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Aus der bösen alten Zeit

Karl Heinrich von Lang: Aus der bösen alten Zeit - Kapitel 17
Quellenangabe
typebiography
authorKarl Heinrich von Lang
titleAus der bösen alten Zeit
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorViktor Petersen
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
projectid156415a6
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Korruption und Dummheit

Entlassung des Grafen Montgelas. – Der neue Kurs in Baiern. – Langs Pensionierung. – Der neue Graf von Drechsel. – Seine Untat an dem Postbeamten Offner. – Langs Tätigkeit im Ruhestand. – Die Hammelburger Reisen. – Die Fehde mit dem Grafen von Drechsel.

 

König Maximilian war aus dem Faschingslärm von Wien zurückgekehrt, denn damals war die Zeit, wo sich die Kaiser und Könige immer auf Fahrten außerhalb Landes befanden. Des andern Morgens erhielt der Graf Montgelas ein Handschreiben, worin der König ihm anzeigte, daß ihm gewisse Verhältnisse nicht gestatteten, ihn länger in Diensten zu behalten. Dies dem Manne, der des Fürsten treuester Gefährte in Glück und Unglück gewesen, dem Ratgeber, dem er die Rettung und Erhaltung seiner Lande, die eigene Krone auf seinem Haupte zu verdanken hatte, die ihm daher auch zum sprechenden Sinnbild und zum ewigen Gedächtnis in sein Wappen gegeben war.

Nun ging es in den königlichen Vorsälen an ein lärmendes Verteilen und Zerschneiden der alten Löwenhaut. Man rief eilends den Kronprinzen aus Würzburg herbei, dessen alter Haß gegen Montgelas den Triumph noch mehr verherrlichen sollte. Drei Minister wurden jetzt aus dem alten Minister Montgelas herausgeschnitten, Rechberg und Thürheim, als Freunde von Wrede, für das Äußere und Innere, Lerchenfeld, um dem Kronprinzen zu schmeicheln, für die Finanzen. Wie zum Vorspiel des neuen Feuerwerks stiegen überall die Raketen neuer Staatsräte, Generaldirektoren und Präfekten empor. Man hatte aber große Not, dem König die Person des Grafen von Thürheim genehm zu machen, dem man noch als Nebenminister den Herrn von Zehntner an die Seite setzte. In allen Plänen und Entschlüssen, welche der Minister Montgelas bisher aus triftigen Gründen zurückgelegt oder unvollzogen gelassen, wollte man jetzt nichts als sträfliche Absichten, Willkür, Lässigkeit und geflissentliches Unterdrücken alles Guten finden. Längst schon hatte der uralte Kardinal Häfele, als Botschafter am römischen Hofe, den Abschluß eines Konkordats betrieben, schriftlich und noch mehr mündlich, durch seinen Günstling, den geistlichen Rat, Hofkaplan und Münzkabinettsdirektor Streber, beim Minister selbst, der endlich zum Abwechsel manch anderer glücklich versuchter Ausflüchte nun auch diese ergriff: » Mais enfin, wie soll denn so ein Konkordat aussehen; ich wüßte wahrhaftig nicht, wer uns dahier ein solches formen und stilisieren sollte; schreiben Sie doch Ihrem Freund, er möchte mir so ein Muster, verstehen Sie, à peu-près, einen Entwurf in seiner Meinung schicken: et puis, Monsieur, nons verrons; il n'y a pas hâte, en vérité.« – Aber bei den Geistlichen hatte es allerdings Eile, wenigstens bei Herrn Streber, der dem Kardinal Häfele die Berichte über seine Erfolge schleunigst zusendete und einen vorläufigen Entwurf verlangte. Eine solche trockene Schularbeit sagte aber dem Kardinal Häfele in seinen kampanischen Tälern und kitzlichen Meerbädern nicht zu, daher er dem Freund Streber den Auftrag gab, den Entwurf nur selber aus dem Groben heraushauen und dann den Block in das Kabinett des Herrn Ministers hinliefern zu lassen. Solches geschah denn auch. Der Minister schien den Entwurf mit Vergnügen anzunehmen und versprach, sich mit der Sache näher zu beschäftigen. Die ersten Seiten bestimmten ihn aber schon, das ganze auf die Seite zu legen und alle Erinnerungen des Herrn Streber mit höflichen Entschuldigungen und neu aufgefrischten Hoffnungen abzufertigen. So erhielt es, nach jahrelangem Hinhalten, aus den ausgelieferten Papieren der Kronprinz in die Hände gespielt. »Auch dies noch?« hieß es. Man schrieb den abenteuerlichen Konkordatsentwurf in einem der Bajovarischen Gesetze würdigen Latein, man vollzog ihn ohne alles weitere Untersuchen; denn in der herrschenden Meinung konnte alles, was ein Montgelas unterdrücken und verwerfen wollte, nicht anders als groß, erhaben, trefflich, hochdeutsch und heilig sein. Und so war denn in dem ersten Akte dieses Ministeriums Baierns Schmach und Erniedrigung ausgesprochen.

Indessen war zu Ansbach der Unfug, welchen Herr von Dörnberg im Beistand einiger Landrichter mit Abtreibung der armen Bauern von ihren Höfen und wucherischer Erstehung der feilgebotenen Güter trieb, so laut geworden, daß er endlich selbst in München Unwillen erregte, hauptsächlich aus herzlicher Teilnahme an dem Geschrei der Juden, welche in dem Baron einen ihrer gefährlichsten Nebenbuhler erkannten. Als daher zu einiger Warnung und Vorbedeutung der größte Waffenträger und Zutreiber desselben, der Landrichter W. aus dem Rezatkreis entfernt und nach G. versetzt wurde, so verwandelte sich Herr von Dörnberg auf einmal in den heftigsten Feind aller Güterhändel und trug darauf an, daß ein anderer Landrichter, Schulz in Ansbach, in Untersuchung genommen werde, sonst ein tüchtiger und braver Geschäftsmann, der sich aber durch das böse Beispiel nicht frei vom Schwindel des plötzlichen Reichwerdens erhalten, wiewohl auf eigene Faust und ohne Teilnahme an dem freiherrlichen Handel. Das konnte jedoch Herrn von Dörnberg nicht mehr retten, dessen Gunst mehr als durch alles dieses den letzten Stoß noch dadurch erlitten, daß von seiten des Rezatkreises die Hauptstraße nach München nicht über Ellingen, die Residenz des Fürsten Wrede, sondern anderthalb Stunden näher vom Altmühlgrund aus gerade nach Weißenburg gezogen war, wobei Sr. Durchlaucht anheimgestellt blieb, was ihn und seinen Sitz Ellingen betraf, für eine vorschriftsmäßige Vizinal- und Kommunalstraße selbst zu sorgen. Der neue Divan in München beschloß daher, die Provinz Ansbach mit einem andern Pascha zu versorgen, wozu man einen Grafen von Preyssing, Sohn des alten Staatsrates bestimmte, jenen Mann, der bei den Altbaiern als ein Ausbund der Herablassung und Lieblichkeit galt. Er empfing seine Beamten und Untergeordneten meistens noch taumelnd von den Genüssen der späten Nacht im Bett mit den herzlichen Worten: »Grieß di Gott, Sauschwanz! Wie lang bist denn schon hie?« und wenn sich dann der über seine Aufnahme entzückte Landrichter beurlauben wollte, so hieß es: »Ah was! i gi der no en Urlaub, daß der no a frisch Mensch sucha kannst: und en Fetze Rausch mit mir, versteht si, hast du a no z'trinka.« Kaum hatte er aber seine Bestimmung nach Ansbach erfahren, so brach er in Verwünschungen über diese preußischen Fratzengesichter aus, und ob man meine, daß er noch so ein enterisches (abenteuerliches) Deutsch da außen lernen solle. Der alte Vater, gebückt und bebend, drang in das Vorzimmer des Königs, um ihn zu fragen: was denn sein Sohn verbrochen habe, daß er nun ins Ausland verwiesen werden solle? Das Patent wurde also umgeschrieben auf einen andern Schützling der neuen Faktion, von dem ich unverzüglich folgendes Schreiben erhielt: »Ich gebe mir die Ehre, Eurer usw. zu eröffnen, daß Se. Majestät der König mich zum Generalkommissär des Rezatkreises zu ernennen geruhte. Ich gedenke bis übermorgen abzureisen (das heißt: sorg' für Feuerwerk, entgegenkommende Kutschenparade und Empfang von veilchenblauen Blumenkränzen); freue mich usw. usw. und bin Euer usw.«

