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Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon

Louis de Rouvroy duc de Saint-Simon: Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobiography
authorLouis de Rouvroy, duc de Saint-Simon
titleAus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon
booktitleDer Hof Ludwigs XIV.
publisherInsel-Verlag
printrunZweite, vermehrte Auflage
editorWilhelm Weigand
year1922
translatorArthur Schurig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131209
projectid189ea800
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V

1695. 1696
Krieg in Flandern / Fénelon und Frau Guyon / Der Abt von La Trappe

Alles begab sich zu den Armeen. Die Rhein-Armee überschritt den Strom ohne Verweilen.

In Flandern aber trugen sich reizvollere Dinge zu. Zunächst gab es ein schönes Schachspiel und mehrere Märsche des Prinzen von Oranien Wilhelm von Nassau, Statthalter in Holland (1650 bis 1702), der unermüdliche Gegner Ludwigs XIV., als Wilhelm III. 1688 König von England. und einzelner Sonderteile seines Heeres unter dem Kurfürsten von Bayern Max Emanuel (1662 bis 1726), der im Spanischen Erbfolgekrieg an Frankreichs Seite trat. und dem Grafen von Athlone. Godard de Reede de Quimthel, später Graf Athlone; ein Westfale. Der Marschall von Villeroy mit der Hauptarmee, der Marschall von Boufflers mit der kleineren, der Marquis von Harcourt mit seinem Korps an der Maas und der alte Montal gegen das Meer hin regelten ihre Bewegungen nach denen des Gegners, soweit sie diese erkannten oder zu erkennen vermeinten. Montal, immer noch derselbe trotz seines hohen Alters, rettete Knocke und nahm schließlich Dixmuyden und Deynze.

Nach verschiedenen Scheinbewegungen und mehrfacher Bedrohung unsrer Festungen wandte sich der Prinz von Oranien, der alles getan hatte, um seine eigentlichen Pläne zu verheimlichen und sicherzustellen, plötzlich gegen Namur und begann es Anfang Juli zu belagern. Der Kurfürst von Bayern, der beim Hauptheere verblieben war, stieß rasch mit dem größeren Teile seiner Truppen zu ihm und ließ den Rest unter Vaudémont zurück.

Der Marschall von Villeroy 1644 bis 1730. Er wurde 1714 Minister und 1717 Gouverneur Ludwigs XV. bedrängte den letzteren nach Kräften, und dieser, der viel schwächer war, suchte auf alle Weisen auszuweichen. Beide fühlten, daß alles von ihnen abhing. Vaudémont erkannte, daß seine Rettung auch die Einnahme Namurs zur Folge haben mußte, und Villeroy, daß sein Sieg das Schicksal der Niederlande entscheiden und wahrscheinlich einen glorreichen Frieden mit allen persönlichen Vorteilen eines solchen Ereignisses herbeiführen werde. Er traf seine Maßregeln so gut, daß er drei feste Plätze an der Wandel, deren Besatzung fünfhundert Mann stark war, einnahm. Auf diese Weise kam er Vaudémont am 13. Juli so nahe, daß ihm dieser unmöglich entwischen konnte, was er dem König durch einen Kurier meldete. Beim Morgengrauen des 14. war alles zum Gefecht bereit. Der Herzog von Condé befehligte den rechten, der Herzog von Maine den linken Flügel, Prinz Conti das gesamte Fußvolk und der Herzog von Chartres die Reiterei. Der linke Flügel sollte zuerst angreifen, weil er dem Feind am nächsten stand. Vaudémont, der ganz auf sich angewiesen war, hatte es nicht gewagt, sich in der Nacht vor einem an Zahl und Tüchtigkeit überlegenen, in nächster Nähe stehenden Feinde zurückzuziehen. Er wagte aber auch nicht, ihn ohne jeglichen Rückhalt zu erwarten, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als bei Tage mit aller der Vorsicht abzumarschieren, die ein Feldherr nötig hat, der darauf rechnen muß, während des Marsches angegriffen zu werden.

Beim Tagesanbruch sandte der Marschall von Villeroy dem Herzog von Maine den Befehl zum Angriff. Er hatte die Absicht, dem Feinde seine ganze Armee entgegenzustellen. Bis aber alle seine Kräfte zur Stelle sein konnten, war es nötig, ihn aufzuhalten und durch ein hinhaltendes Gefecht mit unserm linken Flügel am Abmarsch zu hindern. Als der Marschall bemerkte, daß sein Befehl unausgeführt blieb, schickte er voller Ungeduld aufs neue zum Herzog. Dies tat er fünf- bis sechsmal. Der Herzog von Maine wollte erst ganz genau aufklären lassen, dann beichten, dann seinen Flügel noch einmal von neuem aufstellen, obwohl er längst in bester Ordnung gefechtsbereit stand und darauf brannte, ins Gefecht zu kommen. Während diesen Verzögerungen marschierte Vaudémont so eilig weiter, als es ihm die Vorsicht erlaubte. Die Generale unseres linken Flügels murrten. Montreval, der älteste Generalleutnant, konnte es nicht länger mit ansehen und machte den Herzog auf die Dringlichkeit der Ausführung der wiederholt gegebenen Befehle des Marschalls von Villeroy aufmerksam. Er stellte ihm vor, wie leicht und sicher der Sieg, wie wichtig er für seinen Ruhm und für das Mißlingen der Belagerung von Namur sei; desgleichen, welche reiche Früchte davon zu erwarten seien, da die Niederlande nach der Vernichtung des einzigen Heeres, das sie zu ihrer Verteidigung noch hätten, hilflos und erschüttert sein würden. Er ergriff seine Hände und konnte sich der Tränen nicht enthalten. Nichts ward ihm verweigert, nichts widerlegt; aber alles war vergeblich. Der Herzog stammelte etwas und zögerte so lange, bis die Gelegenheit verpaßt und Vaudémont der größten Gefahr einer gänzlichen Niederlage entronnen war. Er hätte ihr nicht entgehen können, wenn sein Gegner, der seine Armee übersehen und Mann für Mann abzählen konnte, die geringste Angriffsbewegung gemacht hätte.

Unsere ganze Armee war in Verzweiflung, und niemand scheute sich zu sagen, was ihm Eifer, Zorn und die Erkenntnis unserer Lage eingaben. Selbst die Fußsoldaten und Reiter äußerten offen ihre Wut. Kurz, Offiziere und Mannschaften waren mehr empört als überrascht. Der Marschall von Villeroy konnte nichts anderes tun, als der feindlichen Nachhut drei Regimenter Dragoner unter der Führung Artagnans Pierre de Montesquiou d'Artagnan (1640 bis 1725), 1709 Marschall von Frankreich. nachzuschicken, die ein paar Fahnen eroberten und die letzten Nachzügler in einige Unordnung brachten.

