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Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon

Louis de Rouvroy duc de Saint-Simon: Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobiography
authorLouis de Rouvroy, duc de Saint-Simon
titleAus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon
booktitleDer Hof Ludwigs XIV.
publisherInsel-Verlag
printrunZweite, vermehrte Auflage
editorWilhelm Weigand
year1922
translatorArthur Schurig
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131209
projectid189ea800
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1711
Monseigneurs Tod

Am Ostermittwoch begegnete Monseigneur auf der Fahrt nach Meudon einem Priester, der einem Kranken das Abendmahl brachte. Monseigneur und die Herzogin von Burgund stiegen aus und knieten vor dem Allerheiligsten nieder, und der Fürst erkundigte sich nach dem Kranken. Der Priester entgegnete, der Mann habe die Blattern, wie damals viele Leute in der Umgegend. Als Kind hatte Monseigneur einen leichten Anfall dieser Krankheit überstanden, die er sehr fürchtete. Des Priesters Auskunft flößte ihm deshalb großen Schrecken ein.

Der Tag verlief wie gewöhnlich. Am Abend sagte Monseigneur zu Boudin, seinem Leibarzt, er würde sich nicht wundern, wenn er die Blattern bekäme. Am Donnerstag, dem 9. April, stand Monseigneur auf, um sich zur Wolfshatz fertigzumachen. Beim Ankleiden überfiel ihn ein plötzlicher Ohnmachtsanfall, so daß er in einen Stuhl sank. Boudin ließ ihn wieder zu Bett bringen. Den ganzen Tag über hatte Monseigneur heftiges Fieber. Fagon unterrichtete den König nur flüchtig davon, so daß dieser glaubte, die Sache sei nicht von Bedeutung. Er begab sich nach der Mittagstafel nach Marly, wohin ihm Nachrichten aus Meudon zugingen. Der Herzog und die Herzogin von Burgund blieben zu Tisch in Meudon. Sie wichen nicht von Monseigneurs Lager. Die Prinzessin erfüllte ihre Pflicht als Schwiegertochter in der edelsten Weise; sie reichte Monseigneur alles mit eignen Händen. Ihr Herz ward nicht gestört von dem, was der Kopf ihr als möglich vorstellte. Sorglich und liebreich pflegte sie den Kranken, ohne Bedenken und ohne Verstellung. Auch der Herzog von Burgund erfüllte seine Pflicht auf das gewissenhafteste, obgleich alle Anzeichen auf die Blattern deuteten, die er selbst noch nicht gehabt hatte. Beide verließen Monseigneur nicht einen Augenblick. Sie entfernten sich erst am Abend, um an der Abendtafel des Königs teilzunehmen und ihm Bericht zu erstatten. Der König schickte am nächsten Morgen sofort einen Boten nach Meudon und erfuhr durch ihn, daß es sehr schlimm um Monseigneur stand. Am Abend vorher hatte er bei seiner Rückkehr aus Marly kundgetan, er werde sich nach Meudon begeben und während Monseigneurs Krankheit dort verbleiben, welcher Art sie auch sei. Er hielt sein Wort. Nach der Messe reiste er ab. Vorher verbot er seinen Kindern und allen, die die Blattern noch nicht gehabt, nach Meudon zu kommen. Dies geschah aus Güte. Allen andern stellte er es frei, ihm zu folgen. Du Mont Hyacinthe de Gauréaul, Herr du Mont, 1657 bis 1726, der Verwalter der Schlösser Monseigneurs. sandte einen Teil wieder nach Haus. Er brachte nur den Hofstaat des Königs unter und beschränkte dieses Gefolge auf die hauptsächlichsten Diensttuenden und die Minister – den Kanzler ausgenommen –, mit denen der König zu arbeiten hatte. Die Herzogin und die Prinzessin von Conti mit ihren Ehrendamen waren bereits vor dem König in Meudon. Sie waren die einzigen, die blieben. Sie nahmen an den Abendmahlzeiten teil, während der König, wie in Marly, allein speiste. Fräulein von Choin war seit Mittwoch anwesend. Frau von Maintenon begab sich immer nach der Mittagstafel mit der Herzogin von Burgund zum König. Majestät gestattete nicht, daß sie in Monseigneurs Nähe ging. Er schickte sie stets sofort wieder weg. So standen die Dinge, als ich einen Brief meiner Frau bekam. Ich hielt mich, wie immer zur Osterzeit, auf meinem Gute La Ferté auf. Noch waren die Blattern nicht bestimmt festgestellt, aber jedermann war überzeugt, daß es nichts anderes sein konnte. Die Ärzte vermuteten es.

Man wird begreifen, welchen Eindruck die Nachricht auf mich machte, wenn man bedenkt, wie ich zu Monseigneur und seinem engeren Kreise stand. Nach allem, was man mir über Monseigneurs Zustand mitteilte, mußte sich die Natur der Krankheit baldigst zeigen. Ich fühlte mich sehr wohl in Ferté und beschloß, die Nachrichten über den Verlauf des Tages dort abzuwarten. Ich schickte einen Boten zu meiner Frau und erbat mir Nachricht für den nächsten Tag. Der ganze Tag verging mir in einem Hin und Her der Gefühle. Der Mensch und Christ in mir regte sich gegen den Welt- und Hofmann. Eine unverhoffte Befreiung stand mir nahe, und aussichtsreich eröffnete sich mir die Zukunft. Der ungeduldig erwartete Bote traf am Sonntag Quasimodogeniti kurz nach Tisch in Ferté ein. Er vermeldete mir, die Ärzte hätten die Blattern festgestellt und alles ginge nach Wunsch. Ich glaubte das um so mehr, als ich erfuhr, daß Frau von Maintenon Sonnabend früh nach Versailles zurückgekehrt war. Sie hatte in Meudon ihre Gemächer nicht verlassen und als einzige Begleitung Frau von Dangeau gehabt. In Versailles hatte sie bei Frau von Caylus das Mittagsmahl eingenommen, wo sie die Herzogin von Burgund getroffen. In ziemlich vorgerückter Stunde erst war sie wieder nach Meudon gefahren. Ich hielt Monseigneur für gerettet und gedachte in Ferté zu bleiben. Schließlich folgte ich einer inneren Eingebung, wie ich dies mein Leben lang getan und mich dabei wohl befunden habe, und gab Befehl für meine Abreise zum nächsten Tage. Wirklich fuhr ich frühzeitig fort. In La Queue wurden die Pferde gewechselt. Das war vierzehn Wegstunden von Ferté und sechs von Versailles. Da trat der Finanzrat La Fontaine an meinen Reisewagen. Ich kannte ihn gut, denn ich hatte ihn oft in Ferté gesehen, wo er Senonches und andere dem verstorbenen Monsieur le Prince gehörige Güter verwaltete. Er war in Paris und Versailles gewesen und hatte mit ein paar Leuten der Herzogin von Burgund gesprochen. Monseigneur ging es nach seinem Berichte gut, ja, er war außer Gefahr. So kam ich nach Versailles, und meine Frau, sowie alle, die ich traf, bestätigten mir, daß augenblicklich nichts zu befürchten sei.

Ich schrieb von Versailles aus an den Herzog von Beauvillier nach Meudon und bat ihn, er möge dem König mitteilen, daß ich auf Grund von Monseigneurs Erkrankung nach Versailles zurückgekehrt sei und nach Meudon gekommen wäre, wenn mir das, da ich die Blattern noch nicht gehabt, des Königs ausdrücklicher Befehl nicht untersagt hätte. Er entledigte sich seines Auftrags und vermeldete nur, man sei mit dem Schritt, den ich getan, zufrieden und der König ließe mir sagen, weder ich noch Frau von Saint-Simon, die auch die Blattern noch nicht gehabt, dürften nach Meudon kommen. Ich war über dieses Sonderverbot nicht im geringsten betrübt. Den Mitgliedern seiner Familie überließ es der König, Krankenbesuche zu machen oder nicht. Madame erschien nicht. Nur die beiden jungen Prinzen wurden streng vor Ansteckung behütet, aus begreiflichen Gründen. Auch in Meudon gab es Gegensätze. Die Choin saß in ihrem Zimmer; sie wurde immer erst dann eingelassen, wenn sich der König und die Prinzessin von Conti zurückgezogen hatten. Die Prinzessin stellte es Monseigneur anheim, ob sie ihre Besuche bei ihm einschränken solle oder nicht. Gleich am ersten Morgen, als der König angekommen, gestand sie Monseigneur, sie habe, seitdem sie von seiner Erkrankung gehört, in Unruhe und Sorge gelebt. Aber sie wolle ihm mit ihrer Freundschaft nicht lästig sein. Er möge sie freimütig aus dem Zimmer schicken, wenn er ihre Gegenwart nicht länger wünsche. Und sie werde ihrerseits darauf bedacht sein, nur dann einzutreten, wenn sie sich vergewissert habe, daß sie ihn nicht störe. Monseigneur war entzückt über so viel Takt. Die Prinzessin hielt ihr Versprechen tatsächlich. Ohne eine Miene zu verziehen, ging sie gehorsam hinaus, sobald die Herzogin und die beiden Lothringer es ihr nahelegten. Und nicht im geringsten verletzt kehrte sie späterhin wieder zurück. Dafür mußte man sie wirklich loben.

