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Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon

Louis de Rouvroy duc de Saint-Simon: Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobiography
authorLouis de Rouvroy, duc de Saint-Simon
titleAus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon
booktitleDer Hof Ludwigs XIV.
publisherInsel-Verlag
printrunZweite, vermehrte Auflage
editorWilhelm Weigand
year1922
translatorArthur Schurig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131209
projectid189ea800
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VI

1696-1699
Die Prinzessin von Savoyen / Der Bruder der Frau von Maintenon / Das Manöverlager bei Compiègne / Racine

Der Hofstaat der Prinzessin [von Savoyen] Der Herzog Victor Amadeus von Savoyen war 1690 dem europäischen Bündnis gegen Frankreich beigetreten, mußte sich aber infolge des Krieges, in dem sich Catinat auszeichnete, zum Frieden von Vigevano bequemen, der in Versailles am 25. September 1695 ratifiziert wurde. Eine der Friedensbedingungen war die Verlobung seiner Tochter Marie-Adelaide (geb. am 6. Dezember 1685) mit dem Enkel des Königs, dem Herzog von Burgund. Die zehnjährige Prinzessin wurde nach Frankreich gesandt, um am Hofe ihre Erziehung zu erhalten. Siehe Einleitung S. 114. hatte sich fast drei Wochen in Lyon aufgehalten, wo er wartete, bis sich die Fürstin dem Grenzorte Pont de Beauvoison näherte. Sie traf am 16. Oktober [1696] in der Frühe ein, begleitet von der Fürstin della Cisterna und Frau von Noyers. Der Marchese Von Dronero hatte die Führung des Zuges. Er wie auch die Offiziere und Damen des Gefolges erhielten vom König viele schöne Geschenke. Die Prinzessin stieg in einem Hause ab, das für sie auf der savoyischen Seite instand gesetzt worden war, und legte ihre Staatskleider an. Dann kam sie an die Brücke, die schon auf französischem Gebiete liegt, wo sie von ihrem neuen Hofstaat empfangen und in ein Haus geleitet wurde, das man für sie hergerichtet hatte. Hier verbrachte sie die Nacht, und am nächsten Tage trennte sie sich, ohne eine Träne zu vergießen, von ihrem italienischen Hofstaat. Niemand blieb bei ihr, ausgenommen eine einzige Kammerfrau und ein Arzt, die aber auch nicht in Frankreich bleiben sollten und in der Tat bald entlassen wurden.

siehe Bildunterschrift

23. Jean-Baptiste Racine (1639-1699)

Georges Vertue.
Kupferstich nach einem Gemälde des Jean Baptiste Santerre. – Berlin, Kupferstich-Kabinett.

Dieser Stich ist auch das Titelbild des zweiten Bandes der prachtvollen Ausgabe der »Oeuvres de Racine.« A Paris. 1760. – Alle Bildnisse Racines gehen auf das Porträt Santerres zurück, das sich noch heute bei den Nachkommen des Dichters zu Toulouse befindet. Über den Dichter Racine haben Unzählige geschrieben, die Erscheinung des Menschen Racine hat niemand in Worten geschildert, nicht einmal sein Sohn in den »Mémoires sur la vie de Jean Racine.«

 

Ein Läufer des Königs brachte den Befehl, die Prinzessin in allem wie eine königliche Prinzessin von Frankreich zu behandeln, ganz als ob sie mit dem Herzog von Burgund bereits vermählt sei. Die Schwierigkeit ihrer Rangstellung gegen alle Welt hatte Monsieur veranlaßt, den König darum zu bitten. Die Prinzen und Prinzessinnen von Geblüt hatten es gleichfalls gewünscht, und der König hatte es gewährt. Der Läufer traf just zur Ankunft der Prinzessin ein, so daß diese nur die Herzogin von Lude und den Grafen von Brionne küßte, und nur die Herzogin von Lude sich in ihrer Gegenwart setzte. Die Frage, wer gewürdigt wurde, diesen Kuß (le baiser d'étiquette) zu empfangen, war wegen der damit verbundenen Auszeichnung von höchster Wichtigkeit und Ursache vieler Streitigkeiten. Marguerite Louise von Béthune-Sully (1646 bis 1726) war zuerst mit dem galanten Grafen von Guiche (siehe S. 69) und in zweiter Ehe (1681) mit dem Herzog von Lude vermählt. Der Graf von Brionne, Heinrich von Lothringen, 1661 bis 1712, war seit 1677 Großstallmeister von Frankreich. Er galt als einer der vollendetsten Kavaliere am Hofe Ludwigs XIV. In allen Städten, durch die sie kam, wurde sie als Herzogin von Burgund empfangen, und in den Städten, wo Rast gehalten ward, speiste sie öffentlich und wurde von der Herzogin von Lude bedient. Von diesen Fällen abgesehen, aßen alle ihre Damen stets mit ihr. Man legte täglich nur eine kurze Strecke zurück.

siehe Bildunterschrift

29. Marie-Adelaîde von Savoyen, Herzogin von Burgund (1685-1712)

Thomassin.
Kupferstich nach dem verlorenen Gemälde eines unbekannten Künstlers.
Paris, Bibliothèque Nationale.

Auf der Umrahmung dieses Porträts ist zu lesen: »Ce portrait a esté gravé avec la permission du Roi, d'après celui que Mr. le Comte de Tessé, envoia à sa Majesté au mois de Septembre dernier.« Tessé, der am Hofe des Herzogs von Savoyen zu Turin im Auftrage Ludwigs XIV. die Verhandlungen wegen der Verlobung des Herzogs von Burgund mit Marie-Adelaîde führte, begleitete die Sendung des Porträts mit einem vom 16. Juli 1696 datierten Schreiben, worin es heißt: »Ce portrait est très ressemblant, à cela près que l'on lui a fait les cheveux un peu moins noirs qu'elle ne les a ...« In einem späteren Briefe vom 11. August 1696 fügte er ergänzend hinzu: »elle a les cheveux d'un châtain mesme assez clair ...« Als sie dann nach Frankreich kam, berichtete der Zeremonienmeister Desgranges, der sie in Chambery zu begrüßen hatte, am 14. Oktober 1696 nach Versailles über die äußere Erscheinung der jungen Herzogin: »Je la trouve bien faitte, assez grande pour son âge, la peau belle ... Pour le visage, il est assez agréable. Elle a la physionomie spirituelle ...«; und der »Mercure de France« rühmt von ihr: »Elle a beaucoup de noblesse dans sa physionomie, le teint beau, et de très belles couleurs quoique naturelles. Elle a les yeux parfaitement beaux, les cheveux d'un très beau blond cendré.« Am kühlsten äußerst sich Elisabeth Charlotte von Orleans über die neue Verwandte, von der sie am 8. November 1696 der Kurfürstin von Hannover folgende Schilderung entwirft: »... sie hat schönne blonde haar undt In großer Menge, schwartze augen und augenbrauen undt augenlieder gar lang und schön, die haut gar glat aber nicht gar weiß, daß Näßgen weder hübsch noch heßlich Einen großen Mund und dicke lefftzen, mit einem Wort Ein recht östereichisch Maul und Kin ...«