Obwohl der Marschall selber am meisten erbittert war, so war er doch zu sehr Höfling, um anderen die Schuld zuzuschieben. Indem er sich mit dem Zeugnis seiner ganzen Armee, die alles nur zu gut gesehen und verstanden, ebenso zufriedengab wie mit dem lauten Tadel, dessen sie sich nicht enthalten hatte, schickte er einen seiner Edelleute zum König mit der Meldung, Vaudémont habe ihm durch die Schnelligkeit seines Rückzuges die sichere Hoffnung auf den Sieg geraubt. Gleichzeitig gab er, ohne auf Einzelheiten einzugehen, einen genauen Bericht über die nunmehrige Kriegslage.

Der König, der seit vierundzwanzig Stunden in Erwartung eines entscheidenden Sieges die Minuten zählte, war sichtlich überrascht, als er, anstatt einer Persönlichkeit von Rang, nur einen einfachen Adeligen vor sich sah. Zu seinem Leidwesen vernahm er, wie ruhig der Tag verlaufen war. Der ganze Hof war in Sorge gewesen: hier um einen Sohn, da um einen Gatten oder Bruder. Man war nun starr vor Erstaunen, und besonders die Freunde des Marschalls von Villeroy befanden sich in der höchsten Verlegenheit. Eine so kurze und allgemein gehaltene Darstellung eines so bedeutenden und wichtigen Ereignisses, das ergebnislos verlaufen war, beunruhigte den König. Er bezwang sich aber und erwartete eine nachträgliche Aufklärung. Er trug Sorge, daß ihm alle holländischen Zeitungen vorgelesen wurden. In der ersten, die erschien, las er von einem großen Gefecht auf dem linken Flügel und übertriebene Lobsprüche auf die Tapferkeit des Herzogs von Maine, dessen Verwundung den Erfolg der Franzosen verhindert und Vaudémont gerettet hätte. Der Herzog wäre auf einer Tragbahre weggeschafft worden. Dieser fabelhafte Hohn reizte den König; aber er wurde noch gereizter, als die folgende Nummer der Zeitung ihre Schilderung des Kampfes widerrief und beifügte, der Herzog sei nicht einmal verwundet worden. Alles das, dazu das Schweigen, das seit jenem Tage herrschte, und der kurzgefaßte Bericht des Marschalls von Villeroy, der sich in keiner Weise entschuldigte, erregten des Königs Argwohn. Er kam nicht darüber hinweg.

La Vienne François Quentin, genannt de la Vienne (1630 bis 1710). war bäuerlichen Ursprungs; er wurde 1679 einer der Kammerdiener des Königs; er kaufte den Adel und erwarb das Marquisat Champcenetz-en-Brie. Er war als Erfinder weiblicher Haartrachten berühmt., früher ein beliebter Bader der Pariser, war während der galantesten Zeit des Königs in dessen Dienst getreten. Er hatte seine Gunst dadurch erlangt, daß er ihm Reizmittel verschaffte, durch die es ihm möglich wurde, mehr Befriedigung zu finden. Auf diesem Wege war er einer der vier Leibkammerdiener geworden. Er war ein braver Mann, aber bäurisch, grob und geradezu. Seine Freimütigkeit und Wahrheitsliebe hatten den König daran gewöhnt, ihn auszufragen, sooft er aus andern nichts herauszubringen vermochte, besonders wenn es Dinge betraf, die sein Verständnis nicht überstiegen. Eines Tages nahm ihn der König nach Marly mit, und hier forschte er ihn in der Angelegenheit aus, die ihn so sehr beunruhigte. Der Mann geriet sichtlich in Verlegenheit und besaß nicht genug Geistesgegenwart, sich der Überrumpelung zu wehren. Seine Verlegenheit verdoppelte die Neugier des Königs, und schließlich befahl Majestät ihm, zu reden. La Vienne wagte nicht länger zu widerstehen. Er erzählte dem König, was dieser am liebsten sein Leben lang nicht erfahren hätte und was ihn nun in Verzweiflung setzte. Wozu hatte er sich den Kopf zerbrochen und sich über alles bemüht, den Herzog von Vendôme Der Urenkel Heinrichs IV. aus seiner Liebschaft mit Gabrielle d'Estroy; 1654 bis 1712. an die Spitze einer Armee zu stellen, und warum war seine Freude so groß gewesen, als es ihm gelungen war? Doch nur, weil er den Herzog von Maine dorthin setzen wollte. Sein ganzes Trachten ging dahin, die Prinzen von Geburt durch Nebenbuhlerschaft unter sich im Schach zu halten. Der Graf von Toulouse war Admiral; für ihn brauchte er sich nicht weiter zu kümmern. So galt denn seine volle Sorge dem Herzog von Maine. Nun sah er alles scheitern, und der Schmerz darüber war ihm unerträglich. Er fühlte, daß der Spott der Armee auf seinem geliebten Sohne lasten müsse. Der Hohn der Ausländer, den er aus den Zeitungen erfuhr, ärgerte ihn grenzenlos.

Der äußerlich sonst so ruhige Fürst, der selbst bei den schmerzlichsten Ereignissen in hohem Grade Herr seiner geringsten Bewegung blieb, geriet bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise einmal aus seinem Gleichgewichte. Als er in Marly, im Beisein aller Damen und Höflinge, von der Tafel aufstand, bemerkte er, wie ein Diener, der die Früchte wegtrug, eine Waffel in seine Tasche steckte. In diesem Augenblick vergaß der König seine ganze Würde, und mit dem Stocke in der Hand, den man ihm soeben mit seinem Hut gereicht hatte, lief er auf den Diener zu, der ebenso überrascht war wie die Umstehenden, schlug und wetterte auf ihn ein und zerbrach den Stock auf seinem Rücken. Allerdings war es nur ein schwacher Rohrstock. Mit dem Stumpf in der Hand und der Miene eines Menschen, der außer sich ist, durchschritt er schimpfend den kleinen Saal und das Vorzimmer, obwohl der Diener schon weit weg war, und trat bei Frau von Maintenon ein, wo er beinah eine Stunde lang blieb, wie er dies in Marly des öfteren nach Tisch zu tun pflegte. Als er von da wieder wegging, um in seine Gemächer zurückzukehren, begegnete er dem Pater La Chaise. Da er ihn in Gesellschaft von Höflingen bemerkte, sagte er sehr laut zu ihm; »Pater, ich habe zwar einen Spitzbuben geprügelt und meinen Stock auf seinem Rücken zerschlagen; aber ich glaube nicht, daß ich damit Gott beleidigt habe!« Darauf erzählte er ihm das angebliche Verbrechen. Alle Anwesenden zitterten noch über das, was sie gesehen oder von anderen gehört hatten. Der Schreck wuchs bei dieser Wiederholung. Die Vertrautesten murmelten etwas gegen den Diener, und der arme Pater tat so, als billige er das Verhalten des Königs, um ihn in Gegenwart so vieler Leute nicht noch mehr zu reizen. Man kann sich vorstellen, wie sehr von diesem Vorfall gesprochen wurde und welche Bestürzung er verursachte, weil damals niemand die wahre Ursache ahnte und doch jedermann ohne weiteres merkte, daß die sichtbare Veranlassung des Ausbruchs nicht die wirkliche sein konnte. Einmal kommt aber doch alles an den Tag, und so erfuhr man aus dem Wege des üblichen Klatsches, daß der vom König zum Sprechen gezwungene La Vienne die Ursache eines so sonderbaren und unschicklichen Auftritts gewesen war.

