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Aus den Vorbergen

Paul Heyse: Aus den Vorbergen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Heyse
titleAus den Vorbergen
publisherVerlag von Wilhelm Hertz
year1893
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20180629
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Vroni.

(1891.)

 

Der Sommer war kalt und unfreundlich gewesen. Aber ein milder, sonniger Herbst schien alles Ungemach der grauen Regenmonate vergüten zu wollen. Der leichte Reif, der in der Frühe die Wiesen überflimmerte, wurde von den kräftigen Sonnenstrahlen eilig aufgesogen, so daß die dichtsprossenden Zeitlosen nur wie von einem gelinden Thau erquickt desto üppiger blühten. Um Mittag webte eine zauberhafte Milde und Stille um die Waldwipfel, aus denen schüchterner Vogelgesang herabklang, als gälte es schon wieder den Frühling anzukündigen. Hie und da aber taumelte ein rothes oder gelbes Laub aus den stark gelichteten Zweigen durch die windstille Luft, und bei allem Leuchten und Glänzen zwischen Himmel und Erde ging jener Hauch einer süßen Schwermuth durch die Welt, der das letzte Aufglühen jeder Lebensflamme zu begleiten pflegt.

Die Tage aber waren von diesem Johannistriebe der Natur so verklärt und die frischen Nächte so sternhell, daß es unmöglich schien, in die Stadt zurückzukehren, ehe man die Neige dieses seltenen Nachsommers ausgenossen hätte. Zum ersten mal hielt uns unsre ländliche Wohnung über den ganzen October fest, und es war mir nicht unlieb, auch einmal den Allerseelentag »am Land«, wie man hier sich ausdrückt, zu erleben.

Denn die städtischen Friedhöfe entbehren an diesem Tage nur allzusehr der weihevollen Stille, die einem Fest der Todten gebührt. Nicht als ein schlichtes Liebesopfer werden Kränze und Blumen auf die Grabhügel niedergelegt, sondern Jeder sucht den Nachbar durch eine reichere »Decoration« zu überbieten, eine zahllose Menge wogt in den schmalen Pfaden schaulustig wie in einer Blumenausstellung auf und ab, und die Ruhestätte müder Menschen, die aller Weltthorheit entrückt sein sollten, ist in einen Markt der Eitelkeit verwandelt.

Draußen in dem bäuerlichen Marktflecken, der im hügeligen Vorland des Gebirges zwischen weitgestreckten Wiesen und tiefen Waldungen ruht, wurde die fromme Sitte noch ohne Prunk und Schein gepflegt. Als ich am Morgen den Friedhof betrat, drangen mir aus der niedrigen Kirchenthüre die Orgeltöne entgegen, die den kunstlosen Gesang der Andächtigen begleiteten. Bei den Gräbern waren nur Wenige zurückgeblieben, damit beschäftigt, ihre bescheidenen Blumengaben, Kränze von Fichtenzweigen, hie und da mit Astern und Malven durchwirkt, oder aus Papierblumen und künstlichen Ranken hergestellt, auf die überras'ten Hügel niederzulegen. Hin und wieder leuchtete eine Sonnenblume aus dem dunkeln Grün eines Epheukranzes hervor, und selbst die blaue Distel war nicht verschmäht worden, am Wegrain gepflückt, um das Grab irgend eines Armen zu zieren. Dürftige Spenden freilich. Hier aber fiel es Niemand ein, den Gräberschmuck schon am Abend wieder wegzutragen, wie man sich so vielfach in der Stadt beeilt, die vom Gärtner gelieferten Palmen, Tracänen und Kamellien zurückzugeben. Was diese armen Hügel heute bunt und lustig machte, durfte getrost den Winter über liegen bleiben und unter der Schneedecke gleich Denen, die damit geehrt werden sollten, vermodern.

Schon wollte ich, nachdem ich einen nachdenklichen Rundgang gemacht, den stillen Bezirk wieder verlassen, als mein Blick auf eine hohe Männergestalt fiel, die drüben an der niedrigen Mauer stand und in Betrachtung eines eingesunkenen Grabhügels vertieft schien.

Kein Stein mit vergoldeter Inschrift, kein Säulchen mit einem Weihwasserbecken, nur ein unscheinbares schwarzes Holzkreuz, nachlässig in die Erde gesteckt und mit der Zeit vornübergebeugt, war für den Todten, der hier ruhte, zum Denkmal hinreichend befunden worden. Und auch heute hatte Niemand daran gedacht, auch nur den bescheidensten Kranz um das morsche Kreuz zu hängen.

Daran wäre nun nichts Besonderes gewesen. Wie viele längst Verschollene lagen hier bestattet, deren Nachkommen alle ihnen nachgestorben, oder in die weite Welt verzogen waren. Mit dem Grabe aber drüben an der Mauer mußte es eine eigene Bewandtniß haben. Denn der Mann, der dort eine stille Andacht verrichtete, schien sich nicht davon trennen zu können. Er hatte mir den Rücken zugekehrt, und ich konnte aus seiner Haltung nur erkennen, daß er mit den gefalteten Händen den Hut an die Brust drückte. Es war nichts Auffallendes an dieser Geberde und der ganzen Erscheinung; doch konnte ich die Augen nicht von dem stillen Beter abwenden. Irgendwo, dacht' ich, mußt du ihm schon begegnet sein. Da wandte er den Kopf ein wenig zur Seite – auf einmal wußte ich, wen ich vor mir hatte.

Vor Jahren, in einer Kaltwasserheilanstalt des Fichtelgebirges, war ein Forstmann mein Tischnachbar gewesen, der nach einer schweren Krankheit Urlaub erhalten hatte, in Ruhe und guter Pflege sich vollends wiederherzustellen. Ein auffallend schöner und stattlicher Mann, über sechs Fuß hoch, mit feurigen, doch etwas trübsinnigen Augen und blanken Zähnen unter dem kurzgehaltenen braunen Bart, sehr schmuck und sauber in seiner halb weidmännischen Tracht, so daß man ihn für einen aristokratischen Jagdliebhaber halten mochte, bis man aus dem Fremdenbuch erfuhr, daß man es mit einem bürgerlichen Forstrath aus dem Württembergischen zu thun hatte. Unsre Tischgenossenschaft brachte mich bald mit ihm in ein freundliches Verhältniß, das durch gemeinsame Streifzüge in den unabsehlichen Wäldern fast täglich befestigt wurde. Obwohl aber sonst das nahe Zusammenleben in einem Badeort und der Mangel an neuen Erlebnissen die Leidensgefährten dazu verleitet, sich völlig gegeneinander aufzuschließen, so daß man oft in wenigen Wochen eines solchen Aufenthalts mehr von den persönlichen Verhältnissen und Schicksalen erfährt, als gute Freunde in der Stadt in langen Jahren einander mittheilen, – von meinem mir so lieb gewordenen Tischnachbarn erfuhr ich nur, daß er ein geborener Bayer sei und schon in jungen Jahren, da die Familie seiner Mutter aus Schwaben stamme, in württembergische Dienste übergetreten sei. Nur noch sein Junggesellenthum konnte ich erforschen. Von dem aber, was ihn bei aller Wärme der Empfindung, die vielfach zu Tage kam, einsam und offenbar von Herzen unfroh gemacht hatte, ließ er mich nie auch nur ein andeutendes Wort erfahren.

So waren wir, nachdem er in den drei Wochen unseres Beisammenseins seine Kraft und Frische wiedererlangt hatte, als sehr gute Freunde von einander geschieden, doch ohne die Hoffnung, uns auch fernerhin im Auge zu behalten; und wirklich war ein Dutzend Jahre verstrichen, ohne daß Einer dem Andern ein Lebenszeichen gegeben hätte.

Jetzt aber, bei seinem unerwarteten Anblick, flackerte die Erinnerung an jene Tage so hell wieder auf, daß ich unwillkürlich halblaut seinen Namen rief und schon im Begriff war, zu ihm hinzueilen, als mich der Gedanke noch zur rechten Zeit zurückhielt, wer könne wissen, in welcher schmerzlichen Allerseelenstimmung er sich befinde, in der er wünschen müsse, sich selbst überlassen zu bleiben. Und in der That, im nächsten Augenblick wandte er das Gesicht nach der Seite, wo ich stand; ich konnte nicht zweifeln, daß sein scharfes Jägerauge mich erkannt hatte. Doch mit einer hastigen Wendung kehrte er sich wieder von mir ab und verließ langsam, aber mit weitausgreifenden Schritten, durch das gegenüberliegende Pförtchen den Friedhof.

*

Es war klar, daß er mir ausweichen wollte, um irgend einem Kummer ungestört nachzuhängen. Denn da wir damals an einander Gefallen gefunden hatten und seitdem nichts Feindliches zwischen uns getreten war, konnte ich in seiner Zurückhaltung nichts Verletzendes sehen und dachte nicht weiter darüber nach.

Am Nachmittag aber, als ich von einem weiten Spaziergang in früher Dämmerung heimkehrte und mein Weg mich an der Kirche vorüberführte, kam mir das morgendliche Begegnen wieder in den Sinn, und die Neugier regte sich, das Grab zu beschauen, vor dem der menschenscheue Freund seine Andacht verrichtet hatte.

Ich hatte mir die Stelle wohl gemerkt, und als ich den Friedhof betrat, fiel mir das schiefgesunkene schwarze Kreuz an der Mauer sogleich ins Auge. Von der Inschrift darauf, mit weißer Farbe aufgetragen, hatte der Regen nur noch wenige Buchstaben verschont. Nur so viel konnte ich entziffern, daß zwei Namen darauf gestanden hatten, wie denn auch ein Doppelhügel sich darunter wölbte. Jetzt aber nicht mehr schmucklos. Ein großer, schöner Kranz aus Epheu, mit Astern durchstickt, am unteren Ende mit einer breiten Florschleife umwunden, war gegen den Stamm des Kreuzes gelehnt und breitete seine dunkelglänzenden Ranken gleichmäßig nach beiden Seiten über das Zwillingsgrab.

Wessen Hand dies Todtenopfer hier niedergelegt hatte, war mir nicht zweifelhaft.

Ich fragte ein altes Mütterchen, das den Rosenkranz zwischen den Händen an einem der nächsten Hügel kauerte, wer hier begraben sei. Sie schüttelte mürrisch den Kopf und zuckte die Achseln. Ob sie es nicht wußte, oder nicht Rede stehen wollte, da ich sie in ihrer Litanei gestört hatte, konnte ich nicht errathen.

Inzwischen war die frühe Novembernacht hereingebrochen, der sonst so klare Himmel überzog sich mit einem leichten Dunst, im Wetterwinkel stand eine schwere Wolkenwand, die für den folgenden Tag nichts Gutes verhieß und das Ende des goldenen Nachsommers ankündigte. Als ich vom Friedhof weg über den Marktplatz schlenderte, waren schon alle Schenkstuben in den fünf oder sechs Wirthschaften erleuchtet und voll Bauern aus den umliegenden Gehöften, die der Feiertag in den Marktflecken gelockt hatte. Vor den Thorwegen der Bräuhäuser und der Post standen die kleinen Bauernwagen angeschirrt, und hin und wieder rollte eines der leichten Gefährte mit sausendem Lärm davon und die steile Straße hinauf, die am hochgelegenen Landgericht vorbei gegen den Wendelstein zu läuft.

Auch ich wandte mich nach dieser Richtung, meiner Landwohnung auf der lustigen Anhöhe zusteuernd, und überlegte, daß auch unseres Bleibens hier nun nicht länger sein würde. Als ich aber an dem kleinen Springbrunnen anlangte, der in der Mitte des Platzes zwischen vier jungen Bäumen in sein flaches Becken hinabplätschert, und so verloren aufblickte, um nochmals die bedrohlichen Himmelszeichen zu observiren, traf mein Auge auf eine hohe Männergestalt, die ebenso achtlos mir entgegengeschritten war und in demselben Moment auch meiner ansichtig wurde, – mein guter Freund aus Alexandersbad.

Nun konnte er mir nicht ausweichen, schien auch kein Verlangen mehr danach zu verspüren.

Wir traten aneinander heran und schüttelten uns herzlich die Hände. Ich fragte, was ihn hergeführt habe. Er sei in Geschäften von seiner Regierung nach München geschickt worden und, nachdem er sie abgethan, heute Morgen herausgefahren, um alle die Stätten wiederzusehen, an die ihn vielfache Jugenderinnerungen knüpften. Er glaube mir schon einmal erzählt zu haben, daß er seine Laufbahn als Forstmann in bayrischen Diensten begonnen habe. Sein Vater, ein bayrischer Beamter, habe nur widerstrebend, nach einigen juristischen Semestern, der unbezwinglichen Neigung des Sohnes nachgegeben und ihn zum Forstfach übergehen lassen. Die Passion für den Wald und die Jagd habe ihm ein Großvater mütterlicherseits vererbt, der in Württemberg Forstmann gewesen. Nur habe sein Alter darauf bestanden, daß er erst ein Jahr lang den praktischen Dienst als Volontär erproben sollte, ehe er die Forstakademie in Aschaffenburg besuchte. So sei er einundzwanzigjährig als Forstgehülfe zu dem Schlierseeer Revierförster gekommen, der als ein tüchtiger, wenn auch bärbeißiger Herr bekannt gewesen sei. Die stille Hoffnung aber, die Strapazen des Dienstes, zumal im Winter, würden das verwöhnte Stadtkind abschrecken, sei nicht in Erfüllung gegangen, wie Figura zeige. Er habe es wahrlich nicht immer leicht gehabt, und auch sonst – es sei mancherlei hinzugekommen – und doch – an diesen Wäldern und Wiesen hänge noch immer sein Herz – und darum habe er nicht widerstehen können, heute früh –

Er verstummte, in sichtbarer Beklommenheit, als ob er mir nicht die ganze Wahrheit gestehen könne, und da ich selbst an seinen Frühbesuch auf dem Friedhof denken mußte, entstand eine kleine unbeholfene Stille zwischen uns.

Endlich fand er wieder das Wort, daß er sich freue, mich so zufällig hier getroffen zu haben. Er wisse zwar, daß ich seit einigen Jahren diese Gegend zu meiner Sommerfrische gewählt hätte, doch habe er nicht denken können, mich noch hier zu finden, da alle andern Stadtleute sich bereits wieder in ihre Winterquartiere zurückgezogen hätten; sonst würde er sich's nicht versagt haben – und so weiter.

Ich forderte ihn auf, da er bis zum Abgang des letzten Zuges noch anderthalb Stunden zu warten habe, in mein Haus mit mir hinaufzugehen und die Bekanntschaft meiner Frau zu machen, der ich viel von ihm erzählt hätte. Er lehnte das aber freundlich, doch mit einer gewissen hastigen Verlegenheit ab: er sei weder in einem Aufzuge, noch in einer Stimmung, um sich Damen vorzustellen, und hoffe, wenn wir selbst schon so bald in die Stadt zurückkehrten, dort vielleicht noch das Vergnügen zu haben. Dabei sah er, seine Unruhe zu verbergen, nach der Uhr und schien wieder nach einem Vorwand zu suchen, sich von mir loszumachen

Nein, werther Freund, sagte ich, so leichten Kaufs entkommen Sie mir nicht. Ich habe mich Ihnen heute früh nicht aufdrängen wollen, da ich Sie an einem geweihten Ort eine Pflicht der Pietät erfüllen sah, und auch jetzt, wenn Ihnen nicht danach zu Muth ist, fremde Gesichter zu sehen, will ich Ihnen keinen Zwang anthun. Aber statt daß Sie eine öde Wartezeit unten in dem unwirthlichen Bahnhof verbringen, müssen Sie mir schon den Gefallen thun, in Erinnerung an manche trauliche Stunde auf der Luisenburg ein Glas Wein unter vier Augen mit mir zu trinken. Sie kennen das stille Weinstübchen gleich drüben zur linken Hand. Die Gastwirthschaften und Bräuhäuser sind überfällt. Dort aber werden wir sicher allein sein, und der rothe Tiroler, den die alten Damen ausschenken, ist gerade in diesem Jahre sehr trinkbar.

