Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Heinrich von Lang >

Aus der bösen alten Zeit

Karl Heinrich von Lang: Aus der bösen alten Zeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typebiography
authorKarl Heinrich von Lang
titleAus der bösen alten Zeit
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorViktor Petersen
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
projectid156415a6
Schließen

Navigation:

Gymnasium und Hochschule

Das Gymnasium zu Oettingen. – Der alte Fürst von Spielberg. – Beim Goldschmied Hof. – Tanzstunden und deren Folgen. – Flucht nach Hohenaltheim. – Fürst Wallerstein und seine Bibliothek. – Lang als Bibliotheksgehilfe. – Privatstudien. – Nach Heidenheim deportiert. – Der Nähterin Liebe statt Bilfingers Logik. – Vorbereitung auf die Universität Altdorf. – Allerhand Burschenleben. – Ein Sturz aus dem Fenster. – Lang nimmt Rache am Rektor. – Ein vorgetäuschter Selbstmord. – Juristische Studien.

 

In Öttingen lernte ich nun erst meinen Bruder Christian kennen, der, anderthalb Jahre jünger als ich, seit seinem sechsten Jahre schon ein Schüler des Gymnasiums, und nun doch, bei allem seinem natürlichen Talent, jetzt auch nicht weiter als ich war, der ich meine Laufbahn erst seit Jahr und Tag begonnen; in körperlicher Kraft, Gewandtheit und Lebenserfahrung übertraf ich ihn aber weit, wodurch mein Herr Oheim seine Ansicht, daß man die Knaben überhaupt vor ihrem zwölften Jahre zu keinem strengen Unterricht anhalten sollte, um desto siegreicher bestätigt fand.

Die in vier Klassen abgeteilte Schule – ich kam sogleich in die oberste – mag wohl im ganzen schlecht bestellt gewesen sein. Mathematik von Wolf, Geschichte und Geographie nach Hilmar Curas wurden ganz reizlos, buchstäblich nach dem Lehrbuch herabgeleiert. Lateinisch aus Virgil und Cicero exponiert, und nach dem Schlendrian lateinische Aufsätze gemacht. Das meiste tat ich dabei wohl selbst durch fleißige Präparationen und Benutzung der Autoren in guten Ausgaben. Durch seine Reinheit und Frische zog mich vorzüglich das Griechische an, worin ich in kurzer Zeit der Erste wurde. Geschichte der alten Philosophie schöpfte ich, in Verbindung mit den darüber gegebenen Lehrstunden, aus Bruker, und sehr nützlich ward mir die Weise, nach welcher man wöchentlich eine moralische Vorlesung von Gellert in der Klasse laut vorlas, davon wir die Skizze und Dispositionen schriftlich auffassen und vorzeigen mußten; wir lernten wenigstens, in jedem Vortrag die logische Grundlage schnell aufzufinden, und auch unseren Arbeiten, neben der äußerlichen Zier, einen systematischen Zusammenhang zu geben. In den Singstunden, denen ich anfangs auch beiwohnen sollte, lobte zwar der Lehrer meine Stimme, erklärte mir aber, daß es mir dabei doch wohl am Gehör, das heiße, bene distinguendum, nicht an dem gemeinen, menschlichen und weltbürgerlichen, sondern an dem ganz eigenen feinen musikalischen Gehör ermangle, indem ich, vielleicht auch aus Überraschung bei seinen ersten Proben, und während einer gerade im Umsetzen begriffenen Stimme, den Tönen seiner Violine nicht richtig nachzufolgen vermochte. Inzwischen, wie ich doch nach der Hand mit einer an sich guten Tenorstimme Arien und Lieder auf eine, anderen Leuten gefällige Weise vortragen, in der Instrumentalmusik Akkorde und Dissonanzen wohl fühlen, und überhaupt am Hören der Musik ein stilles inneres Vergnügen empfinden konnte, so scheint es mir, daß ich, wenn gleichwohl auch bei einer angezeigten geringen musikalischen Anlage, es darum doch nicht hätte versäumen sollen, den Sinn des Gehörs durch Übung noch soviel als möglich zu steigern.

Überwiegender allerdings war mein mechanisches Talent, mit dem ich das mir vom Herrn Rektor in den Feierstunden gelehrte Schachspiel so schnell begriff, daß mein Lehrmeister mir bald kein Spiel mehr abgewinnen konnte. Das Resultat meines Sieges war zwar nicht selten eine Ohrfeige, doch ließ ich mich dadurch in meiner Kriegslust um so weniger irremachen, als ich mir dabei fortwährend Dispensationen von dem gezwungenen Beisitz der mir höchst langweiligen Wochengottesdienste erschlich. – Mit wahrem Zauber erfüllten mich außer der Schule die Gedichte von Bürger, Hölty, Wielands Abderiten, sein Amadis, sein übersetzter Lukian, zuletzt gar der Oberon; Rabener aber, als Satiriker, schien mir ein wahrer Geizhals, der nicht so viel zu lachen machte, als man erwartete. Mein Bruder Christian, der in der alten väterlichen Bibliothek hinter den Petavius kam, stückelte heimlicherweise aus diesem einen vollkommen richtigen Kalender für das nächste Jahr zusammen, daß sich Stadt und Sippschaft über dieses vermeinte Wunderwerk eines Knaben kreuzigte. Mich selber quälte eigene Eifersucht darüber, bis ich ihm auf die Sprünge kam, und nun durch ein noch kräftigeres Hilfsmittel, durch Gattners Chronologie, Kalender auf so viele Jahre, als man nur verlange, ja selbst hundertjährige zu liefern mich vermaß. Allein des ersten Kolumbus Ei stand nun einmal schon da.

In derselben Stadt Öttingen wohnte noch ein Oheim von mir, Herr Jakob Paul Lang, Hofrat bei der in Öttingen bestehenden Ötting-Ötting- und Ötting-Wallersteinschen Regierung, ein fester Jurist, guter Lateiner, Liebhaber der schönen Wissenschaften, und besonders der alten deutschen Geschichte und Diplomatik, wie denn seines Namens in der diplomatischen Literatur noch heutzutag mit Ehren gedacht wird; in der Öttinger Geschichte selbst bleibt er Quelle. In seinem Umgang hatte er etwas Pathetisch-jovialisches, äußerlich Zierliches, gab sich viel mit mir ab, sprach lateinisch mit mir, schrieb mir lateinische Briefe, die ich ihm in derselben Sprache wieder beantworten mußte, schenkte mir Modebücher und Modekleider, nahm mich in das Öttingische Hausarchiv mit, ließ mich's versuchen, die alten Urkunden zu lesen und abzuschreiben, und brauchte mich allmählich zum Amanuensis seiner historischen Arbeiten; und so gewann ich, mir selber unbewußt, schon die erste archivalische Bildung.

Es hielt anfangs ziemlich schwer, bis ich, außer meinem Bruder Christian, noch einen gesellschaftlichen vertrauten Umgang gewann, weil die anderen mich, als den Jüngsten und Kleinsten, gern hätten hänseln mögen. Endlich schloß ich mich doch besonders vertraulich an einen Seminaristen Beyhl, Gärtnerssohn, Seger, Hofratssohn, in deren väterlichen Häusern ich viele Gastfreundschaft genoß, und Muck, nachher Dechant in Rothenburg. Die protestantischen und katholischen Familien der Stadt waren aber damals noch so steif geschieden, daß es als etwas ganz Außerordentliches erschien, auch mich im Hause des Hofrats und katholischen Oberamtmanns Beck, bei dessen Sohne Karl Theodor Beck, nachher Landrichter in Neuburg, aus- und eingehen zu sehen.

