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Aus der bösen alten Zeit

Karl Heinrich von Lang: Aus der bösen alten Zeit - Kapitel 14
Quellenangabe
typebiography
authorKarl Heinrich von Lang
titleAus der bösen alten Zeit
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorViktor Petersen
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
projectid156415a6
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Kabalen

Präsident Graf Lerchenfeld. – Seine Unfähigkeit im Amte. – Die rückständigen bairischen Geschäftsmethoden. – Graf Thürheims Eifersucht auf Lang. – Dieser lehnt eine Ernennung als erster Archivar in München ab und bittet um Entlassung. – Zieht sich nach Erlangen zurück. – Ernennung zum Direktor des bairischen Landesarchivs.

 

Endlich erschien das neue Bild der baierischen Provinzialverwaltung nach Kreisen, worunter man sich französische Präfekturen dachte, mit Generalkommissionen an der Spitze, aus dem baierischen Stockadel und mit Direktoren, welche eigentlich den Generalsekretär vorstellen sollten, nebst Räten. Gleichwohl war die Nachbildung nicht halb, nicht ganz: ohne Unterpräfekte oder Landeskommissäre, ohne Landräte, aber mit Landrichtern, die zugleich die Justiz mit pflegen sollten und mit Patrimonialgerichten; kurzum ein Geflick des übelsten Geschmacks. Man glaubte dem Grafen von Thürheim etwas Angenehmes zu erweisen, wenn man ihm seine Stelle in einer größeren Stadt, zu Nürnberg, anwiese, als Haupt des Pegnitzkreises. Nach Ansbach kam ein Graf Lerchenfeld, damals etwa 36 Jahre alt, vorher Direktor in Ulm, ein langer, hagerer, bleicher Mann, mit singender Stimme, schmalbrüstig, die Augen immer mönchisch niedergeschlagen und träumerisch. Ich erhielt mein Dekret (25. August 1808) als Direktor, Kanzleidirektor, wie man es nun nannte, und konnte über die Anschauung meines neuen Herrn Präsidenten gar nicht mehr zur Besinnung kommen. Solche verkehrte Ansichten, solchen Mangel an eigentlicher Geschäftskenntnis, solche Unbeharrlichkeit, und dabei solche Eitelkeit, steife Hartnäckigkeit und Schulmeisterei hatte ich in meinem Leben noch nie getroffen, ja es gar nicht für möglich gehalten, daß es einen Staat geben könne, wo man sich nicht scheue solche Leute an die Spitze zu stellen. Das erste war, daß er sich nicht entschließen konnte, wie bisher alle Präsidenten, sich auf einen gewöhnlichen Stuhl zu setzen, sondern sich aus einer theatralischen Polterkammer einen mit Schlangen und Fratzengesichtern verzierten Armsessel bringen ließ. Wir mußten immer in Uniform und Degen erscheinen, wogegen er uns auf gut baierisch als seine gnädigen Herren anredete, dagegen er von uns den ihm nicht gebührenden Titel Exzellenz entgegenzunehmen um so mehr erwartete, als er sich selbst das Prädikat: » Excellentissime« zuschrieb. Der ganze Tag verging mit Aufbrechen der Berichte (was sonst der unterste Kanzleioffizial besorgen konnte), im unnützen Durchlesen vor der Zeit, im Aufkritzeln der Referate, Anstreichen mit Bleistiften und Röteln, und dabei in einem ewigen Rufen und Schellen nach Kanzleidienern und Sekretären, die jeden einzelnen Bericht in die Registratur tragen, dann diesen und jenen holen mußten, welche dann den Bescheid erhielten, nun ihrerseits dieses und jenes zu holen, worauf bald wieder andere laufen mußten, um diesen zu fragen, ob er jenen schon geholt habe. So ging's auch mit den Konzepten, die er alle ängstlich revidierte, um statt Verlust zu setzen Verlurst, genohmen statt genommen, Diebstal statt Diebstahl, Schankung statt Schenkung usw. So auf eine dem Geist der deutschen Sprache wohlgefällige Art gereinigt, mußten die Konzepte zur Kanzlei abfliegen, jedes einzeln, dem alsbald ein neuer Bote mit einem andern folgte, nebst der Frage, ob das andere noch nicht geschrieben sei, während der Herr Präsident schon wieder dem dritten Boten klingelte, um zu hören, wo denn die zwei anderen so lange blieben. Es war den ganzen Tag ein fortwährendes Geklingel, ein Hinaus- und Hereintreten, ein Laufen der Leute treppauf, treppab, wobei man im ganzen Hause zu keiner ruhigen Besinnung gelangen konnte.