Von Fräulein von Choin war bereits die Rede. Sie und der Pater Tellier spielten eine höchst merkwürdige Rolle in Meudon. Beide lebten sozusagen links liegengelassen, jedes auf sein Zimmer angewiesen, wo sie auch ihre Mahlzeiten aufgetragen bekamen. Jedes war nur für die sichtbar, mit denen sie unumgänglich zusammenkommen mußten. Und doch wußte jedermann um beider Anwesenheit im Schlosse. Der einzige Unterschied zwischen den beiden bestand darin, daß die Choin bei Monseigneur ein und aus ging, zu jeder Tages- und Nachtzeit, und sonst keinen anderen Raum betrat, während der Beichtiger beim König und überall Zutritt hatte, und nur die Zimmer mied, die Monseigneur und sein Gefolge bewohnte. Der König sah die Choin nicht, glaubte aber, Frau von Maintenon habe sie gesehen, und ließ eine Frage darüber fallen. Er erfuhr, daß dem nicht so sei, und zeigte sich sehr ungehalten darüber. Daraufhin ließ sich Frau von Maintenon vielmals bei Fräulein Choin entschuldigen und die Hoffnung aussprechen, daß sie sich baldigst sehen würden. Für Menschen, die miteinander unter einem Dache wohnten, war so viel Umständlichkeit doch wohl reichlich seltsam.

Ein anderes Bild zeigte Versailles. Am Hofe des Herzogs und der Herzogin von Burgund herrschte das regste Leben. Das war für mich gleichsam die Morgenröte einer besseren Zeit. Der ganze Hofstaat war auf den Beinen, und ganz Paris strömte herbei. Und da Besonnenheit und Vorsicht von jeher nicht zu den Grundtugenden der Franzosen gehören, erschien ganz Meudon. Man glaubte jedem ohne weiteres, wenn er versicherte, er habe an diesem Tage das Zimmer des Blatternkranken nicht betreten. Es fand das übliche Lever und Coucher statt. Die Damen kamen zur Mittags- und Abendtafel. Den Mahlzeiten schlossen sich allerlei unterhaltsame Dinge an. All dies und die Spazierfahrten boten Gelegenheit für jedermann, sich ins Licht zu setzen. Die Säle vermochten die Menge nicht zu fassen. Eilboten verkündigten aller Viertelstunden den befriedigenden Verlauf der Krankheit Monseigneurs und verbreiteten mit Leichtigkeit Hoffnung und Zuversicht. Ein jeder sehnte und bemühte sich, dem neuen Hof zu gefallen. Das junge Herzogspaar benahm sich mit Würde und heiterem Ernst, empfing jedermann aufs Verbindlichste und hatte für alle ein liebenswürdiges Wort. Die Menge fühlte sich geschmeichelt und befriedigt. Der Herzog und die Herzogin von Berry wurden ganz in den Hintergrund gedrückt. So verflossen fünf Tage. Man gedachte unaufhörlich der Möglichkeiten der Zukunft und versuchte, sich im voraus den Ereignissen anzubequemen.

Am Dienstag, dem 14. April, also am Tage meiner Ankunft in Versailles, hatte der König in Meudon schlechte Laune. Er hielt am Morgen Finanzrat ab, wie gewöhnlich, und am Nachmittag, gegen alles Herkommen, eine Beratung dringlicher Angelegenheiten. Als der Kanzler aus dieser Sondersitzung zurückkam, erkundigte ich mich bei ihm nach Monseigneurs Zustand. Er sagte, alles gehe gut, sogar über Erwarten gut, wie sich Fagon geäußert habe. Der Kanzler schien mir voller Vertrauen in des Leibarztes Ausspruch. Ich schenkte seinen Worten Glauben, um so mehr, als er, der sich vortrefflich mit Monseigneur stand, wohl um ihn besorgt sein mußte. Am selben Morgen gaben die Pariser Fischweiber, die ihre Anhänglichkeit bereits bei Monseigneurs früherer Erkrankung bezeigt hatten, einen neuen Beweis ihrer Treue. In einer langen Reihe von Mietskutschen fuhren sie nach Meudon. Monseigneur empfing sie. Sie warfen sich vor seinem Bett auf die Knie und küßten es. Glücklich, daß sich Monseigneur so wohl befände, riefen sie in ihrer Freude, ganz Paris werde mit ihnen jauchzen und sie wollten ein Tedeum singen lassen. Monseigneur war nicht unempfindlich gegen diesen Beweis von der Liebe des Volkes. Er sagte, solcher Jubel sei noch nicht angebracht. Dann dankte er ihnen und befahl, man solle ihnen das ganze Haus zeigen, ihnen ein Mittagsessen vorsetzen und sie mit Geldgeschenken entlassen.

Als ich vom Kanzler zurückkam, gewahrte ich beim Durchschreiten der Höfe die Herzogin von Orleans auf der Terrasse des Neuen Flügels. Sie rief mich an. Ich tat, als hörte und sähe ich sie nicht. Die Montauban Charlotte Bautru de Nogent, 1641 bis 1725, die in hoher Gunst bei Monsieur stand und von Saint-Simon (XII, 286 f.) als buckeliges Ungeheuer von bösartigstem Charakter geschildert wird. Sie war in zweiter Ehe (1681) mit dem Fürsten von Montauban vermählt. stand nämlich neben ihr. Ich hatte den Kopf voll von all den Nachrichten aus Meudon. Man brauchte den Neuen Flügel, in dessen Oberstock meine Wohnung lag, nur zu durchqueren, so gelangte man in die Gemächer des Herzogs und der Herzogin von Berry. Dort war für diesen Tag der Herzog und die Herzogin von Orleans nebst ein paar Damen zur Abendtafel gebeten. Auch meine Frau. Sie fühlte sich aber nicht ganz wohl und hatte sich entschuldigen lassen. Kaum befand ich mich in meinem Zimmer, allein mit Coëtanfao Seinem vertrautesten Freunde, »ami de tous temps«, wie er ihn XX, 219 nennt., als mir die Herzogin von Orleans angesagt ward, die die Zeit bis zur Mahlzeit mit mir verplaudern wolle. Ich empfing sie im Zimmer meiner Frau, die uns alsbald Gesellschaft leistete. Die Herzogin und ich, wir waren beide sozusagen selig, daß wir einander sehen und uns aussprechen konnten. Unsere Ansichten über Meudon gingen Hand in Hand. Seit einer Stunde erst war sie aus Meudon zurück, wo sie auch den König getroffen hatte. Sie teilte mir die nämlichen Worte Fagons mit, die ich vom Kanzler gehört. Sie erzählte, wie aufopfernd und pflichteifrig die Ärzte seien, daß sie alle erdenklichen Heilmittel anwandten, und was für Erfolge sie erzielten. Manches übertrieb sie. Ich will die Wahrheit gestehen: es tat uns beiden herzlich leid, daß Monseigneur bei seinem Alter und bei seinem Fett der Gefahr entrinnen sollte. Sie bemerkte betrübt, aber mit dem Witz und im Ton Mortemarts Siehe Einleitung S. 94 f., nach solch gründlicher Blutreinigung dürfe man auf keinen Schlaganfall mehr rechnen. Die Hoffnung auf eine neue Magenverstimmung sei zuschanden geworden, seitdem er seine kostbare Gesundheit den Ärzten anvertraut habe. Und das Ende vom Liede war, daß wir aus allem schlossen, der Fürst werde lange leben und auf den Thron gelangen. Und nun kamen allerlei Betrachtungen über die Folgen und Zufälle seiner dermaleinstigen Herrschaft und über die Wertlosigkeit eines Menschenlebens, das so wenig Gutes versprach. Kurz, wir taten uns keinen Zwang an. Zuweilen nur stahl sich ein leiser Gewissensbiß in unsere seltsame Unterhaltung, die von der Herzogin scherzend immer wieder in ihr altes Fahrwasser geleitet ward.

Meine Frau, fromm wie sie war, versuchte unsere gottlosen Reden immer wieder einzudämmen. Es fochten das Christentum und die natürliche menschliche Selbstsucht miteinander. Auf diese Weise vergingen zwei Stunden, ohne daß wir es merkten. Darauf begab sich die Herzogin zur Abendtafel zu ihrer Tochter, und wir gingen in mein Zimmer, wo sich inzwischen eine gemütliche Gesellschaft eingefunden hatte, die mit uns zu Abend aß.