Aber wer? Der Name war schlechterdings nicht zu lesen, weder von mir, noch von allen den Schreib- und Kunstverständigen, die ich in der Angst meines Herzens zurate zog. Die zahlreichste Leseart war Frugier. Die ganze Stadt war in Alarm; jeder wollte raten, helfen: aber samt und sonders hätten wir eher die Namen aller 12 Apostel und der 72 Jünger Christi herausgeziffert, als diesen.

Mittlerweile war die Frau Generalkommissär von Dörnberg mit fliegenden Haaren, wie eine Medea, nach Ellingen gefahren, zum Fürsten Wrede, um vor ihm den Strom ihrer zornigen Tränen auszuschütten und das bereits ausgebrochene Wetter durch ihre schon so oft erprobten Zaubereien abzuleiten. Se. Durchlaucht erwiderte aber: »Ihr habt es nur allzu wohl verdient um mich, durch die Chaussee, die ihr über Katzenhochstadt habt machen wollen.« – »Katzen – Katzen – hochstadt«, stammelte die Dame in halber Ohnmacht, »ich kenne diesen fürchterlichen Namen gar nicht; wo liegt der schreckliche Ort? – Auf! daß ich diese Finsternis erleuchte und meine Unschuld rette!«

Der Herr Gemahl erwartete seine Gattin, auf dem Kanapee brütend, mit gefalteten Händen. »Alles ist verloren«, rief sie, »Katzenhochstadt, Katzenhochstadt!« Dann rannte sie über die Straßen in die Kanzleien des Schlosses und verlangte von den zum Gehorsam schon längst eingeübten Sekretären und Registratoren die Akten über den Straßenbau durch Ellingen. – Ein neuer Stern im schrecklichsten Sturm. Diese frevelhaften Anträge, durch Abkürzung einer unnötigen Straße den Reisenden und den dienstbaren Untertanen eine ungebührende Last zu ersparen, ein solcher Übermut gegen einen Würdenträger des Reichs war nicht aus dem Herzen des Generalkommissärs, nicht einmal aus seiner zum Unterschreiben allzeit fertigen Hand hervorgegangen, sondern aus der bekannten Bosheit und Hinterlistigkeit des in Abwesenheit des edlen Dörnberg'schen Ehepaares unglückseligerweise eben vikarierenden Kreisdirektors Lang, das ist, meiner Person, welche der regierenden Frau Präsidentin schon so viele Tränen ausgepreßt.

Also noch einmal angespannt und mit sämtlichen Akten in der Schürze den Flug des sausenden Galopps nach Ellingen begonnen. Es war schon Nacht; die Tore der Residenz flogen knarrend auf; wie eine neue geistische Lenore schwebt die Dame durch die Hallen und die Staffeln hinan und stürzt fast atemlos zum fürstlichen Saal herein: »Ich bin unschuldig,« rief sie, »sogar mein Mann ist unschuldig. Der verfluchte Lang!« Darauf geruhten Se. Durchlaucht die dargehaltenen Aktenstücke flüchtig anzuschauen. »Es tut mir leid,« sprachen höchstdieselben huldreichst, »aber es ist zu spät, mein Kind! Dafür soll es aber nun dieser Lang zu genießen haben.«

Das begab sich aber nur allzubald und gleichsam von sich selber. Die neue Ministerialfaktion hatte für alle diejenigen, die nicht als Staatsräte untergesteckt werden konnten (denn auf allen Straßen sah man nichts als Staatsratskompetenten umherrennen), eine neue Sinekure erfunden, genannt Vizepräsidenten bei den Regierungen, ein Mittelding zwischen Präsident und Direktor, die nur dann in Amtstätigkeit kommen sollten, wenn entweder der Präsident oder Direktor den Schnupfen oder sonst eine Verhinderung hatte; man sieht daraus: die allerüberflüssigste, nur hinderliche Stelle, gleichwohl aber mit 4000 Gulden Gehalt umsonst und um nichts bezahlt. Als ein solcher Vizepräsident für Ansbach war bereits der geheime Finanzreferendär von Widder amtlich angekündigt, der wieder in seinem Fach einem Günstling und Vetter des neuen Finanzministers L. platzmachen sollte. Einesteils stachelte es mich schon nicht wenig, daß mir zwischen dem Präsidenten, den ich früherhin als Verweser so oft selbst zu spielen hatte, ein neuer Figurant eingeschoben werden sollte; andernteils war ich über Herrn von Widder persönlich sehr erbittert, weil er einmal an öffentlicher Tafel den Satz aufgestellt, alle Leute, die einmal unter Preußen gedient, hätten dadurch nichts als ein Spitzbubenhandwerk gelernt. Ich erklärte daher alsbald den beiden Ministern Thürheim und Lerchenfeld in besonderen Schreiben, daß ich unter solchen Umständen neben einem Mann, wie Widder, nicht dienen, noch weniger ihn als einen Vormann anerkennen, ja vielmehr im Augenblick, wo er eingeführt werden sollte, ihm öffentlich Rechenschaft und Genugtuung für eine solche, allen alten preußischen Dienern, ja sogar der gesamten ehemals preußischen Provinz Ansbach erwiesene Schmach abfordern würde, und dabei nur bedauern müßte, wie eine höhere Regierung auf eine so unzarte und schmerzliche Weise durch einen solchen rohen Hasser des preußischen Namens die Verhältnisse und Erinnerungen eines ganzen Landes sorglos verletzten müsse. Herr Graf von Thürheim in seiner göttlichen Faulheit antwortete mir gar nicht; Herr von Lerchenfeld aber in Tiraden, die nur zu deutlich blicken ließen, wie erwünscht ihm mein Rückzug aus allen fernern Geschäften sei. Denn bald darauf brach er gegen den Grafen von Pappenheim in die frohlockenden Worte aus: »Lieber Graf! dieses lutherische Nest in Ansbach hab' ich nun ganz auseinandergetrieben,« geriet aber beinahe in Ohnmacht, als der Graf Pappenheim, selbst ein Protestant, auf ihn eindrang mit der Frage, wie er sich unterstehen könne, so etwas ihm zu sagen.

