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Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon

Louis de Rouvroy duc de Saint-Simon: Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobiography
authorLouis de Rouvroy, duc de Saint-Simon
titleAus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon
booktitleDer Hof Ludwigs XIV.
publisherInsel-Verlag
printrunZweite, vermehrte Auflage
editorWilhelm Weigand
year1922
translatorArthur Schurig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131209
projectid189ea800
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XI

1711. 1712
Stimmungswechsel am Hofe / Fénelon / Der neue Dauphin / Sein und seiner Gemahlin Tod / Der Herzog von Orleans / Fénelons Tod

Der Umschwung, der durch den Tod Monseigneurs herbeigeführt wurde, war, wie kein anderer, groß und bedeutungsvoll. Obgleich der Fürst bei der guten Gesundheit des Königs ohne jeden Einfluß und ohne besondere Hoffnung auf den Thron gewesen war, hatten sich doch die Hoffnungen und Befürchtungen aller an ihn geheftet. Mächtige Umtriebe hatten Zeit gefunden, sich zu bilden, zu erstarken und sich seiner gänzlich zu bemächtigen, ohne daß sich der eifersüchtige König, vor dem alles zitterte, darum kümmerte; denn dessen Sorge ging nicht über sein Leben hinaus, und währenddem fürchtete er mit Recht nichts. Wir haben schon die verschiedenartigsten Eindrücke beobachtet, die der Todesfall auf die Lage und Stimmung des neuen Dauphins und seiner Gemahlin, auf Geist und Gemüt des Herzogs von Berry und der seinigen, auf die Stellung des Herzogs und der Herzogin von Orleans, sowie auf die Seele der Frau von Maintenon ausübte, die nun für die Gegenwart jeder Mäßigung und für die Zukunft jeder Sorge enthoben war.

Am folgereichsten wurde das Ereignis für den Erzbischof von Cambrai, Fénelon. Welche Vorbereitung war sein bisheriges Leben gewesen. Wie nahe war sein sicherer vollkommener Sieg! Welch mächtiger Strahl des Lichts durchbrach mit einemmal ein Haus der Finsternis! Seit Zwölf Jahren in sein Bistum verbannt, alterte der Kirchenfürst unter der vergeblichen Last seiner Hoffnungen. Jahr um Jahr sah er in einem Gleichmaß versfließen, das ihn zur Verzweiflung brachte. Dem König war er so verhaßt, daß niemand seinen Namen, selbst nicht bei den gleichgültigsten Anlässen, vor ihm aussprechen durfte. Verhaßter noch war er der Frau von Maintenon, die ja auch seinen Sturz herbeigeführt hatte. Mehr aber als jeder andere haßte ihn die schreckliche Rotte, die um Monseigneur herrschte, und so blieb ihm kein anderer Trost als die unerschütterliche Freundschaft seines Zöglings, der selbst ein Opfer jener Ränke geworden war und dies nach menschlichem Ermessen allzu lange bleiben mußte, als daß sein Lehrer hoffen konnte, dies zu überleben und je wieder aus seiner grabesähnlichen Verbannung aufzutauchen. Da, urplötzlich wird sein Zögling Dauphin. Nur ein Weilchen noch, und er gelangt, wie wir sehen werden, zu einer Art Vorgewalt. Welch ein Wechsel für einen Ehrgeizigen!

Der Dauphin selbst, der sich, nach einem so wichtigen Schritt vorwärts, freier fühlte, trat der Welt und seinen ehedem gefürchteten Feinden kühn entgegen. Man hatte ihn bei Lebzeiten seines Vaters trotz seiner hohen Stellung nicht mit beleidigenden Scherzen verschont. Dies hatte ihn so scheu gemacht, daß er sich am liebsten in sein Zimmer einschloß, weil er sich da allein vor ihnen sicher und behaglich fühlte. Allgemein hatte man seiner künftigen Herrschaft mit Bangen entgegengesehen, da er seinem Vater, ja vielleicht dem König selbst, als Zielscheibe diente und im Banne seiner tugendhaften Natur vor dem ganzen Hof ein um so verborgeneres Leben führte, je mehr dies, wie es nicht anders möglich war, im vollen Lichte stand. Dies war um so schwerer zu ertragen, als er kein Ende dieses Zustandes voraussah.

Nun aber hatte sich ihm der König voll zugewandt, und die freche Schar der Ränkemacher war durch den Tod seines ihm fast feindlich gesinnten Vaters gänzlich zerstreut. Die Welt zeigte sich ehrerbietig, aufmerksam, eifrig. Selbst die Leute, die seine größten Gegner waren, heuchelten Unterwürfigkeit, und der große Troß des Hofes war ergeben und untertänig. Da auch die Lebeleute und Hohlköpfe, die an jedem Hof keine geringe Zahl ausmachen, ihm wegen seiner Gemahlin huldigten und er der Zustimmung der Frau von Maintenon sicher war, so sah man den ängstlichen, unbeholfenen, nachdenklichen, unfehlbar tugendhaften Prinzen, der in seinem eigenen Hause scheu und schüchtern gewesen, aus seiner bisherigen unstandesgemäßen Zurückgezogenheit und aus sich selbst herausgehen, sich nach und nach der Gesellschaft widmen und sich frei und würdevoll, heiter und angenehm benehmen. Wenn er in Marly weilte, bildete sich ein Kreis von Menschen um ihn, wie ihn die Gottheit eines Tempels um sich versammelt, die die gewohnten Huldigungen der Sterblichen empfängt und sie durch ihre sichre Gegenwart belohnt. Bald war das Weidwerk nur noch auf der Jagd selbst Seine Unterhaltung. Seine ungezwungene, aber gehaltvolle Art zu plaudern fesselte den gebildeten Höfling und wurde von den anderen bewundert. Augen, Ohren und Herz gingen einem auf, wenn man paffend angebrachte geschichtliche Belege, fachliche, aber allezeit vorsichtige Vergleiche, hübsche, manchmal sogar belustigende, ursprüngliche und zwanglose Bemerkungen, hie und da, wenn auch selten, wissenschaftliche Hinweise von ihm zu hören bekam. Die allgemeine Freude darüber war so groß, daß niemand schweigen konnte und jeder den andern fragte, oh dies noch derselbe Mann sei, ob man wache oder träume. Dieser Ruf flog mit solcher Schnelligkeit vom Hof nach Paris und von da in die entferntesten Landgegenden, daß die paar Leute, die früher im Dienste des Dauphins gestanden, einander fragten, oh das, was man überall erzählte, glaublich sei.

Frau von Maintenon war hocherfreut über diesen Beifall, aus Neigung zu ihrer Dauphine. Auch lag es in ihrem Nutzen, auf einen Thronerben zählen zu können, auf den die allgemeine Hoffnung zu Vertrauen anfing. Und so gab sie sich Mühe, ihr möglichstes beim König für ihn zu tun. Die kluge und schweigsame Haltung seines ergebenen und eifrigen Enkels veranlaßte ihn dazu, den Einflüsterungen der Frau von Maintenon ein geneigtes Ohr zu leihen. Die Folge war, daß der ganze Hof, obwohl er sich an die Zuneigung des Königs für den Dauphin bereits gewöhnt hatte, stark überrascht war, als der König eines Tages den Prinzen ziemlich lange in seinem Arbeitszimmer zurückhielt und am gleichen Tage seinen Ministern befahl, mit dem Dauphin zu beraten, sooft er es verlange, und ihm ohne Verabredung ein für allemal über alle Angelegenheiten Vortrag zu halten, die er zu kennen wünsche. Es ist nicht leicht, den Eindruck zu schildern, den am Hof ein Befehl hervorbrachte, der so gänzlich den Neigungen, dem Geist, den Grundsätzen und Gewohnheiten des Königs entgegengesetzt war. Damit bewies der Herrscher dem Dauphin ein Vertrauen, das nichts weniger bedeutete, als daß er ihm stillschweigend einen großen Anteil an der Regierung einzuräumen gedachte. Die Minister waren wie vom Blitz getroffen und so betäubt, daß sie ihre Verwirrung und ihre Fassungslosigkeit nicht verbergen konnten. Ein solcher plötzlicher Befehl war in der Tat bitter für Männer, die aus dem Staube zur höchsten Macht gelangt und gewohnt waren, im Namen des Königs unumschränkt zu schalten, Glück und Unglück sicher und ohne Widerspruch auszuteilen, selbst die höchsten Personen mit Erfolg zu bekämpfen, im Genuß der größten Vermögen zu leben, die innere und äußere Politik zu lenken, über alle Stellen, Staaten und Belehnungen zu verfügen und alles durch ein kühnes »Der König will's!« zu entscheiden. Wie tief war der Sturz der Männer, die nun überall mit einem Prinzen zu rechnen hatten, für den Frau von Maintenon eintrat und der beim König alsbald mehr galt als sie ehedem, einem Prinzen, der dem Throne am nächsten Stand, der guten Muts, arbeitsam, einsichtig, aber auch gütig, gerecht und ordnungsliebend war, klug und fleißig, der sich nicht mit Redensarten begnügte, sondern das Gute um des Guten willen wollte und bei allen Entscheidungen auf die Stimme seines Gewissens hörte.