Der in Öttingen residierende alte Fürst von Spielberg, Großoheim des jetzigen, stand unter kaiserlicher Sequestration, und hatte einerseits nicht viel zu verzehren, andererseits ebensowenig zu regieren. Er lag daher tagelang im Fensterflügel seines Schlosses, oberhalb des Tors, beschaute die Leute, die aus- und eingingen, rief sie wohl auch persönlich an, und beschied sie zu sich herauf. So geschah es auch mir, daß er zuerst etwas barsch zu mir herunterrief: »Wer bist du?« – dann aber, auf Nennung meines Namens, mich heraufwinkte, freundlich mich koste und umarmte, mir zu essen und zu trinken reichen ließ. Eines Tages aber begab es sich unglücklicherweise, daß er mich abermals heraufrief, und nach anderen gleichgültigen Reden mich fragte: was ich werden wolle? Ich, der ich's von den Zigeunern her hatte, antwortete guten Glaubens: »ein Reichshofrat«, worauf aber der Fürst mit grimmigen Worten erwiderte: »Du Schlingel! was bildest du dir ein! Ein Schreiber, ein Pfaff, das paßt besser für so einen Fratzen!« und damit jagte er mich diesmal ohne Wein die Treppe hinab. Wahrscheinlich war es mehr augenblicklicher Unmut auf die Reichshofräte überhaupt, in deren Verstrickung er lag, als auf meine kleine Person. Hätte ich ihm als das Ziel meines Bestrebens die Präsidentenstelle von Amerika genannt, wär's ihm vielleicht genehmer gewesen.

Meine Mutter wohnte im Hause eines Goldschmieds, namens Hof. Fast alle meine täglichen Besuche, die ich ihr machte, gingen in ein langes Verbleiben beim Goldschmiede über, wo ich mit begierigen Augen alle Werkzeuge und Geräte musterte, die Handgriffe der Arbeiter belauschte, und nicht eher ruhte, als bis ich auch Draht ziehen, schmelzen, löten und polieren durfte; so fertigte ich denn goldene und silberne Ringe, wozu ich mit freudiger Gefälligkeit das Maß von den Fingern der bräutlichen Bauerndirnen nahm. In den Winterabenden war ich der Bücherzubringer und Vorleser des Goldschmieds, erst von der Reise um die Welt, von der Entdeckung von Ostindien und Amerika, zuletzt aber von Rollins römischer Geschichte, deren 16 Teile in deutscher Übersetzung mein Bruder Ludwig in Weiltingen besaß, mir aber davon schlechterdings immer nur einen Teil um den anderen, und zwar jedesmal auf persönliche Stellung verabfolgen ließ. Beim Schein der Lampen, die hinter den Glaskugeln standen, vor dem lauschenden Meister und Gesellen, an der Seite der Frau Goldschmiedin, die ihr Strümpflein dabei strickte, verlas ich laut und feierlich, wie Rom erbaut worden sei. Man freute sich herzlich darüber, und Meister und Gesellen tranken ihr Gläslein aufs Wohl der neuen Stadt. Gegen die Abschaffung der königlichen Gewalt war, in Gegenwart der Goldschmiedsfrau, nichts einzuwenden, weil sie sich über die Art, wie der armen Lukretia mitgespielt worden, nicht besänftigen ließ. Einen heftigen Kampf aber hatte sie zu bestehen, als der alte Vater Goldschmied, in der Freude über die 12 Tafeln, sich 12 Glas Bier für denselben Abend noch gelobte. Die Bestellung von Volkstribunen war uns allen recht; ich aber hätte vor Bosheit bersten mögen, daß die Patrizier keinem Plebejer ihre Töchter geben wollten, und als es zu der traurigen Szene kam, wo die besiegten Römer von den übermütigen Samniten unter dem kaudinischen Galgen durchgetrieben wurden, da ließen wir, ich das Buch, alle anderen die Hände sinken, wir hefteten die Augen zur Erde, die langen Lampendochte leuchteten immer bleicher, – der alte Goldschmied suchte vergebens mittels einer Prise Tabak einige Worte zu gewinnen, und ich selbst zog mich mit leisem, seufzendem Abschied zur Tür hinaus.

Hatte ich einen Teil als Vorleser geendet, und mich auf den Weg gemacht, einen neuen zu holen, so wurde ich vom ganzen Haus wie ein Ostindienfahrer zurückerwartet, und mit Dank meine Mühseligkeit erkannt, wenn ich erzählte, wie Bruder Ludwig mir den neuen Teil am Abend gegeben, am Morgen wieder abgenommen, mich fortgejagt, und gleich darauf durch Boten wieder eingeholt, mittags dann mich festmäßig traktiert, aber nachts zum Bette hinausgeworfen, anderen Tags mich Schlitten gefahren, und darauf mit dem Hund gehetzt, über jedes üble Gesicht, über jeden Versuch, auszureißen, mich gezupft, geprügelt, beohrfeigt habe. Ich kann annehmen, daß, um diesen guten Rollin zu lesen, ich hin und her 80 Stunden zu Fuße gemacht, 150 Prügel und 200 Ohrfeigen ausgehalten habe. Endlich nachdem er um diesen Preis gelesen war, schenkte ihn mir mein Bruder Ludwig ganz und gar, und wurde Soldat beim Regiment Kallenberg in Böhmen. Nachdem er sich davon nach einigen Jahren losgekauft, jedoch alsbald von neuem wieder eintrat, erkrankte er später als Wachtmeister im Türkenkriege, und verschied in einem ungarischen Spitale zu Tata.

Neue herrliche Sonnenscheintage sollten meinem Jugendschifflein aufgehen durch die Ankunft einer Schauspielergesellschaft, wenn ich nicht irre, unter einem Herrn Ilgner, und eines französischen Tanzmeisters, Monsieur Olivier: – leider Vorboten eines heftigen Sturmes.

Ich pries mich glücklich, eine bisher so wenig gekannte Welt nunmehr durch das Theater, wie ich glaubte, in wahrem Lichte zu schauen. In allen Schauspielern erkannte ich ehrerbietig Weise und Helden, die vom Himmel gestiegen, in allen Schauspielerinnen Göttinnen. Ich fühlte mich selber mit zum Himmel emporgehoben, als der arme Teufel von Souffleur sich herabließ, mit mir ein Glas Wein zu trinken, und in meiner Herzensfreude wäre ich um ein kleines mit der sauberen Gesellschaft ganz und gar davongezogen. Minder ehrwürdig kam mir freilich der Tanzmeister vor, der in seiner Kunst nicht weiter als eins, zwei, drei, im Menuett höchstens noch vier zählen konnte. Die Jugend mehrerer befreundeten Familien in der Stadt war in dem Hause eines angesehenen Beamten zur gemeinschaftlichen Lehrstunde vereinigt. Die wohlgebildete Tochter des Hauses befand sich mit mir im gleichen Alter. Die Vorzüge, die sie mir natürlich vor den kleineren Tänzern gab, ihre Blicke, ihr Necken, ihr Handreichen, ihr Auffordern, ja mit ihr zu tanzen und mit keiner anderen, dieses Umschlingen der Arme, dieses Umherschweben versetzte mich in eine blinde Träumerei, zu der mir nun vollends die Darstellung der Ilgnerischen Bühne die abenteuerlichsten Bilder lieh. Bei einem feierlichen hochzeitlichen Kirchgang, dem meine Tänzerin mit beiwohnte, versäumte ich nicht die gewohnte Artigkeit dortiger Landschaft, bekannten Freundinnen bei solcher Gelegenheit, während des Vorüberziehens, Sträuße und Konfekt darzubieten, die mit freundlichen Augen angenommen wurden und sich bald darauf durch die von der Zofe gebrachte Botschaft lohnten, daß ich mich zum Abendtanz des Festes einfinden könne. Es geschah, obgleich die Freude weit unter meiner Hoffnung blieb, indem die vielen Anwesenden, weit mannhaftere junge Leute, mich wenig Raum gewinnen ließen. Und nun zu alledem wurde ich wenige Tage darauf in förmlichen Anklagestand versetzt, weil Schüler nach den Gesetzen bei Tanzgelagen nicht erscheinen sollten. Ich weiß es nicht, ob mir jemals ein solches Gesetz verkündet worden ist,– wozu denn am Ende, meinte ich, der Tanzmeister, wenn das Tanzen selbst verboten sein sollte?