Um alles hierher Gehörige auf einmal zu erledigen, will ich hier ein Bonmot des Herrn von Elbeuf Heinrich von Lothringen, 1661 bis 1748, der sich ein solches Wort gestatten konnte. einfügen. Wie sehr er auch Höfling war, so ärgerte ihn doch der Aufstieg der Bastarde. Als der Feldzug seinem Ende entgegenging und die Prinzen im Begriffe waren abzureisen, bat er den Herzog von Maine vor aller Welt, er möge ihm doch sagen, wo er im nächsten Feldzug zu dienen gedenke, weil er unter allen Umständen eben dort dienen wolle. Nachdem sich Elbeuf hatte bitten lassen, den Grund seiner Frage zu sagen, gab er zur Antwort: in seiner Nähe sei man des Lebens sicher. Dieser rücksichtslos freimütige Ausspruch machte viel Aufsehen. Der Herzog schlug die Augen nieder, ohne ein Wort der Entgegnung zu wagen.

Die bittere Frucht des Ereignisses in Flandern war der Verlust der Stadt Namur, die sich am 4. August [1695] dem Feinde übergab.

 

Bevor ich erzähle, was sich seit meiner Rückkehr von der Armee zutrug, muß ich berichten, was während des Feldzuges bei Hofe vorging. Herr von Bryas, der Erzbischof von Cambrai, war gestorben, und der König hatte diesen fetten Bissen Der Erzbischof von Cambrai war Fürst des heiligen römischen Reiches und Herzog. Bis zur Eroberung Cambrais durch Kaiser Karl V. war er unumschränkter Herr des ganzen Gebietes Cambrai gewesen. Das Erzbistum umfaßte 600 Pfarreien. Seine Einkünfte beliefen sich auf 100 000 Livres, von denen Fénelon später, zur Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges, den würdigsten Gebrauch machte, indem er Spitäler errichtete und für alle Offiziere offenes Haus hielt. dem Abbé Fénelon, dem Erzieher der königlichen Kinder, zugeschanzt.

Fénelon war von vornehmer Geburt, aber ohne Vermögen. Er war klug und geistvoll, wußte sich einzuschmeicheln und zu gefallen und besaß neben seinen großen Fähigkeiten, seinem gewandten Wesen und seiner Gelehrsamkeit beträchtlichen Ehrgeiz. Lange hatte er an allen Türen geklopft, ohne daß er Eintritt erlangt hätte. Mißgestimmt gegen die Jesuiten, an die er sich als die Machthaber von Gottes Gnaden zunächst gewandt hatte, bei denen er aber derb abgefallen war, schloß er sich den Jansenisten an, wobei er sich ob ihrer Armut an irdischen Gütern mit der Hoffnung auf ideelle Erfolge tröstete. Aber es dauerte immerhin noch erhebliche Zeit, bis er sich einführte. Endlich erreichte er es, daß er zu der kleinen Tafelrunde eingeladen ward, die eine Anzahl einflußreicher Persönlichkeiten ein- oder zweimal wöchentlich im Hause der Herzogin von Brancas Marie de Brancas, die Schwester der Prinzessin von Harcourt (1651 bis 1731); Ehrendame der Pfälzerin vereinte. Ich weiß nun nicht, ob er ihnen zu gescheit vorkam oder ob er sich andernorts mehr erhoffte als in diesem Kreise, wo nur Wunden geschlagen wurden; kurz und gut: allmählich kühlte sich seine Neigung für diese Leute ab. Nun katzbuckelte er um das Seminar Von Sankt-Sulpiz Priesterseminar in Paris, wo Fénelon 1675 die Priesterweihe empfing. Er war dort drei Jahre lang Pfarrer, bis er zum Vorstand der Nouvelles catholiques, einer Anstalt ernannt wurde, in der neubekehrte Protestantinnen in ihrem Glauben gekräftigt werden sollten., bis es ihm gelang, hier Verbindungen anzuknüpfen, die ihm hoffnungsvoller aussahen. Diese geistliche Gesellschaft begann damals in Paris bekannt zu werden und Boden zu gewinnen. Bei ihrer geringen wissenschaftlichen Bildung, ihren kleinlichen Ordensregeln, dem völligen Mangel an hohen Gönnern sowie an Mitgliedern von Bedeutung in irgendwelcher Hinsicht waren sie blinde Sklaven Roms und aller seiner Umtriebe. Sie standen im vollsten Gegensatz zu allem, was jansenistischen Anflug hatte. Dabei waren sie ihren Bischöfen so unterwürfig, daß sie immer zahlreicher zur Besetzung geistlicher Ämter in den Sprengeln verwendet wurden. Die Kirchenfürsten, die ebenso vor dem Hofe wie vor den Jesuiten Angst hatten, erkannten in diesen Priestern ein nützliches Mittelding. In ihren Reihen war keiner, der einen Vergleich mit dem Abbé Fénelon hätte aushalten können. Somit durfte er unter ihnen nach Herzensluft glänzen und sich Fürsprecher schaffen, die ihn auf ihren Schultern trugen, um später ihrerseits von ihm gefördert zu werden. Seine Menschenliebe, die er allen in gleicher Weise erzeigte, seine Glaubenslehre, die er nach der ihren bildete, wobei er in aller Stille abschwor, was an ihm etwa Unheiliges noch von seinen verlassenen Freunden her hängen geblieben war, seine Liebenswürdigkeit, seine Urbanität, seine Duldsamkeit und seine verführerische geistreiche Art machten ihn der neuen Genossenschaft höchst lieb und wert. Hier fand er endlich, was er schon längst gesucht: Leute, die sich zu einem Bündnisse eigneten, die ihn stützen konnten und wollten. In Erwartung einer guten Gelegenheit zum Vorwärtskommen verkehrte er eifrigst mit ihnen, ohne sich ihnen indessen ganz anzuschließen, damit er sich den Weg nicht verbaute. Es kam ihm allenthalben darauf an, sich gute Bekannte und Freunde zu erwerben. Er war sehr gefallsüchtig und strebte danach, bei aller Welt gern gesehen und beliebt zu sein, von den höchsten Persönlichkeiten an bis hinunter zum Arbeiter und Bedienten. Seine Eigenschaften und Fähigkeiten förderten ihn hierbei vorzüglich.