Am Montag, dem 18. Januar [1712], ging der König nach Marly. Ich rücke diese Reise in besonderes Licht. Kaum hatte man sich dort häuslich niedergelassen, als die Dauphine von Boudin, ihrem Leibarzt und Zeitvertreiber, die Mahnung erhielt, sich ja recht zu hüten. Er sei von zuverlässiger Seite her in Kenntnis gesetzt, daß man die Dauphine und den Dauphin vergiften wolle. Dem letzteren teilte er dies ebenfalls persönlich mit. Damit nicht genug, sprach er in seinem Entsetzen auch im Salon davon und erfüllte die ganze Hofgesellschaft mit Grauen. Majestät befahl ihn zu einer geheimen Unterredung. Hier beteuerte der Arzt von neuem, seine Warnungen seien wohlbegründet, wenn er auch nicht wisse, woher er die Nachricht habe. Bei dieser unsinnigen Angabe verharrte er. Sie enthielt insofern einen Widerspruch, als er behauptete, er kenne den Ursprung des Gerüchts nicht, dabei aber beteuerte, seine Warnung wäre begründet. Seine Freunde hielten die Sache für Übertreibung. Gleichwohl war das Gerücht im Umlauf und kam immer wieder zutage. Sehr merkwürdig ist es auch, daß der Dauphin vierundzwanzig Stunden nach Boudins Warnung eine ebensolche durch den König von Spanien erhielt. Auch dieser erteilte sie nur im allgemeinen und gab keine Quelle an, betonte aber gleichfalls die Zuverlässigkeit seiner Mitteilung. Diese zweite Warnung sprach mehr vom Dauphin denn von der Dauphine. Wenigstens erzählte dies der Dauphin so. In Marly gab man sich den Anschein, als nähme man derlei geheimnisvolle Warnungen nicht ernst. Trotzdem warfen sie unverkennbar ihren Schatten in die üblichen Abhaltungen und Belustigungen. Man war kleinlaut und gedrückt.

Die Dauphine ging sofort nach ihrer Ankunft in Marly mit starkgeschwollenem Gesicht zu Bett. Um sieben Uhr stand sie wieder auf, da der König den Wunsch ausgesprochen hatte, sie solle die Honneurs machen. Sie tat dies im Hauskleid, ganz verbunden, verweilte kurz vor der Abendtafel beim König und der Frau von Maintenon und legte sich dann wieder zu Bett, wo sie die Mahlzeit einnahm.

Am 20. Januar ging die Geschwulst zurück, und die Dauphine fühlte sich wieder besser. Sie litt übrigens öfter an dergleichen, dieweil sie schlechte Zähne hatte. In den Tagen darauf war ihr Zustand ordnungsgemäß.

Am Freitag, dem 5. Februar, brachte ihr der Herzog von Noailles eine schöne Schnupftabaksdose mit ausgezeichnetem spanischen Tabak. Sie nahm eine Prise, die sie vortrefflich fand. Dies war gegen Mittag. Als sie darauf in ihr Wohnzimmer ging, legte sie die Dose dort auf den Tisch und ließ sie daselbst liegen. Kein Mensch hatte diesen Raum zu betreten. Abends hatte die Dauphine Schüttelfrost und Fieber. Sie ging zu Bett. Es war ihr unmöglich, aufzustehen, auch nicht, um nach der Abendtafel den König in seinen Gemächern aufzusuchen.

Am Sonnabend, nach einer fieberhaften Nacht, stand sie trotzdem wie sonst auf und verbrachte den Tag nach gewohnter Art. Am Abend trat das Fieber von neuem ein, dauerte die ganze Nacht, ohne besonders stark zu werden, und hielt so den Sonntag über an. Gegen sechs Uhr abends stellten sich aber mit einem Male Schmerzen unterhalb der Schläfe ein, und zwar an einer ganz bestimmten Stelle von geringem Umfange. Diese Schmerzen waren so heftig, daß die Dauphine den König bitten ließ, seinen in Aussicht gestellten Besuch bei ihr lieber nicht zu machen.

Die geradezu rasenden Schmerzen währten ununterbrochen bis zum Montag, dem 8. Februar. Keins der angewandten Mittel nützte etwas, weder Rauch- noch Kautabak, weder Opium noch zweimaliger Aderlaß. Wenn auch die Schmerzen etwas nachgelassen hatten, verblieb doch das Fieber. Die Dauphine sagte, sie habe mehr ausgestanden als im Wochenbett. Diese Erkrankung gab Anlaß, sich der Dose zu erinnern, die der Herzog von Noailles mitgebracht hatte. Am 5., an dem Tage, wo die Dauphine sie geschenkt bekommen hatte, war das Fieber eingetreten. Sie hatte ihren Damen gegenüber den Tabak und die Dose sehr gerühmt. Dabei hatte sie Frau von Levis gebeten, sie ihr zu holen. Sie läge auf dem Tisch ihres Wohnzimmers. Frau von Levis fand sie aber nicht mehr vor, und trotz alles Suchens und Nachforschens konnte man nichts über den Verbleib der Dose feststellen. Dieses Verschwinden, in Verbindung mit der Erkrankung der Dauphine, kam allen höchst sonderbar und verdächtig vor. Der Geber der Dose erfuhr von alledem nichts. Dafür sorgte man peinlich. Der Vorfall blieb Geheimnis der nächsten Umgebung der Dauphine. Sie schnupfte nämlich, ohne daß es der König wußte. Nur Frau von Maintenon war nicht in Unkenntnis darüber. Wenn es der König erfahren hätte, wäre er sehr ungehalten gewesen. Das war der maßgebende Grund, daß man das seltsame Verschwinden der Schnupftabaksdose sorglichst geheimhielt.

Die Nacht vom Montag zum Dienstag lag die Prinzessin in einer Art tiefer Betäubung. Den ganzen Tag über hatte sie hohes Fieber, nur selten lichte Augenblicke und rote Flecken auf der Haut, wie bei den Masern, deren Ausbruch man vermutete. Die Masern traten damals in Paris und Versailles vielfach auf. Der König kam mehrere Male an das Bett der Kranken.

Die folgende Nacht war um so schlimmer, als man feststellte, daß es keine Masern waren. Am Mittwoch früh kam der König, nachdem man der Dauphine ein Brechmittel eingegeben hatte. Diese Maßregel hatte zwar den üblichen Erfolg, half aber sonst nicht im geringsten. Der Dauphin war seit drei Tagen nicht vom Krankenbette gewichen. Man überredete ihn, in den Garten zu gehen und frische Luft zu schöpfen, was ihm sehr not tat. Aber seine Unruhe trieb ihn sehr bald zurück.

Gegen Abend verschlimmerte sich der Zustand der Dauphine. Gegen elf Uhr erreichte das Fieber seinen Höhepunkt. Die Nacht war sehr schlimm.

Am Donnerstag, dem 11., kam der König früh um neun Uhr zu der Kranken. Frau von Maintenon war mit nur kurzen Unterbrechungen bei ihr. Nur während der König anwesend war, ging sie hinaus. Die Prinzessin fühlte sich so krank, daß man sich entschloß, ihr das heilige Abendmahl anzubieten. So schlecht es ihr auch ging, dieser Vorschlag überraschte sie. Sie erkundigte sich über ihren Zustand. Man gab ihr einigermaßen beruhigende Antworten, wiederholte aber den Vorschlag und mahnte sie nach und nach, dies lieber nicht zu verschieben. Sie dankte für diese Offenheit und erklärte sich einverstanden. Kurz darauf fürchtete man das Äußerste.

Pater La Rue Dieser (1643 bis 1725) genoß als Kanzelredner einen ebenso großen Ruf wie der Jesuit Bourdaloue. Erst die Veröffentlichung seiner Reden brachte seinen Bewunderern eine Enttäuschung. Er war seit 1705 Beichtvater der Herzogin von Burgund., ihr Beichtvater, ein Jesuit, von dem man annahm, sie habe ihn allezeit gern gehabt, erschien und ermahnte sie, mit der Beichte nicht zu zögern. Sie sah ihn an, meinte, sie habe ihn wohl verstanden, sagte aber weiter nichts. Der Geistliche machte ihr nochmals den Vorschlag, es unverzüglich zu tun, erhielt aber keine Antwort. Klug, wie er war, verstand er den Beweggrund, und gütig, wie er war, schickte er sich sofort zum Gehen an. Nur fragte er sie, ob sie vielleicht eine Abneigung empfände, gerade ihm zu beichten, und bat sie inständig, sich hierin ja keinen Zwang anzutun. Schließlich erklärte sie ihm, sie wolle gern bei Bailly beichten, dem Missionsgeistlichen der Versailler Gemeinde. Das war ein angesehener Mann, der des Jansenismus nicht ganz unverdächtig war.