Plötzlich wurden wieder alle Berichte und Konzepte weggeschoben, weil den Herrn Präsidenten die Inspiration ergriff, selbst einen Bericht nach Hof zu diktieren. Da bei dem Präsidenten das Beugen und Rückenkrümmen als eine gute Note galt, so wurde derjenige aus der Kanzlei, der es hierin zu einer besonderen Kunst gebracht, gerufen, um dafür die Gnade zu genießen, die mündlichen Orakel Sr. Exzellenz diktiert in seine Feder aufzunehmen. Unglücklicherweise war derselbe fast ganz taub, machte aber bei jeder Phrase des diktierenden Herrn Präsidenten eine höchst zierliche Verbeugung, auf jede Frage, ob er fertig sei, abermals eine Verbeugung, womit dann die Begeisterung der Diktatur crescendo ein paar Stunden lang immer weiterschritt. Endlich näherten sich seine Exzellenz, um nun das ganze in Wohlgefälligkeit zu überschauen, aber o Schreck! Nicht einen Buchstaben hatte der Taube geschrieben, seine ganze Kraft war in Bücklingen aufgegangen. Wollte der Unfall, daß in der Nacht eine Stafette ankam, so rief der Generalkommissär den Nachtwächter von der Gasse an sein Fenster, mit dem Befehl, den Kanzleidiener zu wecken und ihm zu sagen: er solle schleunigst das Büro öffnen und alle Personen herbeirufen; es sei eine größere Sache angekommen. So sah denn die Stadt mehrmals nach Mitternacht das ganze Schloß beleuchtet, und aus allen Ecken die armen Kanzleimenschen herbeiwanken. Sie saßen aber müßig am Tische bis zum Morgenrot, auch noch vormittags um elf Uhr, wo man dann den Herrn Generalkommissär vormittags bei der Reitschule oder mit dem Regiment vor der Kaserne herumreiten sah. Abends fünf Uhr ging endlich das angekündigte große Werk hervor, es war ein kleines Konzept, das auch ein wohlabgerichteter Kanarienvogel binnen wenigen Minuten mit seinem Schnabel in Buchstaben hätte übertragen können.

Eine Geschichte aus der kurz vorhergegangenen kurfürstlich Karl Theodorischen Regierung bezeichnet den damaligen Geist gar zu sprechend, als daß ich sie hier nicht einweben sollte. Im Regierungsbezirke Amberg war ein Landrichter, genannt von Betschard, der wegen schwerer Verbrechen und Betrügereien endlich in peinliche Untersuchung kam, welche sein Todesurteil zur Folge hatte. Im kurfürstlichen Kabinett erging aber für große Bezahlung ein Begnadigungsreskript dahin: daß, obwohl nichts gerechter wäre, als ihn mit dem Schwerte vom Leben zum Tode zu bringen, Se. Kurfürstliche Durchlaucht doch die Gnade wollten vorwalten lassen, und ihn, unter bestätigter Kassation als Landrichter, dafür gleichwohl zum Hofgerichtsrat (eine Rangstufe höher) in Amberg wollten bestellen. Bei seiner Anmeldung zur Einführung im Hofgericht erklärte ihm der ehrliche Gerichtspräsident, daß das gesamte Gericht beschlossen habe, seine Sitze zu verlassen, sobald er den Saal zu betreten wagen würde; daß man aber von seinem Dasein keine Kenntnis nehmen, ihm auch den Besoldungsbezug gestatten wolle, sofern er sich ruhig verhalte. Mit Freuden nahm der glückliche Inquisit das Anerbieten an, das ihm sein Leben um desto bequemer und arbeitsloser machte. Bald darauf ereignete es sich, daß der Kurfürst für die prima Donna seiner Maitressen einen Mann suchte, dessen Rang und Namen sie instandsetzte, täglich in den vordersten Plätzen der Hoffähigen zu erscheinen, und die Winke des Sultans zu erlauschen. Die saubere Genossenschaft schlug hierzu den Malefikanten von Betschard vor, der auf der Stelle, zu des Städtleins Amberg höchstem Erstaunen, durch einen Kurier mit der Ernennung zum Minister der oberpfälzischen Provinz einberufen wurde und einen eidlichen Revers ablegte, seine Scheingemahlin nicht im mindesten zu berühren. Es währte aber nicht lange, so wurde selbst der Hure die Nähe dieses Scheusals so zuwider, daß sie in den Kurfürsten drang, ihr denselben vom Halse zu schaffen. Auf die Frage des Kurfürsten: »Was soll ich denn aber um Gottes willen mit ihm anfangen?« war die kurze naive Antwort: »Laß ihn köpfen« und so erging denn noch selbigen Tages ein Kabinettsreskript an den Hofrat, welches ihm befahl, den Minister von Betschard wegen seiner vielfachen Verbrechen binnen dreimal 24 Stunden enthaupten zu lassen, versteht sich, ohne vorausgegangene Untersuchung und Verteidigung. Der Hofrat seinerseits tat mit seinem Auftrage so dringend und der Minister andererseits war so dumm und so feig, daß er nicht sowohl auf die Rechtswohltat der Verteidigung, sondern lediglich auf die Gnade des Kurfürsten sich berief, welche ihm die Todesstrafe in ewige Zuchthausstrafe verwandeln möchte. Dies geschah denn auch, und er mochte etwa 8 Jahre lang gesessen haben, als er unter dem Vortrage des Herrn von Feuerbach im Staatsrat wegen gänzlicher Rechtswidrigkeit des Kabinettsurteils vom neuen Regenten wieder in Freiheit gesetzt, jedoch von den Umgebungen der Stadt München ausgewiesen wurde.