Er sah, daß er mir nicht entrinnen konnte, und ergab sich mit guter Manier in sein Schicksal. Auch fanden wir es in der That so heimelig unter dem niederen Dach des bescheidenen Weinhäuschens, und der etwas herbe, aber kühle Trunk in der offenen Flasche, den die ältliche Wirthin uns vorsetzte, machte meiner Empfehlung so völlig Ehre, daß der Freund nicht bereute, mir gefolgt zu sein. Wir Beide hatten eine weite Wanderung hinter uns und waren einer Erquickung bedürftig. So erschien bald die zweite Flasche auf dem sauber mit rothkarrirter Decke verhangenen Tisch, während wir alte Alexandersbader Zeiten wieder heraufbeschworen und sonst von unwichtigen Dingen plauderten.

Die Wirthin, die eine Weile mit ihrem Strickzeug am Fenster gesessen hatte, wurde abgerufen. Wir waren auf einmal still geworden und sahen beide nachdenklich auf die weiße Glocke der kleinen Petroleumlampe oder in den funkelnden Rubin in unsern Gläsern. Seine Cigarre war ihm ausgegangen, er machte keine Anstalten, sie wieder anzuzünden.

Was werden Sie gedacht haben, fing er plötzlich an, als ich heute Morgen vor Ihnen die Flucht ergriff! Ich hatte immer nur Freundliches von Ihnen erfahren, und jetzt, statt mich des günstigen Zufalls zu freuen, der mir zu einem Wiedersehen verhalf, – glauben Sie mir, den ganzen Tag ist mir das peinliche Gefühl nachgegangen, Sie gekränkt zu haben, da Sie's doch wirklich nicht um mich verdient hatten. Ich würde Ihnen geschrieben und mich zu entschuldigen gesucht haben, wenn der Zufall uns nicht wieder zusammengeführt hätte.

Ich sagte ihm, wie ich mir sein Ausweichen gedeutet hatte, und daß ich ihn keinen Augenblick im Verdacht einer feindseligen Gesinnung gehabt hätte.

Ja, sagte er, so ungefähr war es auch. Der Anblick jenes Grabes hatte mich so erschüttert – meinem leiblichen Bruder hätte ich in jener Stunde nicht ins Gesicht sehen mögen. Und doch bin ich einzig und allein zu dem Zweck, mich wieder mit dem Grauen dieser Erinnerung zu sättigen, heute Morgen herausgefahren. Ein seltsamer Trieb im Menschen, in alten Wunden zu wühlen, so daß sie nie recht vernarben können. Wie ich dann über Tag hier in der Umgegend herumstrich, begleiteten mich gewisse Schatten auf Schritt und Tritt, und selbst Ihre freundliche Gesellschaft kann sie nicht verscheuchen. Mehr als einmal, als wir noch in den Fichtenwäldern um die Luisenburg mitsammen herumstiegen, hatte ich schon die Lippen geöffnet, Ihnen zu erklären, was mich verdüsterte, doch immer wieder biß ich die Zähne zusammen. Heute aber ist's, als hätten sich die Gräber geöffnet und ihre Todten herausgelassen, die Lebendigen zu ängsten. Mir ist zu Muth, als könnte ich sie nicht wieder zur Ruhe bringen, wenn ich nicht eine Beichte ablegte und einen Freund befragte, ob man wirklich noch mit grauen Haaren den Fluch einer Jugendsünde tragen müsse, die einem so lange Jahre jeden reinen Tropfen Lebensglück verbittert hat.

*

Ich verhielt mich schweigend, und er erwartete auch keine Antwort. Jetzt aber fiel mir auf, daß er seit unsrer ersten Bekanntschaft völlig ergraut war, Haar und Bart gelichtet, das alte Feuer seiner schwarzen Augen wie durch einen Nebel gedämpft. Doch die kräftigen, regelmäßigen Züge seines Gesichtes erschienen nur noch edler und fast ehrfurchtgebietend.

Glauben Sie nicht, fing er endlich wieder an, daß ich vor fünfundzwanzig Jahren es mit gewissen Thorheiten, die zu Verbrechen werden können, leicht genommen hätte. Ich hatte freilich allerlei zärtliche Verhältnisse, wie so ein junger Fant sie zu haben pflegt. Aber aus zwei Gründen wurde ich vor ernstlicheren Verirrungen bewahrt. Einmal, weil ich von früh an eine ritterliche Schwärmerei für meine liebe und schöne Mutter hatte, mit der verglichen mir die meisten Weiber sehr wenig liebenswerth erschienen. Und dann, obwohl ich nicht eben ein eitler Geselle war, wußte ich doch, daß die Mädel an meinem Gesicht und meiner schlanken Figur Gefallen fanden und mir gern auf halbem Wege entgegenkamen. Das hatte zur Folge, daß ich mich kostbar machte und die Schönsten und Stolzesten gerade gut genug für mich hielt.

Nur einmal, da ich oft nach Würzburg hinüberkam, lief ich ernstlich Gefahr, mich in ein Abenteuer zu verstricken, bei dem ich Schaden an meiner Seele genommen hätte. Eine sehr reizende und noch weit kokettere Dame, die Frau eines höheren Offiziers, an den ich empfohlen war, hatte ihre Augen auf mich geworfen, den jüngsten und unbedeutendsten unter ihren Verehrern. Wer weiß, wohin dies sträfliche Spiel mit dem Feuer geführt hätte. Da aber rettete mich noch zur rechten Zeit mein guter Papa, der nach Ablauf meiner Dienstzeit darauf bestand, daß ich nun mein Probejahr bei dem Revierförster absolviren müsse.

So kam ich, ein wenig angebrannt, doch die edleren Theile noch heil und unversehrt, im Hochsommer hier an und empfand es, nachdem die ersten Trennungsschmerzen sich verblutet hatten, als eine Erquickung, der ungesunden Schwüle jenes leidenschaftlichen Verhältnisses entrückt zu sein und in der reinen Waldluft mir alle frevelhaften Romane aus dem Sinn zu schlagen.

Heiß genug fand ich es freilich auch hier.

Als ich am dritten Tage, da ich nach einer guten Karte mein Revier beging, gegen Mittag vom Stadelberg herunterkam, über den Floigerhof zu den beiden Gehöften hinab, die unten in dem hübschen kleinen Thälchen liegen, hätte ich viel um einen frischen Trunk gegeben. Die Thüren aber waren verschlossen – die Leute mochten bei der Heuernte sein – das Wasser, das aus dem Brunnenrohr floß, war lauwarm, es blieb mir nichts übrig, als die Halde auf der andern Seite hinaufzusteigen, wo ein schmaler Wiesenpfad dem Walde zulief. Jenseits desselben blickten der Kirchthurm und die Dächer Miesbach's herüber, aus allen Schornsteinen dampfte es mittäglich einladend, und das Bier aus der berühmten Brauerei drunten zu würdigen, hatte ich schon in Schliersee Gelegenheit gehabt.

Das Gitterthürchen oben neben der kleinen Laube war unverschlossen, so trat ich in den schattigen Wald, aus dem mir in dieser brütenden Dämmerung ein würziger Geruch von wildem Thymian, gemischt mit dem Arom von Himbeeren, entgegenquoll. Ich war aber zu ermüdet und verlechzt, um mich mit dem Naschen mühsam gesammelter Beeren aufzuhalten Die Büchse, ein etwas schwerfälliger Zwilling, noch ein Erbstück vom Großvater, drückte mich, ich verwünschte meine Thorheit, die hohen Kamaschen angezogen zu haben, und hatte in meinem Mißmuth kaum ein Auge für die Lieblichkeit des Weges – Sie kennen ihn – unter den kräftigen Buchen längs des Waldrandes, zur Linken die Wiese, die sich sacht hinabsenkt, drüben die schönen Bäume an der Straße nach Agatharied und in der Ferne die Höhen der Tegernseeer Landstraße. Verdrossen schlich ich fürbaß und schämte mich zugleich, daß ich die erste Probe in meinem selbstgewählten Berufe so schlecht bestand, wenn ich auch freilich schon seit sechs Uhr auf den Beinen war. Es war auch gar zu dumpf und beklommen hier unter den dichtverwachsenen Büschen. Alle Augenblicke verstrickte ich mich in Brombeergerank, und der Aerger darüber schoß mir heiß in die Stirne. Nun vollends wetterte ich ingrimmig in mich hinein, als ich an eine Stelle kam, wo plötzlich der Weg durch einen hohen, festen Verhau verrammelt war, während rechts und links ein starker Lattenzaun den Ausweg aus der Sackgasse verhinderte.

Indem ich aber noch darüber nachsann, wo ich am bequemsten durchbrechen könnte, hörte ich auf einmal drüben aus dem Walde eine helle Weiberstimme singen, eine Weise, die ich nicht kannte, in so hohen, scharfen Tönen, daß es mehr wie ein Vogelschrei, als wie ein Lied aus einer Menschenkehle klang. Auch brach der Gesang alle paar Tacte lang ab, um nach einer Pause von Neuem anzuheben. In der tiefen Stille ringsum, da kein Vogel sich hören ließ, kein Blatt in der regungslosen Luft rauschte, nahm sich dieser seltsame Gesang fast unheimlich aus.

Ich war an den Verhau getreten und lugte durch einen Spalt in dem Gestänge hinaus. Da sah ich ein weibliches Wesen den Waldpfad daherkommen, der sich jenseits des Zaunes wieder lichtete, langsamen Schrittes, und ebenso wie ihre Melodie auch ihren Gang beständig unterbrechend, um niederzuducken und sich am Boden etwas zu schaffen zu machen.

Als das singende Wesen auf zwanzig Schritte herangekommen war, ohne zu ahnen, daß es belauscht wurde, sah ich, daß es eine Beerensammlerin war, höchstens siebzehnjährig, schlank aufgeschossen und schmiegsam wie eine Eidechse, ein blutarmes Ding offenbar. Denn sie ging barfuß, und selbst von weitem konnte ich sehen, daß ihr kurzes Röckchen vielfach geflickt und von Regen und Sonne ausgeblichen war. Um den Kopf hatte sie ein rothkarrirtes Tüchlein geknüpft, das war ihr aber bei dem häufigen Bücken und Wiederaufschnellen in den Nacken zurückgeglitten. Am Arm trug sie einen kleinen Korb, in den sie die Beeren warf. Vom Gesicht, über das die Sonnenlichter hinspielten, sah ich nichts deutlich, als ein Paar sehr hell schimmernder Augen.

Da sie nun näher kam, zog ich mich behutsam ein paar Schritte zurück und stellte mich hinter einen dicken Buchenstamm auf den Anstand. Ich verlor sie freilich zunächst aus dem Gesicht, doch an ihrem Singen, das plötzlich aufhörte, konnte ich merken, daß sie dicht an den Verhau herangekommen war und nun offenbar bedachte, wie sie da hinüberkommen sollte. Sie wird umkehren, dacht' ich. Dann mußt du dich sputen, durch den Zaun zu brechen, um sie einzuholen. Warum mir daran lag, ihr zu folgen, wußte ich nicht.

Aber während ich noch hierüber grübelte, sah ich ihren Kopf plötzlich über der hohen Stangenbarrikade auftauchen, gleich darauf die ganze leichte Gestalt, so mühelos, als sei sie das Klettern von lange her gewohnt.

Es war aber merkwürdig, wie sorgsam sie sich bemühte, daß ihr Röckchen sich nicht in die Höhe streifte, selbst hier in der Waldeinsamkeit, wo sie sich völlig unbelauscht glauben mußte. Ihr Korb, während sie sich mit den Händen an den vorspringenden Stangen festhielt, hing sicher am linken Arm, ohne daß irgend etwas verschüttet wurde, und sogar in ihrem Singen fuhr sie munter fort. Noch ein kleiner Sprung, dann stand sie unten und zupfte die Falten der losen braunen Jacke und des Röckchens zurecht. Es war eigentlich ein alter, sehr verschossener seidener Unterrock, den eine mildthätige Sommerfrischlerin dem armen Kinde einmal geschenkt haben mochte.

Nun, da sie ein paar Minuten still stand, um Athem zu schöpfen, konnte ich sie genauer betrachten.

Sie war von mittlerer Größe, aber so zierlich gewachsen, daß sie eher groß erschien, zumal ihr Kopf auffallend klein war, trotz des dichten braunen Haares, das nachlässig um ihre Schläfen hing; eine Strähne fiel ihr über das linke Auge, so oft sie sie auch mit der Hand zurückstrich. Auch die Augen waren nicht groß, aber von einer sonderbaren Helligkeit, wenn sie die Wimpern weit öffnete. Dann schwammen die lichtbraunen funkelnden Sterne in dem bläulichen Weiß wie halbreife Brombeeren in Milch. Sonst war nichts Auffallendes an dem schlichten runden Gesichtchen, als höchstens die trotz des Sonnenbrandes bleiche Farbe. Aber wenn sie den vollen, weichen Mund öffnete, wie eben jetzt, um tief aufzuathmen, sah man die beiden blanken Zahnreihen und das rosige Züngelchen, wie bei einem jungen Hunde nach einem raschen Lauf.

Sie fuhr sich mit dem Rücken der rechten Hand über die Stirne, um den Schweiß wegzuwischen. Dabei sah ich, daß ihre Finger blau und roth gefärbt waren, wie auch ihre nicht eben kleinen, aber wohlgebildeten Füße bis an die Knöchel die Farbe der Heidelbeeren trugen, in deren Kraut sie heute wohl schon stundenlang herumgestapft waren.

Als sie jetzt aber ihren Weg fortsetzen wollte, trat ich sacht aus meinem Hinterhalt vor. Sie stieß einen kleinen Schrei aus, nickte mir dann aber unverlegen zu und machte Miene, an mir vorbeizuwandern.

Halt! rief ich und streckte den Büchsenlauf wie einen Schlagbaum über den Weg. Hier passirt man nicht, ohne sich auszuweisen. Wer bist du, und was hast du hier im königlichen Forst zu suchen? – Ich wußte nicht einmal genau, ob der Wald nicht der Gemeinde gehörte. Aber sie konnte mich schwerlich berichtigen.

Was ich hier suche? wiederholte sie und lachte ganz unbefangen. Da sehen's ja, was ich gesucht hab'!

Sie hielt mir ihren Korb hin, in welchem zwei tiefe irdene Töpfe standen, zur Hälfte gefüllt, einer mit Heidelbeeren, der andere mit Himbeeren.

Weißt du nicht, sagte ich und bemühte mich, eine möglichst strenge Amtsmiene zu machen, daß Niemand aus den königlichen Forsten ohne besondere Erlaubniß etwas holen darf? Hast du einen Erlaubnißschein zum Beerensammeln? Wenn nicht, so werde ich dich anzeigen müssen, da ich königlicher Forstgehülfe bin.

Sie hatte mich während dieser feierlichen Rede von Kopf bis Fuß gemustert, ohne sich im Geringsten eingeschüchtert zu zeigen. Jetzt lachte sie hell auf.

Gehn's weiter, Herr! sagte sie. Sie wollen mich bloß stimmen. Sie sind ja gar kein Jagdgehülfe, Sie sind irgend so ein verkleideter Baron oder Graf und laufen nur so zum Vergnügen mit dem Stutzen umeinand, jetzt, wo gar keine Jagdzeit ist. Oder wollen Sie Eichkatzeln schießen?

Und wieder machte sie Anstalten, an mir vorbeizuschlüpfen.

Ich faßte sie aber an dem mageren braunen Aermchen, das noch wie ein Kinderarm aus der ausgewachsenen Jacke hervorkam, und sagte: Ob ich ein richtiger Jagdgehülfe bin, das sollst du bald erfahren, wenn ich dich zu dem Herrn Revierförster führe. Aber da der Weg ein bissel weit ist und jetzt die heißeste Zeit, will ich dich einstweilen frei lassen. Nur aufschreiben muß ich dich, um zu wissen, du Waldfrevlerin, wer du bist und wo man dich finden kann.

Da lachte sie wieder.

O, sagte sie, wenn's weiter nichts ist, mich kennt ja jedes Kind, ich bin die Vroni, und mein' Mutter ist die alte Burgei, und wir wohnen da drüben, schauen's nur über die Wiese 'nüber – und sie deutete mit dem blauen Zeigefingerchen zwischen den Stämmen durch in den Grund hinab – das Häuserl können Sie jetzt nicht sehen, es liegt hinter dem hohen gelben Haus, aber ein Jeder kann Sie hinweisen, und daß ich drum gestraft werden soll, weil ich Beeren gebrockt hab', das werd' ich nimmer glauben, bis ich's seh', und nun lassen Sie mich durch, Herr – Forstgehülfe! Mein' Mutter wartet auf mich mit dem Essen.