 

Sonntag, den 4. November, fuhren der König, sein Sohn und sein Bruder, jeder in seinem eigenen Wagen, nach Montargis der Prinzessin entgegen, die gegen sechs Uhr abends eintraf und vom König am Schlage seines Wagens empfangen wurde. Er führte sie in die ihr bestimmten Gemächer in demselben Hause, wo auch der König wohnte, und stellte ihr hierauf Monseigneur, Monsieur und den Herzog von Chartres vor. Ihre artigen Einfälle, ihre geistreichen Schmeicheleien, ihr sicheres, maßvolles und doch ehrerbietiges Auftreten überraschten jedermann überaus und bezauberten den König sofort. Er lobte sie unaufhörlich und liebkoste sie in einem fort. Auch beeilte er sich, Frau von Maintenon seine Freude und seine Zufriedenheit mit der Prinzessin durch einen Läufer zu melden. Hierauf speiste er mit den Damen des Reisegefolges zu Abend und ließ die Prinzessin zwischen sich und den Dauphin setzen.

Am anderen Morgen holte Majestät sie ab, geleitete sie in die Messe und ging mit ihr zu Tisch wie am vorhergehenden Abend. Hierauf bestiegen sie den Wagen. In Nemours traf der Herzog von Burgund mit ihnen zusammen. Der König ließ ihn mit einsteigen, und gegen fünf Uhr abends trafen sie in Fontainebleau am Hof zum weißen Rosse ein. So genannt nach einem Gipsabguß des Pferdes Mark Aurels auf dem römischen Kapitol. Hier hatte die ganze Hofgesellschaft auf der Hufeisentreppe Aufstellung genommen. Zusammen mit der unten harrenden Menge bot dies ein prächtiges Schauspiel. Der König geleitete die Prinzessin, die aussah wie eine Liliputanerin, langsamen Ganges bis zur Tribüne und einen Augenblick später in die für sie bestimmten Gemächer der Königin-Mutter, wo Madame, mit allen Damen des Hofes, auf sie wartete.

Es wurde befohlen, daß sie kurzweg den Titel Prinzessin führen, allein speisen, von der Herzogin von Lude bedient werden und nur ihre Damen und die sehen solle, denen der König ausdrücklich Erlaubnis erteilte. Sie sollte noch keinen Hofstaat haben und der Herzog von Burgund sie nur aller vierzehn Tage, und seine Brüder sie nur einmal im Monat besuchen.

Am 8. November kehrte der gesamte Hof nach Versailles zurück, wo die Prinzessin die Gemächer der Königin und sodann die der Kronprinzessin bezog und wo ihr bei ihrer Ankunft alle bedeutenden Leute von Paris vorgestellt wurden. Der König und Frau von Maintenon behandelten die Prinzessin wie ein Püppchen. Ihr einschmeichelndes, reizendes, aufgewecktes Wesen gefiel ihnen außerordentlich. Nach und nach nahm sie sich ihnen gegenüber Freiheiten heraus, die keins der Kinder des Königs je gewagt hätte. Bei ihr aber galt es als köstlich. Der Herzog von Savoyen hatte sich offenbar über unsern Hof gründlich unterrichtet und seine Tochter gut eingeschult. Wahrhaft erstaunlich aber war es, wie trefflich sie dies zu benutzen verstand und mit welcher Anmut sie alles fertigbrachte. Die Schmeicheleien, durch die sie Frau von Maintenon bestrickte, waren unvergleichlich. Sie nannte sie immer nur »meine liebe Tante« und benahm sich mit so viel Demut und Ergebenheit, als wäre Frau von Maintenon ihre Mutter und Königin. Und bei all dem zeigte sie eine solche Vertraulichkeit und Ungezwungenheit, daß sie und mit ihr der König entzückt waren.

Den Fräuleins von Soissons Die mehr als galanten Töchter der früheren Olympia Mancini, die ein elendes Wanderleben führte, und des Prinzen Eugen Moritz von Savoyen, Grafen Soissons. Sie hielten in Paris eine Spielhölle, wo Roulette gespielt wurde., die in Paris durch ihre seltsame Lebensführung auffielen und nicht an den Hof kamen, wurde verboten, die Prinzessin tu besuchen. Sie waren Schwestern des Grafen von Soissons Ludwig Thomas von Savoyen, 1657 bis 1702. und des Prinzen Eugen von Savoyen. Sein Bruder, der berühmte Feldherr Prinz Eugen, »der edle Ritter«, 1663 bis 1736, der die Behandlung, die Ludwig XIV. seinem Hause angedeihen ließ, im Spanischen Erbfolgekrieg heimzahlte, verschaffte dem Umgetriebenen endlich eine Stelle in der kaiserlichen Armee, doch fiel er bereits bei der Belagerung von Landau am 25. August 1702. Dieser stand in Diensten des Kaisers und hatte den höchsten militärischen Rang erreicht. Der andere hatte Frankreich, seine Heimat, seit zwei oder drei Jahren verlassen und trieb sich in Europa herum, ohne irgendwo Anstellung zu finden.

 

Frau von Maintenon hatte übrigens auf der unglaublichen Höhe, wohin sie aus ihrer Niedrigkeit auf so wunderbare Weise gelangt war, auch ihre Schmerzen. Die Sorge um ihren Bruder wegen seiner fortgesetzten tollen Streiche war keine der geringsten. Man hieß ihn den Grafen Von Aubigné. Charles d'Aubigné, 1634 bis 1703. Er war über den Rittmeister nicht hinaus gekommen, sprach aber stets von seinen ehemaligen Feldzügen wie ein Mann, der alles mögliche verdient hätte und dem man das größte Unrecht angetan, weil man ihn nicht schon lange zum Marschall von Frankreich ernannt hatte. Manchmal sagte er wieder scherzend, er habe seinen Marschallstab in Geld bekommen. Er machte Frau von Maintenon die heftigsten Vorwürfe, weil sie ihn nicht zum Herzog und Pair erheben ließ, und wegen aller möglichen Dinge.