Bailly war gerade in Paris. Die Prinzessin, die ihn sehnsüchtig erwartet hatte, war bei dieser Nachricht sichtlich betroffen. Aber der gutmütige Pater La Rue, der keine der kostbaren Minuten vergeudete, empfahl ihr den Pater Noël, womit sich die Sterbende einverstanden erklärte. Man schickte sofort nach ihm. Alsbald kam er.

Es liegt auf der Hand, daß der Wechsel des Beichtvaters in so bedenklicher und ernster Stunde Anlaß zu vielem Gerede gab. Ich komme später darauf zurück, um an dieser Stelle meinen betrüblich spannenden Bericht nicht aufzuhalten.

Der Dauphin brach zusammen. Er gab sich die größte Mühe, seinen Zustand zu verheimlichen, weil er am Bette der Dauphine verbleiben wollte. Er bekam aber zu hohes Fieber, als daß man es ihm nicht hätte anmerken müssen. Die Ärzte, die es ihm ersparen wollten, Augenzeuge des Schrecklichsten zu sein, taten alles – ebenso auf ihre Veranlassung hin der König –, um ihn in sein Zimmer zu bringen. Dort empfing er aller Augenblicke Bericht über den Zustand seiner Gemahlin.

Die Beichte währte lange. Sofort darauf empfing die Dauphine die Letzte Ölung und das heilige Abendmahl. Eine Stunde später bat sie, mit den Sterbegebeten zu beginnen. Man sagte ihr, das eile nicht, redete ihr Trost ein und riet ihr, zu versuchen, ob sie schlafen könne.

Man hatte sieben Ärzte, teils vom Hofe, teils aus Paris, berufen. Einstimmig verordneten sie für den Fall, daß keine Besserung einträte, einen Aderlaß am Fuß, und wenn dies nichts nütze, gegen Ende der Nacht nochmals ein Brechmittel. Der Aderlaß ward um sieben Uhr abends vollzogen. Das Fieber schwand nicht; es war nur nicht mehr so hoch wie vorher. Aber die Nacht war schlimm.

Frühzeitig erschien der König. Das gegen neun Uhr eingegebene Brechmittel hatte wenig Erfolg. Der Tag verlief sodann unter den traurigsten Anzeichen. Nur selten war die Kranke bei vollem Bewußtsein. Gegen Abend verlor man plötzlich den Kopf und ließ eine Menge Menschen ein, obgleich der König im Sterbezimmer war. Kurz ehe die Dauphine verschied, ging er. Er bestieg zugleich mit Frau von Maintenon und Frau von Caylus vor der Großen Galerie den Wagen und fuhr nach Marly. Sowohl er wie Frau von Maintenon waren von tiefem Schmerz erfüllt und hatten nicht die Kraft, den Dauphin aufzusuchen.

Der kranke und von schwerem Herzeleid ergriffene Dauphin verließ seine Gemächer keine Minute. Er empfing nur seinen Bruder, seinen Beichtvater und den Herzog von Beauvillier. Der letztere, der seit sieben oder acht Tagen krank in seinem Stadthause daniedergelegen hatte, raffte sich zusammen und verließ sein Krankenlager, um seinen lieben Zögling zu besuchen und seine ihm angeborene Seelengröße zu bewundern, die an jenem Schreckenstage und an den folgenden Tagen bis zu seinem Tode klar zutage trat. Der Herzog ahnte nicht, daß er ihn zum allerletzten Male sehen sollte.

Man drängte den Dauphin, nach Marly zu fahren, der schrecklichen Gerüchte wegen, die sich über die Todesart der Dauphine gebildet hatten. Früh sieben Uhr tat er das. Beim Einsteigen in den Wagen zeigten sich ihm etliche Hofleute, mehr aus Neugier, denn weil sie Frühaufsteher gewesen wären. Der Dauphin nahm ihre Begrüßung mit höflicher Miene entgegen. Die Herren von Cheverny, von O und von Gamaches, die während der Nacht in seiner Wohnung geweilt hatten, begleiteten ihn auf der Fahrt. Vor der Kapelle stieg er aus und hörte die Messe. Von da aus ließ er sich in einer Sänfte an die Gartentüre seiner Gemächer tragen, von wo aus er eintrat.

Alsbald machte ihm Frau von Maintenon einen Besuch. Man kann sich vorstellen, unter welchen Erschütterungen diese übrigens kurze Begegnung erfolgte. Nach ihr mußte er noch Prinzen und Prinzessinnen empfangen, die allerdings die Rücksicht hatten, gar nicht lange zu verweilen. Unter anderen kam die Herzogin von Berry in Begleitung meiner Frau. Der Dauphin begrüßte sie mit schmerzlichen Worten gemeinsamer Trauer. Mit dem Herzog von Berry blieb er eine Weile allein. Kurz vor der Zeit, da der König zu erwachen pflegte, traten die drei vorhin genannten Kavaliere in das Zimmer. Zufällig kam ich zu gleicher Zeit. Der Dauphin nahm von mir Kenntnis mit einem Ausdruck der Sanftmut und Güte, der mir zu Herzen ging. Sein starrer, etwas scheuer Blick erschreckte mich. Sein Gesicht kam mir verändert vor. Auch bemerkte ich eine Menge großer, eher bleifarbener als rötlicher Flecken auf seiner Haut. Er stand aufrecht im Zimmer. Einen Augenblick später vermeldete man ihm, daß der König aufgestanden sei. Da füllten sich seine Augen mit Tränen. Stumm wandte er sich ab. Längere Zeit sagte er kein Wort. Ein oder mehrmals schlugen wir ihm vor, zum König zu gehen. Er fand immer noch keine Worte. Da ging ich an ihn heran und bedeutete ihm unter leisen Worten, daß er mitgehen solle. Als ich sah, daß er sich nicht rührte und in seinem Schweigen verharrte, wagte ich ihn am Arm zu fassen. Ich stellte ihm vor, früher oder später müsse er doch den König besuchen. Majestät erwarte ihn, um ihn zu umarmen und mit ihm zu reden. Er dürfe sich diesem Gnadenbeweis nicht länger entziehen. Indem ich ihm derartig zusetzte, nahm ich mir die Freiheit, den Dauphin behutsam mit mir fortzuziehen. Er warf mir einen Blick zu, der mir durch und durch ging, und begann zu gehen. Ich folgte ihm ein paar Schritte hinterher und entfernte mich dann, um aufzuatmen. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Alles, was in Marly weilte – damals eine sehr kleine Anzahl Menschen –, war im großen Saal versammelt, die Prinzen, Prinzessinnen und die Grandseigneurs im Zwischensaale zwischen den Gemächern des Königs und der Frau von Maintenon. Auf die Meldung, der König sei aufgestanden, durchschritt Frau von Maintenon dieses Zwischenzimmer und trat allein beim König ein. Die im Vorraum Anwesenden folgten ihr alsbald. Als der Dauphin erschien, war bereits die ganze Hofgesellschaft anwesend. Als ihn Majestät erblickte, rief er ihn zu sich und küßte ihn mehrere Male zärtlich und lange. Diese rührende Begrüßung begleiteten zusammenhanglose Worte, Schluchzen und Tränen. Als der König darnach den Dauphin genauer betrachtete, nahm er die schrecklichen Anzeichen wahr, die ich selbst gesehen und bereits geschildert habe. Er ließ durch die Ärzte den Puls des Kranken untersuchen. Man war nicht sehr zufrieden mit seinem Zustande, wie nachher bekannt wurde. Im Augenblick begnügten sich jedoch die Ärzte, zu erklären, die Sache sei nicht schlimm. Nur empfehle man ihm dringend, sich ins Bett zu legen. Er tat dies, um nie wieder aufzustehen.

Inzwischen war der Vormittag vorgerückt. Der König, der nachts schlecht geschlafen, hatte Kopfschmerzen. Nachmittags machte er dem Dauphin einen Besuch. Das Fieber des Kranken hatte sich gesteigert, und der Puls war schlechter als am Morgen.

Der Dauphin empfing, aber nur auf Augenblicke, die Herren seines Hofstaates, die Ärzte, seinen Bruder, seinen Beichtvater und flüchtig den Herzog von Chevreuse. Er betete fortwährend und ließ sich aus einem Andachtsbuche vorlesen.

Andern Tags, am Sonntag [dem 14. Februar 1712], nahm des Königs Unruhe zu. Der Dauphin selbst bemerkte zu Boudin in Gegenwart der Herren von Chesne und von Cheverny, daß er an seine Genesung nicht glaube. Er fühle sein Ende und sei überzeugt, Boudins Warnung habe ihre Berechtigung gehabt. Dies äußerte er mehrfach, voller Freimut und Weltentsagung, in seiner ganzen Seelengröße und Gottergebenheit. Die Bestürzung um ihn herum war unbeschreiblich.

