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Kazimierz Przerwa-Tetmajer: Aus der Tatra - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorKazimierz Przerwa-Tetmajer
titleAus der Tatra
publisherDr. J. Marchlewski & Co.
year1903
translatorJ. von Immendorf
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150210
modified20170703
projectid47a37cbb
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Franek Seliga und der Herrgott

Da war ein Bauer, Franek Seliga; er arbeitete in dem Bergwerk auf der Magora; er grub dort Erz. Er war so schön, daß es die Weiber schüttelte, wenn er durch das Dorf ging. Er war auch ungeheuer stolz auf diese Schönheit, übermütig, und überdies brüstete er sich noch damit, daß er vom Adel stamme, denn eine solche Sage geht über die Seligas und die Zychs aus Witow.

– Ich bin von Adel, – pflegte er zu sagen.

– Ej, damals stahlen die Zigeuner noch nicht, als du ein Edelmann warst! – lachten sie über ihn.

Und da war in Kuznice ein Herr Walewski, Rentmeister, der eine Tochter hatte, die Aniela, ein Mädchen, so schön, wie es eine solche noch nicht in der Welt gegeben. Und da gefiel dieses Fräulein Walewska dem Franek Seliga.

– Die würde zu mir taugen, – sagte er immer, – wie wenn man uns aus einem Netz genommen hätte, wie zwei Forellen.

Und wenn er schon früher ein Geck war, so verlor er jetzt alles Maß. Auf den Schultern eine schwarze Czucha, lang, mit roter Schnur breit verbrämt, die Hosen in neun Reihen mit blauer Schnur ausgenäht, während der reichste Gazda, wenn er schon in fünf Reihen ausnähen ließ, selbst nach sich umschaute; helle gelbe Kyrpce, ein Hut mit ganz kleiner Krempe, Muscheln daran und hinten eine Spielhahnfeder. Das Fräulein fuhr jeden Sonntag mit dem Vater in die Kirche nach Nowytarg; dorthin stolzierte Franek Seliga in seinem Putz. Am schlimmsten war's bei schmutzigem Wege, denn da wußte er schon gar nicht, wie er gehen sollte. Da machte er mehr Sprünge von Stein zu Stein, als Schritte. Aber er war halt leicht.

Er hatte aufgehört zu trinken, zu rauchen, nichts – nur Geld spart er zusammen und putzt sich. Und in der Kirche bei St. Anna in der Stadt, mochten da noch so viel Leute sein, er verstand es, sich zur Bank durchzuzwängen, wo Fräulein Walewska mit ihrem Vater gewöhnlich saß.

Da plagte er den lieben Gott schon nicht allzu sehr. Er wußte wenig, wo er war, nur den Kopf reckte er in die Höhe, daß er so wunderbar schön sei und warf Blicke auf das Fräulein. Auch sie sah manchmal vom Gebetbuch zu ihm auf.

Und Franek deutete sich das auf's beste, denn er war schrecklich eingebildet und hielt alles von sich.

– Verliebt hat sie sich in mich, – sagt er, – es konnte nicht anders sein.

– Wer?

– Die Janiela.

– Was für eine Janiela? die vom Mostowy?

– Ach wo!

– Die vom Windigen Kuba?

– Ach wo!

– Na, welche wäre denn hier? Die von der Gorska ist verheiratet, die vom Plaza ist verheiratet, die auf dem Gladkie zu alt, nicht für dich – – was für eine Janiela hast denn du noch hier gefunden?

– Das ist ja kein Mädel nicht, das ist ein Fräulein.

– Ein Fräulein?

– Freilich ein Fräulein.

– Eh, du bist doch ein Bauer.

– Ich bin von Adel.

– Ej! von einem solchen, der den Kuhstall ausmistet!

– Wenn auch!

– Aber sag' mir doch, Franek, schwatz' keine Dummheiten: welche ist denn das, diese Janiela, die sich in dich verliebt hat?

