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Aus der bösen alten Zeit

Karl Heinrich von Lang: Aus der bösen alten Zeit - Kapitel 10
Quellenangabe
typebiography
authorKarl Heinrich von Lang
titleAus der bösen alten Zeit
publisherVerlag von Robert Lutz
printrunVierte Auflage
editorViktor Petersen
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
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Rastatt, ein Jahrmarkt der Eitelkeit

Die Baireuther Kollegen Langs. – Seine Heirat. – Übersiedelung nach Kulmbach; die Plassenburg. – Tod der jungen Frau. – Der Minister von Hardenberg schickt Lang zum Rastatter Kongreß. – Die drei preußischen Gesandten daselbst. – Der zopfige Geschäftsbetrieb. – Die sonstigen Gesandtschaften und Vertretungen. – Die Säkularisation der geistlichen Güter. – Der Streit um die Beute. – Geselliges Treiben in Rastatt. – Das Ende des Kongresses. – Der Gesandtenmord.

 

In Baireuth traf ich mein förmliches Patent an, vom Minister Hardenberg unterzeichnet zu Basel, den 25. November 1795, mit einem Handschreiben desselben, worin er sich entschuldigte, daß aus Versehen der Anfang meiner Besoldung erst auf den 1. Dezember gesetzt worden. Durch Befehl an die Kasse habe er denselben auf den Anfang des Etatsjahres, 1. Januar 1795, zurückverlegt. Diese Nachbezahlung, mit der im preußischen Dienst gewöhnlich verbundenen vierteljährigen Vorausbezahlung des laufenden Jahres, setzte mich in Stand, meine häuslichen Einrichtungen in aller Behaglichkeit zu treffen. Übrigens beweist es, wie sehr der Minister von Hardenberg ohne alle Veranlassung aufmerksam war, seinen Untergebenen, wo es nur immer möglich war, etwas Angenehmes zu erweisen. Man tat am besten, ohne alles Betteln und Klagen, sich den freiwilligen Überraschungen seines wohlwollenden Herzens getrost zu überlassen.

Herr Ammon, damals Professor und Universitätsprediger in Göttingen, der nachherige Oberhofprediger in Dresden, gab mir eine Empfehlung mit an seinen Vater, der Kammerrat und Kammeramtmann in Baireuth war. Dieses Schreiben wurde honoriert wie ein wahres Quartierbillet; man nötigte mich fast täglich zu Tisch, die Hausfrau mittelte mir eine angenehme Wohnung aus und besorgte meine Einrichtung, wozu selbst die Töchter halfen; man versicherte sich überhaupt meiner Gesellschaft, wo es nur immer möglich war, und machte mich schleunigst mit den Umgebungen der Stadt bekannt, worauf die Baireuther überhaupt etwas stolz sind. Herr Kammerrat Ammon war übrigens ein eigener Mann; stattlich von Gestalt, voller Courtoisie nach der alten Art, etwas eitel, den Tod schon im bloßen Namen fürchtend, sein Alter wie eine Konterbande verleugnend, und dann im Innern des Hauses heftig, aufbrausend und tobend über das Maß. Gewöhnlich, wenn ihm die Befehle der Kammer zukamen und er sie öffnete, warf er alle, die ihm mißfielen, weit hinter die Tür zur Erde, ohne seinen Schreibern und Dienern zu gestatten, sie aufzuheben. Höchstens in einer Viertelstunde las er sie selber wieder auf, glättete sie und war dann immer unter allen Beamten derjenige, der sie am ersten und pünktlichsten vollzog. Darum und wegen seiner übrigen treuen Kassenführung sahen ihm die Obern diese seine Wurfübungen, die ihnen nicht unverraten blieben, mit großer Humanität nach, ja öfters sagte der Präsident scherzend: »Nun, das ist ein Befehl, den wird uns der Kammerrat Ammon wieder hinter die Tür werfen!« Die Bauern waren immer auf das erste Donnerwetter gefaßt, gingen am Ende wohl zufrieden nach Hause und lobten den Herrn, der sich's ihrer Meinung nach so sauer werden ließ.

Die beiden Präsidenten von Schuckmann bei der Kammer, und von Völderndorf bei der Regierung, hatten den Auftrag, mich zu verpflichten und in mein neues Amt einzuweihen. Von Schuckmann werde ich noch öfters zu reden Gelegenheit haben. In Völderndorf traf ich einen langen schwarzen, hageren Mann, der sich mit einem eisernen Sinn über alle kleineren Konvenienzen des Lebens hinwegsetzte, ein Enthusiast des besten Willens, und ins Hetzen, Treiben und Arbeiten gleichsam romantisch verliebt. Der jungen Leute, der Auskultatoren und Referendarien nahm er sich mit Eifer, das ist, wie überall, mit heftigem Eifer an, war aber ein unbarmherziger Meister, wo er Mangel an gutem Willen argwohnte. Daher gab er einem Auskultator, namens Geiger aus Erlangen, einem glänzenden aber liederlichen Talent zur Probezeit die Frage auf: »Durch welche Mittel könnte ein liederlicher und ungezogener Auskultator noch gebessert werden?« Dieser antwortete in seiner Ausführung unbefangen: »Wenn man ihn zu einem recht groben Präsidenten tut.«

Die Herren Kommissarien fuhren nun mit mir nach Plassenburg (bei Kulmbach), um mich dem dortigen Archivpersonale vorzustellen, wobei uns der Bruder des Ministers, Oberjägermeister von Hardenberg, aus Spaß begleitete.

Etwas Lustiges war wenigstens insoweit an der Sache, daß schon zwei andere alte Archivare da waren, Herr Seidel und Herr Liebhard, und niemand nun wußte, ob ich der erste sein sollte oder der dritte; ich benahm mich aber ohne weiteres als der erste, und damit ging's auch um so mehr, als der Minister mir erklärt hatte, daß er mir den Platz von Spies zugedacht; doch vermerkte ich im Ort ein gewisses Erstaunen, wie ein Mensch von fünf Fuß und etwas darüber einen Mann, einen gewesenen Regierungsrat von sechs Fuß und ziemlich darüber, jemals sollte ersetzen können. Der Nebenarchivar, Herr Liebhard, äußerte mir, das Archiv sei ein Ozean, er sei nun zwanzig Jahre lang dabei angestellt und kenne noch so viel als gar nichts davon; so werde es mir auch gehen. Der andere, Herr Johann Basilius Seidel, Verfasser des seinerzeit geschätzten Werkleins: Abhandlung von dem Burggraftum Nürnberg, Eisenach 1751, verstand wohl mehr davon, war aber schon viel zu alt, um das auf einem hohen Berge gelegene Archiv öfters besuchen zu können, und behandelte mich vorderhand als einen Mann, dem erst auf den Zahn zu fühlen wäre. Nach Baireuth zurückgekehrt, wo ich einen Nebenarchivar an einem Herrn Puchta fand, war nun mein erstes Bemühen, mich in die allgemeine Geschichte, Topographie, das Staatsrecht und in die Gesetzgebung vom Fürstentum Baireuth einzustudieren, wobei ich sowohl die vorhandenen literarischen, als auch die in den Archiven vorhandenen Generalübersichten und Kollektaneen der älteren Geschäftsmänner zu Hilfe nahm; dabei fertigte ich auch zugleich auf Ersuchen des Präsidenten von Völderndorf den Katalog der dortigen Kanzleibibliothek, welcher nachher vom Bibliothekar Ellrodt ergänzt und in Druck gefördert worden.

Zu meiner schnellen Belehrung im Dienstgeschäft waren mir aber vorzüglich zwei Männer sehr beförderlich, der geheime Regierungsrat Wipprecht, nachher Regierungsdirektor, und der Regierungsrat Kretschmann. Wipprecht, noch ein jugendlicher Mann, in einer sich angeeigneten Leipziger Zierlichkeit, reich an superlativen Lobpreisungen und Schmeicheleien und deklamatorisch in allen seinen Äußerungen, verband mit einer tiefen Kenntnis der Landesverhältnisse, von seinem Vater, dem alten Lehenprobst Wipprecht, sozusagen angeerbt, einen ungemeinen Scharfsinn, Fragen aus der Vaterlandsgeschichte und dem Staatsrecht aufzulösen und aufzugeben. Letzteres insonderheit hat meinen Blick außerordentlich geschärft, und mir als Magnet den wahren Pol fixiert, wohin ich künftig meine historischen Forschungen richten müßte.

Herr Kretschmann hatte sich ebenfalls nicht gar lange vor mir in Baireuth niedergelassen, nachdem er vorher außerordentlicher Professor in Jena, und wenn ich nicht irre, eine kurze Zeit auch zu Erlangen war. Er hatte ein sehr verschuldetes väterliches Rittergut, Kaulsdorf bei Saalfeld, sehr vorteilhaft an Preußen verkauft, und dabei Urkunden und Mittel angegeben, die bisher zwischen Baireuth und Koburg streitig gewesene Landeshoheit siegend für jenes zu entscheiden. Darüber wollten ihm die sächsischen Häuser den Prozeß machen und ihn arretieren lassen, er entrann aber mit Hilfe der Studenten und fand alsbald eine Aufnahme bei dem Minister Hardenberg, der in ihm den Mann erkannte, welchem in den vielen anderen ähnlichen Hoheitsansprüchen der fränkischen Fürstentümer über Adel und Insassen die historisch rechtliche Ausführung und Sachwaltung zu übertragen sei. Herr Kretschmann, durch ein unaufhörliches Wogen seines Gemüts bewegt, kam mir in einem wilden Sturmschritt der Freundschaft und der Gastlichkeit entgegen. Er war bemüht, überall Systeme und Theorien aufzustellen und diese gleichsam gewaltsam geltend zu machen. Er stellte auch, wie Wipprecht, tausend Fragen an mich, aber fast wie ein Feldherr, der mit Pechkränzen Brandschatzung verlangt: ich sollte sie auf der Stelle gleich oder in kürzester Frist lösen durch historische Data, durch Urkunden, durch Hypothesen, durch Analogien. Es war nichts übrig, als um dem zu genügen, unausgesetzt nach Plassenburg hin und her zu fahren, und mich tagelang in das Archiv zu vergraben; ich habe mich auch so recht eigentlich in das Geschäft hineingejagt. Eine treffliche Idee hatte Kretschmann insonderheit aufgegriffen, nämlich vom ganzen Fürstentum, Amt für Amt, aus vollständig gesammelten Urkunden oder historischen Zeugnissen nachzuweisen, wie alle und jede einzelnen Teile durch erste kaiserliche Verleihung, durch Ankauf, durch Verträge, durch Lehenauftrag, durch die erworbene Advokatur der Klöster oder später durch ihre Säkularisation erworben worden seien, und wie denn darüber durch Hausverträge und fürstliche Stammteilungen das Band eines allgemeinen Staatsfideikommisses geschlungen worden sei. Man nannte dieses die Erwerburkunden, die ich als Archivar revidierte, ergänzte und legalisierte. Zur Herstellung einer ähnlichen Sammlung von Erwerburkunden in sechs Foliobänden, auch für das Fürstentum Ansbach wurde ich vom Minister eigens auf ein paar Monate nach Ansbach beordert. Diese Maschine ward unverzüglich der Sturmbock, mit dem man die Mauern der Insassen niederrannte. Durch besondere Ausführungen gegen einzelne Rittergüter, besonders aus den alten Landbüchern, mußte ich Materialien zu neuer Feuerung bieten, welches aus dem Journal des Staatsarchivs der Preußischen Fürstentümer in Franken reichlich hervorprasselte.

