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Aus der bösen alten Zeit

Karl Heinrich von Lang: Aus der bösen alten Zeit - Kapitel 9
Quellenangabe
typebiography
authorKarl Heinrich von Lang
titleAus der bösen alten Zeit
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorViktor Petersen
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
projectid156415a6
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Göttingen und Hardenberg

Universitätsstudien in Göttingen. – Lang gewinnt den Preis der juristischen Fakultät. – Verbindung mit dem Minister von Hardenberg. – Archivar auf dessen Schloß. – Lang wird geheimer Archivar zu Baireuth.

 

Ein geistlicher Herr, der in der Fette seines Leibes glänzte, dessen Namen ich aber noch niemals nennen hörte, Herr Luiderus Kulenkamp, nahm mich als zeitiger Prorektor am 21. Mai 1792 unter die Göttingischen Mitbürger auf. Mein Plan war auf keinen neuen wissenschaftlichen Kursus gerichtet, und eigentliche Kollegien hörte ich nur bei Hofrat Runde: deutsches Privatrecht, und bei Peters publice, aber ziemlich unfleißig: deutsches Fürstenrecht, im Grund alles nur, um mich nötigenfalls über irgend einen Kollegienbesuch ausweisen zu können.

Desto emsiger besuchte ich alle Tage die Bibliothek, durchging die Spezialgeschichte fast aller deutscher Länder, besonders solche, bei welchen sich Urkunden befanden. Nichts, was in den Abgabestunden auf die Tafeln abgeliefert wurde, blieb von mir unbeschnüffelt, wodurch mir eine Menge, auch nicht gerade zu meinem Fach gehöriger Bücher bekannt wurden. Benecke, damals Bibliotheksekretär, ein vielseitiger, besonders in der alten und neuen germanischen Sprache gebildeter und dabei höchst dienstfertiger Mann, mein Landsmann, und Schönemann, der bald mein vertrauter Freund wurde, begünstigten mich, daß ich auch außer den öffentlichen Stunden dableiben, und nach Herzenslust auf den Leitern herumsteigen konnte.

Bei allem dem schloß ich mich nicht von der Gesellschaft der jüngeren Studierenden aus, die ich nicht in Kommerzhäusern (dergleichen gab es gar nicht), aber auf ländlichen Spaziergängen, in den öffentlichen Gärten, im Kaffee- oder vielmehr im Likör- und Pastetenhäuschen, oder wo ich Liebhaber des Schachspiels witterte, aufsuchte. Man wußte bestimmt alle Tage, wo man seine Bekannten ungefähr zu vier oder sechs, zuweilen auch mehr, bei diesem oder jenem des Abends in dem Zimmer fand. Man war immer willkommen, selbst wenn man sich, je nachdem die Verhältnisse des Wirtes waren, bei ihm auf eine Portion Abendessen zum Gaste bat, oder sich mit seiner Erlaubnis die seinige durch die Aufwärterin auch mitbringen ließ. Man erwiderte das durch eine gegenseitige Einladung. Sittsame Stille, häusliche Geselligkeit, und ein Privatfleiß, der schon in den frühesten Morgenstunden begann, waren der herrschende Charakter des Göttinger Studentenlebens.

Wie fast damals alle jungen Leute, die sich etwas fühlten, besonders aus den bürgerlichen Ständen in Süddeutschland, hatte auch ich angefangen, den lebhaftesten Anteil eines Zuschauers an den Ereignissen in Frankreich zu nehmen, für dessen ältere Verfassung in den Zeiten der Bluthochzeit und des Hugenottenkriegs, der Vertreibung der Protestanten, der Parlamentsverfolgungen, und der heillosen Art des mir aus meinen Studien näher bekannten Steuerwesens, der Privilegien, der Exemtionen und Monopole ich unmöglich eine Vorliebe besitzen konnte, die auch schon durch das Betragen der bewaffneten Emigranten in Deutschland selbst noch weniger genährt werden mochte. In Norddeutschland jedoch, wo überhaupt noch viel alter Franzosenhaß glimmte, in Göttingen besonders, über das ein König von England regierte, wo es immer die Politik der Professoren war, sich nie bestimmt für eine gewisse Partei auszusprechen, und wo eine Großzahl der Studierenden aus Söhnen des reichsten Adels in Hannover, Mecklenburg, Kurland und Livland bestand, ließ sich eine günstige Stimmung für die Grundsätze einer politischen Restauration, jedoch nicht für ihre blutigen Hinrichtungen, mehr unter der übrigen Bürgerschaft, als bei der Universität selbst vernehmen, wo überdies noch das winzig kleine Männlein Girtanner auf allen Plätzen seine Schleudern gegen den bösen Goliath schwang.

