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Aus der bösen alten Zeit

Karl Heinrich von Lang: Aus der bösen alten Zeit - Kapitel 12
Quellenangabe
typebiography
authorKarl Heinrich von Lang
titleAus der bösen alten Zeit
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorViktor Petersen
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Übergangszeit

Langs dritte Heirat. – Tod der Gattin im ersten Wochenbett. – Man erwartet allgemein Langs Tod. – Ein von Hardenberg entworfener preußisch-bairischer Austauschvertrag wird hintertrieben. – König Friedrich Wilhelm III und Königin Luise in Ansbach. – Die dicke Sau. – Abschluß eines preußisch-bairischen Grenzvertrages. – Kabinettsintrigen. – Zweijährige Tätigkeit bei der Grenzregulierung. – Bernadottes Einmarsch nach Ansbach. – Lang tritt in bairische Dienste über.

 

In derselben Straße mit mir wohnte eine Frau von dreißig Jahren, eine geborne Hänlein, Schwester meines Vizepräsidenten (nachher preußischen Gesandten in Kassel) und Witwe des seit einiger Zeit verstorbenen Medizinalpräsidenten Schöpff, frühern Leibarztes des Markgrafen, bekannt auch durch seine Reisebeschreibung nach Amerika, was damals noch mehr als jetzt bedeutete. Die Frau war noch sehr reizend, im hohen Grade gebildet, und eine kunstreiche Zeichnerin: daher sie auch von der Prinzessin Solms, Schwester der Königin, jetzigen Herzogin von Cumberland, welche sich damals in Ansbach aufhielt, sehr angelegentlich zu ihrem Umgang, besonders in Triesdorf, berufen wurde, in der Absicht, die Erziehung ihrer Tochter, der jetzigen Herzogin von Anhalt-Dessau, in ihre Hände zu legen, dem aber Madame Schöpff, ihre Freiheit mehr schätzend, auf alle Weise auszuweichen suchte. Das Weiblein gefiel mir nicht übel, doch war ich viel zu stolz und versteckt, es mir merken zu lassen, weil sie im Rufe stand, von ihrem verstorbenen Gatten im Besitz eines großen Vermögens zu sein, und ich nicht als ein solcher gelten wollte, der im Wettlauf mit mehreren, zum Teil ganz alten Gecken, nach diesem Geld angele. Doch glaubte ich zu bemerken, als ob sie mich, allen diesen zum Ärger, besonders hervorheben oder vielmehr bei meiner geflissentlichen Zurückhaltung ermutigen und herbeiziehen wollte. Da kam denn nun auf einmal im Rat eine Angelegenheit derselben zur Sprache, worin ich leider nicht ihren Ritter machen konnte. Ihr Mann war nämlich bis zu seinem Tode im Besitz eines ganz eingerichteten Hauses mit Garten in Triesdorf geblieben, das ihm der Markgraf zu seiner Wohnung eingeräumt oder, wie die Wittib behauptete, geschenkt habe. So unerwiesen und selbst unwahrscheinlich dieses war, so brachten doch die Herren Räte, zu Gunsten der Schwester ihres Herrn Vizepräsidenten, eine Menge praesumtiones et fictiones juris hervor, nach welchen von Gottes- und Rechtswegen das Landhaus der überdies als sehr bedürftig und verlassen geschilderten Witwe verbleiben müßte. Nur ich war garstig genug, aus Herzensüberzeugung, und weil mich diese erbärmliche Heuchelei der anderen ärgerte, geh es wie es gehe, in einer besondern ausführlichen Gegenabstimmung zu widersprechen, und nach dieser einzig und allein erfolgte auch von Berlin aus die rechte und feste Abweisung.

Nun ergoß sich die gute Frau, die sich freilich nach ihren weiblichen Rechtsansichten hoch beschädigt glaubte, in Tränen und Verwünschungen gegen mich, der also die Witwen und Waisen drücke, in allen Gesellschaften. Sie rief ihren Bruder, den Präsidenten, auf, was seine alten Räte samt ihm für Leute wären, daß sie sich so von dem jüngsten und untersten überflügeln und in die Flucht schlagen ließen. Sie drohte mir eine bittere Rache und klagte endlich ihrer vertrautesten Freundin mit vielem Weinen, sie wisse keine andere zu finden, »als mich zu heiraten,« nach der Trauung aber mich auf den Platz des Hauses zu führen, und mir dann zu sagen: »Sieh! um alles dieses hast du nicht mich – Dich! Dich selbst hast du darum gebracht.« Um diesen heimlichen Beschluß einer weiblichen Vehme mit der natürlichen weiblichen Heftigkeit in Vollzug zu setzen, wurde ich auf einmal wieder mit freundlichen Augen angesehen, und das nächste Zusammentreffen in einer öffentlichen Gesellschaft, (es war im eigenen Hause meines vornehmsten Nebenbuhlers) abgewartet, um mir unter anderen aufgetragenen kleinen Dienstleistungen am Spieltische ihre Geldbörse und ein kleines Schreibtäfelchen zur Aufbewahrung einzuhändigen, das sie aber beim Abgehen nicht wieder zurücknahm, mit der Erklärung: sie hätte mich für artig genug gehalten, um sie nicht hier damit zu beschweren, sondern es ihr morgen ins Haus zu bringen, wozu ich mir natürlich eine Stunde erbat.

Ich erschien mit dem Schlag der Glocke, sie empfing mich stehend im Zimmer; mein anvertrautes Pfand überreichend, schließe ich sie in meine Arme und frage (das konnte im schlimmsten Falle doch alles noch nichts sagen): »Bist du mein liebes Weiblein?« – Sie aber umfaßt mich fest und sagt: »Ja! ich bin es!« (Juni 1802).

Die weibliche Geschäftigkeit konnte sich nicht entbrechen, nach stundenlanger Liebkosung mir alle Schätze und Schuldbriefe vorzuweisen, welche meine Vorstellung davon über alle Maßen übertrafen. Bei meiner Zurückkunft von einer Geschäftsreise im Baireuthischen kam sie mir in Erlangen entgegen, wo wir von ihrem Bruder, damals Professor daselbst, getraut wurden. (10. Juni 1802.) Wir verschönerten Haus und Garten in der Jägerstraße, ihr mir ebenfalls zugebrachtes Eigentum, von einem General St. Andrä erbaut.