Eines Abends, in einer sehr geschmückten Gesellschaft bei Herrn Kretschmann, war die Rede davon, daß die jüngste Tochter des Kammerrats Ammon, eine Blondine (geboren 12. April 1777), das schönste Mädchen der Stadt sei. Ich, betroffen, daß ich dieses bei meinen täglichen Besuchen nicht längst schon selber bemerkt, und um den Fehler auf der Stelle gutzumachen, schleiche mich heimlich ab und schelle an der Tür der Ammonschen Wohnung im alten Schlosse, welche mir von derselben Tochter geöffnet wurde, unter dem Vermelden, daß von ihren Eltern und Brüdern niemand zu Hause sei. Ich sehe das Mädchen jetzt erst recht forschend an, finde sie über alle Maßen reizend, und frage sie, auf der Treppe stehend, ob sie nicht meine Frau werden wolle? Warum nicht? war ihre Antwort, ich sollte mit den Eltern sprechen. Wir schieden unter zärtlichen Umarmungen. Am andern Tage war alles in seiner Richtigkeit. Auf einem Dorfe, zu Truppach, am 18. Januar 1796, wurden wir in ländlicher Feierlichkeit getraut. In später Nacht, vor dem elterlichen Hause, stieg die Braut aus dem Wagen, hing sich an meinen Arm und ging mit mir in meine Wohnung. Doch merkte ich bald, daß man geschwinder ein Bräutigam werden könne, als ein kluger Ehemann. Wir plagten uns anfangs ziemlich aus lauter Liebe, die wir in einem fortwährenden Durchzuge und Wechsel der höchsten Wärme und einer schneidenden Kälte zu fühlen bekamen. Das Weibchen wollte mich heute nicht von der Seite lassen, am andern Tag fand sie es für gut, sich davonzumachen, um ihren Bruder, einen Beamten auf dem Lande, über zehn Stunden weit entfernt, zu besuchen, und schenkte mir kaum einen Abschiedsgruß, wollte sich auch über die Zeit des Wiederkommens gar nicht erklären. Zwei Tage darauf kamen eilende Boten hintereinander, ich sollte kommen, ich müßte kommen, sie hätte ohne mich gar keine Ruhe. Ich kam, der innigsten Herzlichkeit war nun kein Ende; am folgenden Tage war ich schon wieder zur Last. Man ließ mich mit Kälte scheiden, und in derselben Nacht kam die Reue nicht nachgehinkt, sondern mit Extrapost nachgefahren, weil man ohne mich schon wieder nicht leben könne. Ich selbst verdarb mir mein Spiel durch zu viel Güte und zu große Opfer, welche die Weiber vermutlich für Schwachheit halten, die sie durchaus nicht ertragen können.

Die Natur der Dinge führte mich von selbst auf die rechte Bahn; ich zeigte, wie ein Mann sich ausnehme, wenn er den Trotzigen, den Herrschenden, den Gewaltsamen spiele; aber so sind die Weiber! als solcher gefiel ich, nur neue Kapitulationen kamen zu Stande, und ärgerlich über sich selbst, wiederholte mir nachher öfters das Weibchen, sie begreife gar nicht, was für eine Art von augenblicklichem Irrwahn sie also umhergetrieben habe. Desto nachgiebiger war ich für ihren Wunsch, den Ort Baireuth ganz und gar zu verlassen und in die ländlich reizende Stadt Kulmbach zu ziehen, wohin mich jetzt auch ohnehin die häufigen Geschäfte des viel wichtigeren Plassenburger Archivs zogen. Die junge Hausfrau hatte sich längst schon nach einer gewissen Selbständigkeit und Unabhängigkeit gesehnt, die sie in Baireuth selbst unter den Augen einer immer aufsehenden Mutter nicht erlangen konnte. In der Tat, jetzt erst war die Frau ganz mein. Mit einem gewissen freudigen Stolz wurden die Besuche der Mutter und ihre Lobsprüche des Haushalts empfangen. Wir wohnten im Hause einer verwitweten Oberforstmeisterin von Reitzenstein gleichsam wie eine Familie, alle Gesellschaften hatten Gefallen an dem naiven und muntern Weibchen und an meiner guten Laune.

Die Offiziere der preußischen Besatzung ehrten uns, wir machten mit ihren Frauen fröhliche Wallfahrten rings in den Umgebungen umher. Da war für den vergnügten neuen Ehemann noch einmal ein Strauß zu bestehen: die Frau fing an, ein besonderes Wohlwollen für einen Leutnant zu zeigen, einen armen, nicht einmal hübschen, aber herzensguten und ehrlichen Teufel; ich glaubte es zwar zu merken, aber als eine vorübergehende Schwindelei, bei der man den Träumenden nicht durch einen unzeitigen Ruf erschrecken dürfe, und die auch außerdem wohl nicht unruhig machen sollte. Kurz darauf entdeckte sich mir das Weibchen selbst, sie habe gekämpft und den Sieg über sich errungen. Ihre Angst sei nur gewesen, ich würde sie zu früh mit einem Vorwurf beschämen. Dann hätte sie nicht dafür stehen können, was sie, einmal doch beschimpft, hernach weiter getan haben würde. Jetzt aber sei ihre Achtung für mich um desto mehr gestiegen.

Täglich einmal in der Frühe, oft auch noch einmal nachmittags, bestieg ich die auf einem hohen Berg an der Stadt Kulmbach gelegene Feste Plassenburg, was im Winter manchmal ohne Eissporen nicht einmal möglich war. Sie stand unter einem Kommandanten, damals dem General von Plotho, mit einer kleinen Besatzung von Invaliden. Dem Archiv waren im oberen schönen Hofe links beim Eingang die unteren Gewölbe und den Akten die oberen Säle eingeräumt. Das Lokal war an sich zwar trocken, aber kalt, vor den heftigsten Stürmen erzitternd, schwer zu heizen, rauchend, unzierlich und kasemattenmäßig: man kam im Winter erstarrt, im Sommer erkältet nach Haus. Die wichtigsten Urkunden traf ich von meinem Vorfahren Spies im Innern vollständig und wohlgeordnet: sonst aber bestand im Äußern eine ganz altväterliche, armselige, gewürzkrammäßige Einrichtung, mit wurmstichigen Schubladen, die oft nicht ohne Gefahr auf schwankenden Leitern erstiegen und mit höchster Kraft kaum herausgezogen und dann noch schwieriger von der Leiter herabgebracht werden konnten, wo ich dann nicht selten statt der gehofften historischen Schätze auf Fledermäuse und Rattennester stieß. Den alten Archivaren, so oft sie das Archiv besuchten, wurden jederzeit aus dem Hofkeller sechs Maß Wein verabfolgt, auch mein Vorfahr Spies durfte noch für jede Maß 22 Kreuzer fränkisch berechnen. Mir aber wurden diese Liquidationen nicht mehr bewilligt, sondern meine Ratten- und Mäusebraten ohne andere flüssige Zugabe belassen. Mein erstes Beginnen war, das ganze Archiv von oben bis unten durchzumustern und mir dadurch eine allgemeine Übersicht und ein örtliches Gedächtnis der Sachen zu verschaffen, wobei ich mir zugleich alles insonderheit auslas und bemerkte, was zur Baireuther Geschichte von 1486-1603 nur immer dienlich schien, indem ich mir diesen Zeitraum, wo die Fürstentümer von der Kur bestimmt abgeteilt wurden, und wo ich gerade noch so viele unbenutzte und gerade jetzt auch brauchbare Materialien fand, besonders zu bearbeiten vorgenommen hatte.

Indem ich nun daran schanze und grabe, tritt an einem schönen Sommermorgen mein alter ehrlicher Kollege Seidel, gebückt an einem langen Spazierstab, herein, erkundigt sich freundlich nach meinem Befinden und Treiben, und kann nicht aufhören, als ich nun in zufriedenem Mute alles, wie ich es jetzt mache, zeige und schildere, seinen grauen Kopf zu schütteln. Ich wäre irre daran, müßte mich lediglich und ganz allein in die griechische Geschichte hineinstudieren: alle Orte und Dörfer, die ich rings um mich sehe, seien Anpflanzungen der alten Pelasger. Darauf fing er an, in einem weiten Umkreis mir alle Namen auf dorisch, attisch und äolisch zu zergliedern, und nahm dann mit der gutmütigen Ermahnung, auf diesem einzig sinnigen Wege der Geschichtsforschung vorzuschreiten, wiederum seinen Abschied und Rückzug. Mir wurde dabei ordentlich schwindlich und unwohl; leider hatte Herr Seidel in seine Ideen sich so sehr vertieft, daß er auch die Archivbücher und Akten mit lauter griechischen Allegaten angefüllt: und weil er denn in diesen mystischen Schwärmereien meine kahlen Arbeiten notwendig gering schätzte und auch darum hinderlich auf sie einwirkte, daß das subalterne Personal, welches ich treiben und spornen wollte, bei ihm einen Hinterhalt und Ausflucht suchte, so kam es auf meine Beschwerden dahin, daß nicht nur Herr Liebhard, sondern auch Herr Seidel, letzterer sehr ehrenvoll und mit dem Charakter als Regierungsrat, pensioniert wurden, worüber er große Zufriedenheit bezeigte, dabei aber nicht minder fortfuhr, in alle Bücher, die ich ihm ferner zukommen ließ, selbst in meine eigenen, mit Rötelstift seine griechischen Allegate und pelasgischen Beweisstellen einzutragen.

So verflossen unter Arbeit und häuslichen Freuden die süßen Träume eines seligen Stillebens: ein schrecklicher Donnerschlag sollte mich daraus erwecken. Meine Frau, stolz darauf, bald Mutter zu sein, sah ihrer Niederkunft täglich entgegen. Eines Morgens, den 30. August 1797, erwacht sie unter fürchterlichen Zuckungen, die in kurzen Zwischenräumen immer wiederkehren. Man bringt sie, immer sich ihrer unbewußt, nach vielfältigen anderen Versuchen in ein warmes Bad, wo man sie von einem starken, aber wahrscheinlich durch diese gewaltsamen Wehen getöteten Kinde entbindet. Aber sie, unter fortwährendem röchelndem Schlummer und eiskaltem Schweiß, kommt nicht mehr zu sich: an demselben Abend noch war sie eine Beute des Todes.

Der Anblick dieser Leiden, der Übergang von kurzen Hoffnungen zu neuem Schrecken, die grausame Lage, die Qualen eines Todes, der mich so entsetzte, daß ich am Ende selbst geendet zu haben wünschte, schienen mich zu zermalmen. Ich schrie laut auf, als ihr letzter Augenblick gekommen war, und überließ mich dem wildesten Heulen und Wehklagen. Endlich wurde ich still, tückisch lief ich im Zimmer auf und ab, riß die Uhr von der Wand und suchte mit allem, was ich ergreifen konnte, um mich zu werfen; ich hatte eine, durch meine eigenen vernünftigen Vorstellungen kaum bezwingliche Begierde, den Doktor anzupacken und zu würgen. Man wollte mir einen Trank zur Abkühlung beibringen, er kam mir aber vor, wie geschmolzenes Blei, und ich stieß ihn mit Abscheu von mir. Endlich liegend gewann ich wieder einige Ruhe, die sich in einer starren Anschauung der Dinge und in einem verstockten Schweigen äußerte. Doch ließ ich mir's gefallen, daß ein Freund, Herr Zeheim, um den neuen Schreckensszenen der Bestattung und der Traueranstalten auszuweichen, mich auf etliche Tage nach Koburg brachte. Dort war ich kleinlaut und dumpf, immer halb und halb geneigt, mit meinem Begleiter zu kämpfen; nachts fuhr ich in schrecklichen Träumen auf.

Bei meiner Rückkehr empfing mich meine Hauswirtin, die Witwe von Reitzenstein, wie ich es wünschte, mit einem tiefen Schweigen über alles, was geschehen war. Mir selbst unbewußt, ließ ich mein Haushalten ganz in das ihrige übergehen, die Tochter nahm sich mit der zartesten Sorglichkeit aller meiner Sachen an, und ersetzte wenigstens auf Augenblicke durch ihre Gegenwart meinem Gemüt das Bild einer schmerzlichen Vergangenheit. Einige Zeit des Abends brachte ich von nun an immer in der Familie meines Arztes, des Doktors Bachmann zu, dessen Gattin eine Schwester des Direktors Wipprecht war. Nachts ergriff mich von dieser Zeit an alsbald ein ungewohnter unbändiger Schlaf; bei jedem Niederlegen verlangte mich nach dem Traumbild meiner Frau, aber sie erschien mir immer nur in der letzten Gestalt des Schreckens und des Grausens. Ganz besonders sagten mir damals schwermütige Gedichte, besonders Kosegartens, zu. Die wohltätigste Zerstreuung gewährte mir Arbeit, und darum blieb ich auch den ganzen Tag über in meinen Gewölben zu Plassenburg, wo mich überdies eine wunderschöne Aussicht erquickte.