Allein aller scharfsinnigen Verteidigung unbeachtet fiel das Urteil auf einen Vormittag Karzerstrafe aus, die mein Herr Rektor dadurch zu verschärfen vermeinte, daß er mich nachher noch in der Klasse behalten, und nicht zum Mittagsmahl gehen lassen wollte. Ich war durch diese Art Zugabsstrafe in meinem kindischen Stolz beleidigt, nahm unvermerkt meinen Hut, wischte zur Tür hinaus, und pflegte nun im Hafen der mütterlichen Behausung frohlockend meines Mahles. Kaum trat ich aber zurückkehrend ins Zimmer des Rektors wieder ein, als von seinen fürchterlichen Fäusten ein rasender Angriff auf meine Brust, von mir aber eine verzweifelte Gegenwehr begann, bei der er am Ende abließ und ausrief: »Was? Du infamer Junge! eine Ohrfeige hast du mir gegeben?« Ich erstaunte, und erstaune noch jetzt, weil ich wirklich nichts anderes tat und beabsichtigte, als mir einen solchen Feind vom Leibe zu halten, und nahm nun meinen Rückzug nach Haus zur Mutter. Wenige Tage darauf – die Schule mied ich unterdessen gänzlich – meldete mir mein Schulkamerad Seger, dessen Vater Scholarch mit war, daß ich zu einem großen Auto-da-fé bestimmt sei, und mir sein Vater raten lasse, mich alsbald aus dem Staube zu machen. Unverzüglich nahm ich Fünfzehnjähriger meinen Bündel, und steuerte unter fürchterlichem Sturm und Schneegestöber – es wird etwa Weihnachten 1780 gewesen sein – auf das mir liebe und werte Hohenaltheim zu.

Dorthin hatte sich nämlich mein Oheim, Herr Georg Friedrich Lang, der sein früheres gesellschaftliches und hofmäßiges Leben daselbst gegen jene Bettler- und Räuberumgebung zu Trochtelfingen nicht verschmerzen konnte, durch einen Tausch- und Entschädigungsvertrag wieder zurückbegeben. Über alle Erwartung ward mir die freudigste Aufnahme nach der Erzählung meines Abenteuers, bei der beinahe nur das zu mißfallen schien, daß ich behauptete, die Ohrfeige nicht gegeben zu haben. Zu meinem Verbleiben bot sich ohne Schwierigkeit die Gelegenheit dar als Amanuensis in des Fürsten Bibliothek, während ich meine übrigen Studien in den Nebenstunden fortsetzen könne. Mit dieser Bibliothek, hatte es damals folgende Beschaffenheit. Der Fürst Kraft Ernst war ein Mann von vielem Geist, schöner äußerlicher Gestalt und Gewandtheit, nicht ohne einigen fürstlichen Stolz, mit mannigfachen unruhigen Launen, im äußerlichen katholischen Kultus zwar dem Ansehen nach sehr eifrig, aber in der Wahl seiner Diener und ihrer Behandlung nichts weniger als bigott und pfäffisch. Seine frühere wissenschaftliche Bildung war eine französische, und von eigentlicher klassischer und deutscher Literatur wußte er wohl nur so viel, was er mit wohlberechneter Verschlagenheit sich von seiner Umgebung anzueignen verstand. Gleichwie er nun in eine gewisse Leidenschaft zu Sammlungen der verschiedensten Art geriet, von Gemälden, Geschmuck, Leinwand, Reitzeugen, so sollte sich nun auch eine anständige fürstliche Bibliothek bilden, mit deren kleinstem Detail er sich angelegentlich beschäftigte. Man brachte daher alle einzelnen zerstreuten Bibliotheken von dem alten Fürsten von Öttingen-Öttingen, von einem Grafen Wolfgang, der Reichshofrat und Gesandter am Türkischen Hof gewesen, von einem Grafen von Baldern, der Domprobst in Köln war, zusammen, man kaufte Inkunabeln, Bibeln, Psalter von fleißig herbeikommenden Mannheimer und Augsburger Antiquaren, und bestellte alle neu herauskommenden Werke, die französischen und englischen bei Fontaine in Mannheim, die anderen bei den Buchhändlern in Ulm, Augsburg, Nördlingen. Weil aber diese Bestellungen ohne alle wechselseitige Rücksprache vom Hofkaplan, vom Leibarzt, vom Kabinettssekretär und von dem Ökonomierat Kramer ausgingen, und die Buchhändler ihre Artikel dazu noch unaufgefordert einschickten, welches alles man ohne alle Sichtung sogleich zum Buchbinder lieferte, Erst in den letzten Jahrzehnten gingen die Verleger dazu über, ihre Bücher auch gleich binden zu lassen; bis dahin brachten sie diese nur geheftet oder gar in losen Bogen zum Verkauf. Auch die Buchhändler hatten nur teilweis ein Lager an fertig gebundenen Büchern. Hrsg. so geschah es, daß sich viele Werke nicht doppelt, sondern achtfach, dann wieder Zwischenteile und Fortsetzungen gar nicht vorfanden; eine Folge der fürstlichen Eifersucht und Laune, die keinem seiner Diener in irgend einem Geschäft eine vollständige Übersicht lassen, sondern durch Zerstückelei und beständigen Wechsel der Personen desto sicherer der Sachen allein Meister bleiben wollte.

Mein Oheim, Herr Georg Heinrich Lang, übernahm nun außer seinem Pfarrei- und Inspektionsgeschäft auch das eines Bibliothekars, aber ohne allen Einfluß auf die Anschaffung, Abrechnung und Korrespondenz mit den Buchhändlern, wobei freilich schon von Haus aus nichts Kluges herauskommen konnte. Die Bibliotheksgehilfen waren erst der Wöllwarthsche Hofmeister Kramer, ein hiezu allerdings wohlgeeigneter Mann, und nachdem dieser zur Domänial-Administration übergegangen war, ich, der Öttingische Schulflüchtling, und bald nachher noch ein junger katholischer Geistlicher, Gerstmeyer, eines fürstlichen Kammerdieners Sohn. Unsere Verrichtung war, vollständig und diplomatisch genau auf lauter einzelnen Bogen (wenigstens für jeden Verfasser) die Titel abzuschreiben, im Bauer, Vogt nachzuschlagen, ob es kein seltenes Buch, dann, ob es nicht schon mehrfach vorhanden, defekt oder dergleichen sei, hierauf die Bogen in die Fächer alphabetisch einzureihen, in die Bücher aber lange Streifen, mit den Aufschriften: Libri rarissimi, rarus, in duplo, triplo, defekt, inkomplett usw. zu legen, und sie alle auf einer langen Tafel zu ordnen, an welcher dann der Fürst, gewöhnlich des Nachts um zwei oder drei Uhr, in Begleitung eines Kavaliers, den er oft stundenlang neben sich stehen ließ, erschien, in seinem Lehnstuhl ausgestreckt alles durchmusterte, besonders, ob sich recht viele Libri rarissimi gefunden, dabei mitunter einschlief, oder außerdem auch in den Büchern selber las, besonders wo ihm etwas Pikantes oder Schnurriges auffiel, wohin wir nicht selten mit eingelegten weißen Zetteln hinwiesen.