Er bummelte in den Tuilerien herum und lief überall den kleinen Mädchen nach, hielt ihrer immer etliche aus und lebte gewöhnlich mit ihnen und ihren Familien und deren Umgang, wobei er viel Geld verpraßte. Er war ein Verschwender und ein verbotener Kerl, aber unterhaltsam, witzig und voll überraschender Einfälle und schlagfertiger Antworten, dabei ein gutmütiger weltgewandter Mensch, auch höflich und trotz der hohen Stellung seiner Schwester ohne Dünkel und Anmaßung. Zuweilen freilich zeigte er eine fabelhafte Frechheit, und dann war es sehr spaßig, ihn von den Zeiten Scarrons und über so mancherlei aus vergangenen Tagen berichten zu hören. Insbesondre scheute er sich nicht, von den Abenteuern und den Liebeshändeln seiner Schwester zu erzählen und ihre Frömmigkeit und gegenwärtige Stellung damit zu vergleichen und ihr wunderbares Glück zu rühmen. So vergnüglich dies war, so kam man dabei doch oft auch arg in Verlegenheit. Man konnte ihn nicht nach Belieben zum Schweigen bringen; auch äußerte er sich nicht vor zwei oder drei Freunden, sondern bei Tisch vor aller Welt, auf einer Bank in den Tuilerien oder gar in der Galerie zu Versailles, wo er sich ebensowenig zurückhielt wie sonstwo, und gewöhnlich von seinem »Schwager« in spöttischem Tone sprach, wenn er den König meinte. Ich habe ihn öfters so reden gehört, besonders bei meinem Vater, zu dem er häufiger kam, als diesem lieb war. Ich mußte oft heimlich über die große Verlegenheit meiner Eltern lachen, die bei seinem Besuche manchmal nicht mehr aus und ein wußten.

Ein Mann von solcher Gemütsart, so wenig fähig, sich im Zaume zu halten, und sich weder vor der Lächerlichkeit noch vor ernsten Folgen fürchtend, war eine große Last für Frau von Maintenon. Endlich verlor sie die Geduld; und da der Unberechenbare immer Geld brauchte, überredete man ihn, seine Ausschweifungen und Unschicklichkeiten zu lassen, seine wirren Verhältnisse zu ordnen und dafür bequem zu leben; seine Ausgaben sollten jeden Monat bezahlt werden und seine Tasche stets gefüllt sein, wenn er sich in ein Kloster zurückziehe, das ein Herr Doyen in der Pfarrei Sankt-Sulpiz für Edelleute oder So-genannte gegründet hatte, die da gemeinsam lebten und unter der Leitung einiger Geistlichen von Sankt-Sulpiz ihre Zeit mit Andachtsübungen verbrachten. Herr von Aubigné verhehlte nicht, vor jedermann zu sagen, seine Schwester mache sich über ihn lustig, wenn sie ihm einrede, er sei fromm; man belagere ihn förmlich mit Pfaffen, und er werde bei diesem Herrn Doyen noch zugrunde gehen. Er hielt es auch nicht lange aus und kehrte zu seinen Mädchen in die Tuilerien zurück; aber man fing ihn wieder ein und gab ihm einen der stumpfsinnigsten Priester von Sankt-Sulpiz zum Wächter, der ihm überall wie sein Schatten folgte und ihn zur Verzweiflung brachte.

Der Graf von Aubigné hatte eine einzige Tochter, für die Frau von Maintenon stets gesorgt hatte, die sie nie von sich ließ, wo sie auch weilte, und die sie wie ihre eigene Tochter erzog.

 

Man sprach damals [1698] von nichts als von Compiègne, wo 60 000 Mann in einem Feldlager zusammengezogen waren. Dergleichen war bereits einmal gelegentlich der Vermählungsfeierlichkeiten des Herzogs von Burgund geschehen. Der König erklärte, er rechne darauf, seine Truppen in gutem Zustande zu sehen, und hoffe, daß jeder das Seine dazu tue. Dies genügte, daß sich ein Wetteifer entfaltete, der geradezu ausartete. Man begnügte sich nicht damit, die Truppen in derart vorzügliche Verfassung zu bringen, daß man nicht wußte, welchem Regiment man das meiste Lob zollen sollte. Nicht zufrieden mit der Stattlichkeit und Kriegstüchtigkeit ihrer Leute, der Ausrüstung und der Pferde, suchten sich die Kommandeure auch im äußerlichen Glanze zu überbieten. Die Offiziere sparten keine Ausgaben, um in Uniformen zu prangen, die selbst bei gesellschaftlichen Festen Aufsehen erregt hätten.

Die Obersten, ja selbst Hauptleute, gaben verschwenderische und auserlesene Gastereien. Sechs Generale und vierzehn Marschälle machten sich dabei ganz besonders große Ausgaben, allen voran der Marschall von Boufflers Charles-Louis Marquis von Boufflers, 1644 bis 1711; seit 1693 Marschall., der sich nicht allein durch seinen üppigen Aufwand hervortat, sondern dabei auch Ordnungssinn, guten Geschmack, wirkliche Pracht und vornehme Gastfreundschaft betätigte. Das währte die ganze Lagerzeit hindurch, Tag und Nacht, Stunde für Stunde, so daß diese Art Prunkentfaltung selbst auf den König Eindruck machte und sogar auf Monsieur le Prince, den Meister und Führer in allen Dingen des feinen Geschmacks und der neuesten Mode. Es war ein reizvolles, blendendes, ja, ich muß sagen, überwältigendes Schauspiel ohnegleichen. Dabei verblieb der Marschall, persönlich wie sein gesamtes Gefolge, in der größten Ruhe. Alles spielte sich glatt und geräuschlos ab, als sei es etwas Einfaches und Alltägliches. Der Marschall kümmerte sich persönlich unablässig um jede Einzelheit, obgleich er in seiner militärischen Stellung als Führer der Armee allein schon überaus beschäftigt und in Anspruch genommen war.