Insonderheit bewirkte ich später noch, nach manchen kleinlichen Kämpfen mit der Domänenadministration und zum Teil mit etwas Selbstgewalt, daß die vor meinem Hause stehenden doppelten Mauern des Hofgartens niedergerissen und eine freie Aussicht dahin von der Straße aus bewirkt wurde. Die täglichen Wünsche des guten Weibes, Mutter zu werden, was ihr in der ersten Ehe nicht gelang, sollten in Erfüllung gehen. Je mehr sich aber dieser Zeitpunkt näherte, je mehr mischten sich auch in ihre Hoffnung und in das Vergnügen ihrer Voranstalten eine geheime Furcht und Ahnung, in der sie mich antreiben wollte, ihr einen Beistand zur Fertigung einer letzten Willensordnung zu verschaffen, weil ihre Liebe ihr ganzes Vermögen nur in meinen Händen wissen wollte; ich gab es aber durchaus nicht zu, um ihre Besorgnisse nicht zu nähren, und bin erfreut, ihr eine solche trübsinnige Stunde in dieser Welt erspart zu haben, wenn es mir gleich mehrere Tausende gekostet. Das Unglück trat wirklich ein, sie konnte nicht entbunden werden bei einer ungünstigen Wendung des Kindes und einer vielleicht übereilten ungeschickten Behandlung. Auch die Kunst des eilends noch von Würzburg herbeigerufenen berühmten Geburtstsarztes Elias von Sibold vermochte nichts. Sie starb nach einer Qual von 24 Stunden den 31. Oktober 1803.

Diesmal war es kein Schmerz, der mich ergriff, und der sich in Jammer und lautem Wehklagen hätte auflösen können, es war ein stummes Entsetzen; gleichsam ein Schlangenstich, der mir ein eiskaltes Gift in alle Adern goß; ich schlich taumelnd an den Wänden umher. Herr Liebeskind, mein Freund (jetzt Appellationsrat in München), brachte mich aus dem Hause, und abends noch nach Kloster Heilsbronn, wo ich mich zu einer verzweifelten Munterkeit ermannen wollte, um nur mein Schicksal zu verhehlen und den schauderhaften Bezeigungen des Beileids zu entrinnen. Wir zogen am frühen Morgen weiter, gleichsam als wenn uns Fliehen nötig gewesen, reisten nach Nürnberg, und kamen eben zur selben Stunde an, wo ein Vetter von mir, der Kaufmann und Marktvorsteher Lang, bei dem ich Trost suchen wollte, aus den Fluten der Pegnitz, in die er sich gestürzt, gezogen wurde.

So sinnreich weiß das Unglück, wenn es einmal will, seine Schläge zu wiederholen und zu verdoppeln.

Nach meiner Zuhausekunft teilte ich das zurückgelassene Vermögen meiner Frau den Statuargesetzen der Stadt gemäß mit ihrer noch lebenden Mutter; Haus und Garten, die ich nachderhand an einen Baron von Freyberg verkaufte, behielt ich innerhalb meines Anteils; zahlte auch bis zum letzten Pfennig die nicht unbedeutenden Legate der Verstorbenen an das Gesinde, welche Vermächtnisse mir der Arzt, als ihre letzten Überlieferungen, eröffnete, die anderen Erben aber, in Ermangelung der gerichtlichen Förmlichkeit, nicht genehmigten.

Schon im Beginn der Ehe beschwor mich die Frau, ein Kapital von 12 000 Gulden vom Schuldner nie zurückzufordern, sondern mich zeitlebens mit den Zinsen zu begnügen, wo es dann für immer erlassen sein sollte. Auch dem ist genügt; ich habe noch mehrere Morgen Äcker und Wiesen darüber zurückgelassen. Nichts schien mir zu kostbar, um es nicht in dieser Art als Totenfeier gern darzubringen. Ihr aber einen Stein auf dem Grabe errichten zu lassen, konnte ich mich durchaus nicht entschließen.

Die meisten, und ich selbst glaubten indessen, daß ich ihr bald folgen würde. Der Schrecken hatte mir die Sprache ganz verfallen gemacht, wozu sich noch Husten und Blutauswurf gesellten. Einmal in der Nacht würgte es mich mit solcher Todesbeängstigung und heftiger Ergießung des Blutes, daß ich von einem wiederholten Anfalle nichts gewisser als den letzten Streich erwartete; ich ermannte mich aber, nachdem mir wieder etwas leichter war, zündete mir ein Licht an, schlich, ohne irgend einen Dienstboten zu wecken, die Treppe hinauf in mein Arbeitszimmer, ordnete meine wichtigsten Papiere, verwahrte sie in einem eigenen Schranke, legte einen Zettel auf den Tisch mit kurzer Nachricht, wenn ich etwa die Nacht tot sollte gefunden werden, stieg nach Zeit einer Stunde, die Kerze in der Hand, wieder hinunter, legte mich nun in Gottes Namen und ganz ruhig wieder zu Bette und – schlief den süßesten und festesten Schlaf. Täglich, und ohne irgend einen Arzt zu gebrauchen, wurde mir's von diesem Augenblicke an wieder besser. Auch die Stimme stellte sich allmählich wieder ein, und mein erstes an jedem Morgen war, durch Anstimmung der Arie: » In diesen heil'gen Hallen« zu horchen, wie weit die Kraft eines reinen Tons inzwischen vorgerückt sei. Herr Eggers aus Kopenhagen, der mich mit seiner Frau auf seiner Schweizerfahrt gleich in der ersten Zeit meines Unglücks besuchte, zweifelte so wenig an meinem Tode, daß er mich in seiner Reisebeschreibung bereits als wirklich verstorben aufführte: und jetzt ist er mir seit so langen Jahren schon vorausgegangen.

Unter diesem Wechsel von Freud und Leid hörten die Geschäfte nicht auf, alle meine köstlichste Zeit in Anspruch zu nehmen. Die Verhandlung der pfalz-bairischen Grenzangelegenheiten war endlich so weit vorgerückt, daß sich der Minister selbst zur Abschließung eines Grenz- und Austauschvertrags nach München begeben konnte, wobei ich ihn, als bisheriger Bearbeiter dieser Sachen, Herr Bever aber zur Besorgung der laufenden und von Ansbach eingehenden Ministerialgegenstände, begleiten mußte. Daß der Minister selbst sich mit dieser Kommission befaßte, lag in dem großen Werte, welchen der preußische Hof darauf legte, teils das baierische Haus in seinem Interesse zu erhalten, teils seinen fränkischen Fürstentümern immer mehr Festigkeit und Zusammenhang zu verschaffen. Der baierische Minister Montgelas, auf der andern Seite, fand damals noch ein solches Anschließen an Preußen nicht minder heilsam, und so kam ohne viele Umschweife ein Austauschentwurf zustande, nach welchem der größte Teil des Fürstentums Bamberg mit den Bezirken von Teutschnitz, Cronach, Burgkundstatt, Lichtenfels, Staffelstein, Weißmain, Scheßlitz, mit der Stadt Bamberg selbst und allem, was auf der rechten Pegnitzseite liegt, als Hollfeld, Weischenfeld, Ebermannstadt, Pottenstein und Forchheim, an Preußen abgetreten worden wäre, welches dann seinerseits in gleichem Anschlagswerte an Baiern so viel überlassen hätte, als vom südlichen Teil des Fürstentums Ansbach hiezu erforderlich gewesen wäre; namentlich von den Ämtern Roth, Gunzenhausen, Heidenheim und Wassertrüdingen, und das übrige auf Würzburger Seite von den Ämtern Uffenheim und Leutershausen: sodaß ein Territorialzusammenhang von Würzburg aus bis nach Altbaiern hergestellt worden wäre.