Endlich rollte der Wagen mit dem neuen Herrn Generalkommissär heran; während man eilends nach mir schickte, traten schon die anderen untertänigsten Deputationen vor den Kutschenschlag, um dem Ankommenden zu versichern, wie sehr ihm alle Herzen bereits entgegengeschlagen wegen des hohen Rufes, der seinem erhabenen Namen längst vorausgegangen, nur bäten sie, Se. Herrlichkeit möchten sie jetzt würdigen, ihnen denselben aus seinem eigenen Munde zu nennen, weil er ihrer gespanntesten Neugierde bisher verhüllt geblieben. »Verhüllt?« erwiderten Se. Herrlichkeit. »Ich habe Ihnen ja denselben geschrieben.« – »Allerdings geschrieben,« erwiderten die untertänigsten Empfänger, »aber es hat sich dahier niemand erkühnen wollen, diese hohen Zeichen auszulegen oder in gemeiner Leseweise zu entziffern.« Verdrießlich antworteten Se. Herrlichkeit: »Ich heiße Drechsel.« – »Drechsel? Drechsel?« wiederholten fragend die Stimmen. »Ja freilich Drechsel,« hieß es noch einmal, »der gewesene Generalpostdirektor.« Darauf gebot man dem umstehenden Volke, fröhlich zu sein; besonders freuten sich auch die Postillone und bliesen herzlich: »Nun danket alle Gott.« Es war schon spät: der Nachtwächter tutete auch hinein; in allen Gassen wurde es rebellisch.

Zuletzt, nachdem Herr von Drechsel schon auf seinem Zimmer war, langte auch ich an. Herr von Drechsel empfing mich sehr steif und graziös, wahrscheinlich in der ausstudierten Rolle eines Vorgesetzten, und wollte mich, den er doch früher zu einer Reise nach Triest mit ihm sozusagen genötigt, jetzt beinahe kaum noch kennen. Ich machte wenig Kratzfüße und fragte kurz: »Wo ist Widder? kommt er, oder kommt er nicht?« Verlegen bekannte mir Herr von Drechsel, daß er ihn allerdings ehester Tage erwartete, wurde aber durch meine Erklärung, welche Schritte ich dann zu machen gedächte, so bedenklich, daß er mich bat, diesen Abend allein bei ihm zu bleiben und mit ihm zu speisen, wo ich denn meine Erklärung noch einmal unmittelbar an den König aufsetzen sollte, die er mit seinem Berichte und dringendem Gutachten, den Widder daheim zu behalten, begleiten wollte. So geschah es auch, und wir blieben beisammen bis nach Mitternacht.

In München aber geriet Herr von Widder nach vernommener Lage der Dinge so in Schrecken, daß er ferner um keinen Preis zum Abzug nach Ansbach zu bewegen war, obgleich der über mich äußerst aufgebrachte König darauf bestehen wollte, er sollte wenigstens nur auf 14 Tage sich daselbst sehen lassen, mir zum Trotz. Ich selbst aber wurde unterm 10. April unter Unterschrift des erzürnten Königs »infolge meines eigenen Verlangens unter Bezeigung allerhöchster Zufriedenheit mit meinen geleisteten Diensten und mit allergnädigster Belassung meines bisherigen Gehalts« (4000 Gulden) in den Ruhestand versetzt. Ich hatte meine Entlassung unbedingt und mit Verzicht auf alles weitere Gehalt gefordert. Daraus schloß man (vielleicht nicht unrecht) meine Absicht, entweder in österreichische oder preußische Dienste zu gehen; daher auch diese großmütige Sprache und Behandlung.

Auf Bitte des Herrn von Drechsel führte ich mein Amt noch etliche Wochen fort, bis zur Ankunft meines Nachfolgers und bis er sich selbst noch etwas weiter umgesehen habe. Eines Morgens, als ich endlich den letzten Sitzungstag besuchen, meine übrigen Sachen abgeben und mich vom Rat beurlauben wollte, trat mir auf der Treppe der Kanzleidiener entgegen mit der Frage: was mein Begehren sei? Mit Erstaunen gab ich dem Fragenden einen kurzen Bescheid, erhielt aber darauf die noch schönere Erwiderung: Seine Exzellenz ließen mir sagen, Sie hätten für gut befunden, am heutigen Tage die Sitzung abzustellen, und ich hätte mich überhaupt weiter nicht mehr zu bemühen.

So wurde ich also in jenem Schlosse, in welchem mir das Heiligtum der Archive anvertraut gewesen, wo mich Könige mit Wohlgefallen aufgenommen und in ihre Nähe zugelassen, wo ich mit Ministern und Marschällen verhandelt, wo ich an der Spitze der Geschäfte fast in allen Sälen geboten, auf eine, ich darf wohl sagen, hundsgemeine Art, von einem Lakaien zur Treppe hinuntergewiesen. Leider hat mir Herr von Drechsel durch seine zahllosen Unwürdigkeiten der Gelegenheiten nur allzu viele geboten, ihm auf diesen höhnischen Becher alsbald ganz andere, aber die allerbittersten, zu kredenzen.

Zu meinem Nachfolger als Direktor, jedoch mit dem Titel Vizepräsident, wurde ein quieszierter Staatsrat von Aschaffenburg, vorher Polizeidirektor in Wetzlar, Herr von Mulzer, ernannt, ein schwaches, abgebleichtes, abgeriebenes, abgeknacktes, scheinlebendes und doch aller Lust begieriges, deklamierendes und sich durchaus folgerecht drehendes und wendendes Sonnenblumenmännlein, sonst aber ohne alle Gewandtheit und Kenntnis der näheren Geschäfte, außer etwa im Fach der stillen Berichte. Da er winselte und jammerte, daß die ihm auferlegten doppelten Geschäfte eines Vizepräsidenten (bloßer Titel) und eines Direktors (die ich jahrelang mit Ratspension und in Verwesung des Präsidiums selbst verwaltet) die Kraft eines einzigen Menschen bei weitem übersteige, so wurde bald darauf und aus Furcht, sich durch solche Untüchtigkeit des Präsidiums und Vizepräsidiums allzu arg zu kompromittieren, noch ein neuer Direktor, Herr Oberpolizeirat von Luz aus München, abgeordnet. Auf Geld und Kosten, wo es galt, den Lüsten und Willküren der Ministerien zu genügen, kam es übrigens dabei gar nicht an.

Herr von Drechsel war übrigens ein schaukelndes, hüpfendes, mageres Männlein, mit unmäßiger Eitelkeit und der Sucht, überall seine Glorie zu repräsentieren, gefeiert, besungen, angeblasen, beleuchtet, bedonnert, bekracht zu werden, verschwenderisch aus dummer Eitelkeit, und in seinen gemeinen Lüsten und in andern Stücken nicht minder schmutzig und geizig, ebenfalls aus Dummheit. Überall und in allen Stunden und Orten jagte oder peitschte ihn eine gewisse Befangenheit und Unruhe, die nicht von einem faden, leichtfertigen Gemüt, sondern von irgend einer geheimen Ängstlichkeit und einer tiefern Verletzung des innern Friedens hervorzugehen schienen.