Während man in Versailles und sogar in Meudon unbesorgt war, änderte sich alles mit einem Schlage. Der König hatte Monseigneur ein paarmal besucht, der sich ob dieser Beweise von Zuneigung freute. Am Nachmittag, als der König vor der Ratssitzung bei dem Kranken war, fiel ihm dessen ungewöhnlich angeschwollenes Gesicht auf. Er empfahl sich bald und hatte beim Hinausgehen Tränen im Auge. Man beschwichtigte ihn, soviel man konnte, und nach der Sitzung erging er sich im Park. Inzwischen war Boudin stutzig geworden, denn Monseigneur hatte die Prinzessin von Conti nicht erkannt. Monseigneur selbst hatte von Anfang an nicht gar viel Hoffnung gehabt. Die Hofleute kamen der Reihe nach in das Krankenzimmer. Die ihm am nächsten Stehenden verließen es Tag und Nacht nicht mehr. Unablässig fragte er, ob man sich bei dieser Krankheit in der Regel so wohl fühle wie er. Manchmal schöpfte er Hoffnung auf Leben und Gesundheit aus ihren Antworten. Der Prinzessin von Conti gestand er aber eines Tages, daß er sich seit langem sehr elend fühle und es nur nicht zeigen wolle. Am Gründonnerstag schon sei eine solche Schwäche in ihm gewesen, daß er während der heiligen Handlung kaum sein Gebetbuch in den Händen habe halten können. Gegen Vier Uhr nachmittags verschlimmerte sich sein Zustand. Boudin machte Fagon den Vorschlag, fremde Hilfe hinzuzuziehen. Er stellte ihm vor, daß es ihnen als Hofärzten, die es nie mit wirklichen Seuchen zu tun hätten, an Erfahrung in solchen Fällen mangele. Deshalb drang er in ihn, Ärzte aus Paris herbeizurufen. Fagon geriet in Zorn, wollte keine Vernunft annehmen und weigerte sich entschieden, anderen ärztlichen Beistand zuzulassen. Es käme nur zu Meinungsverschiedenheiten und Gezänk, meinte er. Sie seien genau so gut und erprobt wie jeder andere Arzt. Er bestand sogar darauf, Monseigneurs Zustand geheimzuhalten, obgleich der sich so offenbar verschlimmerte, daß gegen sieben Uhr schon ein paar Diener und Hofleute aufmerksam wurden. Aber Fagon hielt alle im Bann. Keiner wagte, dem König oder der Frau von Maintenon Andeutungen zu machen. Selbst die Herzogin und die Prinzessin von Conti hatten nicht den Mut dazu und versuchten sich zu beruhigen. Unglaublicherweise beschloß man, den König nicht vor der Abendtafel zu benachrichtigen, um ihn nicht aufzuregen. Da weder Fagon noch sonst wer ein Wort verlor, glaubte Majestät, Monseigneurs Zustand sei zufriedenstellend, obgleich er ihn am Nachmittag so verändert gefunden und darüber sichtlich betroffen gewesen war. Er aß in aller Ruhe. Im Krankenzimmer aber verlor man den Kopf. Der Kranke mußte Arznei über Arznei einnehmen. Man gönnte ihm nicht einmal die Zeit, auf ihre jeweilige Wirkung zu warten. Wie jeden Abend kam der Pfarrer von Meudon zu dem Kranken. An diesem Abend fand er gegen alles Herkommen die Türen offen und die Dienerschaft in Verwirrung. Er trat ein, sah, wie es stand, lief an das Bett, faßte Monseigneurs Hand und redete ihm von Gott. Monseigneur war bei Besinnung, konnte aber kaum sprechen. Trotzdem entlockte ihm der Geistliche eine Art Beichte und sagte ihm darauf Worte der Buße vor. Der arme Fürst sprach ein paar Worte deutlich nach, die nächsten unverständlich, und dann schlug er gegen seine Brust, drückte dem Priester die Hand und schien von Reue erfüllt. Gelassen empfing er die Vergebung der Kirche. Indessen saß der König noch bei Tisch. Da kam Fagon und rief ihm zu, es sei keine Rettung mehr. Der König ward ganz starr, und Entsetzen erfaßte alle ob dieses gewaltsamen Überganges von Unbesorgtheit zu höchster Befürchtung.

Kaum hatte sich der König einigermaßen erholt, so eilte er nach dem Krankenzimmer. Kurz wies er die Hofleute ab, die ihn zurückzuhalten gedachten. Er wolle seinen Sohn noch einmal sehen, rief er, koste es, was es wolle. Gerade, als er in das Zimmer treten wollte, kam die Prinzessin von Conti heraus, die sofort nach der Abendtafel hineingeeilt war. Sie ließ den König nicht hinein, sondern schob ihn mit den Händen zurück und sagte ihm, er habe jetzt an nichts zu denken denn an sein eigenes Wohl. Da sank der König, wie von einem Schwächeanfall gepackt, auf ein Sofa an der Tür nieder. Jeden, der herauskam, fragte er um Auskunft. Kaum einer wagte zu antworten. Beim Herausgehen – seine Gemächer lagen über denen von Monseigneur – hatte er nach dem Pater Tellier geschickt, der schon zu Bett gegangen war, sich aber schleunigst wieder angekleidet hatte und unten erschienen war. Zu spät, wie alle behaupteten. Um den König zu beruhigen, gab er jedoch vor, dem Schwerkranken regelrecht die Absolution erteilt zu haben. Frau von Maintenon kam, setzte sich zum König auf das Sofa und rang nach Tränen. Sie versuchte, den König wegzuführen. Die Wagen warteten schon im Hofe. Er war aber nicht zu bewegen, seinen Platz zu verlassen, solange Monseigneur noch lebte, der ohne Besinnung lag. Der Todeskampf währte eine Stunde. Die Herzogin und die Prinzessin von Conti bemühten sich um den Sterbenden und ebensoviel um den König. Die Ärzte standen beschämt und kleinlaut da, die Dienerschaft war kopflos, und durch die Reihen der Höflinge lief dumpfes Flüstern. Der letzte Augenblick war vorüber. Fagon kam und verkündigte Monseigneurs Verscheiden. Der König war von Schmerz erfüllt. Er grollte Fagon, der die Schuld daran trug, daß sein Sohn ohne Beichte gestorben war. Dann ging er, und mit ihm entfernten sich Frau von Maintenon und die beiden Prinzessinnen. Das Gemach lag zu ebener Erde. Als er in den Wagen steigen wollte, erkannte er, daß es Monseigneurs Reisekutsche war. Er winkte mit der Hand, man solle einen andern Wagen vorfahren lassen. Trotz seines Leids vergaß er der Gegenwart nicht. Er trug Pontchartrain Dem Sohn des Kanzlers. auf, seinen Vater und die übrigen Minister auf den nächsten Tag, nicht zu frühzeitig, nach Marly zu beordern. Er wollte Staatsrat halten, wie jeden Mittwoch. Ich erläutere dieses Zeichen von Kaltblütigkeit nicht, sondern begnüge mich zu erwähnen, daß alle Umstehenden, und die davon erfuhren, auf das peinlichste verwundert waren. Pontchartrain entgegnete, es handle sich nur um laufende Sachen, und so könne man die Sitzung auf den übernächsten Tag verschieben, um den König zu schonen. Der König gab seine Einwilligung. Gebeugt stieg er in den Wagen, auf beiden Seiten gestützt. Frau von Maintenon nahm neben ihm Platz. Die Herzogin und die Prinzessin von Conti setzten sich auf den Rücksitz. Eine Anzahl Hofbeamte warf sich, als der König davonfuhr, an der Hofmauer entlang auf die Knie und flehten um Erbarmen. Durch Monseigneurs Tod waren sie brotlos geworden.