Es wurde fortwährend an zahllosen, immer wieder neugedeckten Tafeln gespeist. In jedem Augenblicke, wenn Offiziere, Hofleute oder Zuschauer kamen, wurde aufgetischt. Selbst Schlachtenbummler, die man gar nicht kannte, wurden durch Offiziere höflichst eingeladen und auf das beste bedient. Man trug alle möglichen warmen und kalten Getränke auf, das Feinste und Herrlichste, was es auf dem Gebiete der Erfrischungen überhaupt gibt, französische und ausländische Weine, die feinsten Edelschnäpse, alles im Überfluß. Es war alles aufgeboten worden, daß Wildbret und Fische jeder Art, bis auf das Ungewöhnlichste und Seltenste, aus allen Gegenden eintrafen, aus Holland, aus England, aus der Bretagne, ja selbst vom Mittelmeer her, und zwar mit erstaunlicher Regelmäßigkeit durch einen besonders eingerichteten Eilbotendienst in kleinen Postwagen. Da man gefürchtet hatte, bei dem ungeheuren Verbrauch könne das Wasser trüb werden oder ausgehen, wurde welches von Sainte-Reine, aus der Seine und von den berühmten Quellen herangeschafft. Man kann sich kaum vorstellen, daß es in jeder Hinsicht an nichts fehlte. Der niedrigste zufällig Dazugekommene vermißte ebensowenig etwas wie der vornehmste, bereits lange vorher angesagte hohe Herr. Man hatte ganz neue nette Holzhäuser erbaut und wie die üppigsten Pariser Paläste ausgestattet, ferner zahlreiche prächtige Riesenzelte aufgeschlagen, die für sich allein ein kleines Lager bildeten.

Die Reise nach Compiègne war etwas, wobei sich die Damen zum erstenmal mit Dingen abfanden, die man nicht gewagt hätte, ihnen zuzumuten. Man drängte sich dazu, so daß der König nachgiebiger denn sonst war und den Besuch des Lagers freigab. Aber das war es nicht, was man beabsichtigte. Die Damen wollten samt und sonders dazu befohlen sein. Nicht freiwillig, gezwungen wollte man hinfahren. Auf allen Reisen, die der König bisher unternommen, hatte er die Damen besonders bestimmt, die zur Begleitung der Königin oder der Kronprinzessin mitzufahren hatten, und zwar in den Kutschen dieser hohen Damen. Die Prinzessinnen hatten ihre Freundinnen und ihr Gefolge für sich. Ein jeglicher fuhr in seinem eigenen Wagen oder reiste zu Fuß. Nur die Herzogin von Lude und die Prinzessinnen benutzten königliche Wagen. Monsieur und Madame blieben in Saint-Cloud oder in Paris.

Von den Herren der Hofgesellschaft begab sich eine so außergewöhnlich große Anzahl hin, daß sogar – dies geschah zum ersten Male – die Herzöge zu zweien fahren mußten. Auch die Gesandten erhielten Einladungen nach Compiègne.

Donnerstag, den 28. August [1698], reiste der Hof nach Compiègne ab. Der König fuhr über Saint-Cloud, übernachtete in Chantilly, wo er einen Tag blieb, und traf Sonnabends in Compiègne ein. Das Hauptquartier kam in das Dorf Coudun, wo der Marschall von Boufflers Häuser und Zelte hatte errichten lassen. Der König hatte den Herzog und die Herzogin von Burgund bei sich. Man bekam daselbst einen so vorzüglichen Imbiß vorgesetzt, daß der König ganz überrascht war und bei seiner Rückkehr nach Compiègne zu Livry Louis Sanguin, Marquis von Livry, 1648 bis 1723., dem Oberstkämmerer, sagte, er bestimme, daß die besondere Küche, die für den Herzog von Burgund angeordnet war, in Wegfall käme, denn mit der, die er eben kennen gelernt habe, könne sie doch keinen Vergleich aushalten. Wenn sein Enkel künftig ins Lager käme, solle er beim Marschall von Boufflers speisen.

Der König machte sich ein großes Vergnügen daraus, den Damen die Truppen zu zeigen, sowohl im Lagerleben als auch bei ihren Marschübungen, beim Exerzieren, beim Felddienst, beim Lebensmittel- und Futterfassen usw. Die Herzogin von Burgund, Monsieur und die Prinzessinnen nahmen die Mahlzeiten häufig beim Marschall, wobei die Marschallin die Honneurs zu machen pflegte. Monseigneur kam ein paarmal zu Tisch zu ihm, und der König brachte einmal den Exkönig von England mit, der sich einige Tage im Lager aufhielt. Seit Jahren hatte er niemanden so ausgezeichnet. Daß Boufflers zwei Könige auf einmal bewirten durfte, das war eine ganz besonders hohe Ehre. Auch Monseigneur und seine drei Prinzensöhne nahmen an diesem Mahle teil, desgleichen ein Dutzend Größen vom Hofe und vom Heere. Der König forderte den Marschall wiederholt auf, Platz zu nehmen. Er versagte es sich. Persönlich bediente er die beiden Könige, während sein Schwiegervater, der Herzog von Gramont Antoine-Charles von Gramont IV., der Bruder des Grafen Guiche, 1645 bis 1720; seit 1684 Generaladjutant des Königs., Monseigneur bediente. Beim Kommen hatte man die Fußtruppen vor ihren Lagern besichtigt; beim Weggange hielt man eine Geländeübung der gesamten Infanterie ab, die in zwei Parteien gegeneinander manövrierte. Tags vorher hatte der König seine Armee dem Exkönig in Parade vorgeführt. Die Herzogin von Burgund nahm zu Wagen an der Truppenschau teil, zusammen mit der Frau Herzogin (von Condé), der Herzogin von Conti und den anderen bevorrechteten Damen. In zwei anderen ihrer Wagen folgten die übrigen Damen.

Der König wollte ferner ein möglichst gutes Bild vom Kriege vorführen. Aus diesem Grunde ließ er Compiègne regelrecht belagern, allerdings in stark verkürzter Zeitfolge. Man legte Laufgräben, Unterstände, Batterien, Minen usw. an. Generalleutnant Crenan verteidigte die Festung. Nach der Ebene zu umgab das Schloß ein alter Wall. Seine Krone hatte die gleiche Höhe wie des Königs Gemächer. Der Wall, der keine Brustwehr hatte, beherrschte die ganze Gegend. Ihm zu Füßen zog sich eine alte Mauer hin. An einer Stelle des Walles, nicht weit vom Quartier des Königs entfernt, stand eine Windmühle.

Sonnabend, den 13. September, sollte der Sturm stattfinden. Es war wunderschönes Wetter. Der König erschien mit allen Damen auf dem Wall. Eine Menge Hofleute und alles, was an vornehmen Fremden anwesend war, folgte.