Am Montag, dem 15., ging es dem Dauphin nicht besser. Der König und Frau von Maintenon besuchten ihn mehrere Male, jedes für sich. Im übrigen wurde niemand vorgelassen, mit Ausnahme des Bruders und der Herren vom Hofstaate des Dauphins. Der Herzog von Chevreuse trat auf einen Augenblick ein. Wiederum ging der Tag unter Gebeten und frommem Lesen dahin.

Am Dienstag, dem 16., verschlimmerte sich der Zustand des Dauphins. Er fühlte sich wie von einem verzehrenden Feuer ergriffen, obgleich das Fieber nachgelassen hatte. Der Puls ging unheimlich stark und unregelmäßig. Die roten Flecken verbreiteten sich vom Gesicht über den ganzen Körper. Man vermutete die Masern und schöpfte daraus Hoffnung. Aber die Ärzte und die Augenzeugen erinnerten sich nur allzu deutlich, daß die nämlichen roten Flecken auch den Körper der Dauphine bedeckt hatten.

Am Mittwoch, dem 17., verschlimmerte sich die Krankheit beträchtlich. Die innere Glut nahm zu. Spät am Abend schickte der Dauphin zum Könige und bat um die Erlaubnis, am nächsten Tage in seinem Zimmer ohne Gepränge und ohne Zeugen das Abendmahl nehmen zu dürfen. Niemand erfuhr am Abend davon. Es ward erst am folgenden Vormittag bekannt.

Am Donnerstag, dem 18., erfuhr ich, daß der Dauphin in der Frühe das Abendmahl genommen, sich sodann zwei Stunden lang in fromme Andacht versenkt und darnach zu phantasieren begonnen hatte. Nachdem er die Letzte Ölung empfangen, war er einhalb neun Uhr gestorben.

 

Ich schreibe meine Denkwürdigkeiten nicht, um von meinen Gefühlen zu reden. Wer sie je lesen wird, lange nach meinem Tode, wird dennoch nur allzu deutlich herausfinden, in welchem seelischen Zustande ich mich befunden habe. Ich begnüge mich zu sagen, daß ich zunächst alles aufgeben und mich von der Gesellschaft und dem Hofe zurückziehen wollte. Nur der Einfluß meiner klugen und umsichtigen Frau brachte mich, freilich unter vieler Mühe, von meinem Entschlusse wieder ab.

Der Dauphin, von Geburt an ein enfant terrible, hatte in seiner Jugend Angst und Schrecken verbreitet. Er war starrköpfig, dabei maßlos jähzornig, selbst gegen leblose Gegenstände, ungestüm und wild, außerstande, auch nur den geringsten und natürlichen Widerstand ohne Wutanfälle zu ertragen. Er war grenzenlos argwöhnisch, entflammt für jedwede Art sinnlichen Vergnügens, weibertoll. Nicht weniger liebte er den Wein und eine gute Tafel. Er war leidenschaftlicher Jäger, Musikschwärmer und Spieler. Beim Spiel konnte er keinen Verlust hinnehmen, so daß er ein äußerst gefährlicher Partner war. Mit einem Worte, keine Leidenschaft und kein Vergnügen waren ihm fremd. Er konnte wild bis zur Grausamkeit sein. In seinen Späßen und Scherzen war er Barbar und Wüstling. Von der Höhe seiner Erhabenheit schaute er auf die Menschen herab wie auf Staubteilchen, mit denen er keine Ähnlichkeit zu haben glaubte. Kaum, daß ihm seine Brüder als Übergangsgeschöpfe zwischen sich und dem Menschenpack erschienen, pries er höchstens sich und sie zusammen als etwas Ganzes. Dabei war er von Geist und Verstand geradezu durchleuchtet. Seine Reden waren selbst im Zustande der Wut erstaunlich. Selbst in der höchsten Erregung hatte das, was er vorbrachte, Hand und Fuß. Sich in die übersinnlichsten Dinge zu vertiefen, machte ihm Spaß. Die Tragweite und die Lebhaftigkeit seines Geistes waren wunderbar. Aber es war ihm unmöglich, sich nur mit einer einzigen Sache auf einmal zu beschäftigen. Beim Unterricht mußte man ihn gleichzeitig zeichnen lassen, wozu er übrigens viel Geschick und Lust hatte. Sonst hätte er nichts gelernt. Wahrscheinlich hat dieses viele Zeichnen seine körperliche Entwicklung beeinträchtigt.

Er war eher groß denn klein. Sein Gesicht war länglich, von bräunlichem Farbton und hochmütigstem Ausdruck. Er besaß die schönsten Augen der Welt. Sein Blick war munter, angenehm, fesselnd, scharf, dabei doch sanft. Seine Gesichtszüge machten einen gefälligen, stolzen, schlauen, geistvollen, anregenden Eindruck. Er hatte ein spitziges Kinn, eine lange, doch unschöne Nase, kastanienbraunes, krauses, sehr reiches und unfügsames Haar. Mund und Lippen waren hübsch, solange er nicht redete. Beim Sprechen und Lachen schob sich aber die obere Zahnreihe allzusehr hervor und überdachte geradezu die untere, was sehr garstig aussah. Er hatte prächtig geformte Beine und die hübschesten Füße, die ich, neben denen des Königs, je gesehen habe; nur waren sie im Verhältnis zum Körper etwas zu lang, ebenso seine Beine. An der einen Schulter war und blieb er von Kindheit an, trotz aller angewandten Gegenmittel, etwas verwachsen. Die eine Schulter war höher als die andere. Infolgedessen, also nicht etwa, weil seine Beine ungleich lang gewesen wären, hinkte er auch ein wenig.

Er kannte den König durch und durch. Er hegte Hochachtung vor ihm, und schließlich liebte er ihn als seinen Vater. Er war aufmerksam und ergeben, trotzdem selbstbewußt. Der Frau von Maintenon war er mit der nötigen Rücksicht freundschaftlich gesinnt. Solange Monseigneur lebte, benahm er sich sorglichst ihm gegenüber so, wie es sich geziemte, indessen nicht ohne Zurückhaltung, die sich angesichts von Fräulein von Choin und der mißlichen Zustände in Meudon noch vermehrte. Ich will auf die mannigfachen Beweggründe hierbei nicht nochmals eingehen. Besonders geschätzt hatte er an Monseigneur, daß er sich niemals an Frau von Maintenon gewöhnen konnte. Allerdings hatte der seine eigene Maintenon in Fräulein von Choin, die er seinen Kindern genau so vorzog, wie der König die Maintenon den seinigen.

Seine Brüder hatte der Dauphin zärtlich, seine Gattin leidenschaftlich geliebt. Der Schmerz über den Verlust seiner Frau ergriff ihn bis ins Mark. Seine Frömmigkeit verlieh ihm dabei die wunderbare Kraft der Selbstbeherrschung. In all der schrecklichen Trübsal sah man nichts Niedriges, nichts Kleines, nichts Unwürdiges an ihm. Man hatte einen Mann vor sich, der tief erschüttert war, sich aber ruhig zu scheinen anstrengte, bis er zusammenbrach. Das beschleunigte seinen Untergang. Während seiner eigenen Krankheit benahm er sich auf die nämliche Weise. Er glaubte nicht im geringsten an die Möglichkeit, zu genesen. In diesem Sinne äußerte er sich zu seinen Ärzten. Auch verhehlte er sich nicht, warum er dies annahm. Er war sich über seiner Gemahlin Ende und über das Entsetzliche klar. Seine Ergebenheit in Gott war bewundernswert.

Sein Tod war eine Züchtigung Frankreichs. Es verdiente diesen Fürsten nicht. Die Erde war seiner unwürdig. So war er der jenseitigen Glückseligkeit früh geweiht.

Bald nach dem Tode des Dauphins erkrankten auch seine beiden kleinen Söhne unter den nämlichen Anzeichen. Aderlässe und sonstige Mittel konnten den älteren, den kleinen Dauphin, nicht retten. Er starb am 8. März 1712 kurz vor Mitternacht Ludwig, Herzog von der Bretagne, geboren 1707, der ältere der beiden Söhne Ludwigs, Herzog von Burgund, der seit 1711, seit dem Tode Monseigneurs, Dauphin war.. Er war fünf Jahre alt, für sein Alter groß und stark, geistig rege, aber eigensinnig und hochmütig.

Sein jüngerer Bruder, der Herzog von Anjou Ludwig, Herzog von Anjou, 1710 bis 1774, der spätere König Ludwig XV., war noch ein ganz kleines Kind. Die Herzogin von Ventadour ließ es nicht zu, daß ihm zur Ader gelassen, noch daß ihm Arznei eingegeben wurde. Er war schwerkrank, kam aber durch. Nunmehr war er Dauphin.