Mein Bruder Christian, damals Hofmeister in dem großen Handlungshause Schmidt zu Frankfurt, Teeschmidt genannt, mit Leib und Leben ein Franzose, sandte mir alle merkwürdigen Bülletins, Zeitungen und Flugschriften, auch die Noten von Ça ira, und den Marseiller Marsch, denen ich andere zusammengestoppelte Worte aus dem hannöverischen Gesangbuche unterlegte, um sie von den vor den Häusern umhergehenden Chorschülern singen zu lassen. Vor allen Fenstern hörte man einige Tage lang nichts als diese Lieder, die sich ein Bürger nach dem andern zum Nutzen der armen Schüler ausdrücklich bestellte; bis endlich die hochwürdige Geistlichkeit dahinterkam und diese melodische Kontrebande konfiszierte. Die Pakete meines Bruders wurden auf der Post geöffnet, und mir aufgegeben, ihm diese Sendungen künftig zu untersagen.

Da kam es denn soweit, daß ich einmal in der Neujahrsnacht, vom Punsch erhitzt, auf öffentlichem Markt: Pereat der Herzog von Braunschweig! rief. Zeloten brachten es an den akademischen Rat, unter dem Präsidium des Prorektors Plank, der es jedoch bei einer vernünftigen und wohlwollenden Warnung bewenden ließ.

Da ich nun allmählich zu zweifeln begann, ob ich jemals von denjenigen Großen, wie ich sie bisher angetroffen, eine bleibende Versorgung zu hoffen hätte, so ging ich mit mir zurate, wie ich etwa künftig durch irgend eine Arbeit meiner Hände neben meinem wissenschaftlichen Treiben mich selbständig über dem Wasser erhalten könnte, und fand hierzu die Kunst des Glasschleifens, Perspektiv- und Brillenmachens ganz geeignet. Ich nahm alsbald täglich zwei Stunden Unterricht bei einem Glasschleifer Reus, der zu meiner höchsten Plage während der ganzen Arbeit immer grimmigst auf die Franzosen fluchte, ich schaffte mir ein eigenes Werkzeug, studierte die Optik und Dioptrik nach Smith und Klügel, und weil ohne analytischen Kalkul nicht fortzukommen war, so gab mir mein Freund Hartmann den erforderlichen Unterricht in der Algebra. Ich suchte in der Bibliothek auch sonst noch alle anderen optischen Bücher und die wichtigsten Abhandlungen in den Londoner Transactions hervor, über die ich eine umständliche Literatur verfertigte, und trug darüber verschiedene Gegenstände in der physikalischen Gesellschaft vor, die in der Wohnung eines Doktor Meyer aus Hamburg ihre Sitzungen hielt. Ich unterrichtete mich von den merkwürdigen Entdeckungen des berüchtigten Marat über die Brechungen des Lichts, welche ganz verschieden sind von den schon bekannt gewesenen Regeln der Brechung. Dabei blieb ich stehen, obgleich es sich am Ende fand, daß es not gewesen wäre, sich auch in das Studium der Chemie zu werfen, weil die Strahlenbrechung in den verschiedenen Farben zum Teil auch von chemischen Gesetzen abhängt. Die schönsten Gläser, welche der jetzt berühmte Reisende und Naturforscher Person damals in Göttingen bestellt und mitgenommen, sind in der Werkstatt des Meisters aus meinen Händen hervorgegangen. Hätten die Umstände mich wirklich auf diesen Weg der Industrie hinausgedrängt, so würden wohl meine Instrumente nicht ohne Ruf geblieben sein. – So ist mir wenigstens der Vorteil geblieben, daß ich für meine eigenen kurzsichtigen Augen die tauglichsten Gläser habe wählen können, und daß ich mein Gesicht nicht nur bis ins Alter bewahrt, sondern vielleicht um die doppelte Sehweite gebessert habe, auch über die wunderlichen Behauptungen und Marktschreiereien mancher anderer sogenannter Optiker meine Glossen machen kann.