Damals, da er noch unbekannt war, hörte er von Frau Guyon Jeanne-Marie Bouvier de la Motte, 1648 bis 1716, die im Jahre 1664 die Gattin des Ingenieurs Guyon und 1676 Witwe geworden war. reden. Diese Frau hat in der Folgezeit so viel Wesens von sich gemacht und ist so bekannt geworden, daß ich mich nicht weiter bei ihr aufzuhalten brauche. Er sah sie. Sie gefielen sich gegenseitig, und ihre Seelen fanden sich. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie sich in ihrer Weltanschauung und in ihrer Sprache, die sie sich in der Folge schufen, wirklich so ganz besonders verstanden. Eingebildet haben sie es sich, und so kam die Verbindung zwischen ihnen zustande. Obgleich Frau Guyon damals bereits etwas bekannter war als Fénelon, achtete man auf beide noch nicht. So blieb ihr Bund unbemerkt, und selbst Sankt-Sulpiz nahm keine Kenntnis davon.

Der Herzog von Beauvillier wurde damals Erzieher der königlichen Prinzen, ohne daß er selbst daran gedacht hatte, ja fast gegen seinen Willen. Beim Tode des Marschalls von Villeroy hatte ihn der König in Hochschätzung und Vertrauen zum Vorstand des königlichen Geldwesens ernannt. Nunmehr ließ er ihm vollständig freie Hand. Einzig abgesehen von Moreau, der Leibkammerdiener des Herzogs von Burgund wurde, gab er dem Herzog von Beauvillier hinsichtlich Lehrer, Ausbilder und Dienerschaft der jungen Prinzen unbeschränkte Vollmacht, so sehr sich Beauvillier dagegen verwahrte. Auf der Suche nach einem Lehrer wandte sich der Herzog an die Erziehungsanstalt von Sankt-Sulpiz, wohin er seit langem zur Beichte ging und deren Angehörige er liebte und stark begönnerte. Daselbst hatte er bereits Rühmliches über den Abbé Fénelon vernommen. Man pries ihm dessen Frömmigkeit, Geist, Gelehrsamkeit und Fähigkeiten. Kurzum, man schlug ihn für die Stelle vor. Der Herzog lernte ihn kennen, war von ihm entzückt und nahm ihn an. Fénelon erkannte sofort, wie wichtig es für sein Fortkommen sei, den Herzog und dessen Schwager, den Herzog von Chevreuse Charles-Honoré d'Albert, 1646 bis 1712, Herzog von Chevreuse 1663 und später 1688 Herzog von Luynes., für sich zu gewinnen, da beide das Vertrauen des Königs und der Frau von Maintenon im höchsten Grade besaßen. Er bemühte sich alsbald vor allem um beider Gunst, und dies glückte ihm dermaßen über Erwarten, daß er in kürzester Frist der Herr ihrer Herzen und Geister und ihr Beichtvater wurde.

Frau von Maintenon kam in der Regel einmal, zuweilen auch mehrere Male in der Woche zu Tisch in das Haus des Herzogs von Beauvillier oder zu dessen Schwager. Einschließlich der beiden Schwestern war man zu fünft. Damit keine Diener um die Tafel herumstanden und man ungestört plaudern konnte, bediente man sich einer Tischglocke. Es war das also ein ganz auserlesener kleiner Kreis, vor dem die gesamte Hofgesellschaft Hochachtung hegte. Zu guter Letzt ward Fénelon auch hinzugezogen. Frau von Maintenon fand nicht minder Gefallen an ihm als die beiden Herzöge. Sein geistvolles Wesen bezauberte sie.

Bald bemerkte der Hof den Riesenerfolg des glücklichen Abbé und drängte sich an ihn heran. Aber sein Freiheitsdrang und der Wille, seinem vorgenommenen Ziele treu zu bleiben, dazu die Furcht, das Mißfallen der Herzöge und der Frau von Maintenon zu erregen, die alle drei ein durchaus abgesondertes Leben liebten, – alles das bestimmte ihn, sich hinter die Bescheidenheit und sein Lehreramt zu verschanzen. Dadurch machte er sich seinen wenigen Gönnern um so wertvoller. Sich diese zu erhalten, war ihm das Wichtigste.

Bei aller Streberei vergaß er indessen seine alte Freundin, Frau Guyon, nicht. Nachdem er sie den beiden Herzögen gerühmt und gepriesen hatte, tat er dies schließlich auch Frau von Maintenon gegenüber. Er stellte sie seinen Gönnern sogar vor, aber nur gelegentlich und angeblich, nachdem er viel Mühe gehabt hatte, sie dazu zu bewegen, als ob sie einzig und allein ihrem Gotte lebe und als ob Demut und Andacht sie in strengster Abgeschlossenheit und Menschenscheu hielten. Ihr kluges Wesen gefiel Frau von Maintenon ungemein, und ihre Zurückhaltung, die sie mit den feinsten Schmeicheleien zu mischen verstand, gewann sie. Das Gespräch kam auf fromme Dinge, aber es war nicht leicht, sie dazu zu bringen. Sichtlich war es die Liebenswürdigkeit und die Tugend der Frau von Maintenon, die sie schließlich verführten. Alles das war wohldurchdachte Berechnung.

Derart war Fénelons Stellung, als er Erzbischof von Cambrai wurde. Man bewunderte ihn um so mehr, als er nicht das geringste unternommen hatte, um diese einträgliche Pfründe zu erringen. Er gab sogar sofort die schönen Einkünfte einer Abtei Saint-Valery-sur-Somme, in der Diözese Amiens, die jährlich 20 000 Livres einbrachte. zurück, die er während seiner Lehrerzeit genossen hatte und die bis dahin seine einzige Einnahmequelle gewesen waren. Er hatte sich aus guten Gründen gehütet, sich um das Erzbistum von Cambrai zu bemühen, denn der geringste verräterische Funken von Ehrgeiz hätte das ganze Gebäude seiner geheimen Pläne zerstört. Überdies war Cambrai gar nicht das Ziel seiner Wünsche.