Dieser Plan war wirklich von beiden Seiten groß gedacht, aber eben darum und weil er unmittelbar von Hardenberg kam, mißfiel er dem Grafen von Haugwitz. Überdies beging Herr von Hardenberg den Fehler, daß er nicht selbst, wie er anfangs vorhatte, sich nach Berlin zum Könige unmittelbar begab, sondern sich von Herrn Nagler, den es schon längst kränkte, hierbei keine Rolle spielen zu können, bereden ließ, – ihn mit dem Vergleich und den schriftlichen Depeschen an den Grafen von Haugwitz nach Berlin kutschieren zu lassen. Da ging es dann durchaus krumm; der König, hieß es, könne sich nicht entschließen, ganze Stücke der alten brandenburgischen Stammlande abzugeben und sich von so lieben und getreuen Untertanen zu trennen, die Verhandlungen seien also statt solcher wesentlicher Austausche auf bloße Grenzberichtigungen zu beschränken und zu erneuern. Wahrscheinlich hätte dieser Austausch, wäre er zum Vollzug gekommen, den Freundschaftsbruch mit Frankreich verhindert, weil dann Bernadotte von Hannover aus über Würzburg nach Baiern hätte kommen können, ohne das preußische Gebiet in Franken zu betreten und die Neutralität zu verletzen, was der kriegslustigen Partei in Berlin den Hauptstoff zur Erbitterung des königlichen Gemütes gegeben.

Unterdessen traf der König selber in Ansbach zur Heerschau ein (1803), in ziemlicher Mißstimmung gegen den Minister von Hardenberg, von dem ihn die Haugwitzianer glauben machten, er benehme sich in Ansbach wie ein verschwenderischer Nabob, hätte auf des Königs Kosten das Schloß sich zu einem Feenpalaste hergerichtet, auf welchem für die Frau Ministerin hängende Gärten in die Lüfte gezaubert wären. Da sich nun der König persönlich von diesen boshaften Lügen und von den zu seiner Verwunderung bescheidenen häuslichen Einrichtungen des Ministers überzeugte, der seinem Hange zur Großmut und Gastfreiheit durch Zubuße seiner eigenen Renten von 30 000 Gulden jährlich Genüge leistete, so war er wie ganz umgewandelt, und eilte, dem Minister zur Schadloshaltung das eben heimgefallene Leutersheimer Rittergut Altenmuhr, von 12 000 Gulden Jahresertrag, zu schenken. Auf alle Fälle trug wohl auch die anwesende Königin das ihrige mit bei, um dem Minister wieder auf das Gnadenpferd zu helfen.

Das war nun freilich eine Frau, die wie ein ganz überirdisches Wesen vor einem schwebte, in einer englischen Gestalt und von honigsüßer Beredsamkeit, mit der sie allen die Strahlen ihrer Holdseligkeit zuwarf, so daß jeder wie in einem zauberischen Traume glauben mußte, dieses lebendige, regsame Feenbild sei in ihn verliebt und er dürfe nun auch in sie verliebt sein.

Auch mich sprach sie, eine Zauberin, wenn ich jemals eine gesehen. Sie hatte früher schon dem Könige Stücke aus meiner Baireuther Geschichte vorgelesen und mir schmeichelhafte Briefe darüber geschrieben. Der Minister von Hardenberg hatte es selbst so eingeleitet, als Versuch, um dem König in seiner vielen Muße, die ihm lästig wurde, Geschmack für ernstlichere Bücher beizubringen, da er von nichts als Lafontaineschen Romanen hören wollte. Da ich Sr. Majestät als Dero Diener und Kriegsrat unter die Augen kam und genannt wurde, behandelten Sie mich sehr gnädig und höflich; als aber Herr von Schuckmann meine Aktien steigen machen wollte, durch die Erklärung, daß ich ein gelehrter Mann und der Historiker sei, setzten Sie das freilich nur kurze und zerstückelte Gespräch in der plötzlich herabgesetzten Anrede mit Er fort, sei es, daß ich als Gelehrter in seiner Achtung gesunken oder daß ich dieses als den Ausdruck einer besondern Vertraulichkeit hinnehmen sollte.

Ich mußte hierauf den Minister abermals nach München begleiten, zum Abschluß eines neuen Grenzvergleichs, wozu wir jetzt die Stimmung bei weitem ungünstiger trafen. Man hatte vielmehr, durch Anstiftung des geheimen Kabinettssekretärs Rheinwald, der gewonnen sein wollte, eine Menge Ängstlichkeiten und Zweifel aufgeregt, widrig gesinnte Räte aus den Provinzen zur Beratung einberufen und vorbittende Deputationen aus den Grenzdistrikten veranlaßt. Diesen Herrn Rheinwald hatte der Kurfürst zum Lehrer seiner Kinder von Zweibrücken mitgebracht und nachher in seinem Kabinette angestellt, spottweise unter dem Prädikat »die dicke Sau«, welcher Ausdruck den Hofbedienten, die ihn rufen mußten, aus dem Munde des Kurfürsten ganz wohl bekannt und fast einzig geläufig war. Im Vorzimmer dieses Herrn, oder vielmehr im Vorstall, belagert von einem Troß armer Bittsteller, traf man auf großen runden Tischen ganze Heustöße von Bittgesuchen und eröffneten Berichten, nicht eingetragen, nicht dekretiert, zum Teil zerfetzt und zerrissen, um die Pfeifen damit anzuzünden, oder Wurst und Schinken damit einzuwickeln. Auf ihnen lagen umher Guitarren, Punschbowlen, Nachttöpfe und alte Codices, denn Herr Rheinwald war auch bekannt als eifriger altdeutscher Sprachforscher.

