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Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon

Louis de Rouvroy duc de Saint-Simon: Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobiography
authorLouis de Rouvroy, duc de Saint-Simon
titleAus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon
booktitleDer Hof Ludwigs XIV.
publisherInsel-Verlag
printrunZweite, vermehrte Auflage
editorWilhelm Weigand
year1922
translatorArthur Schurig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131209
projectid189ea800
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II

1692. 1693
Heirat des Herzogs von Chartres und des Herzogs von Maine

Dem König lag die Versorgung seiner unehelichen Kinder sehr am Herzen. Ludwig hatte von seinen drei Geliebten, der La Vallière, der Montespan und dem Fräulein von Fontanges, dreizehn Kinder. (Siehe auch Einleitung S. 93 f. u. 97.) Acht davon waren in frühem Alter gestorben. 1692 waren nur noch fünf am Leben: die Prinzessin Conti, der Herzog von Maine, Mademoiselle von Nantes, die Gemahlin des Prinzen von Condé, der Graf von Toulouse und Mademoiselle von Blois. Unablässig brachte er sie höher. Zwei seiner Töchter verheiratete er an Prinzen des Königlichen Hauses. Eine davon, die Prinzessin von Conti, das einzige Kind des Königs und der Frau von La Vallière, war bereits wieder Witwe und hatte keine Nachkommenschaft. Die andere, die älteste Tochter des Königs und der Frau von Montespan, hatte den Prinzen von Condé Louis III., 1668 bis 1710, seit 1686 »Monsieur le Duc«. geheiratet. Seit langem dachte nun Frau von Maintenon mehr noch als der König daran, das Fräulein von Blois, die zweite Tochter des Königs und der Montespan, mit dem Herzog von Chartres zu vermählen.

Das war der einzige wirkliche Neffe des Königs. Als Enkel des verstorbenen Königs und als Sohn Von »Monsieur« stand er im Rang hoch über allen Prinzen von Geblüt. Die Verheiratung der beiden oben genannten Prinzen hatte seinerzeit allgemein Anstoß erregt. Der König wußte dies sehr wohl, und so konnte er damit rechnen, daß eine noch unebenbürtigere Verbindung einen noch viel schlechteren Eindruck machen werde. Bereits vier Jahre lang trug er sich mit diesem Gedanken, immer auf seine Ausführung bedacht. Sie war um so schwieriger, da Monsieur auf die Wahrung seiner hohen Würde überaus streng hielt und Madame Elisabeth Charlotte von Orleans (von der Pfalz). schon durch ihre Herkunft eine Verächterin jedweder unehelichen Verbindung und jeglicher Mißheirat war. Dazu war ihr Eigensinn derart, daß sie höchstwahrscheinlich eine solche Heirat niemals guthieß.

Da es galt, so beträchtliche Hindernisse zu überwinden, nahm der König seinen Oberstallmeister zum Helfershelfer, Ludwig von Lothringen, Grafen von Armagnac und von Brionne Über diesen siehe Einleitung S. 70., der den Titel »Monsieur le Grand« führte und von jeher in den freundschaftlichsten Beziehungen zu ihm stand. Dieser sollte seinen Bruder, den Chevalier Philipp von Lothringen Der Chevalier von Lorraine (1643 bis 1702), Malteserritter, wegen seiner »engelhaften Schönheit« viel gefeiert. (Mémoires de Daniel de Cosnac, II, 211.), der schon immer den allergrößten Einfluß auf den Herzog von Orleans ausübte, für den Heiratsplan gewinnen. Der Chevalier war ein hübscher Kerl gewesen; Monsieur machte sich nichts aus den Frauen und gab sich nicht einmal Mühe, dies zu verbergen. Der gleiche Geschmack hatte den Chevalier zu seinem Herrn und Meister gemacht, und dies blieb er sein Leben lang.

Den beiden Brüdern kam nichts mehr erwünscht, als daß sie dem König in einer so heiklen Angelegenheit Dienste leisten konnten. Schlau, wie sie waren, verstanden sie ihren Vorteil daraus zu schlagen. Es war im Sommer 1688, als sie in die Sache eingeweiht wurden. Damals zählte der Orden der Ritter vom Heiligen Geiste kaum noch ein Dutzend Mitglieder. Neuaufnahmen mußten baldigst und unbedingt erfolgen. Die beiden Lothringer baten um ihre Aufnahme, und zwar noch vor derjenigen der Herzöge. Der König vermochte sich schwer zu entschließen. Er hatte bisher keinen der Lothringer in den Orden ausgenommen. Die Forderung kam ihm anmaßend vor. Aber die beiden Brüder gaben nicht nach und trugen den Sieg davon.