Allmählich hatte er etliche vornehme Schafe aus der kleinen Herde der Frau Guyon an sich gefesselt. Er bediente sich ihrer indessen nur durch den Hirtenstab der Prophetin. Hier sind besonders zu nennen: die Herzogin von Mortemart Marie-Anne Colbert (1665 bis 1750), die 1679 den Herzog de Mortemart geheiratet hatte., eine dritte Schwester der Herzoginnen von Beauvillier und Chevreuse, sowie Frau von Morstein, die Tochter der Erstgenannten, vor allem aber die Herzogin von Béthune. Marie Foucquet (1657 bis 1716), die einzige Tochter des berühmten Intendanten Foucquet. Diese Damen lebten in Paris und kamen nur insgeheim und ganz vorübergehend nach Versailles. Wenn der Hof einen Ausflug nach Marly machte, an dem der Herzog von Burgund noch nicht teilnahm, folglich auch sein Lehrer nicht, eilte Frau Guyon von Paris zu Fénelon und salbaderte vor den Damen. Auch die Gräfin von Guiche Marie-Christine de Noailles, 1672 bis 1748. (Siehe auch Mémoires, IV, 185.), des Herrn von Noailles älteste Tochter, die am Hofe lebte, birschte sich heran, sooft es nur ging, um sich an dieser Götterspeise zu erlaben. Ferner gehörten zu dem Kreise noch zwei Edelleute, die Herren L'Echelle und von Puy, die Adjutanten des Herzogs von Burgund. Diese Zusammenkünfte fanden wie geheime Mysterien statt, wodurch sie noch mehr Reiz erhielten.

Die Berufung nach Cambrai schlug wie ein Blitz in die kleine Herde. Jegliche Aussicht auf das Erzbistum von Paris war damit offenbar vernichtet. Und Paris war ihrer aller heimliche Hoffnung gewesen, nicht Cambrai, das man verächtlich als »Provinzsprengel« bezeichnete. Da ein Erzbischof eine bestimmte Zeit im Jahre im Orte seines Amtes verbleiben mußte, so war die Herde dann ohne Hirten. In Paris wäre Fénelon an die Spitze der Geistlichkeit gekommen, an einen einflußreichen und dauernden Ehrenplatz. Jedermann hätte mit ihm rechnen müssen, und er wäre imstande gewesen, für Frau Guyon und ihr vorläufig noch geheimes Evangelium kräftig und erfolgreich zu wirken. Während Fénelons Ernennung überall für ein außerordentliches Glück gehalten wurde, war der Schmerz der kleinen Sondergemeinde somit sehr groß. Die Gräfin von Guiche weinte vor Wut.

Der neue Kirchenfürst machte selbstverständlich den hervorragendsten Prälaten seinen Besuch, die darin eine Auszeichnung erblickten. Fénelon wurde in Saint-Cyr geweiht, – eine hohe Auszeichnung, die selten jemandem zuteil ward, – und zwar durch Bossuet, den Erzbischof von Meaux, dem damaligen Diktator der Geistlichkeit und der Kirchenlehre. Dabei anwesend waren die königlichen Prinzen, ebenso Frau von Maintenon und ihr erlesener besonderer Hofstaat. Niemand hatte eine Einladung erhalten, und die Türen blieben allen verschlossen, die sich durch ihr Erscheinen bei Fénelon einschmeicheln wollten.

Der neue Erzbischof von Cambrai war mit seinen Erfolgen bei Frau von Maintenon recht zufrieden. Seine Hoffnungen, die er auf sie setzte, waren wohlbegründet, aber er glaubte seine Absichten nicht eher mit Sicherheit verwirklichen zu können, ehe er nicht die ungeteilte Macht über Frau von Maintenon innehätte. Nun war sie durch die zartesten Bande an Godet, den Erzbischof von Chartres Paul Godet des Marais, 1647 bis 1709, der geistige Leiter der Erziehungsanstalt Saint-Cyr., gefesselt, zu dessen Amtsbereich Saint-Cyr gehörte. Er hatte daselbst den Haupteinfluß, nicht zum mindesten auch auf Frau von Maintenon, deren Beichtvater er war. Sein Lebenswandel, sein theologisches Wissen, seine Frömmigkeit und seine bischöfliche Amtsführung, alles war einwandfrei. Er kam nur selten und immer nur sehr vorübergehend nach Paris, wo er im Seminar von Sankt-Sulpiz zu wohnen pflegte. Noch seltener, buchstäblich nur auf Augenblicke, zeigte er sich bei Hofe. Frau von Maintenon kam aber mit ihm häufig und keineswegs flüchtig in Saint-Cyr zusammen. Überdies erreichte er durch seine Briefe alles, was er nur wollte.

Es galt also einen ganz besonderen Nebenbuhler aus dem Felde zu schlagen. Aber so fest er sich auch eingenistet haben mochte, etwas verlieh Fénelon Zuversicht: Godet sah aus wie ein Dorfschulmeister, baumlang, schnuddelig, knöchern, so recht sulpizianisch. Er hatte ein einfältiges Gesicht und ein urwüchsiges Wesen. Sein einziger Verkehr waren beschränkte Priester. Mit einem Worte, Fénelon bildete sich ein, er habe einen Mann vor sich ohne Weltkenntnis, bar an Fähigkeiten, arm an Witz und Wissen, einen Mann, der nur deshalb das geworden, was er war, weil Saint-Cyr zufällig in seinem Amtsbereiche lag, der in seinen Seelsorgerpflichten aufging und außer Frau von Maintenon keinen Rückhalt und keine guten Beziehungen hatte. In diesem Glauben zweifelte er nicht, daß er Godet mit Hilfen von Frau Guyons neuer Mystik sehr bald verdrängen könne, zumal Frau von Maintenon bereits große Stücke auf seine Freundin hielt. Auch wußte er, daß sie dem Neuen in jedweder Gestalt nicht unzugänglich war. Damit hoffte er dem Erzbischof von Chartres das Genick zu brechen. Wenn sie erst seine Beschränktheit entdeckt und für lächerlich befunden, würde sie ihn nur noch mit demselben Maße messen wie er.