Während Meudon voller Schrecken war, blieb in Versailles alles unbesorgt und ahnungslos. Nach der Abendtafel verließen uns unsere Tischgäste bald. Meine Frau machte sich fertig zur Nachtruhe, und ich plauderte mit ihr. Da kam ganz verstört ein Kammerdiener von der Herzogin von Berry und vermeldete, es sei schlimme Botschaft aus Meudon eingetroffen. Der Herzog von Burgund habe dem Herzog von Berry eine mündliche Nachricht zugehen lassen, bei deren Anhören sich des Herzogs Augen gerötet hätten. Er sei sofort vom Tisch aufgestanden und hinausgegangen. Eine zweite Botschaft sei gekommen, bei der die ganze Tischgesellschaft in die Höhe gefahren und in des Herzogs Zimmer verschwunden sei. Dieser plötzliche Wechsel überraschte mich auf das höchste. Ich lief ungesäumt zur Herzogin von Berry, wo ich keine Menschenseele antraf. Alles war bei der Herzogin von Burgund. Also eilte ich dahin und fand ganz Versailles dort versammelt, die Damen zum großen Teil schon im Nachtkleide. Die Türen standen offen. Es herrschte allgemeine Kopflosigkeit. Ich erfuhr, Monseigneur habe die Letzte Ölung erhalten, er sei ohne Bewußtsein und rettungslos verloren. Der König wolle die Herzogin in Marly sprechen. Sie solle ihn in der Allee zwischen den Marställen erwarten. Trotz des Aufruhrs in meiner Seele und aller Aussichten, die sich vor meinem Geist auftaten, nahm ich das Bild in mir auf, das sich mir bot. Die beiden Prinzen und beiden Prinzessinnen waren im Gemach hinter dem Alkoven. Das Ankleidezimmer der Herzogin füllte der verstörte Hof. Sie selbst ging zwischen den beiden Räumen hin und her und wartete auf den Augenblick, der sie zum König führen sollte. Ihre Haltung drückte Erregung und Mitgefühl aus, die jedermann als Schmerz deutete. Hier und da ließ sie ein paar Worte fallen. Ich betrachtete die Umstehenden. Es bedurfte keiner Kenntnis des Hofes; nur Augen mußte man haben, um auf jedem Gesicht deutlich zu lesen, was für und wieviel Anteil am Geschehenen ein jeder hegte. Hier Ruhe, dort Schmerz und Trauer; anderswo Anstrengung, um heimliche Freude zu verbergen. Mich durchwallten die verschiedensten Regungen. Sogar des Tages gedachte ich, an dem sich auch mir dereinst die Pforte des Todes auftun wird. Über alle Einflüsterungen christlicher Nächstenliebe aber siegte mein Jubel ob meiner unverhofften Befreiung. Und es dünkte mich, als hätte das ganze Land – ebenso wie ich – bei diesem Verluste nur gewonnen. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ein Rest von Furcht, der Kranke möge am Ende doch davonkommen, nicht ganz von mir wich. Ich ließ meiner Frau sagen, es sei angebracht, daß sie käme. Dann vertiefte ich mich wieder in die Menschengesichter um mich herum. Nichts entging meinen verstohlen-neugierigen Augen. In den ersten Augenblicken großer Erregung können sich die Leute so selten beherrschen. Da zeigen sie ihr wahres Wesen, und es kommen Gefühle zum Vorschein, die sie bei ruhigem Blut im Tiefinnersten geheimhalten. Man muß nur verstehen zu beobachten. Die Herzogin von Orleans kam. Auf ihrem unbewegten hoheitsvollen Gesicht war nichts zu erkennen. Sie ging in das Kabinett hinein und kam bald danach wieder heraus mit dem Herzog von Orleans, dessen geschäftiges und hastiges Gebaren darauf schließen ließ, daß ihn die Außendinge mehr erregten denn ein innerliches Erlebnis. Beide entfernten sich. Ein paar Augenblicke später gewahrte ich den Herzog von Burgund mit äußerst bewegter und schmerzlicher Miene an der Türe zum Kabinett. Ich sah ihn forschend an und entdeckte nichts von wahrer Trauer, nur die Einseitigkeit eines bestürzten Geistes. Die Dienerschaft jammerte schon laut. Man erkannte daraus, wie viel sie verloren. Gegen Mitternacht liefen Nachrichten vom König ein, und alsbald kam die Herzogin mit dem Herzog aus dem kleinen Gemache. Er sah jetzt mehr erschüttert aus denn vorher und zog sich augenblicklich wieder zurück, nachdem die Herzogin Schleier und Hut genommen und mit kaum feuchten Augen das Zimmer unbewegt durchschritten. Nur ein paar verstohlene Blicke verrieten ihren Zustand. Ihre Damen begleiteten sie über die Haupttreppe in den Wagen. Ich brannte vor Begierde, die Herzogin von Orleans zu sprechen, und begab mich Spornstreichs nach ihren Gemächern. Sie war bei Madame. Somit ging ich dahin und fand sie gerade im Begriff, aufzubrechen. Sie sah sehr ernsthaft aus und forderte mich auf, sie in ihre Wohnung zu begleiten. Der Herzog blieb. Wir gingen in ihr Zimmer, wo sich auch die Herzogin von Villeroy, die Marschallin von Rochefort und fünf bis sechs gute Freundinnen einfanden. So viel Gesellschaft war mir zuwider; auch die Herzogin empfand sie als lästig. Sie ergriff einen Leuchter und entfernte sich in das Nebengelaß. Ich flüsterte der Herzogin von Villeroy, die meine Gefühle über das Ereignis teilte, ein paar Worte zu. Sie gebot mir leise, mich zu beherrschen. So hüllte ich mich in Grabesschweigen, während alles um mich herum seufzte und klagte. Da kam der Herzog von Orleans und rief mich. Ich ging mit ihm in sein Arbeitszimmer hinunter. Er war halb ohnmächtig. Und mir zitterten die Knie vor Erregung über alles, was ich in den letzten Stunden gesehen und durchlebt. Wir saßen einander gegenüber, und auf einmal erblickte ich zu meinem größten Erstaunen, wie ihm die Tränen aus den Augen stürzten. »Monsieur!« rief ich, aufspringend in höchster Verwunderung. Er verstand mich augenblicklich und erwiderte mit vom Weinen halberstickter Stimme: »Sie wundern sich mit Recht. Wundre ich mich ja selbst über mich. Aber, sehen Sie, die Sache ergreift mich doch. Ich habe mein Leben an seiner Seite verbracht, und er war gut zu mir und freundschaftlich, solange man ihn hat machen lassen, was und wie er wollte. Ich weiß, daß meine Trübsal nicht lange dauern wird. In ein paar Tagen habe ich mich getröstet. Vorläufig aber erheben Blut und Verwandtschaft und Nächstenliebe ihre Stimme und erschüttern einen im Innersten.« Ich ehrte diese Gefühle, vermochte aber mein Erstaunen nicht zu unterdrücken, wenn ich bedachte, wie schlecht er sich mit Monseigneur gestanden hatte. Er stand auf, ging in einen Winkel und weinte und schluchzte bitterlich. Wäre ich nicht Augenzeuge gewesen, so hätte ich es nie für möglich gehalten. Nach einigem Schweigen bat ich ihn, sich zu ermannen. Ich stellte ihm vor, daß wir zur Herzogin zurückkehren müßten und daß man sich dort, wenn man ihn verweint sähe, unendlich lustig über ihn machen und seinen Schmerz für eine Komödie halten werde, weil jedermann wisse, wie groß die Spannung zwischen ihm und Monseigneur gewesen. So gab er sich redliche Mühe, den Tränen Einhalt zu tun und seine Augen zu kühlen. Er war noch dabei, als man ihm vermeldete, die Herzogin von Burgund sei zurück und die Herzogin von Orleans werde sich zu ihr begeben. Er wollte die Herzogin begleiten, und ich schloß mich den beiden an.

Die Herzogin von Burgund hatte in der Allee nicht lange auf den König zu warten brauchen. Als sein Wagen herangekommen, trat sie an den Wagenschlag. Aber Frau von Maintenon rief ihr zu: »Nicht zu nahe. Wir könnten Sie anstecken.« Ich weiß nicht, wie sich der König dabei benahm. Er küßte sie nicht. Sie eilte alsdann zu ihrem Wagen und fuhr sofort zurück.

Fagons Schweigsamkeit über Monseigneurs Zustand hatte alle Welt aufs Vollkommenste getäuscht. Der Herzog von Beauvillier zum Beispiel war aus der Sondersitzung nach Versailles gefahren und dort sogar über Nacht geblieben, was er seit Monseigneurs Erkrankung nie getan. Er war ein Frühaufsteher und ging deshalb immer gegen Zehn Uhr zu Bett. Auch an jenem Abende hatte er sich so zeitig niedergelegt, ohne jedwede Ahnung. Nach kurzer Zeit schon ward er aus dem Schlafe geweckt und zur Herzogin von Burgund gebeten. Er traf etwas eher dort ein denn sie selbst. Sie fand die beiden Prinzen und die Herzogin von Berry im kleinen Gemache, wie sie sie verlassen. Dazu den Herzog von Beauvillier. Man umarmte einander. Der Herzog von Beauvillier fand das Zimmerchen eng zum Ersticken und führte die vier in den der Galerie angrenzenden Saal. Die Fenster wurden geöffnet, und die beiden Fürsten nahmen mit ihren Gemahlinnen auf dem Sofa Platz. Rundherum, stehend oder sitzend, der Hof; alles ziemlich verstört. Die Damen des engsten Hofstaates hockten am Sofa oder in der Nähe auf dem Fußboden. Überall konnte man Gesichter studieren. Monseigneur war nicht mehr. Das wußte man. Davon sprach man. Niemand legte sich um seinetwillen noch Zwang auf. Gerade diese Augenblicke verrieten die natürlichen Gefühle der einzelnen. Die Vorräume tönten wider vom Schluchzen der Dienerschaft, die der Verlust dieses Herrn, der wie für sie geschaffen war, in Verzweiflung stürzte.