Ich hatte mein Notizbuch herausgezogen und mich gestellt, als ob ich ihre Aussage zu Protokoll nähme.

Wer ist deine Mutter, Vroni? fragte ich.

Wer sie ist? Ha, sie ist eben die alte Burgei, mein Vater war im Bergwerk drüben in Hausham, ich bin halt – ein lediges Kind, setzte sie mit leiserer Stimme hinzu. Und wie mein Vater die Mutter hat heirathen wollen, ist er verstorben, er hatt' es so schwer auf der Brust; ich war noch ein kleinwinzigs Ding, als er starb, und die Mutter hatte nichts zum Leben, sie hatte auch im Bergwerk gearbeitet, bis es sie so arg mit der Gicht gefaßt hat, da hat die Gemeinde hier für sie sorgen müssen, und sie selbst hat das Korbmachen gelernt, und ich hab's ihr abgesehen, und da machen wir halt Körbe, und im Sommer geh' ich in den Wald nach Thaubeeren und Schwammerlingen und was sonst so wachs't, und das kaufen mir die Damen ab, die unten in der Sommerfrische sind, und die Körbe schicken wir nach München. Ja, und kein Mensch hat uns je was dreingered't, und ich glaub's auch nicht, daß es jetzt anders sein soll, weil ein neuer Forstgehülfe gekommen ist. Gelt, Sie haben mich bloß zum Narren haben wollen?

Sie sah mir so lustig und treuherzig zugleich in die Augen, daß ich's nicht übers Herz brachte, die Komödie weiterzuspielen.

Wenn du deiner armen Mutter damit hilfst, sagte ich, so werde ich dich nicht anzeigen. Aber ein bischen gepfändet mußt du werden. Schau, ich hab' einen Mordsdurst, du mußt mir von deinen Himbeeren geben. Willst du?

Gern! sagte sie, eifrig nickend, warf einen Blick umher und riß dann ein paar große Blätter aus dem nächsten Strauch. Halten Sie die Hände auf, Herr Forstgehülfe, sagte sie, legte mir die Blätter darauf und ließ mir aus dem Himbeertopf vorsichtig so viel Beeren in die kleine Höhlung rollen, bis sie gefüllt war.

Nein, sagte ich, das ist zu viel. Ich kostete nur ein paar der sehr reifen und würzigen Früchte und schüttete die übrigen wieder in den Topf.

Sie sind gut, nicht wahr? fragte sie ernsthaft, wie eine Handelsfrau, die stolz ist auf ihre Waare. Ich kenn' jeden Fleck im Wald, wo sie wachsen, aber es ist eine rechte Sünd', wie die Schulkinder aus dem Ort sie halbreif brocken, grad wie auch die Haselnussen. No, es giebt ihrer immer noch, die sie nicht finden. Heuer sind sie besonders gut gerathen.

Ja, sagte ich, sie sind röther als gewöhnlich. Aber deine Lippen, Vroni, sind doch noch röther.

Sie lachte unverlegen. Gehn's, sagte sie, Sie machen sich nur lustig über mich. Da ist ja gar kein Drandenken.

Wollen wir einmal die Probe machen? sagte ich und nahm eine besonders große hochrothe Beere aus dem Korb. Halt' sie einmal zwischen den Lippen, daß ich vergleichen kann.

Sie gab sich arglos dazu her, zwar mit Achselzucken, wie über eine Kinderei, aber ohne sich zu wehren. Einen Augenblick hielt sie die purpurne Beere still zwischen ihren Lippen, die allerdings eine hellere Farbe hatten. Ihre Augen fragten mich, wie der Vergleich ausfalle. Dann aber hatte ich, ehe sie sich's versah, ihren Kopf zwischen meine beiden Hände genommen und ihr die Beere vom Munde weggeküßt.

Dein Mund ist doch röther, Vronerl, rief ich lachend, und jedenfalls süßer.

*

Aber das Lachen verging mir.

Sie war zurückgeschnellt, wie wenn eine Natter sie in die Lippe gebissen hätte. Ihr weißes Gesicht war plötzlich mit dunkler Röthe übergossen, die Augen weit aufgerissen, ihre Lippen zitterten leise. Sie sprach kein Wort, warf mir nur einen Blick zu, nicht zornig, nur erschrocken und traurig, so daß ich verwirrt zu Boden blickte. Dann knüpfte sie mit hastigen Händen das Kopftüchlein wieder fest, nahm den Korb auf, den sie einen Augenblick ins Haidekraut gestellt hatte, und wollte, ohne mich weiter anzusehen, an mir vorbei.

Es ging mir nun doch gegen die Manneswürde, von einem barfüßigen armen Ding mich so abtrumpfen zu lassen.

Vroni, sagte ich, du bist mir böse, ich habe dich gekränkt. Aber du bist eine Närrin, daß du gar keinen Spaß verstehst. Mit meiner Forstgehülfenschaft hat es seine Richtigkeit, aber dich zu pfänden hatt' ich kein Recht, du kannst Beeren suchen, so viel du willst. Und da ich dir welche abgekauft habe, muß ich sie dir auch bezahlen.

Ich griff in die Tasche und holte ein blankes Guldenstück hervor.

Da sah ich, wie sie plötzlich wieder ganz blaß wurde.

Ihre Augen öffneten sich mit einem fast drohenden Ausdruck und sahen mich starr an. Dann sagte sie kaum hörbar: Ich will nichts von Ihnen. Lassen Sie mich gehen! Und indem sie rasch an mir vorüberschritt, stieß sie mit dem Ellbogen an meine ausgestreckte Hand, in der ich das Geldstück hielt, so daß es zur Erde fiel. Damit entfernte sie sich, ohne nach mir umzublicken.

Ich aber stand und sah dem schmächtigen Figürchen unverwandt nach, bis die blauen Füße und das rothe Kopftuch hinter dem Gestrüpp verschwunden waren. Ein heißer Aerger über meine plumpe Aufführung stieg in mir auf. Daß ich sie geküßt hatte, nahm ich mir nicht übel. Den süßen Himbeerduft dieses Kusses hatte ich noch auf den Lippen. Aber ihr Geld anzubieten und es dann fallen zu lassen, statt es ihr unbemerkt in den Korb zu stecken, – es war zu einfältig.

*

Eine Viertelstunde später saß ich am Mittagstisch der Post. Das Essen war nicht schlecht, das Bier frisch und gut. Ich konnte mir aber den Unmuth nicht damit von der Seele spülen. Auch die Zuthulichkeit der Kellnerin, die mich auffallend begünstigte, verfing nicht bei mir. Sie war ohne Frage viel hübscher als das dürftige junge Waldkind mit den blauen Händen und Füßen, eine dralle, schwarzäugige Person. Ich sah aber immer nur die kinderhaft lachenden und dann wieder traurig erstaunten Augen, die ich so gekränkt hatte. Nicht besser gelang es mir, die Erinnerung an die schöne Frau in Würzburg zu Hülfe zu rufen gegen diesen sonderbaren Spuk. Ich war nichts weniger als verliebt in das arme Mädchen. Aber ich mußte mich beständig mit ihr beschäftigen, und als es Abend wurde, ließ es mir keine Ruhe, ich beschloß, sie noch einmal aufzusuchen und Alles daranzusetzen, sie mir zu versöhnen.

Die Gegend, wo ihre Mutter wohnte, hatte ich mir gut gemerkt. Das Häuschen befand sich am äußersten Ende des Orts gegen das Ufer der Schlierach zu, wo damals nur erst einzelne Gebäude und niedere Schuppen standen. Als ich hinunterkam, lag schon ein unsicheres Zwielicht über dem Thalgrunde. Aber das gelbe Haus, das mir das Mädchen gezeigt hatte, war nicht zu verfehlen, und dahinter – mein Gott, in dieser Hütte, die kaum einer menschlichen Wohnstätte glich – ein schiefgesunkenes Dach über einem verfallenen Mauerwerk, von dem der Bewurf in großen Brocken abgesprungen war, schwarze Fensterlöcher mit zerbrochenen Scheiben verwahrt, daneben ein kleiner, mit einem kniehohen Steckenzaun eingefriedigter Platz, auf dem eine Ziege, an einen Pfahl angebunden, an alten Kohlblättern nagte – in dieser verwahrlos'ten Umgebung sollte ich mein Waldkind wiederfinden?

Doch blieb ich nicht lange im Zweifel, daß sie wirklich unter diesem allerarmseligsten Dache haus'te. Ich war von der Rückseite herangekommen. Doch während ich noch stand und mit einiger Herzbeklemmung überlegte, wie ich mich am besten bei der Mutter einführen könnte, hörte ich plötzlich die Stimme wieder, wie Mittags im Walde, ganz hell und munter, so daß ich mich tröstete: sie hat den kleinen Aerger längst vergessen. Vorsichtig, wie man sich an ein scheues Wild heranbirscht, schlich ich an der Mauer entlang und spähte um die Ecke.

Da saß sie vor dem einzigen Fenster neben der niederen Thür auf einem Bänkchen, ohne das Kopftuch und statt der braunen Jacke ein altes gelbes Tuch lose um die Schultern geschlagen Auf ihrem Schooß lag ein schwarz und weiß geflecktes Kätzchen und blinzelte schläfrig aus den gelben Augen. Seine Herrin aber hatte keine Zeit, es zu streicheln Die kleinen, noch immer blau und roth gefärbten Hände waren eifrig damit beschäftigt, einen länglichen Marktkorb zu flechten, zu dem sie die geglätteten Weidenruthen neben sich auf der Bank liegen hatte. Ihr Gesicht hatte wieder seinen kindlich vergnügten Ausdruck, der nur manchmal sich kurz verfinsterte, wenn ihr das Haar gar zu lästig über Stirn und Augen fiel. Dann schüttelte sie es zurück und ließ sich in ihrem Flechten und Singen nicht stören.

Ich weiß nicht, wie lange ich dagestanden und sie in ihrem stillvergnügten Wesen belauscht hätte. Aber ein paar Buben kamen des Weges hinter mir her, von denen wollte ich mich nicht auf meinem Späherposten ertappen lassen Ich bog also um die Ecke und ging gerade auf das Mädchen zu.

Guten Abend, Vroni! sagte ich. Noch so fleißig?

Sofort aber bereute ich mein plötzliches Hervortreten. Denn mit einem halb unterdrückten Schreckensruf fuhr sie in die Höhe, der Korb und die Weidensprossen glitten ihr aus den Händen, die Katze rollte kopfüber auf die Erde herab, und mit weitaufgerissenen Augen, wie wenn sie ein Gespenst erblickte, sich fest an die Mauer drückend und die Hände wie flehend gegen mich ausgestreckt, starrte das wunderliche Kind mich an.

Was hast du nur, Vroni? sagte ich und trat näher. Bist du so schreckhaft? Ich bin ja dein guter Freund und wollte nur einmal nachsehen –

Weiter kam ich nicht. Denn sie machte eine hastige Bewegung mit der Hand, als wolle sie mich beschwören, eilig fortzugehen. Ihr Gesicht wurde mit Glut übergossen, ihre junge Brust athmete schwer unter dem gelben Tuch, aber kein Wort kam von ihren Lippen.

Indem hörte ich aus der Hütte eine dünne, scharfe Weiberstimme: Wer ist da, Vroni? Mit wem redst du? – Ich konnte nicht zweifeln, daß es die Mutter war, die nach ihr rief, und war schon im Begriff, in die Thür zu treten, die halb offen stand, als ein wiederholtes, noch ängstlicheres Fortwinken des Mädchens mich erkennen ließ, es wäre gerathener, auf die Bekanntschaft der Alten heute Abend noch zu verzichten So nickte ich der Kleinen nur freundlich zu und entfernte mich.

Als ich eine Strecke weiter mich nach der Hütte umsah, war das Mädchen verschwunden. Nur die Katze saß auf der Bank, und mir schien, als ob sie mir schadenfroh nachblinzelte.

*

Nach dieser unzweideutigen Abweisung mußte ich die Hoffnung wohl aufgeben, zu den Bewohnerinnen der Hütte in ein hausfreundliches Verhältniß zu treten. Da mir aber an der Mutter nichts lag und ich sicher darauf rechnen konnte, bei dem Geschäft der Tochter, das sie auf den Wald anwies, ihr unfehlbar dort wieder zu begegnen, so nahm ich mir die heutige Niederlage nicht sehr zu Herzen. Ich hatte wenigstens, wie ich glaubte, meinen guten Willen gezeigt und konnte mich vorläufig dabei beruhigen.

In den nächsten Tagen aber, obwohl ich die Plätze im Walde sorgsam aufgespürt hatte, wo eine reichliche Beerenernte zu gewinnen war, fand ich keine Spur von den blauen Füßen. Einmal nur glaubte ich in der Ferne zwischen hohen Ginsterbüschen das rothe Kopftuch auftauchen zu sehen. Doch verschwand die Erscheinung sofort wieder; vielleicht weil ich unbesonnen genug war, Vroni! zu rufen, vielleicht war's nur eine Luftspiegelung oder eine Hallucination meiner aufgeregten Sinne gewesen.

Nach und nach schwand in mir die eigensinnige Begier, das arme Wesen wiederzusehen Der Eindruck verwischte sich, und ich war froh darüber, da ich überhaupt nicht recht wußte, was ich daraus machen sollte.

Da trat ich am nächsten Sonntag in die Kirche während der Frühmesse. Man ist hier sehr fromm, wie Sie wissen, und das geräumige Schiff war Kopf an Kopf gefüllt, so daß ich nur nahe bei der Thür noch einen Platz unter der andächtigen Menge fand. Ich bin nicht katholisch; aber so eine stille Messe in einem hohen, mit sanften Farben geschmückten, von Weihrauch durchdufteten Gotteshause stimmt mich immer andächtig, wenn ich dann auch anderen Betrachtungen nachhänge, als die gläubige Gemeinde, und unter den Knieenden aufrecht stehen bleibe. Als die Wandlung durch das Glöckchen angezeigt wurde und alle Köpfe sich tief auf die Brust senkten, ließ ich meine Augen so verloren in dem dunkeln Raum unter der Orgel herumgehen, der ganz voll knieender Weiber war, der ärmsten unter den Bewohnerinnen des Marktes. Da sah ich aus dem Hintergrunde neben der verschlossenen Pforte zwei helle Punkte, zwei offene Augen auf mich gerichtet, nur einen blitzartigen Moment, denn die Augen wurden sofort niedergeschlagen. Ich wußte aber auf der Stelle, wer dort kniete und einen Augenblick der Andacht vergessen hatte, um nach mir herüberzuspähen.

Ich konnte mir's nicht versagen, als die Messe vorüber war, mich draußen auf dem Friedhof aufzupflanzen, um jenen hellen Augen wenigstens aus der Ferne einen freundlichen Gruß zuzuwinken. Nach und nach leerte sich die Kirche, die Weiber und Mädchen schritten alle an mir vorbei, zuletzt kamen schon die wackligen alten Mütterchen und bresthaften Männlein, die sich nur langsam fortschleppen konnten, – ich hatte die Hoffnung fast aufgegeben, meinen Zweck zu erreichen, und sagte mir, sie wird durch die andre Thür weggegangen sein, obwohl dies hier der nächste Weg für sie wäre, – da erschien sie doch noch in dem dunkeln Thürrahmen. Sie trug heute ein dunkles, ebenfalls schon ausgewachsenes Kleidchen, das bis hoch an den Hals geschlossen war, ein altes schwarzes Strohhütchen, Schuhe und Strümpfe und in den schlicht zusammengelegten Händen ein abgegriffenes Meßbüchlein in schwärzlichem Leder. Sowie sie die Schwelle betrat, sah sie sich schüchtern nach beiden Seiten um, und da sie mich erblickte, der ich halb abgewendet neben einem Grabstein stand, zauderte sie einen Augenblick, als ob sie wieder in die Kirche zurückflüchten wollte. Dann aber schritt sie tapfer über die Schwelle und, ohne weiter aufzublicken, den kurzen Weg bis zur Pforte des Friedhofs, stieg die Stufen hinab und tauchte in den kühlen Schatten der nächsten Gasse unter.