Nicht minder wurden bei diesen nächtlichen Büchermusterungen den Beamten, Jägern, Kaufleuten, die schon seit dem frühesten Morgen in den Vorsälen harrten, Audienzen gegeben, Vorträge in Regierungssachen angehört, die Stallwache überfallen, oder auch andere romantische Nachtronden gemacht. Traf nun der Fürst bei Nacht den Büchertisch, seiner Meinung nach, nicht voll genug, so schob er dies auf meinen Unfleiß, ohne zu bedenken, daß oft ein einziger Quartant, der aus der Zeit der Reformation, oder des dreißigjährigen Krieges, sechzigerlei Flugschriften mit den weitläufigsten, abenteuerlichsten Titeln enthalten konnte, ein paar Tage Arbeit für sich allein erforderte. In solchen Fällen blieb mir also nichts übrig, als schon bearbeitete Bücherhaufen noch einmal aufzutischen, und fleißig Zettel mit Libri rarissimi, oder für Reserveschnurren hineinzustecken.

Ich lieferte aber auch schon darum nicht genug, weil eine Menge dieser Bücher mich zum längeren Durchschauen, Lesen und Durchspüren anzog. Ich verschlang, was in der Kürze der Zeit nur immer hinunterzubringen war, und kam dazu noch in neuen Jammer der Versuchung, wenn Leute des Hofes, die mich als guten Schachspieler kannten, an mein Fenster klopften, und mich nun vollends gar zu einer heimlichen Partie in irgend einem versteckten Winkel des Schlosses lockten.

Die Arbeitsstunden waren von 9 Uhr vormittags bis 12, und nachmittags von 2 Uhr an unbestimmt bis zu jenem Punkt, wo man sicher war, daß der Fürst, der oberhalb der Bibliothek Tafel hielt, sich entfernt, denn gewöhnlich pflegte er im Herabgehen die Türe meines Arbeitszimmers aufzureißen und nachzuschauen. Die übrigen Stunden, im Sommer stets von 5 Uhr morgens an, und dazu jederzeit noch ein paar Abend- oder Nachtstunden benutzte ich für meine Privatstudien, ohne alle weitere mündliche Anleitung, zur Lesung und schriftlichen Übersetzung des Virgils nach Heynes Ausgabe, des Livius, des Horaz, von Ciceros Reden, davon ich einige ganz und gar auswendig lernte, z. B. die Rede in Catilinam, pro Muraena, nicht ohne Nutzen, wie mir scheint, teils zur Übung in der lateinischen Deklamation, teils zur Gewöhnung an den eigentümlichen Rhythmus der Sprache und zur Reminiszenz bei eigenen Extemporisationen. Im Griechischen las ich alle Tag ein Stück aus Homer, nach der Niemeyerschen Ausgabe. Ich unterrichtete mich über alte Literatur bei Heumann, über die Künste in Sulzers Theorie. Ich las deutsche Geschichte gar keine, eine lesbare traf ich erst später in Schmidt, eine englische von Littreton, Robertsons Geschichte Karls V., und Schillers Geschichte des Abfalls der Niederlande, die mich so bezauberte, daß ich einzelne Perioden davon herausnahm und sie lateinisch bearbeitete. Ossian verschaffte mir selige Stunden, und ich schmiedete nun über die Geister und die Fräulein der alten Bergschlösser des Rießes eine Menge hüpfender Hexameter, von deren Bau ich freilich die eigentliche Kunst damals nicht einsah, sowie ich sie auch jetzt noch nicht recht begreife. Meine anderen häufigen Versuche, zu dichten, mißlangen wohl schon aus dem Grunde, weil ich mir Kleists Frühling zum Vorbild nahm, und mich dadurch in lauter überladenen und steifen Schilderungen abmattete, gerade aber dasjenige verfehlte, was das Gemüt weit näher und leichter angesprochen hätte. Nebenbei erschnappte ich das Französische von dem Hofgesinde, von den Pariser und Straßburger Schneidern, Kunst- und Warenhändlern, die in ganzen Schwärmen die Kundschaft des Hofes und nach der Hand ihre Bezahlung suchten. Meine Spaziergänge, meistens mit den Leuten der fürstlichen Kapelle, einer lustigen Welt, richteten sich am liebsten auf das nur eine Stunde entfernte Kloster Deggingen, wo mich die Geistlichen das freundliche Angedenken an meinen Vater wohl genießen ließen. Das Klosterleben schien mir jetzt nicht ohne Reiz von dem Gesichtspunkt aus, daß man daselbst ganz der Wissenschaft leben könnte, so daß mein Herr Oheim sogar Verdacht und Argwohn schöpfte, ich sei halb und halb schon auf dem Wege, mich von den schwarzen Herren wegfischen zu lassen. Allein da mir zur nämlichen Zeit Winkopps Briefe aus dem Noviziat in die Hände fielen, so hatte es damit weiter keine Gefahr. Die Not kam vielmehr von einer ganz anderen Seite, nämlich von einer Jungfrau Bäbi, einem Dorfmädchen, das mein Herr Oheim schon in ihrer frühesten Jugend in sein Haus aufgenommen hatte, und deren besondere Bildung er mit einer eigenen Vorliebe und Angelegenheit besorgte. Es gereichte ihm daher zu einer großen Unruhe, als er bemerkte, daß ich mich seit einiger Zeit unberufen in die häuslichen Geschäfte dieses Mädchens mischte, und auch von diesem nicht so standhaft und mutig, als er wünschte, abgewiesen und abgetrieben wurde. Noch schlimmer ward es, als man das Mädchen endlich gänzlich aus dem Hause tat, von mir aber jetzt um so eifriger außer demselben Besuche gegeben und, wie es geht, auch angenommen wurden. Das Mädchen war wirklich gar keine so vorzügliche Göttin, und ich bin versichert, ohne diesen Aufreiz des Widerstandes hätt' ich wohl selbst in kürzester Zeit von ihr abgelassen, besonders da ich immer mehr auf die freundlichsten Liebkosungen so mancher Hausfrauen stieß, denen, wie mich bedünkte, das Necken und Spielen mit derlei Art angehenden zarten Jungen eine eigene Kurzweil gab.

Nicht klein war also meine Bestürzung, als ich eines Mittags, ohne Arges zu vermuten, Wagen und Pferde vor dem Hause, im Speisesaale meine Mutter fand, mit welcher bereits ein Familienrat abgehalten war, dessen Beschluß ich dahin vernahm, daß ich mich alsbald nach Tisch von Hohenaltheim weg nach Heidenheim an der Brenz zu begeben hätte, wohin meine Mutter mich zu ihrem Bruder bringen würde, der dort als Spezial, wie sie es hießen, oder Spezialsuperintendent wohnte. – Mein Bruder Christian war als mein Nachfolger in der Bibliothek erkiest.