Meine Mittagstafel nahm ich vom Marketender gemeinschaftlich mit einem alten Offizier und hagestolzen Herrn, dem Oberleutant Schreiber, auf dessen Zimmer und an der Seite seines ersten Freundes und Lieblings, eines schwarzen Mopses, genannt Heckel. Wir sprachen da, jeder nach seinem Schnabel, ich nach meinem Archivschnabel von Urkunden und Geschichten, er nach seinem Küchenschnabel von allen leckeren Speisen, die er ehemals in seinen glänzenden Verhältnissen verschluckt und verdauet. Immer, wenn unser bescheidenes Marketendermahl geendet hatte, holte er ein Kochbuch jenes goldenen Zeitalters herbei, und las zum Dessert die Rezepte zu Brühen, Braten, Torten und Pasteten, an deren bildlichem Genuß er sich mit herausgespitzter leckender Zunge labte. Glücklicherweise reichte zu dieser Art von Saus und Braus unsere Kasse genügend aus, auch ließ sich in solcher Art mitgastieren, wer nur immer wollte.

Vom Minister von Hardenberg erhielt ich um diese Zeit den Auftrag, über alle preußischen Prätensionstitel, wovon sich im Plassenburger Archive Nachrichten und Urkunden fänden, ihm zum allenfallsigen Gebrauche bei dem bevorstehenden Kongreß in Rastatt kurze Denkschriften zu fertigen und vorzulegen. Ich übersandte ihm über dreißig dergleichen Denkschriften, darunter der Minister mit eigener Hand einige als sehr wichtig auszeichnete, besonders eine über eine Eventualsukzession in Baden, welche aber nachher in dem allgemeinen Gewühl und Zerwürfnis aller Dinge, wie es scheint, ganz und gar aus den Augen und aus dem Gedächtnis gekommen und zu einer Zeit, wo leicht etwas hätte geschehen können, durchaus unbenutzt geblieben ist. Bald darauf erhielt ich vom Minister (aus Ansbach vom 6. Dezember 1797) folgenden eigenhändig geschriebenen Brief:

Ew. Wohlgeboren Geschicklichkeit und gründliche Kenntnisse bewegen mich, Ihnen einen Auftrag zu erteilen, der aber vorerst noch ganz geheim bleiben muß. Das königliche Kabinettsministerium hat mir nämlich überlassen, zwei Personen aus meinen Kanzleien auszuwählen, welche die königliche Gesandtschaft nach Rastatt begleiten sollen, und verlangt, daß solche nicht unerfahren in Reichssachen, auch routinierte, und zuverlässige Subjekte seien. Außerdem halte ich es für das königliche Interesse und für das der hiesigen Provinzen insbesondere, für sehr notwendig, daß wenigstens einer darunter sei, der von unserer Verfassung und unseren Gesetzen genau unterrichtet, die Gesandtschaft auf dasjenige, was diese betrifft, aufmerksam machen könne. Kommen Sie, sobald nur immer möglich, unter einem andern Vorwande hierher, richten Sie sich dergestalt so ein, daß Sie von hier aus, sobald es nötig sein wird, nach Rastatt abgehen. Das weitere werde ich Ihnen mündlich mitteilen.

Mit vorzüglicher Hochachtung beharre ich Euer Wohlgeboren ganz ergebenster Diener

Hardenberg.

N. S. Es ist, nach soeben eingegangenen Nachrichten, dringend nötig, daß Sie Ihre Überkunft sehr beschleunigen. Sollten Sie nötig finden, von den dortigen Dokumenten etwas mitzunehmen, so tun Sie es; für die Aufsicht über das Archiv während Ihrer Abwesenheit werden Sie schon Sorge tragen.

In demselben Zeitraume wurde auch meine bisherige Archivarbesoldung von 1000 Gulden, ohne meine Bitte, auf die gewöhnliche Ratsbesoldung von 1500 Gulden erhöht.

In Ansbach angelangt, wurde ich alsbald von dem Minister über die Sache der Dinge und über die Stellung, welche ich in Rastatt zu nehmen hätte, näher unterrichtet. Der preußische Kabinettsminister von Haugwitz nämlich, mehr in mystische Träumereien und in Wohlgenüsse als in die Geschäfte vertieft, überall unschlüssig, zaghaft und zögernd, und aus eben diesem Grunde hin und wieder der wirklichen Gefahr aus Schwachheit und Leichtsinn weichend, hatte schon längst gegen den Minister von Hardenberg eine sehr natürliche Abneigung und Eifersucht gefaßt, womit er allen seinen politischen Maßregeln in Franken, meistens, wenn es auf den letzten Vollzug ankam, in den Weg trat, ob er gleich immer alle ersten Einleitungen und Vorschritte aus Mißgunst und Fahrlässigkeit abzustellen unterließ.

Dieses allein war der Grund, warum die von Hardenberg mit Vorwissen des Berliner Hofs schon ganz abgeschlossene freiwillige Unterwerfung der Stadt Nürnberg an Preußen, zu jedermanns Verwunderung, am Ende wieder zurückgewiesen wurde; und war ihm die Rolle, welche Hardenberg als Friedensstifter und vielfältiger Vermittler in Basel gespielt, ein Gegenstand des Schmerzes und des Neides, so glaubte er gerade darin einen scheinbaren Vorwand zu finden, warum derselbe Hardenberg jetzt nicht auch wieder in Rastatt auftreten sollte. Dem Minister von Hardenberg hingegen war seinerseits nicht wenig daran gelegen, in genauer Kenntnis von den Entschädigungsverhandlungen in Rastatt zu bleiben, Der zweite Rastatter Kongreß sollte den Krieg zwischen der französischen Republik und dem deutschen Reich beenden. Hrsg. um für die Vollziehung der geheimen Artikel seines Baseler Friedens, die Abtretung von Bamberg und Würzburg an den Erbstatthalter, und dabei für die übrigen Arrondissements der fränkischen Fürstentümer zu wachen. – Unter dem scheinbaren Grunde der Ersparung erbot er sich, zwei Personen aus seinem Departement als Legationssekretäre in das ohnehin schon ganz nahe gelegene Rastatt abzugeben, und wählte, da dieses in Berlin unbedenklich angenommen wurde, hiezu mich aus, und den damaligen geheimen Sekretär Bever, welchen der Minister schon früher nach Basel mitgenommen hatte. Die Instruktion aber, die wir von ihm erhielten, war, außer unserer ordentlichen Funktion bei der Gesandtschaft, ihm regelmäßige und vollständige Berichte über alles zu erstatten, was sowohl bei der Gesandtschaft, als dem ganzen Kongreß sich ereigne, und die königlichen Gesandten selbst möglichst für das Interesse der fränkischen Provinzen zu gewinnen.

Da sich das Triumvirat des Berliner Kabinetts, wie es scheint, auf eine und dieselbe Person des nach Rastatt abzuordnenden Botschafters nicht vereinigen konnte, so kam es am Ende, damit jedem sein Wille geschehe, zur Ernennung von drei Gesandten: dem Grafen Görz, durch den alten Minister Finkenstein gehoben, Baron Jakobi, als des Grafen Haugwitz besonderem Agenten und Vertrauten, und dem Herrn von Dohm, damit auch die deutsche Reichsexpedition des Herrn Ministers von Alvensleben einen Repräsentanten habe.

Bei dem Erscheinen vor dem Herrn Grafen von Görz, als dem Haupt der Gesandtschaft, bemerkten wir leicht, daß wir für ihn kein erfreulicher Einschub seien; indessen nahm er uns doch artig genug auf, erklärte, daß er uns an seiner Tafel sehen wolle, daß wir auch freie Station und neben unserm fortlaufenden Gehalt einen Karolin Taschengeld zu beziehen haben sollten.

Der Graf Görz selbst war ein Mann von gefälligem Benehmen, sein Haar silberweiß, sein Mund immer lächelnd und noch die wohlerhaltenen Reihen weißer schöner Zähne zeigend, mit der rechten Hand immer in der Westentasche spielend, seine Sprache leise, der Gang sacht, jede Bewegung diplomatisch abgemessen; der Baron Jakobi hingegen kurzstämmig und vierschrötig, beinahe so etwas gemein jüdisch, der Mund immer als ob er Brotkrumen kauete, die Hände mit Tinte besudelt; in dem Herrn von Dohm endlich sah man ein langes hektisches Männlein mit einem hellen angenehmen Auge, freundlichem Mund, der jedem liebreich und beredt entgegenkam, unter beständigen Leiden eines schwächlichen Körpers lebenslustig und nicht selten sich in freisinnige und launige Bemerkungen ergießend; der aber dadurch, daß er sich vom Lehrstand aus in das Feld der Diplomatie geworfen, wozu es ihm gleichwohl an den hohlen Tanzmeister- und Plapperkünsten ermangelte, seine wahre Laufbahn verfehlt zu haben scheint. Überhaupt hat meine Anwesenheit in Rastatt nur allzusehr die geringe Meinung bestärkt, die ich mir im allgemeinen von diesen mehr in den Zeitungsblättern und Nachtzetteln als in der Wirklichkeit figurierenden Gesandtschaftshäuptern in den damaligen (also ohne alle Folgerung für die jetzigen) Zeiten gebildet hatte, nach der Mehrheit, in der sie mir zur Anschauung gekommen: meist kleinliche, eitle, herz- und kopfleere Visitenfahrer und Silbenstecher, Paradierer, Tafelhalter und Fensterilluminierer.

Das übrige zahlreiche Unterpersonal der Gesandtschaft bestand, außer mir und Herrn Bever, primo loco aus einem Herrn Grafen von Bernstorff, der mit vieler Leerheit, Anmaßung und Steifheit eine Art von Kanzleidirektor machte. Es ist mir unbekannt, wohin er nachderhand gekommen, er ist aber nicht zu verwechseln mit dem nachherigen preußischen Minister von Bernstorff. – Nach diesem kam abermals ein Graf, von Finkenstein, Enkel des Ministers, ein junger, bescheidener, im allgemeinen nicht eingebildeter, aber in Geschäften ganz unerfahrener Mann, ohne Blüte und Leben; auch er ist, so viel ich weiß, auf dem politischen Schauplatz nicht weiter mehr aufgetreten, vielleicht daß er ein trefflicher Hausvater und Gutsherr geworden, was ganz in seiner Stimmung zu liegen schien; ferner Jordan, Sohn eines geheimen Oberjustizrates und Güterbesitzers in Pommern, noch ganz ein lustiger Studiosus, von vielem Mutterwitz, angenehmem blühendem Äußern, aber von einer solchen Unwissenheit (es fehlte nicht viel, sogar im Schreiben), daß sie ihm selber zu seiner Lage spaßhaft vorkam, besonders in ihrer Grundursache, wo er sich jahrelang lustig und wohlgemut zu Frankfurt am Main herumtrieb, während der pommersche Herr Papa nicht anders wußte, als dieses Frankfurt sei derselbe Ort mit der Universität Frankfurt an der Oder. Dieser junge Mann trat bald darauf in baierische Kriegsdienste, wußte als Flügeladjutant den alten König Max wohl zu unterhalten, machte eine romantische Reise nach Konstantinopel, wurde endlich General, durch Heirat mit einer baierischen Dame Gutsbesitzer, und lebte später in Neapel. Noch ein Vierter endlich war ein Herr von Motolay, schon ziemlich ältlich, ein Bruder des ehemaligen Reichshofratsagenten von Motolay in Wien, eine ehrliche, etwas einfältige Haut, eben darum dem Herrn von Jakobi wohl empfohlen; ein wahrer Staberl, dabei aber wieder argwöhnisch und schwermütig, der sich ums Leben bringen wollte, weil er sich eingebildet, er habe irgend einmal das Geheimnis verletzt; insonderheit fehlte es ihm so arg an allem Ortsinn, daß, wie er z. B. als Kurier von Frankfurt nach Stuttgart hat fahren sollen, er zweimal, statt von Darmstadt in der Bergstraße fort, wieder nach Frankfurt selbst zurückkutschiert ist. Bei seiner Abgeschiedenheit und unermüdlichen Dienstfertigkeit konnte es übrigens nicht fehlen, daß er unser aller Kanzleiesel und Lastträger wurde.