Ich blieb meinem Vorsatz treu, sie hier auf der offenen Straße nicht anzureden. Auch hatte sie mir heute in dem unkleidsamen Sonntagsgewand und dem Hut mit dem Aufputz abgetragener künstlicher Blumen bei weitem nicht so gefallen, wie in dem losen Aufzug, wie sie mir am ersten Tage begegnet war. Nur ein tiefes Mitleiden mit der hülflosen Armuth fühlte ich und sagte mir, wie das verkümmerte junge Pflänzchen aufblühen würde, wenn ihm ein bischen Sonnenschein vergönnt wäre. Was aber sollte ich dazu thun? Ein Jagdgehülfe, der von seinem Vater eine nicht eben glänzende monatliche Apanage erhielt, woher sollte er die Mittel nehmen, das Kind der alten Burgei reichlicher zu nähren und besser zu kleiden?

*

Ich verlor sie nun ein paar Wochen lang aus den Augen und aus dem Sinn Ueberdies war die Zeit der Beeren vorüber, nur die Brombeerranken reiften in der stillen Augustsonne ihre Früchte, die aber nicht so viel Liebhaber finden, als sie verdienten. Ich hatte Anderes zu thun, als barfüßigen Waldläuferinnen nachzugehen; mein Vorgesetzter nahm mich ernstlicher in Anspruch, dann ging auch die Jagd auf, und die war von früh an meine Passion gewesen.

Nun ist leider der Hochwildstand in diesem Revier nur gering, und ich kam nur selten einmal zu Schuß. Und so war ich wieder einmal eines Nachmittags von einem Birschgang ohne Beute zurückgekehrt und schlenderte unlustig den schönen schattigen Weg durch das Waldthal von Parsberg herüber. Mein Hündchen, ein kleiner schwarzer Teckel, zottelte auf seinen krummen Beinen langsam hinter mir her.

Da sah ich, als ich an den Zaun kam, hinter welchem der Weg zum Stadelberg durch den Wald steil hinanführt, nur etwa fünfzig Schritte vor mir das wohlbekannte rothe Kopftuch, das sich ebenfalls nur langsam vorwärts bewegte. Der Kopf darunter war nachdenklich auf die Brust gesenkt, die Arme, diesmal ohne Korb, hingen regungslos herab. Da aber gab mein Dachsel Laut, das Kopftuch flog herum, ein rascher Blick traf mich, und, wie eine junge Rehgais vor einem Fuchs oder Wolf mit einem hastigen Satz sprang das aufgeschreckte Mädchen linksab durch das Gatterthürchen in den Wald hinein und den steilen Weg hinauf, ohne einen Laut von sich zu geben.

Ich ihr nach, Dachsel kläffend hinterdrein, und ich rufe ihr zu, sie soll stehen bleiben, ich hätte ihr was zu sagen. Aber sie schwang sich nur behender den Abhang hinan, bog vom Wege ab zwischen die Stämme, überkletterte wie eine Gemse die Steine und Baumstümpfe, zwischen denen das Farnkraut wucherte, und ich merkte, daß meine langen Beine in den hohen Stiefeln dem Wettlauf mit den nackten blauen Füßen nicht gewachsen waren. Ich glühte vor Zorn und Aerger und hetzte den Hund, der noch mühseliger bergan keuchte. Steh, oder ich schieße! rief ich wüthend der Flüchtigen nach, und da die Drohung ihre Flucht nur noch beschleunigte, so daß sie mir in den nächsten Minuten vollends entschwinden mußte, riß ich den Stutzen von der Schulter und feuerte einen Schuß nach oben, natürlich hoch über ihren Kopf weg in die Wipfel der alten Eichen.

Das Echo rollte weit um zwischen den Bergwänden, ein Ast, den die Kugel getroffen, splitterte mit einem leisen Krachen vom Stamme ab und taumelte langsam zu Thal, dann war's plötzlich todtenstill. Hoch über mir sah ich den Flüchtling stehen, das Gesicht nach mir umgewendet, mit einem todblassen entgeisterten Ausdruck.

Das Herz pochte mir stark, als ich nun langsam, die Büchse wieder über den Rücken werfend, zu ihr hinaufstieg. Ich war noch voll Aerger und Ingrimm über die lächerliche Jagd, zu der sie mich gezwungen hatte. Als ich sie aber erreicht hatte und ihre Augen mit einem rührend ergebenen Blick auf mich gerichtet sah, als erwarte sie, nun auf der Stelle eine Kugel ins Herz zu erhalten, wurde ich völlig entwaffnet.

Sei ganz ruhig, sagte ich. Es geschieht dir nichts. Es war nur ein Schreckschuß, damit du endlich das dumme Hinaufkraxeln ließest. Auch küssen werde ich dich nicht wieder. Ich küsse kein Mädchen, das ein Gesicht dazu macht, als hätt' ich sie vergiften wollen Ich will nur zwei Worte mit dir reden, dann magst du gehen, wohin du willst, und vor mir sollst du Friede haben in alle Ewigkeit.

Sie war auf einen moosigen Felsblock gesunken die Kniee schienen sie nicht länger zu tragen nach der Aufregung und dem hastigen Klettern. Sie sah immer noch stumm zu mir auf.

Höre, Vroni, fing ich wieder an und bemühte mich, meiner Stimme einen möglichst rauhen Ton zu geben, obwohl ich das verschüchterte Ding am liebsten umarmt und mit Liebkosungen beruhigt hätte, was hat das dumme Wesen zu bedeuten? Warum erschrickst du vor mir, wie wenn ich der Pelzemärtel wär' oder der böse Feind, damals vor eurem Häusel und wo du mir sonst begegnest? Was glaubst du daß ich dir thun würde? Hab' ich dir nicht gesagt, es thue mir leid, an jenem ersten Tag mir den Spaß mit dir gemacht zu haben, den du mir so übel genommen hast? Antworte! Ich will erfahren, was du gegen mich hast. Hernach magst du vor mir davonlaufen oder nicht, ich werde mich nie mehr nach dir umschauen.

Sie brachte noch nicht sogleich ein Wort hervor, ihre Brust arbeitete schwer, sie fuhr sich mit beiden Händen über die Stirne und strich das Haar zurück; dann, die Augen ins Farnkraut gesenkt: Meine Mutter hat's verboten, ich soll nimmer wieder mit Ihnen sprechen, oder sie schlagt mich todt. Sie hat Sie gesehen, wie Sie vorbeigekommen sind, als ich auf der Bank gesessen bin. Sie hat mich gefragt, woher Sie mich kennen. Ich hab's ihr sagen müssen, ich kann nicht lügen, und da – Herr Forstgehülfe, lassen Sie mich gehen, ich bin ein arms Dirndl – die Mutter sagt, so ein vornehmer Herr, wie Sie, wenn der Unsereins anschaut …

Ich mußte an mich halten, sie nicht zu streicheln, so sehr ging mir der kindlich flehende Blick zu Herzen, mit dem sie jetzt, sich nach und nach beruhigend, zu mir aufsah. Sie war mir nie so reizend erschienen wie hier in der grünen Waldnacht, wo die spielenden Sonnenlichter ihr weißes Gesicht überflogen

Du bist eine rechte Gans, Vroni, sagte ich, daß du mir was Schlimmes zutrauen kannst, und deine Mutter – nun, ich will sie nicht schelten, sie kennt mich nicht. Aber jetzt ein für allemal: ich will nichts von dir, und deine Mutter mag meinetwegen ruhig schlafen. Ich hätt' es ihr gern selbst gesagt, das werd' ich nun bleiben lassen. Du aber bestell es ihr, hörst du? Sie wird dich nicht schlagen, wenn sie hört, daß ich den Hund auf dich gehetzt habe, bloß um den dummen Span zwischen uns endlich einmal aus der Welt zu schaffen. So, und jetzt steh auf und komm ruhig mit mir hinunter. Wir gehen noch ein Streckchen zusammen, dann sind wir so fremd für einander, als hätten wir uns nie gesehen

Dachsel hatte sich an sie gedrängt und seinen Kopf mit der langen spitzen Schnauze auf ihr Knie gelegt. Sie streichelte ihm die glatte Stirn und sah ihn nachdenklich eine Weile an. Dann stand sie ruhig auf, strich ihr Röckchen zurecht und nickte mir ernsthaft, aber nicht mehr unfreundlich zu, wie wenn sie sagen wollte, sie sei damit einverstanden, und so sei es das Beste. Während des beschwerlichen Hinunterklimmens sprachen wir kein Wort. Erst als wir unten bei dem Gatter wieder angelangt waren und nun auf dem ebenen Weg durch das Wiesenthal fortgingen fragte ich, woher sie heute gekommen sei und ob sie noch Beeren sammle.

Nein Es wüchsen jetzt nicht mehr viel, da lohne sich's nicht. Sie sei in Parsberg gewesen, die Wirthin dort habe einen Korb gebraucht, den habe sie abliefern müssen.

Ich fragte dann nach dem Korbgeschäft, wie viel es eintrage, ob das Flechten schwer sei und dergleichen mehr, was mir sehr gleichgültig war. Aber es lag mir daran, sie vertraulich zu machen. Auch sah ich, daß sie sich nichts Arges mehr zu mir versah, und sogar ihr altes Lachen glänzte wieder auf in den hellen Augen, während sie mir ganz verständig Bescheid gab und ihren Schritt durchaus nicht beschleunigte. Endlich aber hatten wir doch die Stelle erreicht, wo das Thal sich breiter öffnet und man die Häuser von Miesbach herüberblicken sieht. Da stand ich still.

Nun magst du allein weitergehen Vroni, sagte ich. Wenn uns Leute begegneten, die könnten schwätzen, und du weißt am besten, daß nichts daran ist, du bist ein braves Mädel, und ich hab' dich gern; aber obwohl nichts Schlimmes dabei ist – deine Mutter ist ein alter Drach, der will ich nicht Ursach geben daß sie dir in die Haare fährt. Und so pfüet Gott, Vronerl! Und höre, wenn du einmal was brauchen solltst …

Sie schüttelte heftig den Kopf.

Ich meine, wenn etwa deine Mutter noch kränker werden sollt', und ihr könnt nichts mehr verdienen und der Doctor und Apotheker wollen auch bezahlt sein – denk daran Vroni, daß du nicht ganz verlassen bist auf der Welt, sondern einen guten Freund hast in Schliersee. Versprich mir das, Vronerl!

Ich hielt ihr die Hand hin Sie bedachte sich erst einen Augenblick, dann nickte sie mir mit einer rührend treuherzigen Miene zu, gab mir zutraulich ihre kleine, kühle Hand, die ich freundschaftlich zwischen meinen beiden drückte, und entfernte sich eilig auf dem schmalen Pfad am Weiher entlang, ohne sich noch einmal umzuschauen.

*

Seit jenem Tage vergingen viele Wochen in denen das rothe Kopftuch mir nicht wieder begegnete.

Ich hatte nun viel in meinem neuen Beruf zu thun, mein Vorgesetzter verschickte mich dahin und dorthin, damit ich Land und Leute und die verschiedenen Reviertheile kennen lernte, gelegentlich wurde ich auch zu Jagden in den Nachbarrevieren zugezogen und hatte Kopf und Hände voll zu thun. Dazwischen dachte ich freilich hin und wieder an das liebe Ding, aber mit aller Seelenruhe, wie an eine gute kleine Freundin, mit der ich gern zuweilen ein Stündchen verplaudert hätte, ohne alle Verliebtheit, so unvergeßlich mir das Gesicht mit den hellen Augen vorschwebte.

Da war es an einem rauhen Novembernachmittag, der Wald stand schon völlig entlaubt, die Wege waren nach langem Regen verschlammt, am nächsten Morgen aber sollte eine Jagd stattfinden, zu der ich einen Freund meines Alten in Hausham eingeladen hatte. Nun ging ich ohne an etwas Arges zu denken die Fahrstraße über Agatharied nach Miesbach, um dort dem Herrn Landrichter dieselbe Botschaft zu bringen, als ich auf einmal stutzte, da ich ein seltsames Paar mir entgegenkommen sah, einen untersetzten, schwarzbärtigen Mann in dem Anzug eines Eisenbahnbeamten oder Bahnwärters, der den linken Fuß stark nachschleppte und eifrig in eine weibliche Begleiterin hineinsprach. Er hatte, wie es die Bauern mit ihren Mädchen machen den kleinen Finger seiner rechten Hand in den gleichen ihrer linken eingehakt und schlenkerte im Gehen ihren Arm langsam hin und her. Schon von weitem erkannte ich seine Gefährtin, obwohl sie heute weder ihr Kopftuch trug, noch das häßliche Strohhütchen von jenem Sonntag, auch sonst ganz neu, wenn auch äußerst bescheiden gekleidet war. Sie hatte, während sie still neben ihm her ging, die Augen auf den schmutzigen Boden geheftet, und wie sie näher kam, sah ich, daß ein schwermüthig gespannter Zug, der ein Lächeln bedeuten wollte, um ihren blassen Mund spielte. So vertieft, wie sie war, wäre sie wohl auch achtlos an mir vorbeigegangen. Mein Dachsel aber erinnerte sich seiner Freundin die er von unsrer Birsch her in Affection genommen hatte, sprang auf sie zu und zerrte mit vergnügtem Winseln an ihrem Kleide.

Da sah sie flüchtig auf, erkannte mich, da ich nur sechs Schritte von ihr entfernt war, und vor Bestürzung stieg ihr das Blut in die Wangen. Einen Augenblick blieb sie stehen und warf mir einen beschwörenden Blick zu. Ich verstand sofort ihre stumme Bitte. Gleichgültig, als wäre sie mir so unbekannt wie ihr Begleiter, ging ich an ihr vorbei, rief meinem Hund, der sie gern eine Strecke begleiten zu wollen schien, und setzte meinen Weg, ein Liedchen pfeifend, fort.

Mir war aber gar nicht wohl zu Muthe. Wer Teufel konnte das gewesen sein, der meine kleine Vroni so vertraulich, wie nur ein Liebster oder Bräutigam, am kleinen Finger hatte? Sie hatte mir doch gesagt, sie habe keine Verwandten außer einem Bruder, der in München beim Militär war. Und dieser schwärzliche hinkende Teufel, der so vertraut mit ihr that und ihr wer weiß was für verliebte Dinge zuraunte, – und sie, die sich sonst so scharf alle Zärtlichkeiten vom Leibe zu halten wußte, heute ganz demüthig und wehrlos –

Ich mußte stillstehen, ein heißer Ingrimm stieg in mir auf. Ich sah mich nach den Beiden um; richtig, da gingen sie noch immer in traulichster Nähe, ja er hatte sogar ihre Hand losgelassen und den Arm um ihre Schulter gelegt, ohne daß sie ihn abschüttelte!

Eine Bäuerin kam des Wegs vom Markt daher, die fragte ich, wer das Paar sei, das da eben vorbeigegangen. Das Mädel habe ja einen kuriosen Geschmack, daß sie sich einen so alten und krüppelhaften Schatz ausgesucht.