Das Erbteil, welches mir durch den Tod meiner Mutter in Weitlingen zufiel, hätte unterdessen die Kosten meines Aufenthalts in Göttingen, den ich auf 5-600 Gulden jährlich anschlug, auf geraume Zeit wieder gedeckt, besonders da mir Bücher und Kollegien keine besondere Ausgabe machten. Die juristische Fakultät hatte aber damals die gewöhnliche jährliche Preisfrage aus dem Lehenrecht genommen, nämlich die ältesten Spuren des Dominium utile im römischen und altdeutschen Rechte auszumitteln. Aus der häufigen Büchernachfrage der Preisbewerber auf der Bibliothek bemerkte ich, daß sie nicht auf dem rechten Wege sein möchten, stellte daher für mich selbst, anfangs mehr aus Neugierde, Forschungen in den alten Glossatoren und Urkunden an, und fand, daß nicht der Kardinal von Ostia, oder der große Bartolus, sondern schon weit früher Bulgarius Azo und Accursius einen solchen Unterschied des Eigentums angenommen haben, und wies denselben auch aus Urkunden, 1268 anfangend, nach; jetzt war auch noch das feudum directum aus einer Urkunde von 1228 in dem Register beizufügen. Einmal so weit vorgerückt, ermahnte mich Freund Hartmann, das Ganze zu unternehmen, und ich wurde am 4. Juni 1793 öffentlich als Sieger verkündet und mit der gewöhnlichen goldenen Medaille, 25 Dukaten wert, beschenkt. Die Abhandlung erschien zu Göttingen bei Dietrich: » Commentatio de Dominii utilis natura, indole atque historia.« 42 Seiten in Quart.

Keine kleine Schwierigkeit war es dabei, daß sie lateinisch verfaßt sein mußte, worin es Vater Heyne, dem die Ausschreibung im Programm zukam, nicht so ganz leicht zu nehmen pflegte. Hierbei gebrauchte ich aber folgenden Vorteil. Nachdem ich mich nämlich des Stoffs meiner Arbeit hinlänglich bemächtigt hatte, so las ich eine ganze Stunde lang in den Reden des Cicero mit der höchsten Aufmerksamkeit, nicht auf die Sache, sondern auf die Sprache, die Perioden, die Redensarten, die Übergänge. Mit diesen, gleichsam melodisch in meinem Ohre noch verhallenden Anklängen, machte ich mich alsbald an die nächsten Paragraphen meiner Abhandlung, schrieb ohne vieles Grübeln und Tüpfeln rasch nieder, als wenn ich die gelesene Rede fortzuführen oder umzusetzen hätte, und legte dann, wenn ich merkte, daß das Feuer abgezischt habe, welches meistens binnen einer halben Stunde der Fall war, die übrige Arbeit zum nächsten Tage auf die Seite. In kälteren Augenblicken wurde dann später wieder mittelst anderer Reminiszenzen nachgefeilt und nachgeholfen. Dadurch gelang es mir, meinem deutschen Rindfleisch einen so guten lateinischen Wildbretgeschmack zu geben, daß selbst der alte Heyne in dem Programm den » sermonem satis purum« lobte. Jetzt erst erlangte ich von dem alten Mann flüchtige Anreden und freundliche Blicke.

Mit einem solchen Preise gilt man in Göttingen als ein Notabel, dem es nicht schwer gemacht wird, wenn er den rechten Weg dazu ergreifen will, sich dort einheimisch zu machen. Ich glaubte einen noch nähern gefunden zu haben. Von ungefähr fiel mir unter meinen Papieren die historisch topographische Beschreibung der streitigen Ansbacher und Öttingischen Grenzorte in die Hände, die ich, wie ich schon oben gemeldet, bei meinem Abgange dem Herrn Fürsten von Öttingen-Spielberg übergeben und angeboten, von ihm aber mit dem Bedeuten, daß er sie nicht brauche, zurückerhalten habe. Ich fand, wie unter den vielen Notizen eine Menge derselben jetzt gerade bei der preußischen Besitzergreifung Alexander, Markgraf von Ansbach-Bayreuth, trat seine Fürstentümer im Dezember 1791 freiwillig an die preußische Krone ab. Hrsg. eingreifend und willkommen sein mußte, und vollends gar die über den Ort Weitlingen, worüber es allbereits bis zu Schwert- und Federgefechten gekommen war. Ich putzte also dieses mein Töchterlein, das in Öttingen den schmerzlichen Korb erhalten, noch einmal recht jung und stattlich aus, schickte es, nebst einem Exemplar meiner Preisschrift, an den dirigierenden Minister von Hardenberg in Ansbach als ein Geschenk, und fragte nun darüber bei ihm an, ob er mir nicht vielleicht zu einer Anstellung in preußisch Polen, wo ich der Sprache bald mächtig zu werden mir getraute, zu verhelfen wüßte.