Obgleich meine Mutter unterwegs mich auch nicht mit dem mindesten Vorwurf betrübte, vielmehr die Sache so nahm, als sollte mir eher eine Lustfahrt bereitet werden, so fuhr ich doch ganz betroffen und kleinlaut über die steinigen Fluren des Härtsfeldes, dann unter den Mauern des Klosters Neresheim vorbei, und langte schon ziemlich in der Nacht zu Heidenheim an, wo uns am Tor der Superintendentur die gewöhnlichen Freudenbezeigungen über die unvermutete Ehre, bald darauf in der Küche der Todesschrei der Hühner und Enten, und in allen Zimmern und Kammern das Poltern und Klappern der bettenschleppenden Mägde empfingen. Am anderen Tage, nachdem meine Mutter bei Zeiten wieder abgereist war, fühlten Se. Hochwürden mir näher auf den Zahn: was ich denn bisher in Studiis getan? was in der Prosodie, und ob ich lateinische Verse und Chronodisticha mache? und wie es denn in der Logika stehe? Und da ich ihm hierauf offenherzig bekannte, daß ich gerade in diesen Punkten rein so viel als ganz und gar nichts getan, so schlug er wehklagend seine Hände über den Kopf und schrie, ob wir denn dort außen Hottentotten wären? Er schritt sodann seufzend in seine Bibliothek, und brachte mir keuchend ein Buch zurück, betitelt: Bilfingeri Logica, die sollte ich mir sofort verbotenus, und also cum succo et sanguine imprimieren, daß ich ihm daraus genügende responsiones et resolutiones thematum zu machen ja nicht entstehen möge. Zitternd nahm ich das Ding in die Hände, wie ein neuangekommener Sträfling am ersten Morgen die Kartätsche. Hierauf zogen sich Se. Hochwürden zurück in den Lehnstuhl der inneren Zimmer, rückten die weiße spitze Baumwollenmütze über die Augen herab, und überließen sich einigem herkömmlichen Amtsschlaf. Da wo er mich aber hatte stehen lassen, saß in einem großen Erkerfenster eine junge Nähterin; ich rückte mein Tischlein ebenfalls an das Erkerfenster, legte die Logik vor mich hin, und sah, das Haupt auf meinen Arm gestützt, der Nähterin starr ins Gesicht. Diesen Platz bewahrte ich mir von nun an auf alle Tage. Die Logik lag beständig auf dem Nähtisch, und die Stunden an demselben wurden mir über alle Erwartung die süßesten. Wir wechselten unsere Küsse nach allen Arten der Syllogismen und Kategorien, jedoch als Se. Hochwürden nach einiger Zeit das erste Examen begannen, verwunderten sie sich nicht wenig über die geringen Fortschritte, die ich gemacht. Sie fürchteten, es möchte mir überhaupt an logikalischem Sinne und am Judizio fehlen. Am Abend teilte der geistliche Herr seiner Ehehälfte die traurigen Bemerkungen über den Leichtsinn und den Unfleiß mit, worin die jungen Leute in meiner Heimat versunken sein müßten. Mich entschuldigend, erwiderte die gute Frau dem lieben Mann, es sei hierorts in vielen Stücken auch nicht besser. Er glaube gar nicht, wie wenig förderlich in ihren Arbeiten z. B. auch hier das Nähemädchen sei. Die jungen Leute taugten eben heutzutag überall nichts mehr.

Ich durchwühlte die ganze Bibliothek des Herrn Spezialsuperintendenten, um zu sehen, ob denn, außer dieser verwünschten Logik, nicht noch einige andere genießbare Brocken herauszulangen seien, fand aber nichts, als ein Lehrbuch der Mathematik von Clairaut, und einen französischen Telemach, die ich zur Abwechslung auch noch auf den Nähtisch brachte; desto bessere Ausbeute traf ich bei dem Buchbinder des Orts, Herrn Schlimbach, wo ich die historischen und statistischen Werke von le Bret und Würsching zum Lesen erhaschte, und überhaupt alles beschnüffelte, was dort nur immer unter Falzbein und Nadel kam. Herr Schlimbach, dessen Gunst ich sehr gewann, nahm mich sogar in die Weinhäuser mit. Ich stellte meine Ausflüge immer weiter, hinauf in das alte Schloß Hellenstein, in die benachbarte, damals Schulische Kattunfabrik, und nach Königshoven in die Prälatur; ja ich stoppelte zuletzt ein etwas bösartiges Manuskript zusammen, betitelt: »Das jetzt lebende Heidenheim«. Inzwischen, nachdem die Arbeit des Nähemädchens im Hause aufgehört, so war's auch mir unmöglich, länger darin auszuhalten. Ich schützte Briefe vor, die mich nach Hause riefen, wogegen Se. Hochwürden auch gar keine Bedenklichkeiten und Zweifel erhoben, sondern mir noch dazu einen alten Färbergaul mieteten, dessen Rücken mich nach Bopfingen, zum dasigen Stadtsyndikus, auch meinem mütterlichen Oheim, brachte, der mich sofort des anderen Tags mit einer anderen dienstfertigen Mähre über Nördlingen nach Öttingen schob. Meine Absicht war, dort bei meiner Großmutter, der Witwe des Herrn Johannes Lang, einzukehren, und es einzuleiten, daß ich jetzt mit ihrer Hilfe und Vermittelung die Universität beziehen könne. Sehr unerwartet traten mir aber bei der Eröffnung der Türe meine beiden Oheime, welche ich weit hinter ihren Bergen vermutete, etwas barsch mit der Frage entgegen: »Was ich hier wolle?« Da ich mich mit der Gegenrede nicht übereilte, und inzwischen meine Großmutter sprachlos und, vom Arzt und der Wärterin umgeben, im Bette liegend erblickte, so bildete ich daraus alsbald die Antwort zusammen: Es hätte mich in Heidenheim nicht ruhen und rasten lassen, und sei mir vorgekommen, daß die Großmutter krank sei. Dadurch war nun ohne weiteres nicht allein aller üble Empfang abgewendet, sondern ich stand selbst in einem gewissen Heiligenschein des Ahnungsvermögens da. Meine Großmutter starb, wenn ich nicht irre, noch desselbigen Tags, mit Hinterlassung eines nach damaligen Verhältnissen nicht unbeträchtlichen Vermögens, davon aber auf mich, neben einem Voraus für meine Schwester, vom übrigen nur noch der vierundzwanzigste Teil kam. Früher, wenn man mich vertröstete, es sei keine Mühle im Lande, die nicht meiner Großmutter wenigstens als Unterpfand gehöre, ging ich immer mit einem gewissen Wohlbehagen an allen Mühlen vorbei, und ermangelte nicht, in der Schenke noch einen Schoppen Wein besonders auf das Wohl dieser meiner Domänen, wie ich glaubte, zu trinken. Nach solchen Übertreibungen waren freilich ich und meine Schwester durch die wahre Dividende sehr betroffen, und suchten wir in allen Winkeln, ob sich nicht irgendwo noch ein Bündel Obligationen verschoben habe. Auf alle Fälle reichte es doch zu, um nun mit einer selbständigen Art zu meinem Abgang auf die Universität Anstalt zu machen. Unterdessen – es war noch ein halbes Jahr Zeit – wurde mir und meiner Schwester die Fortführung des Haushalts in der Wohnung der Verstorbenen anvertraut, wo wir denn unser so unvermutet freigegebenes Leben in lauter Kränzchen, die wir bildeten, wohlgemut zubrachten. Die übrige Zeit verwendete ich bei meinem alten Schulfreunde Beyhl mit Tuschzeichnen von Landschaften und schönen Bäumen, worin er mich unterrichtete. Kein Buch wurde angeschaut; so hätte bald das Unkraut eines ganz kleinen Häufchen Geldes die zarte Pflanze aller früheren Wissenschaften verdrängt. Als nun nach vollzogener Erbteilung, bei der sich die Frau Tante über jeden Haderlumpen zankte, das Haus ausgeleert wurde, entschloß sich mein Oheim, Herr Jakob Paul Lang, der zu der Zeit als fürstlicher Hof- und Regierungsrat in Wallerstein wohnte, mich die noch wenigen Monate zu sich zu nehmen und auf die juristischen Studien vorzubereiten. Er gab mir zu diesem Ende eine juristische Enzyklopädie von Schott, Januarii Respublica Jurisconsultorum, Hamels Litteratura Juris, ließ mich einige Pandekten und Institutionen aus dem Corpus juris ins Deutsche übertragen, auch einige Akten extrahieren. Mit einem Zollkommissär Popp, dem ich in seiner Kanzlei mit aushalf, und dessen natürliches Spöttertalent ich gewissermaßen studierte, machte ich öfters Ausläufe in das Franziskanerkloster Maihingen, welches dadurch berühmt geworden, daß es sich verleiten ließ, durch die Ränke eines seiner Brüder, Frater Blazzari, ein Anlehen von ungefähr einer halben Million dem Fürsten von Öttingen-Spielberg zum Ankauf der einem Freiherrn von Wrede gehörigen Herrschaft Hochaltingen auf des Bettelklosters eigenen Kredit zu negoziieren, wodurch nachher das Kloster sich selbst und seine leichtsinnigen Gläubiger, deren Generalanwalt auch mein Oheim wurde, ins Verderben stürzte.

