. dem es in den Ohren trommelte und ihn in der Nacht nicht schlafen ließ, hob seinen Kopf vom Lager, horchte und wunderte sich im Stillen: »Was für Teufel lärmen denn dort im Wald? Ist's ihnen in der Hölle zuwider worden, oder was?«

Unterdessen kehrte Krystka zu den Salaschen am Woloszyn heim. In ihrer Brust tobte Schmerz und rasender Ingrimm. Sie ging nicht, sie flog durch den Wald von der Rusinowa Jaworzyna, in dem sie umherirrte. Arme und Brust teilten die Äste der Tannen, und rauschend und knisternd wich das von ihren Hüften gestreifte Krummholz auf ihrem Weg zur Seite; von Zeit zu Zeit spritzte das Wasser einer Pfütze auf. Irgendwo sprang ein gescheuchtes Reh stampfend im Dickicht auf und verschwand. Krystka strebte, die Zähne in die Lippen verbissen, durch den Wald gegen die Alm. Aus dem Dunkel der tiefen Waldfinsternis und der zu Boden sich senkenden knorrigen Äste tauchte der Lichtschein der Salaschen auf. Die Hunde witterten Krystka und kamen ihr unter freudigem Gebell und schwanzwedelnd entgegengelaufen; sie versetzte dem nächststehenden einen Fußtritt, daß er winselnd aufheulte, und stürzte gegen die Salasche zu, wo vom Fußboden her ein offenes Feuer durch die Ritzen der Wände leuchtete.

– Ist jemand drin? – rief sie zur Tür hinein.

– Ich bin da, – antwortete Jano aus dem Innern.

Sie blieb an der Schwelle stehen. Aus dem niedrigen schwarzen, vom Feuer grell beleuchteten Raume qualmte ihr dichter Rauch und der erstickende Geruch eines von Harz gesättigten Feuers, mit dem Dunst von feuchten Fetzen und von Molke und Käse entgegen.

– Bist du allein hier? – fragte sie die Bänke im Schatten musternd.

– Freilich. Alle sind auf die Heuböden schlafen gegangen.

Sie trat über die hohe Schwelle ein. Jano saß auf einer Bank und wärmte seine Hände überm Feuer.

– Ist dir kalt?

– Die Hände sind mir erstarrt, ich kann sie kaum warm kriegen.

– Warum bist du nicht bei der Jadwiga? Die möcht' dich gleich warm machen.

Jano lächelte spöttisch, blickte zu der vor ihm stehenden Krystka auf und sagte ruhig:

– Ich hab' auch wieder einmal zu dir kommen wollen.

– Ich brauch' dich hier nicht! – schrie Krystka. – Hörst du? ich brauch' dich nicht hier!

– Na, wo denn? – lächelte Jano, – auf dem Heuboden?

Krystkas Gesicht überzog tiefe Röte und ihre Augen verglasten sich vor Tränen; mit beiden Händen griff sie nach seinen Armen.

– Jano!

Er sah sie mit phlegmatischer Ironie an, machte ein pfiffig-dummes Gesicht und fragte:

– Was?

Krystka warf sich vor ihm auf die Knie. Von einem durch ihren Fuß zurückgestoßenen Ast im Bodenfeuer sprühte ein Funkenregen zur Decke empor.

– Jano! hab' ich dich nicht geliebt?!

– No ja, es war ja wie es war, – antwortete er, die brennenden Holzscheite mit dem Schaft der Ciupaga im Feuer zurechtrückend; die heftig angefachten Flammen zischten und brausten in glühendem Brodeln auf.