Trat man in das innere Zimmer ein, so sah man Herrn Rheinwald vor sich stehen in alten Schlorfen, die Strümpfe herabgelassen, Waden und Knie nackend, den Hals offen, in altem Hemde und schmierigem Überrocke, die Haare struppig, den Mund aufgesperrt und gleichsam nach Trank lechzend. In der Stube liefen Sängerinnen umher und trieben ihr mutwilliges Spiel unter sich, auf dem Sofa lag ein Komödiant nach der Länge ausgespreizt, ohne sich um die Eintretenden im mindesten zu bekümmern. Das Gespräch selbst, so weit es der Lärm verstattete, war vertraulich und verständig. Von Zeit zu Zeit steckten Bittsteller ihre Köpfe zur geöffneten Tür herein: »Aber Ihr Gnaden, bitt halt um Gottes willen um einen gnädigen Bescheid, bin schon seit acht Tagen alle Tage wiederbestellt.« – »Was Bescheid?« hieß es dann, »Bescheid ist schon da, Sie müsset sich vor examinieren lasse.« – »Aber Ihr Gnaden, bitt doch um Gottes willen, bin ja schon examiniert; hab Ihnen meine Testimonia selber in die Händ gegebe.« – »Schadt alles nichts«, hieß dann der letzte Spruch, »gehens nur hin und lasset sich nochmal examiniere.«

Weil man uns die Ehre erwies, uns für ganz außerordentliche preußische Füchse zu halten, so las man auch fast in allen Gesichtern Angst und Schrecken, ob wir sie nicht beißen würden. Der Kurfürst selbst, wenn er jemand von unserer Mission sah, brach meistens in die Anrede aus: »Nun, wollet Ihr mir schon wieder dies Dorf, diese Stadt, dies Amt nehmen?« lauter solche Sagen von Herrn Rheinwald eingeschwärzt; und doch dabei, wunderbar genug, schenkte derselbe Kurfürst dem Minister von Hardenberg so sehr sein tiefstes Vertrauen, daß er sich gegen ihn in die lautesten Anklagen und Vorwürfe über den Minister Montgelas ergoß; so daß der Herr von Hardenberg, wenn er nachts zu Hause kam, sein Erstaunen über den Kurfürsten, dabei aber auch seinen Unglauben, nicht genugsam erklären konnte. Aber so ist es, und Herr von Hardenberg wird es wohl oft selbst genug erfahren haben, kein König in dieser besten Welt kann seinen Minister leiden, er mag es machen wie er will; er macht es aber am besten, wenn er auf diese persönliche Gnade gar nicht lossteuert, auf alles Hofschranzenwesen verzichtet und geradeaus seine Schuldigkeit tut, so lange man ihm seinen Wirkungskreis gestattet.

Meine Arbeit war es, dem Minister am Morgen einen Plan der beabsichtigten Austauschung vorzulegen, mit Berechnung und Bilanzen des Areals, der Seelenzahl und des mutmaßlichen Ertrags; denn um die in den fränkischen Fürstentümern eingeschlossenen Eichstädter Ämter und die Reichsstädte Weißenburg, Dinkelsbühl und Windsheim zu vergüten und einen gewissen Zusammenhang zwischen Ansbach und Baireuth herzustellen, war es die Absicht, dafür an den Grenzen so viel als möglich an Baiern abzulassen. Dieses rein statistisch-politische Morgenblatt steckte nun der Minister zu sich, als Anhalt für seine den letzten Tag über gepflogenen unmittelbaren Verhandlungen. Wenn er dann nach Hause kam, oft um Mitternacht erst, wurden mir die Anstände, die Einwendungen des Gegenpart und seine Gegengebote bekanntgemacht, und ich hatte nun in derselben Nacht noch oder am frühesten Morgen neue Bilanzen mit neuen Vorschlägen und rechtfertigenden Erläuterungen zu liefern. Meistens half ich mir, wo die bestimmten Angaben ausgingen, dabei mit bloßem Raten, guten Muts in den genauesten Zahlen in Brüchen ausgedrückt; oft wo die Ämter und Grenzkarten keine Schätzung des Quadratinhalts mehr gestatteten, mit Zerschneidung der Kartenstücke, um sie auf der Goldwage gegeneinander abzuwägen, überall mit Bezug auf die anzunehmende niedere oder größere Bevölkerung und den Betrieb des Ackerbaues, der Forsten, Handelsstraßen an diesen mir gar wohlbekannten Grenzstrichen, welches alles aber nachher, zu meiner Verwunderung, durch die angestellten Untersuchungen der Verwaltung meist auf die kleinsten Bestandteile zugetroffen. So kam denn am Ende der wirkliche Hauptgrenzvertrag zustande, den ich ebenfalls in München noch aufsetzen und dann in Gegenwart des preußischen und baierischen Ministers und beiderseitiger Beistände (zur preußischen Mission war nun Herr Nagler herbeigekommen) vortragen, berichtigen und unterschreiben lassen mußte (30. Juni 1804).

Weil es aber da, wo Herr Nagler seine Hand mit im Spiele hatte, an den Schnörkeln, Erkern und Nebenbauten in seinen Verträgen nicht fehlen durfte, so kam es, aber gewiß als eine ganz unnötige Verwicklung und Erschwerung des Vollzugs und der nachherigen Verwaltung, auch hier wieder zu einem Nebenvertrage, in welchem der Kurfürst zum Ersatz der ihm aus dem preußischen Schatz während seiner Emigrationszeit allmählich vorgestreckten viertehalb Millionen Taler an Zahlungsstatt die Ämter Iphofen, Markt-Bibart und Oberscheinfeld abtrat, mit allen Besitzungen der an Baiern gefallenen Stifter und Klöster, welche innerhalb der fränkischen Fürstentümer lagen und von Preußen ohnehin schon als herrenlos und heimgefallen in Anspruch genommen wurden. Jedoch wurde dem Kurfürsten vorbehalten, daraus eine Dotation für den Herrn Minister von Montgelas zu bilden (Emmerzheim wurde nachher wieder von Preußen mit Geld ausgelöst).

Dem Herrn von Hardenberg wär' es ein leichtes gewesen, sich aus dem nämlichen Brunnen auch einen guten Trunk zu schöpfen; aber es war so seine Art, in dem, was Geld und Gut betrifft, zehnmal eher an andere, als an sich selbst zu denken, daher er auch nicht einmal den Hubertusorden für sich angenommen, sondern an seinen Neidhammel den Grafen Haugwitz ehrenhalber hat übergehen lassen. Herr Nagler erhielt, außer dem, was ich nicht weiß, für seinen Bruder eine Pfarrei, Katzenhochstadt, zu 3000 Gulden Ertrag damals angeschlagen. Mir wurde eine Dose mit Brillanten zugestellt, angeblich um 1800 Gulden vom Juden Hirsch (jetzt Herr von Hirsch) geliefert, der sie von mir um 60 Karolinen wieder angenommen, und sie dann dem baierischen Hofe abermals um 1800 Gulden hat zukommen lassen.