Einst traf sich's, daß ein streifendes Korps Österreicher sich der Stadt Nürnberg nahte, wo es auf Überraschung und Stimmung der Volksmenge rechnend, schnell seine Beute zu machen hoffte. Auf dem Lande umher war überall Lärm, der einen im Kloster Heilsbronn ankommenden Musterreiter zu der Aussage verleitete (denn wer will nicht gern der erste Bote sein?), die Österreicher seien nur noch eine Stunde vom Amtsort, auf den sie gerade den Weg genommen. Der Herr Landrichter glaubte nicht zu fehlen, wenn er dieses letzte ruhige Stündlein noch benutzte, um sogleich Sr. Exzellenz, dem ohnehin von Haus aus eilfertigen Herrn Grafen von Lerchenfeld, durch einen Reitenden die Anzeige zu machen, daß die Österreicher soeben im Orte angekommen, und dem Vernehmen nach ihren morgigen Tagemarsch nach Ansbach richten würden. Es versteht sich, daß nun alle Kanzleibeamte zusammengeblasen wurden, um der nun zu gewärtigenden Quartier-, Dislokations-, Requisitions-, Kontributions- und Sequestrationsschreibereien gewärtig zu sein; unterdessen ließ der Herr Graf durch einen Herrn von Welden als Kurier unter dem Datum des nächsten Tags folgenden Bericht nach München vorausgehen:

»Allerdurchlauchtigster, diesen Nachmittag um 3 Uhr sind die Österreichischen, 3000 Mann stark, von der um Nürnberg liegenden 30 000 Mann starken Division, in hiesiger Kreisstadt Ansbach eingerückt; ihre weitere Richtung ist mir jedoch nicht bekannt. Nur meinen angestrengtesten Bemühungen und der Achtung, die ich mir zu erwerben gewußt, ist es gelungen, überall Ordnung und Ruhe zu erhalten, so daß auch bis zu dem jetzigen Augenblick nicht der allermindeste Exzeß zur Sprache gekommen. Ich bin von allen Seiten zu sehr gedrängt, um zur Stunde einen umständlichen Bericht erstatten zu können, der morgen erfolgen soll.«

Die Zwischenanstalten und Anordnungen, versteht sich, die kleinlichsten und aberwitzigsten, hatten den ganzen Tag kein Ende; mich beschied der Herr Graf zu sich, um mir zu eröffnen: da die Stadt mich hasse, wie er gleichwohl sehr bedauere, und fürchte, daß beim Einrücken der Österreicher das erste Unternehmen des Pöbels sein könnte, mein Haus zu plündern, zu zerstören und sich an mir selbst zu vergreifen, so rate er mir, beizeiten noch die Flucht zu ergreifen. Meine Antwort war: Ich wüßte nicht, wer dem Herrn Generalkommissär vorgespiegelt, daß die Stadt, der ich im Grunde so viel Gutes getan, mich hassen sollte. Ich glaube so wenig an den Haß, wodurch man mich erschrecken, als an die angebliche Liebe und Verehrung, womit man andere kitzeln und schmeicheln wolle. Ein fester, selbst strenger Charakter, wenn er mit Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit verbunden, pflege nicht leicht mißkannt zu werden. Das Häuflein meiner Feinde solle nie den Triumph erleben, daß ich fliehe, und dadurch selbst Gelegenheit zu bösen Anschlägen gebe, während dann andere in großem Heldenscheine daständen. Ich zöge auf jeden Fall vor, wenn mein Haus geplündert werden sollte, dabei zu sein und mir dabei zu ersehen, was mir demnächst nützlich und behilflich sein könnte. Der Herr Graf, der eine außerordentliche Begierde verriet, mir die Rolle eines Fliehenden aufzudrängen, wollte mich endlich unter herbeigesuchten Geschäftsaufträgen nach Rothenburg spielen, und erbot sich endlich, als ich auch dieses ablehnte, wenigstens mein Haus bewachen zu lassen. Ich blieb ruhig und unbesorgt zu Hause, es kam auch niemand.

Aber auch die Österreicher kamen nicht, so wenig nach Heilsbronn als nach Ansbach, so ungeduldig ihnen auch der Herr Generalkommissär auf seinem Paradepferde, im Zulauf eines gewiß 3000 Köpfe starken Schwarms von Gassenjungen, Straßendirnen, Schülern, Handwerksburschen und anderem müßigen und neugierigen Volke entgegengezogen war. Nun war aber nichts übrig, als schleunigst einen zweiten Kurier, Herrn Kehl, nach München zu schicken, um womöglich den ersten einzuholen, oder doch die erste Schreckenspost in der Geburt zu ersticken. Zu welchen falschen und unnützen Maßregeln hätte nicht die erste grundlose und doch ganz offizielle Nachricht verleiten können! Weil jedoch der Herr Generalkommissär als Sicherheitsmaßregel angefangen hatte und damit fortfuhr, alle baren Gelder der Stiftungen einzukassieren, und sie nach München in Sicherheit zu bringen, wodurch die Stiftungen in wenig Tagen um mehr als 30 000 Gulden bar gekommen sind, so erntete der Herr Graf für seinen Narrenstreich nicht nur keine Ahndung, sondern vielmehr noch wegen der 30 000 Gulden die allerhöchste Belobung und Zufriedenheit. Mir selbst gestand er nachher, es hätten sich anfangs eine Menge Menschen bei ihm zugedrängt, die sich über meine Gewalttat und Ungerechtigkeit beschwert, am heftigsten aber ein reicher Wirt und Bürger der Stadt, dem ich schon mehrere 1000 Gulden zu lösen gegeben hatte. Er hätte jedesmal im stillen aus den Akten oder von andern Leuten vernommen, und müsse auch jetzt bekennen, daß er mich nicht ein einziges Mal auf einem fahlen Pferde befunden habe, sondern geradeaus streng, uneigennützig, und besonders als einen festen Vertreter der Armen und Geringen, gegen die Zumutung und Überlastung der Reichen, worunter sich besonders der genannte Wirt am meisten hervorgetan.