Als nun der junge Graf Preyssing die ihm aufgetragene Nordpolexpedition nach Ansbach mit Schaudern abgelehnt hatte, war es der Generalpostdirektor von Drechsel, der sich mit kindischer Tätigkeit darum bewarb, obschon sein damaliger Posten und Gehalt eigentlich schon höher stand. Aber die Neuheit und Hoffnung, jetzt erst als Vizekönig recht zu glänzen, jagten ihn zu dem unseligen Ziel. Es wurden nun die Stimmen in allen Vorzimmern der Hofdamen, der Kammerdiener und der Kammerfrauen gesammelt. Die neue Faktion setzte allen Anstand beiseite.

Herr von Drechsel hatte früher sich mit den glücklichen Käufern der Klostergüter verbunden und gewann für sein Los die Gebäude und nächsten Umgebungen der Abtei Tegernsee für 25 000 Gulden, die er in wenig Monaten durch die hinweggenommenen Glocken, das abgedeckte Kupferdach, die bleiernen Kanäle, die ausgerissenen Öfen, Herde und Schlösser doppelt wieder erhielt. Beim Abgang des Herrn v. Drechsel, der zuweilen mit seiner Familie in den Ruinen wohnte, regte sich in der Königin der Wunsch, dieses Kloster wegen seiner wahrhaft reizenden Lage an einem großen See und zwischen hohen Alpen für sich zu erwerben, und es nach ihrem Geschmack und auf eine würdige Weise für ihren Sommeraufenthalt einzurichten. Drechsel bestand aber auf dem ungeheuern Preis von 90 000 Gulden. Der König, in Unmut über diese Forderung nach dem Verhältnis des ersten Erwerbs und der erfolgten Zerstörung, sprach gleichwohl: »In Gottes Namen, der ...kerl soll sie haben.« Nun wurde zwar das Geld mit hastiger Freude in Empfang genommen, aber über die Zugabe des Beiwortes schien man zerknirscht zu sein. Ein Unterhändler, der Staatsratssekretär von K., sollte ein Pflaster von heilenden Worten ablocken. Das nahm der König noch übler. »Was will er denn, der ...kerl?« Als nun Herr von K. demütigst vorstellte, daß sich Herr von Drechsel hinlänglich aufgerichtet und getröstet fände, wenn ihn nur ein zweites Wort Sr. Majestät zum Grafen erhöbe, so meinte man, wenn es weiter nichts sei, das solle er haben, und mit dem Posthorn im Wappen dazu; wobei nur die passende Unterschrift fehlte: »Heute so! morgen so!«

Auf den Namen des neuen Herrn Grafen von Drechsel blieben aber demohnerachtet zwei arge Dinge haften: das eine, daß unter ihm ein Postexpeditor in Tirol ganz verschwunden war; das andere, daß er einen anderen Postoffizianten eigenmächtig in ein Burgverließ geworfen, um ihn darin umkommen zu lassen.

Als urkundlich und aktenmäßig kann ich den zweiten Fall bestätigen. Nachdem man dem Bischof von Brixen auf die Spur geraten, daß durch ihn alle Mitteilungen aus dem benachbarten Österreich nach Tirol und an die Häupter des Aufstandes (1809) in einem ganz regelmäßigen Laufe gespielt wurden, so erhielt ein Postoffiziant aus Kempten, namens Offner, den Auftrag, nach genommenem Unterricht im heimlichen Öffnen von Briefen sich nach Brixen zum Postamt zu begeben und dort die Korrespondenz des Bischofs in ein schärferes Auge zu fassen. Vergeblich suchte Graf Drechsel den Offizianten Offner mit guten und bösen Worten abzuhalten, nicht nach Brixen, wenigstens nicht so eilig abzugehen; und so kam es denn, daß Offner, ehe es Herr von Drechsel durch seine Winke abzuändern vermochte, in den Depeschen des Bischofs die vertraulichsten Mitteilungen und Danksagungen für die guten Hilfsleistungen des Herrn von Drechsel, selbst mit großmütig beigelegten Kleinodien, vorfand. Eilig verfügte sich Herr Offner damit zum Oberpostmeister Lippe, dieser aber nach München, um alles unmittelbar vor die Augen zu legen. Graf Montgelas, von Natur in solchen Dingen bedächtig, um so mehr, als darunter noch bedeutendere Personen verwickelt waren, beschränkte sich vorderhand darauf, dem Grafen Drechsel die Einsicht aller geheimen Postberichte abzunehmen, und hierzu bei dem Oberpostamt in München einen eigenen Sekretär des Ministerialbureaus abzuordnen, unter dem Vorwande, daß demselben alle und jede Briefe, um zu beurteilen, ob sie nach dem wahren Posttarif frankiert seien, vorgelegt werden müßten. Unterdessen trat die Versöhnung und neue Verbindung mit Österreich ein, und der Besuch des österreichischen Kaisers selbst. Vereint stürmten Herr von W. und mit ihm Drechsel auf den König ein: »das werde jetzt eine saubere Geschichte geben; der Bischof von Brixen verlange Satisfaktion, der Kaiser habe es selbst übernommen, sie in München auf eine eklatante Art auszuwirken und diesen Hauptspitzbuben Offner sich persönlich ausliefern zu lassen.« Womit sie dann die hinterlistigen, feigherzigen Anträge verbanden, man sollte dem Kaiser, um seinen erschrecklichen Zorn und Ungnade abzulenken, erwidern, Offner sei bereits abgestraft und befinde sich dato auf der Festung Rothenberg, zu welchem Ende man demselben eingeben könne, er solle sich während der Anwesenheit des Kaisers freiwillig und zu seiner eigenen Sicherheit dahin begeben. Zur Beruhigung des Königs ließ sich der Minister Montgelas diesen Schleichweg gefallen und glaubte Herrn Offner schon auf der freiwilligen Fahrt und Bergung in Rothenberg, als Herr von Drechsel dem Minister ein neues Gutachten vorlegte, auf zwei Bogen flüchtig hingekratzt; wovon der erste Bogen den Antrag machte, Herrn Offner wegen anderer Beschuldigungen vom Amte zu entheben und ihm sofort in Rothenberg selbst den Kriminalprozeß machen zu lassen, oder – damit fing der zweite Bogen an – diesen Offner vorderhand lediglich in Ruhestand zu setzen. Der Minister schrieb mit eigener Hand hinzu: »Genehmigt nach dem Schlußantrag,« worauf aber Herr v. Drechsel diesen zweiten Bogen und Antrag von den Akten nahm, so daß es nun scheinen sollte, als bezöge sich dieser genehmigte Schlußantrag auf die Arretierung und kriminalistische Untersuchung des Offner. Ohne weiteres beredete nun Drechsel boshafterweise den Offner, sich angesichts dieses nach Nürnberg zu begeben, wo er seine neue Anstellung erfahren sollte. Angekommen daselbst wurde er in Fesseln gelegt und unter dem Vorwand, daß er ein staatsgefährlicher Mensch sei, auf die Festung Rothenberg geliefert, mit einer beigefügten militärischen Ordre an den Kommandanten, deren Ursprung leicht zu erraten ist, den Gefangenen als den größten Staatsverbrecher zu behandeln und ihm alle und jede Kommunikation abzuschneiden.