O, erwiderte die Frau, Die kann noch von Glück sagen, daß Der sie nimmt. Sie ist ein ganz armes Ding und hat eine harte alte Mutter und keinen Vater dazu. 's ist die Vroni von der alten Burgei, übrigens ein rechtschaffens Dirnl, der's Jeder gönnt, daß sie von der grantigen Mutter und ihrem Hungerleben weg zu einem braven Mann kommt. Denn das ist der Grubenseppel, das muß man ihm lassen, und wenn er auch nicht der Jüngste und Sauberste ist, es nähm' ihn noch Manche, die eine bessere Aussteuer zu erwarten hätt' als die Vroni. Der Grubensepp nämlich, fuhr sie eifrig fort, sei ein Bergwerksarbeiter gewesen und sehr gut angeschrieben bei seinen Vorgesetzten, habe auch schon dicht am Obersteiger gestanden. Da aber sei im Schacht ein Unglück vorgekommen, ein Bruch im Gestein oder in der Verschalung, sie wußte es nicht genau, und mit Andern sei der Seppel verschüttet worden. Sie hätten ihn freilich bald wieder herausgeschaufelt und zu sich gebracht, aber das linke Bein sei gebrochen gewesen, und an der linken Hand habe man ihm drei Finger abschneiden müssen. So sei er verschandelt gewesen für sein Leben, und die Herren von der Gewerkschaft hätten ihn aus der Knappschaftskasse entschädigen müssen mit einem ganz schönen Jahrgeld. Da er aber an der rechten Seite noch heil geblieben und nicht über vierzig Jahr alt sei, habe er nicht so als Tagedieb herumlungern wollen, sondern ein leichtes Geschäft übernehmen, wozu man einen soliden und gewissenhaften Mann brauche. Da habe ihm trotz seines Gebrechens die Eisenbahnverwaltung – damals noch die Bergwerksbesitzer selbst – die Stelle als Bahnwärter zwischen Miesbach und Agatharied gegeben, die habe er nun zwei Jahre lang pünktlich und ohne Tadel versehen. Aber am End' sei's ihm doch zu einsam geworden in dem abgelegnen Bahnwärterhäusel, und da er die Vroni kennen gelernt, die ja auch vom Bergwerk herstamme und, wenn sie ihrem Beerensuchen drüben nachgegangen, ihm manchmal Grüß' Gott! gesagt habe, so habe er um das Mädel gefreit, und wie gesagt, sie wär' eine Närrin gewesen, wenn sie sich dran gestoßen hätte, daß ihr Bewerber nur einen gesunden Arm habe und kein heuriger Has mehr sei. Er habe kürzlich auch noch eine kleine Erbschaft gemacht, und nun brauche sie nicht mehr Thaubeeren zu suchen und die Alte könne sich auch ein bissel mehr gute Zeit vergönnen.

*

Wie diese überraschende Eröffnung auf mich wirkte, können Sie sich vorstellen. Wenn auch von Verliebtheit in das Mädel keine Rede war, ich hatte doch ein zu warmes Interesse an ihr, um ihr nicht ein besseres Loos zu wünschen als ihr in der Enge und Einsamkeit jenes Bahnwärterhäuschens, an der Seite dieses ihr an Jahren so ungleichen Menschen blühte, der mit seinen weißen Zähnen zwischen dem schwarzen Bartgestrüpp wie ein Nußknacker aussah, wenn auch seine Augen und seine Stimme einen kreuzbraven Gesellen verriethen.

Und seltsam genug – oder nein für einen Psychologen wie Sie, nur ganz natürlich und nothwendig – seit ich gesehen hatte, daß ein Andrer den Arm um sie schlang und Besitz von ihr ergriff, regte sich in mir ein Neidgefühl, das der Liebe täuschend ähnlich war und sich über Nacht in eine brennende Eifersucht verwandelte.

Ein paar Tage trug ich mich mit dem ingrimmigen Bewußtsein daß mir hier Etwas verloren gegangen war, was von Rechts wegen mir gehört hätte. Bei der Jagd am nächsten Morgen bei der ich in meiner Geistesabwesenheit mir wenig Ehre machte und zuletzt sogar eine Gais statt eines Bockes schoß, summten mir, wo ich ging und stand, die Verse aus Goethe's »Jägers Abendlied« im Ohr:

Im Felde schleich' ich still und wild,
Gespannt mein Feuerrohr –

der Schluß aber wollte schlecht auf mich passen: kein stiller Friede kam auf mich, höchstens die mit Bitterkeit getränkte Hoffnung, ein so unsinniges Fieber werde nicht lange dauern und sei überhaupt nur entstanden, da mein einundzwanzigjähriges Herz hier sonst keine Beschäftigung gefunden habe und Müßiggang aller Thorheit Anfang sei.

Und wirklich war ich schon wieder ziemlich kühl und vernünftig geworden, als ich einige Tage nach dieser Entdeckung spät Abends den unteren Weg von der Haidmühle gegen Agatharied zu wanderte, wo ich wieder etwas zu bestellen hatte. So schön es sich dort spazieren läßt an Sommertagen oder hellen Mondnächten, die hohen Bäume zur Linken, rechts in die Wälder hineinwachsend die stillen Wiesengründe, auf denen die Pferde aus den umliegenden Gehöften frei zu weiden pflegen, so unhold war's an jenem Abend. Der Regen zwar hatte aufgehört. Der Mond aber, über den ein eisiger Sturm die zerrissenen Wolkenfetzen jagte, spiegelte sich in den großen schwarzen Lachen und in den kahlen Aesten, die noch von den schweren Güssen trieften, krächzten die Krähen. Ich ging meines Weges still und wild, aber gedankenlos, ohne weder rechts noch links zu schauen. Auf einmal aber stutzte ich und blieb unwillkürlich stehen; ein jähes Herzklopfen versetzte mir den Athem.

Dicht am Wege, auf einer der regennassen Bänke, die wahrlich nicht zum Ausruhen einluden saß eine weibliche Gestalt, ganz in sich zusammengebückt, ein großes schwarzes Tuch über Kopf und Schultern geschlagen, die Hände regungslos im Schooß. Von Gesicht und Wuchs war bei der tiefen Dämmerung nichts zu erkennen Aber ich wußte auf der Stelle: sie war's!

Meine Schritte schien sie überhört zu haben. Als ich aber ganz dicht vor ihr stehen blieb, schreckte sie auf. Sie machte eine unsichere Bewegung, als ob sie sich erheben und fliehen wollte. Aber ob ihr die Glieder schwer waren, oder sie erkannte, daß es zur Flucht zu spät wäre, – sie blieb wieder sitzen, wandte das Gesicht zu mir empor und starrte mich mit stillen Augen an, die feucht waren und sich gleich wieder senkten.

Wo kommst du her, Vroni? fragte ich in möglichst gleichgültigem Ton

Sie wandte den Kopf ohne zu sprechen nach der Gegend, wohin ich wollte – wo das Bahnwärterhäuschen liegt.

Wie kannst du hier in der Nässe sitzen? Du wirst dich auf den Tod erkälten Vroni.

Sie zuckte die Achseln; ein verächtlicher Zug ging über ihren festgeschlossenen Mund, als ob ihr Alles gleich wäre.

Höre, Vroni, fuhr ich fort, ich weiß, woher du gekommen bist. Du warst bei deinem Schatz. Ich weiß ja, daß du Braut bist. Ich gratulire dir. Wann wirst du Hochzeit halten?

Immer dasselbe Schweigen

Ich setzte meinen Kopf darauf, es zu brechen. Die Starrheit des armen Wesens, das ich so ganz anders kennen gelernt hatte, that mir weh. So ließ ich mich ohne weiteres neben ihr nieder, und sie machte auch keine Geberde, als ob sie mir's wehren möchte. Das Umschlagetuch war ihr vom Kopf geglitten, und die eine herabfallende Strähne verdeckte mir einen Theil ihres blassen Gesichtchens.

Vroni, sagte ich ganz dicht an ihrem Ohr, ich habe den Mann gesehen, den du heirathen willst. Er ist nicht schön, aber es soll ein guter Mann sein. Wo hast du ihn denn kennen gelernt, und wie lang ist's schon her?

Sie sah immer stumm und steinern vor sich nieder. Aber nach und nach fing es in den Augen und Lippen wunderlich an zu zucken, die Flügel des stumpfen Näschen zitterten und plötzlich brach sie in ein so heftiges Weinen aus, wobei sie die Hände leidenschaftlich vors Gesicht schlug, daß ich in meinem ganzen Leben nie ein ähnliches verzweifeltes Sichauflösen in fassungslosen Schmerz erlebt habe.

Ich war tief erschüttert. An nichts Anderes dacht' ich, als wie ich das unglückselige Kind beruhigen könnte, dem ich eine so starke Empfindung gar nicht zugetraut hatte. Man weiß ja, wie die Heirathen auf dem Lande in der Regel geschlossen werden und daß eine gute Versorgung das Hauptziel nicht nur der Mutter, sondern auch der Tochter zu sein pflegt. Nun, und hatte die Frau nicht Recht, wenn sie sagte, das Kind der alten Burgei könne von Glück sagen daß der wackere, wohlversorgte Mann es zur Frau haben wolle?

Ich legte meinen linken Arm erst leise, dann, da sie sich mir nicht entzog, recht fest und warm um ihre schmächtige Schulter und zog mit der rechten Hand ihr die Hände von den Augen, aus denen noch immer eine heiße Thränenflut stürzte.

Vroni, flüsterte ich, sei vernünftig, hör auf, so herzbrechend zu weinen und zu schluchzen. Ich bin ja dein guter Freund, weißt du das nicht?

Sie nickte fast unmerklich, die Thränen fingen an, mäßiger zu fließen.

Nun, siehst du, Herzerl, es geht eben in der Welt nicht immer, wie man's gern haben möcht'. Wir Zwei – daß ich dich gern hab', weißt du, nicht wahr? Und ich glaube, auch du hast mich ein bischen gern. Du hast mir's nie gesagt, aber ich hab' es dir doch angemerkt. Ich möchte wohl gern dein Schatz sein, und du hättest auch nichts dagegen der meinige zu sein. Brauchst dich nicht zu schämen so was kommt, ohne daß man's will und weiß.

Dabei hatte ich meinen Mund dicht an ihr kleines Ohr gedrückt und küßte es leise. Meine Hand hatte die ihre gefaßt, die in ihrem Schooß lag, und bei dieser unschuldigen Liebkosung fühlte ich, daß ihre kalten feuchten Finger den Druck der meinen erwiederten.

Das wäre nun Alles gut und schön, fuhr ich fort, wenn wir uns haben könnten. Aber da ist kein Drandenken. Ich werde so bald noch keine Frau nehmen können, ich muß erst lange und viel mich plagen und studiren und wer weiß, ob ich in zehn Jahren schon so weit bin. Bis dahin könntet ihr Zwei, dein Mutterl und du, verkümmern und verkommen und ich könnt' nicht helfen. Nun kommt da dieser brave Mensch, und sie sagen Alle, er sei so redlich und gutthätig, und das Mädel, das er möcht', wär' gut bei ihm aufgehoben. Denk, Vronerl, der liebe Gott hab's so gewollt; Ehen werden im Himmel geschlossen, heißt's ja. Ein Mann braucht nicht schön zu sein, wenn er nur ein rechter Kerl ist, und dein Bräutigam – ist er's nicht?

Sie nickte nachdenklich vor sich hin. Die Thränen waren versiegt.

Siehst du, Herz, du wirst ihn gewiß noch einmal rechtschaffen gern haben, wenn du merkst, wie gut er's mit dir meint, und deine Mutter Freud' dran hat, und alle Leut' im Ort dich respectiren, weil du eine so brave kleine Hausfrau bist, und wenn du Kinder hast – hättest du nicht gern welche?

Da nickte sie viel nachdrücklicher, und zum erstenmal sah sie mit einer Art von wehmüthiger Freude wieder auf. Dies schien das Tröstlichste von Allem, was ich ihr gesagt hatte.

Ich zog sie näher an mich heran, und sie litt es nicht nur, sondern drückte sich so fest in meinen Arm, als ob sie Schutz suche gegen unheimliche Gefahren. Aber mich anzusehen konnte sie sich nicht überwinden.

Mein liebes, armes Herzerl, sagte ich, mit der Linken ihr die Wange streichelnd, während ich mit der Rechten ihre Hände immer zärtlicher drückte, wir müssen uns nun trennen. Wir wollen uns nie wiedersehen, dies soll das letzte Mal gewesen sein, du gehörst bald ganz einem Andern. Aber daß wir uns so gern gehabt haben, das war keine Sünd', und du brauchst Niemand zu beichten weder dem Herrn Pfarrer, noch deinem Mann. Und nun behüt' dich Gott, Vronerl, und er mach' dich so glücklich, wie ich dir's wünsche, und denk fein manchmal an mich, ohne Kummer, und auch ich, du magst's glauben, nie werd' ich dich vergessen.

Da neigte ich mich dicht zu ihr und küßte sie, auf Schläfe, Auge und Wange, und sie hielt leise erschauernd und mit einem Seufzer, der nicht unglücklich klang, meiner Zärtlichkeit still, aber den Mund kehrte sie mir nicht zu, und als ich ihr Gesicht meinen sehnsüchtigen Lippen entgegenwenden wollte, bückte sie sich rasch, hob meine Hand ein wenig von ihrem Schooß empor, drückte einen raschen Kuß darauf und hatte sich im nächsten Augenblick von der Bank auffahrend meinem Arm entwunden.

Noch einmal nickte sie mir zu, mit einem unbeschreiblich holden innigen Blick, dann lief sie, ehe ich zur Besinnung kam, auf dem Weg nach der Haidmühle davon und entschwand mir in der Finsterniß, die inzwischen hereingebrochen war.

*

Sie brauchte nicht zu fürchten daß ich ihr nacheilen und versuchen würde, sie zurückzuhalten.

Alles, was ich soeben gesprochen, hatte ich ganz ernst gemeint, den Abschied für immer, die Hoffnung, daß es das Beste für sie wäre, wie's eben gekommen war. Zwar fühlte ich ein bischen Herzweh, und die Vertraulichkeiten, die ich mir erlaubt, hatten mein Blut in Wallung gebracht. Aber die Befriedigung überwog, daß ich mich als Ehrenmann betragen und ihr so tapfer Muth und Ergebung vorgepredigt hatte.

So schlief ich diese Nacht den Schlaf des Gerechten. Und ich hielt mein Gelübde, ihr nicht wieder vor die Augen zu kommen. Ein paarmal sah ich sie aus der Ferne und schlug mich rasch seitwärts von der Straße in den Wald. Ihren Namen hörte ich niemals nennen. Wer sprach von der Tochter der alten Burgei in den Kreisen, wo ich verkehrte? Wenn ich aber im Stillen die Honoratiorentöchter, mit denen ich bei den sparsamen winterlichen Gelegenheiten zusammenkam, mit meinem armen verlorenen Liebling verglich, schien mir Keine nur von fern so begehrenswerth, und ein leiser Neid auf ihren Zukünftigen glomm heimlich in mir fort.

Ganz zufällig erfuhr ich den Tag ihrer Hochzeit: ein Samstag nahe vor Weihnachten. Es war klarer Frost, Wald und Wiesen tief in Schnee vergraben. Von früh an strich ich mit meiner Büchse und dem Hunde herum, die Unruhe in meinem Blut durch die körperliche Ermüdung zu betäuben. Das Wild aber, das an mir vorbeiwechselte, hatte guten Frieden vor mir. Ich hatte gehört, die Trauung solle am Nachmittag zwischen zwei Bahnzügen stattfinden da man dem Hochzeiter nicht länger Urlaub geben wollte. Es waren immerhin vier oder fünf Stunden, denn im Winter fiel der eine Personenzug nach Schliersee aus.

Ich hütete mich wohl, der Kirche nahe zu kommen, ehe ich bestimmt wußte, daß Alles vorüber und die Hochzeitsgesellschaft beim Mahl versammelt sei. Dann aber konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, einen letzten Abschied aus verstohlener Ferne von dem lieben Gesicht zu nehmen. Es war ganz nächtig auf dem Marktplatz. Vor dem bescheidenen Gasthaus »Zur Alpenrose« stand der Schlitten, in welchem der Bräutigam am Nachmittag die Braut und ihre ganz in Decken eingemummte alte Mutter zur Kirche gefahren hatte. Die Pferde waren natürlich während des Hochzeitsmahles ausgespannt, wenige Neugierige standen auf dem Treppchen vor den niedrigen Fenstern und spähten hinein; zu denen gesellte ich mich. Da aber die Scheiben befroren waren und nur zum geringsten Theil abgethaut, konnte ich draußen zu keinem rechten Einblick gelangen und stahl mich in den Flur hinein, der von Kindern und neugierigen Weibern voll stand.