– Die Walewska.

– Aus Kuznice?

– Ja.

– Bist du denn verrückt geworden?

– Ich bin nicht verrückt geworden.

– Der hättest du in die Augen gestochen?

– No ja!

– Hat es dich etwa angeraucht?

– Es hat mich gar nicht angeraucht.

– Und wär's auch so: wirst du sie denn nehmen?

– Freilich werd' ich.

– Ehtsch! man wird sie dir geben! Wenn du wenigstens ein Organist wärst oder sonst was wo. Aber was bist denn du? Ein einfacher Bergmann, sonst nichts.

– Aber ich bin so schön, daß es ein Wunder ist!

– Na, das ist schon wahr, da läßt sich nichts sagen, ein Teufel hat dich nicht gekalbt. Aber woher weißt denn du, daß sie dich lieb hat?

– Sie wirft Blicke auf mich.

– Geh doch! Auch ein Fuchs wirft Blicke auf die Kartoffeln und wird sie doch nicht fressen.

Franek kommt am Samstag nach Kuznice zur Auszahlung, schaut sich fast die Augen aus, studiert, wie er nur diese Anielcia sehen könnte? Denn sie hatte sich ihm auch schrecklich ins Herz eingestohlen. No, und so viel hatte er ausspekuliert, daß er sich ihr doch ein wenig nähern und manchmal ein Wort anbringen konnte. Sie, obzwar sie für ein Fräulein angesehen wurde, stach auch nicht zu sehr von ihm ab; ein Kleidchen trug sie nur am Sonntag und an Feiertagen, sonst hatte sie einen gewöhnlichen Kittel an, auf dem Kopfe ein Tuch, und Stiefelsohlen tönten auch nicht immer unter ihr.

Barfuß lief sie nicht ein- und nicht zweimal heraus. Nur, daß es nicht möglich war, sie mit Anielcia anzusprechen, sondern mit Fräulein Aniela, denn der Vater diente als Rentmeister und schärfte es so ein.

So lange es nur aus der Ferne war, daß sie nur so Blicke austauschten, da war nichts, aber einmal ging Anielcia an einem Sonntag in das Olczysko-Tal Heidelbeeren suchen, und dorthin stahl sich ihr Franek Seliga nach, denn er war dazu wie geschaffen! Ej! schon war Mund an Mund, die Arme auf den Rücken – – sie riß sich los.

Jetzt wurde Franek Seliga erst ganz toll, denn er hatte dabei noch erfahren, daß sie ihn ja heiraten würde, wenn es nur der Vater erlaubte.

Aber es waren noch nicht einige Tage verflossen, da wußte ihn Anielcia zu benachrichtigen, daß der Vater nicht einmal davon hören will, daß er ihr in Sandec einen Schneider erwählt, und daß er sie dorthin verheiraten wird. Und dazu hatte er noch gesagt, daß wenn auch die ganze Welt sich ihm zu Füßen würfe, ihn dies nicht anderen Sinnes machen würde, und er schwur bei Gott, daß daraus nichts werden wird. Er hatte dabei schrecklich gezürnt, getobt, gesagt, daß er sie in den LamusFeuerfester Raum an jedem Edelhofe, zur Aufbewahrung von Familiendokumenten und Wertsachen. einsperren wird, wo sie das Geld verwahrten, und den Franek wie einen Hund erschießen, wenn er nur nahe käme.

Und ob er sie in den Lamus einsperrte oder anderswo, genug, daß Seliga sie seit dieser Zeit nicht sah und nur durch die Magd wußte, daß sie ihn liebt und sich nach ihm sehnt.

Das schmeichelte ihn sehr, aber auch furchtbares Leid ergriff ihn um sie.

Und so hatte sie ihm noch sagen lassen, daß hier Menschen nichts helfen könnten, höchstens der Herrgott selbst.

– Hej, das ist wahr! – denkt Franek. – Wenn der Herrgott allmächtig ist, wenn ich ihn schön bitten würde, ob er mich da nicht in der Not unterstützen möchte?