Ein sonderbarer Auftritt veranlaßte aber, daß wir in Ansbach den trefflichen Grafen Lerchenfeld verlieren und an die Stadt Nürnberg abtreten sollten. Herr Graf von Thürheim hatte den vielleicht sehr übel berechneten höheren Auftrag erhalten, bei Annäherung der österreichischen Truppen vor der Stadt ihnen die Tore zu verschließen, und innerhalb der Mauer die bewaffnete Bürgerschaft aufbieten zu lassen. Bei dem offenbaren Widerstreben einer in ihrem Herzen noch so ganz kaiserlich gesinnten ehemaligen Reichsbürgerschaft gebrauchte der Herr Graf zur vermeintlichen Ermutigung die sehr unpassenden Worte: Sie hätten sich vor einem solchen zusammengerafften österreichischen Haufen, der aus lauter Schneidern und Schustern bestände, nicht zu fürchten. Damit erhob sich auf einmal in der ganzen Masse das tobende Geschrei: Was? Schuster und Schneider? Wir sind auch Schuster und Schneider. Der Teufel soll den holen, der uns Bürger verachtet. Nun hallte es noch weiter: Was? die Bürger hat er geschimpft? Was schert uns so ein Graf! Mag er seine Grafen zusammenziehen und damit zur Stadt hinauswandern: und so stürzt nun die Menge ans Tor, sprengt es gewaltsam ein, rennt dem österreichischen Anführer unter Freudengeschrei entgegen und läßt ihn zwischen ihren jubelnden Reihen einen lärmenden Siegeseinzug halten. Vor dem Rathaus angelangt, kam es alsbald zum Entschluß, den Grafen in seiner Wohnung aufzusuchen und herbeizuschleppen. Als sie ihn auch da nicht fanden, plünderten sie sein Haus, nahmen ihn endlich aus dem Versteck eines Nachbars in Empfang und rissen ihn mit sich fort bis an die sogenannte Fleischbrücke, während sie ihn gräßlich mit Püffen und Schlägen ins Gesicht, die ihm mehrere Zähne kosteten, mißhandelten. Ja, sie versuchten sogar durch absichtliches Drängen und Emporheben bei dem Rande der Brücke ihn hinabzustürzen und hätten es vielleicht getan, wären nicht eben österreichische Ulanen selber herbeigerannt, welche dem Pöbel sein Opfer unter dem Vorwande, daß eine solche Rache noch gar nicht schwer genug sei, entrissen, um ihn nebst dem Polizeidirektor Wurm und einem gewissen Grafen Brockdorf, einer wahren Null, auf den aber der Zorn des Pöbels vermutlich nur darum fiel, weil er ein Graf war, ins Hauptquartier nach Baireuth bringen zu lassen. Dort angelangt, wollte der Herr Graf die versuchte bürgerliche Bewaffnung gegen reguläres Militär, die man als ein schweres Kriegsverbrechen ansah, lediglich der Unbesonnenheit und Willkür des Polizeidirektors Wurm zuschreiben und von seiner Seite nicht den geringsten Anteil daran gehabt haben. Herr Wurm, der es nicht geraten fand, vor einem solchen Kriegsgerichte, das kurze Prozesse machte, durch unzeitige Höflichkeit seinen Kopf aufs Spiel zu setzen, legte die vom Herrn Grafen ihm zugestellte, eigenhändig unterschriebene Instruktion und Ordre vor. Der plötzliche Rückzug des österreichischen Korps verschaffte den Gefangenen ihre Freiheit wieder, wobei aber Herr Wurm, weil er so wenig Lust bezeigte, sich für seinen Herrn Generalkommissär hängen zu lassen, die fideikommissarisch auf alle folgenden Generalkommissäre des Kreises forterbende Feindschaft und Verfolgung sich auf den Nacken lud. Der Herr Graf von Thürheim nahm nun seinen Weg gerade auf Ansbach zu, und erlangte es, daß Herr von Lerchenfeld statt seiner das Generalkommissariat in Nürnberg übernahm und ihm dafür das in Ansbach wieder überlassen mußte.

Unterdessen wurde in Nürnberg selbst zur Untersuchung der daselbst vorgefallenen tumultuarischen Auftritte ein Spezialgericht nach französischem Zuschnitt angeordnet, das aber, weil man es für eine Weisheit hielt, nach der Popularität des Nürnberger Volkes zu jagen, den seltsamen Ausgang hatte, daß statt der gefürchteten Strafe unter großem Pomp goldene und silberne Ehrenmünzen ausgeteilt und nur ein paar aus der untersten Hefe aufgegriffene Elende zum Gefängnis verurteilt wurden. Der König, der alles dieses, wie gewöhnlich, genehmigte, konnte gleichwohl diesmal seine Verwunderung über dieses Gnaden- und Ehren- Auto da Fé nicht verbergen, und fragte den Präsidenten des Gerichts: Warum denn in dieser Sache gar kein Blut geflossen? Und als der Präsident erwiderte: Es sei geschehen, um dem väterlichen Herzen Sr. Majestät einen solchen Schmerz zu ersparen, entgegnete der König etwas verdrießlich: »Das ist alles wohl gesagt, aber ein andermal wollte ich mir doch ausbitten, die Sache etwas ernstlicher und strenger zu nehmen.«