Die Kellnerin kam aus der Gaststube mit geleerten Krügen, um sie wieder füllen zu lassen, sie erkannte mich und fragte, ob ich nicht hinein wolle, das Brautpaar werde sich's gewiß zur Ehre rechnen. Ich schüttelte den Kopf und legte den Finger auf den Mund, postirte mich dann in den dunklen Hintergrund, doch so, daß ich das Zimmer überblicken konnte, so oft die Thür sich öffnete. Es mochte zum Ersticken heiß drinnen sein, da der Ofen glühte und Bier und Wein das Uebrige thaten. Die Braut aber – ich sah sie gerade mir gegenüber mitten am Tisch an der weißgetünchten Wand zwischen Mutter und Bräutigam sitzen – trotz der Schwüle um sie her war ihr Gesicht unter dem Myrtenkranz und dem weißen Schleierchen todtenblaß. Ihr Hochzeiter blinzelte aus den kleinen grauen Augen stolz und seelenvergnügt um sich her. Er sah übrigens recht wacker aus in seiner sonntäglichen Dienstkleidung, eine Kriegsmedaille auf den Rock geheftet, einen Strauß von gemachten Blumen im Knopfloch. Auch die Schwiegermutter hatte sich, offenbar auf seine Kosten anständig herausgemustert, in einem buntgeblümten bäuerlichen Kleide mit einer seltsamen großen Haube. Die junge Frau aber, die ein einfaches schwarzes Kleid trug, schien die Einzige am Tische, die nicht mit festlichen Gedanken bei der Sache war. Sie bemühte sich, pflichtschuldigst ein Lächeln auf ihre bleichen Lippen zu bringen, wenn ihr Mann oder einer der Gäste – etliche Collegen des Hochzeiters von der Bahn und ein paar ältere Freunde vom Bergwerk – ein scherzendes Wort an sie richtete. Gleich darauf verfiel sie wieder in ein theilnahmloses Vorsichhinbrüten und wenn ihr Mann ihr den frisch gefüllten Krug reichte, daß sie ihm Bescheid thun sollte, netzte sie kaum die Lippen und ließ auch das vollgeschenkte Weinglas, das vor ihrem Teller mehr zum Staat paradirte, unberührt.

Sie können sich denken in welcher Stimmung ich in dies kümmerliche Freudenfest hineinstierte. Lange ertrug ich's auch nicht. Aber wie ich mich eben losreißen wollte, sah ich die Braut zusammenzucken, als ob ein Herzkrampf sie befallen hätte. Die Gäste fuhren von ihren Holzstühlen auf, der Hochzeiter bückte sich unter den Tisch, gleich darauf erscholl ein klägliches Hundegebell und Gewinsel, und aus der Thür, von einigen der Gäste hinausgejagt, flüchtete mit eingezogenem Schwanz mein Dachsel.

Er hatte sich mir nach in den Flur geschlichen dann durch die offene Thür in die Hochzeitsstube; ich weiß nicht, ob er in der Braut seine alte Freundin vom Walde erkannte, jedenfalls war er unter dem Tisch zu ihr hingekrochen, und indem sie aufschrak, hatte sie auch mich draußen im Flur stehen sehen. Ich rief den Hund erschrocken leise zu mir heran und stahl mich aus der dumpfen Enge ins Freie. Daß ich gegen meinen Willen dazu beigetragen hatte, dem armen jungen Opfer das Herz noch schwerer zu machen, ging mir tagelang als ein quälender Vorwurf nach.

*

In solcher Jugend aber hilft leichtes Blut, und daß man so Vieles und Bedeutsames zum ersten Mal erlebt, über noch tiefere Herzensnöthe hinweg.

Ich hatte strengen Dienst und mußte mich tummeln ihn zur Zufriedenheit meines wackeren aber grilligen Vorgesetzten zu versehen. Der jungen Frau begegnete ich kein einziges Mal, und Niemand sprach mir von ihr. Wen konnte es interessiren, ob der Honigmond einer Bahnwärtersfrau durch etliche Wermuthstropfen verbittert wurde.

Im nächsten Frühling, als ich gegen den Wunsch meines Vaters die Probe redlich bestanden und meinen Beruf zum Forstfach hinlänglich an den Tag gelegt hatte, durfte ich nach Aschaffenburg auf die Forstakademie. Ich blieb dort drei Jahre, von denen ich nichts Denkwürdiges zu berichten hätte. Ich trieb es so ziemlich wie alle meine Kameraden. Nur, wenn so etwas wie eine flüchtige Liebschaft an mich herankam, tauchte regelmäßig auf einen Augenblick das nachdenkliche Schattenbild der Vroni vor mir auf, wurde aber von den leibhaftigen lachenden und rothwangigen Rivalinnen ohne Mühe verscheucht. Zu einem ernsthafteren leidenschaftlichen Verhältniß kam es nicht.

Als ich eben meinen vierundzwanzigsten Geburtstag gefeiert und mein Examen mit gutem Erfolg absolvirt hatte, kehrte ich zum Vater nach München zurück und wartete, in welcher Stellung und an welchem Ort man mich zunächst zu verwenden gedächte. Um mir die Langeweile zu kürzen, fuhr ich eines Morgens zu Anfang September hier heraus. Ich wollte mich meinem alten Revierförster im Glanz meiner Aspirantenwürde vorstellen, ein paar gute Bekannte begrüßen und all die Orte wiedersehen, an die sich mir liebe Erinnerungen knüpften.

Unterwegs beschäftigte mich natürlich auch der Gedanke, ob ich wohl der Vroni begegnen und wie ich sie finden würde. An einer gewissen Unruhe, die sich dabei in mir regte, merkte ich, daß immer noch ein Funke des alten zärtlichen Gefühls unter der Asche glomm. Doch nahm ich mir vor, sie nicht aufzusuchen, sondern es dem Zufall zu überlassen, ob ich ihr wieder begegnen würde.

So benutzte ich den nächsten Vormittag, meine Besuche hier in Miesbach zu machen, beim Landrichter, dem Bezirksarzt und einigen anderen Honoratioren, mit deren Töchtern ich getanzt hatte, und machte mich Nachmittags auf den Weg, auch in Agatharied einen Jagdfreund zu begrüßen.

Es war ein milder, stiller Tag, ein weicher Duft über den Wiesen, der das Herannahen des Föhns ankündigte, am leichtverschleierten Himmel aber noch kein Wölkchen. Wie ich so dahinschritt auf dem heiteren Wege, an Bauernwäglein vorbei, von denen herab mancher gute Bekannte mich treuherzig begrüßte, hin und wieder mit einem Weibe, das vor der Hausthür stand, ein paar Worte des Wiedererkennens wechselnd, war mir so vergnügt zu Muthe, als gehörte mir die ganze Welt und nur aus Gnade ließe ich auch anderen guten Menschen ihr Theil daran. Ich bog seitwärts in den kleinen Waldpfad ein, der, wie Sie wissen, eine Strecke neben dem Fahrweg hinläuft, da die offene Straße eben von einer Viehheerde eingenommen war. Da ging ich so im halben Traum dahin, dachte an meinen Dachsel, den ich nicht mehr im Forsthause vorgefunden, an einen jungen Fuchs, den ich hier herum geschossen hatte, nicht von fern an Vroni. Inzwischen war die Heerde vorübergewandelt, ich wollte mich eben wieder auf die Landstraße schlagen, da es unter den Bäumen schwül und feucht war, als ich nur etwa zwanzig Schritte vor mir die Gestalt einer schwarzgekleideten bäuerlichen Frau bemerkte, die langsam, wie wenn sie sich müde vorwärts schleppte, auf dem schmalen Wege hinschritt. Der Korb aber, den sie am Arm trug, konnte ihr nicht sehr zur Last fallen. Ich sah unter dem weißen Tüchlein das darüber gebreitet war, allerlei Grünzeug und den Hals einer Flasche vorschauen. Einen Augenblick fuhr mir nun doch der Gedanke an die Frau des Grubensepp durchs Hirn. Aber nein, Diese war größer, wohl um zwei Zoll, hatte gewölbtere Schultern und einen ganz andern Gang. Nur wie sie einmal halb zur Seite schaute – das kleine Ohr unter dem schwarzen Kopftuch, der braune Streif des Haars, der sich vorschob – ich beschleunigte meinen Schritt und erreichte sie und sah ihr hastig ins Gesicht – Vroni! ist's möglich! Du bist's? Sie sind's?

Wir standen Beide plötzlich still. Ich konnte vor Herzklopfen nicht sogleich ein passendes Gespräch anknüpfen, und sie – mit der Hand fuhr sie nach der linken Brust, wie wenn sie dort einen Stich fühlte. Ja, sie war's! Und doch – eine Andere, in deren Gesicht und Gestalt ich mich erst zurechtfinden mußte.

Wirklich, sie war noch gewachsen in der Ehe, aus dem hageren, kaum entwickelten Ding war eine rüstige Frau geworden von anmuthiger Fülle; auch die Hände hatten sich gerundet und trugen nicht einmal Spuren rauher Arbeit, sondern waren nur etwas gebräunt, aber von von jenem bleichen Braun, das man in südlichen Ländern findet. Das Gesicht war weiß geblieben, nur seltsam verändert, die kleine stumpfe Nase schlanker geworden, die Augen tiefer gesunken, um den Mund, der immer noch roth und schwellend war, gleichwohl ein scharfer Leidenszug. Alles in Allem: diese drei Jahre hatten aus dem unansehnlichen Wildling ein Weib gemacht, an dem Niemand vorübergehen konnte, ohne den Eindruck von etwas nicht Alltäglichem zu empfangen. Ich war so in ihren Anblick versunken, daß sie zuerst von ihrer Ueberraschung sich erholte und mit einem leichten Nicken, während ihr das Blut in die Wangen stieg, hervorstammelte: Sie sind wieder hier? Werden Sie hier bleiben?

Ich faßte mich und erzählte ihr, wie es mir seither ergangen sei und was mich hier herausgeführt habe.

Es ist schön, Vroni, fuhr ich fort, daß ich Ihnen gleich am ersten Tage begegne. Ich hätte Sie natürlich aufgesucht. Ich muß doch sehen, was meine kleine Freundin macht, die freilich inzwischen gewachsen ist und an ihren alten Freund wohl nimmer gedacht hat.

O doch! sagte sie leise und sehr ernsthaft, die Augen dabei niederschlagend. Ich vergesse nichts, und Sie waren immer so gut und freundlich zu mir.

Wir verstummten eine Weile. Ich mußte an mich halten, nicht den Arm um sie zu schlingen und das liebe Gesicht wieder zu küssen, wie in unsrer Scheidestunde. Sie hätte mir's vielleicht nicht gewehrt, so wenig wie damals. Aber eine seltsame Scheu hielt mich zurück.

Sie sind in Trauer, Vroni? fragte ich wieder. Ich will doch nicht hoffen – Ihr Mann lebt doch noch?

Sie nickte wieder. Mein' Mutter ist in diesem Frühjahr gestorben. Sie hat viel ausgestanden, aber sie hat doch nicht arg geklagt. Mein Mann hat sie so gut gepflegt, es ist ihr nichts abgegangen. Noch am letzten Tag hat sie mich an ihr Bett gerufen – sie hat in unsrem Häusel drüben an der Bahn gewohnt, oben im Dachkämmerl, anders that's mein Mann nicht. Vroni, hat sie gesagt, dein Mann ist der brävste Mensch auf der Welt. Wenn du's ihm nicht lohnst, was er an deiner armen Mutter gethan hat – und dann hat sie so ein Gesicht gemacht, wie vor Zeiten. wenn sie mir gedroht hat, daß sie mich todtschlagen würde. Und sie hat Recht gehabt. Es giebt keinen Bräveren auf hundert Meilen, und was er auch an meinem Bruder thut – dem hat er Geld gegeben, daß er ein Geschäft hat anfangen können in der Stadt, als er vom Militär wegkommen ist, denn er hat keine Lust gehabt aufs Land hinaus und ins Bergwerk noch weniger. Ja, er ist ein Rechtschaffener, mein Mann, das ist er, und das sagen Alle, und die Herren von der Bahnverwaltung erlauben ihm auch, daß er sich manchmal einen freien Nachmittag macht, und dann darf ich seinen Dienst versehen, und sie wissen, daß sich dann nichts fehlt, und ist nie eine Klage gewesen

Es war wunderlich, wie eifrig und rasch sie das alles heraussprudelte, während sie doch immer die Augen schwermüthig gesenkt hielt. Und nun seufzte sie auch recht aus der tiefen Brust und machte sich an ihrem Hutbande zu schaffen.

Nun, das ist schön Vroni, sagt' ich, daß Sie so glücklich sind und Ihren Mann zu schätzen wissen. Ich hab' es Ihnen vorausgesagt, Sie entsinnen sich, damals auf der Bank, als Sie so betrübt waren. Haben Sie Kinder?

Sie schüttelte den Kopf. An ihrem Munde das Fältchen vertiefte sich. Ich muß heim, sagte sie leise. Pfüet Sie Gott!

Darf ich Sie nicht noch ein Streckchen begleiten Vroni? Ich geh' denselben Weg.

Nein, nein! machte sie. Es ist besser so. Und Sie sollen auch nicht zu uns kommen – wir sind geringe Leut', und ich wüßt' nicht, wie ich so einen Herrn aufnehmen sollt', und mein Mann – er macht sich am End' so Gedanken – er hat's nicht gern, wenn ich mit Mannsleuten sprech', und nun gar –

Sie warf einen raschen Blick auf mich und verstummte. Das machte mich nur dringender.

Wenn dein Mann eifersüchtig ist, Vroni, – ich verfiel auf einmal wieder in unser altes du – so thut er mir leid und du nicht minder. Denn an Anlaß dazu kann's nicht fehlen, da du eine so schöne Person geworden bist. Ich hätt' dich kaum wiedererkannt, so wahr ich lebe, und du könntest dich dreist in der Stadt sehen lassen, so wie du gehst und stehst. Ich hab' auch oft an dich gedacht, wie wir so gut Freund zu einander waren, aber ich sah dich immer nur mit deinen blauen Füßen und so ein schlankes Figürerl, und jetzt –

Sie unterbrach mich, in großer Verwirrung. O, was Sie nur schwätzen, Herr! Es ist nicht viel an mir, ich bin auch nicht recht gesund. In den Nächten kann ich oft nicht schlafen und das Herz thut mir weh, und bei Tag, wenn ich nur ein bisserl geschafft hab' – ich hab' ja kein schweres Leben – gleich muß ich mich hinsetzen, weil die Glieder mir lahm werden. Der Doctor hat gemeint, es hab' nichts zu bedeuten, wenn ich ein Kind kriegen thät', würd' sich's schon geben. Aber ich weiß es besser. Ich leb' nicht lang.

Was du dir für dumme Gedanken machst, Vroni! rief ich lebhaft und faßte ihre Hand. Du bist ja noch blutjung, du kannst noch viel Freud' haben auf der Welt. Und hörst du, dies kann nicht das letzte Mal gewesen sein, daß ich mit dir geschwätzt hab'. Wenn ich euch nicht besuchen soll, so ist mir's auch recht, dann mußt du mir sagen, wo ich dich treffen kann außer deinem Haus. Etwa hier wieder, wenn du im Ort drunten deinen Einkauf gemacht hast, oder wo dir's sonst recht ist. Ich bleib' noch morgen und übermorgen.

Sie schüttelte langsam, als ob es ihr schwer würde, mir jede Hoffnung abzuschneiden den Kopf. Es darf nicht sein, sagte sie, von mir wegsehend. Wenn Sie's noch gut mit mir meinen, lassen Sie mich gehen. Es geht mir nicht so schlecht, wie Sie meinen, 's ist aber besser, man red't nicht viel davon, wie einem zu Muth ist, und wenn ich mit Ihnen schwätz' und Sie sehn mich so dabei an – nein, pfüet' Sie Gott, und es war mir eine Ehr' und Freud', daß Sie mich noch nicht ganz –

Sie bemühte sich offenbar, sich hinter einer landläufigen Höflichkeit zu verschanzen, kam aber damit nicht zu Stande. Und in der Furcht, mehr zu sagen als ihr lieb war, machte sie plötzlich ihre Hand aus der meinen los, und eilte von mir weg mit einer Geberde, die mich dringend bat, ihr nicht nachzufolgen.