Auf allerhöchsten Befehl wurde die Leiche des Herzogs von Burgund geöffnet. Dies geschah in den Gemächern des Verstorbenen zu Versailles. Voller Ungeduld warteten der König und die Marquise von Maintenon des Ergebnisses. Fagon, Boudin und mehrere andre Ärzte erklärten, die Spuren eines sehr feinen und sehr starken, raschwirkenden Giftes gefunden zu haben. Marechal indessen, der die Nachschau eigenhändig ausgeführt hatte, war andrer Meinung und behauptete, ein sicheres Merkmal von Vergiftung sei nicht nachweisbar gewesen. Die Blutverderbnis sei auf natürlichem Wege als Folge der Krankheit entstanden.

Er hat mit mir später ausführlich über den Leichenbefund gesprochen, wobei er mir sagte, es sei zwar möglich, daß der Dauphin eines natürlichen Todes gestorben sei; er habe dies aber vor allem aus Mitleid für den König erklärt, der in seiner Geistes- und Gemütsverfassung durch die Gerüchte von der Vergiftung arg bedrückt war. Auch seien ihm die Umtriebe gegen den Herzog von Orleans widerwärtig gewesen. Die Feinde des Herzogs mißbrauchten offenkundig den Tod des Herzogs von Burgund und seiner Gattin, um den Herzog von Orleans aus dem Sattel zu heben, indem man ihn in Verdacht brachte.

Diese Verleumdung fand die schnellste Verbreitung am Hofe, in der Stadt Paris und im ganzen Lande, alsbald in ganz Europa. Die Seele aller gegen den Herzog von Orleans gerichteten Ränke war der Herzog von Maine.

Eines Abends, als ich vom Herzog von Beauvillier heimkam, ließ mir die Herzogin von Orleans sagen, sie sowohl wie ihr Mann wären sehr verstimmt, daß sie mich gar nicht zu sehen bekämen. Beide bäten mich, zu ihnen zu kommen, weil sie mir etwas Dringliches mitzuteilen hätten. Ich hatte sie seit dem unglücklichen Ereignis noch keinmal aufgesucht. Ich war noch nicht Herr genug meines eigenen Schmerzes, als daß ich den anderer hätte ertragen können. Ich war nicht imstande zu sprechen, noch viel weniger vernünftig zu sprechen. Ich war niedergedrückt und sah keine Mittel gegen die schreckliche, dabei so törichte Verleumdung. Deshalb ließ ich den Herzog und seine Frau bitten, mir gütigst zu gestatten, erst am nächsten Vormittage zu erscheinen. Ich tat dies auch und fand die Herzogin fassungslos. Sie erzählte mir, daß der Marquis von Effiat am Abend vorher aus Paris gekommen sei, um sie von den gräßlichen Gerüchten in Kenntnis zu setzen, die dort umliefen, und von deren Eindruck auf die Menge. Er habe auch berichtet, daß der König und Frau von Maintenon nicht nur auf Grund des Berichts der Ärzte, sondern auch auf die gegen den Herzog von Orleans gemünzten Gerüchte hin von der Wahrheit der letzteren überzeugt seien. Man hätte mit so viel Heftigkeit vom Herzog gesprochen, daß der Marquis diesen für gefährdet halte und deshalb, so peinlich es für ihn wäre, zu ihm gekommen sei, ihn zu warnen. Ferner habe ihm Effiat dringend geraten, sofort zum Könige zu gehen und ihm kurz und bündig und nachdrücklichst zu erklären, er bestehe darauf, daß er – der Herzog von Orleans – sich so lange in die Bastille begeben dürfe, bis sich alles aufgeklärt habe. Alle neueren Forscher, die sich mit der Frage beschäftigt haben, betrachten die Masern als natürliche Todesursache des fürstlichen Paares. (Vergl. darüber d'Haussonville: La Duchesse de Bourgogne, IV, 420 f.) Die Pfälzerin fällt in einem Brief vom 18. Februar 1712 ein günstiges Urteil über den Charakter des Herzogs von Burgund; von dem Verdacht, daß er an Gift gestorben sei, ist mit keinem Wort die Rede. Saint-Simon berichtet weiter, daß der Herzog von Maine und Frau von Maintenon im König den Verdacht nährten, sein Enkel sei durch den Herzog von Orleans vergiftet worden. Der ganze Hof mied diesen wie einen Aussätzigen. Auch Saint-Simon, der zu dem Herzog hielt, hatte unter diesem Zustand zu leiden; aber er ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen, daß man dem Herzog, den eine Hofclique mit ingrimmigem Haß verfolgte, unrecht tue. (Mémoires, XXII, 371-372; 390-400.) Auch müsse er darauf dringen, daß Homberg Der Leibarzt und Leibchemiker des Herzogs, ein geborener Holländer, 1652 bis 1714. und alle seine Leute verhaftet würden. – »Gnädige Frau,« fragte ich, »was gedenkt der Herzog Zu tun?« – Sie gab mir zur Antwort: »Mein Mann ist heute morgen beim König gewesen. Majestät war sehr ernst und sehr kühl mit ihm, ja geradezu unzugänglich. Auf seine Beschwerde hat er gar nichts gesagt, ebenso nichts auf sein Verlangen nach gerichtlicher Untersuchung ...« – »Und hat er auch von der Bastille gesprochen?« fragte ich. – »Ja, gewiß. Aber darauf ist der König gar nicht eingegangen. Er hat seine verächtliche Miene nach wie vor behalten. Alles Flehen und Bitten hatte keine Wirkung. Schließlich hat sich mein Mann darauf beschränkt, wenigstens die Verhaftung und das Verhör Hombergs und aller seiner Genossen zu erbitten. Auch das hat der König ziemlich ungnädig abgeschlagen. Auf weiteres inständiges Bitten hin hat er aber schließlich erklärt, er wolle Homberg nicht verhaften lassen, indessen den Befehl geben, daß man ihn in die Bastille aufnehmen solle, falls er sich daselbst freiwillig stelle.«

Ich war über diesen gefährlichen Rat ganz entsetzt und noch mehr darüber, daß er Hals über Kopf befolgt worden war. Man muß wissen, daß der Marquis von Effiat zwar ein kluger Kopf, dabei aber ein großer Ränkeschmied war. Er besaß weder Herz noch Grundsätze, lebte sittenlos und machte aus seiner Liederlichkeit kein Hehl. Er war ebenso reich wie geizig, ein ehrsüchtiger Streber, dem jedes Mittel recht war, wenn er damit nur vorwärts kam, und grenzenlos unverschämt. Er hatte sich insgeheim an den Herzog von Maine verkauft und war als alter Spießgeselle des Ritters von Lothringen schon immer der Busenfreund des Marschalls von Villeroy. Der schlechte Rat, den der Herzog von Orleans befolgt hatte, kam mir um so verdächtiger vor, als ihn ein kluger Mann, der die Welt gar wohl kannte, erteilt hatte.

Durch dieses sein Verhalten stellte sich der Herzog auf eine Stufe mit den allergeringsten kleinen Leuten, ja, man kann sagen, auf den Lakaienstandpunkt, statt in stolzester Weise als das aufzutreten, was er war, als Fürst, an den irgendwelche Verdächtigung überhaupt nicht heranreichen konnte. Würdevoll hätte er fordern müssen, daß man ihm auch nur den kleinsten Beweis, den leisesten Verdachtsgrund vorbringe. Vor aller Öffentlichkeit hätte er klar und deutlich seine Stellung und die des Herzogs von Maine beleuchten sollen. Dadurch hätte er diesen trotz aller Gunst, in der er stand, in Angst gejagt und in die Abwehr gedrängt, ja, vielleicht sogar genötigt, den ganzen Brand, den er angesteckt hatte, selbst wieder zu löschen. Dann hätte ihn auch der König wieder besser behandeln und die Maintenon ihn in Ruhe lassen müssen, nachdem er vom König die gerichtliche Untersuchung stolz und selbstbewußt vor allen Hofleuten gefordert und verweigert bekommen hatte.

Wohl hätte ein solches Verhalten den heftigsten Bruch zwischen ihm und dem Herzog von Maine zur Folge gehabt. Aber diese schroffe Maßnahme hätte den Gegner entwaffnet. Ein erklärter offener Feind ist stets weniger gefährlich als einer, der einem fortwährend den Boden unter den Füßen abgräbt. Obendrein stand dieser Feind selber auf sehr schwankendem Grunde, stieß damals alle Welt vor den Kopf und war persönlich durchaus kein mutiger Mann. Und was den König anbetraf, so hätte er sich, trotz seiner zärtlichen Vorliebe für den Herzog von Maine und trotz seiner Schwäche Frau von Maintenon gegenüber, doch zwischen jenen und den Herzog von Orleans stellen müssen, um nicht Gefahr zu laufen, die Sache nach einem so großen Ärgernis noch zu verschlimmern. Alle seine Sorge hätte sich dann darauf gerichtet, Frieden zwischen den beiden herzustellen und die Sache selbst in den Hintergrund zu rücken. Der Herzog von Maine hatte nichts zu befürchten, noch viel weniger ein »petit-fils de France« vom Ansehen des Herzogs von Orleans.

siehe Bildunterschrift

31. Apotheose Ludwigs XIV.

Charles Lebrun.
Budapest, Nationalgalerie.