Auf der Rückreise allein mit dem Minister im Wagen, schien er meine Erzählungen und Urteile, selbst einige gewagte, gern anzuhören, besonders als ich ihm in einer Art Parodie schilderte, wie er und alle Höfe sich so viele Mühe gegeben, durch die Säkularisation der Hochstifter in dem künftigen Systeme von Deutschland eine gewisse Konsequenz und Bilanz herzustellen, bis dann plötzlich ein Verwalter des Fürsten von Bartenstein (der berühmte Entschädigungsmäkler Feder bei der französischen Gesandtschaft in Regensburg) auftrat und sagte: »Ach! das ist ja alles ein nichts. Der soll das haben, der das« – und danach ging's auch; wobei der Minister in lautes Gelächter ausbrach.

Als ich ihm aber endlich bei einer Gelegenheit meine Verwunderung äußerte, wie ein gewisser, offenbar doch so mittelmäßiger Kopf zu einer sehr bedeutenden Stellung im Ministerialdepartement durchgedrungen, griff er hastig nach meiner Hand, drückte sie heftig, als wenn er mir etwas abzubitten hätte und erwiderte: »Liebster Freund! ein Minister, der sein Handwerk versteht, wird sich niemals einen genialen Kopf zu seinem Handlanger aussuchen. Als Minister will ich nichts, als ganz allein meine eigenen Gedanken in Worten ausgedrückt, meine Gedanken ohne allen Zusatz, echt und rein, vollzogen wissen und das geschieht am sichersten durch Menschen, die in solchen Dingen für ihre Person gar keiner eigenen oder anderer Gedanken fähig wären. Ein genialer Kopf hingegen, seien Sie versichert, wird sich zu einer solchen Handlangerarbeit nicht lange bequemen, sondern mir überall seine eigenen Ideen auf eine so glänzende, überraschende und listige Art unterschieben, daß ich eitel genug werde, sie als die meinigen in Lauf zu bringen, hingegen ganz schmählich von meinem eigenen schlichten Wege abkomme. Ich weiß aber ganz wohl die Fälle, wo ich einen guten Kopf wie einen Arzt zurate ziehe, zeitweilig gebrauche und dafür dann auch außerordentlich belohne. Insonderheit aber trachte ich, in jedes Kollegium immer einen genialen Kopf zu bringen, aber nur nicht zwei, denn zwei zerbeißen sich untereinander selbst und stiften Parteien; der eine aber, mein' ich, soll mir die faulen Wasser etwas umrühren, er soll mir brav den Widersprecher und Opponenten machen, und wenn er's da nur nicht allzu bunt treibt, halt' ich ihn immer oben gegen alle seine Kollegen, und auch gegen seinen Präsidenten, der diese Rolle nicht verstehen sollte.«

* * *

Herr Nagler trieb jetzt seine Anmaßung im Departement des Herrn von Hardenberg so weit, daß er einen Befehl desselben durchsetzte, nach welchem ihm, so lange er sich in Ansbach aufhielt, alle Beschlüsse des zweiten Kammersenats in Landeshoheitssachen vorher zur Einsicht und allenfallsigen Sistierung vorgelegt wurden, wogegen ich mich in meiner Eigenschaft als Rat, weil sich die Präsidenten es selbst nicht getrauten, aufs heftigste widersetzte, und allerdings bewirkte, daß die Vollmacht des Herrn Nagler, weil sie »Eklat« gemacht, alsbald anders gedeutet und zurückgezogen wurde. Das Wörtlein Eklat war überhaupt das Lieblings- und allzeit fertige Stichwort des preußischen Kabinetts. Man durfte vieles wagen, aber mit der Schlauheit der spartanischen Knaben; fing aber die Gegenpartei an zu schreien, so hieß das »Eklat«, der durchaus nicht stattfinden sollte; es wurde alles in den alten Stand gesetzt, und der Diener, welcher nicht Gewandtheit genug bewiesen, den Eklat zu ersticken, erhielt öffentlich unrecht. Darum rate ich auch jetzt noch den Mindermächtigen, nur recht zu schreien: Zeter! Mordio! Es hilft.

Mir selbst hat auch Schweigen und Dulden niemals Rosen gebracht. Da der Vizepräsident von Hänlein jetzt mein Schwager war, so hätte er mich gern in die Schule der höfischen Tanzkunst genommen, und ermahnte mich, allen meinen Vorträgen und Berichten eine rechte Milde und Geschmeidigkeit zu geben. Da aber eben die Berichte, welche ich für ganz besonders mild und geschmeidig hielt, die Herren Ministerialräte nur zu desto kühneren Angriffen gegen mich reizten, weil sie glaubten, ich sei in der Flucht begriffen: so legte ich wieder mehr Pulver auf die Pfanne und fing meinen alten Sturmschritt an, worauf ich die Milde und Geschmeidigkeit, wenn auch nicht an mir, doch an meinen Gegnern zu kosten bekam.

Beim Vollzug des mit Baiern geschlossenen Grenzvergleichs erhielt ich den Auftrag, die Ämter Herzogenaurach und Büchenbach in dem Straßendistrikt bei Baireuth in Besitz zu nehmen, dagegen das Amt Osternohe abzutreten. Ich muß wohl meine Rolle mit ziemlichem Anstand gespielt haben, weil mich im Amthause zu Herzogenaurach das Einheizemädchen für Se. Majestät selber hielt und meinen Bedienten fragte: »ob es dem König warm genug sei?« – Auch wurde ich an die Spitze der gemeinschaftlichen Grenzregulierungskommission gestellt, mit Herrn Major Stierlein als technischen Dirigenten. Baierischerseits war Herr Landesdirektorialrat von Gropper und als technischer Dirigent Herr Forstinspektor Schemenauer beordert. Es wurde mir aufgetragen, eine gemeinschaftliche Instruktion für die beiderseitigen Kommissionen zu entwerfen und mit den technischen Dirigenten über die Art des anzunehmenden Maßstabs und der Instrumente Rücksprache zu nehmen. Obgleich ich alles dieses binnen 14 Tagen bewerkstelligte, hielt doch Herr Nagler die Instruktion beim Ministerium vier Monate lang zurück, und war dann keck genug, mir in einem von ihm eingeflüsterten Ministerialbefehl aufzubürden, ich hätte Schuld am langen Verzögern, weil ich die Instruktion nicht früher vorgelegt und unterdessen nicht die Instrumente hätte anschaffen lassen. (Ohne Auftrag? wo noch nicht entschieden war, welcherlei Art gebraucht werden sollte? und was gingen denn mich übrigens die Instrumente der baierischen Vermesser an?) Zugleich hatte Herr Nagler auf die älteren Grenzkarten, die mir zu meiner Information unentbehrlich waren, die Hand gelegt, und verweigerte mir deren Gebrauch auf die boshafteste Weise. Dieses erbärmliche, leidenschaftliche und dabei ganz pflichtwidrige Necken brachte mich endlich so aus dem Gleichmaß, daß ich bat, mir das Kommissorium abzunehmen, und am Schlusse beifügte: »Sollten übrigens Ew. Majestät glauben, daß, wenn ich mich zu diesem Geschäft nicht wollte gebrauchen lassen, Sie auch meiner übrigen Dienste gänzlich nicht mehr bedürften, so steht auch dieses zu Allerhöchstdero Gefallen.« Mein Vermögen setzte mich in Stand, ohne Frau und Kind als einzelner Mann für mich selbst in bescheidener Art ganz gemächlich zu leben; und dieser Aufschrei zur natürlichen Freiheit hat sich in meinem Leben von einer Zeit zur andern laut aus der Brust hervorgedrängt.