Um dies zu erreichen, bemühte er sich, Frau von Maintenon zu überreden, daß sie der Frau Guyon den Zutritt in Saint-Cyr gestatte. Dort hätte sie Gelegenheit, sie näher kennen zu lernen und sie ganz anders zu prüfen als in den kurzen und seltenen Nachtischplaudereien in den Häusern Chevreuse und Beauvillier. Es gelang ihm. Frau Guyon kam zwei- oder dreimal nach Saint-Cyr. Darauf wurde sie von Frau von Maintenon, die immer mehr Geschmack an ihr fand, eingeladen, dort zu übernachten. Von einem zum anderen Male, ganz allmählich, verlängerte sich der Aufenthalt der Frau Guyon in Saint-Cyr. Nach ihrer eigenen Aussage suchte sie daselbst Personen, die geeignet wären, ihre Jünger zu werden. Solche fand sie. Bald bildete sich in Saint-Cyr eine kleine abgesonderte Gemeinde, deren Anschauungen und Bekenntnisse dem ganzen übrigen Hause und alsdann dem Erzbischof von Chartres höchst sonderbar vorkamen. Der Kirchenfürst war nämlich in Wirklichkeit durchaus nicht der, für den ihn der Erzbischof von Cambrai hielt. Er war überaus gelehrt und besonders ein gründlicher Theologe. Dabei war er klug und geistig gewandt, mild, aber fest und von einer gewissen Urbanität. Es war wirklich staunenswert, wie geschickt sich dieser Mann, der in der Weltfremdheit seines Berufes erzogen und nie aus Saint-Cyr herausgekommen war, bei Hof und in der Gesellschaft benahm. Selbst der erfahrenste Höfling war ihm nicht ohne weiteres gewachsen; ja, oft konnte er von ihm lernen. Aber seine Überlegenheit blieb für gewöhnlich verborgen, weil er sich ihrer nur in dringlicher Lage bediente. Seine Uneigennützigkeit, seine Frömmigkeit, seine unvergleichliche Redlichkeit ließen sie gar nicht zur Geltung kommen, und die hohe Gunst, in der er bei Frau von Maintenon stand, machte sie völlig unnötig.

Sobald Godet dem seltsamen Evangelium auf die Spur kam, ließ er zwei junge Damen in das Stift von Saint-Cyr aufnehmen, auf deren Verstand und Urteil er sich verlassen konnte und die auch in den Augen der Frau von Maintenon Geltung hatten. Sie waren ihm treu ergeben und von ihm trefflich vorbereitet. Diese Proselytinnen heuchelten zunächst großes Entzücken und dann immer mehr Begeisterung. Sie schlossen sich enger denn andre an ihre neue Führerin an, die ihre Klugheit und ihr Ansehen im Hause erkannte und sich über diesen Zuwachs freute, der ihr zur Vollendung ihrer Pläne ersprießlich schien. Sie gab sich deshalb Mühe, die jungen Damen ganz zu bestricken, erklärte sie für ihre Lieblingsschülerinnen und erschloß sich ihnen als den Fähigsten, die neue Lehre zu fördern und im Hause einzubürgern.

Frau Guyon und der Erzbischof von Cambrai, der von jedem Erfolge durch seine Freundin Kenntnis erhielt, strahlten, und die kleine Herde frohlockte. Der Erzbischof von Chartres, mit dessen Genehmigung Frau Guyon nach Saint-Cyr gelangt und Anstaltslehrerin geworden war, ließ sie unbehindert. Aber er behielt sie fest im Auge, und seine Getreuen lieferten ihm genaue Berichte über alles, was ihnen in Theorie und Praxis beigebracht wurde. So war er über alles bestens unterrichtet, prüfte alles gewissenhaft nach, und als die Zeit gekommen schien, schlug er los.

Frau von Maintenon war arg überrascht über alles, was Godet ihr von der neuen Schule berichtete, und noch mehr über das, was er ihr an der Hand der mündlichen Aussagen und der schriftlichen Berichte seiner beiden Mitverschworenen nachwies. Sie verhörte noch einige andere Schülerinnen. Es zeigte sich, daß sie mehr oder weniger eingeweiht waren und das Vertrauen ihrer neuen Lehrerin mehr oder weniger genossen hatten, daß sie aber alle in ganz bestimmter Richtung beeinflußt worden waren. Ziel wie Weg dahin waren recht merkwürdig.

Sehr nachdenklich und höchst besorgt, entschloß sich Frau von Maintenon, mit Fénelon zu sprechen. Dieser hatte keine Ahnung, daß sie so gut unterrichtet war. Er geriet in Verwirrung und machte die Sache dadurch um so verdächtiger.

Frau Guyon ward ohne weiteres aus Saint-Cyr weggejagt, und es galt nun, ihre Lehre bis auf die letzte Spur auszurotten. Das war keine leichte Mühe, denn einige der betörten Schülerinnen hingen fest an ihr und ihren Anschauungen.

Der Erzbischof von Chartres benutzte die Gelegenheit, auf die Gefahr solchen Giftes aufmerksam zu machen und den Erzbischof von Cambrai stark zu verdächtigen. Diese unerwartete Niederlage erschütterte Fénelon wohl, brachte ihn indessen nicht zu Fall. Er behauptete sich durch seinen Witz, berief sich auf dunkle Autoritäten und blieb im Sattel. Mächtige Freunde hielten ihn.

Godet begnügte sich damit, von neuem der Alleinherrscher in Frau von Maintenons Herz und Hirn zu sein. Er spürte keine Lust, einen Mann mit so einflußreichen Verbindungen weiterhin zu verfolgen. Um so gereizter war sein Beichtkind, dieweil es an den Rand eines tiefen Abgrundes geführt worden war. Ihr Benehmen gegen Fénelon ward immer kühler, während sich ihr Zorn auf Frau Guyon mehr und mehr steigerte.

Man wußte, daß Frau Guyon in Paris in einem fort heimlich vornehme Besuche empfing. Man verbot es ihr bei so hoher Strafe, daß sie es noch heimlicher machte. Aber sie konnte es nicht lassen, im Verborgenen weiter zu lehren. Sie versammelte ihre Gemeinde in einzelnen Gruppen und an verschiedenen Orten. Auch das ward ruchbar, und nun wurde sie aus Paris ausgewiesen. Sie gehorchte, aber bald darauf war sie heimlich wieder da und verbarg sich in einem Häuschen der Vorstadt Sankt-Anton. Da man sie beobachtete und plötzlich verschwinden sah, war man überzeugt, sie sei nach Paris zurückgekehrt. Man stellte Nachforschungen an und machte ihren Aufenthaltsort ausfindig. In der Nachbarschaft hieß es, sie öffne ihre Tür nur unter geheimnisvollen Umständen. Um sich Gewißheit zu verschaffen, folgte man in geschickter Weise einer Magd, die Brot und Gemüse brachte, dicht auf dem Fuße und drang mit ihr zugleich ein.

Frau Guyon ward erwischt und auf der Stelle in die Bastille gesteckt. Es erging zwar der Befehl, sie dort gut zu behandeln, zugleich aber auch das strengste Verbot, daß sie Besuche empfange, schreibe und Briefe bekomme.

Das war ein harter Schlag für Fénelon und seine Freunde, ebenso für die kleine Gemeinde, die sich indessen nunmehr um so häufiger Versammelte. Über den Streit, der über den Quietismus und Fénelons Verhalten zwischen ihm und dem Bischof von Meaux entbrannte, siehe Einleitung S. 135 ff. Saint-Simon bespricht die Werke, in denen die beiden Bischöfe ihre Ansicht auseinandersetzten, ausführlich (Mémoires, IV, 66-68, 71-77, 81-84, 103-106). Fénelons Buch, das »von dem Unaussprechlichen« handelte, fand bei der Hofgesellschaft wenig Anklang, obwohl alle Welt davon redete.