– Hab' ich dich nicht geliebt? sprach Krystka stöhnend. – War ich dir nicht treu diese drei Jahre? Du warst der erste, du warst der letzte. Hab' ich dich nicht gepflegt, als der Wawrzek Mientus dir mit dem Beil den Kopf zerschlagen hat? hab' ich dich nicht gerettet, als dich die aus DunajecDunajec kurz statt Bialy Dunajec = ein Dorf. bei der Hochzeit überfielen? hab' ich mich nicht den Gendarmen in der Tür entgegengestellt, als sie auf der Suche nach dir zu uns kamen, damals, wie du das Geld in ChocholowEin Dorf. gestohlen hattest? Mein Körper ist noch blau vom Kolbenstoß, den mir einer versetzt hat, bevor du durchs Kammerfenster entfliehen konntest. Hab' ich dich nicht gesucht, als du vom Grat des MiedzianeEin Berg. abgestürzt warst, mit dem Gams am Rücken? Du warst schon hübsch erfroren damals. Und diese Liptauer Kugel, die hätt' mich auch beinah' durchbohrt. Jasiek!

– Was willst du?

– Was hab' ich dafür? was hab' ich dafür?! was?

– Ein Korallenhalsband und fünfundzwanzig Taler.

– Oh, hätt' ich sie nur da! Hier in das Feuer tät' ich sie dir schmeißen!

– Das gäb' schöne Funken.

Damit zog Jano aus seiner Serdaktasche eine Pfeife hervor und begann mit einem Draht die Kohlenreste und Tabaksasche herauszukratzen.

Krystka, auf dem Boden kniend, umschlang ihn am Gürtel und näherte ihren Mund seinem Gesichte.

– Jasiu, Jasitzku, – sagte sie voll Schmerz, – ist dir's denn schlecht gegangen in diesen drei Jahren?

Jano schüttete die Kohlen und Asche aus der Pfeife auf seine Hand, zog einen Tabaksbeutel aus Schweinsblase hervor und legte frischen Tabak hinzu.

Krystka sah ihm in die Augen:

– Jasiu! . . .

– Was? – sagte Jano, spuckte auf den Tabak und begann ihn mit der Hand zu mischen.

– Du wirst nicht mehr zu ihr gehen? nicht wahr?

– Zu wem?

– Zur Jadwiga . . .

Jano stieß kräftig den mit Holzkohle vermischten Tabak in die Pfeife, steckte sie in den Mund, entnahm dem Feuer einen brennenden Span, legte die Flamme an, stupfte dann mit dem Finger darauf, tat ein paar Züge, schleuderte den Span ins Feuer zurück und spuckte zischend in die Glut. Krystka hockte sich vor ihm auf die Fersen und sah zu ihm auf, wie eine Mutter auf ihr Kind.

– Jasiu, – sagte sie halblaut, – was immer du willst, das geb' ich dir.

– Eh, du hast mir doch schon alles gegeben? spottete er.

– Wie eine Mutter werd' ich dich pflegen. Nie wirst du arbeiten müssen . . .

– Ej, jetzt arbeit' ich ja auch nicht viel.

– Alles wirst du haben wie ein Herr! Tagtäglich koch' ich dir Fleisch!

– Ej, wirklich! – Und Jano spuckte wieder durch die Zähne ins Feuer. – Was gibst du mir sonst noch?

– Das Aufgebot zahl' ich!

– Mit wem denn?

– Jano? sei nicht so grausam! Der reine Teufel!

Jano stand von der Bank auf.

– Wohin gehst du?

– Wohin es mir beliebt, – antwortete er ruhig.

Krystka schlang wieder die Arme um seinen Leib.

– Hab' ich dich nicht geliebt? hab' ich dich nicht geküßt? Hab' ich dich nicht geherzt? – sprach sie halblaut in zärtlichem Ton. – Wann immer du kamst, warst du mein. Wenn du in der Nacht kamst, hast nur leise ans Fenster zu klopfen gebraucht, hab' ich dir da auch nur ein einziges Mal nicht aufgemacht? Kamst du im Winter, mag's noch so kalt gewesen sein, bin ich da nicht im Hemd zu dir hinausgesprungen? barfuß? Wie die Erlösung hab' ich dich immer begrüßt! Jasiu!

Und Krystka lehnte ihre Stirne an seine Knie und umschlang seine Beine.

– Jasiu! Jasitzku!