*

Ich blieb in einer wunderlich gemischten Stimmung noch eine gute Weile auf demselben Fleck stehen. Der alte Funke unter der Asche war plötzlich zu einer hellen Flamme angefacht, ich schalt mich einen Tropf und lächerlichen Feigling, daß ich das liebe Geschöpf hatte gehen lassen, ohne es vorher in die Arme zu schließen. Dann sagte ich mir wieder, es wäre ein Frevel, wenn ich ihre Ruhe noch mehr zu stören mir herausnähme, als sie ohnehin durch unerfüllte Wünsche und sehnsuchtsvolle Träume gestört werden mochte. Es sei meine Pflicht und Schuldigkeit, sie nie wieder aufzusuchen Lieber gleich morgen früh in die Stadt zurück, als nun hier meine bis dato noch sündenleichte Seele mit einer Schuld belasten, deren Folgen nicht abzusehen wären.

Dieser tugendhafte Vorsatz, nach einigem Kampf mit den lockenden Bildern, die sich an mich drängten, behielt endlich den Sieg. Ich kündigte meinem alten Freunde sofort an, morgen Abend müsse ich wieder zu Hause sein. Die Zeit reiche ja auch hinlänglich, um wieder Umschau zu halten in dem vertrauten alten Revier. Er fügte sich darein, obwohl er mich gern länger behalten hätte, und neue und alte Jagdgeschichten brachten mich ohne sonderliche Aufregung über den Rest des Tages hinweg.

Als ich aber Nachts wieder in derselben Kammer lag, wo ich vor drei Jahren von der blaufüßigen Waldläuferin geträumt hatte, trat jetzt ein viel gefährlicheres Gespenst an mein Bette und machte mir das Blut sieden. Dazu hatte sich der Föhn mit aller Macht über die Berge geschwungen, das Fenster klirrte von seinen heftigen Stößen, bald brach ein Gewitter herein, das die ganze Nacht forttobte und am Morgen sich in einen schweren Landregen auflös'te. Ich lag noch wie im Fieber. Immer sah ich den weichen, schwermüthigen Mund und die müden Augen und fühlte den Druck der festen kleinen Hand und sagte mir, daß ich verrückt werden würde vor wüthender Sehnsucht, wenn ich nicht ein einziges Mal meine heißen Lippen wieder wie damals auf das kleine Ohr gedrückt hätte.

Daß es Thorheit gewesen wäre, bei diesem Unwetter am andern Tage aufzubrechen, brauchte mir mein alter Gönner nicht lange vorzudemonstriren. 's ist fast immer so wüstes Wetter, sagte er, wenn die Bergleute ihr Fest haben. Sie entsinnen sich vor drei Jahren, wo's an dem Tag geschüttet hat, was vom Himmel wollte. Und die armen Bursche haben nur den einen Festtag im ganzen Jahr. Uebrigens machen sie sich nicht zu viel daraus. Sie sitzen ja im Trocknen hinterm Maßkrug, und das ist die Hauptsach'.

Ich hatte damals dem Fest keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es war nichts Besonderes daran, als daß man ein paar Stunden lang die Bergleute von Hausham in ihrer kleidsamen Tracht nach Miesbach wandern sah, wo auf dem Markt erst irgend eine Festlichkeit mit Musik stattfand, worauf die ganze große Menge sich in die verschiedenen Wirthschaften verzog, die Meisten nach dem großen Waitzingerkeller hinauf. Schlag zehn Uhr mußte Alles vorbei sein, so daß auch der Tanz nicht so recht ungebunden fortgesetzt werden konnte, wie bei andern ländlichen Festivitäten.

Auch diesmal fühlte ich wenig Lust, mich in das Gewühl zu mischen. Da aber das Wetter alle andern Unternehmungen vereitelte, ging ich gegen Abend doch in den Markt hinüber und strich unlustig und gedankenlos an den Fenstern der Gastwirthschaften vorbei.

Ich konnte nicht daran denken, Vroni heute zu begegnen. Der Regen, der immer noch herabrauschte und die Wege grundlos machte, mußte es ihr verwehren, draußen herumzuschlendern, auch wenn ihr Herz sie heimlich dazu getrieben hätte, mich noch einmal zu sehen. Sie saß ohne Zweifel jetzt in dem dumpfen Häuschen an der Bahn neben dem Manne, den sie trotz alledem nicht lieben konnte, und dachte an alte Zeiten und an den gestrigen Tag und alle zukünftigen die nichts bringen würden was eine junge Menschenseele erquickt – nicht einmal die Freude und Sorge um ein Kind – nur den Mann neben sich, der sie so sicher in seiner Gewalt hatte, wie ein Schließer eine Gefangene, angekettet nicht bloß mit heiligen Gelübden sondern durch eigennützige Güte und die Pflichten der Dankbarkeit …

Aber wie geschah mir denn? Da hinter dem Fenster der Alpenrose, auf demselben Fleck, wo ich damals das Hochzeitspaar gesehen hatte – wer saß denn da heute wieder hinter dem schweren Eichentisch, den Maßkrug vor sich, das verwitterte Gesicht in dem schwarzen ungepflegten Bart erhitzt von Trinken, Rauchen und Discuriren? Nicht die Dienstmütze der Bahnbeamten bedeckte die niedrige Stirne und die schon stark mit Grau durchschossenen struppigen Haare, sondern der hohe schwarze, kegelförmige Bergmannshut mit dem Federbusch, und der sonntägliche Bergmannskittel umhüllte ihm die breite Brust. Ist heute denn nicht das Bergwerksfest? Und darf ein mit Ehren zum Krüppel gewordener Grubenarbeiter, der schon dicht am Obersteiger gestanden, wenn er das Fest mitmacht, nicht die alte Uniform wieder anziehen, um sich mit seinen ehemaligen Gefährten sein paar Stunden lang in dieser bescheidenen Wirthschaft gütlich zu thun? In dem neuen Dienst wird ja nichts versäumt. Den versieht inzwischen seine junge Frau, die ihn vertreten darf, wenn er Urlaub erhalten hat. Was sollte sie auch hier in Qualm und Schwüle der engen Wirthsstube! Ja, wenn er sie noch auf den Keller hätte mitnehmen mögen wo das junge Volk tanzt. Aber für ihn selbst ist ja Spiel und Tanz vorbei, und sie mit Andern tanzen lassen …

Ein paar Minuten sah ich noch durch die Scheibe auf das gutmüthig vergnügte Gesicht, das je länger je mehr meinen Ingrimm erregte. Wie kann er hier guter Dinge sein, wenn sein junges Weib einsam zu Hause sitzt und nur Wind und Regen zur Unterhaltung um sich hat! Eine saubere Herzensgüte, die Alles gethan zu haben glaubt, wenn sie dem gefangenen Vogel sein Futter giebt, nachdem sie ihm die Flügel beschnitten! Und wie närrisch die Nußknackerfratze sich ausnimmt unter dem Thurm von schwarzem Filz, der schon ziemlich schief auf dem einen Ohre sitzt, während die verstümmelte linke Hand mit den drei Fingern den Steinkrug hebt und die rechte die kurze Pfeife hält! Eine Art sittlicher Entrüstung, zugleich mit einem Gefühl des Ekels, überkam mich. Das ihr Mann! Und der wagte, eifersüchtig zu sein, als ob er das beste Recht hätte, Seele und Leib eines solchen Weibes allein in seiner Gewalt zu haben!

Ich trat vom Fenster zurück, und ohne mich nur einen Augenblick zu besinnen, schritt ich über den Marktplatz den Weg hinunter, der nach der Haidmühle führt. Ich sagte mir nicht klar, wohin ich wollte. Mein Dämon riß mich fort.

*

Und auf dem ganzen Wege, während der Sturm mir mehr als einmal den Regenschirm aus der Faust zu wirbeln drohte, raunte mir der Versucher zu, wie gut es sich getroffen habe, daß ich dahintergekommen war, zu dieser Stunde sei sie allein im Haus und sicher davor, daß ihr Kerkermeister die Zelle nicht visitiren werde. Ich sah sie beständig, wie sie gestern bei mir gestanden hatte, und überlegte, was ich ihr heute sagen wollte, – genug von diesen wahnwitzigen Fieberphantasieen!

Auch in der Haidmühle war weder Licht noch Leben, alle Bewohner des Hauses drüben beim Fest. Man hörte fern vom Waitzinger Keller herunter, vom Winde herübergeschleift, die Klänge der Tanzmusik, hin und wieder einen Juhschrei. Das alles peitschte nur noch mein wallendes Blut, während ich durch den schwarzen Wald stürmte. Und jetzt trat ich aus den Bäumen heraus auf den schmalen Weg nach dem Bahnwärterhäuschen, dessen Umriß sich kaum gegen den dunkeln Abhang drüben abhob. Kein Licht flimmerte aus dem kleinen Fenster; der Laden war geschlossen So konnte man auch nicht hineinsehen.

Ich stand und holte tief Athem und suchte mein Herzklopfen erst zu beruhigen. Der Schweiß rann mir von der Stirne nach dem hastigen Gang in der Föhnluft, die Zunge klebte mir am Gaumen. Erst umging ich noch mit verstohlenen Schritten das kleine Haus. Ein Gärtchen lag daneben von einem sauberen Stacket eingehegt, die Beete darin, reinlich abgetheilt, schienen allerlei Gemüse und auch ein paar Blumengruppen zu tragen, es roch leise nach Reseda, und an einem Busch in der Mitte schimmerte es weiß wie von letzten Rosen des Sommers. Das Bauernhaus drüben am Abhang jenseits der Bahngeleise war auch wie ausgestorben. Nur ein Hund winselte an der Kette, als er meinen Schritt hörte. Da schlich ich zur Thüre, horchte eine Weile, ob ich drinnen etwa singen hörte; als es still blieb wie im Grabe, suchte ich die Klinke aufzudrücken. Die Thür war aber von innen verriegelt; so mußte ich anklopfen.

Erst nach dem dritten Pochen hörte ich Schritte drinnen Sie schien einen Augenblick hinauszuhorchen, ob sie nichts Verdächtiges vernähme. Dann fragte sie leise: Wer ist da? Bist du's, Seppel? Ist's schon so spät?

Sie schien geschlummert zu haben und durch das Pochen nur halb ermuntert worden zu sein.

Ich bin's! gab ich halblaut zur Antwort. Mach auf!

Ich hatte meine Stimme so dumpf als möglich zu machen gesucht, so gelang mir's, sie zu täuschen. Ich hörte den Riegel wegschieben, die Thüre öffnete sich, dann schrie sie auf: Maria Joseph! und wollte die Thüre rasch wieder zuziehen. Ich hatte aber schon den Fuß auf die Schwelle gesetzt und trat hastig in den engen dunkeln Flur.

Warum erschrickst du vor mir? sagte ich lachend. Ich bin ja kein Räuber, ich wollt' euch nur guten Abend sagen dir und deinem Mann, und mich einen Augenblick ausruhen vom Herumstreunen bei dem wüsten Wetter. Fühlen Sie nur, wie naß meine Joppe ist, trotz des Schirmes. Aber da ich morgen wieder geh', wollte ich Ihren Mann doch zuvor kennen lernen.

Mein Mann ist drunten im Markt. Ich kann Sie nicht hereinlassen.

Im Markt, Vroni? Was hat er da zu suchen?

Sie erzählte mir nun in kurzen abgebrochenen Worten, was ich schon wußte.

So? sagt' ich. Also hängt er noch an seinem alten Gewerb, bei dem er doch verunglückt ist? Nun, der Geschmack ist verschieden. Aber du wirst mich darum nicht in Sturm und Regen wieder hinausjagen, eh ich mich fünf Minuten an deinem Ofen getrocknet habe. – Ich fühlte, daß aus der Stube nebenan ein schwerer Ofendunst zu uns herausströmte – Sei gut, Vroni! Bin ich nicht ein alter Freund? Und wenn ich morgen gegangen bin, ich versprech' dir's, du sollst mich deiner Lebtag nicht wiedersehen.

Ich hatte ihre Hand gehascht und drückte sie leise. Sie schwieg noch eine ganze Weile, ich hörte, wie ihr Athem mühsam ein und aus ging, dann sagte sie kaum hörbar: Wenn's wirklich nur fünf Minuten sein sollen – und das letzte Mal – Sie sind ja ganz durchnäßt. – Aber warum sind Sie gekommen? Ich hatte Sie doch gebeten …

Indem drückte sie leise die Thüre zu, schob aber den Riegel nicht wieder vor und ging mir voran in die niedere, doch ziemlich geräumige Stube, die drei Fenster hatte. Alle drei waren geschlossen und die Läden davor eingehakt. Es sah ringsum dürftig, aber nicht unfreundlich aus; in der einen Ecke stand eine Polsterbank ohne Rücklehne, mit geblümtem Wollenstoff überzogen, ein Tisch in der andern Ecke mit einigen Holzstühlen, kleine weiße Vorhänge über den Fenstern. Vor dem mittleren hing ein Vogelbauer mit einem Kanarienvogel, der jetzt unter einem grauen Tüchlein auf seiner Stange schlief. In der einen Ecke bewegte sich der messingene Pendel einer schwarzwälder Uhr zwischen zwei Gewichten in Tannenzapfenform, und gerade bei meinem Eintritt hob das Schlagwerk aus und schlug mit hellem Kuckuksruf siebenmal an. Auch an Bildern auf der hellblau getünchten Wand fehlte es nicht: Oelfarbendrucke, die die Mutter Gottes und den heiligen Joseph darstellten, ein Porträt des Königs über der Kommode von gebeiztem Holz, auf der allerlei armselige Siebensachen standen, das Hauptstück ein Crucifix mit Maria und Johannes zu den Seiten aus Porzellan; und über dem Sopha ein halb Dutzend Photographieen.

Es hätte sich ganz behaglich hier rasten lassen, ohne die zwiefache Schwüle, die in meinen Sinnen und die der schwarze, eben erst erloschene Kochofen ausströmte. Auch ihr schien die Luft plötzlich auf die Brust zu fallen. Ohne meine Bitte abzuwarten, öffnete sie das Fenster in der Mitte und das eine nach Norden. Sofort floß eine erquickliche feuchte Kühle herein, und wir athmeten Beide auf.

Sie hatte schweigend einen Stuhl neben den Ofen gestellt, falls ich mich gründlicher zu trocknen wünschte, und setzte sich dann selbst auf die Ruhebank zu ihrem Spinnrad, bei dem sie vorhin eingenickt zu sein schien. Ich machte aber erst einen kleinen Rundgang und beschaute, was im Zimmer hing und stand, immer ohne ein Wort zu sagen Dann setzte ich mich, nachdem ich nur meinen Hut an die Ofenecke zum Trocknen gehängt, neben sie und sah ihr eine Weile beim Spinnen zu.

Es war draußen stiller geworden, und drinnen hörte man nichts als das harte Tiktak der Uhr und das leise Knistern der zusammenfallenden glimmenden Brände im Ofen und das Schnurren des Spinnrades.

Sie sah scheinbar ganz ruhig nur auf den Faden zwischen ihren Fingern, und es war, als ob sie meine Gegenwart völlig vergessen hätte. Die Lampe drüben auf dem Tisch gab nur einen nothdürftigen Schein; es war aber hell genug, um jeden Zug in ihrem Gesicht zu erkennen. Sie gefiel mir heut in dem losen Hausanzug noch tausendmal besser, als gestern in Kopftuch und schwarzem Kleid. Und wie sauber sie erschien, obwohl sie wahrlich heute Abend keinen Besuch mehr erwarten konnte.

Ist das eure ganze Wohnung, Vroni? fragte ich endlich, um nur das beklommene Schweigen zu brechen.

Sie erwiderte, immer fortspinnend, sie hätten noch eine kleine Küche draußen im Flur für den Sommer, und nebenan die Schlafkammer, und oben unterm Dach noch eine große Kammer, wo ihre Mutter gestorben sei. Es sei gut wohnen hier, auch im strengsten Winter, und im Sommer sei's ganz lustig auf der Bank im Gärtchen zu sitzen, und ihr Mann wolle ihr auch eine Laube dort zimmern, daß sie draußen essen könnten. Er denke immer nur, wie er ihr was zu Gefallen thun könne, er sei so brav – es gäbe keinen Bräveren – und dann die mir schon wohlbekannte Litanei über die Tugenden und Trefflichkeiten dieses ihres Zwingherrn.