Nicht weit von mir wohnte die hübsche Tochter eines Chorregenten. Waren meine Augen vorausgegangen, so folgten nun die Füße bald nach, so sehr mich auch daheim die Frau Muhme zu hüten und in ihrer Nähe zu behalten suchte. Es spannen sich noch weitere singende und flötende Bekanntschaften aus, und ich habe noch nach der Hand in den Pandektenkollegien manche Stunde mehr an das schöne Töchterlein des Chorregenten, als an den Kaiser Justinianus gedacht. Mein Abzug zur Universität war also nur von dieser Seite her etwas betrübt. Mein Oheim, jetzt auch mein Vormund, wählte Altdorf, teils wegen seiner Wohlfeilheit, teils wegen der besonderen Freundschaft des Herrn Jakob Paul Lang zu dem dasigen Professor Siebenkäs, dem ich auf die Seele gebunden werden sollte. Auch suchte man dadurch mich, an dessen luftiger Lebensart man zum voraus nicht zweifelte, mit meinem Bruder Christian, der nach Erlangen bestimmt war, außer Berührung zu setzen. Ich nahm mit dem meineidigen Angelöbnis, künftig alles und jedes im voraus zu bezahlen, meinen Weg von Wallerstein über Wassertrüdingen nach Ansbach, wo ich am Wirtshaus zum Engel vorfuhr, und von zwei schwarzäugigen, hübschen Töchtern empfangen wurde, die mich auch den ganzen Tag so in Anspruch nahmen, daß ich von den übrigen Wunderwerken Ansbachs gar nichts zu sehen bekam, und mich wohl leicht hätte bereden lassen, Wirt zum goldenen Engel zu werden. Zwar die Götter wollten es anders, ob sie mir gleich mein Los in Ansbach bestimmt, in einer Art, von der ich freilich damals nicht das mindeste geahnt. – Ich begreife nicht, warum Nürnberg als große Stadt keinen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Die träumerische Phantasie junger Leute scheint überhaupt weniger auf die nächste Umgebung zu merken. Mit einer Nürnberger Kalesche jagte ich unter dem Posaunen des Altdorfer Türmers über ein furchtbares Pflaster an das gastliche Schild zum schwarzen Bären, und wurde folgenden Tags, den 26. April 1782, unter bewaffneter Begleitung eines damals noch üblichen Depositors, bei Herrn Rektor Hofer vorgeführt und immatrikuliert. Ich war noch nicht 18 Jahre alt.

Da ich gar zu wohl fühle, wie wenig das wilde Treiben eines deutschen Studenten mit dessen zunftgemäßen Gebräuchen den unbefangenen sittlichen Zuschauer und jetzt mich selber anspricht, so glaube ich wohl zu tun, über diese minder reizende Landschaft meines Erdenwallens hinwegzueilen, und selbst bei dieser Kürze das zu scheiden, was eigentlich mein Burschenleben einesteils, und die Art meiner wissenschaftlichen Bildung andernteils bezeichnet. Herr Professor Siebenkäs, dem mein Vormund mich schon zum voraus angekündigt hatte, glaubte, nach solchen wackern Leuten zu schließen, in mir ein recht stilles und frommes Kind zu treffen, und hatte mir also in einer ganz abgelegenen Straße, fern von allen anderen Studentenwohnungen, bei einem eingezogenen bürgerlichen Ehepaar eine Wohnung bestellt. Allein diese Abgeschiedenheit, die mir, neben der Langeweile beim Fensterhinausschauen – in den ersten Tagen meine hauptsächlichste Beschäftigung – auch die Spöttereien meiner neuen Bekannten zuzog, veranlaßte mich, eigenmächtig mein Quartier zu ändern, gerade in das Zentrum der lieben Freunde hineinzuziehen, und mich auf diese Art faktisch aller Direktion des Herrn Professors Siebenkäs in den innern Angelegenheiten meines Studentenreiches zu entbinden. Der in keiner Schulkaserne gebeugte und gelähmte Jüngling in seiner frischen Blüte, mit seiner munteren Redseligkeit und einer gewissen schwäbischen Naivetät, den man dabei für ein wohlhabendes Muttersöhnchen hielt, konnte natürlich nicht lange unbemerkt in dieser Universitätskleinstadt bleiben, welche auf ihre Musensöhne so stolz wie ein arabischer Hirt auf seine Herde war. Meinen Gefährten imponierte ich durch die kleinen Erfahrungen, die ich schon in der Menschenwelt und selbst an Fürstenhöfen gemacht, besonders aber durch das vielfache Stückwerk von Wissen, das ich, obgleich der Neueste, vor ihnen allen voraus hatte, ausgenommen etwa drei junge Männer, die aber schon in der Reihe der Magister- oder Doktorwürde standen. Was die Spiele betrifft, so ging ich gern einer Partie Schach nach, ließ mich auch auf ein mäßiges Kartenspiel ein. Billard vermied ich wegen der Versäumnis und der Kosten. Ich schwatzte mit den Bürgern und Bürgerstöchtern, nahm Einladungen zum Hopfenblatten an, jagte und neckte die Kinder, stellte den Leuten Hunde, Katzen, Bären, recht brav aus Brot geformt, auf die Öfen, zahlte dabei, wenn auch nicht gleich, doch immer zu seiner Zeit; an meiner Popularität konnte es da nicht fehlen.

Es währte aber nicht lange, daß ich den lieben Freunden, die mich so getrieben, dem Herrn Professor Siebenkäs die Lehrerpflichten aufzusagen, nicht minder die Zähne weisen mußte. Mir war nichts widerlicher, als das Biergesöff und das Gebrüll der Kommerzgelage. Wenn ich daher aufs Land ging, trieb ich mich so lange als möglich im Freien herum, stieg auf Bäume und Gartenhäuser, und sprang – versteht sich, wenn mich jemand sah und bewunderte – herunter, neckte die Töchter, im Zimmer aber setzte ich mich zwar an den Tisch der Kommerzierenden, aber trank nichts, anfänglich zwar zum Schein, aber endlich Punktum gar nicht mehr. Da hieß ich denn natürlich ein dummer Junge, und ebenso natürlich gab's am anderen Tag in einem Wäldchen ein kleines Getupf, und hierauf einige Blutritzen für den Herrn Senior, der mich in seine Sing- und Saufschule zwingen wollte. Unter gewechselten Küssen ging die Versöhnung vonstatten, allein wie groß war das Erstaunen, als ich schon wieder denselben Nachmittag ein für allemal Smollis zu machen mich weigerte. Es wurde nun ein anderer Kämpfer, der glücklicher sein sollte, auserkoren: das Schicksal aber entschied noch einmal für mich, nur mit ein klein wenig mehr Blut meines zweiten Gegners.

Da ich nun auf dem Platze erklärte, daß ich mich alle Tage mit allen und jedem schlagen würde, die mir ein Glas Bier aufnötigen wollten, in Wein aber allen guten Kameraden Recht geben und nehmen wolle, wovon ich sogleich heute eine Probe zu geben bereitstehe, so wurde ich unter großer Akklamation, gegen eine jeweilige unbestimmte Weinpflicht, von aller weiteren Bierfrohn freigesprochen.