Dermaßen im voraus bezahlt, verbürgte sich der Ritter von Lothringen für die Einwilligung Monsieurs in die Heirat und versprach auch, Madame und den Herzog von Chartres dafür zu gewinnen.

Der junge Prinz war von Saint-Laurent erzogen worden. Vorher war er in der Obhut von Frauen gewesen. Dieser Saint-Laurent war ein Mann von niederer Herkunft und von gewöhnlichem Aussehen, ehedem eine ganz untergeordnete Persönlichkeit im Hause Monsieurs, aber, kurz gesagt, der geeignetste Mensch seiner Zeit, einen jungen Fürsten zu erziehen und einen großen König heranzubilden. Wegen seiner geringen Geburt durfte er den Titel eines Prinzen-Erziehers nicht tragen, indessen war er es in Wirklichkeit ob seiner großen Fähigkeit. Als es die Schicklichkeit erforderte, daß der Prinz einen Hofmeister erhielt, war dieser Hofmeister nur ein Strohmann, während Saint-Laurent nach wie vor das Vertrauen und die Würde genoß.

Saint-Laurent war ein Freund des Pfarrers von Saint-Eustache und ein wirklicher Ehrenmann. Der Pfarrer hatte einen Diener namens Dubois Der spätere Kardinal, Minister und Vertraute des nachmaligen Regenten Philipp von Orleans, 1656 bis 1723. Was Saint-Simon über die Studien und das Jugendleben Dubois' vorbringt, wird von einigen seiner Zeitgenossen und von seinen späteren Biographen bestritten; er soll sein Studium mit Hilfe eines Stipendiums im Kollegium Saint-Michel zu Paris gemacht haben., der ehedem beim Doktor Antoine Faure, theologischem Beirat des Erzbischofs von Reims, Le Tellier, in Stellung gewesen war. Man hatte seinen klugen Verstand erkannt und ihn studieren lassen. Dadurch hatte dieser Diener literarische und sogar geschichtliche Kenntnisse. Aber er besaß kein Vermögen und war nach dem Tode seines früheren Herrn in den Dienst des Pfarrers von Saint-Eustache getreten. Dieser war mit Dubois sehr zufrieden, und da er selbst nichts für ihn tun konnte, bot er ihn Saint-Laurent an, in der Hoffnung, dieser werde ihm weiterhelfen. Saint-Laurent übernahm ihn und verwendete ihn alsbald bei seinem Unterricht des jungen Herzogs von Chartres. Um ihm mehr Ansehen zu verleihen, ließ er ihn fortan priesterliche Kleidung tragen. Dubois half bei den Vorbereitungen zum Unterricht, fertigte die Reinschriften des Prinzen an, schlug ihm die Wörter im Wörterbuche auf und erleichterte ihm so die Arbeit. In diesem bescheidenen Anfange seiner Laufbahn habe ich Dubois häufig angetroffen, wenn ich zum Herzog von Chartres kam, um mit ihm zu spielen. Später, als Saint-Laurent kränklich wurde, erteilte Dubois selbständig den Unterricht, und zwar sehr gut und dabei unterhaltsam für den Prinzen. Indessen starb Saint-Laurent ganz plötzlich. Dubois gab zunächst die Stunden vertretungsweise weiter. Inzwischen war er ein echter Abbé geworden, und es war ihm gelungen, sich die Gunst des Ritters von Lothringen und des Marquis Von Effiat Antoine Coiffier, genannt Ruzé, Marquis von Effiat, Chilly und Longjumeau, 1638 bis 1719. Monsieur hätte ihn gern zum Gouverneur seines Sohnes ernannt; aber die Pfälzerin widersetzte sich, wie aus einem ihrer Briefe vom 26. August 1689 hervorgeht, dieser Absicht aufs heftigste. zu erringen. Beide waren vertraute Freunde, und der Letztgenannte hatte großen Einfluß auf Monsieur, dessen Erster Stallmeister er war. Dubois ohne weiteres zum Hofmeister zu machen, ging nicht an; aber seine beiden Gönner Verzögerten zunächst die Wahl eines Hofmeisters, machten sodann auf die Fortschritte des jungen Prinzen aufmerksam und erklärten einen Wechsel des Lehrers für unvorteilhaft. Dubois blieb also in seinem Amt, und eines schönen Tages ward er Knall und Fall wirklicher Hofmeister. Ich habe nie einen Menschen so voller Freude gesehen. Grund genug hatte er allerdings dazu. Seine aufrichtige Dankbarkeit und noch mehr der Wunsch, sich in dieser Stellung zu behaupten, ketteten ihn nun immer mehr an seine Gönner. So kam es, daß sich der Ritter von Lothringen seiner bediente, um die Einwilligung des Herzogs von Chartres zu der geplanten Verheiratung zu erlangen.