Vom Wall aus konnte man die ganze Ebene und alle Stellungen der Belagerungstruppen übersehen. Ich hatte meinen Standort etwa drei Schritte vom Könige entfernt und niemanden vor mir. Es war ein prächtiges Schauspiel: dort die ganze Armee, hier die reiche Anzahl von Zuschauern aus allen Ständen, zu Fuß und zu Pferd, weitab von den Truppen, um sie nicht zu hindern. Und nun das Wechselspiel von Angriff und Verteidigung. Aber noch ein ganz anderes Schaustück machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich könnte es noch in vierzig Jahren so lebhaft wie heute malen. Auf dem Walle, angesichts seiner ganzen Armee und der ungezählten Schar von Gästen aller Art, die unten in der Ebene und oben auf dem Walle zuschauten, stand der König. Links neben ihm Frau von Maintenon in ihrer Sänfte, die nach drei Seiten mit Glasscheiben versehen war. Die Träger hatten sich zurückgezogen. Links von ihr saß die Herzogin von Burgund. Hinter ihr, stehend, die Herzogin (von Condé), die Prinzessin von Conti und alle anderen Damen. Weiter hinten die Kavaliere. Rechts von der Sänfte stand der König, und ein wenig hinter ihm im Halbkreis die vornehmsten Herren. Alle Augenblicke beugte sich Majestät – fast immer unbedeckten Hauptes – zu Frau von Maintenon herab und erklärte ihr das Wie und Warum alles dessen, was sie sah. Jedesmal ließ sie die eine Glasscheibe ein paar Fingerbreit herab, aber nie bis zur Hälfte. Ich gab genau auf sie Obacht, genauer als auf die Truppenübung. Ein paarmal öffnete sie auch das Fenster, um eine Frage zu stellen. Aber meistens war es der König, der sich neigte, der zu ihr sprach, ohne daß sie erst zu fragen brauchte. Wenn sie es hin und wieder nicht gewahr ward, klopfte er an die Scheibe. Er redete immer nur mit ihr, abgesehen von einigen kurzen Befehlen, die er, jedoch ganz selten, Ordonnanzoffizieren gab. Ein paarmal mußte er der Herzogin von Burgund Antworten geben, die sich Mühe gab, mit Majestät in ein Gespräch zu kommen. Frau von Maintenon unterhielt sich von Zeit zu Zeit durch Zeichen mit ihr. Dabei öffnete sie aber nicht erst das Fenster nach ihr zu. Die junge Fürstin mußte durch die Scheibe sprechen. Ich beobachtete aufmerksam alle Gesichter. Verwunderung, Scham, Verlegenheit ringsum! Allgemein hatte man die Blicke mehr hierauf als hinunter in die Ebene. Mehrere Male legte der König seinen Hut auf das Dach der Sänfte, wenn er hineinsprach. Das beständige Bücken mußte ihn ziemlich ermüden. Monseigneur war mit den Prinzen, seinen jüngeren Brüdern, zu Pferd in der Ebene beim Heere. Desgleichen selbstverständlich der Marschall von Boufflers in seiner Tätigkeit als Armeeführer.

Es war gegen fünf Uhr nachmittags, immer noch bei allerschönstem Wetter. Vorn vor der Sänfte waren Stufen in den Wall geschlagen, die man von oben aus nicht sehen konnte, und unten in der Mauer ein Durchgang geschaffen.

Im Bedarfsfalle konnte man sich auf diesem Wege von der Ebene her Befehle beim Könige holen. Der Fall trat ein. Crenan entsandte den Obersten Marquis von Canillac. Dieser stieg die Stufen hinauf und erschien, zunächst halb sichtbar, über dem Rande des Walles. Ich sehe ihn heute noch genau so deutlich wie damals vor mir. Plötzlich gewahrte er den König und die ganze Gruppe oben auf dem Wall, von der er unten keine Ahnung gehabt hatte, denn sein Standpunkt war zu Füßen der Mauer gewesen. Von da unten konnte man nicht sehen, was oben vorging. Was er mit einem Male erblickte, überraschte ihn dermaßen, daß er mit offenem Munde und starrem Blick am Wallrande stehen blieb. Jedermann sah ihn. Auch der König. »Weiter, Canillac,« rief er. »Kommen Sie nur ganz herauf.« Canillac rührte sich nicht. Der König wiederholte: »Kommen Sie nur. Was gibt es?« – Zitternd und zagend kam der Oberst nunmehr völlig herauf und ging, sich im Kreis umschauend, langsam auf den König zu. Wie bereits gesagt, stand ich dicht beim König. Als Canillac bei mir vorüberschritt, murmelte er ein paar unverständliche Worte vor sich hin. »Was haben Sie?« fragte der König. »So reden Sie doch.« Canillac brachte aber nichts Ordentliches hervor. Der König wurde nicht klug aus ihm, hatte aber die Empfindung, daß auch nichts weiter aus ihm herauszubekommen sei. Er beantwortete die unverständliche Meldung mit ein paar beliebigen Worten und fügte in ärgerlichem Tone hinzu: »Sie können gehen!«

Canillac ließ sich das nicht zweimal sagen, eilte zur Treppe zurück und verschwand schleunigst. Da wandte sich der König um und bemerkte: »Ich weiß nicht, was Canillac heute hat. Er wußte ja gar nicht, was er sagen sollte. Er muß buchstäblich den Kopf verloren haben.« Alles schwieg.

Es war kurz vor dem Augenblick der Übergabe der belagerten Festung, als Frau von Maintenon, wie man deutlich sah, um die Erlaubnis bat, sich entfernen zu dürfen. Der König rief: »Die Träger für Madame.« Sie eilten heran und trugen die Sänfte weg. Kaum eine Viertelstunde später zog sich auch der König zurück, mit ihm die Herzogin von Burgund und beinahe alle Umstehenden. Man unterhielt sich mit Gesten und flüsterte einander ins Ohr. Alle waren von dem Gesehenen betroffen. Ebenso erging es den Zuschauern in der Ebene. Sogar die Soldaten wollten wissen, was jene Sänfte zu bedeuten gehabt, zu der der König sich unaufhörlich geneigt hatte. Es war nicht leicht, die Frager zum Schweigen zu bringen. Wie die Fremden urteilten, kann man sich denken. Man redete davon in ganz Europa ebensoviel wie vom Lager zu Compiegne mit seinem Pomp und seiner Märchenpracht überhaupt. Übrigens zeigte sich Frau von Maintenon äußerst selten im Lager und dann immer in ihrem Wagen, mit einigen ihrer Vertrauten. Und nur ein- oder zweimal war sie beim Marschall, um die Wunderdinge dort und all die Fabelherrlichkeiten zu schauen.