Es waren auch welche unter ihnen, die ihre Herrschaften herbegleitet hatten. Man erkannte aus dem Gebaren der meisten, wem sie dienten. Die anschließenden Zimmer füllte die Schar der Hofleute. Die große Mehrheit, ich meine die geistig Armen, lobte unter mühsam erpreßten Seufzern Monseigneurs Güte und bemitleidete den König, der so viel mit diesem Sohne verliere. Durchtriebenere begannen schon Besorgnis über des Königs Gesundheit an den Tag zu legen. Sie taten sich etwas darauf zugute, bei allem Durcheinander sogar Gedanken für derlei übrig zu haben. Andere, die der Todesfall wirklich angriff, weinten herzbrechend oder hemmten ihre Tränen, wenn auch mit sichtlich großer Anstrengung. Die Klugen hielten sich im Hintergrund, in den Winkeln, mit auf den Boden gehefteten Blicken, und überdachten die Folgen, die das unerwartete Ereignis für sie selbst haben mochte. Überall ward nur wenig geredet. Nirgends hörte man eine Unterhaltung, nur hie und da einen Ausruf, den der Schmerz einem entriß, und eine Antwort darauf vom Nachbar. Einsilbigkeit, dunkle oder scheue Blicke, wenig Gesten, allgemeine Unbeweglichkeit. Unter den Anwesenden gab es nur wenige, die unbesorgt und aus bloßer Neugier da waren. Dazu ein paar Hohlköpfe, die unablässig leise schwatzten und andre damit belästigten.

Die, denen das Ereignis Vorteil brachte, mochten sich noch so ergriffen und ernst stellen: wer gute Augen hatte, durchschaute sie und entdeckte hinter dem Schleier das eigentliche Gesicht. Ebenso bewegungslos wie die Ergriffensten waren so manche, bei denen niemand erraten sollte, was sie dachten und wie sie sich freuten. Aber ihre Augen wurden zu Verrätern. Sie wechselten ab und zu den Platz, gingen einander aus dem Weg und vermieden sogar, den Blicken der anderen zu begegnen. Aber eine gewisse Freiheit in ihrem Auftreten, ein trotz aller Verstellungskünste nicht zu verbergendes Aufleuchten hin und wieder, das machte sie kenntlich. Die beiden Prinzen nebst Gemahlinnen waren den Blicken am meisten ausgesetzt. Der Herzog von Burgund weinte in aufrichtiger Ergriffenheit stille Tränen, die ihm die Natur und seine Frömmigkeit entlockten. Auch der Herzog von Berry vergoß reichliche Zähren. Sie waren sozusagen blutig, so bitterlich klang sein Weinen. Das war schon kein Schluchzen mehr. Er schrie. Er heulte laut. Augenblicke der Stille traten ein, aus Erschöpfung. Hinterher jammerte er um so fassungsloser, und die meisten stimmten – angesteckt – in das Geheul ein. Schließlich mußte man ihn an Ort und Stelle entkleiden und die Ärzte zu Hilfe rufen. Die Herzogin von Berry war außer sich. Man wird bald erfahren XXI, 83 f. Als Schwiegertochter des Thronerben und Gegnerin der Herzogin von Burgund verlor sie durch den Tod Monseigneurs viel von ihrem Einfluß am Hofe. Saint-Simon entwirft ein abschreckendes Bild von der Tochter seines Freundes, des späteren Regenten, dem man übrigens unnatürliche Beziehungen zu seiner eigenen Tochter nachsagte., aus welchem Grunde. Die bitterste Verzweiflung malte sich auf ihren Zügen. Wütender Schmerz war geradezu darauf eingegraben. Er redete aber nicht von Anteil, sondern von Selbstsucht. Erst saß sie trockenen Auges da; dann folgte ein Strom von Tränen, den unwillkürlich Gesten begleiteten, die einen außergewöhnlichen Schmerz andeuteten. Diese Ausbrüche waren die Früchte vorangegangener Überlegung. Die Schreie ihres Mannes rissen sie aus der Beschäftigung mit sich selbst. Sie umarmte ihn, stützte ihn, gab ihm ihr Riechfläschchen, kurz, kümmerte sich um ihn auf das sorglichste. Und dann kam wieder der Tränenstrom. Die Herzogin von Burgund sprach ihrem Manne Trost zu. Sie selbst war nicht sehr trostbedürftig. Wenn sie auch nicht gerade heuchelte, so merkte man doch, daß sie zumeist nur aus einem Gefühl der Schicklichkeit Zeichen der Trauer von sich gab. Sie gebrauchte häufig ihr Taschentuch und besaß viel Geschicklichkeit, sich damit die Augen zu röten, sie schwellen zu lassen und auf ihrem Gesicht ein paar Tränen herauszuwischen, wenn das Weinen der anderen sie ansteckte. Verstohlen aber sandte sie Blicke über die Versammlung und musterte den einzelnen. Kühl und unbewegten Antlitzes, als habe sich nichts Besonderes ereignet, stand der Herzog von Beauvillier in der Nähe der Fürstlichkeiten, um deren Wohl bedacht. Obgleich die Türen für jedermann geöffnet waren, ließ er nur wenig Leute ein. Die Herrschaften sollten möglichst ungestört sich selbst belassen bleiben. Um alles kümmerte er sich ohne Hast, ohne Übereilung. Es war, als sei er beim gewöhnlichen Lever auf seinem Posten. Er bewahrte seine Gemütsruhe unveränderlich. Sein Schmerz war nicht groß, und er machte kein Hehl daraus. Madame erschien in großer Toilette, heulte laut, umarmte alle und netzte sie mit ihren Tränen. Ein merkwürdiges Bild, diese Fürstin in Staatsgewändern, mitten in der Nacht, wie sie mit einer Anzahl Damen in Nachtkleidern um die Wette schrie und heulte! Die Herzogin von Orleans hatte sich mit ein paar Damen in der Nähe des Kamins niedergelassen, mit dem Rücken nach der Galerie. In ihrer Nähe war Schweigen. Ihre Damen zogen sich nach und nach zurück, und machten ihr damit die größte Freude. Es blieben nur die Herzoginnen von Sforza und von Villeroy, Frau von Castries und meine Frau bei ihr. Dicht bei einem Zeltbette für die Schloßwache plauderten sie, die allesamt den Todesfall mit den gleichen Augen ansahen, zwanglos über das Ereignis. Solcher Zeltbetten waren im Saal und überall eine Menge aufgestellt. Schon vor den ungünstigen Nachrichten aus Meudon standen sie da. Auf einmal, inmitten der Unterhaltung, fuhr Frau von Castries, die überhaupt sehr schreckhaft war, entsetzt in die Höhe. Sie war an das Bett gestoßen, und das hatte sich bewegt. Im nächsten Augenblick erschien ein starker nackter Arm, der die Zeltwand in die Höhe schob, und man sah einen verschlafenen dicken Schweizer. Verdutzt schaute er drein, und es dauerte geraume Zeit, ehe er begriff, wo und unter wessen Augen er sich befand. Er sah alle der Reihe nach an, hielt es aber schließlich doch nicht für passend, sich in so vornehmer Gesellschaft zu erheben, verkroch sich unter seine Decken und ließ die Wand wieder herunter. Allem Anschein nach hatte sich der gute Mann niedergelegt, ehe die Todesbotschaft ins Schloß gelangte, und hatte bis zu diesem Augenblick fest geschlafen. Vom Erhabnen zum Lächerlichen ist oft nur ein Schritt.