Dubois besaß das Vertrauen des jungen Prinzen, der noch sehr wenig Lebenserfahrung und Menschenkenntnis hatte. Dubois machte ihm angst vor dem König und vor Monsieur, während er ihm gleichzeitig die verlockendsten Aussichten eröffnete. Soviel er sich aber auch Mühe gab, erreichte er indessen nichts weiter, als daß er nicht kurzerhand eine Abfuhr erlitt. Das genügte dem Abbé. Übrigens sprach er mit dem Prinzen erst kurz vor der Ausführung des Planes. Monsieur war bereits gewonnen. Sobald der König über alles das von Dubois Meldung bekam, ging er schleunigst an den Abschluß des Unternehmens. Einen oder zwei Tage vorher bekam Madame Wind davon. Sie bedeutete ihrem Sohne die Unwürdigkeit einer solchen Ehe mit aller Kraft, die ihr zu Gebote stand, und ließ sich von ihm sein Wort geben, daß er niemals einwilligen werde. Somit zeigte er weder gegen seinen Hofmeister noch gegen seine Mutter Rückgrat. Angst auf der einen Seite, Widerwillen auf der andern, und allenthalben große Verlegenheit.

Als ich eines Nachmittags, ziemlich zeitig, durch die Große Galerie ging, sah ich, wie der Herzog von Chartres aus der Hintertür seiner Gemächer herauskam, mit einem höchst verlegenen und trübseligen Gesicht. Hinter ihm ein Feldwebelleutnant der Leibkompagnie Monsieurs. Da mir dies auffiel, fragte ich ihn, wohin er so eilig und zu so früher Stunde ginge. Er antwortete mir kleinlaut und verdrießlich, er sei zum König befohlen. Es schien mir nicht ratsam, ihn zu begleiten, und so wandte ich mich zu meinem Hofmeister, indem ich bemerkte, offenbar handle es sich um die Heirat; die Sache entscheide sich. Seit einigen Tagen hatte ich davon munkeln hören, und da ich heftige Auftritte erwartete, war ich höchst neugierig und gespannt.

Der Herzog von Chartres fand den König allein mit Monsieur in seinem Arbeitszimmer. Die Anwesenheit seines Vaters kam dem jungen Manne völlig unerwartet. Der König war äußerst gnädig mit ihm und sagte, daß er ihn gern verheiratet sehen möchte. Aber der Krieg, den es nach allen Richtungen gäbe, mache die Heirat mit einer ebenbürtigen ausländischen Prinzessin unmöglich. Unter den Prinzessinnen von Geblüt sei keine mit passendem Alter da. Er könne ihm seine Huld nun nicht besser beweisen, als indem er ihm seine Tochter zur Frau anböte. Von ihren Schwestern seien zwei an Prinzen von Geblüt verheiratet. Er werde dann sein Schwiegersohn und Neffe zugleich sein. Aber so erwünscht ihm diese Heirat auch sei, so wolle er ihn doch dazu nicht nötigen. Er lasse ihm durchaus freie Hand.

Der König sagte diese Worte mit der ihm eigenen überwältigenden Würde. Der Prinz, der schüchtern und wenig redegewandt war, verlor seine Fassung. Um sich aus dieser mißlichen Lage zu retten, verschanzte er sich hinter Monsieur und Madame. Stammelnd erwiderte er, der König sei sein Gebieter, aber er selbst sei vom Willen seines Vaters und seiner Mutter abhängig. »Sehr schön von Ihnen!« antwortete der König. »Aber sobald Sie ja sagen, werden Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter nichts dagegen haben.« Zugleich wandte er sich an Monsieur: »Nicht wahr, lieber Bruder?« Monsieur gab seine Einwilligung, wie er das bereits vorher unter vier Augen getan hatte. Nunmehr kam also nur noch Madame in Frage, die auf der Stelle herzubefohlen wurde. Unterdessen plauderte der König mit Monsieur, wobei beide taten, als merkten sie nicht, wie verwirrt und niedergeschlagen der Prinz dastand.