Anfangs zwar glaubte der Herr Graf von Görz, da uns der Minister von Hardenberg in seine Kanzlei eingeschwärzt, einen Vorwand darin zu finden, daß er uns gar nichts, oder nichts Bedeutendes zur Arbeit zuteilen und in nichts eine Einsicht nehmen lassen wollte; als aber unglücklicherweise eine durch die Herren von Finkenstein und Jordan geschriebene und chiffrierte Depesche abging, die man in Berlin weder lesen noch dechiffrieren konnte, und ein Feldjäger sie mit schrecklichem Verweis zur Umschreibung und Verdolmetschung zurückgebracht, so griff der Gesandte von Jakobi etwas fester darein und errichtete in seinem Hause eine ordentliche Kanzlei, in der Herr Bever die französische Expedition und das Chiffrieren hatte, worin er eine ziemliche Gewandtheit besaß, ich die deutsche Expedition, und wo es dem Herrn Bever zuviel wurde, auch noch das Dechiffrieren, Herr von Motolay aber die Registratur, die Kollationen und das Depeschieren übernahm; das Mundieren Ins reine schreiben. Hrsg. mußten wir insgesamt besorgen. Die Herren von Finkenstein und Jordan erschienen jetzt nur noch, um sich nach Neuigkeiten zu erkundigen, der Graf Bernstorff aber als Zwischenbote zwischen Graf Görz und Jakobi. Auch ward ich noch insonderheit dem Herrn von Dohm zugegeben, und von Graf Görz auch für die Angelegenheiten der ihm zur Vertretung empfohlenen kleineren Stände, und zur Einsicht überreichten Denkschriften usw. gebraucht.

Die Geschäfte der Gesandtschaft gingen damit ihren Gang also: Morgens schon um acht Uhr wandelte der Graf Görz im langen Oberrock, seinen weißen Hausspitz hinterher, zu seinem Schwiegersohn, dem Grafen von Rechberg, und dann zu seinen Busenfreunden und Komitialorakeln, den Grafen von Löben und von Edelsheim. Der Spitz, unterdessen vor den Toren wartend, gab diese Konferenzen der übrigen kleinen Gesandtschaftswelt kund; er wird nicht wenig in ihren Bulletins und Gesandtschaftsberichten paradiert haben.

Nach Hause zurückgekehrt, komponierte der Graf dann aus diesen Eingebungen und Erfahrungen Fragmente von Berichten in einer Art französischer Sprache, die ganz frisch aus einem eigenen Guß, der kurzweg lateinischen Worten französische Endungen gab, hervorzugehen schien. Wenn sich nach etlichen Tagen diese Bruchstücke zu einem ganzen Bericht gesammelt hatten, nahm er den Weg zu den beiden anderen Gesandten, bis er dann endlich zur Expedition in die Kanzlei gelangte, oder, was noch häufiger geschah, nach hinreichend gewährtem Konversations- und Beratungsstoff dies ganz und gar unterblieb. Von elf bis drei Uhr war die Zeit der zu gebenden und anzunehmenden Visiten, um drei Uhr Tafel bis sechs Uhr, dann Ausruhen, Zeitungslesen und Unterschreiben, um acht Uhr Schauspiel, nach Mitternacht zu Hause.

Herr von Jakobi seinerseits fing um zehn Uhr morgens die Tageslast bei dem Frühstück seiner jungen Frau Gemahlin zu tragen an, wo die diplomatischen Herren Abbés, besonders die Domherren Graf von Stadion und von Hompesch in ihren seidenen Mänteln und rottaffetnen Kreuzbändern herbeieilten, der Frau Gemahlin den süßen Morgengruß, dem Herrn Gesandten aber, zu einiger Entschädigung und Mitteilnahme, die bis zur Mitternacht aufgefangenen diplomatisch-politischen Olla Podrida-Brocken zu bringen, welche Hafersuppe sodann noch mit der von den anderen Kollegen mitgeteilten Brühe vermehrt und gegen Abend zur Gärung ausgesetzt wurde.

Unterdessen schrieb sich der Herr Gesandte auf die Papierwickeln der Frau Gemahlin, auf Visitenbillette, Briefumschläge und sonst auf lauter Schnitzeln, um das Papier zu schonen, eine Menge französischer Redensweisen und Wendungen nieder, mit welchen, wie er hoffte, die Nachrichten und Begebenheiten, die er bis zum Abend als kommend voraussah, in der Zierlichkeit der Berliner Gallizismen gegeben werden könnten. Dann in den letzten Stunden wurden diese Papierschnitzeln zusammengereiht, die Lücken der Sachen- und Appellativnamen ausgefüllt und mit dicker Faust auf einen Konzeptbogen abgeschrieben, meistens mit dem Anfang: Sire, nous avons reçu les très gracieuses ordres de v. M. du date – – oder: Nous n'avons reçu des ultérieurs ordres depuis usw. Und dann geschwind damit in die Kanzlei zum Chiffrieren und Abschreiben in duplo, währenddessen der Herr Gesandte noch ein oder zwei Dutzend Privatbriefe schrieb. Der Chiffre war eine Art kurzen französischen Wörterbuchs, in langem aber schmalem Folioformat, um das Aufschlagen zu erleichtern und viele Wörter auf einmal ins Gesicht zu bringen; jedem Worte waren eine oder mehrere willkürliche Zahlen immer von derselben Dezimalfolge, z. B. allezeit Summen von vier Zahlen, beigesetzt: Chiffren über vier Zahlen waren unbedeutend oder non valeurs, und dienten dem Chiffreur nur als Punkte, (Kommata fanden nicht statt) oder als Korrekturen, indem man falsch geschriebene oder abgeänderte Worte durch eine vor- oder nachgesetzte Zahl ungültig machte, und zur Ausfüllung der Zwischenräume und Absätze, damit sie einem Dritten keinen Anhalt geben konnten, wo eine Periode anfange oder anhalte. Daher mischte man auch willkürlich zur Irreführung für Unberufene immer einen oder andern non valeur und besonders beim Anfange ganze Zeilen derselben ein. Eine Menge gewöhnlicher Geschäftsphrasen, z. B. das berühmte nous avons reçu, nous avons parlé, il nous a répondu, waren gleich in einem einzigen Zahlensatz ausgedrückt; dem Chiffreur war auch erlaubt, gleichgültige Redensweisen des Konzepts, die nicht im Chiffre standen, mit solchen zu verwechseln, die im Chiffre standen; er konnte auch ein jedes Wort mit dem nächsten besten geben, welches dieselben Anfangslaute hatte, indem er die Zahl der überflüssigen Buchstaben unter der Chiffre angab; z. B. für maintenir mit 5 unten rechts, statt

main – 641

oder mit 4 vorn links, statt tenir  

 641 –
5    4

Auf diese Weise kann der Chiffreur jede Lücke im Wortverzeichnis mit Leichtigkeit ausfüllen, oder um sich das Umschlagen zu ersparen, aus dem näherliegenden sich selber bilden. Daher geschieht es auch, daß, wenn er mit der linken Hand die Blätter des Chiffres bewegt und mit der rechten die Zahlen schreibt, er einen Bericht schneller in Zahlen setzt, als ein anderer denselben in Worten schreiben kann. Die meiste Kunst der Täuschung eines Dritten muß der Chiffreur dann spielen lassen, wenn er die von anderen mitgeteilten Noten und Aktenstücke in Zahlen setzen soll, weil daraus ein Dritter, der dieselbe Nota hat, und sie wahrscheinlich in der Depesche des belauerten Gesandten ebenfalls suchen muß, gar leicht den Schlüssel des ganzen Chiffre finden könnte. In solchen Fällen muß er sich fleißig mit non valeurs helfen – häufig Allotria, – z. B. Bon jour, monsieur, comment Vous portez-Vous?, den Anfang eines kleinen Liedleins, ein Sprichwort, einschalten, welches hernach der Dechiffreur schon verstehen wird. Gewöhnlich erhält man auch alle Vierteljahre einen neuen Chiffre, d. h. dieses gewöhnliche Diktionär mit anderen, neuen Zahlen versehen. Der Dechiffreur setzt zwischen die Zahlzeichen die wirklichen Worte, was natürlich ein leichtes Geschäft ist, und gibt so die Depesche dem Minister zurück.

Herr von Dohm bearbeitete gewöhnlich die deutschen Gesandschaftsberichte an das Departement des Herrn von Alvensleben, über den Gang und die öffentlichen Verhandlungen der Reichsdeputationen, mit den beigelegten öfters kommentierten Reichsdeputationsprotokollen. Mir wär' es eigentlich obgelegen, solche als Diktat aus der Kanzlei des Herrn von Albini aufzunehmen: ich erhielt sie aber um eine Kleinigkeit durch meinen Stiefelwichser und Kleiderausputzer, und ebensoleicht machte ich mir die zugemutete abschriftliche Beilage derselben für die Dohmschen Berichte, indem ich aus dem Pack von zehn bis fünfzehn Bogen ein kleines Heft von höchstens zwei, ein Stück aus diesem und dann ein Stück aus dem andern, oft aus zwei Votis, (was manchmal sehr schnackisch lautete, z. B. dem Hannoveraner und Würzburger), ein einziges aus Anfang und Ende karikaturmäßig zusammensetzte, was ich auch ohne alle Gefahr wagen konnte, in der absoluten Gewißheit, daß in Berlin keine Seele diese, schon vier Wochen vorher in allen Zeitungen gedruckt gestandenen, abscheulichen Protokolle, jetzt noch einmal ungedruckt würde lesen wollen. Ich und Herr Bever, dem ich meine Kunst ebenfalls mitteilte, konnten uns daher des Lachens nicht enthalten, wenn dann von Zeit zu Zeit aus dem Departement des Herrn von Alvensleben belobende Zuschriften eintrafen, welche den Empfang dieser interessanten Mitteilungen bestätigten und deren regelmäßige Fortsetzung verlangten. Dieses Kanzleiwesen dauerte gewöhnlich von abends acht bis zehn Uhr; früher war meistens gar nichts da, oder nichts fertig: der treue Knecht Motolay hütete unterdessen die Tische und Bänke, und wir hinterließen ihm eine Liste aller Kaffee-, Spiel- und Lusthäuser, worin er uns allenfalls könne suchen lassen.

Das lustige Schauspiel, einen Bonaparte selbst an der Spitze eines solchen Gesandtschaftspuppenspiels zu sehen, hatte ich durch meine spätere Ankunft (18. Dezember 1797) leider versäumt. Dagegen traf ich seine zurückgelassenen Kollegen, erstens Herrn Treilhard, so wie man auf dem Theater einen Notar sieht, nur nicht im schwarzen; sondern im farbigen Rocke, gleichsam herbeigerufen, um für das Deutsche Reich das Testament zu machen, immer mit den Händen fechtend und plaidoyierend; dann Herrn Bonnier, immer schwarz gekleidet, einem wohlgenährten Stadtpfarrer gleichend, aber dabei trotzig und stumm, Monsieur Jean de Bry, ein schwarzes, langes und hageres Männlein, mit feurigem Auge, der sich gegen die deutsche Langweile durch emsiges Treiben der alten Wissenschaften, besonders auch der griechischen Klassiker, schützte. Allen Dreien sah man die tiefe Verachtung für das deutsche Wesen in jeder Miene an, und wie sie ihre zum beschlossenen Vorwärts ausgestreckten Krallen gar nicht verbargen.