Der Minister, der nun wohl jetzt erst das armselige Spiel des Herrn Nagler ins Auge gefaßt, antwortete mir durchaus eigenhändig: Ohne Zweifel hätte ich das zurückfolgende Entlassungsgesuch nur in einer augenblicklichen Aufwallung abgefaßt. Es könne mein Ernst nicht sein, einen Dienst verlassen zu wollen, der mich aufgenommen und in dem ich eine so ausgezeichnete Anerkennung meiner Geschicklichkeit und meiner Verdienste gefunden. Nach der Freundschaft, welche mir der Minister stets gewidmet, und nach den Verhältnissen, worin wir schon so viele Jahre zueinander gestanden, glaube derselbe Anspruch auf ein größeres Vertrauen machen zu können. Der Minister stellte mir frei, entweder den ganzen Vorgang auf sich beruhen zu lassen oder eine gelassenere und ruhigere Vorstellung einzureichen, welche ihn instandsetze, darauf wohltätig zu wirken; nicht aber ihn durchaus zu zwingen, gegen mich bloß als Chef zu handeln.

Zu einer solchen Art gelassener Vorstellung entschloß ich mich denn auch, konnte mich jedoch nicht enthalten, dabei zu schildern, wie unbehaglich mir überhaupt eine solche Grenzkommission sei, wo ich, mit Aufopferung meiner Gesundheit und Zubuße meines Geldes, nichts zu tun hätte, als tagtäglich von Morgensanbruch bis zum späten Abend unter Wind und Wetter den halbwilden baireuther und oberpfälzer Bauern ihre Kuhweiden auszustecken, und statt eines Bäumchens für eine dankbare Nachwelt nur Steine und Pflöcke zu pflanzen.

Hierauf erfolgte nun eine ganz außerordentliche Ehrendeutung des vorausgegangenen kränkenden Ministerialbefehls, mit gänzlicher Zurücknahme der mir gemachten Vorwürfe, welches aufzusetzen Herrn Nagler sichtbarlich großen Schweiß gekostet hat. Gleichzeitig reihte sich dem eine Zulage von mehr als 1000 Gulden an, nämlich 200 Gulden an Gehalt, 300 Gulden für zwei Pferderationen und 525 Gulden mir auf beständig bewilligte jährliche Diäten. Herr von Schuckmann, der es als Präsident nicht wohl umgehen konnte, mir über den Ton meiner ersten Eingabe die Leviten zu lesen und seine Besorgnisse auszudrücken, war einer der Eifrigsten, mir über diesen Ausgang der Sache seine Freude zu bezeigen und mich zu bitten, künftig bei den Verfügungen des Herrn Ministers nur auf seine mir so fest verbürgten Gesinnungen, nicht aber auf die Deutungen der nur von anderen hervorgegangenen Worte und Wendungen zu sehen, auf deren Kritik bei jedem einzelnen Reskript ein solcher Herr sich unmöglich einlassen könne.

So getröstet unternahm ich denn zwei Jahre hindurch das mühselige Geschäft der Grenzregulierung von Eger an bis ins Pegnitzer Amt, ein ungeheures Geschäft, das jetzt bei Vereinigung der Länder ganz unnütz geworden, ausgenommen, daß zugleich auch vielleicht mehr als tausend Händel und Streitigkeiten der Bauern und Gemeinden über ihre Gemeindehut und Wald- und einzelnen Ackergrenzen abgemacht oder vermieden wurden, worauf wir uns notwendig einlassen mußten, weil die Grenze sich immer nach der Flurmark richten sollte. Nicht ein einziges Mal blieben Versuche unserer gütlichen Vermittlung erfolglos, nur war dabei wohl zu beachten, daß man zuerst den einen Teil, ohne ihm unrecht zu geben, tüchtig schreien und hantieren ließ, sodann ihm Schweigen gebot, damit sich der andere Teil ebenso arg ausschreien möge; hierbei bin ich selber auch mit solchem Geschrei dazwischengefahren, daß alle Bauern einige Schritte wichen und den Hut abzogen, den sie bisher trotzig aufbehalten. War es so weit gekommen, so zog ich aus jedem Haufen einen, der mir unterdessen als der Gewandteste und Gescheiteste aufgefallen, hervor, sprach ihn nun recht gemäßigt und freundlich an, erteilte ihm und der ganzen anwesenden Mannschaft wegen ihrer Rechtlichkeit und Verständigkeit viele Lobsprüche, sagte ungefähr, wie mich die Sache bedünke und glaubte, sie sollten sich lieber in Güte noch vereinigen, welches denn meistens unglaublich schnell erfolgte.

In dem Falle, daß sie doch nicht nachgaben, ließ ich sie stehen und ging mit starken Schritten zu anderer Grenzbegehung vorwärts, wo sie mir dann immer schreiend und zankend, von mir aber unbeachtet, nachrannten. Endlich, wenn sie sich in solcher Art müde geschrien und gelaufen und ich mich mit der baierischen Kommission vorher einverstanden, drehte ich mich plötzlich um und verlas ihnen den zum gemeinschaftlichen Protokoll genommenen possessorischen Beschluß, der immer mit tiefem Schweigen anerkannt wurde. Hatte ein Teil gänzlich unrecht erhalten, so riefen die Alten ihre Buben herbei und ermahnten sie nun, künftig bei ihrer Nachkommenschaft zu bestätigen, daß der alte Vater nichts versäumt und aus allen Leibeskräften widerfochten und widerschrien habe. Der Bauer will schlechterdings, daß man ihn ausschreien lasse, dagegen hat er nicht geringen Respekt vor dem Beamten, der, wenn's an ihm ist, wieder recht schreit, weil er meint, das Brot müsse neben ihm auch von den anderen im Schweiß des Angesichts verdient werden. Etwas viel Plage machte mir die Ängstlichkeit und Argwöhnigkeit des kränklichen, sonst aber ganz wackern baierischen Kommissärs von Gropper, besonders wenn ich die gar zu schlecht stilisierten Protokolle, sintemal sie künftig als gemeinschaftlich gelten, und die seltsame deutsche Jesuitenorthographie mit meinem lutherischen Bleistift verbessert haben wollte. Das beiderseitige Personal unserer Kommission bestand aus etwa zwölf Gliedern, den Kommissären, technischen Dirigenten und Ingenieuren, meist Offizieren und Aktuaren. Unsere oft ziemlich schlechten Quartiere mußten wir zerstreut in den nächsten Dörfern suchen; unserm Grenzgang schlossen sich die Gemeinden, Beamten, Förster und Gutsbesitzer an. Mittags hielten wir meistens im Schatten der Wälder oder auf Bergen, wo dann nicht selten die herbeigekommenen Edelleute, Amtleute, Förster usw. als Wirte mit einem Fäßchen Bier, Wildbret, Käse und dergleichen aufwarteten. Alles, Edelmann und Bauer, lag dann untereinander, zwischen Bierfaß und Bratenfeuer gelagert.