Der Kaiser war längst wieder abgegangen; die Mutter und die Tochter des Gefangenen, die lange gar nicht wußten, wohin ihr Ernährer gekommen, warfen sich dem Minister zu Füßen, der erstaunt erwiderte: »Lieben Kinder, ich verstehe ja gar nicht, was ihr von Gefangenschaft sprecht. Eurem Vater ist zu seiner Sicherheit geraten worden, sich eine kurze Zeit freiwillig auf den Rothenberg zu begeben, aber nicht als Gefangener. Seid ihr doch wunderliche Leute, ob ihr mit ihm sein Gehalt hier oder dort verzehrt. Aber ich will für seine Wiederanstellung sorgen.« Wirklich erließ er auch eine Note an die Postsektion, daß Offner bei der ersten Gelegenheit zur Wiederanstellung empfohlen werden sollte. Aber Herr Drechsel, gewiß, sein Opfer in den Klauen zu haben, schwieg, bis denn Offner in der Verzweiflung einen Sprung in den Festungsgraben machte, wodurch er Beine und Rippen zerbrach. Das Aufsehen, welches dieses Ereignis verursachte, die Teilnahme der Ärzte, der Auditeure, und der Abschied des Herrn von Drechsel aus dem Postdepartement, wo er seine verbrecherische Gewalttat nicht länger mehr verbergen konnte, bewirkte endlich, daß man mit Offner, nach einer beinahe fünfjährigen Gefangenschaft, ohne alles rechtliche Verfahren, bei der mißlungenen Hoffnung, daß er darin umkommen solle, eine Kapitulation eröffnete, mittels welcher Offner durch den Drechselschen Parteimann und Advokaten Decker nach Nürnberg gebracht wurde, wo er auf Anordnung des Gerichtsvorstandes, Herr von L., als die einzige Bedingung seiner Freiheit einen fürchterlichen Eid schwören mußte, daß er nirgend und niemals über die ihm widerfahrene Behandlung eine Klage erheben oder eine Hilfe des Rechts suchen, sich unter Polizeiaufsicht nach Ingolstadt begeben, dagegen aber sein rückständiges und ferner laufendes Gehalt behalten solle. Dieser nichtige und, was ganz abscheulich ist, von einem Richter selbst abgenötigte Eid hinderte jedoch Herrn Offner nicht, seine Akten und sein Recht an einen Dritten, den trefflichen Advokaten von Ehrne in München, den allgemeinen Anwalt bei solchen Despotenstreichen, abzugeben, welches dann in Kürze zur Folge hatte, daß Offner sein Gehalt fortwährend und ohne Ruhestandsabzug erhielt, daß dieses volle Gehalt auch auf seine Witwe und Tochter überschrieben und ihm dann noch zur Genugtuung 28 000 Gulden bar ausbezahlt wurden. Dieses schreckliche Verfahren ist, von Herrn von Drechsel unwiderlegt, im Rheinischen Merkur 1817 November 624, in der Isis 1818, Heft 9, in den konfiszierten Beiträgen zur Kenntnis der Staatsverfassung der königlichen preußischen und baierischen Staaten, Frankfurt und Leipzig 1819, von Schulz, 1. Heft, aktenmäßig der Welt vorgelegt worden. Ich habe noch mehr gelesen: die Manualakten des Herrn von Ehrne und die beim Staatsrat eingereichte, aber auf ewig unterdrückte Species facti. Die Ständeversammlung von 1819 hat darüber geschwiegen.

* * *

Nachdem ich auf die Art, wie vorgemeldet, den elenden Mückentanz eines erbärmlichen Geschäftslebens unter dem schnödesten Undank beschlossen, wendete ich meine reichlich überflüssige Zeit ausschließend den Wissenschaften und der Landwirtschaft zu, wovon sich beiderseits in kurzer Zeit mehr süße Früchte ergaben, als von all dem vorigen aberwitzigen Kanzleigeschreibsel. Ich lieferte für die Encyklopädie der Herren Ersch und Gruber in Halle den historischen Artikel Ansbach und Baireuth, welcher, von seinen ganz abscheulichen Druckfehlern gereinigt (das fehlerhafte und nachlässige Drucken gehört zum wahren Schmutz der sich doch immer so reichlich selbst lobenden Deutschen) und besonders abgedruckt, ein passendes Kompendium der ansbach-baireuther ältern Geschichte abgeben dürfte. Das nächste war die Ausarbeitung meiner baierischen Jesuitengeschichte aus den im zurückgelassenen Jesuitenarchiv zu München gesammelten reichhaltigen Daten, wobei ich wohl ziemlich unparteiisch zu Werke gegangen bin und besonders darauf aufmerksam gemacht habe, wie sehr viel der Jesuitismus selbst von den Hauptansichten der Reformation in sein Institut aufgenommen und wie er eben dadurch seinen Zeitgenossen wenigstens als ein Minimum des Protestantismus willkommen gewesen. Auch halte ich es für einen Hauptvorzug meines Werkes, daß darin die eigentliche Verfassung des Ordens, da seine Institutionen dem Wort nach oft schwer zu verstehen sind, aus den Geschäftsverhandlungen des Archivs erst ihre wahre Anwendung und Deutung gefunden hat; worauf man aber bisher wenig geachtet, wie es in Deutschland gewöhnlich ist, wo immer ein mittelmäßiges, die alten Irrtümer wiederkäuendes Werk auf das andere folgt, ohne die älteren Berichtigungen und Kritiken zu benutzen. In solchem wüstem Heckenunkraut zeichnen sich besonders unsere Journale aus. Der Herr Minister von Montgelas schrieb mir hierüber: »Ihrer Geschichte der Jesuiten verdanke ich einige angenehme Stunden. Die Schilderung des Ordens selbst, der innerlichen Einrichtung, des wahren Zweckes derselben ist mit einer seltenen Unparteilichkeit und Umsicht entworfen, der Charakter Max des Ersten trefflich und besser als noch irgendwo dargestellt. Man verweilt gern bei den naiven Geständnissen der Väter in ihrer Unterredung mit den großen Gästen.«

Mein Werk tat übrigens anderwärts keiner Partei genug, weder den protestantischen Phantasten, die lauter Geschichten von Mord und Verrat erwarteten, noch den katholischen Zeloten, welche jesuitischer sind, als die Jesuiten selbst.