Herr Treilhard ging bald darauf als erwählter Direktor wieder ab, und damit die, wie es scheint, als Regel angenommene Dreiheit nicht verletzt würde, so trat als Ergänzung ein Herr Roberjot ein, ein ehemaliger Kaufmann, der durch seine kaufmännische Gesprächigkeit und die den deutschen Kunden bezeigte Höflichkeit die verzagten Herzen derselben wieder etwas stärkte und erfreute. Zu besonderen Konferenzen in Selz, denen Herr von Dohm mit beiwohnte, erschien der berühmte François de Neufchateau, der, indem er über Wassergrenzen unterhandelte, dabei auch seine Wasserverse und Idyllen zum besten gab. Generalsekretär der französischen Gesandtschaft war ein Herr Rosenstiel, Bruder des preußischen Oberbergrates Rosenstiel, wenn ich nicht irre, ein Elsässer, schon seit der königlichen Zeit im diplomatischen Subalterndienst gestanden, und daher für seine Herren Prinzipale, die sich sichtbar nicht recht zu bewegen wußten, der Souffleur, wenigstens im Formellen, und da auch von allen andern keiner ein Wort deutsch verstand, zugleich der Dolmetscher der lieben Reichsdeputationsprotokolle. Er war ein sehr bescheidener Mann, und für die preußische Gesandtschaft, wegen der Verhältnisse seines Bruders, ein nützlicher Zwischenhändler und Vermittler.

Der kaiserlich österreichischen Gesandtschaft, versteht sich ebenfalls in einer heiligen Drei, stand voraus als sogenannter kaiserlicher Bevollmächtigter der Herr Graf von Metternich, ein stattlicher, wohlbeleibter und bordierter altdeutscher Herr; sodann ein Herr Graf Cobenzl, der kurz vorher mit Bonaparte den Frieden zu Campoformio abgeschlossen, ein schwammiges in Lebens- und Liebesgenuß wie vom Blut abgezapftes, kreideweißes, kleinäugiges, blinzelndes und zuckendes Männlein, aber gewandt in der Formwelt, die er weit umher schon gesehen, und, wie es schien, nicht ohne Geist. Die dritte Rolle endlich spielte ein Herr Graf von Lehrbach, eine Karikatur in Gesicht, Kleidung und Bewegung, der Kopf oben chinesisch, unten afrikanisch, das Kolorit zigeunerisch, die Locken wie ein Tubus in den Himmel schauend, das dünne Zöpflein über den Kopf emporragend, wie die Spitze eines Wetterableiters, und übrigens Gang und Haltung wie in einer ewigen Hopsanglaise. Der nachherige österreichische Gesandte, Herr Schraudt, schon damals ein alterndes kniffiges Männlein, führte als Legationsrat die Geschäfte der Feder, wozu noch in verschiedenen Abteilungen mehrere Zweige von Kanzleien und Kanzleidirektoren angeordnet waren, denen es an Schreibereien bei Tag und bei Nacht nicht zu ermangeln schien.

Von seiten Baierns war eine fast unübersehbare diplomatische Kolonie ausgerückt; zuförderst als Haupt der Gesandtschaft und Wortführer bei der Reichsdeputation der Graf Max von Preyssing, um dessen Mittagstisch sehr gebuhlt wurde, besonders wegen der wilden Sauköpfe, die er aus seinen eigenen Herrschaften herbeischaffen und paradieren ließ. Als es aber auf eine weitere Potenzierung solcher und anderer Köpfe anzukommen schien, zog er sich freiwillig zurück, und machte einem Grafen Morawitzky Platz, dem nachherigen Justizminister, einem erfahrnen, gelehrten, anspruchslosen und dabei sarkastischen Mann, meines Dafürhaltens dem geistreichsten in der ganzen Reichsdeputation. Außerdem gingen fast aus jedem Quartier des Wittelsbacher Wappens noch besondere Geschäftsträger und Bevollmächtigte hervor. Der Graf von Montgelas wachte oder lauschte für das Interesse seines Herrn, des damaligen Prinzen Max, oder Herzogs von Zweibrücken, nachherigen bairischen Königs; für die Zweibrücker Verhältnisse zur Reichstagsdeputation war der Herr Graf von Rechberg (nachheriger Minister) beordert und hatte einen Legationsrat Burkart, nachher Hausarchivar, zur Seite, einen hastig regsamen, dem neuen Gange der Dinge mit Leib und Seele ergebenen Mann und trefflichen Gesellschafter. Derselben baierischen Gesandtschaft hatte sich auch, jedoch in ostensibler Mission, in Art eines diplomatischen Cavaliere serviente der Chevalier de Bray angeschlossen (nachher Graf und Gesandter), ein kluger Kopf, geschmeidig, aufpassend, ursprünglich ein Emigrant, vielleicht aber kein aristokratischer, der wenigstens keine adeligen Güter im Stich gelassen und in Regensburg bei dem Grafen von Görz, durch diesen bei seinem Schwiegersohne, dem Grafen von Rechberg, große Protektion gefunden, die er ihm durch die Arbeiten seiner französischen Feder, die er wohl zu führen wußte, in Fassung von französischen Noten und Denkschriften zu vergelten gesucht. Bei den französischen Gesandten war er, ungeachtet seiner angenommenen Rolle eines Emigranten, sehr wohl gelitten, und hat auch, wie ich glaube, durch seine geschickten Anträge und Informationen dem baierischen Interesse, und für den Grafen von Görz auch dem preußischen großen Vorschub geleistet. – Zehntner, damals noch Professor in Heidelberg (jetzt Justizminister), kam als staatsrechtlicher Konsulent herbei; Hompesch (nachher Finanzminister), Schenk, Kriegsökonomierat in Düsseldorf (nachher Geheimrat und Generaldirektor in München), hatte das Beste der Herzogtümer Jülich und Berg zu vertreten. Schenk mit seiner gesamten anwesenden Familie schloß sich fest an die Familie von Dohm an.

Obgleich die eigentlich handelnden Personen der in altväterlicher Form einer Reichsdeputation angeordneten Staatsaktion, standen diese Stellvertreter der abgeordneten Stände doch nur in einem untergeordneten Range gegen die Gesandten der drei größeren Höfe da, nicht viel besser als figurierende Schöffen bei einem hochpeinlichen Halsgericht oder als steife Statisten bei den Bravourarien, Duetten und Terzetten der drei größeren Höfe. Unter diesen machte Herr von Albini, der mainzische Kanzler, noch eine ziemlich heroische Pantomime; er sah übrigens aus wie ein altväterlicher Kapitelsyndikus und machte Augen wie ein gebissener Dachs, der in seinem stillen Grimme gern noch einmal zugeschnappt hätte. Der badische Gesandte Edelsheim und der sächsische Graf Löben, lange kalte Gestalten, schienen nur darum da zu sein, um den Leichenzug in feierlichen Schritten zu begleiten, wobei besonders der erste nicht versäumte, jede Woche den gehörigen Leichentrunk zu geben. Der hannoversche Gesandte, Herr von Rheden, hätte mit den langen Worten seiner Abstimmungen eine Brücke bis nach England schlagen können. Da hieß es immer »Reichsfriedenspazifikationsverhandlungstraktat«; »die allerhöchsten reichsoberhäuptlichen Vorschritte«, als wenn das Oberhaupt auf dem Kopfe gegangen wäre, und dann wieder mit ebenso lächerlicher Zusammenziehung: »der hochwürdigsten respektiven Erz- und Domstifter Salz-, Würz-, Augs- und Regensburg höchst beklagenswerten, bedauerlichen, lamentablen und jammervollen Erleidenheiten«. Der Darmstädter Deputierte Herr Gatzen (ehemals Professor), sah die Sachen schon ziemlich so an, wie sie kommen würden, wie damals fast die meisten Leute des ursprünglich bürgerlichen Standes, weil sie dabei nichts zu verlieren hatten. Destoweniger war Herrn Graf Stadion das ängstliche Laufen und Rennen bei dem wankenden Schiff von Würzburg zu verdenken. Von den reichsstädtischen Deputierten ließ sich der Augsburger, Herr von Pflummern, ein junger lebenslustiger Mann, behaglich in dem Schifflein des Kongresses schaukeln; Herr von Günderode, der Frankfurter, sammelte sich collectanea juris publici novissimi. – Von den anderen reichsständischen Gesandten sind hauptsächlich zu bemerken: der hessenkasselsche Minister Waiz, ein Vertrauter des Ministers Hardenberg, die württembergischen, bestehend in dem Minister von Mandelslohe, der bei den Verhandlungen über die Ländergrenzen die Miene eines sehr pfiffigen Mäcklers hatte, in Wekherlin (nachher Finanzminister), einen schlichten Deutschen, und Georgi, von den Landständen unter der Hand mit abgeordnet, wozu, weiß ich nicht; vielleicht daß auch die lutherischen Prälaten der württembergischen Stände eine Säkularisation befürchteten; ferner ein mecklenburgischer Gesandter Bassewitz mit Herrn Gumpelzheimer als Legationssekretär, für Nassau Herr von Kruse, Hoch- und Wohlgeboren, der sich sehr über die deutschen Jakobiner grämte, die er besonders unter den Diis minoribus witterte. Ein Herr Dollius, so viel ich weiß, ein Literator, war noch besonders vom Erbstatthalter, ein Herr de Buch, als stiller Beobachter von seiten der Holländer abgeordnet, der vielen Zutritt bei den Franzosen hatte. Hiernächst gab es auch eine Gesandtschaft der Hansa, in Herrn Doormann, Syndikus aus Hamburg, einem alten leichtfüßigen Gecklein, der oft zum Stichblatt der Neckerei diente; in Herrn Gröning aus Bremen, einem schlichten, deutlich sehenden, bürgerlichen Manne, und Herrn Rode aus Lübeck, damals noch für einen Millionär geschätzt, altem Gemahl der jungen Doktorin Dorothea Schlötzer aus Göttingen, einem matten, bleichen, verzagten und abgestorbenen Männlein, dem auf allen Falten o tempora! o mores! geschrieben stand.

Ein drolliges Verhältnis tat sich in der Taxisschen Gesandtschaft kund, wo der junge kleingestaltete Sohn, ein Graf Vrints Berberich, als erster, sein alter, stämmiger und himmellanger Papa aber als untergeordneter zweiter Gesandter auftrat, und zwar mit solcher pünktlicher Beobachtung des Ranges, daß der Herr Papa immer ein paar Schritte seitwärts hinter dem Herrn Sohn ging. Ein dänischer Gesandter, Graf Rosenberg, mit Herrn Eggers als Legationsrat und dem Legationssekretär von Eyben, der das Podagra im Mutterleib empfangen, schien in der Stille auch das russische Interesse mit beobachtet zu haben. Herr Eggers hatte eine wahre Wut zu tanzen, und da er sich dabei nicht so gut, als in seiner Gelehrsamkeit ausnahm, so gab er sich manchen Späßen und Mystifikationen preis, die er in seiner Gutmütigkeit reichlich dahinnahm. Eine vorübergehende Erscheinung war auch der berühmte schwedische Graf Fersen, Bei Ausbruch der französischen Revolution stellte er sich ritterlich auf Seite der königlichen Familie, deren Flucht nach Varennes er, als Kutscher verkleidet, bewerkstelligte. Hrsg. ein langer schwarzer Mann, dessen in früherer Zeit in Paris bewunderte Schönheit vielleicht mit nach dem Wert des Standes, des Ausländischen und der Länge zu beurteilen war. Auch Bernadotte, dem Grafen Fersen an Gestalt nicht unähnlich, nahm seine Flucht von Wien, wo der Pöbel sein Haus stürmte, B. war nach dem Frieden von Campoformio französischer Gesandter in Wien. Als er auf seinem Hotel die Trikolore hissen ließ, entstand ein Volkstumult, worauf er nach Paris zurückkehrte. Hrsg. über die Rastatter Kongreßwahlstatt. Ganz unglaublich ist es, daß England, während es allenthalben die Hände mit im Spiel gehabt und die Brandfackel der Zwietracht und des Hasses gegen Frankreich angesteckt, gar keinen geheimen Vertreter und Unterhändler bei dem Kongreß in Rastatt gehabt haben sollte. Daß der hannoversche Gesandte von Rheden dazu der Mann nicht sein konnte, ist klar; ich glaube ihn aber gleich von Anfang an erkannt zu haben in dem österreichischen Gesandten Grafen von Lehrbach, der dann wieder seinen Anhaltspunkt bei der englischen Mission in München gefunden. Eine der interessantesten Personen war der Graf Melzi d'Erile von Mailand, nachher Präsident der Cisalpinischen Republik, ein nettes, dünnes Männlein, von angenehmen, bei den Italienern sonst selten vorkommenden Gesichtszügen, geistreich, gesprächig, dem General Bonaparte damals schon sehr vertraut und seine Pläne durchschauend. Er schien bei den öffentlichen Zirkeln die Unterhaltung mit mir aufzusuchen und vorzuziehen. Auch aus Genua war ein Gesandter da, Boccardi, mit seinem Bruder als Legationssekretär; ich möchte beinahe sagen, zwei gute ehrliche Seelen, wenn man so etwas in Deutschland von Italienern glauben sollte.