Dies und andres reizte den König, so daß er Fénelon, ohne ihn noch einmal sehen zu wollen, schließlich sagen ließ, er solle sich unverzüglich in seine Diözese begeben, in der er fortan verblieb. Zu gleicher Zeit befahl er den Herzog von Burgund zu sich, mit dem er längere Zeit in seinem Arbeitszimmer verbrachte, offenbar, um ihn seinem Lehrer, an dem er innig hing, abspenstig zu machen. Der Herzog bedauerte ihn aufs tiefste, und lange Jahre der Trennung vermochten dieses Gefühl nicht abzuschwächen. Der Erzbischof von Cambrai blieb noch zwei Tage in Paris. Bei seiner Abreise hinterließ er an einen seiner Freunde, ohne Zweifel an Herrn von Chevreuse, einen Brief, der sofort bekannt wurde. Das Schreiben erschien als Kundgebung eines Mannes, der in offener Rede seine Galle ergießt und sich keinen Zwang antut, weil er nichts mehr zu hoffen hat. Die stolze und bittere Sprache des Briefes ist übrigens so voll Geist und auf alle Fälle so gewandt, daß er großen Eindruck machte, freilich ohne Billigung zu finden. Es ist eben schwer, ein weises und verächtliches Schweigen zu bewahren, wenn man aus solcher Höhe stürzt.

 

Meine langjährige große Zuneigung und Verehrung für den Abt von La Trappe erweckte in mir den leidenschaftlichen Wunsch, von ihm – über sein wunderbares Leben und Wirken hinaus – neben dem Denkmal, das in seinen Schriften liegt, auch ein Bild zu besitzen. In seiner echten Demut gestattete er aber nicht, daß man ihn malte. Es gab zwar Denkmünzen mit einem nicht schlecht getroffenen Bildnis von ihm, die nach einer während des Gottesdienstes angefertigten Skizze geprägt worden waren. Damit war ich jedoch nicht zufrieden. Der Abt war bereits recht leidend und verließ kaum noch sein Krankenzimmer. Somit war es geradezu unmöglich, daß man seine Züge auch nur heimlich hätte festhalten können.

Rigaud Hyacynthe-François-Honoré-Mathieu-Pierre-le-Martyr-André Jean Rigau y Ros, genannt Rigaud, 1659 bis 1743. Von seiner Hand sind im Louvre und in Versailles zahlreiche Bildnisse vorhanden. war damals der erste Bildnismaler Europas. Man rühmte seinen Bildern Ähnlichkeit und große Gediegenheit nach. Aber es war nicht leicht, einen mit Arbeit überhäuften Künstler wie ihn zu überreden, gleich auf mehrere Tage Paris zu verlassen. Obendrein war es fraglich, ob der Kopf des Abts einen genügend starken Eindruck auf den Maler machen würde, um ihn in den Stand zu setzen, ein gutes Bildnis von ihm aus dem Gedächtnisse zu malen. Er vermochte sich zunächst mit dieser Notwendigkeit überhaupt nicht zu befreunden, dann aber gab gerade das den Ausschlag. Die Schwierigkeit und das Seltsame reizten den Künstler. Er willigte ein, es zu versuchen, und schaffte sich die nötige Zeit. Vielleicht verlockte ihn auch der in Aussicht gestellte Preis.

Ich pflegte in Anbetracht meiner damaligen Jugend nur ganz still und verschwiegen nach La Trappe zu gehen. Und so wollte ich auch Rigauds Reise dahin unbedingt geheimhalten. Auch vereinbarte ich mit dem Maler ausdrücklich, daß er das Bild lediglich für mich anfertigen sollte. Kein Mensch dürfe davon erfahren. Da er jedoch die Bedingung stellte, eine Kopie für sich machen zu dürfen, so mußte er sich verpflichten, diese vorläufig niemandem zu zeigen. Im Laufe der Jahre würde ich ihn dieser Verpflichtung wieder entheben. Er seinerseits verlangte tausend Taler, freie Verpflegung und eine Sonderpost für die Hin- und Herfahrt. Ich war ohne weiteres damit einverstanden, und so verließ ich mich darauf.

Dies geschah im Frühjahr [1696]. Nach meiner Rückkehr von der Armee sollte der Plan ausgeführt werden. Ich verständigte mich gleichzeitig mit dem neuen Abt, Herrn Maisne, der ehedem Geheimschreiber bei Herrn von La Trappe gewesen war, und mit Herrn von Saint-Louis, einem vom König hochgeschätzten Reitergeneral außer Dienst. Beide Herren weilten schon seit langer Zeit in La Trappe und wünschten sich ebenso sehnlich wie ich ein Bildnis des verehrten Mannes.

Nach meiner Rückkehr von Fontainebleau verblieb ich nur eine Nacht in Paris. Kaum angekommen, hatte ich mich unverzüglich mit Rigaud ins Einvernehmen gesetzt. Er reiste einen Tag nach mir nach La Trappe. Nachdem ich mit meinen beiden Helfershelfern gesprochen, vermeldete ich dem Abt, ein Offizier, ein guter Bekannter von mir, der ihn um alles in der Welt von Angesicht zu Angesicht zu sehen wünsche, sei mit mir gekommen. Ich bäte ihn herzlichst, den Wunsch dieses Verehrers ausnahmsweise zu erfüllen. (Für gewöhnlich empfing er nämlich nahezu niemanden mehr.) Ich fügte hinzu, daß er nur eingetroffen sei, weil ich ihm Hoffnungen gemacht hätte. Übrigens stottere er stark, so daß er kein lästiger Schwätzer sei. Er hege nur den Wunsch, zu sehen.

Der Abt lächelte gütig, meinte, der Offizier sei auf recht wenig neugierig, und versprach mir, ihn anzunehmen. Rigaud, Maisne und ich hielten uns nun am nächsten Tage von früh an in einem Gemache auf, das dem Abt als Arbeitszimmer diente, wenn er seine Krankenstube verließ. Dort hatte ich ihn immer besucht. Dieser Raum erhielt von zwei Seiten Licht. An seinen weißgetünchten Wänden hingen ein paar fromme Stiche. Etliche Stühle mit Strohgeflecht standen darin, ferner das Schreibpult, an dem der Abt alle seine Schriften zu Papier gebracht hatte.