* * *

Bei meiner Zurückkunft im zweiten Jahre meines Grenzregulierungsgeschäfts (Ausgangs Herbst 1805), fand ich in Ansbach alles von Kriegsgerüchten und wirklichen Kriegsmärschen der Franzosen, Österreicher und Baiern sehr unruhig und aufgeregt. Man durfte bei der Prinzessin Solms, Schwester der Königin, dem Präsidenten Hänlein, bei Herrn Kriegsrat Ladenberg, in Gegenwart der Subalternoffiziere und der alten preußischen Beamten nichts als von Krieg und der alsbaldigen federleichten Vertilgung aller Franzosen sprechen. Auch Hardenberg scheute sich, wegen des allzugroßen Einflusses der Königin, dieser schnaubenden Kriegspartei sich zu widersetzen.

Als Hauptgrund wurde vorzüglich der eigenmächtige Durchmarsch des Marschalls Bernadotte durch das hiesige Fürstentum benutzt, ohne zu bedenken, daß man vorher schon auf dieselbe Art den österreichischen Truppen den Durchgang gestattet, den man bei solch einem zerschnittenen Gebiet, dessen bessern Zusammenhang der Graf Haugwitz selber verhindert hatte, unmöglich verwehren konnte. Mußte sich doch auch in Baiern der Kurfürst (im Jahre 1735) einen solchen Durchmarsch der am Rhein Österreich zu Hilfe eilenden Russen gefallen lassen.

Da jedoch diese Herren schon ein so großes Jammergeschrei über bloße Etatsüberschreitungen machten, so kann man leicht begreifen, wie unversöhnlich sie sich auch bei Grenzüberschreitungen beweisen würden.

Man errichtete eine besondere Kriegskommission, wovon ich auch ein Mitglied wurde, um im Falle eines feindlichen Überzuges für die vorläufigen Sicherungsanstalten der Kassen, Magazine, Archive usw. zu sorgen, sowie für Vorrat und Unterkunft eines zu erwartenden preußischen Truppenkorps. Vielen alten Kriegsmännern gefielen die Sachen nicht, und wie mich dünkte, dem Präsidenten von Schuckmann ebensowenig. Der in allen Briefen und Zeitungen ausposaunte vortreffliche Geist des preußischen Militärs wollte mir durchaus nicht einleuchten; uralte im Gamaschendienst ergraute Generale, junge übermütige Subalternoffiziere; ein angeworbenes, ausländisches Gesindel als Kern der Armee, schlecht genährt; schlecht gekleidet, aber nicht schlecht zerprügelt, konnten wahrhaftig niemand imponieren. Da es der Minister von Hardenberg früher gern sah, wenn ich ihm über die laufenden politischen Angelegenheiten meine Urteile nach vergleichenden historischen Notizen älterer Zeiten mitteilte, so eröffnete ich ihm freimütig meine großen Besorgnisse in Sentenzen über mutwillige und eben daher jederzeit unglücklich geendete Kriege, man wird freilich lachen, aus Thukydides und Tacitus. Die Schreier fingen an, mir abwesend an öffentlichen Orten zu drohen, waren aber, wenn ich ihnen auf das Zimmer rückte, mir nichts geständig, oder wollten wenigstens nur bedingt, und weil sie das und das von mir unmöglich glauben könnten, dergleichen ungefähr gesagt haben, und fielen mir um den Hals, unter häufigen Tränenergießungen. In der Kriegskommission, wo man mit Herrn Ladenberg immer nur nach Krieg lechzen sollte, merkte ich wohl, sah man mich auch nicht gern; ich blieb also freiwillig aus.

Mein Geschäft darin war bisher hauptsächlich, alle Amtsdeposita einzufordern und sie Amt für Amt zu übernehmen. Das Lustigste dabei war, daß Herr Kriegsrat Schunter von Baireuth aus alle diese Papierschätze nach Magdeburg in Sicherheit bringen sollte. Nach Entlassung des Baireuther Fuhrmanns noch mit einem andern unterwegs einverstanden, kam er glücklich vor den Toren dieser weltberühmten Festung an, in die er sich nach dem zurückgelassenen Befehl an den Fuhrmann, seiner vor dem Tore zu warten, alsbald verfügte, um dem Kommandanten seine Ankunft zu melden und Unterkunft für seinen Transport zu verlangen, was aber überflüssig war; denn bei der Rückkunft ans Tor war der Wagen mit Fuhrmann und Pferd verschwunden, und soll heute noch wiederkommen. Hätte man doch lieber die Sachen an Ort und Stelle gelassen!

Endlich, nachdem das preußische Regiment Tauentzien schon geraume Zeit früher zu den Kantonnements im Baireuthischen abgezogen war, rückte der Feldmarschall Bernadotte, um das ganze Fürstentum für Baiern in Besitz zu nehmen, in Ansbach ein. Die Überraschung und Verwirrung im ersten Augenblicke, wo alles den Kopf verloren zu haben schien, ging in das Unbeschreibliche. Man mußte in den ersten Tagen das Einquartierungs- und Verpflegungsgeschäft erst von den Franzosen selber lernen. Um die Wirtschaft noch toller zu machen, wurden von seiten der preußischen Regierung alle Diener zur Erklärung aufgefordert, ob sie in baierische Dienste übergehen oder mit nach Preußen gehen wollten, wo man zugleich für diejenigen, welche sich für Preußen erklärten, bei dem französischen Generalstabe die Befreiung von der Quartierlast in Anspruch nahm. Dadurch allein schon hinlänglich gelockt, meldete sich Kreti und Pleti zur Mitwanderung: selbst die, lächerlicherweise, ebenfalls aufgeforderten Pfarrer stellten sich zum Abzug bereit, baten aber vorsichtigerweise doch um die baren Reisekosten und die eventuellen Bestallungsdekrete für die vermeintlichen fetten Pfründe im gelobten Lande Preußen. Die sublime Idee rührte von Herrn Nagler her, in der Meinung, wenn er also mit allen seinen Feder- und Papiergenossen abzuziehen drohe, so werde vielleicht Baiern in der Unmöglichkeit, die Provinz ohne ihn verwalten zu können, lieber freiwillig wieder auf dieselbe verzichten.