Die Unbehilflichkeit, mit der man die baierischen Beamten die Geschäfte betreiben sah, war so groß, daß fast alle paar Jahre ein sogenannter Geschäftsbankerott zum Ausbruch kam, den man dadurch abzuhandeln suchte, daß man für die alten Geschäfte besondere Aufsichtskollegien errichtete, für den neuen Kredit der laufenden aber neue Firmen suchte, was man Organisationen nannte, die fast beständig an der Tagesordnung waren und ihr Heil in ewigen Veränderungen der Orte, der Sprengel und der Personen suchten. Dies führte dann einen förmlichen Markt in München herbei, wo alles hinströmte, um entweder dort für sein Bleiben oder für eine annehmliche Versetzung zu unterhandeln, und wo sich die Günstlinge in der Antechambre Pfründen in den Provinzen versichern ließen. Dieses wurde so öffentlich getrieben, daß man schon halbe Jahre vorher die persönlichen Besetzungen von Ämtern wußte, die noch gar nicht erledigt waren, während die armen Staatsdiener, die im Stande der Ungnade waren, das Schwert des Damokles die ganze lange Zeit über sich hängen sahen. Manche, die bei solcher Organisation leer ausgingen, meldeten sich unabgeschreckt auf die allernächst folgende. Die Ministerialwillkür hatte sich damit Tür und Tor geöffnet und zugleich dafür gesorgt, daß dem König selbst dieses Treiben durch die vielen zeitvertreibenden Unterschriften und die dafür eingeernteten fröhlichen Danksagungen angenehm blieb. Alles beschränkte sich einzig und allein auf Persönlichkeiten, an das Geschäft selbst und die Verbesserung der uralten barbarischen Formen, mit denen freilich nicht fortzukommen war, dachte niemand. Dahin gehörte, daß der Präsident selbst von allen einlaufenden Sachen die Bindfäden aufknüpfen, das Siegel erbrechen, den Streusand herausschütten, dann ein Kritzkratz darauf machen und alles in die Registratur abgeben sollte, die dann, sofern es ihr gefällig war, die Akten, aber ja nicht geheftet, welches man durchaus nicht leiden konnte, dem Referenten durch einen Boten oder Tagelöhner gelegentlich zukommen ließ. Aus diesen Akten mußte sich der Herr Referent dicke Extrakte, fast immer wörtliche Abschriften derselben, fertigen, oder durch seine Schreiber oder Lakaien fertigen lassen. Darauf wurde so streng gehalten, daß einstens, als ein alter Kriegskommissär seinem Aktenstücke Archenholz' Geschichte des siebenjährigen Krieges beigefügt hatte, der Referent gezwungen war, seiner Arbeit fast eine wörtliche Abschrift des ganzen Buches einzuschalten. Kam es nun im Kollegium zum Vorlesen, so sollte wieder der Sekretär fast die ganze Relation wörtlich in sein Protokoll eintragen. Endlich, nach vollendeter Vorlesung, trat dann der Direktor auf, gewöhnlich in solcher Art: Aus dem vortrefflichen Vortrage meines gnädigen Herrn Kollegen habe ich entnommen, daß sich die Sache so und so verhält, und damit die ganze Geschichtserzählung wiedergab. Übrigens, fügte er dann zum Schluß hinzu, bin ich ganz der Meinung des Referenten. Der zweite Votant: Demnach das, das, das usw., so bin ich der Meinung des Referenten. Dann stimmten noch 10-12 Votanten mit derselben Langweiligkeit dem Referenten bei, unterdessen der Sekretär, den klaren Schweiß auf der Stirn, geschwind schreibend die Feder nacheilen ließ. Endlich äußerte sich der Präsident, der unterdessen in beharrlicher Stummheit nichts als Bleistiftstriche auf das Papier zu machen hatte, und fing dann singend, krächzend, brummend, je nachdem ihm Gott eine Stimme gegeben hatte, den Zeigefinger auf den Sekretär gezielt, zu sprechen an: Das Konklusum meiner gnädigen Herren geht also dahin: »Es wäre usw.«, womit nun das ganze Resolutum, das der Referent ohnehin schon in Konzeptform vorgelegt, dem Sekretär noch einmal vom Herrn Präsidenten in die Feder diktiert ward. Ist es nun auch nicht immer streng so gehalten worden, so kann doch niemand leugnen, daß unerfahrene neugebackene Präsidenten und pedantische Vizepräsidenten oder Direktoren alle Augenblicke wieder diesen tölpelhaften Bauerntanz zu beginnen suchten. Die Zeit der nächsten Sitzung war gewöhnlich wieder verschleudert, um darin die Protokolle der vorhergegangenen vorzulesen.

Es würde mich übrigens zu weit führen, wenn ich auch noch von den übrigen Torheiten und Ungeschicktheiten des Geschäftsganges in der Registratur, der Revision und den Kanzleien, von den unzähligen Generalien und Tabellen, vermehrt durch den Mangel an Mittelbehörden, von dem unendlichen Vielschreiben und Vielregieren, womit man dem hüpfenden Geislein auf allen Bergen nachfolgen will, von der Inkonsequenz der Kollegialansichten und von den übrigen Mißbräuchen reden wollte, infolge deren auch die bestgemeinten unmittelbaren Vorschriften und die Gesetze selbst oft nicht selten gerade das Gegenteil von dem bewirken, was man von oben her beabsichtigte.