Aber Jano wurde schon ungeduldig, stieß sie von sich und wandte sich zur Tür. Krystka ließ seinen Fuß nicht los und schleppte sich ihm nach.

– Laß mich doch!

– Ich laß dich nicht! Du bist mein! du bist mein! du bist mein!

– Ich tu, was ich will! – sagte Jano ungeduldig.

– Ich werd' deine Kyrpce küssen! Magst du mich nicht mehr?

– Küss', wenn du willst! – sagte Jano. – Du hast mich doch nicht gekauft, daß du mich anbinden könntest wie ein Kalb?

– Ja, ich hab' dich gekauft! auf ewig!

– Womit?

– Mit meinem Herzen!

– Ah! So! – sagte Jano nachlässig und schritt weiter der Türe zu.

Da schnellte Krystka empor und schrie:

– Halt! – Ihre Stimme war so wuterfüllt, so feuersprühend ihre Augen, daß Jano stehen blieb.

– Halt! So sag' doch, was dir an dieser Vettel gar so gut gefällt? Ist sie denn reicher als ich? die verfluchte Hex'! hat sie glattere Wangen? ist sie stattlicher? Was gefällt dir denn mehr an ihr, als an mir? Kaum hast du sie damals gesehen im ersten Sommer, da hat's dich schon zu ihr gezogen! Nur hast du dich anfangs geschämt! du! Mit was hat sie dich an sich gelockt? du! Bin ich denn nicht ein Mädel, wie sich's gehört? was?

Und sie stand vor ihm, das Kopftuch auf die Schulter herabgeglitten, das Haar zerzaust, die schwarzen Augen flammend, glühende Röte auf ihrer dunklen Haut.

Jano stand da, den Hut keck am Ohr, die Pfeife im Munde, auf seine Ciupaga gestützt.

– Was gefällt dir denn mehr an ihr, als an mir?!

– Die blauen Augen.

– Die blauen Augen!?

– Ja.

Krystkas Gesicht überloderte noch wildere Glut, als wäre ein Donnerkeil herangeflogen und hätte sich zwischen ihre Brauen festgesetzt.

– Die blauen Augen? – stieß sie nochmals hervor.

– Ja, – wiederholte Jano gleichgültig und mit Unwillen.

Das Gewitter zwischen Krystkas Brauen spannte sich drohender, aber ihre Miene veränderte sich und in ihrem Lächeln lag ein Grinsen, das ihre kleinen weißen scharfen Zähne hinter den Lippen hervorblitzen ließ.

– Und du willst zu ihr gehen?!

– Ich geh' dorthin, wo 's mir paßt.

– Gewiß! Bei Gott! Könnt' ich nur meine Augen blau malen! Aber was ist zu machen? sie werden einmal nicht blau in meinem Kopf. Da gibt's keinen Rat! Aber wart' nur, Jasiu, du brauchst nicht hinzugehen, ich werd' sie dir herschaffen. Wenn du mir so in den Verstand redest, da hab' ich schon ein Einsehen. Bleib' nur ruhig da sitzen in der Salasche, ich werd' sie dir gleich herbringen.

Sie riß ein großes brennendes Scheit aus dem Feuer.

– Es ist dunkel! ich leuchte mir!

Jano bog sich über seine Ciupaga und sah Krystka verwundert an.

– Was willst du machen, Krystka? – fragte er.

– Ich bring' sie dir her! Da in der Salasche wirst du sie haben.

– Krystka?

– Bleib' nur sitzen! wir werden beide gleich da sein. Wenn du mir so in den Verstand redest, dann bin ich schon gescheit.

Und mit dem brennenden, einer Fackel gleichenden riesigen Scheit stürzte sie aus der Salasche; Jano sah durch die Ritzen nach der Richtung des Lichtes, wie sie zum Schuppen Jadwigas lief, der einige Schritte weiter lag.

– Jadwiga liegt auf dem Heuboden, – sagte er zu sich. – Wird sie sie denn zu mir rufen, oder was denn?

Und er setzte sich wieder ruhig nieder, das Gesicht zum Feuer gewendet.