Madame erschien. Sogleich nach ihrem Eintreten sagte der König, er rechne stark darauf, daß sie sich einer Sache nicht widersetze, die Monsieur wünsche und die ihrem Sohne recht sei. Er meine damit des Herzogs Verheiratung mit Fräulein von Blois. Er mache kein Hehl daraus, daß ihm dies sehr am Herzen liege. Diesen Worten folgte kurz dasselbe, was er soeben dem jungen Prinzen gesagt hatte. Hoheitsvoll fügte er hinzu, er wäre überzeugt, daß Madame entzückt sei. Selbstverständlich war er des Gegenteils gewiß.

Madame hatte sich auf das Wort ihres Sohnes verlassen. Gewissermaßen hatte er das ja auch durch seine verlegene und bedingte Antwort nach Kräften gehalten. Als sie sich jetzt im Stiche gelassen sah, fand sie keine Worte. Sie warf Monsieur und ihrem Sohne je einen wütenden Blick zu und sagte: da es der allgemeine Wunsch sei, hätte sie nichts hinzuzufügen. Mit einer kurzen Verbeugung empfahl sie sich. Der Prinz eilte ihr sofort nach. Aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen, so daß er ihr den Vorgang nicht genau erzählen konnte. Sie kanzelte ihn, der mit Tränen im Auge dastand, tüchtig ab und jagte ihn von dannen.

Kurz danach kam auch Monsieur, unmittelbar vom König, zu ihr. Abgesehen davon, daß sie ihn nicht auch zum Teufel jagte wie ihren Sohn, bekam er dasselbe zu hören, so daß er sehr bestürzt ihre Gemächer verließ, ohne auch nur zu einem einzigen Worte gekommen zu sein.

Die ganze Komödie war nachmittags um vier Uhr vorüber. Am Abend fand bei Hof Empfang statt. Das geschah im Winter dreimal in der Woche, während an den übrigen drei Tagen Theater war und an den Sonntagen nichts.

An jenem Abend befahl der König nach dem Konzert Monseigneur und Monsieur, die bereits beim »Landsknecht« saßen, zu sich; ebenso Madame, die zerstreut an einer Partie L'hombre teilnahm. Fernerhin den Herzog von Chartres, der höchst trübsinnig Schach spielte, und Fräulein von Blois, die bisher noch wenig in der Welt erschienen und heute außergewöhnlich kostbar angezogen war. Sie wußte und ahnte nichts von der ganzen Geschichte. Da sie von Natur sehr schüchtern war und vor dem König eine entsetzliche Angst hatte, glaubte sie, sie werde gerufen, um irgendeinen Verweis zu erhalten. Bei ihrem Eintritt zitterte sie deshalb derart, daß Frau von Maintenon sie auf ihren Schoß nahm und dort behielt, ohne daß es ihr gelang, sie ganz zu beruhigen.

Als es unter den Anwesenden bekannt ward, daß die Mitglieder des Königlichen Hauses, dazu Fräulein von Blois, zu Frau von Maintenon befohlen waren, flog die Nachricht von der Heirat durch die Säle. Währenddem veröffentlichte der König sie in der Tat im engsten Kreise. Ein paar Augenblicke später kehrten die genannten Personen zur Hofgesellschaft zurück, wo nunmehr das Ereignis allgemein bekanntgemacht wurde. Gerade in dem Augenblick kam ich hinzu. Überall hatten sich Gruppen gebildet, und auf allen Gesichtern malte sich das höchste Erstaunen. Ich erfuhr die Ursache, die mich nicht überraschte, da ich doch dem Prinzen nach Tisch – wie erzählt – begegnet war.