Mit dem Eintreten einer dieser vielfachen Organisationen sah ich mich endlich auf einmal wider alles Vermuten aus dem Sattel gehoben (11. Oktober 1810). Nach Ansbach kam Herr von Dörnberg als Generalkommissär, der noch später Gelegenheit geben wird, mehr von ihm zu reden. Graf Thürheim sollte mit Herrn Bayard, als seinem ersten Direktor, nach Baireuth versetzt werden; weil er sich aber wegen einer alten mit ihm gehabten Krittelei weigerte, ihn an der Seite zu haben, so schien das eine Kleinigkeit, ihm meine Stelle in Ansbach zu geben und den Herrn Minister glauben zu machen: den Lang könne man leicht auf andere Art zufriedenstellen. Mich für ihn nach Baireuth zu versetzen, hätte ich mir noch am ersten gefallen lassen. Aber Herr Graf Thürheim, der mir nicht genug versichern konnte, wie sehr ihn mein Schicksal besorgt mache, war wohl der erste, dieses abzuwenden. Seine Tisch- und Freudengenossen, entrüstet daß sie dessenungeachtet so wenig bei ihm durchsetzen konnten, suchten ihn durch das Geschwätz zu reizen, daß man mich, nicht ihn, für den wahren Generalkommissär halte, und daß ich mich dessen auch berühme; solche Lügen sind nun leicht hinter dem Rücken zu wagen. Alle Augenblicke, wo der Gegenstand einen Freimaurer betraf, rannten Meister und Gesellen zum Grafen, ihrem alten Herrn Bruder, um zu verdecken, was hätte aufgedeckt werden sollen, oder zu erhaschen, was sich nicht gebührte, dem ich mich, nicht ohne große Mißgunst der Ordensbrüder, entgegensetzte, und dafür auch meinerseits mich von der Schädlichkeit einer solchen geheimen Gesellschaft überzeugte, wenn sie, was vielleicht nicht in ihren Gesetzen lag, sich zu solchen ungerechten Einmischungen und zudringlichen Empfehlungen hergaben. Außerdem hatte der Graf den zwar bequemen, aber gewiß höchst schädlichen Grundsatz, daß man sich keiner Anmaßung oder Anforderung der Franzosen zu widersetzen brauche. Es helfe doch nichts. Ich aber, in der Gewißheit, daß sie jederzeit weit mehr verlangten, als sie selbst erwarteten, und daß mit ihnen auf mancherlei Wegen abzuhandeln sei, stellte mich jederzeit bei der ersten Anforderung ganz willig und bereit, oder wenigstens schweigsam, um dem neckhaften Vorwurfe der mauvaise volonté zu entgehen. Andern Tags dann brachte ich meine eigenen Repartitionsentwürfe, aus denen meist die Unmöglichkeit oder das Übermaß, zugleich aber auch schon der Anfang einer Vollziehung hervorging, und erhielt dann meistens Minderung und Nachlaß, oft bis zur Hälfte. Bei angekündeten Durchmärschen schickte ich einen Kommissär entgegen, um den kommandierenden General zu bewillkommen, ihm sein stattliches Quartierbillett einzuhändigen, die wichtigsten Adjutanten kennen zu lernen und ihn durch kleine Geschenke zu gewinnen, um ihn bei der Dislokation geneigt und billig zu finden. Kam der General an, so war ich einer der ersten, ihn persönlich aufzusuchen, seine übrigen kleinen Wünsche zu erfüllen und zu erlangen, daß die Adjutanten und Offiziere des Generalstabs die Dislokation mit mir auf der Stelle ausarbeiten dürften, wenn auch die ganze Nacht daraufging. Dadurch gelang es mir, daß viele Tausende, die andern Tags noch nachrücken sollten, gleich andere Wege und Richtungen, oft völlig aus dem Kreise hinaus, erhielten. Fielen Exzesse vor, so rückte ich dem General gleich selbst auf die Stube und erhielt dadurch die niedrigeren Befehlshaber im Schreck, und war der Fehler auf Seite der Einwohner, so war ich der Schnellste in Verfügung von Arresten und Anordnung von Abbitten, was dann meistens von den höchst zufriedengestellten Franzosen gemildert oder gänzlich nachgelassen wurde. Darüber wurden mir freilich die lautesten Lobeserhebungen von seiten der Stadt zuteil, vielleicht mehr als sich gebührte, was aber das gefährliche, eifersüchtige Lächeln des Grafen von Thürheim wider mich erregte. Vorzüglich schadete mir der Umstand, daß seine Gemahlin nach ihrer Flucht von Nürnberg mir ein Paket wichtiger und kostbarer Papiere anvertraute, zu dem Zwecke, sie durchzusehen, ob sie noch vollständig alles das enthielten, was nach ihrer Angabe darin enthalten sein mußte. Diese Vertraulichkeit, wie es schien, verdroß den Grafen, dem es unangenehm war, mich auf diese Art in Dinge eingeweiht zu sehen, die er als Geheimnisse behandelt wissen wollte, und der Argwohn, als ob ich ihm schaden könnte, genügte schon, mich so zu hassen, als ob ich ihm wirklich geschadet hätte.