In der Nähe war keine Kirche, nur eine in Chocholow und eine in Nowytarg; aber es gab eine kleine gemauerte Kapelle mit messingenem Dächlein, und ein Auge der Vorsehung darin, aus Holz gemacht und bemalt.

Sie stand am Wege.

Franek geht zur Kapelle, nimmt den Hut ab, kniet nieder und betet so:

– Lieber Herrgott, wenn Du mir in diesem Kummer hilfst, so opfere ich Dir so viel Silber in die Kirche in der Stadt, als ich nur in beide Hände fassen kann. Woher es sein wird, ob ich es aus der Erde grabe, oder aus dem Meere fische, oder aus Liptau bringe, oder aus der Werkskasse in Zakopane stehle: darum habe Du schon keine Sorge. Nicht Du brauchst Dir darüber den Kopf zu zerbrechen, nur ich. Du bist allmächtig, Du kannst also in einem Augenblicke alles bewirken, wenn Du nur wolltest, aber ich begnüge mich schon mit einer Woche daß Du's nur machst und bitte dich gar schön, wandle das Herz in Herrn Walewski, daß er uns nicht entgegensteht. Amen.

Er erhob sich und ging.

Er gräbt Erz, gräbt, wartet, – aber nichts. So viel hatte ihm die Magd hinterbracht, als er am Samstag vom Bergwerk hinabgegangen war, daß Herr Walewski einmal über seine Tochter bös geworden und sie mit einem Ladstock über den Rücken gehauen habe.

Eine Woche war gerade vergangen.

Franek geht wieder zur Kapelle, kniet nieder, nimmt den Hut ab und spricht so:

– Lieber Herrgott, eine Woche ist vergangen. Was ich versprochen habe, das will ich halten. Wenn Du vielleicht mit etwas anderem beschäftigt warst, so mag's noch eine Woche dauern. In einer Woche komme ich wieder vom Bergwerk herab. Ich bitte Dich recht schön, spaße nicht mit mir, denn mit mir gibt's keine Späße. Wenn ich nicht wüßte, daß Du alles kannst, so würde ich Dich nicht so quälen, aber weil Du kannst, so kannst Du. Mach' es doch, denn hier geht es um nichts, als um Glück. Amen.

Eine Woche verfloß, Franek Seliga erfuhr nicht, daß sich das Herz des Herrn Walewski verändert hätte.

Er geht zum drittenmale zur Kapelle, kniet nieder, nimmt den Hut herab und sagt:

– Lieber Herrgott, wenn ich zu Dir mit leeren Händen käme, so sei es, aber ich habe Dir doch versprochen und will es halten, sobald nur hier die Arbeit im Herbst zu Ende ist. Es ist nicht nötig, lang zu warten. Wir wissen schon von einem reichen Juden am Poprad, in der Schenke. Ich bitte Dich sehr schön und geb Dir noch eine Woche dazu, aber spaße nicht, denn mit mir gibt es keine Späße, Amen.

Franek wartete ab: – Nichts!

Er geht also zum viertenmale zur Kapelle, nimmt den Hut herab, kniet aber nicht mehr nieder und sagt:

– Herrgott! Warum bist Du denn mit mir so versessen?! Ich werde Dich nicht mehr bitten, denn ich sehe: es ist umsonst. Auch zanken will ich nicht mit Dir, denn Du bist am Himmel, hoch, und ich bin kein Adler. Aber opfern werde ich Dir nichts und will Dir noch etwas Despektierliches antun, wenn Du so gar kein Ohr für mich hast. Wenn wir schon gegenseitig so versessen sein müssen, so bin auch ich noch irgendwo was wert!

Er trug einen kleinen Steinhügel zusammen, bestieg ihn, reckte sich auf die Fußspitzen, stemmte mit der Ciupaga das Dach in die Höh und warf es zu Boden.

 


 

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