Vergl. über dieses Bild Dussieuz: »Les Artistes français à l'étranger.« Paris 1876, S. 160, und Lejeune: »Guide théorique et pratique de l'Amateur de tableaux.« Paris 1863-66, 3 vols. III. Bd., S. 307. Dieses Bild kann schwerlich als ganz eigenhändiges Werk Lebruns gelten.

Um diese Apotheosen Lebruns, deren es mehrere gab, zu verstehen, muß man sich erinnern, daß schon Richelieu schrieb: »Les rois sont les vives images de Dieu«, und später Bossuit in seiner »Politique tirée de l'écriture sainte«, gestützt auf den 81. Psalm, verkündete: »Die Könige sind Götter!«

(Siehe auch Nr. 1, 3, 15, 34.)

 

Während wir so zusammen plauderten, trat der Herzog von Orleans in das Zimmer. Noch nie hatte ich einen so völlig niedergeschlagenen Menschen gesehen. Er wiederholte mir, was ich soeben vernommen hatte, und ich verhehlte ihm meine Meinung ebensowenig wie vorher der Herzogin, wenn auch ein wenig gemildert, denn das Geschehene war nun einmal geschehen. Auch hatte ich Mitleid mit seinem Zustand, und schließlich wußte ich, daß er doch nicht energisch handelte. Ich teilte beiden mit, was ich von Maréchal erfahren hatte, ließ aber den Herzog von Maine völlig aus dem Spiel und sprach erst nachmittag wieder von ihm, als ich mit dem Herzog von Orleans allein war.

Tags darauf erzählte er mir, der König habe ihm trocknen Tones gesagt, daß er über Homberg andrer Meinung geworden sei. Ihn in die Bastille zu stecken, sei unnütz. Auch wenn er freiwillig käme, würde nichts daraus. Als der Herzog trotzdem darauf bestehen wollte, habe ihm der König den Rücken gedreht und sei weggegangen.

Seitdem sah sich der Herzog von Orleans von aller Welt verlassen. Man wich ihm sogar beim Könige und in den Salons aus. Wenn er sich einer Gruppe von Höflingen näherte, stahl sich einer nach dem andern weg. Bald tat man dies ganz rücksichtslos und zwanglos. Eine Zeitlang ließen sogar die Damen die Herzogin im Stich.

Unter so drückenden Verhältnissen blieb nichts anderes übrig, als den Sturm vorüberrauschen zu lassen. Freilich wurde genugsam dafür gesorgt, daß er sich nicht sogleich legte. Wenn die Gerüchte in Paris und im Lande verstummen wollten, fanden sich immer wieder Ränkesüchtige, die sie aufs neue in Umlauf setzten und auch am Hofe wieder auftauchen ließen. Dies dauerte, solange der König lebte, ja noch länger. Ich war buchstäblich der einzige, der ganz wie früher mit dem Herzog verkehrte, in seinem Hause wie bei Hofe. Ich unterhielt mich allein mit ihm, setzte mich zu ihm in eine Ecke des Salons, wobei wir sicher waren, daß uns kein dritter störte. Ich allein ging mit ihm im Parke vor den Fenstern des Königs und der Marquise von Maintenon spazieren. Auch in Versailles benahm ich mich genau so. Beauvillier, Graf Pontchartrain und alle meine guten Freunde und Freundinnen warnten mich fortgesetzt. Man meinte, ich schädigte mich durch mein Benehmen ernstlich, da es dem Verhalten aller andern allzu schroff gegenüberstünde und der dem Herzog von Orleans feindseligen Gesinnung des Königs und der Frau von Maintenon widerspräche. Ich brauche nicht gerade mit dem Herzog zu brechen; aber immer und immer bei ihm zu stecken, mit ihm vor aller Augen, sogar in den Gärten von Marly unmittelbar vor dem König und dem ganzen Hofe zu lustwandeln, das müsse mir schließlich schaden und nütze auch dem Herzoge nichts.

Ich blieb fest, denn in so eigenartigem Unglück darf man einen Freund, den man für schuldlos hält, nicht verlassen, sondern im Gegenteil, man muß sich ihm noch enger anschließen, man muß seine Ehre darein setzen, ihn zu trösten, und der Gesellschaft zeigen, daß man ihre Verleumdungen verachtet.

Meine Freunde kamen indessen immer wieder darauf zurück. Sie verhehlten mir nicht, daß der König über mich ungehalten war und daß sich Frau von Maintenon verletzt fühlte. Kurz, man tat alles, mich abzuschrecken. Ich besuchte trotz alledem den Herzog nach wie vor alle Tage und meist gleich auf ein paar Stunden.

Ich will hier erwähnen, daß es Maréchal gewesen war, der Hombergs Verhaftung verhinderte. Damals, als der König den Herzog von Orleans zum ersten Male empfing und die freiwillige Haft Hombergs gestattete, begegnete er gleich hinterher zufällig im Nebengemache den beiden Ärzten Maréchal und Fagon. Noch ergriffen von dem Vorfalle, erzählte er ihnen die ganze Geschichte. Maréchal, freimütig, wie er jederzeit war, fragte den König, was er daraufhin zu tun gedächte. Er lobte den Mut und die Offenheit des Herzogs und die Vorsicht des Königs, mißbilligte aber die geplante Aufnahme Hombergs in die Bastille.

»Was wollen Majestät damit erreichen?« fragte er kühn. »Soll die unbewiesene Schandtat eines nahen Verwandten von Majestät allerorts kundgetan werden? Was wird dabei herauskommen? Nichts. Höchstens haben Eure Majestät selbst Schimpf und Schaden. Und wenn das Unmögliche wahr wäre – obgleich ich mich dafür verbürgen möchte, daß dem nicht so ist –, wollen Majestät einen Neffen, den Vater von Hochdero Enkel, köpfen lassen und sein Verbrechen und seine Schande in die Jahrbücher der Geschichte eintragen? Wenn Eure Majestät aber nichts finden, wo sicherlich nichts zu finden ist, sollen die Feinde des Königs wie die des Herzogs behaupten dürfen, man habe nur nichts finden wollen? Majestät mögen mir glauben, alles das wäre schrecklich. Das muß verhindert werden. Widerrufen Eure Majestät die eben gegebene Erlaubnis und vergessen Eure Majestät die falschen Anklagen, die nur die Gesundheit und das Glück von Majestät beeinträchtigen.«

Diese lebhafte eifrige Aussprache eines Mannes, dessen aufrichtige Ergebenheit der König kannte, entschied Hombergs Schicksal. Der König gab seinem Arzte unverzüglich recht und erklärte daraufhin dem Herzog von Orleans, daß Homberg keine Aufnahme in der Bastille fände. Homberg erhielt eine entsprechende Weisung.

Maréchal erzählte mir den Vorfall tags darauf und fügte noch hinzu, Fagon und Blouin Louis Blouin (gest. 1729), erster Kammerdiener. hätten stumm dabeigestanden. Ich umarmte Maréchal wegen seiner tapferen und erfolgreichen Tat, die ich auch dem Herzog und der Herzogin von Orleans nicht verhehlte.