Das Organisationsreskript besagte: »daß ich als erster Archivar beim Landesarchiv in München ernannt sei,« enthielt aber nichts weiter von meiner Besoldung, Stellung und meinen Dienstverhältnissen, während mir nur aus der baierischen Dienstpragmatik bekannt war, daß nach derselben fleißige Registratoren zu Landesarchivaren befördert werden sollten. Zudem war's mir auch nicht anständig, nur erst Archivar, neben anderen Gleichberechtigten, und nicht Direktor zu sein, weil ich schon von Plassenburg her wußte, wie schlecht ich in meinen Arbeiten und Einrichtungen unter solch einem beschränkten Verhältnis gefahren war. In der ersten Aufwallung meines Schmerzes schrieb ich daher eine Erklärung an das Ministerium nieder: Vor dem Altare, vor dem ich dienen solle, wolle ich der höhere Priester sein; ich könne nicht in eine Degradation einwilligen. Andernfalls bitte ich um meine Entlassung und den Himmel um ein langes Leben für Se. Majestät.

Unterdessen machte ich Anstalten, mein Haus und Garten, was ich beides so freundlich hergerichtet hatte, um 8500 Gulden und meine überflüssigen Effekten für 2000 Gulden zu verkaufen. Dieses Haus gibt ein lebendiges Rechnungsexempel des allgemeinen Versinkens des Nationalvermögens. Es wurde gekauft in der guten preußischen Zeit um 16 000 Gulden. Es hatte bei dem Erbanfalle meiner Frau den Schätzungswert von 12  000 Gulden, also

Verlust   4000 Gulden
Ich habe es verkauft um 8500 Gulden neuer Verlust 3500 Gulden
Verbaut hatte ich darin   2500 Gulden
An Einquartierungslasten hatte ich   3000 Gulden
Am Kaufschilling gingen mir an einer Wechselschuld verloren   4000 Gulden
    __________
    17  000 Gulden

Habe mir's also 1000 Gulden noch darüber kosten lassen müssen, um kein Haus mehr zu haben. Meine Haushälterin, als sie bemerkte, daß ich von dannen ziehen wollte, drang mir als Lohn ihrer angeblichen Liebe im Wege des Vergleichs 1000 Gulden ab, und ließ mir nachher noch die angenehme Entdeckung, daß sie mir mit einem noch heißer geliebten Anderen Weißzeug und Betten, 1000 Gulden an Wert, verschleppt habe. Solche Früchte trug mir, freilich auch mit durch eigene Schuld, die kurze Zeit der neuen Verhältnisse.

Weder auf meine erste Erklärung, noch auf meine zweite, worin ich verlangte, unter die Zahl der Diener aufgenommen zu werden, welche man im Begriff stand, infolge der vorgenommenen Grenzaustausche an Württemberg zu überweisen, erhielt ich eine Antwort, ließ auch das einzige, was mir lieb war, zurück, meinen alten Hund, und begab mich am 1. Dezember 1810 nach Erlangen, entschlossen, auch nicht ein einziges gutes Wort mehr auszugeben, nicht einmal mehr um Bezug einer Besoldung mich zu melden, und fernerhin stolz und eigensinnig mich auf die Reste meines eigenen Vermögens, eine Rente von 800 Gulden zu beschränken.

Ich lebte hier glückselige Tage. Bediente, Zofen, Kutschen und Pferde und Landhäuser lagen nun hinter mir; selbst die Bibliothek war verkauft, bis auf ein paar Fächer, und ich war in ein paar bescheidene Studentenzimmerchen einquartiert. Es durchdrang mich eine unbeschreibliche Behaglichkeit, auf solche Art der garstigen Raupenpuppe des großen Geschäfts- und Gesellschaftslebens entschlüpft und mich also gleichsam neugeschaffen auf den früheren Blumen der Jugendwelt schwebend zu fühlen. Ich fing nun an, weil man mich doch für ein baierisches Archiv hatte bestimmen wollen, sozusagen aus Neugierde, mich in den Quellen der baierischen Geschichte und ihrer Literatur näher umzusehen, und glaubte alsbald die Notwendigkeit einzusehen, ihren jetzigen Umfang nach den drei Hauptstämmen, Schwaben, Franken und Baiern, ins Auge zu fassen. Zugleich machte ich mich jetzt schon, noch mehr aber bei meinem zweiten Aufenthalt in Erlangen, ans Werk, nach diesen Abteilungen die bisher bekannten Gaue mit den Grenzen der Bistümer, Archidiakonate und Kapitel in Übereinstimmung zu bringen, und damit die wahre Grenze bestimmt auszumitteln, was bisher in bezug auf die baierischen Gaue noch nie versucht ward, indem Zirngibl, Apel u. a. zwar fleißig und reichlich die Namen der Gaue und der Orte, die darin vorkommen, gesammelt hatten, aber eine bestimmte Grenze derselben zu ziehen und jeden Gau damit zu umschließen, aus gänzlicher Umgehung dieses Diözesanprinzips unterlassen hatten. Ich schaffte mir von allen Orten Diözesankarten und Kirchenkalender herbei, zeichnete mir die Gaue auf besondere Karten ein, verglich dann den Umfang, den sie mit ihren urkundlich überlieferten Ortsnamen einschlossen, mit den Grenzen der Bistümer und Dekanate, die ich wieder in eine andere Karte übergetragen, und wagte endlich auf Grund einer solchen Vergleichung zu vermuten, so und so wird oder muß der Gau begrenzt gewesen sein, so und so werden diese und jene alte Ortsnamen zu lesen und zu deuten, dieser oder jener Bezirk noch hinzu zu ziehen, dieser oder jener aber notwendig auszuschließen sein; und so und so endlich haben sich aus den in diesen Gauen permanent vorkommenden Gaugrafengeschlechtern diese und jene erblichen Fürsten- und Grafengeschlechter gebildet.