Der Maler fand die Beleuchtung ganz nach Wunsch. Maisne setzte sich zur Probe an den Platz, wo der alte Herr mit mir zu sitzen pflegte. Das war eine der Ecken des Gemaches. Rigaud erklärte sie für günstig zu seinem Vorhaben und suchte sich einen guten Beobachtungsort aus.

Am Nachmittag stellte ich dem Abt meinen Offizier vor. Er setzte sich auf den Platz, den wir am Vormittag ausgeprobt hatten, und blieb drei Viertelstunden bei uns. Sein angeblicher Sprachfehler machte es verständlich, daß er an unserem Gespräch nicht teilnahm. Unmittelbar nachher skizzierte er seinen Eindruck, wozu er alles wohlvorbereitet hatte.

Der Abt, mit dem ich noch lange zusammen war, hatte nichts gemerkt und bedauerte nur den Sprachfehler des Gastes. Ich hatte mir alle Mühe gegeben, die Unterhaltung möglichst anziehend zu gestalten. Tags darauf wiederholte sich alles das. Der Abt machte die Bemerkung, ein Mensch, den er gar nicht kenne und der sich nur schwerlich an einer Unterhaltung beteiligen könne, müßte sich eigentlich satt gesehen haben. Nur aus Gefälligkeit gegen mich gestattete er, daß der Fremde nochmals zugelassen ward.

Meine Hoffnung, daß eine weitere Sitzung gar nicht vonnöten sei, ward gestärkt, als ich die Arbeit des Malers besichtigte. Das Bildnis kam mir gelungen und ähnlich vor. Aber Rigaud verlangte durchaus noch eine dritte Sitzung, um sein Bild in seinem Sinne mehr auszuführen. Somit mußte ich den alten Herrn nochmals überreden. Er hatte keine Lust und schlug mir meine Bitte zunächst ab. Erst nachdem ich ihn geradezu bedrängt hatte, setzte ich die dritte Sitzung durch. Er meinte, derartige Besuche seien lächerlich. Es sei schade um die Zeit. Er verdiene es nicht, betrachtet zu werden, und bliebe am liebsten verborgen. Nur weil ich ihm so zugesetzt hätte, gäbe er nach. Es sei eine merkwürdige Laune von mir, einen Menschen zu begünstigen, der sich nicht unterhalten könne. Er willfahre mir nur unter der Bedingung, daß es das letzte Mal sei und daß der Sache nicht wieder Erwähnung getan werde.

Ich machte Rigaud darauf aufmerksam, daß er sich damit abfinden müsse. Eine vierte Sitzung sei nicht zu erhoffen. Er gab mir die Versicherung, eine halbe Stunde genüge ihm zu seinen Ergänzungen. Dann brauche er den Abt nicht wieder zu sehen. In der Tat hielt er Wort und entfernte sich noch vor Ablauf der halben Stunde.

Als er hinaus war, gab der Abt seiner Verwunderung Ausdruck, daß ihn der Fremde so viele Male angestarrt habe und dabei immer stumm geblieben sei. Ich erwiderte, er sei allerdings ein schnurriger Kauz, indessen habe er schon immer die größte Sehnsucht gehabt, ihn einmal sehen zu dürfen. Seine Freude sei so stark gewesen, daß er die Augen nicht von ihm habe wenden können. Dies habe er ihm eingestanden.

Den Rest dieses Tages und den ganzen folgenden Tag arbeitete Rigaud an seinem Bilde, ohne den Abt nochmals zu Gesicht zu bekommen. Er hatte sich zu Ende der dritten Sitzung von ihm verabschiedet. Das Bildnis ward ein Meisterwerk, genau so, als ob der Dargestellte regelrecht gesessen hätte. Es zeigte eine außerordentliche Ähnlichkeit. Das Liebenswürdige, Ernste und Würdevolle seines Gesichts, das edle Feuer und die Lebhaftigkeit seiner Augen (Dinge, die so schwierig wiederzugeben sind), die Klugheit, das Geistvolle, das Erhabene Seiner Züge, die Reinheit und Weisheit, der Seelenfrieden des alten Mannes, alles das leuchtete aus dem Bildnisse, sogar die schalkhafte Güte, die weder die frommen Entbehrungen, noch das hohe Alter, noch die vielen Leiden seines Lebens aus seinem Antlitze verscheucht hatten.

Am andern Vormittag ließ ich den Abt Maisne zu einer Bleistiftskizze sitzen, vor dem Schreibpulte des alten Herrn, in seiner gewöhnlichen Haltung und in seinen Kleidern. Schließlich wurde das Pult genau abgezeichnet. Darauf reiste der Maler ab, um in Paris aus der Porträtskizze in Verbindung mit den beiden Nebenstudien ein großes Bild zu malen.

Trotz dem hohen Preise von tausend Talern, die ich dem Künstler bereits am Tage nach seiner Rückkehr von La Trappe auszahlen ließ, hielt er aus Eitelkeit nicht Wort. Ehe er mir das fertige Bild schickte – das geschah ein Vierteljahr später –, zeigte er das Bild anderen Leuten. Dadurch drang mein Geheimnis in die Öffentlichkeit. Neben der Befriedigung der Eitelkeit kam dann noch seine Gewinnsucht zutage. Wie Rigaud selbst eingestanden hat, verdiente er durch Kopien dieses Bildes mehr denn 25 000 Franken. Dadurch ward es allbekannt.

Das Aufsehen, das diese Geschichte hervorrief, betrübte mich sehr. Mein einziger Trost war das Bewußtsein, der Nachwelt das wundervoll ähnliche Bild eines trefflichen, edlen und berühmten Mannes geschenkt zu haben.

Ich wagte nicht, ihm meine räuberische Tat zu beichten. Aber als ich von La Trappe abreiste, hinterließ ich das volle Geständnis in einem Brief und bat um Verzeihung. Der alte Herr war sehr aufgebracht und sehr betrübt. Indessen hielt sein Zorn nicht lange an. Er schrieb mir, irgendein römischer Imperator habe gesagt, er liebe den Verrat, hasse aber den Verräter. Er sei anderer Ansicht: er liebe den Verräter, so sehr er den Verrat hasse.

Ich schenkte der Abtei eine große und mehrere kleinere Kopien. In seinem Testament vermachte Saint-Simon auch das Original den Trappisten, in deren Besitz es sich heute noch befindet. Der Abt von La Trappe hatte seit einigen Jahren eine steife rechte Hand, deren er sich deshalb nicht bedienen konnte. Da er aber auf dem Bilde am Schreibpult sitzt und eine Feder in der Hand hält, so ließ ich eine Berichtigung dieses Umstandes auf dem Originalbild auf die Rückseite der Leinwand schreiben, ebenso eine Bemerkung, unter welchen besonderen Umständen der Maler das Bild gemalt hatte.

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