Höre, sagte ich endlich, da mich dies Rühmen und Preisen verdroß, er sorgt aber doch auch nicht schlecht für sein eigenes Vergnügen. Da sitzt er unten beim Bergwerksfest und läßt dich arme Strohwittwe in der traurigen Nacht allein. Wenn du mein liebes Weiberl wärst …

Aber sie fiel mir eifrig ins Wort. Es sei ihm wohl zu gönnen, einmal im Jahr eine Freud' zu haben, denn sonst spare er sich jeden Kreuzer vom Mund ab, und sie hab' auch gar keine Zeitlang, und freilich – Manches könnt' anders sein – aber doch –

Und dabei seufzte sie. Ich merkte, daß sie an ihre Kinderlosigkeit dachte.

Ich faßte das Fädchen an, das sie spann. Wenn er heute heimkommt, sagte ich leise, und taumelt dir ins Zimmer und lallt allerlei confuses Zeug und will dich umarmen – kannst du ihn auch dann noch gern haben?

Sie fuhr unwillkürlich zusammen. Woher wissen Sie –? fragte sie zitternd. Ja freilich, dann wird mir's schwer. Aber er kann nichts dafür. Er verträgt eben nicht viel, weil er's Trinken nicht gewohnt ist – und dann, Andre haben's noch viel schwerer – man hat eben seine Noth mit den Mannsleuten – aber Sie dürfen mir nichts auf meinen sagen, Sie kennen ihn ja nicht – er ist so brav …

Ich ließ sie ihre Litanei nicht wieder anstimmen.

Mag sein! knirschte ich. Aber wenn er noch zehntausendmal bräver wär', ich würd' ihn hassen!

Der Faden glitt ihr aus der Hand, das Rad stand still, ich sah ihre Augen mit einem Ausdruck des rathlosen Schreckens auf mich gerichtet, da ich bei meinem heftigen Ausruf aufgesprungen war und wild und düster in dem engen Käfich hin und her stürmte. So blieb es eine Weile stumm zwischen uns. Dann stand sie sacht auf, schob das Spinnrad beiseite und ging nach dem Stuhl am Ofen. Der Hut ist getrocknet, sagte sie langsam. Mein Mann kann alle Augenblick kommen. Ich möcht' Sie schön bitten …

Nein, brach ich heraus, ich bleibe, ich kann noch nicht gehen, ich hab' das Herz noch zu voll. Dein Mann sitzt drunten fest hinterm Maßkrug, der kann nicht eher aufstehen, bis die Andern gehen, denn allein würd' er den Weg nicht finden, der Hut saß ihm schon recht schief. Und zu Haus hat er ja seine Frau gut verwahrt, daß Niemand sie ihm wegtragen kann. Nein, ich gehe nicht, Vroni! Der Himmel weiß, ob ich je im Leben dich wiederseh'. Einmal, ein einzig Mal muß ich's vom Herzen heruntergeredet haben, was du mir bist, und wie glücklich wir hätten sein können, wenn er dich mir nicht gestohlen hätte, der arme Wicht, der dich nicht werth ist und mit all seinem Gethue dich nicht zu schätzen weiß. Und Niemand soll mir's wehren, das alles dir jetzt zu sagen, auch du nicht, Vroni; denn du selbst bist nicht glücklich, es steht dir am Gesicht geschrieben, daß du dein junges Leben jammervoll vertrauerst und wüßtest doch wohl, wie du's genießen könntest, wenn du Den hättst, an dem dein Herz hängt. Und es ist keine Sünd', Vroni, daß ein armes Menschenkind glücklich sein will, und wär's nur Einmal in seinem ganzen Leben, denn wenn's vorbei damit ist, im Himmel wird uns nicht ersetzt, was wir hier auf der Erde versäumt haben. Die himmlischen Freuden in Ehren, aber irdische sind's einmal nicht, und wer uns um die betrügt, den dürfen wir hassen, und wenn er zehnmal ein so braver Mensch wär', daß er von Mund auf in den Himmel kommen könnt'!

Sie hörte diese wilden Reden an, ohne ein Wort zu sagen. Sie hatte sich mit wankenden Knieen wieder zu dem Sopha geschlichen und war darauf niedergesunken. Da saß sie, den Kopf an die Wand zurückgelehnt, die Augen geschlossen, die Hände regungslos im Schooß. Ich setzte mich zu ihr und faßte eine ihrer Hände, aber die war eiskalt und erwiderte nicht meinen schmeichelnden werbenden Druck. Ihre Lippen waren halb geöffnet, wie von einem brennenden Durst, und ihre Brust arbeitete schwer. So dicht neben ihr, wie damals auf der Bank im Walde, aber meine Schläfe an ihre Schulter gedrückt, während damals sie ihren Kopf wie Schutz suchend an meine Brust geschmiegt hatte, schüttete ich Alles vor sie aus, was an ungestümer Sehnsucht, au frevelhafter Leidenschaft in mir gährte. Ich war kein ausgelernter Verführer. Nie hatte ich so zu dem Weibe eines Andern gesprochen. Aber der Dämon schürte mein Blut und gab mir Worte auf die Zunge, die aus Sünde Tugend, aus Pflichtvergessenheit ein Verdienst machten. Ich sah, wie sie auf das arme, wehrlose Herz wirkten, wie der Kampf darin immer schwächer wurde. Zuweilen überrieselte sie ein Schauer, daß ihr die Hände wie in einem Schüttelfrost flogen und ihre Lippen ein leises Stöhnen nicht zurückhalten konnten. Doch kein Mitleid wandelte mich an. Ich fuhr nur immer glühender in meiner Beschwörung fort, immer fester umspannte ich ihre Hand, schon fühlte ich, wie ihre letzte Kraft zusammenbrach und ihr Kopf sich zu meinem herabneigte.

Da setzte die Wanduhr ein, ein scharfer Kuckuksruf erklang, und wie von einem fremden Arm in die Höhe gerissen, fuhr das zitternde Weib von meiner Seite empor und stand einen Augenblick, wild umherblickend, mitten im Zimmer.

Ich muß hinaus, sagte sie mit heiserer Stimme. In zehn Minuten kommt der Zug. Ich muß das Licht in die Höhe ziehen und draußen warten, bis er vorüber ist. O mein Gott, wenn ich's versäumt hätt'

Geh! sagte ich leise. Aber du kommst wieder, nicht wahr?

Sie nickte und stürzte nach der kleinen Thür, die in die Schlafkammer führte. Im Nu trat sie wieder herein. Sie hatte den Dienstrock des Bahnwärters umgeworfen und die Mütze ihres Mannes aufs Haar gedrückt. So wollte sie an mir vorbei. Aber sie sah in dieser Vermummung so unglaublich reizend aus, daß ich sie am Arm festhielt und das glühende Gesicht unter dem schwarzen Mützenschirm nah an mich heranzog, um es genau zu betrachten. Ich muß fort! hauchte sie zitternd, aber mit einem Blick, der mir verrieth, wie schwer es ihr wurde. Vroni, hauchte ich, du bist das holdeste Geschöpf auf der ganzen Welt! – und wie sich ihre Lippen zu einem schwermüthigen Lächeln öffneten, preßte ich sie in meine Arme und drückte meine Lippen auf dies Lächeln, und fühlte zum erstenmal eine heiße, willenlos hingegebene Erwiderung, ein seliges Auflodern ihres lange bekämpften Gefühls, bis sie sich mühsam mir entwand und taumelnd in den Flur hinausglitt. Auf Abschlag! rief ich ihr in meiner Trunkenheit nach. Denn du kommst wieder, Vroni, du schwörst es mir, ich warte hier auf dich und unser Glück!

Ich vernahm nichts als einen tiefen Seufzer. Dann ging die äußere Thür, und es war Alles still.

*

Nur der Wind hatte sich wieder aufgemacht und erschütterte das kleine Haus und klapperte an den Läden. Ich war ins Zimmer zurückgetreten und nach der Kammer gegangen, deren Thür noch halb offen stand. Sie war sehr eng. Nur das breite Ehebett, ein Waschtischchen und ein Holzschemel hatten Platz darin, und die Wände waren kahl. Ich nahm die Lampe vom Tisch und leuchtete hinein. Alles war so sauber, die Linnen so weiß, der blaugewürfelte Ueberzug des Deckbettes wie gestern aus der Wäsche gekommen. Auf dem Fensterbrett stand neben einem rothblühenden Kaktus ein Epheugitter. Von dem brach ich ein Blatt ab und steckte es in die Tasche – zum Andenken! Dann kehrte ich in die Vorderstube zurück, stellte die Lampe fort und trat an das Fenster, das sich nach dem Bahndamm öffnete.

Draußen Sturm und Regennacht, und in mir –! Ich zählte die Schläge des Zeigers; wie lang sind zehn Minuten! Ich spähte hinaus, ob ich sie nicht erblicken könnte, und rief ein paarmal ihren Namen, aber der Wind verschlang meine Stimme. Von der hohen Stange blinzelte das blaue Signallicht herab; das sie inzwischen aufgezogen hatte, sie mußte unten daneben stehen mit dem Fähnchen, um dem vorbeisausenden Zuge zu salutiren. Noch fünf Minuten – jetzt nur noch drei, dann war die Qual des Wartens überstanden, dann kam sie wieder; wie wollte ich sie aus der naßgeregneten Verkleidung herausschälen, sie in meinen Armen erwärmen, ihr die Spuren des sprühenden Unwetters aus dem Haar wischen – und wenn sie dann wieder zum Lächeln den Mund öffnet –

Da hörte ich das dumpfe Rollen und Schnauben des heranbrausenden Zuges, und jetzt sah ich auch die dunkle Gestalt mit dem Fähnchen neben dem Pfahl – nur einen Augenblick – denn im nächsten war sie verschwunden. Die dunkle Masse der Locomotive wuchs unheimlich heran und glotzte mit den zwei runden rothen Augen in die Nacht hinein, jetzt keuchte sie an dem Häuschen vorbei, einen langen Schweif nachschleppend, ohne sonderliche Eile, ich sah die Gestalten hinter den erleuchteten Wagenfenstern an mir vorüberhuschen, in denen der dritten Klasse konnte ich Bergleute erkennen, die vom Fest nach Hause fuhren, singend und schreiend, dann verrauschte der Lärm, der Zug brauste in die dunkle Sturmnacht hinein, und ringsum hörte man nur das Geplätscher der fallenden Tropfen aus den Lachen um das Haus herum und das Knirren und Aechzen der vom Winde geschüttelten Wipfel.

Ich hatte einen seltsamen Schlag aufs Herz gespürt, als die Schattenbilder drüben an mir vorüberjagten. Als sähen mich all die nächtlichen Reisenden in den Coupés am kleinen Fenster stehen, wie einen heimlich eingedrungenen Räuber, und Alle wiesen mit Fingern auf mich und riefen mir zu: Was hast du da zu suchen? Wie kannst du dich erfrechen, den Frieden dieses Hauses zu brechen, die ewige Verdammniß dieser armen Seele auf dein Gewissen zu laden?

Unwillkürlich trat ich zurück. Aber die Regung meines besseren Menschen währte nur ein paar Minuten. Dann brach die leidenschaftliche Ungeduld wieder hervor. Was hatte sie noch draußen zu schaffen? Das Signallicht mochte ja ruhig fortbrennen, jetzt, da es nichts mehr zu bedeuten hatte. Wenn es ihr doch wieder leid geworden wäre, was sie mir versprochen? Wenn sie draußen den Kampf zwischen ihrer Pflicht und der Sehnsucht nach Glück von neuem kämpfte? Das durfte nicht sein, ich mußte ihr zu Hülfe kommen.

Ich drückte den Hut auf den Kopf und stürmte hinaus. Vroni! rief ich, da ich Niemand sah, Vroni! – erst halblaut, dann immer lauter und dringender. Keine Antwort. In wachsender Angst irrte ich in der Nähe des Pfahls auf der Höhe der Böschung herum, meine Augen suchten das trübe Zwielicht zu durchdringen, das durch den Lampenschein aus dem Häuschen verbreitet wurde – nichts, was einem lebenden Wesen glich, war zu entdecken. Aber da unten auf dem Bahnkörper, wo die Schienen eine Strecke weit weißlich glänzten – barmherziger Gott, nein! Nur das nicht! Mein Fieber täuscht mir diesen Höllenspuk vor. Er wird schwinden, wenn ich mich ihm nähere, ihn mit Händen greifen will. – Nur hinunter, nur die paar Schritte noch – das Licht aus dem Fenster erlischt, der Sturm hat den Laden zugeschmettert – ich taste mich mit wankenden Knieen nach der Stelle hin, bücke mich – meine Hände strecken sich zitternd aus, und ich greife – greife – ein langes weiches Weiberhaar, ganz durchtränkt – o, das ist der Regen – sie wird im Dunkeln von der Böschung herabgeglitten und dort niedergesunken sein, halbtodt vor Schrecken, – aber jetzt, ich bin ja bei ihr, ich will ihr aufhelfen und beuge mich, ihren Namen stammelnd, zu ihr hinab – da fasse ich –

*

Die Stimme versagte ihm. Er ließ den Kopf auf die Arme sinken, und ein krampfhaftes Schluchzen durchzuckte seine mächtige Gestalt. Dann raffte er sich mit einer gewaltsamen Anstrengung auf und wankte nach dem Fenster.

Dort stand er eine geraume Zeit, beide Fäuste auf das Fenstersims gestützt. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich suchte vergebens in meiner tiefen Erschütterung nach einem guten, innigen Wort, die furchtbare Spannung zu lösen Ich fand keines.

Als er sich endlich wieder zu mir zurückwandte, stand ich auf und drückte ihm die Hand.

Wie haben Sie's überlebt, das Entsetzliche, Grauenvolle?

Ja, lieber Freund, brach es dumpf aus ihm hervor, ich gäbe viel darum, wenn ich dem Schlag damals erlegen wäre. Es sollte nicht sein; ich sollte ihn noch ein langes Leben hindurch in meinem Inneren nachdröhnen fühlen. Damals freilich, als ich erst Gewißheit darüber hatte, wie grauenhaft es war, wie jammervoll dies blühende Leben erloschen war – erlassen Sie mir das Nähere– ich will nur sagen, daß ich ohnmächtig neben dem grausam verstümmelten Leibe auf die Schienen sank.

Wie lange ich in dieser Bewußtlosigkeit verharrte, weiß ich nicht. Ich kam aber wieder zu mir, als ich Stimmen hörte, die sich dem Wärterhäuschen näherten. Es war ohne Zweifel der Mann, den ein paar Kameraden nach Hause begleiteten. Da durchfuhr mich der unerträgliche Gedanke, daß man mich neben ihr finden und das Aergste vermuthen würde. Was hätte mir's geholfen, wenn ich mit Engelszungen bezeugt hätte, sie sei unschuldig und rein aus dem Leben gegangen, ich aber sei ihr Mörder. Ich hätte sie ums Haar in den schwindelnden Abgrunds der Sünde hinabgelockt, aber da ihr Fuß schon habe ausgleiten wollen, habe ihr Gewissen sie zurückgerissen, und sie habe lieber ihr Leben hingeben wollen, als ihrer Pflicht untreu werden. Wie mag das arme Herz draußen in der Nacht sich zermartert haben in dem grausamen Streit zwischen ihrer Sehnsucht nach Glück und der Furcht vor dem Verbrechen an ihrem Wohlthäter, dem brävsten Menschen in der Welt!

So raffte ich mich auf, als wären meine eigenen Glieder zerstückt und aus den Gelenken gerissen, und entfloh, den Bahndamm entlang. Es war ein Wunder, daß ich mich immer wieder aufzurichten vermochte, so oft ich unterwegs zusammenbrach. Weiter aber als bis nach Hausham gelangte ich nicht. Da blieb ich über Nacht im ersten besten Wirthshause in einem Zustand – die Hölle hat keine härteren Qualen

Und ich blieb dort länger, als ich gedacht hatte.

Ein tobendes Nervenfieber brach aus, ich konnte am andern Morgen kaum meine Gedanken und Worte so weit sammeln, um meinen Namen zu nennen und zu bitten, daß man meinen Vater in der Stadt benachrichtigen möchte.

Als ich nach sechs Wochen wieder aufstand, war der Hügel über den blutigen Resten des armen Opfers längst geschlossen, und von der räthselhaften Schauergeschichte, wie die Frau des Bahnwärters verunglückt war, sprach Niemand mehr.

 

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