Währenddessen trat durch die regnerischen Mißjahre von 1816 und 1817 eine große Teuerung ein, welche durch die unverständigen, schwankenden und Schrecken erregenden Maßregeln der baierischen Regierung wo nicht hervorgerufen, doch über alle Maßen gesteigert und verschlimmert wurde. Wenigstens hat das Württemberger Land bei einer ruhigeren Haltung seiner Regierung das Übel nicht auf der Hälfte dieses Grades gesehen. Aber da erfolgte in Baiern fast jeden Tag ein neues Getreidegesetz, eines immer das andere aufhebend, und durch Visitationen machte man lächerliche Versuche von Fixierungen des Preises, wucherische Spekulationen mit den eigenen Vorräten, es bildeten sich Judenkommissionen, Zwangsmärkte, und dann erschienen wieder Handelsverbote, immer eine Abenteuerlichkeit auf die andere. Das ganze reduzierte sich endlich darauf, die gute Stadt München mit Getreide zu versorgen, wozu man zuletzt die Magazine der einzelnen Gemeinden in den Klüften des Fichtelgebirges in Anspruch nahm, und den dortigen Einwohnern es überließ, für sich selbst heilsame Wurzeln aufzusuchen. Ich kam meinesteils den Leuten zu Hilfe, so gut ich konnte, nicht mit gutem Rat, für den keine Ohren da waren, sondern mit der Tat, indem ich nach und nach an die Bedürftigen über 2000 Gulden bar verteilte, dann noch 45 Klafter Holz unentgeltlich, einige Hundert Säcke Kartoffel um ganz geringen Preis, und dann noch an 116 Familien 175 achtpfündige Laibe Brot, zu sechs Kreuzer, jeden, wöchentlich. Ich kann zufrieden sein, daß ich darüber meine stillen Quittungen erhalten habe. Einem großen Kapitalisten und Pensionär, der seinerseits der Stadt 1000 Gulden zu fünf Prozent vorgestreckt, wurde dafür als einem edlen Menschenfreunde im Intelligenzblatt öffentlich Dank gesagt; ebenso, als ich bei einem andern Bedürfnisse 50 Gulden gab und ein anderer 14 Gulden, ergingen an den letztem abermals kriechende öffentliche Danksagungen, als den allbekannten, immer tätigen Menschenfreund und Vierzehn-Gulden-Spender. Ich blieb aber in meinem Wirken nicht stehen, sondern da ich schon längst den Wunsch gehegt, einen ganz wüsten Bezirk, eine kleine halbe Stunde vor der Stadt, zu kultivieren, so brauchte ich diese Gelegenheit, mit einer Anzahl von 30 Menschen, die begierig nach diesem Broterwerb griffen, ans Werk zu gehen, umgraben, umwühlen, ebnen, einzäunen, bepflanzen, mit Brunnen und fahrbaren Wegen versehen und endlich meine eigene stattliche Wohnung mitten darin aufbauen zu lassen, die ich in bezug auf meinen Rückzug aus dem Geschäftsleben den »Heimweg« nannte. Alles dieses hat mir in seiner Art ein ungeheures Geld gekostet, wenigstens so viel, daß ich mir ein mittelmäßiges Rittergut dafür hätte erwerben können. Indessen lohnen mir jetzt die Bäume, die Blumen, jedes Gräschen der kahlen Erde, das nur mir sein Aufkommen zu verdanken hat, ein gesundes und fröhliches Alter, das mir, wie ich allgemein erkenne, herzlich gegönnt wird, und die Gewißheit eines langen Angedenkens, welches sich durch eine gleichsam vor allen Augen hingezauberte Ansiedelung zuerst in der Überlieferung der Enkel bewahren und nur allmählich in Bildern und Sagen verschwinden wird.

Um mich wenigstens zeitweise den unerquicklichen Zuständen des mit der neuen sogenannten Konstitution beglückten baierischen Vaterlandes zu entziehen, machte ich zahlreiche Ausflüge in die Nähe und Ferne, meist zu Fuß, mit meinem Ränzlein auf dem Rücken; reiste nach Göttingen, Halle, Dresden (1817); nach Würzburg und Schweinfurt zur Weinlese (1818), an welchem ersten Ort sie aber sehr verschlossen und freudenleer von Statten geht, über Amberg in den sogenannten baierischen Wald, auf die Spitze seines höchsten Berges, des Arbers, und sodann über Deggendorf, Straubing und Kehlheim wieder zurück (1819). Auf der ersten dieser Fahrten im Heimweg über das freundliche Hammelburg sah ich die närrischen Zollanstalten des damaligen Generalkommissärs in Würzburg, der das Land wie eine Insel regieren und alle halbe Stunden mitten in Baiern Zoll aus dem Land und ins Land abfordern und fast für jedes Mauseloch Pässe visieren wollte; dann reizten mich die theatralischen Aufzüge, womit aller Enden die baierischen Beamten empfangen, bejubelt und besungen werden wollten, so daß man gar nicht mehr ruhig seine Straße wandeln konnte, und die überall getroffenen Anstalten zu einer recht ungeschickten Reformationsfeier, welche nichts als Samen der Zwietracht unter die beiderseitigen Bonzen und Zeloten ausgestreut, endlich auch der Mißmut über den damals aus den Pfützen emporgestiegenen erbärmlichen Jesuitenschulplan, und so ergriff mich der erste Gedanke einer Beschreibung der dieses alles durchgeißelnden »Hammelburger Reise«, die ich auch größtenteils auf dem Wege von Hammelburg bis Ochsenfurt, nicht selten unter eigenem lautem Lachen, zustande brachte, sodaß mir manchmal Vorübergehende, die ich nicht gleich bemerkte, lange noch nachschauten. Ich hatte aber mit diesem Spazierroman, als ich ihn bald darauf drucken ließ, auch den Sinn und die Lachlust der andern so gut getroffen, daß ich neben zwei Nachdrucken, die meine Schrift erdulden mußte, doch in wenigen Wochen 8000 Exemplare absetzte. Die Buchhändler innerhalb des Landes fürchteten Anfechtung, unterrichteten mich aber, wie ich's mit dem Selbstverlag anzufangen hätte, der mir denn in acht aufeinanderfolgenden Fahrten manchen goldenen Hasen in die Küche gejagt; sodaß, wenn ich mich drei Tage hinsetzte und eine Hammelburger Fahrt komponierte, ich mir damit so viel verdiente, als ein Landgerichtsassessor das ganze Jahr hindurch, auch mehr, als für meine hochgelehrtesten und gründlichsten historischen Opera, worauf ich viel Schweiß verwendet und doch noch mein eigenes Geld dabei verlor. Das Publikum ist jetzt ein großer Herr geworden, es will nur Vergnügungen und zahlt nur für Vergnügen; wirklichen Fleiß und Mühe kann es gar nicht ansehen, ohne die Seekrankheit davon zu kriegen. In den Salons betitelte man meinen Roman anfangs: » Dummes Zeug«. Se. Durchlaucht der Herr Fürst von Wrede überraschte seinen Kammerdiener im Vorzimmer und schalt ihn aus, daß er so dummes Zeug lese, riß es ihm aber aus der Hand und las es in seinem Kabinett, ohne sich stören zu lassen, von Anfang bis zu Ende selbst durch. Auch Se. Majestät urteilten: »Es ist wahr, es ist lauter dummes Zeug, aber lachen muß man doch darüber!« Auf diesen Grund hin, weil der König selber darüber gelacht und weiter lachen wollte, konnte man dem Werke nichts anhaben. Die Herren Polizeiagenten gehörten überall zu meinen besten Kunden, sie kauften überall, wo eine neue Fahrt erschien, dieselbe am ersten und sendeten sie ein, um ein Verbot zu erwirken; aber vergeblich; auch wußte ich mir durch eine gewisse Umsicht, durch bloßes sanftes Berühren, Necken, schnelles Abspringen auf ganz andere Dinge und ein gerechtes Austeilen auf jede Seite, überhaupt dadurch, daß ich nie zornig, sondern nur spaßend und lustig schien, den Rücken freizuhalten. Durch diesen Stoff des Lachens habe ich unleugbar viel gewirkt und mehr abgestellt, als andere vorher mit den ernstlichsten Gegenvorstellungen; in wenigen Wochen waren die lächerlichen Würzburger Landessperren abgetan; der feste eigensinnige Entschluß, den veralteten, höchst feudalistischen Codex juris civilis Maximiliani mit den Kreitmayerschen Anmerkungen als allgemeines baierisches Gesetzbuch einzuführen, ist zuverlässig nur durch die Erzählung, wie ich mich als Oberschreiber des Herrn von Affenthal aus diesem Kodex habe müssen examinieren lassen und was ich daraus für tolles Zeug, aber meist mit den eigenen Worten des Kodex oder der Anmerkungen, geantwortet, abgewiesen und zurückgeschoben worden. Ich bildete mich gleichsam zu einer Instanz, an welche man von allen Orten her törichte Vorfälle und Verfügungen einsendete, mit dem Ansinnen, sie in der Hammelburger Reise anzubringen. Die Drohung, so etwas müsse nächstens in der Hammelburger Reise vorkommen, wurde ein ernstlicher Schreck.