Madame ging in der Galerie mit der Gräfin Châteauthiers, die bei ihr sehr gut stand und das auch verdiente, auf und ab. Sie machte große Schritte, hielt ihr Taschentuch in der Hand, weinte vor aller Welt, sprach laut, machte heftige Bewegungen und spielte die Rolle der Ceres, wie sie nach dem Raube der Proserpina diese sucht und sie Von Jupiter wutentbrannt zurückverlangt. Rücksichtsvoll machte man ihr allgemein Platz und überließ ihr die Galerie. Monseigneur und Monsieur saßen bereits wieder bei ihrem Landsknecht. Der erste sah aus wie immer, Monsieur hingegen verlegen. Er war ganz und gar fassungslos, und dieser Zustand dauerte länger denn vier Wochen. Sein Sohn machte einen trostlosen Eindruck, und die Braut erschien verwirrt und außerordentlich trübselig. So jung sie war, so verheißungsvoll ihre Zukunft schien, war sie sich doch über den ganzen Vorgang völlig klar und fürchtete die Folgen. Die Bestürzung war mit Ausnahme einer geringen Anzahl von Leuten allgemein. Die Lothringer lachten sich ins Fäustchen. Unzucht und doppelter Ehebruch, denen sie gedient, waren ihnen von Nutzen gewesen. Sie freuten sich ihres Erfolges, und da das Maß ihrer Schmach voll war, hatten sie auch allen Grund zur Zufriedenheit.

So sehr dies Hofereignis auf dem Empfangsabend zu lasten schien, in Wirklichkeit war er doch lebhaft und merkwürdig. Wenngleich er genau so lange währte wie sonst, kam er mir kurz vor. Daran schloß sich die königliche Abendtafel. Nichts sollte meinen Augen entgehen. Der König sah aus wie gewöhnlich. Der Herzog von Chartres saß neben seiner Mutter, die weder ihm noch ihrem Gemahl einen Blick gönnte. Ihre Augen standen voller Tränen, die von Zeit zu Zeit herabtropften und die sie jedesmal abtrocknete. Dabei überblickte sie die Anwesenden, offenbar um zu erspähen, was für Miene jeder machte. Ihr Sohn hatte gleichfalls rote Augen, und beide aßen so gut wie nichts. Ich beobachtete, wie der König beinahe alle Gerichte, die vor ihm standen, Madame anbot, und wie sie in schroffer Weise alles ablehnte, was den König nicht abschreckte, sein artiges und aufmerksames Benehmen gegen sie bis zum Ende des Mahles beizubehalten.

Es war fernerhin sehr auffällig, daß der König nach Aufhebung der Tafel und bei der Beendigung des Cercle im Augenblick, als er sich zurückzog, Madame eine besonders tiefe Verbeugung machte. Madame hingegen wandte sich rasch auf dem Absatz um, so daß der König, als er sich wieder aufrichtete, nur ihren Rücken Zu sehen bekam, während sie schon der Tür zuschritt.

Am folgenden Tag machte der Hof bei Monsieur, bei Madame und dem Herzog von Chartres seine Aufwartung. Man begnügte sich, wortlos seine feierliche Verbeugung zu machen. Hinterher ging man, wie üblich, in die Galerie, wo man den Schluß des Ministerrats und den Gang des Königs zur Messe erwartete. Auch Madame kam. Ihr Sohn ging auf sie zu, wie er das gewohnt war, um ihr die Hand zu küssen. Da gab sie ihm eine so schallende Ohrfeige, daß man sie weithin hörte, was den armen Prinzen, in Gegenwart des ganzen Hofes, in die größte Verlegenheit, und die zahlreichen Anwesenden, unter denen auch ich mich befand, in das höchste Staunen versetzte. Am nächsten Tage ward die Riesenmitgift bekanntgegeben. Der König sicherte seiner Tochter zwei Millionen Franken zu; ferner 150 000 Franken jährliche Apanage und Juwelen im Werte von 600 000 Livres. Der Herzog von Chartres erhielt 200 000 Livres Apanage und Monsieur das Palais Royal. Wieder einen Tag darauf machte der König seinem Bruder und seiner Schwägerin einen Besuch, der sehr einsilbig verlief. Von da an beschäftigte man sich ausschließlich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit.