In kürzester Zeit erfolgte die Antwort des Ministers, der mir für das Überschickte dankte und die Einladung beifügte, ihn auf seinen Gütern bei Göttingen (Nörten), wo er ehestens eintreffen werde, zu besuchen. Die nächsten Tage, als ich seine Ankunft vernommen, fand ich mich schon ziemlich früh in seinem Vorzimmer ein, wo er sich, ich wäre beinahe erschrocken, entschuldigen ließ, daß er mich jetzt nicht sprechen könne, ich sei aber gebeten, mittags bei Tisch zu erscheinen.

Ein himmellanger Vormittag lag nun vor mir, um auf Wiesen und Feldern herumzuspazieren, zu raten, was zu mir würde gesprochen werden, und zu welchen klugen Gegenreden mir würde Gelegenheit werden. Das Vorbereitete traf aber gerade am wenigsten zu. Der Minister ward mir durch seine Umgebungen ganz abgeschnitten, dagegen kam ich in der Nähe der Frau Ministerin zu sitzen, einer liebenswürdigen, geistreichen Dame, die sich im Gespräch mit mir zu gefallen schien. Auch nach Tisch verschwand der Minister oft ganz und gar aus dem Saal, kam wieder, wurde aufgegriffen, griff wieder andere auf, sodaß ich nicht wußte, was daraus werden sollte. Endlich einmal ging er stracks auf mich zu, reichte mir die Hand, dankte mir für mein Zutrauen, und er werde sich befleißigen, mir wieder etwas Angenehmes zu erweisen. Auf meine wiederholte mündliche Anregung wegen einer Anstellung in Polen antwortete er: »Nein! nein! ich lasse Sie nicht nach Polen gehen, es wird sich schon eine Gelegenheit in Franken machen.«

Des andern Morgens ward mir doch nicht recht klar: sollte ich mit dieser Audienz zufrieden oder nicht zufrieden sein. Denn die Versprechungen der Großen, selbst wenn sie in Erfüllung gehen, rücken langsam vor und unsichtbar, wie der Stundenzeiger einer Uhr, während unsere Erwartungen unruhig, wie ein Sekundenzeiger, um ihn herumhüpfen. Ich ergriff also das höchst nützliche Hausmittel, mich im Gedächtnis zu erhalten, und übersandte dem Minister einen Plan, nach dem ich mich erbot, sein Familienarchiv, das mir als sehr bedeutend geschildert worden, zu ordnen und zugleich daraus eine Geschlechtshistorie zu entwerfen. Ich machte, was in solchen Fällen das beste ist, sogleich meine Bedingungen und legte, was vielleicht wieder nicht übel sein konnte, sogleich einen förmlichen Kontrakt bei, welcher nur der Unterschrift bedurfte.

Das brach durch. Nach vorausgegangener Beratung mit den Familienmitgliedern erhielt ich den Kontrakt, unterschrieben Baireuth den 27. Oktober 1793, zurück. Ich hatte mich binnen einem Zeitraum von zwei Jahren zur Erfüllung dieser Aufgabe verbindlich gemacht, und erhielt nebst freier Wohnung im Schloß zu Hardenberg und 200 Talern jährlich in Gold eine Belohnung, die ich selbst auf diese Summe gemäßigt hatte, in Anschlag der weitern Aussichten und weil sie mir doch eine wirkliche Ersparung, berechnet gegen einen längern Aufenthalt in Göttingen, gewährte.