Als letzter großer Akt des Schauspiels ward eine Schlacht zwischen zwei Parteien geschlagen. Herr von Rosen Konrad von Rosen, aus Litauen, 1628 bis 1715, der mit Saint-Simon befreundet war. Er war Besitzer zweier Herrschaften: Bollwiller und Dettwiller im Elsaß., der älteste Generalleutnant, hatte gegen den Marschall von Bouffiers zu führen, auf dessen Seite der Herzog von Burgund, als General, einer der Unterführer war. Der König wohnte der Übung bei, ebenso die Herzogin von Burgund, die Prinzen, die Damen, der gesamte Hof und eine Unmenge Neugieriger. Der König und die Herren erschienen zu Pferde, die Damen im Wagen. Alles bis ins kleinste verlief tadellos und dauerte geraume Zeit. Der Anlage der Übung gemäß sollte Rosens Partei die geschlagene sein. Aber dieser brachte es nicht übers Herz, sich zurückzuziehen. Infolgedessen entstand eine lange Verzögerung. Herr von Boufflers schickte ihm wiederholt die Weisung, es sei Zeit zum Rückzug. Rosen ward wütend und stellte sich taub. Der König, der die Anlage der Übung selbst gemacht hatte, lachte herzlich, als er die Ordonnanzoffiziere herüber und hinüber galoppieren sah, und sagte: »Rosen hat keine Lust, den Besiegten zu spielen.« Zu guter letzt sandte er ihm selbst den Befehl, ein Ende zu machen und zum Rückzug zu blasen. Rosen gehorchte, aber höchst ungern. Er fuhr sogar den Überbringer des königlichen Befehls grob an. Den ganzen Tag lang gab dieses Zwischenspiel Stoff zur Unterhaltung.

Es schlossen sich noch eine Reihe Schanzübungen und endlose Besichtigungen an. Sodann verließ der König Compiègne am 22. September und reiste über Chantilly, wo er wieder einen Tag blieb, nach Versailles. Die Damen freuten sich der Rückkehr ebensosehr wie vordem ihres Auszugs ins Lager. Sie hatten in Compiegne nicht mit an der königlichen Tafel gesessen und die Herzogin von Burgund genau so selten zu Gesicht bekommen wie in Versailles. Sie hatten bei allem gegenwärtig sein müssen und wider Erwarten mehr Mühsal gehabt als Vergnügen und Vorteil. Der König war hochbefriedigt über seine prächtigen Truppen in ihrer funkelnagelneuen und so glänzenden Ausstattung. Deshalb ließ er bei seiner Rückkehr jedem Kavallerie- und Dragonerhauptmann eine Ehrengabe von 600 Franken auszahlen und jedem Hauptmann von der Infanterie 300 Franken, desgleichen allen Stabsoffizieren. Dazu kamen Ehrengaben an die Beamten seines Hofstaates. Den Marschall von Boufflers beschenkte er mit 100 000 Franken. Das ergab zusammengerechnet eine ungeheure Summe, für den einzelnen aber war es nur ein Tropfen Wasser in einen leeren Becher. Auf Jahre hinaus waren die Regimenter – eins wie das andre – wirtschaftlich erschöpft: Offiziere wie Mannschaften. Und was 100 000 Franken für den Marschall von Boufflers bedeuteten, das kann sich jeder denken, der die fabelhafte Pracht und den verschwenderischen Aufwand in Compiègne gesehen hat. Ganz Europa redete davon. Die Ausländer, die ihren Augen kaum zu trauen gewagt, erzählten allüberall schier unglaubliche Dinge davon.

Im Jahre 1699 verlor Frankreich den berühmten Tragödiendichter Racine. Geboren am 22. Dezember 1639 zu La Ferté-Milon, gestorben am 21. April 1699. Racine war Hofhistoriograph und königlicher Kammerherr. Siehe Einleitung S. 163 ff. Er war der geistvollste Mann seiner Zeit. Niemand war angenehmer im Umgange. Man merkte ihm den Künstler nicht an. Er war ein durch und durch ehrenhafter, bescheidener und sehr guter Mensch. Er hatte hervorragende Freunde sowohl am Hofe wie unter den Literaten und Gelehrten. Diesen überlasse ich es auch, über ihn zu schreiben, da sie das besser verstehen als ich.

Um den König und Frau von Maintenon zu unterhalten und als Übungsstück für die jungen Damen von Saint-Cyr hat Racine zwei Meisterdramen verfaßt: »Esther« und »Athalie«. Dies Unternehmen war deshalb besonders schwierig, weil in beiden Stücken keine Liebesbeziehungen vorkommen durften. Auch sollte am Stoffe keinerlei Änderung vorgenommen werden, da er aus der Bibel stammt und somit unantastbar ist. Bei der Aufführung, die im Hause der Frau von Maintenon in Gegenwart des Königs und eines erlesenen engen Kreises von Zuschauern stattfand, zeichneten sich durch ihr Spiel die Gräfin von Ayen Françoise d'Aubigné, Comtesse d'Ayen, einzige Nichte der Frau von Maintenon, 1671 bis 1739. und Frau von Caylus Marthe-Marguerite le Valois de Villette de Mursay, 1671 bis 1729, eine der reizendsten Frauen der Zeit. Sie wurde von ihrer Verwandten, der Frau von Maintenon, erzogen. Ihre »Souvenirs« sind Muster feinster Urbanität. Ihr Sohn war der bekannte Sammler und Gönner Watteaus. aus. Auch in Saint-Cyr wurden die Stücke vor der Hofgesellschaft, aber ebenfalls nur vor einer Auswahl, mehrere Male aufgeführt.

Racine hatte den Auftrag, zusammen mit seinem Freunde [Nicolas Boileau, genannt] Despréaux, eine Lebensgeschichte des Königs auszuarbeiten. Auch aus diesem Anlaß kam er häufig zu Majestät. Wenn keine Minister bei Frau von Maintenon waren, an den Freitagen, und zumal im Winter, wenn sich das Beisammensein wegen des schlechten Wetters länger hinzog, ward Racine herbeigeholt, um dem König und seiner Freundin die Zeit zu Vertreiben. Zu seinem Unglück war der Dichter ein überaus zerstreuter Mensch.

Eines Abends saß er im Gemache der Frau von Maintenon in Gegenwart von Majestät. Man kam auf die Pariser Theater zu sprechen, erst auf das Singspiel, dann auf die Komödie. Der König erkundigte sich nach den gespielten Stücken und ihren Verfassern und tat dabei die Frage, warum das Lustspiel gegen frühere Zeiten mehr und mehr verflache. Racine brachte verschiedene Gründe vor und bemerkte schließlich, es läge seiner Meinung nach besonders daran, daß es keine Lustspieldichter und somit keine guten neuen Stücke gäbe. Deshalb spiele man die alten, unter anderen die Scarronschen, die gar nichts taugten und alle Welt nur verjagten.