Am Fastnachtssonntag fand Hofball statt, der mit einem Rundtanz Branle, bei dem sich mehrere Personen bei der Hand hielten und sich zu einer langsamen Weise in feierlichem Schritte drehten. begann. Vormittags hatte ich Madame besucht, die es nicht unterlassen konnte, mir in bitterem und ärgerlichem Ton zu sagen, daß ich wahrscheinlich sehr froh über die bevorstehenden Bälle sei; das passe für mein Alter; sie aber, als alte Frau, wünsche, sie seien schon vorüber. Der Herzog von Burgund Louis de France, der älteste Sohn Monseigneurs, des »grand Dauphin«, des einzigen Sohnes des Königs aus dessen Ehe mit Marie-Anne Christine Victoria von Bayern, geb. am 6. August 1682, gest. am 18. Februar 1712. tanzte an jenem Abend zum ersten Male und führte Mademoiselle Die Nichte des Königs und Schwester des Herzogs von Chartres, die wie die Tochter des Onkels des Königs, Gaston von Orleans, den Titel »Mademoiselle« führte; 1676 bis 1744. Sie heiratete am 13. Dezember 1698 den Herzog Leopold Josef von Lothringen. zum Rundtanz. Es war auch mein erster Hofball. Ich führte Fräulein von Sourches 1665 bis 1749. sie vermählte sich 1694 mit Ludwig Colbert, Graf von Linieres., die Tochter des Großprofosen, die sehr gut tanzte. Man sah prächtige Kleider.

siehe Bildunterschrift

27. Louis, Grand-Dauphin von Frankreich (1661-1711)

Antoine Masson.
Kupferstich vom Jahre 1680. – Berlin, Kupferstich-Kabinett.

Vergl. über diesen Stich Robert-Dumesnil: »Le Peintre-Graveur Français.« Paris 1836, II. Bd., S. 128, Nr. 46.

Vergl. S. 385 ff. die Schilderung des Dauphins durch Saint-Simon.

 

Kurz darauf fand die feierliche Verlobung und die Unterschrift des Ehevertrags im Arbeitsgemach des Königs in Gegenwart des ganzen Hofes statt. Am selben Tag wurde der Hofhalt der künftigen Herzogin von Chartres bekanntgegeben. Der König verlieh ihr einen Ehrenkavalier und eine Schmuckdame Dame d'atour., was bisher ein Vorrecht der Prinzessinnen von Geblüt gewesen war; fernerhin eine Ehrendame, die einer so merkwürdigen Neuerung entsprach.

Am Fastnachtsmontag Am 18. Februar 1692. begab sich die ganze königliche Hochzeitsgesellschaft und das junge Paar, festlich geschmückt, kurz vor Mittag in die Gemächer des Königs und von da in die Kapelle. Diese war wie gewöhnlich zur Messe des Königs hergerichtet. Nur lagen zwischen seinem Betschemel und dem Altar zwei Kissen für die Neuvermählten, die dem König den Rücken zukehrten. Gleichzeitig kam der Kardinal von Bouillon in großer Amtstracht aus der Sakristei, vollzog die Trauung und las die Messe. Der Oberhofmeister Marquis von Blainville Jules Armand Colbert, Marquis d'Ormoy, der vierte Sohn des Ministers, 1663 bis 1704. Er starb an den Wunden, die er in der Schlacht bei Höchstädt erhalten hatte. und der Zeremonienmeister von Sainctot 1632 bis 1713. hielten den Trauschleier. Von der Kapelle ging man gleich zur Tafel, die in Hufeisenform aufgestellt war. Die königlichen Prinzen und Prinzessinnen waren rechts und links, ihrem Range nach, gesetzt, daran anschließend die beiden natürlichen Kinder des Königs, und nach ihnen, zum ersten Male, die Herzogin von Verneuil. Auf diese Weise ward der Herzog von Verneuil, ein Sohn Heinrichs IV., so viele Jahre nach seinem Tode unter die Prinzen von Geblüt aufgenommen, was er sich nicht hätte träumen lassen.

siehe Bildunterschrift

3. Ludwig XIV. (Geb. 1638, König von 1643-1715)

Robert Nanteuil.
Kupferstich vom Jahre 1663. Berlin, Kupferstich-Kabinett.

Vgl. über diesen Stich Robert-Dumesnil: »Le Paintre-Gravur Français.« Paris 1839, IV. Bd., S. 131, Nr. 153.