Entflohen mir schon unter diesen Forschungen allein die Tage gleich Augenblicken, so erheiterten mich nicht minder die Spaziergänge, die Besuche der öffentlichen Gärten, der Wirtstafel, der Leseinstitute und der Gesellschaftssäle. Die Frau Markgräfin von Baireuth, die als Witwe des 1763 verstorbenen vorletzten Markgrafen Friedrich in Erlangen residierte, eine Schwester des regierenden Herzogs von Braunschweig und Schwägerin des großen Friedrich, der ich meine Aufwartung machte, lud mich jede Woche ein- auch zweimal zur Tafel, allmählich auch, um ganz allein bei ihr bleiben zu können, zum Frühstück in ihrem Bibliothek- und Antikensaale. Sie war eine höchst geistreiche Dame und Kennerin der Künste, deren Anschauung sie in Italien selber genossen, und sich wohl eben daher im Umgang der Männer besser als der Frauen gefiel, Flugschriften und Denkschriften, wenn sie auch in mancherlei Rücksichten frei und verwegen waren, herbeischaffte und ihren Vertrauten mitteilte, kecke und witzige Urteile gern anhörte und selber wagte, und dabei die Lage der Dinge und die wahrscheinliche Zukunft mit einem ihrem Geschlechte seltenen Scharfsinne und in Unbefangenheit beurteilte. Sie wußte die Rede vom Anfang der Tafel bis zum Ende in gleichem Schwunge zu halten und ließ keine leeren Kammergespräche aufkommen.

Endlich einmal fiel es doch den Herren in München auf, was das denn bedeute, daß ich mich in Erlangen aufhalte, mich gar nicht um die mir zugedachte Stelle in der Hauptstadt bekümmere und selbst nicht einmal eine Besoldung erheben wolle; und wie daraus doch offenbar ein Starrsinn und Mißvergnügen mit der Regierung hervorgehe, und so hatte der Herr Generalkommissär von Dörnberg nichts Angenehmeres zu verfügen, als daß mein Tun und Treiben in Erlangen wohl beobachtet werde. Nach langem Zögern und Zaudern gab mir das Ministerium meine erste schriftliche Erklärung und Beschwerde zurück, mit der Erklärung: Sie sei in Ton und Inhalt so auffallend, daß sie in der Art dem König unmöglich vorgelegt werden könne. Würde ich mich aber entschließen, mein Gesuch in einem bescheideneren Tone anzubringen, so würde eine entsprechende Entschließung darauf nicht ausbleiben.

Mein erster Unmut war unterdessen abgekühlt, mein Gelüst, etwas Bitteres und Schmerzenerregendes zu sagen, durch die erste Eingabe gestillt, und ich überhaupt durch die Annehmlichkeit meines jetzigen Lebens mit der ganzen Welt schon wieder versöhnt; daß es mir also nicht schwer fiel, den Herren sanft und anständig die Ursache zu erklären, warum ich die Stelle in München nicht annehmen möge. Ich schrieb auch noch besonders, auf den Grund der alten Bekanntschaft von Rastatt her, an den Geheimen Rat Schenk, dem, wie ich erfahren, die damalige ganze Organisation übertragen war. Dieser antwortete mir: »Ich hätte ganz den rechten Ausdruck gewählt, daß die Organisation aus seinen Händen hervorgegangen. Denn nur diesen wäre beim Geschäft eine Wirksamkeit verstattet gewesen, dem Kopfe und Herzen aber gar nicht. Es tue ihm leid, daß ich die Sache schlimmer mache, als sie wohl zu machen sei. Der Minister wolle mir wohl und möchte mich gerade wegen seiner Liebe zur Geschichte nach München bringen, habe aber im ersten Augenblick noch nicht genau gewußt, wie er etwa meine Dienstverhältnisse am besten bestimmen könnte. Man verkenne meine Talente keineswegs und würde gewiß nicht gern sehen, wenn ich mich dem fernern Dienst entziehen wollte. Der König selbst habe aber meine Vorstellung sehr ungnädig aufgenommen. (Also ist sie demselben doch vorgelegt worden.) Vier Wochen später, ziemlich zurückdatiert 26. Oktober 1810, erschien endlich des Königs unmittelbare Entschließung: Ich sei ernannt als Direktor des dermaligen Landesarchivs und zum voraus auch schon des zu errichtenden Reichsarchivs: unmittelbar dem Ministerium untergeordnet, mit 3000 Gulden Gehalt. Der König versehe sich, daß ich dem Vertrauen, womit er mir ein so wichtiges Geschäft in die Hände lege, entsprechen und mich seiner fernern Gnade immer würdiger machen werde. Insoweit war also die geäußerte mündliche Ungnade wenigstens in eine schriftliche Gnade übergegangen, und ich ließ nun auch im guten Glauben das Erlanger Stilleben wieder stehen.

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