Bei der Erwähnung des Namens Scarron wurde die ehemalige Witwe Scarron über und über rot, nicht etwa, weil Racine am Lorbeerkranze dieses Arschrutschers gezupft, sondern weil er ihn in Gegenwart seines erlauchten Nachfolgers üherhaupt erwähnt hatte.

Der König ward verlegen. Unheimliche Stille trat ein, und der unglückselige Racine merkte, welchen Riesenfehltritt er in seiner Zerstreutheit begangen hatte. Als der Allerbestürzteste von den dreien wagte er weder die Augen aufzuschlagen noch den Mund aufzutun. Dieser peinliche Zustand währte mehrere Minuten. Er endete damit, daß der König den Dichter entließ, indem er sagte, er wolle arbeiten.

Ganz von Sinnen eilte Racine in das Zimmer des ihm befreundeten Cavoye Louis d'Oger, zuerst Chevalier und dann Marquis de Cavoye, starb 1716 im Alter von 76 Jahren. Seine Freundschaft mit Racine war so bekannt, daß Ludwig XIV. witzeln konnte: »Cavoye avec Racine se croit bel esprit; Racine avec Cavoye se croit courtisan.« Der König war Kenner höfischer Seelen. und erzählte ihm seine große Dummheit. Sie war nicht wieder gutzumachen.

In der Folgezeit würdigten weder der König noch Frau von Maintenon Racine je wieder eines Wortes noch eines Blickes. Der Dichter nahm sich dies derart zu Herzen, daß er krank wurde und zwei Jahre darauf starb. Diese Frist verwandte er auf sein Seelenheil. Seinem Wunsche gemäß wurde er in Port-Royal des Champs begraben, mit dessen berühmten Insassen er seit seiner Knabenzeit Beziehungen gehabt hatte. Saint-Simon allein erzählt die Ursache der ganzen (oder halben) Ungnade Racines auf diese Weise. Voltaire, der sich auf den Sohn des Dichters stützt, erzählt (Siècle de Louis XIV, ch. XXII), Racine sei in Ungnade gefallen, weil er dem König eine Schrift über das Elend des Volkes überreicht habe. Nach den Untersuchungen des Literarhistorikers Paul Ménard (Oeuvres de Racine, nouvelle édition, 1886, I, p. 153-159) scheint eine Verwechselung vorzuliegen. Boileau soll diese Entgleisung begangen haben, ohne sich etwas daraus zu machen. Wenn zeitweise eine Entfremdung zwischen dem Dichter und dem König eintrat, so ist sie wohl darauf zurückzuführen, daß Racine aus seiner Verbindung mit den Jansenisten, in denen er seine Erzieher schätzte, kein Hehl machte. Der König selbst, der keinem seiner Getreuen lange nachzutrauern pflegte, scheint den Ver1ust seines Vorlesers und Biographen schmerzlich bedauert zu haben. Dangeau erzählt in seinem Journal (Eintrag vom 15. März), daß der König sich aufs herzlichste nach dem Befinden des Dichters, der seit längerem als verlorener Mann galt, erkundigt habe.

Ein sonderbares Ereignis wurde damals [1699] von aller Welt viel besprochen. Es kam ein Hufschmied aus Salon, einer kleinen Stadt der Provence, geradenwegs nach Versailles. Er wandte sich an Brissac Albert de Grillet, Marquis de Brissac, gestorben 1713 als Generalleutnant, 86 Jahre alt, seit 1673 Kommandeur der vier Kompagnien der Gardes-du-corps., den Major der Gardes-du-corps, und verlangte, zum König geführt zu werden, mit dem er unter vier Augen zu sprechen habe. Da er sich durch die ihm erteilten schroffen Abweisungen durchaus nicht abschrecken ließ, setzte er es am Ende durch, daß der König von seinem Begehr Kenntnis erhielt. Er bekam aber den Bescheid, Majestät pflege nicht so mit jedermann zu sprechen.

Der Hufschmied gab nicht nach und erklärte, wenn er vor den König käme, werde er ihn durch Geheimnisse, die nur ihm bekannt wären, überzeugen, daß er berufen sei, ihm wichtige Dinge zu offenbaren. Einstweilen bitte er, wenigstens an einen seiner Staatsminister gewiesen zu werden.

Darauf ließ ihm der König sagen, er möge Barbesieux Louis-François-Marie Le Tellier, Marquis de Barbesieux, 1668 bis 1701, Sohn von Louvois (1641 bis 1691), nach dem Tode des Vaters wie dieser Staatssekretär des Krieges. aufsuchen, dem er Befehl gegeben habe, ihn anzuhören. Man war nun sehr überrascht, als der Hufschmied, der eben erst angekommen war und vordem weder seine Heimat noch sein Handwerk je verlassen hatte, von Barbesieux nichts wissen wollte und sofort erwiderte, er habe verlangt, an einen Staatsminister gewiesen zu werden. Barbesieux sei keiner. Er könne nur vor einem solchen reden. Nunmehr bezeichnete der König Herrn von Pomponne Simon Arnauld Marquis de Pomponne, 1618 bis 1699, damals Minister und Oberintendant der Posten., und der Hufschmied begab sich zu ihm, ohne Schwierigkeiten zu machen und ohne etwas zu entgegnen.

Was man von seiner Geschichte erfuhr, ist folgendes Wenige. Als der Mann eines Tages zu später Stunde heimging, sah er sich bei einem Baume nahe vor der Stadt von starker Helligkeit umflutet. Eine schöne blonde, helleuchtende Frauengestalt in weißer königlicher Tracht rief ihn bei seinem Namen, ermahnte ihn, wohl aufzumerken, und redete mehr denn eine halbe Stunde mit ihm. Sie sagte ihm, sie sei die Königin, die gewesene Gemahlin des Königs, und befahl ihm, zu diesem zu gehen und ihm zu berichten, was sie ihm mitgeteilt habe. Gott werde ihm auf seiner ganzen Reise beistehen, und der König werde an einem Geheimnis, das auf der Welt nur der König wisse und wissen könne, die Wahrheit alles dessen erkennen, was er ihm eröffne. Wenn es ihm zuvörderst nicht gelänge, mit dem Könige zu sprechen, so solle er um eine Unterredung mit einem seiner Staatsminister bitten. Unter keinen Umständen aber dürfe er anderen, wer sie auch seien, etwas mitteilen, und bestimmte Dinge müsse er allein dem Könige vorbehalten. Er solle baldigst aufbrechen und das ihm Anbefohlene beherzt und sorgsam ausführen. Wenn er es aber versäume, seinen Auftrag zu erfüllen, sei er zur Strafe dem Tode verfallen.