»Seine Majestät sind eher hochgewachsen als mittelgroß, und wenn die Schönheit hauptsächlich auf dem richtigen Verhältnis der einzelnen Teile zueinander beruht, so wäre ich sehr geneigt, den König ›schön‹ zu heißen, da alle seine Gliedmaßen sehr wohl geformt sind. Dieser Schönheit tut ein wenig der Umstand Eintrag, daß sein Antlitz der feineren Farbentöne entbehrt, mehr vom Dunkeln als vom Hellen hat, so daß ich es bronzefarben nennen möchte; und dann stören mich, aber nur ein bißchen, die Blattern darin. Seine Erscheinung und seine Art zu schauen, die sehr majestätisch ist, lassen ihn beim ersten Anblick furchteinflößend wirken, aber von diesem ersten Eindruck wird jedermann durch die überaus liebenswürdige Konversation des Königs abgebracht, zumal da während der Unterhaltung sehr häufig über seine Züge ein anmutiges Lächeln gleitet, das die Herzen erobert.« (Aus einem Bericht des Kardinals Flavio Chigi.)

(Siehe auch Nr. 1. 15. 31. 34.)

 

Am Nachmittag kamen der ehemalige König Jakob II., Sohn Karls I., 1663 bis 1701, war 1688 verjagt worden und hatte sich nach Frankreich geflüchtet, wo ihm Ludwig XIV. das Schloß Saint-Germain als Wohnsitz hatte anweisen lassen. Seine Gemahlin (1673 bis 1718) war eine Este. und die ehemalige Königin von England mit ihrem Hofstaat nach Versailles. Es fand großes Konzert und großes Spiel statt. Der König war von Anfang bis zum Ende da, reichgeschmückt und in vergnüglichster Stimmung, das blaue Ordensband über dem Rock, wie tags zuvor. Bei der Abendtafel hatte der König von England seine Gemahlin zur Rechten und den König zur Linken, genau wie bei der Mittagstafel. Jedes hatte sein Besteckkästchen vor sich. Cadenas, ein Kästchen aus Edelmetall, in dem die Eßgeräte (Messer, Lössel, Zahnstocher) des Königs und der Prinzen und Herren vom höchsten Hofrange verwahrt wurden. in einem kleinen Nebenbehälter dieses Kästchens befanden sich Salz, Pfeffer und Zucker.

Hierauf führte man die Neuvermählten in die Gemächer der neuen Herzogin von Chartres. Die Königin von England reichte ihr das Hemd, während das gleiche der König von England beim Herzog von Chartres tat. Er hatte sich anfangs dagegen gewehrt, indem er meinte, er sei zu wenig ein Glückskind. Die Einsegnung des Bettes geschah durch den Kardinal von Bouillon, der eine Viertelstunde auf sich warten ließ, was man sehr unpassend fand.

Am Fastnachtsdienstag war großer Empfang bei der jungen Herzogin während ihrer Toilette, wobei der König und die Königin von England erschienen. Majestät stellte sich mit der ganzen Hofgesellschaft ein. Darauf folgten Messe und Tafel wie tags zuvor. Nach Tisch zogen sich der König und die Königin von England zurück. Später war großer Ball, genau wie tags zuvor, mit der Ausnahme, daß die neue Herzogin von Chartres vom Herzog von Burgund geführt ward. Man hatte denselben Anzug und dieselbe Tänzerin wie am vorherigen Tage.

Am Aschermittwoch endeten alle diese stumpfsinnigen anbefohlenen Vergnügungen, und man sprach schon wieder von den kommenden.

 

Der Herzog von Maine Louis-Auguste de Bourbon, der illegitime Sohn des Königs und der Montespan, geb. am 31. März 1670 und legitimiert im Dezember 1673. Seinen Titel Herzog du Maine hatte er durch Schenkung von der »Grande Mademoiselle«, der Base seines Vaters, 1681 erhalten. 1694 wurde er zum Pair ernannt und 1714 zum Prinzen von Geblüt erklärt. Der König hatte eine Leidenschaft für seine übelgeratenen Bastarde. Auch die Maintenon, die Erzieherin des Bastards, war dem verkrüppelten Herzog, von dem die Pfälzerin in zahlreichen ihrer Briefe ein abschreckendes Bild entwirft, in warmer Neigung zugetan. wollte sich verheiraten. Der König riet ihm ab und sagte ihm offen und ehrlich, Krüppel wie er hätten am besten keine Nachkommen. Aber auf das Drängen der Frau von Maintenon, die ihn erzogen hatte und für ihn immerdar die Nachsicht einer Kinderfrau hegte, entschloß sich der König, ihn mit einer Tochter des Prinzen von Condé zu verheiraten, der darüber sehr erfreut war, denn er sah den Rang, das Ansehen und die Verbindungen der natürlichen Kinder des Königs von Tag zu Tag wachsen. Eine solche Verbindung war ihm seit der Heirat seines Sohnes nichts Neues. Monsieur le Duc hatte im Jahre 1685 Mademoiselle de Nantes geheiratet, die mit ihrem Bruder, dem Herzog du Maine, 1673 legitimiert worden war. Sie brachte ihn dem König doppelt nahe. Diese Hochzeit folgte sehr bald auf die des Herzogs von Chartres. Madame verriet hierüber etwas mehr Freude. Sie hatte nämlich große Angst gehabt, der König könne seine Augen womöglich gar noch auf ihre eigene Tochter werfen. So empfand sie die Heirat der Tochter Condés wie eine Erlösung.