Weil's mir aber doch schon zum voraus, fast ganz allein in dem großen Schlosse, vor den langen Winternächten bangte, hoffte ich mich im Umgange mit den Sternen zu entschädigen. Professor Seyffer mußte mir den Polarstern weisen, und wie ich nach diesem alle anderen leicht finden könne. Ich versah mich mit einer Himmelskugel, einem Kompaß, einem Sehrohr, einem hölzernen Sextanten und Bode's Anweisung, und segelte so gleichsam wie zu einer neuen Weltentdeckung am 1. Dezember 1793 nach dem Orte meiner Bestimmung ab.

Das Schloß Hardenberg, das Vorderhaus Hardenberg genannt, wo ich zwei schön eingerichtete Zimmer mit freier Heizung angewiesen erhielt, liegt etwa 500 Schritte rechts an der Straße von Göttingen nach Nordheim abwärts, und ist im neuen Stil erbaut, vorwärts die weitläufigen Wirtschaftsgebäude, rückwärts ein kleiner Park, sonst aber, das heißt damals, ohne weitere schöne Blumen, Pflanzungen oder Gewächshäuser, aber erschallend von den vollbesetzten Liedern zahlreicher Nachtigallen im Freien. Die Herrschaft, oder nach dortiger Sprache, das Gericht Hardenberg, besaß wohl an die vierzehn im Umkreis ziemlich zusammenhängende Dörfer und Weiler, mit vielleicht 3000 Morgen Waldungen, großer eigener Schloßökonomie auf dem Vorderhaus von 1200 Morgen und 3000 Stück veredelten Schafen, noch zwei andere Nebendomänen zu Levershausen und Lindau, zunächst bei Göttingen das Pfarrdorf Geismar, und dann noch weit umher eine Menge einzelner Lehen.

Meine Arbeit bestand darin, daß ich alle aufgehäuft daliegenden Familienakten, Rechnungen (dort zu Land Register genannt) und sonstige Papiere durchmustern, über die größtenteils schon ausgeschiedenen archivarischen Urkundenverzeichnisse, Auszüge und Entwicklungen der Hausverträge, urkundenmäßige Stamm- und Geschlechtsregister, und nach allem diesem, mit Beiziehung der übrigen Subsidien, aus der braunschweigischen, hessischen und eichsfelder Geschichte eine Hardenbergische Familiengeschichte fertigen sollte. Dabei begab ich mich fast alle Monate ein paarmal etliche Tage nach Göttingen, wo ich mein Quartier beibehalten hatte, um meine Forschungen in der Bibliothek anzustellen und sonst auch in wissenschaftlicher Verbindung zu bleiben.

Auf einmal trafen Briefe ein, welche die Ankunft des Herrn, des Ministers, meldeten. Es kamen allmählich die die Wohnung bereitenden Leibdiener, hierauf die Kammerwagen, die Köche, die Ministerialräte, ein paar zum Dienst der Kabinettskuriere bestimmte Feldjäger, endlich in langem Gespann der Minister selbst, am Wagen empfangen von seinem vorausgeeilten Gefolge, von seinen Beamten, seinen Geistlichen und von mir, die er alle mit freundlichem Gesicht, mit dargebotener Hand empfing, und so wie wir alle waren, gleich mit sich an seine Tafel nötigte. Täglich kamen jetzt die Besuche des benachbarten Adels, ja selbst von Hannover und Braunschweig, und die aufwartenden Herren Professoren von Göttingen herbei. Das vorher so stille ländliche Schloß hatte sich plötzlich in eine kleine Residenz verwandelt, wo es in allen Gängen schwirrte, in den Küchen rasselte und in den von Lichtglanz strahlenden Sälen Gesänge und Reigen ertönten. Der Minister, der damals am meisten von den Unterhandlungen mit den Reichsständen über das Reichskriegs- und Verpflegungswesen in Anspruch genommen war, hatte mich für den Dienst der Kanzlei in Requisition gesetzt, welches mich Tag und Nacht beschäftigte. Meine Emsigkeit mit Wohlgefallen bemerkend, weil ich freiwillig immer von der Tafel wegblieb, um nur immer gleich nach derselben einen frischen Stoß Ausfertigungen zu seiner Unterzeichnung bereitzuhalten, trat eines Morgens der Minister, als ich schon wieder an meiner Arbeit saß, freundlich, wie er immer war, in mein Zimmer, mit einer Depesche in der Hand, wobei er sagte: »Da kommt mir soeben von Baireuth die Anzeige vom Tode des Regierungsrats und geheimen Archivars Spies († 5. März 1794). Diese Stelle habe ich Ihnen bestimmt. Sie müssen aber die bestimmte Zeit zur Vollendung der Archivseinrichtung auf dem Hardenberg aushalten; ich werde schon wissen, die Sache bis dahin hinzuhalten.«