Mir selbst ging unter dem 12. März die Präsidialnote des Herrn von Hänlein zu, mich zu erklären, ob ich in den preußischen Dienstverhältnissen zu verbleiben und solche in Baireuth, bei dem dorthin zu verpflanzenden zweiten Kammersenat, fortzusetzen gedächte? Es war mir auf diesen Fall eine Domherrnpräbende von Magdeburg oder Halberstadt und zwar durch den Herrn Legationsrat Jordan, weil man wußte, daß ich mit Nagler nichts zu schaffen haben wollte, zugesichert, mit der Erlaubnis, solche wieder an einen andern abtreten zu dürfen, welche auf alle Fälle achttausend preußische Taler eintragen sollte. Allein da ich in Ansbach ein großes Haus besaß, und nicht ohne Grund argwöhnte, daß mich Herr Nagler nur in die Archivkasematten nach Plassenburg zu schleudern suche, und ich überhaupt da, wo sein Geist noch ferner walten würde, für mich kein Glück und keine Zufriedenheit sah, so wenig als eine Entschädigung in den vorgespiegelten Domherrenstellen, was jetzt eine mehr als verdächtige Münze war; so gab ich die feste und unbedingte Antwort, daß mir meine Verhältnisse geböten, den angetragenen Abzug in eine preußische Provinz abzulehnen, und daß ich vielmehr glaube, nachdem dasjenige Fürstentum, in welchem ich bisher gedient, an einen andern Regenten abgetreten sei, auch diesem neuen Herrn in meinen Diensten ohne Vorwurf folgen zu können. Hierauf erhielt ich unter dem 5. April 1806 bis zu erfolgender ausdrücklicher Entlassung eine vorläufige Dispension von den bisherigen Geschäften, bald aber einen Befehl des Ministeriums, oder vielmehr des Herrn Nagler: Da ich neben meiner Stelle als Kriegs- und Domänenrat in Ansbach auch geheimer Archivar zu Plassenburg sei, so hätte ich mich in dieser letzteren Diensteseigenschaft ohne weiteres dorthin zu begeben. Diesem war natürlich leicht dadurch zu begegnen, daß ich auf der Stelle meine Dienstentsagung auch auf dieses Plassenburger Amt einreichte, worauf eine weitere Entschließung gar nicht mehr erfolgte.

Entladen in diesem Augenblick von allen Geschäften, der Zukunft ungewiß, und im eigenen Hause vor lauter Einquartierung selbst nicht mehr Herr, führte ich kurze Zeit über ein Leben wie ein Verdammter in der Hölle. Da war den ganzen Tag über ein Reißen an der Hausglocke, ein Heraufstürmen über die Treppe, ein Herausstürzen und Rennen zur Tür mit dargereichten Quartierbilletten und unverzüglich versuchten Besitzergreifungen, während alle Zimmer des Hauses schon angefüllt waren, und ich die älteren Einwohner herbeirufen mußte, um die neuen Prätendenten abzutreiben. Auf der Munizipalität hatten sie alle Übersicht verloren, wußten gar nicht mehr, wo und wie viel Leute überall lagen, gaben, um nur im Augenblick die Dränger abzufertigen, auf die nächste beste Hausnummer, die ihnen gerade unter die Augen kam, oder genannt wurde, die Billette ab, und waren überhaupt gar nicht geneigt, mich besonders zu schonen. Meine erste Einquartierung war General Maison, der mich aber verließ, weil ihm der Platz, das ganze obere Stockwerk, zu klein war; darauf erhielt ich einen Chef d'Escadron und Adjutant des Marschalls, namens Berton, – der nachher erschossene, unglückliche Anstifter des Aufruhrs in Saumur, – und nebenbei immer noch ein, zwei, vier, auch wohl acht Offiziere über Nacht, besonders wenn der Herr Marschall Ball gab und dazu oft 500 Offiziere aus andern Garnisonen einlud. Doch erhielt auch ich geschriebene Einladungen dazu, gewöhnlich in folgender Weise: Le maréchal Bernadotte prie Monsieur le Conseiller Lang de lui faire l'honneur de venir passer chez lui la soirée de dimanche 25. On se réunira à 9 heures. Il y aura bal. – Ich sah einmal daselbst vier Marschälle zu gleicher Zeit: Bernadotte, einen himmellangen, schwarzen Mann mit feurigen Augen unter dicken Brauen; Mortier, noch größer, mit einem langen steifen Zopf und einer geistlosen Schildwachgestalt; Lefebvre, einen alten Elsässer Gamaschenknecht, mit seiner Frau Gemahlin, der ehemaligen Regimentswäscherin, und Davoust, ein kleines, glatzköpfiges, anspruchsloses Männlein, das nicht satt werden konnte, zu walzen. Unter allen war Davoust in seinem Kantonnement der Genügsamste und Ruhigste, und damals nichts weniger als ein Tyrann, als der er nachher in Hamburg, vermutlich im Drange ganz anderer verzweifelter Umstände, verschrien war. Mein Hauskommandant, Herr Berton, war ein lebhafter helldenkender, nicht ungebildeter Mann; wir gewöhnten uns bald so zusammen, daß wir beiderseits über unsere Grundsätze kein Hehl hatten, und ich in der wechselseitigen Unterhaltung bei Tisch und im Garten einen Genuß fand, der die übrigen Beschwerlichkeiten und Lasten vergessen ließ. Herr Berton war ein strenger und konsequenter Republikaner, auch Bonapartist, weil es nicht anders zu machen war, wiewohl ihm das Kaiserwesen wehe tat.

Unter solchem Drängen und Treiben, um mir doch selbst ein Geschäft zu machen, und die zahlreichen Verdrießlichkeiten des Tages desto leichter an mir vorübergehen zu lassen, verfaßte ich die »Annalen des Fürstentums Ansbach unter der preußischen Regierung«. Der König von Baiern, mein neuer Landesherr, dem ich die Ansbacher Annalen übersandte (jetzt darf man in Baiern dem König gar nichts mehr zusenden!), ließ mir antworten: er zweifle nicht, daß die nunmehrigen Verhältnisse, mein Talent und meine Anhänglichkeit ihm alle Gelegenheit geben würden, mir die Beweise seiner Huld und Gnade zu betätigen, was halb zugetroffen, halb nicht zugetroffen ist. Blieb mir bei solchen Beschäftigungen noch ein kleiner Schatten von häuslicher Sorge und Unmut über, so vertrieb ich ihn durch die Sonne. Diese herrliche, liebe Sonne, rief ich, von meiner Rasenbank aufspringend, können sie mir doch nicht okkupieren. Was ist's denn um den andern Bettel!

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