Ganz unerwartet aber wurde ich in meinem stillen, beschaulichen Leben aufgeschreckt durch eine große Fehde, die sich zwischen mir und dem Generalkommissär von Drechsel entspann, aus der ich am Ende siegreich, er aber beschimpft auf ewig herausging. Dieser Herr, der es für eine leichte und dabei für ihn glorreiche Sache hielt, mich auf dieselbe gewissenlose und rachsüchtige Weise zu vernichten, wie den Landrichter Schulz, dessen ich mich in Ansbach aus Gefühl des Rechts ganz allein angenommen, erließ im Jahre 1818 an den Polizeidirektor Wurm in Nürnberg, wo ich mich sehr häufig aufhielt, folgende interessante Befehle:

Ansbach, 24. Februar 1818.

»Ich beauftrage Sie hiermit, den ehemaligen Direktor Lang streng, doch geheim sürveillieren zu lassen, da dem Staat ein Benehmen der Art, wie sich der Mann erlaubt, nicht gleichgültig sein kann. Ich mache Sie persönlich und streng verantwortlich und fordere amtlichen Bericht auch darüber, in welchem Umgange er steht. Ein vertrautes Polizeiindividuum soll ihn im geheim beobachten und besonders seine Äußerungen an öffentlichen Orten, bei Tisch usw. genau aufnehmen. Die Kosten hierfür werden sogleich bezahlt werden. Ich wiederhole noch einmal, daß Sie mir persönlich dafür haften.«

Ansbach, 13. April.

»Dem Ihnen erteilten Auftrag gemäß hätte ich erwarten sollen, daß der Herr Polizeidirektor bei der seit drei Tagen andauernden Anwesenheit des ehemaligen Direktor Lang Bericht über dessen Benehmen und Äußerungen mir erstattet haben würde. Ich vermisse sehr ungern, daß erteilten Befehlen der gebührende Vollzug nicht gegeben wird.« (Kauderwelsches Schergendeutsch.)«

Ein drittes Schreiben ohne Datum schloß mit den Worten: »Da gegenwärtig der Mann sich in Nürnberg befindet, so erwarte ich der Abrede gemäß Bericht hierüber.«

Es war im Sommer des Jahres 1818, als der Polizeidirektor persönlich in mein Zimmer, im Gasthof zum roten Roß, eintrat und mir in einer Art von Verzweiflung und Zorn diese ehrlosen Briefe im Original vorzeigte, und dann, ohne mich selbst zur Äußerung meines Erstaunens kommen zu lassen, in die Worte ausbrach: »Ich kann, ich darf Ihnen diese schändliche Sache nicht verhalten. Unmöglich ist es, auch noch dieses zu ertragen, einen Mann Ihres Verdienstes um Baiern, um den Rezatkreis, um mich, der ich Ihnen meine ganze Verehrung gewidmet habe, und dem ich zu verschiedenen Malen meine amtliche Existenz verdanke, auf eine solche Art, als einen Malversanten, als eine gefährliche Kanaille behandelt zu sehen. Vergebens habe ich dem Grafen geschrieben, daß Ihre freisinnigen Äußerungen, die Sie binnen acht Tagen in Nürnberg fallen lassen, nicht der zehnte Teil dessen sind, was Sie ehemals in München und jetzt in Ansbach tagtäglich zu sagen den Mut hätten. Jetzt wissen Sie alles. Tun Sie, was Sie wollen.«

Allerdings war ich im ersten Augenblicke selbst nicht schlüssig, wie ich die Sache angreifen sollte; ich neigte mich eigentlich dahin, durch Vergleichung dieser Briefe mit dem leeren Worte der Konstitution und der öffentlichen Behauptung des Ministers Grafen von Thürheim: »daß es keine geheime Polizei in Baiern gebe,« die Geißel in öffentlichen Schriften zu schwingen. Nachdem ich aber vermerkte, daß auch meine Briefe erbrochen und sogar Auflauerer unter die Fenster des Gasthauses bestellt waren, wo ich abends speiste, der Polizeidirektor Wurm aber, der nun auch in seiner eigenen Person von Drechsel nicht minder verletzt worden war, noch zu ganz anderen und ernsthafteren Schritten und Beschwerden, sozusagen praescriptis verbis, zu drängen suchte, so belangte ich unterm 11. April 1819 den Grafen von Drechsel beim Ministerium wegen Beraubung meiner bürgerlichen Freiheit, Mißbrauch der Amtsgewalt und betrügerischer Verleumdung, mit Berufung auf die Gesetzesstellen, welche darauf Degradation und Dienstentlassung, in Verbindung mit dreijähriger Arbeitshausstrafe, setzten – und verlangte, daß hierüber das gerichtliche Kriminalverfahren eröffnet werde. Zugleich reichte ich Abschrift bei der Ständeversammlung ein, wo die Anklage acht Tage lang im Sekretariatszimmer von jedermann zu lesen war und auch gelesen wurde.

Nicht, daß ich von der Mattigkeit des damaligen Ministeriums oder der gänzlichen Nichtigkeit der Ständeversammlung einen sieghaften Erfolg erwarten sollte, sondern um in dieser Art der Öffentlichkeit meine Genugtuung viel gewisser gleich selbst zum voraus hinwegzunehmen und den schwachen Drechsel vor aller Welt verbluten zu lassen, bequemte ich mich zu diesem Schritte. Die Furien der Scham und einer kraftlosen Rache, besonders da jetzt diese Anklagen und der Offnersche Justizmord überall vollständig in den öffentlichen Blättern erschienen, geißelten den vornehmen Herrn Tag und Nacht. Das Ministerium in seiner Unschlüssigkeit, obgleich von beiden Seiten bestürmt, ließ die schlimme Sache über ein halbes Jahr lang liegen; endlich fand sich ein ebenso stumpfsinniger als stumpfgliedriger, plumper Staatsrat, der in seinem Lakaiensinn einen Beschluß dahin zum Vortrag brachte: Ich hätte mich nicht zu beschweren; durch dieses Aufpassen, Fensterhorchen, Brieferbrechen wäre meiner persönlichen Freiheit nicht die mindeste Beschränkung geschehen, noch ich dadurch eines Vergehens oder Verbrechens bezüchtigt worden; diese Aufträge seien schon längst wieder erloschen und mir überhaupt auf eine unrechtmäßige Art bekannt geworden. Meine Klage sei also grundlos und würde mit der gerechtesten Indignation hiermit zurückgewiesen. (München, den 30. September 1819.) – Weit grimmiger lautete aber die geheime Entschließung an die Regierung selbst, nach welcher ich unter aller möglichen Kumulation in gerichtlichen Anklagestand gestellt werden sollte, namentlich wegen schwerer Beleidigung des Regierungsvorstandes und dann wegen Verleumdung. Diese Entscheidung wurde im Plenum der beiden Regierungskammern verkündet, vom armen Drechsel Glückwünsche darüber angenommen und dann mit den getreuen fiskalischen Oberknechten Beratschlagung gehalten, wie ich zuerst gespießt, dann gefangen, dann gebraten, dann gesotten werden sollte.