siehe Bildunterschrift

4. Jean-Baptiste Colbert (1610-1683)

Claude Lefebure (1666).
Versailles, Nationalmuseum.

Der Abbé de Choisy schreibt in seinen Memoiren: »Colbert avoit le visage naturellement refrogné. Ses yuex creux, ses sourcils épais et noirs, lui faisoient une mine austere, et lui rendoient le premier abord sauvage et négatif ...« Diese Schilderung paßt auf den Colbert, den Mignard malte; von dem Colbert, den Philippe de Champaigne, Lefebure und Nanteuil porträtierten, möchte man eher glauben, was im Journal des Olivier d'Ormesson zu lesen steht: »... Mr. Carpentier m'a dit que M. Colbert dansait fort bien et que c'était sa plus forte passion ...«

 

Condé hatte drei Töchter zur Auswahl. Der Prinz von Condé hatte aus seiner Ehe mit Anna von der Pfalz vier Söhne, von denen nur Monsieur le Duc am Leben geblieben war, und vier Töchter. Die dritte, genannt Mademoiselle de Charolais (1676 bis 1753), sollte die Gemahlin des Herzogs du Maine werden. Sie hielt später mit ihrem Gemahl in Sceaux in prunkvollster und verschwenderischster Weise Hof und machte durch die Feste und Ballette, in denen sie selbst als Schauspie1erin auftrat, viel von sich reden. Sceaux erwarb der Herzog von dem Sohne Colberts, dem Marquis de Seignelay, um eine Million. Vgl. Mémoires (éd. Boislisle), VII, 231 f. Über den Prinzen von Condé siehe Mémoires (éd. Boislisle), VI, 327-338. Weil die zweite einen Zoll größer war, erhielt sie den Vorzug. Alle drei waren auffällig klein. Die älteste war hübsch, witzig und gescheit. Der unglaubliche Zwang, um es nicht härter auszudrücken, mit dem die Launenhaftigkeit des Prinzen jeden heimsuchte, der in seinen Machtbereich gebannt war, bereitete der ältesten Tochter viel Herzeleid. Sie fügte sich voller Gleichmut, Klugheit und Seelengröße, so daß ihr Betragen bewundert wurde. Aber sie bezahlte das teuer. Die stete Selbstbeherrschung untergrub ihre Gesundheit. Sie ward immer leidender.

Sowie der König sich der Zustimmung des Prinzen zu dieser Wahl versichert hatte, fuhr er nach Versailles und machte bei der Prinzessin von Condé den Brautwerber. Bald nachher, gegen Ende der Fastenzeit, fand die Verlobung in den Gemächern des Königs statt. Darauf begab sich der König und der ganze Hof nach Trianon, wo feierlicher Empfang und große Abendtafel für achtzig Damen stattfanden. Sie waren an fünf Tafeln verteilt, an denen der König, Monseigneur, Monsieur, Madame und die neue Herzogin von Chartres den Vorsitz hatten. Am folgenden Tage, Mittwoch den 19. März 1692, erfolgte die kirchliche Trauung während der Messe des Königs durch den Kardinal von Bouillon. Alles vollzog sich wie zuvor bei der Hochzeit des Herzogs Von Chartres. Frau von Montespan erschien nicht und unterzeichnete auch keinen der beiden Eheverträge. Am Tage darauf empfingen die Neuvermählten die Hofgesellschaft an ihrem Bette. Die Prinzessin von Harcourt Die Palastdame der Königin; sie hatte sich 1667 mit Karl von Lothringen, Prinzen von Harcourt, vermählt und starb am 13. April 1715. machte dabei die Honneurs, vom Könige dazu auserwählt.

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