Man konnte recht deutlich sehen, wie in den besondern Gruppierungen die einzelnen Stände: der Geistlichkeit, des Adels und der Gelehrten besonders repräsentiert und vertreten wurden. Für die Sache der Geistlichkeit waren die unermüdlichen Vorfechter und Fahnenträger: der Würzburgische Deputierte und Domherr Graf von Stadion, Herr von Hompesch und Herr von Asbeck, beide ebenfalls Domherren und von ihren Domstiftern, Köln und Speyer, bevollmächtigt. Diese drei Genannten sämtlich bildeten ein unabhängiges Komitat und Ehrenwachtkommando bei dem preußischen Gesandten von Jakobi oder vielmehr bei dessen Frau Gemahlin. Es scheint aber nicht, daß es Gottes Wille gewesen, die deutsche Kirche auf diese Art zu retten. Ihnen war noch beizuzählen ein Graf Merfeld, Domherr zu Münster, als Bevollmächtigter von Hildesheim und Paderborn; ein Graf Kesselstadt wegen Trier; und dann, zwar nicht selbst vom geistlichen Stande, aber bevollmächtigt von solchem, ein Herr von Zwack für Trient, von Epplen für das Hofstift Augsburg, von Seyfried für Salmansweil, u. a. m.

Für die Bannerherren des reichsunmittelbaren Adels und der kleinen Stände waren zu halten zuförderst und für die tätigsten der Graf Solms-Laubach, kaiserlicher Reichshofrat (nachher preußischer Oberpräsident), der Graf Metternich, Sohn des kaiserlichen Plenipotentiarius, als Bevollmächtigter der westfälischen Grafen, damals noch ein junger Mann, von angenehmem Äußern, sehr höflich und durchaus nirgends vorlaut, daher auch wohl niemand die große Rolle prophezeite, die er einst als kaiserlicher Staatskanzler spielen würde. Ein größerer Wortführer war ein Herr von Gagern, ein pensionierter invalider Obrist, wenn ich nicht irre, in französischen Diensten, dann geheimer Rat und Oberhofmeister in Zweibrücken, Vater des nachher so berühmten Herrn von Gagern, ein lebhafter Alter, auf alles schnell gefaßt und für das Interesse seiner Kaste, als Bevollmächtigter der rheinischen Ritterschaft, von hellem Auge. Die fränkische Ritterschaft hatte in eben dieser Art den Baron von Gemmingen aus Ansbach mit einigen Consiliariis peritissimis, auch von seiten der schwäbischen Ritterschaft abgeordnet, einen ehrwürdigen stattlichen Mann, von feiner Hofmanier und dabei einer leichten Vergoldung von Wissenschaft, die man natürlich bei solchen Männern für eine echte zu halten gar keinen Zweifel tragen darf. Das Interesse der fränkischen Grafen hatte ein Graf von Erbach, und in prätendierter besonderer Vollmacht für die katholischen Glieder (so widerwärtig war auch noch damals alles zerrissen) ein Baron von Hertwich zu besorgen. Für die Wild- und Rheingrafen unterhandelte ein Doktor Dambmann, ein wundersam betriebsamer, aber dafür wieder umhergetriebener Mann; ein Graf Kastell, ein gar blöder Mann, war ebenfalls anwesend mit seinem Geschäftsmann Zwanziger, der damals als ein berühmter Unterhändler, besonders in Geldsachen, galt. Die Herren Malteserritter in ihren hochroten Uniformen trugen ihren unauslöschlichen Durst nach Türkenblut zur Schau; destoweniger begierig zeigten sie sich auf das französische, und schauten sich daneben um, ob statt einer Insel nicht festes Land zu gewinnen sei. Sie eilten in dem Augenblick, wo den geistlichen Ständen die Stunde der Gefahr erschien, herbei, um zu beteuern, daß sie keine Geistlichen wären, und wollten, da überhaupt auch dem deutschen Wesen kein glänzender Stern vorleuchtete, das Mittel ergreifen, sich für Russen zu erklären. 1798 hatte der Orden den Kaiser Paul I. von Rußland zum Großmeister erwählt. Hrsg. Überhaupt aber konnte es nicht fehlen, daß, während ein solcher Kampf der Ungeheuer die Fluten des Abgrundes bewegte, nicht eine zahlreiche emporgeschreckte Schar der kleinen Fischlein allenthalben daneben schwamm.

Nicht klein war das Häuflein der Gelehrten, welches sich bei dieser Gelegenheit in Rastatt gesammelt hatte, davon man gewöhnlich einen großen Teil, besonders der norddeutschen, in den Sälen des Herrn von Dohm, gleichsam als ihres Vorgängers und Schutzpatrons, treffen konnte; während sie von anderen Seiten gleichsam als eine Art politischer Jansenisten, die in dubio auf französischer Seite, wenigstens nicht auf Seite der hochadeligen Erz- und Domstifte hingen, mißgünstig betrachtet wurden.

Noch mehr sind die Namen derer, die nur als Erscheinung etlicher Tage geschwind in Rastatt vorübergegangen, z. B. der Professor Leist, der berühmte Humboldt, der hier den französischen Mineralogen Faujas aufsuchte, u. a. m. Letzterer hatte gewiß nicht solche Schrecken in den Stürmen des Meeres, wie der Graf Görz an seiner Tafel ausgestanden, als der Herr von Humboldt, der Geladene, eine ganze Stunde später und dazu noch erhitzt, im Reisefrack und Stiefeln, von einer Besichtigung der badischen Berge, unter diese diplomatischen Gottheiten eintrat, welche jedoch der Herr Graf alsbald au fait zu setzen wußte durch die leise gesprochenen Worte: »Es ist ein Gelehrter!« Überhaupt gehörte es zum guten Ton, wenigstens auf einige Tage in Rastatt angefahren zu kommen, die Tafelrunde bei den Herren Gesandten zu machen, in der Komödie die Mademoiselle Hyacinthe mit dem Gucker zu beschauen, im französischen Kaffeehaus auf dem roten und schwarzen Altar der Fortuna ein paar Rollen Gold zu opfern, und dann mit der Fremdenliste des Kongresses und dem berühmten Rezept für Eispunsch, von dem Kammerdiener des Grafen von Görz, wieder seinen Abzug in das mit aufgesperrtem Maul harrende innere Deutschland zu nehmen.

Die wenigsten konnten die Rolle, welche die drei größeren Höfe, besonders Österreich und Preußen, bei diesem Kongresse in Rastatt öffentlich spielten, recht begreifen.

Österreich, nachdem es durch den Grafen Cobenzl in Campoformio mit Frankreich einen Separatfrieden, so gut wie Preußen früher zu Basel, gemacht und sich für seinen Verlust der Niederlande eine treffliche Entschädigung in Italien, besonders durch Venedig, ausgewirkt, und noch eine weitere an der baierischen Landesgrenze bis nach Wasserburg ausbedungen, hatte dagegen in geheimen Artikeln das deutsche Reich aufgeopfert, von seiner Seite den Rhein als Grenze anzuerkennen und die Reichsfeste Mainz sofort zu übergeben versprochen.

Und da Frankreich, auf Grund seiner früheren Separatfrieden mit den anderen deutschen Fürstenhäusern darauf bestand, daß diese für ihren Verlust auf dem linken Rheinufer entschädigt würden, und sowohl zur feierlichen Anerkennung der Rheingrenze, als auch zur Ausmittlung dieser Entschädigungen der Kongreß in Rastatt stattfinden sollte, so gab Österreich dieses zwar zu, aber in so umhüllten Sätzen, Hinterhalten und schwierigen Bedingungen, z. B. der Integrität des Reichs, und daß Preußen nicht vergrößert werden sollte, usw., daß man nur annehmen kann, der General Bonaparte, der von französischer Seite diesen Frieden geschlossen, habe entweder diesen Verwicklungen und Hinterhalten gar nicht auf den Grund gesehen, oder sie in seinen militärischen Ansichten für unbedeutend, oder, sofern auch er mit noch größerem Hinterhalte im Verstecke lag, für den gegenwärtigen Augenblick höchst bequem und willkommen gehalten.

So entstand nun das abenteuerliche Spiel, daß, während der erste kaiserliche Gesandte dem Kongresse mit höchstem Pomp das anerkannte Prinzip der Reichsintegrität eröffnete, das mit Erstaunen und Jubel aufgenommen wurde, fast zur selben Zeit der zweite Gesandte die heimliche Übergabe der Feste Mainz in die Wege leitete, und als man sie zu allgemeinem Schrecken erfahren, der dritte Gesandte darüber in bittere Tränen ausbrach, und bei dem allerhöchsten Reichsoberhaupte (der österreichische Lieblingsausdruck) auf Einspruch antrug, damit diese beklagenswürdige Übergabe zurückgestellt und die großmütig ausgewirkte Integrität des Reichs gewahrt werde. Kaum war aber in dieser Art der Kongreß (9. Dezember 1797) unter schwindelnden Hoffnungen eröffnet, und am 30. desselben Monats Mainz von Österreich an die Franzosen ausgeliefert, so erklärten die französischen Gesandten in einer diktatorischen Note, daß jetzt ohne weiteres der Rhein als Grenze anzuerkennen sei (19. Januar 1798), und ließen auch ohne weiteres, mitten im Waffenstillstand (25. Januar), die Rheinschanze bei Mannheim wegnehmen.

Da entstand nun ein unglaubliches Heulen und Wehklagen von Leuten, die wenigstens insofern zu bemitleiden waren, daß ihnen so etwas in ihrem Übermaße des Glaubens und der falschen Hoffnungen nur einigermaßen unerwartet hat kommen können. Man füllte die Protokolle mit wechselseitigen Beileidsbezeigungen und kreuzigte sich mit mannigfaltigen Erklärungen, wie jetzt noch die Integrität des Reichs und die Abtretung des linken Rheinufers nebeneinander als Grundartikel des Friedens bestehen konnten; bis man denn die beruhigende Erklärung darin fand: die Integrität des Reichs sei keine rohe sinnliche körperliche, sondern eine symbolische idealische, nach welcher, Rheingrenze hin oder her, doch noch dieselbe Verbindung des allerhöchsten Reichsoberhauptes und dessen allergetreuester Kurfürsten und Stände des Reichs fortbestehen, zumal der bloß scheinbare Verlust auf einer Seite durch die effektiven Entschädigungen auf der andern vollkommen ausgeglichen werden sollte. Indem nun alle begierig waren zu wissen, woher alle Entschädigungen kommen sollten, viele, die es schon wußten, schweigend die Achseln zuckten, kam am 15. März die französische Gesandtschaft mit der kurz abgebrochenen Erklärung zu Hilfe: »daß diese Entschädigung in der Säkularisation der geistlichen Güter zu suchen sei.«

Jetzt war der Knoten zerhauen, und das Signal zur Plünderung gegeben. Jeder größere Stand machte sich seinen Plan, irgend ein Bistum, oder einen Fetzen davon, der kleinere irgend eine Abtei, der geringste Edelmann irgend einen Schafhof davonzureißen.