Krystka erreichte den Schuppen Jadwigas. Ab und zu hörte man die Glocken der für die Nacht darin eingestellten Kühe. Jadwiga saß auf der Schwelle.

– Was ist denn das?! fragte sie, als sie das nahende Licht des Scheites erblickte.

– Schläfst du noch nicht, Jadwiga? – ließ sich Krystka vernehmen.

– Nein. Du bist's, Krystka?

– Ja, ich.

– Wozu kommst du denn mit dem Feuer?

– Um dich zu holen.

– Zu was?

– Du sollst mit mir gehen.

– Wohin? wohin soll ich denn gehen?

– Zum Jano.

– Zum Jano? der kommt schon von selbst, – wies Jadwiga scharf zurück.

Krystka schwieg einen Augenblick, dann sagte sie mit sonderbarer Stimme:

– Blaue Augen hast du, Jadwiga?

– Wie ich sie hab', so hab' ich sie. Was kümmert's dich?!

– Jadwisia! hast du blaue Augen?!

– Ej, da, schau sie dir an!

– Zeig' her!

– Scher' dich dorthin, woher du gekommen bist! Was willst du von mir?!

– Zeig' nur her, diese Äuglein!

– Krystka! bist denn du närrisch worden?! was willst du?!

Und Jadwiga erhob sich von der Schwelle und stellte sich ihr, Gesicht an Gesicht, gegenüber, durch den Feuerschein von oben her gerötet.

– Was willst du?!

– Deine Augen will ich! das! – gellte Krystka und stieß ihr die Flamme des Scheites in die Augen.

Ein gräßlicher, die Berge erschütternder Schrei durchdrang das Waldesdunkel und die Nacht. Die Hunde heulten auf, und das Echo des Schreies erfüllte die Luft, als hätten ringsum die Felsen aufgestöhnt. Diesem Schrei folgte ein zweiter und ein dritter; über die Waldwiese flog ein Mark und Bein erschütterndes Stöhnen, schrecklich, furchtbar, wie aus dem Innersten gewaltsam gerissen.

Jano sprang zur Salasche heraus und eilte zum Schuppen.

– Was ist geschehen?! – rief er. – Tausend Teufel! was schreit denn so? was . . .

Die Stimme blieb ihm in der Kehle stecken. Krystka hielt die auf dem Boden sich wälzende und kreischende Jadwiga bei der Hand und beleuchtete sie von oben her mit einem Wirbel von Funken. Als sie Jano erblickte, rief sie:

– Da hast du sie! da hast du die blauen Augen! Schau sie dir nur an!

Und sie schwang ihm das Feuer entgegen.

– Was hast du ihr gemacht?! du Unglücksmensch?!

– Was?! Die Augen hab' ich ihr angezündet, wie Moos, – lachte Krystka auf, daß es im Walde hallte.

Die erwachten Leute begannen aus ihren Hütten aufzutauchen und zu der Stelle zu eilen, von wo man Stöhnen und Schreien vernahm und wo das Feuer in der Luft flackerte. Aber Jadwiga hörte plötzlich auf zu wimmern und sich auf den Steinen und der Streu zu wälzen; sie mußte vor Schmerz ohnmächtig geworden sein.

– Die blauen Augen hab' ich angezündet, wie Moos! – wiederholte Krystka, ließ die Hand Jadwigas los und schleuderte den verlöschenden Scheit von sich.

Still wurde es, und dunkel. Da trat sie an Jano heran, der vor Entsetzen unbeweglich dastand, schlang beide Arme um seinen Nacken, kräftig, elastisch, überwältigend, und zog seinen Kopf zu sich herab.

– Jetzt bist du mein! – sagte sie mit wildem, erstickten Flüstern. – Jetzt bist du mein!

Und er neigte sich zu ihr herab, bezwungen, aber auch ohne Widerstand.

Krystka faßte ihn bei der Hand und zog ihn in den dunklen, sanft rauschenden Wald . . .

 


 

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.