Der Hufschmied gelobte alles, und alsbald verschwand die Königin. Er stand wieder im Dunkeln an dem Baume, unter den er sich niederlegte, nicht mehr sicher, ob er träume oder wache. Danach ging er heim, überzeugt, daß alles Einbildung gewesen wäre. Es kam ihm so närrisch vor, daß er keinem Menschen etwas davon erzählte. Aber zwei Tage später, als er an der nämlichen Stelle vorüberging, hatte er abermals dieselbe Erscheinung, und abermals erhielt er denselben Auftrag. Dazu bekam er Vorwürfe ob seines Zweifels und vielfache Drohungen. Zuletzt erhielt er den Befehl, den Kreishauptmann aufzusuchen und ihm zu berichten, was er gesehen, und daß er den Auftrag habe, nach Versailles zu gehen. Der werde ihm gewiß die Mittel zur Reise geben.

Diesmal war der Hufschmied überzeugt. Aber hin und her schwankend zwischen der Furcht vor den Drohungen und den Schwierigkeiten des Vollzugs, wußte er nicht, wozu er sich entschließen sollte. Und so schwieg er über das ihm Widerfahrene weiter.

Acht Tage lang verharrte er in dieser Unschlüssigkeit, und schon war er so gut wie entschlossen, die Reise zu unterlassen, als er, wiederum beim Vorübergehen an jenem Orte, zum dritten Male dasselbe Gesicht hatte und nochmals dasselbe vernahm, dazu so schreckliche Drohungen, daß er nun an nichts mehr dachte, als sich auf den Weg zu machen. Zwei Tage darauf suchte er in Aix den Kreishauptmann auf, der ihn darin bestärkte, seine Reise ohne Verzug fortzusetzen, und ihm das nötige Geld gewährte, damit er sie in der Postkutsche zurücklegen konnte.

Mehr darüber hat man nie erfahren. Der Hufschmied hatte drei Unterredungen mit Herrn von Pomponne, wobei er jedesmal mehr denn zwei Stunden bei ihm war. Hierüber hielt Pomponne dem Könige unter vier Augen Vortrag. Weiterhin mußte er davon vor einem Staatsrate berichten, an dem nur die Minister teilnahmen. Das waren damals außer Pomponne der Herzog von Beauvillier, Pontchartrain und Torcy. Der Dauphin ward ferngehalten. Die Sitzung dauerte lange, aber vielleicht besprach man nachher noch andere Angelegenheiten. Tatsache ist, daß der König hierauf den Hufschmied zu sprechen wünschte. Er versteckte sich also durchaus nicht und empfing ihn in seinen Gemächern. Der Hufschmied kam die kleine Treppe herauf, die von der königlichen Wohnung zum Marmorhof hinabführt und die der König zu benutzen pflegte, wenn er zur Jagd oder spazieren ging. Etliche Tage später mußte der Mann wiederum kommen. Beide Male war er über eine Stunde allein bei dem Könige, der Obacht gab, daß niemand weiter in der Nähe weilte. Als er am Tage nach der ersten Unterredung mit dem Hufschmied die erwähnte Treppe zu einem Jagdausflug herunterkam, machte der diensthabende Herr von Duras – der sich im Besitze allerhöchster Gunst die Freiheit nehmen durfte, alles zu sagen, was ihm beliebte – eine abfällige Bemerkung über den Hufschmied, wobei er das böse Sprichwort anwandte: Er ist ein Narr oder Eure Majestät kein Edelmann!

Bei diesem Worte blieb der König stehen, drehte sich nach dem Marschall um (was er im Gehen sonst fast nie tat) und sagte zu ihm: »Dann bin ich also kein Edelmann. Denn ich habe lange mit dem Manne gesprochen. Er hat sehr verständig geredet, und ich versichere Ihnen: er ist durchaus kein Narr.« Die letzten Worte hatten einen ernsten Nachdruck, was die Hörerschaft, die Augen und Ohren weit aufsperrte, höchlichst überraschte und völlig verstummen ließ.

Nach der zweiten Unterredung gestand der König, daß der Mann ihm etwas gesagt habe, was ihm vor mehr denn zwanzig Jahren begegnet sei und wovon er allein wisse, da er niemandem je davon erzählt habe. Er fügte hinzu, es handle sich um eine Erscheinung im Walde von Saint-Germain. Ganz bestimmt habe er mit keinem Menschen jemals darüber gesprochen.

Der König erwähnte den Hufschmied noch mehrfach mit sehr gnädigen Worten. Auf seinen Befehl hin wurde er völlig freigehalten und auf Kosten des Königs heimgeschickt. Auch bekam er seine Auslagen ersetzt und überdies reichlich Geld. Dem Kreishauptmanne ließ er schreiben, er solle dem Manne besonders förderlich sein und darauf achten, daß ihm für den Rest seines Lebens nichts ermangele. Bei seinem Stand und seinem Handwerk solle er ihn aber belassen.

Der Hufschmied war ein Mann in den Fünfzigern, hatte Familie und erfreute sich in seiner Gegend eines guten Rufes. Bei aller Schlichtheit zeigte er viel gesunden Menschenverstand, Uneigennutz und Bescheidenheit. Er meinte stets, man gäbe ihm zuviel, und zeigte sich in keiner Weise neugierig. Nach seinem Besuch bei dem König und bei Pomponne wollte er nichts sehen noch sich sehen lassen, hatte es vielmehr offenbar mit der Heimfahrt eilig, indem er sagte: Zufrieden damit, daß er seine Sendung erfüllt, habe er nichts mehr zu tun als nach Hause zurückzukehren. Die Leute, denen er anvertraut war, versuchten etwas aus ihm herauszubekommen. Er gab aber entweder keine Antwort oder sagte nur, ohne sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen: Es ist mir verboten zu reden.

Wieder in seiner Heimat, war nicht die geringste Veränderung an ihm zu spüren. Er sprach weder von Paris noch vom Hofe, war den Ausfragern gegenüber wortkarg und gab deutlich zu erkennen, daß er solche Fragen nicht liebe. Er nahm seine alte Beschäftigung wieder auf und lebte weiter wie vorher.

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