Ich wollte noch immer nicht recht an die Tatsache glauben, obgleich alles dafür sprach, was meine Augen sahen. Der Zufall führte mir Herrn Von O in den Weg. Ich fragte ihn. Er berichtete mir, daß Monseigneur tot war. Nun wußte ich es genau und versuchte, mir meine Befriedigung nicht anmerken zu lassen. Ich weiß nicht, ob mir das sehr gut gelang. So viel ist gewiß, daß weder Schmerz noch Freude in mir waren. Ich benahm mich so, wie es die Umstände erheischten, ohne jedoch große Trauer zu heucheln. Leichteren Herzens als in jener Stunde, da die Herzogin von Burgund den König in der Allee erwartete, musterte ich die zahllosen Anwesenden, die wirklich Trauernden und die Gleichgültigen. Selbst für den genauen Kenner des höfischen Lebens gibt es angesichts eines nicht alltäglichen Ereignisses eine Fülle fesselnder Erscheinungen zu beobachten. Jedes der vielen Gesichter verrät einem die Sorgen, Mühen und Machenschaften, die in all den Glücksjägern ihr Wesen treiben; die Ränke, die sie ersonnen und in Taten umsetzen möchten, um sich zu behaupten und den andern Gruben zu graben; Kriecherei, Haß, Falschheit und tausend Gemeinheiten. Ich fand Genuß an diesen Studien und verhehlte es keineswegs. Ich fühlte mich erlöst, wie neugeboren, und ich wußte, daß es den Besten in dieser Menge Menschen ebenso wie mir erging. So sah ich eine Zeitlang eifrig dem Schauspiele zu, das in den verschiedenen Zimmern der geräumigen, lärmerfüllten Wohnung aufgeführt ward. Das Durcheinander dauerte eine gute Stunde. Einzig die Herzogin von Lude war nicht erschienen; sie lag gichtkrank im Bett. Schließlich fand es Herr von Beauvillier für angemessen, die beiden Prinzen von den lästigen Zuschauern zu befreien. Er machte den Vorschlag, der Herzog und die Herzogin von Berry möchten sich in ihre Gemächer zurückziehen, und ersuchte die Anwesenden, die Wohnung der Herzogin von Burgund zu räumen. Er fand sofort Gehör. Der Herzog von Berry ging, von der Herzogin gestützt, hinaus, und mit beiden meine Frau und eine Handvoll anderer Menschen. Ich folgte von weitem. Er war dermaßen gebrochen, und die Herzogin ebenso, daß Ärzte, die mit allem versehen waren, bei ihnen wachen mußten. Die Nacht ging hin unter Tränen und Geschrei. Mitunter erbat der Herzog Nachricht aus Meudon. Warum der König sich nach Marly begeben, das wollte ihm nicht in den Kopf. Ein andermal fragte er, ob es denn gar keine Hoffnung mehr gäbe. Er wollte Boten um Nachricht ausschicken. So blieb er bis in die Morgenstunden. Erst da gelang es, den Schleier von seinen Augen zu heben. Es ist dies ein Beispiel dafür, wie schwer es der Natur und der Eigenliebe fällt, sich ins Unvermeidliche zu fügen. Und als er endlich die nackte Tatsache begriff, da warf sie ihn in einen Zustand, der jeder Beschreibung spottete. Die Herzogin umhegte ihn auf das sorgsamste, obgleich sie sich in nicht viel besserer Verfassung befand. Der Herzog und die Herzogin von Burgund hatten eine ruhigere Nacht. Sie legten sich ziemlich gefaßt nieder. Frau von Levis flüsterte der Herzogin zu, sie habe keine Ursache, betrübt zu sein; infolgedessen wäre es nur abscheulich, wenn sie Komödie spiele. Darauf erwiderte sie sehr schlicht: sie mache nichts vor. Ihr Mitgefühl sei echt, und die nächtliche Szene habe sie angegriffen. Sie werde sich stets in den Grenzen der Schicklichkeit halten. Sie hielt Wort. Ein paar Palastdamen verbrachten auf ihren Wunsch die Nacht in ihrem Schlafgemach, in Lehnsesseln. Der Vorhang am Bett blieb zurückgezogen. Bald lag der Raum im Banne des Traumgottes. Der Fürst und die Fürstin entschlummerten sofort und erwachten nur ein- oder zweimal für einen Augenblick. Am Morgen standen sie zeitig und ohne besondere Umstände auf. Der Born ihrer Tränen war versiegt; selten nur und schwach flossen sie zuweilen noch, wenn Gelegenheit sie hervorrief. Niemand verwunderte sich, als die Palastdamen, die gewacht hatten, diese Einzelheiten erzählten. Monseigneur war nicht mehr; also regte sich keine Menschenseele darüber auf.

Meine Frau und ich, wir blieben noch zwei Stunden beisammen, nachdem wir den Herzog und die Herzogin von Berry verlassen hatten. Vernunft mehr denn Bedürfnis hießen uns schließlich, uns niederzulegen. Ich schlief wenig. Um sieben Uhr morgens war ich schon wieder auf den Beinen. Eins freilich muß eingestanden werden: schlaflose Nächte solcher Art sind eine Lust, und Erwachen solcher Art ein Hochgenuß.

In Meudon herrschte Entsetzen. Kaum war der König fort, so drängten alle Hofleute in die Wagen und rasten davon. Im Handumdrehen war Meudon leer. Fräulein von Lillebonne und Fräulein von Melun stiegen zu Fräulein Choins Klause hinauf, die gerade den ersten unheimlichen Anfall von Raserei bekam. Sie hatte von nichts gewußt. Niemandem hatte etwas daran gelegen, ihr trübe Nachrichten zu überbringen. Erst der Lärm hatte sie über ihr Unglück aufgeklärt. Ihre beiden Freundinnen schleppten sie in eine Mietskutsche, die zufällig noch dastand, stiegen mit ein und brachten sie nach Paris.

Pontchartrain suchte Voysin auf, ehe er wegfuhr. Er hatte Mühe, daß man ihm die Tür öffnete. Voysin schlief fest. Er hatte sich völlig ahnungslos niedergelegt und war nun wie vom Donner gerührt. Schlimmer erging es dem Grafen von Brionne. Er und seine Leute waren in größter Zuversicht eingeschlafen. Niemand hatte ihrer gedacht. Beim Erwachen fiel dem Grafen die Grabesstille im Hause auf. Er wollte Auskunft haben, aber es war kein Mensch zu sehen. Wie ein Blitz durchzuckte ihn da die Erkenntnis dessen, was geschehen war. Eine Menge niederer Angestellter von Monseigneur und ihr Anhang irrten während der ganzen Nacht im Park umher. Eine Anzahl Hofleute hatte sich vereinzelt zu Fuß aus dem Staube gemacht. Es war eine allgemeine Auflösung und Zerstreuung. Ein Diener oder im allerhöchsten Falle zwei blieben bei der Leiche, dazu – was rühmend hervorgehoben werden muß – von allen Hofbeamten als einziger: La Vallière. Er hatte Monseigneur im Leben stets treu zur Seite gestanden. Er verließ ihn auch im Tode nicht. Es kostete ihm unsägliche Mühe, einen Boten zu finden, der die Kapuziner holte, die die Totenwache halten sollten. Die Luft war so schnell und so stark verpestet, daß es nicht genügte, die Fenstertüren zu öffnen. La Vallière, die Kapuziner und ein paar von der Dienerschaft, die nicht geflohen, mußten im Freien verbleiben. Im Verwaltungsgebäude saßen Du Mont Hyacinthe du Mont (1647 bis 1726), 1687 Stallmeister des Königs, dann dasselbe beim Dauphin, seit 1706 Schloßhauptmann von Meudon. und sein Neffe Casaus in tiefstem Schmerz. Sie hatten alles verloren. Ein Leben voll rastlosen Eifers, voller Dienstfertigkeit und voller Arbeit, dessen Halt schmeichelhafte und berechtigte, immer von neuem gefaßte Hoffnungen gewesen, das war mit einem Schlage vernichtet. Du Mont war am Morgen kaum imstande, die notwendigsten Anordnungen zu treffen. Er tat mir in der Seele leid, dieser eine.

Jedermann hatte sich in größte Zuversicht gewiegt. Niemand erwartete den König in Marly. Somit fand er nichts in Ordnung. Die Schlüssel fehlten. Dazu war kaum ein Wachslichtstümpfchen aufzutreiben, geschweige eine Kerze. Es dauerte länger denn eine Stunde, ehe Ordnung geschaffen war. Der König wartete derweilen mit Frau von Maintenon in deren Vorzimmer. Die Herzogin war bei ihnen, auch die Prinzessin von Conti und die Damen von Dangeau und von Caylus. Diese beiden waren von Versailles herbeigeeilt, um in der Nähe ihrer Tante zu sein. Taktvoll verweilten sie nur hin und wieder einen kurzen Augenblick im Raume. Das Gefolge, das nacheinander ankam, begab sich in den Saal, in gleicher Hilf- und Ratlosigkeit. Man tastete und tappte im Dunkel herum. Alle Schlüssel fanden sich verwechselt oder von der bestürzten Dienerschaft verlegt. Da steckten die Verwegensten ihre Nase in das Vorzimmer, Frau von Espinoy allen voran. Und bald stand die ganze Gesellschaft drinnen, von Neugier getrieben und vom Wunsch, der König solle ihren Eifer bemerken. Er saß in einem Winkel zwischen Frau von Maintenon und den beiden Fürstinnen. Er weinte anhaltend. Da ward endlich Frau von Maintenons Zimmer aufgeschlossen. Das befreite den König von der Zudringlichkeit der Leute. Er betrat allein mit Frau von Maintenon das Gemach und blieb daselbst eine Stunde. Dann legte er sich zu Bett, gegen vier Uhr morgens. Jetzt durfte sie aufatmen und konnte sich endlich auf sich selbst besinnen. Sobald der König zur Ruhe gegangen, wurden die anderen alle untergebracht. Bloin verkündete ihnen, er sei beauftragt zu fragen, wer in Marly Unterkunft begehre. Man habe sich an ihn zu wenden. Er werde den König davon unterrichten und hernach die Auserwählten vom Ergebnis in Kenntnis setzen.