 

Zu Beginn des Jahres [1715] Am 7. Januar. starb der Erzbischof von Cambrai. Fénelon war ein langer, hagerer, gutgebauter, blasser Mensch. Er hatte eine große Nase, geist- und feuersprühende Augen und einen Gesichtsausdruck, wie ich ihm ähnlich nie begegnet bin. Sein Gesicht gehörte zu denen, die man nie wieder vergißt, auch wenn man es bloß ein einziges Mal gesehen hat. Alles stand darin geschrieben, und alles war im Einklang, selbst die Gegensätze; es verriet Würde und Weltsinn, Ernst und Freudigkeit. Man erkannte sofort den Gelehrten, den Kirchenfürsten und den großen Herrn. Sein ganzes Wesen spiegelte sich darin: Klugheit, Geist, Liebenswürdigkeit, Anstand und vor allem Vornehmheit. Nur mit Mühe konnte man seine Blicke von ihm wenden. Alle Bildnisse von ihm sind sprechend ähnlich. Gleichwohl geben sie jenes wundervolle seelische Gleichgewicht, das einen vor dem Urbilde übermannte, nicht genau wieder, auch nicht die Feinheit der einzelnen Züge in seinem Gesicht. Sein äußeres Benehmen entsprach dem. Seine Ungezwungenheit teilte sich seiner Umgebung mit. In allem, was er sagte, kamen jenes edle Wesen und jener erlesene Geschmack, die man nur durch gute Gesellschaft und im Verkehr mit der großen Welt erwirbt, vorzüglich zum Ausdruck. Er redete natürlich, sanft, gewählt. Er war von bestrickender Höflichkeit, hielt sich dabei aber stets in vornehmen Grenzen. In seinem Vortrag war er faßlich, klar, angenehm. Die schwierigsten und verwickeltsten Fragen machte er in kurzer klarer Weise verständlich. Geistigen Hochmut gegenüber seiner Zuhörerschaft kannte er nicht; immer stellte er sich in ihren Gesichtskreis, und so fühlte sich jedermann behaglich in seiner Nähe. Alle Welt ward bezaubert. Es war unmöglich, ihn zu verlassen, Widerrede gegen ihn zu führen oder gar ihn meiden zu wollen. Er besaß die Gabe, Menschen zu gewinnen, im allerhöchsten Grade. Seine Freunde blieben ihm ihr Leben lang treu, auch nachdem er in Ungnade gefallen und sie von ihm gerissen waren. Sie kamen zusammen, um von ihm zu reden, um ihn zu bemitleiden, um sich nach ihm zu sehnen und seine Rückkehr zu erhoffen, gleichsam wie das unselige Judenvolk, das sich nach Jerusalem sehnt und den Messias noch immer erwartet und nach ihm seufzt. Man verehrte ihn wie einen Seher, und er hatte sich an eine Herrschaft über die Menschengemüter gewöhnt, die bei aller Milde keinen Widerspruch duldete. Wäre er – wie dies sein Lieblingswunsch war – an den Hof zurückgekehrt und in den Staatsrat gekommen, so hätte er keinen Nebenbuhler lange neben sich ertragen. Sobald er in den Hafen eingelaufen wäre und niemanden mehr gebraucht hätte, wäre jeder Widerstand gegen ihn, ja schon ein Mangel an Ergebenheit und Bewunderung, höchst gefährlich gewesen.

In der Zurückgezogenheit seines Bistums lebte er einesteils fromm und beschaulich wie ein Seelenhirt, andrerseits prachtliebend wie ein Mensch, der auf das Glück der Welt nicht verzichtet. Vorsichtig ging er mit Menschen und Dingen um. Er wollte jedermann gefallen, Niedrigen wie Hochgestellten. Diese Leidenschaft war in ihm stärker denn je in einem Manne. Immerfort und unablässig diente er ihr. Der Erfolg war unbeschreiblich. Alle Welt suchte ihn auf; und alle empfing er mit einer Höflichkeit und Liebenswürdigkeit, die nicht ihresgleichen findet. Während der ersten Jahre seiner Ungnade mied man ihn. Er lief niemandem nach. Dann zog ihm der Zauber, der unwiderstehlich von ihm ausstrahlte, von neuem eine Menge Leute zu. Nach und nach fanden sich auch die anderen wieder ein, die sich zunächst abgewandt hatten. Sobald Monseigneur eine Rolle zu spielen begann, wuchs der Kreis um den Kirchenfürsten beträchtlich. Daraus wurde ein wirklicher Hof, als sein Schüler Dauphin geworden. Fénelon gewann auch die Herzen der Soldaten. Viele, die durch Cambrai zogen, bewirtete und beherbergte er und nahm sich ihrer Kranken und Verwundeten an, die man wiederholt in die Stadt brachte. Er besuchte die Lazarette und widmete sich hohen wie niederen Offizieren mit gleichem Eifer. In seinem eigenen Hause ließ er eine große Anzahl bis zur vollständigen Genesung verpflegen. Dazu war er ein tätiger echter Seelenhirt. Infolge seiner Weltkenntnis ward es ihm leicht, die Seelen zu gewinnen und ihr Beichtiger zu werden. Sandte ein Krankenhaus nach ihm, so war er ungesäumt zur Stelle, als gäbe es keine andere Pflichten für ihn. Ebenso sorgte er für das leibliche Wohl seiner Schützlinge. Er ließ Nahrungs- und Heilmittel reichlich verteilen und hielt darauf, daß alles auf das Vorzüglichste zubereitet war. Wichtigen ärztlichen Untersuchungen wohnte er persönlich bei. Dadurch ward er zum Abgott der Soldaten. Sein Lob erklang bis an den Hof.

Auch das Volk liebte ihn abgöttisch. Freigebig schenkte er gute Gaben. Alljährlich reiste er ein paarmal in seinem Bistum herum, um es allenthalben gründlich kennen zu lernen. Er führte ein kluges, sanftes Regiment, predigte oft in den Städten und Dörfern, war leicht zugänglich, begegnete den Geringen menschenfreundlich, den andern zuvorkommend und erhöhte durch seine angeborene Leutseligkeit den Wert eines jeden Wortes, einer jeden Tat. Die Geistlichen nannte er seine Kinder und Brüder und behandelte sie dementsprechend. Auch sie bauten ihm eine Wohnung in ihren Herzen. Sein starkes Trachten und Streben, überall beliebt zu sein, hatte aber nie etwas Niedriges oder Erkünsteltes oder Unzeitgemäßes an sich. Er warb um jeden ganz nach seiner Eigenart. Man fand bei ihm leicht Gehör und schnelle, selbstlose Hilfe. Und alle, die in dieser großen Gemeinde unter ihm arbeiteten, beseelte derselbe Geist. Von Aufruhr oder Gewalttätigkeit fand man keine Spur. Überall bei ihm und um ihn herrschte äußerste Wohlerzogenheit. Während der Vormittage erledigte er zumeist Amtsgeschäfte. Da er einen scharfen, durchdringenden Verstand besaß und Tag für Tag, ohne Ausnahme, alle eingelaufenen Sachen persönlich durchsah, war seine Arbeit nie lang und schwer. Dann empfing er alle, die sich angemeldet, und darauf ging er beten. Er war in allem sehr pünktlich. Für gewöhnlich hielt er seine Andacht in seiner Kapelle, ausgenommen an Tagen, an denen er den Gottesdienst zu halten hatte oder durch irgend etwas veranlaßt war, anderswo zu beten. Nach seiner Rückkehr ging er zur Mittagstafel, stets in zahlreicher Gesellschaft. Er selbst aß wenig, saß aber um der anderen willen lange bei Tisch und entzückte durch seine Ungezwungenheit, seine Vielseitigkeit, seine natürliche und heitere Unterhaltungskunst. Niemals fiel ein Wort, das eines Kirchenfürsten oder eines Edelmannes unwürdig gewesen wäre. Nach Tisch verließ er seine Gäste bald, die er daran gewöhnte, sich zwanglos wie zu Haus zu fühlen. Er begab sich in sein Arbeitsgemach und arbeitete ein paar Stunden; bei schlechtem Wetter, und wenn ihn nichts von draußen rief, ziemlich lange sogar.

Nach der Arbeit machte er Besuche oder wanderte durch die Felder. Spaziergänge liebte er und dehnte sie gern aus. Hatte er weder niedrigen noch hohen Besuch im Hause, so ließ er sich von einem Vikar oder sonst einem Geistlichen begleiten und unterhielt sich mit ihm über die Gemeinde, über fromme oder wissenschaftliche Dinge. Oft machte er fesselnde Abschweifungen. Abends widmete er sich seinen Hausgästen. Wenn höhere Offiziere vorübergehend im Hause weilten, erschien er auch zur Abendmahlzeit, die immer sehr reichlich ausfiel. Er selbst aber aß noch weniger als zu Mittag. Vor Mitternacht legte er sich zur Ruhe. Obgleich bei ihm, wie in einem fürstlichen Schlosse, auf prunkvoller Tafel erlesene Gerichte aufgetragen wurden, so verriet doch alles, daß man sich bei einem Bischof befand, der trotz dieser Freiheit auf genaue Einhaltung der guten Sitte achtete. Er selbst gab das beste Beispiel dafür. Er war ein unerreichbares Vorbild, jederzeit, vom Scheitel bis zur Sohle, Kirchenfürst, Edelmann und der Verfasser des Telemach. Nie hörte man aus seinem Munde über den Hof oder die Geschäfte das geringste abfällige Wort, nie eine Herabsetzung, eine Klage oder eine Schmeichelei, nie irgendeinen Ausspruch, der an seine vergangene Stellung erinnerte oder Hoffnungen auf künftige Größe offenbarte. Sein weitläufiger Haushalt zeichnete sich durch musterhafte Ordnung aus. In seinem Bistum war alles im großen Stile geregelt. In Glaubenssachen ließ er jedem seine persönliche Freiheit.