Man sah die geistlichen Gesandten als geächtet an, und ging ihnen jetzt überall aus dem Wege. Es regnete gleichsam vom Himmel herunter die Liquidationen der Verluste, die jeder am linken Rhein erlitten haben wollte, mit Bezeichnung der Objekte, die er dafür zur Entschädigung wünschte, und die er durch seine Unterhändler bei den drei Gesandtschaften von Frankreich, Österreich und Preußen zum Teil durch ausgewirkte unmittelbare Empfehlung der Ministerien durchzusetzen suchte, wobei man voraussetzte, daß die arme Reichsdeputation selbst nichts weiter zu tun haben würde, als die von den drei Mächten genehmigte Austeilung gehorsamlich gutzuheißen. Unterdessen versuchten die geistlichen Schäflein, den Wölfen, von denen sie sich umgeben sahen, noch allerlei bewegliche Vorstellungen zu machen, z. B. daß es eine Gewissenssache wäre, solche Gott geweihten Güter nicht an sich zu ziehen, daß ihre Plünderung bald andere nach sich ziehen würde, daß wenn eine Entschädigung durchaus zu geben sei, sie nicht ausschließend von der geistlichen, sondern auch von der weltlichen Seite geleistet werden müsse; daß man sich ja auf gütliche Abfindungen in Geld oder nur teilweise Abtretungen verstehen könnte.

Dagegen unterließen sie nicht, die Größe des vorgeschützten Landesverlustes am linken Rheinufer in ihren Anschlägen herunterzusetzen, über die Zumutung, sogar wegen fremder Verluste, welche das Deutsche Reich gar nichts angingen, z. B. wegen der verlorenen Erbstatthalterschaft in Holland, eine Entschädigung zu leisten, sich bitterlich zu beklagen und ihrerseits den Wert der geistlichen Güter aufs äußerste zu überschätzen, sodaß mit einer ganz geringen Aufopferung durchzukommen sei.

Als aber alles dieses nicht verfangen wollte, fielen sie unter sich selbst voneinander ab; die Bischöfe fanden sich geneigt, gleichwohl die Güter der Klöster preiszugeben; die Erzbischöfe glaubten, es könne zureichen, wenn man höchstens nur die Bistümer angreife, und davon den drei geistlichen Kurfürsten zu einigem Trost auch eine kleine Vergrößerung durch die Lande von Salzburg, Münster und Fulda mit zukommen lasse; unter diesen wollte endlich Mainz in Gottes Namen zu allem ja sagen, wofern man dafür sorge, daß Mainz als ein deutscher Patriarch und Primas übrig bleibe. Denn ohne einen Archi-Cancellarius Imperii per Germaniam werde man das liebe deutsche Vaterland doch nicht wollen bestehen lassen.

Es war unglaublich, wie wenig die Gesandtschaften des Kongresses, und darunter besonders auch die französische, über den wahren Stand der Dinge, über die eigentliche Masse des Gesamtverlustes und über den Umfang der zur Säkularisation bestimmten geistlichen Güter unterrichtet waren. Ich unternahm es daher, aus den mir zur Hand gekommenen vielfachen schriftlichen Liquidationen und Reklamationen und damals neuesten gedruckten statistischen Nachrichten, Tabellen über Flächeninhalt, Menschenzahl, Einkünfte und bevorstehenden Verlust der deutschen Reichslande zusammenzutragen, und in Basel bei Decker 1798 in Druck zu geben, um deren frühere Mitteilung im Manuskript, um sie schleunigst ins Französische übersetzen zu lassen, auch die französische Gesandtschaft dringend ersuchen ließ.

Diese Tabellen stellten nun auf einmal den status passivus, den bisher jeder verbergen oder verdrehen wollte, klar vor Augen, aber freilich nicht zur Ergötzlichkeit der geistlichen Partei, die sich immer in der Behauptung gefiel, der linksrheinische Verlust wäre bei weitem nicht so groß und mit einer ganz kleinen Entschädigung auszugleichen. Darauf bezog sich dann auch das Motto aus Ovid: » Quaesivit lucem ingemuitque reperta»Er suchte das Licht und seufzte, als er es fand.« Hrsg. Sehr rätselhaft und schwankend konnte die Stellung scheinen, welche bei allen diesen Auftritten das preußische Kabinett angenommen, das überhaupt durch die sich durchkreuzenden Berichte seiner drei Gesandten nie recht zu einer reinen Ansicht der Sache gekommen. Überhaupt dürften alle Minister und großen Herren glauben, daß es mit solchen Berichten der Gesandten eine ganz eigene Sache ist. Diese Herren geben gewöhnlich Dialoge zwischen sich und den fremden Ministern, die in ihrem Leben nicht so gehalten worden; sie selbst geben dabei immer solche scharfsinnige Antworten, die vielleicht recht zweckmäßig gewesen wären, dem Herrn Gesandten aber in der Tat einen Tag nachher einfielen; sie tragen überall ihre Einbildungen, Grillen, Kleinlichkeiten oder eigennützigen Persönlichkeiten herein, und pflegen alles so zu deuten, anzustreichen und zu frisieren, wie sie meinen, daß es der allgewaltige Premierminister gern sehen werde; sodaß am Ende ein solcher Gesandtschaftsbericht ein Roman, aber ein schlechter ist. Daraus läßt sich's denn auch erklären, wie es am Ende zu solchen Schritten und politischen Maßregeln kommen konnte, die durch die wirkliche Lage der Dinge nicht hervorgerufen wurden und sich auch nicht durch den wirklichen Erfolg bewährten.

Dem preußischen Kabinett waren die geheimen Artikel des Friedens von Campoformio, daß Preußen keine Vergrößerung erhalten solle, sehr empfindlich. Daher erklärte es, zu einiger Vergeltung dieses gütigen Willens von seiten Österreichs, daß es bereit sei, mit dem großmütigen Opfer vorauszugehen, und für seine verlorenen Provinzen am Rhein gar keine Entschädigung zu verlangen, wenn die anderen Höfe hierin nachfolgen wollten; das heißt: wenn Österreich die für die Niederlage sich ausbedungenen Länder der Republik Venedig und andere italienische Länder wieder fahren lassen sollte; eine Erklärung, die in ihrem unerfaßten wahren Sinne den höchsten Jubel der geistlichen Gesandtschaften in Rastatt und wahre Davidische Freudentage über die gerettete Bundeslade, besonders in den Zirkeln der Frau von Jakobi, verursachen mußte. In wenigen Tagen jedoch ging auch dieser Taumel vorüber. Es war vorauszusehen, daß Österreich durch eine solche Grimasse nicht zu erschrecken, aber auch nicht imstande sei, Preußen von einer gleichmäßigen Entschädigung und Vergrößerung abzuhalten, und Preußen selbst konnte umsoweniger auf die einzige Maßregel der Säkularisation verzichten, als es den Genossen und Verwandten der Baseler Separatfriedensschlüsse, Baden, Hessen-Kassel, dem Erbstatthalter, Württemberg Hilfe und Vertretung schuldig war, und nicht minder die hohe Absicht hatte, dem Haus Zweibrücken ein volles Erbteil der auf dem Anfall stehenden pfalzbaierischen Lande zu sichern und die gedrohte Abreißung des Stückes vom alten Baiern bis Wasserburg abzuwenden, was auch dem Grafen von Görz, als Schwiegervater des Grafen von Rechberg, ein besonders heiliges Anliegen war und ihn dadurch mit dem Gedanken der Säkularisation, den er außerdem nicht ertragen konnte, gleichwohl aussöhnte. – Wirklich wird es auch die künftige Geschichte nicht mißkennen dürfen, daß Baiern die Grundlage seiner neuen Größe, durch die damals glücklich eingeleitete und kurz darauf vollzogene Entschädigung, nicht minder dem Wohlwollen und der kräftigen Unterstützung des preußischen Königshauses, wie schon früher, im Teschener Frieden, die Rettung seiner sehr bedrohten Integrität zu verdanken hatte. Die Absichten des preußischen Hofes für sich selbst waren nur vorzüglich auf einen Teil des Erzstiftes Köln, Paderborn und Hildesheim gerichtet. Die Pläne Hardenbergs auf eine Vergrößerung in Franken traten ganz in den Hintergrund, außer daß Bamberg und Würzburg an den Erbstatthalter fallen, und so wenigstens in dieser Verbindung das preußische Übergewicht in Franken gesichert sein sollte.

Hatte man übrigens vorher in jungfräulicher Sprödigkeit den Becher der Entschädigung durch geistliche Güter gar nicht zur Lippe bringen wollen, so konnte man ihn jetzt nicht genug vollschenken. Man berechnete jetzt seinen Verlust nicht bloß an Land und Leuten, sondern auch an Handelsvorteilen, an den verlorenen Rheinzöllen und den bisher erlittenen Kriegsschäden, und wollte die geistlichen Güter sich nicht nach Flächenraum, sondern nach ihrer meist geringern Bevölkerung, nach dem Maßstab ihrer schlecht verwalteten Einkünfte, und nach Abzug aller darauf haftenden Schulden überweisen lassen; Ideen, die ich hauptsächlich, in Anstrengung meiner politischen Mäklerkünste bei meinem Herrn Gesandten und dem Minister von Hardenberg, und dann durch meine Tabellen bei sämtlichen Interessenten gesucht habe, geltend zu machen. Aus den französischen Gesandten war über alles dieses weder ein ja noch ein nein herauszubringen. Das Wahrscheinlichste ist, daß man sie selbst ohne Instruktion gelassen und bei dem beständigen Wogen und Treiben der Parteien in Paris sich gar keine Zeit genommen, an dieses Polakenwesen in Deutschland zu denken.

Unterdessen hinderte nichts, sich in einem fortwährenden Taumel der Sinnenlust umherzutreiben: an den Tafeln der Gesandten als Gast, oder nach ihrer Aufhebung zu regelmäßig wiederholter stattlicher Aufwartung; sodann in dem Kaffeehaus des Herrn Saglio aus Straßburg und in dem innern Spielzimmer der roten und schwarzen Tafel oder in dem französischen von Straßburger Akteurs geleiteten Theater, wo sich noch aus der alten französischen Schule eine Madame le Grand und Monsieur Simon in tragischen oder sonst hohen Rollen, ein Monsieur le Noble als Komiker, und eine Mademoiselle Hyacinthe, ein naives blühendes Gesichtchen, hervortaten. Dabei machte man keine Umstände, diese deutschen Herrschaften mit verhöhnenden Darstellungen von deutschen Portiers und Kutschern in Paris als bêtes allemandes, von querelles allemandes und dergl. zu ergötzen. Nach den Vorstellungen schlich sich der schönere Teil der Schauspielerwelt, die Mademoiselle Hyacinthe an der Spitze, in die zu gastlichen Scherzen und Freuden bereitgehaltenen Gemächer des Herrn Grafen von Cobenzl, die vornehmere Welt der Exzellenzen in die mit matterm Lichte erhellten, steifen, stimm- und freudenleeren Konventikel derselben, der übrige und größte Teil aber in das von einigen hundert Lichtern erglänzende und funkelnde Kaffeehaus des Herrn Saglio, wo sich nun die Freunde an lauter kleinen Tischchen zu lustigem Abendessen vereinten, ab und zu die Spieltische umschwirrten, und sich viele, wie ich meistens selber, erst in den Morgenstunden nach Hause verfügten. Eine stattlich gezierte Dame thronte am Schenktische, gab sich freundlich zu Gesprächen hin, leitete mit ihren Winken die Schar der beflügelten Diener und nahm aus ihren Händen den eingesammelten Honig, das Geld, ein. Da eine alsbaldige Bezahlung beim Empfang nicht eingeführt, die größte Zahl der Gäste den Dienern aber gleichwohl dem Namen nach unbekannt war, so war es lustig, zu erlauschen, mit welchen im schnellsten Lauf aufgegriffenen Charakteristiken sie der Dame die Namen der Herren, die etwas forderten, zu bezeichnen wußten, unter welchen man dann, wenn sie einmal geschöpft waren, stereotypisch auf der Kontrolle der Madame haften blieb. So fand ich die Herren l'Habit rouge, Grandnez, Quatre Épingles, le petit Abbé, le Loup, la Cigogne, den hamburgischen Gesandten als Arlequin und mich selbst, da mich die Diener häufig perorieren hörten, als le Causeur immatrikuliert. Kam ich endlich gegen Tagesanbruch nach Hause, so klopfte ich vorher noch mit einem Stäbchen die Mäuse aus meinem Bette heraus, wo es selten fehlte, daß nicht ein halbes Dutzend mir entgegensprangen, den Ratten stellte ich zu einem Sühneopfer die Lichtkerze auf die Erde; denn so wie die Franzosen den Deutschen den Rhein, so machten die Ratten und die Mäuse den Bürgern von Rastatt ihre Häuser streitig, welcher birmanische Krieg besonders in meinem Quartier, einem Bäckerhause, auf Leben und Tod geführt wurde.