Bald darauf ging der Minister mit dem ganzen tobenden und sausenden Gefolge nach Frankfurt ab. Ich war der Glücklichste, den er unter seinem Dach zurückließ, und setzte meine Arbeiten mit verdoppeltem Eifer fort, ohne mich viel durch die neuen Einlager und Einritte der Hardenbergischen Herren Vettern irren zu lassen, die mit des Ministers Erlaubnis von hier aus ihre Jagdzüge anstellten. Roß und Mann brachen gewöhnlich in aller Frühe auf und kehrten erst am späten Abend heim, worauf dann die willkommene Abendtafel begann, und unter Punsch auf Punsch das vorherrschende Jagdgespräch sich bis in die tiefe Nacht erstreckte.

Nach geschlossenem Basler Frieden kam der Minister abermals auf seinem Schlosse Hardenberg an, und hier hatte ich denn Gelegenheit, bei meinem wieder aufgenommenen Sekretärdienst einen Aufschluß zu bekommen, wie Gott die Welt regiert. Kurz vorher war der Fürstbischof von Würzburg und Bamberg gestorben. Da nun der Krone Preußen darum zu tun war, daß diese beiden Fürstentümer nicht wieder in einer Person verbunden werden sollten, um destoweniger eine bedeutende Opposition in Franken machen zu können, so war der Minister von Hardenberg bevollmächtigt, mittels einer Summe von 30 000 Gulden sich unter den Bamberger Wahlstimmen nicht nur eine Partei gegen die Vereinigung mit Würzburg zu bilden, sondern die Sache auch dahin zu treiben, daß selbst in Bamberg kein anderer als ein beschränkter und unschädlicher Kopf unter die Insul komme. Ein Bamberger Domherr und Dignitarius, der im Baireuthischen angesessen war, empfing das Geld und berichtete nun, daß die Trennung vollkommen gelungen sei; er schmeichle sich aber nicht minder, daß man ebenso sehr mit der Person des Neugewählten zufrieden sein werde; denn ein schwächerer und einfältigerer Mann, als dieser, wär' im ganzen Germanien gewiß nicht zu finden gewesen. Keinen geringen Schrecken hatte es jedoch gesetzt, als er anfangs, im Gefühl seiner eigenen Blöße, die Wahl nicht annehmen wollte, bis ihm sein mehr regierungslustiger Kammerdiener Mut eingeflößt, welches er nach der Hand öfters dankbar erkannte, indem er nach Endigung der Audienzen und Konferenzen wohlbehaglich zu sagen pflegte: »Franz, du hast recht gehabt, das Regieren ist wirklich keine Hexerei!« Er merkte auch gar nicht, als in der Folge Bamberg bairisch wurde, daß er wieder aufgehört habe zu regieren, weil man fortfuhr, ihn täglich ein Bündel angeblicher Dekrete unterschreiben zu lassen. Nur verwunderte er sich darüber, wenn er von seinem Fenster aus immer so viele bairische Militär- und Ziviluniformen sah; doch auch hierüber beruhigte ihn der Kammerdiener mit der Belehrung, diese fremden Herren hätten an der schönen Bamberger Gegend den Narren gefressen.