Des anderen Tags erschien mit zwei langen Rappieren unterm Arm der Fechtmeister des Orts auf meinem Zimmer, um mir zu den bisherigen Erfolgen Glück zu wünschen, und sich zu erkundigen, wie und welche Stöße ich denn geführt hätte, wobei er bei jedem Umstand nicht unterlassen konnte, den Kopf zu schütteln, warum ich nicht ganz andere Finten, Kontrestöße, große und kleine Sekonden, Quinten über den Arm und dergleichen mehr angebracht, die er mir sogleich mit seinen dargereichten Rappieren lehrte, und mich mit dem seinigen, fußstampfend, von einem Eck meines eigenen Zimmers in das andere trieb. Nachdem er mir so auf seine Art das Gefühl meiner eigenen Nichtigkeit beigebracht, fing er wieder an, mich tröstend aufzurichten durch das Anerbieten seiner Lehrstunden, in welchen ich es in kurzer Zeit bis zum ruhmvollen Platz seines Vorfechters bringen könnte. Es bedurfte in der Tat nur halb so vieler Überredung, die Stunden begannen noch desselbigen Tages; und ob es gleich nicht zu leugnen ist, daß mir diese mit Leidenschaft ergriffene Fechtwut eine gewisse schätzenswerte Fertigkeit des Körpers und außerordentliche Kraft des Arms und der Schenkel verschafft, so hab' ich sie doch auch ziemlich teuer bezahlen müssen durch Zeit- und Geldversplitterei, hauptsächlich aber durch einen dadurch erweckten übermütigen Geist, der mich in mannigfache erbärmliche Händel hineingezogen: doch bin ich dabei allen Landsmannschaften und Ordensverbindungen fremd geblieben, wie ich überhaupt der Mensch nicht war, um bekannten oder unbekannten Obern viel zu gehorchen, weswegen mich auch solche Gesellschaften von selbst schon gern aus dem Spiel gelassen.

Ohne Umstände entschloß ich mich aber, einen Freund, namens Tichtel, aus Schweinfurt, nach der Hand Bürgermeister daselbst, als er in der Stille nach Jena abging, zu Fuß bis dahin zu begleiten; wir kamen gerade zum Einsturz der Bamberger Brücke, bei der großen Wasserflut im Jahre 1783, und trieben uns bis Koburg über lauter Gräben und Eismassen durch. Nach einem etwa acht Tage lang zu Jena verlebten Taumel kehrte ich in Gesellschaft eines Mecklenburgers, der die Tauben lebendig fraß, wieder nach Altdorf zurück, zu großer Freude meiner Herren Philister, die nicht anders glaubten, als ich sei ihnen aus den Lappen gebrochen.

Als ich einst aus den Fenstern meines Quartiers – man hieß es beim alten Blanknagel – von einem untenstehenden Maulbeerbaum mittels eines langen Bohnensteckens, an den ich eine Nadel gesteckt, mir die Beeren heraufpicken wollte, bekam ich, auf meinem Koffer stehend, der ausgleitete, das Übergewicht, und stürzte ein Stockwerk hoch, mit dem Kopfe zuerst, auf die Gasse heraus. Ich erinnere mich noch wohl, wie mich im ersten vergeblichen Tappen meiner linken Hand an dem glatten Fenster hauptsächlich der mit langem Halse hervorstehende steinerne Guß fürchterlich angeblöckt; unten angekommen, und auf dem Rücken liegend, sah ich mich aber weit hinausgeschleudert. Nachdem ich ganz leise Arme und Beine gestreckt, um zu versuchen, ob nichts zerschmettert sei, sprang ich hastig auf, schaute gleichsam verschämt zurück und eilte husch ins Haus hinein. Unterdessen war ein altes Fräulein gegenüber, namens von Fabrice, die mich herunterstürzen sah, in Ohnmacht gefallen. Erst nach einer halben Stunde ergriff mich ein heftiger Fieberfrost, der in lachender Abendgesellschaft mit dem Weinglas ausgetrieben wurde. Eine Narbe am linken Arm ist mir noch davon geblieben.

Es begab sich, daß eines Tages unsere Patrizier sich in umständlicher Ausführung gefielen, daß eigentlich nur sie oder andere Adelige einen Federhut zu tragen berechtigt seien. Müde dieses Gewäsches, fragte ich sie, in welchem Reichsgesetz oder Adelsbrief denn dieses besonderen Vorrechts erwähnt sei – oder was sie machen wollten, wenn morgenden Tags einer mit einem Federhut sich ihnen unter die Augen stellen wollte? Sie vermaßen sich, daß sie ihm Feder für Feder herunterrupfen wollten. Ich des andern Tags – es war ein Sonntag – stehe, wo alles aus der Kirche strömt, mit einem Federhut auf, aber einen Degen an der Seite da, geh' auf jeden Patrizier los, wünsch' ihm einen guten Morgen, den sie freundlich erwidern, mich im Arm fassen und mit mir auf- und niedergehen. Gerupft ist nicht ein Federlein worden, und so hab' dann auch ich diesen Federhut alsbald wieder auf die Seite getan. In der Tat hatte ich gerade unter diesen Patriziern meine besten Freunde, besonders einen namens Führer, zwar gewiß kein Gelehrter, aber der ehrlichste Degenknopf, der Leib und Leben für mich gelassen hätte, und mein beständiger Fechtkumpan, mit dem ich auch, weil er sich selbst über seine Scheu vor Kirchhöfen ärgerte, eine ganze Nacht auf dem Kirchhof zubrachte, wo wir um Mitternacht Ronde machten und vor allen Grüften »Wer da?« schrien, auch manchen namentlich hervorriefen. Bald hätte uns aber das Beinhaus, wo bei unserem Auftreten Schaufeln und Hacken umstürzten, irre gemacht.

Unter mancherlei Treiben fiel uns endlich auch ein, Komödie zu spielen: Theater und Dekorationen waren bereits hergerichtet, die Rollen einstudiert, als an demselben Abend, wo das Stück gegeben werden sollte, der Herr Rektor Magnifikus, Dr. med. Vogel, ein himmellanger hagerer, griesgrämiger Mann, durch den schleichend und gebückt dahergehenden Pedell uns das ganze Unternehmen verbieten ließ – jetzt, nachdem wir Zeit und Kosten längst vor seinen Augen schon aufgewendet, die Frauenzimmer schon etliche Tage vorher geladen hatten, und diese in wenig Stunden zu sehen hofften! Wir gerieten darüber, versteht sich, in keine kleine Wut, und begaben uns, nachdem die noch versuchten mündlichen Vorstellungen barsch abgefertigt wurden, auf eine Landschenke, wo es noch heißer wurde, besonders da ein Würzburger Trompeter, der unser Musikdirektor sein sollte, seine Tra-ra noch dazu fleißig dreinschmetterte. Ein jeder schwur die schrecklichste Rache, so daß ein Dritter hätte glauben müssen, die ganze Stadt werde noch diese Nacht in einen Steinhaufen verwandelt. Als wir aber heimkehrten, lief alles mit leerem Gebrüll auseinander. Nur ich war in der Stille zurückgeblieben, hatte mir auf den Feldern meine Taschen mit Steinen gefüllt, und fing damit um Mitternacht vor der Schlafstätte Sr. Magnifizenz ein solches fürchterliches Bombardement an, daß von den hohen Fenstern alle Scheiben klingend herniederstürzten, und einige Steine sogar bis an die Bettstelle des armen Doktors gelangt sein sollen. Die Konsultationen und Untersuchungen des am anderen Tag schleunigst herbeigerufenen Senats blieben aber ohne Resultat, weil die Herren darüber zwar in abstracto, aber nicht in concreto sich vereinigen konnten. Weil inzwischen doch der größere Verdacht an mir hängen blieb, so wurden, um mir eins einzutränken, ein paar alte, längst eingeschlafene Raufhändel hervorgesucht, die mir mehrere Wochen Arreststrafe zuzogen. Ja es kam am Ende so weit, daß, sowie nur irgend eine kleine Unruhe in einem Winkel der Stadt entstand, zuvörderst immer ich, oft bei meinen Büchern sitzend, auf kürzere oder längere Zeit in Sicherheit gebracht wurde. Bei einer dieser Verhaftungen, die sich etwas in die Länge ziehen wollten, ließ ich dem Rektor sagen, daß, wenn ich nicht diesen Abend noch entlassen würde, er mich desperaterweise an dem Fenster des Turmes hängend erblicken und dann auf seine Doktorsseele nehmen sollte. Wirklich nahm ich den anderen Tag meine theatralische Kunst zusammen, machte mich mit Polstern und Kissen, denen ich meine eigenen Kleider anzog, ziemlich natürlich nach, und ließ die Figur zum Fenster heraushängen: alsbald entsteht auf der Straße Auflauf und Geschrei, man rennt die Turmtreppen hinauf, reißt knarrend die Türe auf, und bricht, als man mich verdoppelt sieht, in Lachen und Frohlocken aus. Selbst das löbliche Konzilium konnte die ernsthafte Miene nicht behaupten, ich zog mit dem ganzen Trupp frei und ledig herab, und alle Fehde hatte von nun an ein Ende.