Früh erwachte ich, wenn die badischen Herren Hauptleute unter meinem Fenster, einen Tag wie den andern, die Sklaven ihrer Wachtplantage mit dünnen Röhrchen durchpeitschen ließen. Um elf Uhr ging's in die Kanzlei, um hineinzugucken, ob es etwas Neues und etwas zu arbeiten gebe oder heute noch geben werde; ich lief dann eiligst wieder von dannen in den Buchladen, wo ich mir das aussuchte, was mir zu lesen gefiel, manches auch kaufte, um es noch bedächtiger zu studieren und mir selber anzueignen, z. B. die Werke von Mably, die mich damals sehr ansprachen und aus welchen ich Veranlassung nahm, denselben Epochen und Katastrophen in der alten französischen Geschichte, besonders denen des Plünderns und Abreißens der geistlichen Güter, auch in der deutschen Geschichte nachzuspüren. – So ersah man endlich auf der mehrmals herausgezogenen Uhr die Tafelstunde des Herrn Grafen von Görz, wo sich das Gespräch, auch bei zwanzig und mehr Personen, nur in den leisen Tönen einer Aeolsharfe zu schwingen schien, der Herr aber, sobald ich mit meiner lauten Stimme die Temperatur zu stören drohte, mit einem Blick aus seinem Augengläslein sogleich sie wieder zu dämpfen suchte.

Diese schöne Muße erlaubte sogar noch größere Unternehmungen, z. B. kleine Reisen nach Straßburg und dem Murgtal, auf die Höhen des Kniebis und fast wöchentlich ein paarmal in das ganz nahe herrliche Baden-Baden. Herr von Dohm, der solche ländliche Kreuzfahrten besonders liebte, forderte mich öfters zur Begleitung seiner Familie auf, wo dann, während ich bei Frau und Kindern im Wagen saß, er, der Bewunderer der Aussichten und der schönen Gegenden, durchaus seinen Platz auf dem Bock behauptete; natürlich mußten wir männliche Reisegefährten, wenigstens stationsweise, auf eine Ablösung dringen, und so fehlte es nicht an lustigen Auftritten, wo wir bei der Ankunft in den Gasthäusern, wie sich's traf, bald für die hohen Exzellenzen und wirklichen Gesandten, bald aber auch nur für die Bedienten und Bockresidenten gehalten wurden, die sich dem Anschein nach etwas frei und naseweis gegen ihre Herrschaften benahmen.

Eines Tages unvermutet wurden ich und der Herr Bever von dem alten Grafen Metternich schriftlich zu Tisch gebeten, was uns um so mehr befremdete, weil wir uns demselben noch nie hatten vorstellen lassen, so wie wir überhaupt das leere Repräsentieren, Courmachen und Tafelnachjagen vermieden und den Herren Grafen von Bernstorff, Finkenstein und von Jordan überließen. Bei der Tafel selbst widerfuhr mir noch überdies die Auszeichnung, daß mich der Herr Graf von Metternich unmittelbar zu sich an seine Seite nahm und dann alsbald ein langes Gespräch begann, welches mir nun alles erklärlich machte. Er kam nämlich auf die jetzige unglückliche Zeit der Zerwürfnisse in Deutschland, sprach dann von der wilden Macht der öffentlichen Meinung und von der Notwendigkeit, diese Meinung bekämpfen, bezähmen und besänftigen zu lassen, gerade durch die edelsten, verständigsten und fähigsten Köpfe, welche Deutschland aufzutreiben vermöchte, die sich untereinander einer dem andern rastlos in die Hände arbeiten, dagegen aber auch von den Regierungen kräftigst unterstützt, belohnt und emporgehoben werden sollten, und da ich vor vielen ein solcher Kopf wäre, wie er dächte, so fordere er mich auf, über diese schöne Anwendung meiner Talente näher nachzudenken. Ohne Zweifel sollten dieses Winke sein, welche gute Aufnahme ich als Deserteur im österreichischen Lager zu erwarten hätte; ich erwiderte aber kurz und trocken: die Aufgabe Sr. Exzellenz an die guten Köpfe von Deutschland schiene mir ihre unüberwindliche Schwierigkeit darin zu haben, daß eben die guten Köpfe sich am meisten auf ihre eigene Meinung zu gut täten, und bestellte Waren nach gegebenen Mustern zu liefern sich schwerlich würden bereden lassen. Zudem glaubte ich, eine öffentliche Meinung, sofern sie nur das Gebild des Trugs oder des Irrtums sei, könne sich in die Länge selber nicht halten; beruhe sie aber auf einem Grunde der Wahrheit, so werde sie früher oder später immer von selbst siegreich bestehen. Diese Erwiderungen wurden etwas verdrießlich und kalt aufgenommen und die Einladungen zur Tafel weiter nicht wiederholt. Desto fügsamer und gelehriger bewies sich Herr von Haller, Bis zur Ausrufung der Helvetischen Republik Mitglied der Berner Staatskanzlei. Hrsg. der überall Feuer und Mord gegen alles, was französisch war, schrie, und die prahlerhaftesten, übertriebensten und gehässigsten Bulletins umhertrug über die Ereignisse in der Schweiz, wo die Franzosen ein neues Wesen einführen wollten. 1798 erklärte Frankreich an Bern den Krieg und rief nach kurzem Feldzuge die demokratische einheitliche Helvetische Republik aus. Hrsg. Der Herr Graf von Görz, der diese Bulletins für eine besondere Zierde seiner Gesandtschaftsberichte hielt, ließ mich alle Augenblicke durch seinen Läufer und Jäger aus den Büschen, wo ich eben stecken mochte, hervorjagen, um von diesen saubern Geburten ja noch zur rechten Zeit die eiligsten Abschriften zu fertigen. Da verging selten ein Tag, an dem nicht Herr von Haller Tausende von Franzosen vom Berge herab zu Tode stürzen, ganze Regimenter von den Bauernknechten im Wirtshause erschlagen, bei Nacht erfrieren, über den Steg fallen und erschlagen, oder von der Hitze am Schlage sterben ließ; wobei ich nicht ermangelte, wo es tunlich war, durch lächerliche Einfügungen und Multiplikationen die schwindelhafte Abenteuerlichkeit noch grotesker erscheinen zu lassen, worauf denn, zu meiner höchsten Freude, aber zu des Herrn Grafen größtem Erstaunen und Bedauern, vom Berliner Kabinett die Weisung erfolgte, die Einsendung dieser so sichtbar übertriebenen, leidenschaftlichen und gehaltlosen Bulletins, wie es hieß, für die Zukunft zu unterlassen.

Am Ende wurde mir ein solches Schlaraffenleben höchst zuwider, so daß ich den Minister von Hardenberg flehentlich bat, meine Rückberufung auszuwirken, worauf aber anfangs immer eine Trostermahnung zur Geduld und Versprechung einer weiteren Belohnung erfolgte, die sich dann am Ende auch dadurch verwirklichte, daß wir beide, ich und Herr Bever, zu wirklichen Kriegs- und Domänenräten bei der Kammer in Ansbach, ich unter dem 8. Oktober 1798 beim zweiten, für die Gegenstände der Landeshoheits-, Lehens- und geistlichen Sachen einzurichtenden Senat, ernannt wurde.

Da Herr Graf von Görz meinen Abgang sehr gern sah, Herr Bever hingegen wegen der französischen Expeditionen und der Chiffres zur Zeit noch unentbehrlich war, so machte ich mich zu Ende des Jahres allein auf den Weg, zuvörderst nach Kulmbach, um meinen Abzug nach Ansbach anzuordnen.

Weil nun die Franzosen immer noch nicht wußten, was sie denn eigentlich wollten, und weil ferner der kaiserliche Hof das, was er noch wollte, nämlich ein Stück von Baiern bis Wasserburg, nicht durchsetzen konnte, die Engländer aber über die französischen Fortschritte in Malta, Ägypten und Italien Gift und Flammen spien und Krieg, nichts als Krieg von neuem wollten, so geriet der Kongreß in eine förmliche Stockung; die kampflustigen Franzosen kamen von selbst mit der gewünschten Erklärung eines neuen Krieges zuvor, und die kaiserliche Gesandtschaft erklärte am 23. April 1799 den Kongreß für aufgelöst; worauf die französischen Gesandten am 28. April abends, als sie abreisen wollten, vor den Toren von Rastatt von berittenem Militär angefallen, aus dem Wagen gerissen und bis auf einen ermordet wurden, bis auf Jean de Bry, der als tot geglaubt, sich wieder erhob und rettete. Fragt man, welches Militär es war, so kann man bestimmt darauf antworten: österreichisches, und zwar von der Eskadron eines Rittmeisters Burkardt. Weniger hingegen getraue ich mir zu versichern, glaube es auch nicht, daß es mit Vorwissen eines höheren Kommandos, noch viel weniger des kaiserlichen Hofes selbst geschehen. Käme es aber auf mein Dafürhalten an, so muß ich bekennen, daß ich glaube, der Graf von Lehrbach habe auf seine eigene Faust diese gräßliche Tat herbeigeführt, im Auftrage der Engländer, denen ein solches tragisches Schauspiel der Wut und Rache als ein Pfand der erneuerten unversöhnlichen Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich galt. England hat mit Frankreich bis 1815 so rund 125 Jahre lang Krieg geführt. Die wahren Erbfeinde sind England und Frankreich. Ersterem ist es aber stets gelungen, die deutschen Völker gegen Frankreich – in Englands Interesse – mobil zu machen. Selbst unser Weltkrieg hat erstaunlich wenigen Leuten bei uns die Augen dafür geöffnet, daß weltpolitisch betrachtet z. B. Austerlitz eine englische Niederlage bedeutete und 1812 in Rußland Napoleons gegen England gerichtete Politik zusammenbrach. Hrsg.

Dem Grafen von Lehrbach, bei seinen Verwicklungen mit den englischen Kommissären und bei der Teilnahme an den blutigen tiroler Landstürmen, womit er mich selbst so oft in innigster Herzensfreude unterhalten, mochten wohl solche Gewalttaten gegen Leute, die er bereits wieder für Feinde seines Kaisers hielt, noch als recht löblich und echt tirolisch vorkommen, wobei er nicht lange fragen dürfe: die Billigung komme schon hinterdrein. Ohne eine große Autorität konnte so etwas nicht geschehen; und wie hätte eine fremde Autorität das österreichische Militär anstiften und dabei im nämlichen Augenblicke eine solche Disziplin handhaben können, daß es im übrigen nicht zu Raub und Plünderung kam? Der preußische Gesandtschaftssekretär von Jordan zeigte vielen persönlichen Mut und gegenwärtigen Geist durch die weitere Fortgeleitung des französischen Gepäcks und des geretteten Gesandten Jean de Bry. Herr von Dohm, von dem gräßlichen Ereignis tief ergriffen, vereinigte die noch anwesenden Gesandten zu gemeinschaftlichen Maßregeln, um den Tatbestand herzustellen und die Spuren dieses völkerrechtswidrigen Verbrechens zu ergründen; eine Sache, die ihm jedoch alsbald von den größeren Höfen, und zwar dem preußischen selbst, sehr übelgenommen und für einige Zeit mit einer gewissen Ungnade vergolten wurde. So richtig scheint Herr Graf von Lehrbach, oder wer immer die Tat angestiftet, den Gang der Dinge berechnet zu haben.

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