Endlich war das Hardenbergische Hausarchiv von mir geordnet, und mit Repertorien versehen, zugleich aber auch eine Geschichte der Familie und ihrer Erwerbungen ins reine geschrieben, welche ich dem Geschlechtsältesten, dem Grafen Hans zu Marienstein, einzuhändigen den Auftrag hatte. Es war mir etwas bange auf diese Audienz, weil man mir ihn von allen Seiten als einen harten und rauhen Mann, nach Art der alten Zwingherren, geschildert. Leider schien er auch über das, was ich ihm als Hardenbergische Geschichte überreichte, nicht sehr bezaubert zu sein. Sie als ein Tagwerk von zwei Jahren abmessend, fand er die Masse des Geschriebenen viel zu klein, und fragte mich wiederholt, von seinem Armstuhl aus, vor dem er mich stehend verhörte: »Sie irren sich! Das wird wohl nur das Register über alles dasjenige sein, was Sie im Ganzen zusammengeschrieben haben?« Dann hieß es weiter: »Haben Sie es also doch gefunden, daß wir vom Herzog Wittekind abstammen?« – Auf meine treuherzige Versicherung, daß ich darüber keinen Buchstaben gefunden, und daß wohl in keinem Archiv der Welt noch Familiennachrichten vom alten Heiden Wittekind zu treffen wären, fuhr er mir hastig in die Rede und verwies mich auf das Schloß Katlenburg, wo es über dem Kamin angeschrieben stände. Damit erhob er sich von seinem Sitz, beschied mich aber doch mittags zur Tafel. Dort ermutigte mich wieder die mildere Umgebung seiner Söhne und Töchter, unter welchen sich auch die nachherige Gattin von Benjamin Constant befand. Meine Eitelkeit hoffte im Gespräch noch rechte Brocken aus der Hardenbergischen Geschichte auftischen zu können; allein das ausschließende Tischgespräch blieb der Wasserstand des Niagara, und es ist also kein Wunder, daß vor dessen Brausen, selbst nur im Erzählen, meine Rede nicht vernehmlich werden konnte.

Unterdessen packte es mich in meiner Einsiedelei zu Hardenberg mit etwas Unruhe und Ungeduld. Die zwei bedungenen Jahre waren aus, meine Arbeit vollendet, eine weitere Zahlungsverlängerung auch nicht erfolgt, überhaupt vom Minister, den ich nun an die verheißene Berufung zum Plassenburger Archiv erinnerte, gar keine Antwort zu erlangen, so sehr ich ihn auch mit meinen Mahnungen nach Ansbach, Frankfurt und Basel verfolgte, sodaß Herr Spittler in Göttingen mich sogar ernstlicher darüber examinierte, ob denn überhaupt der Minister mir so etwas in der bestimmten Art versprochen habe.

Unterdessen witterte ich auch so viel aus, daß meine Familiengeschichte im Umlauf bei den übrigen Familien ebensowenig gefallen wollte, und daß man beschloß, sie ungedruckt zu lassen. Neben dem, daß ich den Erwartungen zum Fund großer Schätze, aus der frühesten Urzeit, nicht entsprach, fand man auch sonst meine Ansicht der Dinge zu gewagt, zu frei, in Schilderung der alten Ritter und ihrer Sitten zu leichtfertig.

Mit mehr Recht wär' an meiner Geschichte etwa auszusetzen gewesen, daß sie die Geschichte des Vorderhauses vielleicht mit einer größern Liebe, als jene des Hinterhauses behandelt und daß sie in der Befangenheit des äußern Rufes und Scheines, als sei der Graf Hans von Marienstein ein harter Mann, nicht zur Erkenntnis seiner, den Gutsuntertanen gewidmeten, großen Opfer und bedeutenden Anstalten gekommen.

* * *

Es schien nicht, als ob der Amtmann des Gerichtes, Herr Borkenstein, gekommen sei, mich in meinem langen Warten zu trösten, als er eines Vormittags, ich glaube am 15. Dezember, kam, mich zu besuchen, vielmehr meine eigene Ängstlichkeit durch die seinige mit zu steigern. Endlich zog er wie von ungefähr ein Schreiben an mich vom Minister heraus, er wolle nur wünschen, sagte er, daß es das rechte sei. Das war es auch; der Minister (von Basel aus, den 25. November 1795) entschuldigte sich, daß er im Drange der Baseler Friedensangelegenheiten meine Sache nicht eher habe fördern können, doch hätte er einer unbestimmten Antwort, die mich nur hätte beunruhigen können, ein gänzliches Stillschweigen vorgezogen. Soeben aber habe er mein Patent als geheimer Archivar zu Baireuth und Plassenburg, vorderhand mit 1000 Gulden Gehalt, unterzeichnet. Nun hatte das Schiff wieder guten Wind. Meine Freunde in Hardenberg und Göttingen flogen mir mit Glückwünschen entgegen. Spittler nahm mich noch besonders beiseite, und ermahnte mich recht ernstlich, jetzt doch da nicht in einem engbrüstigen Hagestolzenstande zu versinken.

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