Bei einem so leichtsinnigen Treiben hätte man freilich äußerlich wenig ernsthaftes Studium von mir erwarten sollen, und mein Professor Siebenkäs äußerte nachher öfter selbst, er begreife gar nicht, wo und wie ich gleichwohl alles dies und das gelernt habe. Allein abgesehen von einer gewissen Fertigkeit, eine Sache gleich bei ihrem rechten Fleck zu ergreifen, so muß auch nicht übersehen werden, daß ich gleichwohl diejenigen Kollegien, die mir gefielen, fleißig besuchte, mich pünktlich präparierte und repetierte, mir besonders des Vormittags alle störenden Besuche und Einlager der guten Freunde abhielt, nach den täglichen Landpartien immer abends wieder ein paar Stunden zu Haus zubrachte, und wo mich etwas ergriff, ohne Schwierigkeit ganze Nächte aufopferte, welches mir um so leichter war, da ich nie einen mit Rauch und Bier verdüsterten Kopf nach Hause brachte.

Mit einem meiner ersten Kollegien, die Logik nach Feder, bei Professor Will, nachmittags um zwei Uhr, ging's freilich so schlecht, daß ich, kaum vom Essen aufgestanden und in schwüler Sommerhitze, regelmäßig in den süßesten Schlaf verfiel, und nur dafür zu sorgen hatte, den Lärm beim Schluß der Stunde nicht zu überhören. Es ist mir auch lange Jahre ein Barometer geblieben, daß mich immer zwischen zwei und drei Uhr der Logikschlaf überfallen. Mein Hauptzweck ging darauf, ein rechter römischer Jurist zu werden, wobei ich mich hauptsächlich an Malblanc hielt, auf dessen Antrieb ich jederzeit zu Haus über die treffenden Pandektentitel Lauterbachs Kollegien nachlas.

Es war überhaupt keinem vorgeschrieben, ob oder welche Kollegien er hören sollte, es fanden keine Examinationen statt, nirgends waren Zeugnisse nötig; jeder studierte mit seinem eigenen Gelde auf seine eigene Gefahr, und es ging wenigstens nicht schlechter, als heutzutag. Die Kollegia über Reichshistorie und Diplomatik bei Will halfen mir eigentlich nur so viel, daß sie mir aus seiner Bibliothek eine Anschauung der Quellen gaben, die ich mit der Zeit selber zu verfolgen hatte. Die Universalhistorie bei Jäger, ohne Standpunkte, beredt, aber eintönig und ohne interessante Rückblicke vorgetragen, war mir eine Lüneburger Heide, auf der ich leider abermals schlief. Ich wollte mir nachhelfen durch Lesung einiger Teile der allgemeinen Welthistorie; aber da kam, daß Gott erbarm! wieder der Schlaf, so daß man glauben möchte, von dem, was ich jetzt weiß, hätte ich das Beste im Schlaf gefunden. Was mir besser zusagte, war Robertsons Geschichte Karls V. Aus Siebenkäs' Vorlesungen über Naturrecht und Rechtsgeschichte machte ich mir vorzüglich seine reichlichen Literaturen zu nutz, daß ich bei dieser Gelegenheit von Zeit zu Zeit noch auf alte Klassiker zurückging, deren beweisende Stellen oder Exempel zur Sprache kamen. Außerdem ließ ich dieses Fach ganz unbearbeitet. Im Griechischen tändelte ich mit einigen späteren griechischen Romanen und mit Procops Geschichte Justinians. Beim französischen Sprachmeister war Voltaire unser Mann, der uns mit seinem Witz, und mich auch in der Art des historischen Vortrags ergötzte. Wir lasen auch die Werke des Philosophen von Sanssouci; aber sie waren mir damals noch zu ernsthaft und zu vornehm, sie hielten's neben den Voltairischen nicht aus. In der englischen Sprache nahm ich bei Professor Jäger Unterricht, und erstaunte, als er gleich in der ersten Stunde mit Lesung eines englischen Schriftstellers den Anfang machte, ohne vorausgegangene mühselige grammatikalische Übung, sondern das Grammatikalische überall an seinem Ort erst einmischend. In vier Wochen war ich nun auf diese Art selbst Meister genug. Die Zeit meines Arrests machten mir Rousseaus Bekenntnisse und Wielands Agathon zum Paradiese, auch lernte ich während desselben schreiben. Meine Herren Vormünder nämlich, die alle Schönschreiber waren, sparten in ihren Briefen niemals die Vorwürfe über meine unfeine und unliebsame Handschrift, die mich seinerzeit wenig empfehlen würde. Zufälligerweise fand ich während meines Arrestes einen schriftlichen, künstlich schön geschriebenen Aufsatz eines meiner Mitstudenten, namens Kalhard, unter meinen mitgenommenen Papieren. Mit gänzlicher Abgezogenheit von allen übrigen Dingen starrte ich diese Schrift länger vielleicht als eine Stunde an, versuchte dann dieselben Züge in Schwingungen mit eigener Feder, und ging, ehe acht Tage verflossen waren, mit einer höchst veredelten Handschrift hervor.

Professor Malblanc, der zu mir, als einem schwäbischen Landsmann, eine besondere Zuneigung hatte, gewann mich, daß ich ihm zu seinem Werke: »Geschichte der peinlichen Halsgerichtsordnung«, davon er mir den größten Teil in die Feder diktierte, auch noch die übrigen Überschreibereien und Korrekturen besorgte; auch das Register dazu ist von mir. Ich lernte dabei wenigstens, wie man geschichtliche Gesichtspunkte auffassen, und in welcher Art man die Quellen benutzen muß. Ein langwährendes Augenübel Herrn Malblancs machte ihm bald meine Hilfe und Gesellschaft noch notwendiger. Ich mußte ihm die Akten aus dem Schöppenstuhl vorlesen, die erforderlichen Bücher zum Nachschlagen hervorsuchen, wo er mich dann immer über meine eigene Ansicht des Rechtsfalles prüfte, die Natur der Klage entwickelte, und mir dann seine Entscheidung in die Feder diktierte: ein Praktizieren, wie ich es nur immer wünschen konnte, und wofür meine Dienste noch dazu mit 4, 5, auch 6 Gulden für jeden Fall belohnt wurden; nicht zu gedenken der kleinen Prozesse, welche mir Herr Malblanc aus seinen Privatkonsulentien auf meine eigene Faust zu besorgen überließ, auf welche Art ich mir in meinem letzten Jahr einen Zuschuß von wenigstens 400 Gulden, und noch dazu bei den Anwälten in Nürnberg den Ruf eines Advokatenzöglings erworben, den ich gerne benutzt hätte, um mein Bleiben in Nürnberg selbst zu finden, wofern mich nicht die Schwierigkeit abgeschreckt, die ein Ausländer, der auch noch dazu seine Subsistenz alsbald gedeckt haben wollte, wahrscheinlich zu erwarten hatte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.