Monseigneur war eher groß als klein, sehr beleibt, aber nicht dick zu nennen. Er sah vornehm und rassig aus und durchaus nicht bäurisch. Man hätte sein Gesicht höchst gewinnend finden können, wenn seine Nase es nicht verunziert hätte, die ihm Prinz von Conti beim Spiel zerhauen, als sie beide noch Kinder waren. Er hatte wunderbar blondes Haar, ein volles gesundrotes, aber ausdruckloses Gesicht, bestgeformte Beine und auffallend magere kleine Füße. Sein Gang war zögernd, unsicher. Er ließ sich stets führen, sobald der Weg nicht ganz glatt und eben war. Zu Pferde machte er eine vorzügliche Figur. Ein wirklich guter Reiter war er jedoch nicht. Auf der Jagd mußte Casaus vor ihm herreiten, und er war hilf- und ratlos, wenn er diesen Begleiter aus den Augen verlor. Er ritt selten anders denn in kurzem Galopp. Öfters wartete er unter irgendeinem Baume und sah zu, wie sich die Jagd entwickelte. Dann ritt er dem Feld langsam nach oder kehrte einfach um. Die Genüsse der Tafel hatte er hochgeschätzt, aber ohne Feinschmeckerei. Seit jener ernstlichen Magenverstimmung, die man in der ersten Bestürzung für einen Schlaganfall gehalten, ließ er sich nur eine einzige wirkliche Mahlzeit am Tage auftragen. Er zwang sich zur Mäßigkeit, obgleich er, wie alle Mitglieder der Königlichen Familie, ein starker Esser war. Beinahe alle Bildnisse, die von ihm vorhanden, sind gut getroffen. Charakter besaß er gar nicht. Verstand war leidlich vorhanden. Geist fehlte ihm, was in der Testamentsangelegenheit des Königs von Spanien zutage trat. Würde und Hoheit besaß er von Natur und durch sein stattliches Äußeres. Zudem ahmte er den König nach. Er war grenzenlos steifnackig und ein Mischmasch von seelischen Schwächen, was ihn sein Leben lang zu manch niedriger Handlung führte. Aus Bequemlichkeit und einem gewissen Grad von Beschränktheit war er sanftmütig. Im Kerne seines Wesens aber war er hart. Sein zur Schau getragenes Wohlwollen galt nur Unterbeamten und Dienern und offenbarte sich nur in Dingen, durch die er sich mit ihnen geradezu unfaßlich vertraut machte. Gegen Not und Leid andrer war er vollkommen stumpf, vielleicht mehr aus Gedankenlosigkeit und Nachahmungskoller denn aus Bösartigkeit. Er war unglaublich schweigsam und infolgedessen tief verschwiegen. So meinte man, er habe zur Choin niemals von Staatsangelegenheiten geredet. Schwerfälligkeit auf der einen und Furcht auf der andern Seite machten den Fürsten beispiellos zurückhaltend. Bei alledem verzehrte ihn beinahe die Ruhmsucht, was an einem Kronprinzen immer etwas spaßig wirkt. Überall und jederzeit paßte er wie ein Luchs auf, daß man sich ja keine der ihm gebührenden Ehrenbezeigungen schenkte. Hierin war er rasend eifersüchtig. Fräulein Choin warf ihm einmal seine Schweigsamkeit vor; da erwiderte er: Worte von Leuten seiner Art fielen sehr ins Gewicht, da jedermann sie auf die Goldwage lege; mit einer einzigen Unüberlegtheit könne man schwer wieder gutzumachendes Unheil über sich heraufbeschwören; deshalb zöge er oft das Schweigen dem Reden vor. Meiner Ansicht nach tat er es mehr aus Faulheit und Stumpfsinn. Jener treffliche Grundsatz, den er übertrieb, war offenbar das Beste von dem, was ihm vom König oder vom Herzog von Montausier eingepaukt worden war. In seinen persönlichen Angelegenheiten war er sehr gewissenhaft. Eigenhändig führte er Buch über seine Ausgaben. Er wußte, was ihn die geringsten Dinge kosteten, obgleich er Unsummen verschleuderte für Bauten, Möbel, Schmuck aller Art, für seine Reisen nach Meudon und die Wolfshatzen, für die er sich eine besondere Vorliebe hatte einschwatzen lassen. Er spielte gern hoch. Seitdem er sich jedoch auf das Bauen geworfen, begnügte er sich mit mittelmäßigen Einsätzen. Bis auf ein paar seltene Fälle, wo er Kammerdienern und wenigen sonstigen Angestellten ein Ruhegeld ausgesetzt, und bis auf die Almosen an den Pfarrer und die Kapuziner in Meudon, war er ein Erzgeizkragen. Der Choin, die er doch wahrhaftig sehr liebte, gab er – so unglaublich es klingt – nicht mehr als 1600 Louisdors im Jahre. Er zahlte sie stets persönlich aus, niemals einen Goldfuchs zu viel und niemals einen zu wenig. Alle halben Jahre gab es noch eine kleine Zugabe in Gold oder Silber. Am liebsten hätte er ihr noch etwas abgezwackt. Man muß der Choin Gerechtigkeit widerfahren lassen und zugeben, daß sie unmöglich selbstloser sein konnte. Vielleicht war sie so uneigennützig, weil sie wußte, daß man mit Monseigneur gar nicht anders auskam; vielleicht war auch ihre Natur so. Letzteres ist um so mehr anzunehmen, als ihr übriges Leben dafür spricht. Ob Monseigneur wirklich mit ihr verheiratet war, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Selbst Leute, die sehr eingeweiht waren, haben das bestritten.