Viele Jansenisten gehörten zur Gemeinde Cambrai. Sie schwiegen, und der Erzbischof ließ sie in Frieden. Er hätte auch die anderswo lebenden in Ruhe lassen sollen! Dazu jedoch war er aber ein zu eifriger Jesuitenfreund, einer, der zu viel von ihnen erhoffte. Er beschenkte seine auserwählte Herde, deren Herz, Seele, Leben und Weissager er war, gern von Zeit zu Zeit mit ein paar Schriften, die mit Feuereile von Hand zu Hand liefen und seinen Namen weithinein ins Land trugen. Er bekam schonungslose Erwiderungen von den Jansenisten. Und es muß zugestanden werden, daß der so scharf verurteilte Verfasser der Lebensregeln der Heiligen wirklich besser getan hätte, in Glaubenssachen zu schweigen. Sein Ehrgeiz war jedoch alles andre denn erstorben. Die Schläge, die ihm die Entgegnungen der Jansenisten brachten, erhöhten in den Augen seiner Freunde nur seine Verdienste. Und für die Jesuiten wurden sie zum Ansporn, alles zu unternehmen, um ihm die geistige Herrschaft in Kirche und Staat zu erringen. Diese ehrgeizige Hoffnung flackerte – als die stürmischen Zeiten ihrem Ende zueilten und des Dauphins Regierung heranrückte – stärker denn je in Fénelon. Er verbarg sie aber sorgfältig, wie schwer ihm das auch ward. Bossuet, der berühmte Erzbischof von Meaux, war heimgegangen; desgleichen Godet, der Erzbischof von Chartres. Der Staat hatte den Kardinal von Noailles eingebüßt. Pater Tellier war allmächtig. Diesen königlichen Gewissensrat sowie die fähigsten führenden Jesuiten hatte er für sich. Die gesamte Gesellschaft Jesu erklärte, daß sie ihm angehöre seit dem Tod des Paters Bourdaloue, des Paters Gaillard und einiger anderer seiner Gegner, die die Führer aus Klugheit in Ruhe gelassen hatten, um den König und Frau von Maintenon nicht gegen die ganze Körperschaft zu reizen. Nun waren jene Zeiten vorbei, und die ganze gewaltige Bruderschaft hielt zu ihm. Dazu hatten sich ein paar Gelegenheiten gefunden, bei denen der König nicht umhingekonnt hatte, Fénelon zu loben. Er hatte nämlich in einer Zeit der Teuerung seine Speicher für das Heer geöffnet, als dieses gerade völligen Mangel an Getreide hatte. Er hätte große Summen damit verdienen können, wenn er es, wie gewöhnlich, verkauft hätte. Er gab es unentgeltlich. Selbstverständlich blieb so etwas nicht verschwiegen. Zum ersten Male ward sein Name wieder vor dem König genannt. Der Herzog von Chevreuse besuchte ihn bald darauf und empfing ihn dann eines Tages in Chaulnes. Daß er das nicht ohne die stillschweigende Einwilligung des Königs tat, kann sich jedermann denken.

Die schmeichelhaftesten, hochfliegendsten Hoffnungen umgaukelten Fénelon. Er ließ die Saat wachsen. Reif ward sie freilich nicht. Der Dauphin starb unerwartet. Fénelon war vernichtet. Als kurz nachher auch der Herzog von Chevreuse die Augen für immer schloß, vertiefte sich seine Wunde. Und der Tod des Herzogs von Beauvillier machte sie unheilbar und warf ihn zu Boden. Sie waren ein Herz und eine Seele gewesen. Obgleich sie einander seit der Verbannung nicht gesehen, beherrschte Fénelon den Herzog doch von Cambrai aus bis in die letzten Kleinigkeiten. Der Tod des Dauphins war ein großer Schmerz für ihn. Gleichwohl verzweifelte er bei diesem Schiffbruche nicht. Sein Ehrgeiz lebte weiter und fand neue Nahrung. Sein Wesen hatte dem Herzog von Orleans stets zugesagt, und Herr von Chevreuse hatte zwischen den beiden ein Verhältnis der Freundschaft und Hochachtung angebahnt. Ich selbst hatte aus Verehrung für den Herzog von Beauvillier, der alles über mich vermochte, dazu beigetragen. Nach all diesen Verlusten und harten Prüfungen hoffte der Kirchenfürst noch immer. Seine Hoffnungen waren nicht schlecht begründet. Man weiß, was für Schritte ich für ihn bei dem Fürsten getan, auf Veranlassung der Herzöge von Chevreuse und von Beauvillier, und wie ich damit gewisse Erfolge gehabt habe. Die beiden Herzöge begeisterten sich auf das lebhafteste für ihn. Sie waren überzeugt, daß er am Staatsruder dem Staate wie der Kirche ungeheuerlich nutzbringend und förderlich sein müsse. Doch diese Hoffnungen sollten sich nie verwirklichen. Er hatte kein Vertrauen zu mir, was mir auch beide Herzöge bestätigten. Sein Mißtrauen wuchs nach ihrem Tode. Glaubte er, daß ich ohne ihren Zuspruch ihm gegenüber nicht mehr der alte sein würde? Ich weiß es nicht. Ich stand niemals in irgendeinem Verkehr mit ihm. Vor seiner Verbannung war ich zu jung, und darnach bot sich keine Gelegenheit dazu. Wie dem auch sei, sein schwacher Leibeszustand vermochte so vielen Sorgen und Schicksalsschlägen nicht zu widerstehen. Der Tod des Herzogs von Beauvillier versetzte ihm den letzten Schlag. Zwar erhielt er sich noch eine Zeitlang mit aller Anstrengung aufrecht, aber seine Kräfte waren dahin. Es ging ihm wie Tantalus. Das Wasser wich jedesmal zurück, wenn er seine brennenden Lippen öffnete, um seinen Durst zu stillen.

Auf einer kurzen Besichtigungsreise schlug an einer gefährlichen Stelle sein Wagen um. Niemand ward verletzt. Gleichwohl erregte dieser Unfall seine schwachen Nerven auf das äußerste. Als er nach Cambrai zurückkam, fühlte er sich nicht wohl. Es trat Fieber ein in heftigen aufeinanderfolgenden Anfällen. Es gab keine Hilfe mehr. Sein Verstand blieb bis zuletzt ungetrübt und klar. Er starb am 7. Januar 1715 zu Cambrai, inmitten seiner trauernden Gemeinde, an der Pforte zum Paradiese seiner Wünsche.

Der Sterbende hatte Kenntnis von dem sich immer verschlimmernden Zustande des Königs. Er wußte, daß er ihm sehr bald folgen werde. Um so mehr bekümmerte ihn das Schicksal seiner kleinen Herde. Es fiel ihm bitter schwer, zu gehen, aber alles das merkte man dem Sterbenden nicht an. Er beherrschte sich. Vielleicht aus Liebe für seinen guten Ruf, den er sein Leben lang sorglich gehütet. Vielleicht aus Seelengröße, die schließlich geringschätzt, was ihr unerreichbar ist. Vielleicht aus Überdruß an der trügerischen Welt. Vielleicht aus Frömmigkeit, die Gewohnheit und düstere Betrachtungen verstärkten. Er schien unempfindlich gegen alles, was er zurückließ, nur auf das gerichtet, was er dafür eintauschen sollte, ruhig, friedsam, bußfertig, innerlich frei. Seine letzten Gedanken galten seiner Gemeinde und himmlischen Dingen. Er war voller Zuversicht, die alle Furcht unterdrückt.

In diesem Zustande schrieb er dem König einen Brief über die kirchlichen Angelegenheiten seiner Gemeinde. Kein Wort stand darin über sich selbst. Er war 65 Jahre alt, als er, mit dem kirchlichen Viatikum versehen, starb. Sein Tod war eine gute Lehre für die Überlebenden und hinterließ die Erkenntnis, daß man einen großen Menschen verloren. In den Niederlanden war die Bestürzung allgemein. Fénelon hatte sogar die feindlichen Soldaten für sich gewonnen. Sie hatten ebensoviel Wohltaten von ihm empfangen wie die französischen. Ihre Generale und der Hof zu Brüssel erwiesen ihm allerlei Ehrenbezeugungen, Katholiken wie Protestanten. Überall in den Niederlanden ward er aufrichtig und allgemein betrauert.

Seine Freunde, vor allem seine vertrauten Anhänger, versanken in das tiefste, bitterste Leid. Mit einem Worte, Fénelon war ein Schöngeist und ein großer Mensch.

Ich habe mich ziemlich lange bei Fénelon aufgehalten, weil er ein Mann ohnegleichen war. Seine Fähigkeiten, sein Leben, sein Glück und Unglück, die Rolle, die er spielte, und das Aufsehen, das er verursachte, haben mich dazu bewogen. Auch bin ich der Meinung, daß ich ihm allein schon als dem Freunde des seligen Herzogs von Beauvillier besondere Beachtung schulde. Es war kein Wunder, wenn der Herzog so entzückt von ihm war, er, der nur die erhabenste Frömmigkeit in ihm sah und seinen Ehrgeiz nicht einmal argwöhnte.

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