Nichts wurde jetzt verfehlt, um die Herzen der Richter weich und mitfühlend zu erhalten. Täglich wurde die magere Präsidialsuppe an sie im Turnus verteilt; man ließ die Frauen und Kinder bitten, und verschenkte an diese Lebkuchen, Puppen, Hanswurste und Gliedermänner; der Direktor des Kreisgerichts selbst wurde auf die Weinlese nach Würzburg mitgenommen. Allein die Kraft der Wahrheit und die Scheu mir unrecht zu tun, behielt so sehr die Oberhand, daß weder das Gericht der ersten, noch der zweiten Instanz sich zur Erkenntnis einer Untersuchung gegen mich verstehen wollte. Es fehle an einem Tatbestande, worüber man gerichtlich verfahren könne. Ich hätte Privatbriefe des Grafen Drechsel vorgelegt, deren Echtheit dieser nicht leugnen und sie sowohl der Sache als der Form nach als Amtshandlungen nicht geltend machen könne. Das Ministerium hätte meine darauf gestellte Klage bereits abgewiesen. Ein rechtlicher Grund, darauf weiter zu inquirieren, sei also nicht vorhanden, und würde daher alle bisher darüber gepflogene Generaluntersuchung definitiv aufgehoben und die Kosten niedergeschlagen.

Da war der Jammer groß in Israel. Der Kronfiskal mußte appellieren ans Oberappellationsgericht; zugleich betrieb der Herr Graf eine schleunige Umänderung der zu meinem Vorteile sprechenden Gesetze mit dem ausdrücklichen Beisatze, daß dieselben sogleich rückwirkend gegen mich angewendet werden sollten. »Es handelt sich jetzt um die eigene Ehre und Machtvollkommenheit Eurer Majestät,« hieß es in dem Antrage; wenn Sie erkennten, daß das neue Gesetz nur geschwind und einzig und allein gegen den Lang gelten, dann aber alsbald wieder kassiert werden sollte, so würde niemand darwider etwas einzureden haben, und mit dem Lang allein, wenn er sich länger moquieren wollte, schon ans Ziel zu kommen sein, – vermutlich à la Offner. Nichts wurde versäumt, Rekurse an den Justizminister von Reigersberg, der jeden Augenblick die Gerichtsakten abforderte und wieder mit den übellaunigsten Noten zurückgehen ließ, daß diese Sache so gar nicht nach Contento gehen wollte. So wurde die Sache über drei Jahre lang getrieben, endlich gar eine Wiederaufnahme von oben her verlangt, abermals vergeblich, weil Untersuchungen, die einmal definitiv aufgehoben worden, selbst wenn sich neue Beweise fänden, in einer und eben derselben Sache nicht mehr erneuert werden dürfen.

Nach allen diesen verfehlten Streichen wurde ein gemeinschaftlicher Kongreß der Generalkommissäre von Ansbach, Würzburg, Regensburg zu Neumarkt veranlaßt (der auch eingeladene Baron von Welden blieb aus, weil er sich nicht verpflichtet hielt, dem Drechsel seine schmutzige Wäsche auszuwaschen). Hier wurde vereinigt aufs neue beim Könige der Antrag zu Gewaltmaßregeln gemacht, weil sonst von Generalkommissären, die sich straflos solchen Beschimpfungen ausgesetzt sehen müssen, ihr Amt nicht mehr mit Freude und Liebe gehandhabt werden könnte. Vergeblich, die Zeiten hatten sich geändert, und dieser in der öffentlichen Meinung gebrandmarkte Drechsel fing bereits an, alle Tage tiefer zu sinken.

Man möchte wunder meinen, wie und auf was für eine Art ich mich über die baierische Regierung geäußert, daß man endlich solche Maximen gegen mich in Bewegung gesetzt. Es betraf aber meistens nur die sinnlosen Anstalten zur Zeit der großen Teuerung, wobei ich, der ich der Armut einige Tausende dabei geopfert, um so weniger für nötig fand, mein Urteil zu verbergen, und dann, weil ich mich der unglücklichen Familie des so rechtswidrig und tyrannisch behandelten Landrichters Schulz von Ansbach angenommen. Er ist tot und seinem Schicksale unterlegen. Jenem Manne sind Hunderttausende von angeblichen Unterschleifen aufgebürdet worden, die sich alle bis auf einen einzigen bloß in der Bescheinigung mangelhaften Posten von 12 000 Gulden als stupide oder boshafte Verleumdung erwiesen. Inzwischen haben dem Staate, der diesem Gespenste nachgelaufen, die Irrlichter der zahllosen Untersuchungskommissionen über 50 000 Gulden gekostet. Die Sache ist dermalen (1830) noch nicht aus, und wird wohl auch, indem wenig Ehre dabei zu ernten, nie mehr ausgehen, nach den eigenen Äußerungen des damals schon abgetretenen Ministers von Montgelas gegen den bei ihm als Reichsrat um seine Hilfe werbenden Schulz: »In Baiern versteht man es durchaus nicht, mit solchen Dingen ein Ende zu finden. Ich weiß mehr als 200 Familien, die auf diese Art hilflos untergegangen sind.«

Im Jahre 1819 wurde ich als außerordentliches korrespondierendes Ehrenmitglied der Frankfurter Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde aufgenommen. Der Anteil, den ich seit der Zeit an den Angelegenheiten der Gesellschaft nahm, beschränkte sich hauptsächlich darauf, daß ich ihr noch ein und das andere nützliche Mitglied vorschlug, manche Anfragen und Aufgaben in ihrer Zeitschrift (Archiv der Gesellschaft) zu lösen suchte, besonders aber mich den gar zu sehr auseinanderfahrenden und ins Weite spielenden Plänen widersetzte, womit man sogar Gedichte und Ritterromane, z. B. den Waltharius und alle und jede Urkunde der sämtlichen Kaiser drucken lassen wollte, wozu wohl 200 Foliobände nicht hingereicht hätten. Inzwischen hat sich dieses Feuer nur allzubald abgekühlt; das Archiv hat ganz aufgehört: von den Monumenten sind wir wenigstens so glücklich gewesen, bis jetzt einen Band zu erlangen, aber allerdings einen sehr vorzüglichen und guten durch Pertz. Alles übrige scheint mit Mann und Maus eingeschlafen zu sein. Die Hauptursache war wohl der Abfall der für das gar zu kostbar angefangene Institut beitragenden Mitglieder. Der Deutsche fängt alles gleich gar zu weitläufig und immer mit Posaunen an; außerdem soll aber der großherzige Stifter, der Minister von Stein, selbst der Anstalt am meisten geschadet haben durch das ihm zur Gewohnheit gewordene ministerielle Vielregieren und bureaumäßige Entscheiden aus dem Stegreif, wodurch der republikanische Geist einer solchen Gesellschaft auseinander gefahren. Es hat dem Herrn von Stein der rechte Ratgeber, Sprecher und technische Leiter gefehlt, oder er hat nicht folgen wollen. Ein bloßer Geschichtsminister tut's nicht.

 

Ende.

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