Aus dem, was wir über Monseigneurs Geist gesagt, geht hervor, daß ihm die vortreffliche Schulung durch den Herzog von Montausier und durch die Bischöfe von Meaux und Nîmes, Bossuet und Fléchier, nicht viel genützt hatte. Charles de Saint-Maure, zuerst Marquis und dann Herzog von Montausier, 1610 bis 1690, war Gouverneur des Dauphins gewesen. Bossuet wurde 1670 nach dem Tode Pérignys, des ersten Erziehers des Thronerben, zu dessen Lehrer ernannt. Fléchier, 1632 bis 1710, der Autor der »Grands Jours d'Auvergne« (Einleitung S. 79), war zweiter Lehrer Monseigneurs. Seine geringe Begabung – wenn davon überhaupt die Rede sein kann – ward durch eine strenge, harte, gewalttätige Erziehung vollständig vernichtet. Diese Härte war auch die Ursache seiner großen Schüchternheit und seiner Abneigung gegen jede Art von geistiger Betätigung. Er gestand selbst ein, daß er, den Händen seiner Lehrer entwachsen, nie mehr in seinem Leben etwas anderes gelesen habe als die Spalte über Paris in der Gazette de France, um daraus die Todesfälle und Heiraten zu erfahren. Seine Unbeholfenheit, die harte Jugend, seine vollständige Unwissenheit und Unbegabtheit, alles trug dazu bei, ihn mit Angst vor dem König zu erfüllen, der seinerseits nichts unterließ, diese Furcht zu schüren und zu vergrößern. Er zeigte sich ihm stets als der König, ganz selten als Vater, und auch da nur immer als seine Majestät der Vater, sogar in den vertrautesten Augenblicken, die buchstäblich bloß Augenblicke waren. Daß er unter vier Augen mit ihm sprach, kam kaum vor. Immer waren die Bastarde und Dienerschaft zugegen. Freiheit und Ungezwungenheit gab es also nicht. Zwang und Ehrfurcht waren seine gewohnten Fesseln. Er durfte sich nichts herausnehmen, sich kein Recht anmaßen, während er mit ansehen mußte, wie der Herzog von Maine es täglich mit Erfolg tat. Und die Herzogin von Burgund hatte jederzeit freien Zutritt und durfte aufs vertrauteste plaudern und sich die äußersten Zutraulichkeiten erlauben. Die Eifersucht gegen sie fraß in ihm. Seinen Gesichtskreis erweiterte das aber nicht. Ihm fielen niemals so geistreiche Dinge ein wie dem Herzog von Maine, und er stand ja auch nicht mehr im Alter der Herzogin von Burgund, der man ihre Kindereien nachsah, weil sie alles mit dem Schleier der Anmut umhüllte. Er war der Sohn und Nachfolger, und gerade darum war der König unbeugsam und hielt ihn unter der Fuchtel. Nicht einen Funken von Einfluß hatte er bei dem König. Neigte er zu irgendeinem Menschen hin, so bekam der Betreffende sehr bald von andrer Seite einen scharfen Gegenstoß zu spüren. Unablässig war der König bemüht, die Ohnmacht des Sohnes zu bekunden. Keinem einzigen von allen, die diesem in besonderer Weise huldigten, hat er je eine Gunst erwiesen, nicht einmal den Pagen, obgleich er sie selbst ausgewählt und ernannt hatte und zornig gewesen wäre, wenn sie Monseigneur nicht auf das ergebenste gedient hätten. Ich zähle Antin nicht dazu, der eine Ausnahmestellung innehatte, und auch Dangeau nicht, der nur dem Namen nach Page Menin, d. h. Edelknabe und Spielgenosse des Dauphins. war, der zum König hielt und dessen Frau eine der besten Freundinnen der Frau von Maintenon war. Die Minister wagten nicht, sich Monseigneur zu nähern, dem es seinerseits nie einfiel, sich an sie zu wenden. Stand sich einer von ihnen oder von den Häuptern des Hofes gut mit ihm, so verbarg es der Betreffende sorgfältig, und Monseigneur ließ es geschehen. Kam der König dahinter, so sah er es als Kabale an. Man galt dann als verdächtig und war dem Untergang geweiht. Der Marschall von Luxemburg ist aus diesem Grunde vom Hofe entfernt worden, wohin ihn nichts zurückzuführen vermochte, weder sein Amt noch alle Erfolge, die er an der Spitze der Heere errang, noch alle Schmeicheleien und Erniedrigungen, zu denen er sich herabließ. Wenn Monseigneur von irgend jemandem um seine Fürsprache angegangen ward, erwiderte er deshalb stets offen, das sei der sicherste Weg, sich ins Verderben zu stürzen. Zuweilen sind ihm über diese Behandlung bittere Klagen entschlüpft, vor allem, wenn er soeben eine neue Abfuhr vom König eingestrichen hatte. Bei seiner letzten Ankunft in Meudon, woher er nicht zurückkehren sollte, war er dermaßen aufgebracht über die Verweigerung einer ganz geringfügigen Sache, die er für Casaus (von dem ich es erfahren) erbeten, daß er diesem Schwur, nie in seinem Leben werde er sich je wieder für irgendwen solcher Gefahr aussetzen. In seinem Ärger vertröstete er ihn auf bessere Zeiten, die ja eines Tages kommen müßten. So viel hatte er noch niemals zu sagen gewagt. Nebenbei bemerkt, man ersieht hieraus, daß er – genau wie Monsieur – voller Groll gegen den König in den Tod ging. Seit Jahren nahm er an den Staatsangelegenheiten teil, ohne jedoch im geringsten Einfluß zu haben. Er kannte sie. Das war alles. Seine Gleichgültigkeit und vielleicht auch sein geringer Verstand veranlaßten ihn, sie sich immer so fern wie möglich zu halten. Im Staatsrat fehlte er nie, während er selten den Beratungen über Finanz- und innere Angelegenheiten beiwohnte, zu denen er auch Zutritt hatte. Zu den persönlichen Arbeiten des Königs ward er nicht zugezogen. Kein Minister hielt Vortrag bei ihm. Nur die aller wichtigsten Neuigkeiten wurden ihm mitgeteilt. Kein General und keiner, der von einem auswärtigen Amte zurückkehrte, hatte sich bei ihm zu melden. Man streute ihm also keinen Weihrauch. Er besaß kein großes Ansehen. Er war abhängig bis zum Tode. Er durfte keinen Schritt tun, ohne vorher den König davon zu unterrichten, was genau so viel bedeutete, wie ihn um Erlaubnis fragen. Deshalb fühlte er sich wenig wohl am Hofe. Er erfüllte seine Pflichten als Sohn und Hofmann mit immer gleicher regelmäßiger Pünktlichkeit, ehrerbietig und rücksichtsvoller denn ein gewöhnlicher Untertan. Daher kam es, daß ihn Meudon und die Freiheit, deren er sich dort erfreute, in Entzücken versetzte. Er merkte wohl, daß der König dieses Sichentfernen nicht gern sah, besonders in jenen Sommern, als der Krieg ohnehin den Hof lichtete. Aber der Prinz tat, als sähe er nichts. Er schränkte weder die Zahl seiner Reisen nach Meudon noch ihre Dauer ein. Nach Versailles ging er selten mit. Und wenn ihn ein Aufenthalt in Marly zu lang dünkte, brach er einfach auf und ging nach Meudon. Viel Zärtlichkeit für den Vater kannte sein Herz demnach offenbar nicht. Ihm Hochachtung, Verehrung und Bewunderung zu zollen und ihn nachzuahmen, wo immer sich eine Gelegenheit bot, das versäumte er indessen nie, schon aus Angst und Sorge nicht. Man behauptet, der Gedanke, er könne den König verlieren, sei ihm furchtbar gewesen. Es ist möglich, daß er irgendeinmal so etwas geäußert hat. Es wäre jedoch ein starker Widerspruch zu allem, was wir bis jetzt über sein Verhältnis zum König berichtet haben.

Aus allen diesen Einzelheiten geht hervor, daß Monseigneur ohne große Laster und Tugenden war, ohne Geist und ohne Wissen, und durchaus unfähig, sich Bildung anzueignen. Wir sehen ihn träge, einbildungsarm, unschöpferisch, ohne Geschmack, ohne Urteilskraft, für die Langeweile geboren, mit der er andere ansteckte, kurzum als einen Hampelmann, der sich bewegte, je nachdem es anderen gefiel, ihn zu bewegen. Er war maßlos dickköpfig und kleinlich. Er ließ sich ungeheuer leicht etwas vormachen und glaubte alles, was er sah. Er war den verderblichsten Händen ausgeliefert, merkte es aber gar nicht und hätte sich auch nicht daraus befreien können. So verbrachte er seine Tage in Fett und Stumpfsinn. Er wäre – obgleich ohne jeden Willen, Böses zu tun – ein höchst gefährlicher Herrscher geworden.

Da er an den Blattern gestorben und eine Übertragung der Krankheit zu befürchten war, hielt man eine Öffnung seiner Leiche für unnötig und gefährlich. Die einen sagen, die Grauen Schwestern wuschen und kleideten ihn. Andere behaupten, die Schloßbohner, und wieder andre, die Bleigießer, die den Sarg brachten. Man warf ein altes Leichentuch über ihn, und niemand, außer den wenigen Getreuen: La Vallière, ein paar Unterbeamten und den Kapuzinern von Meudon, betete bei dem Leichnam. Keine Aufbahrung. Kein feierlicher Lichterschein. Nur ein paar Kerzen. In der Mitternacht vom Dienstag zum Mittwoch war er gestorben. Am Donnerstag ward er in einem königlichen Wagen, der nicht ein einziges Abzeichen der Trauer trug und aus dem man das vordere Fenster entfernte, damit der Sarg hineinging, nach Saint-Denis überführt. Der Pfarrer von Meudon und der diensthabende Kaplan stiegen mit in den Wagen. Ein andrer königlicher Wagen, ebenfalls ohne Trauerabzeichen, folgte. Im Vordersitz saßen der Herzog von Trémoïlle, der erste Kammerherr, und Herr von Metz, der oberste Militärgeistliche. Im Rücksitz: Dreux, der Zeremonienmeister, und der Abbé von Brancas, damals Feldgeistlicher bei Monseigneur, später Bischof von Lisieux, ein Bruder des Marschalls von Brancas. Einige Gardes-du-corps, Dienerschaft und vierundzwanzig königliche Pagen trugen Fackeln. Dieser schlichte Leichenzug verließ Meudon um die Sechste oder siebente Abendstunde, nahm den Weg über die Brücke von Sèvres, durch den Park von Boulogne und die Ebene von Saint-Ouen und erreichte schließlich Saint-Denis, wo der Tote ohne jede Feierlichkeit in der königlichen Gruft beigesetzt ward. So endete ein Fürst, der fünfzig Jahre lang andere hatte Pläne entwerfen lassen, während er am Fuße des Thrones ein zurückgezogenes, beinahe dunkles Dasein führte. Nichts erinnert an ihn, ausgenommen sein Meudon und ein paar Verschönerungen, die er schuf. Er war ein leidenschaftsloser Jäger, ein tatenloser Wollüstling, ehedem ein hoher Glücksspieler um des Gewinnes willen. Seitdem er baute, verließ er die Spieltische, pfiff im Salon zu Marly in irgendeiner Ecke, trommelte mit den Fingern auf seiner Tabaksdose herum, starrte alle, ohne jemanden wirklich zu sehen, mit großen Augen an, redete nicht, vergnügte sich nicht, ja fühlte nichts und dachte nichts. Trotz alledem war er infolge seiner Würde der Ausgangspunkt, die Seele, das Leben jener seltsamsten, schrecklichsten, tiefgeheimsten, trotz aller Unterabteilungen einigsten Partei, die seit dem Pyrenäischen Frieden bestanden hat und die das Ende der Unruhen besiegelte, die aus der Minderjährigkeit des Königs erwuchsen. Ich habe mich so lange bei diesem problematischen Fürsten aufgehalten, weil man ihn nur aus Einzelheiten kennen lernen kann. Wollte man sie alle aufführen, so fände man kein Ende. Aber es ist eine überaus fesselnde Sache, in das Leben eines Fürsten einzudringen, der so wenig bekannt war, der nie etwas bedeutete, der so lange vergeblich auf die Krone wartete, bis die Saite sprang und damit Hoffnungen, Furcht und Pläne zerrissen.

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