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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Lügenohr

In den ersten Lebensjahren war er der prächtigste Junge des ganzen Städtchens. Unnahbar und unfaßbar für falsche Menschen, war er für Eltern und Geschwister, und alle, die ihn wirklich lieb hatten, der lebendige Sonnenschein. Und so sicher war man, daß er sich niemals in den Leuten täuschte, daß die Lügner sagten, er habe eine Witterung wie ein Hund; seine Mutter aber wußte, er habe ein Lügenohr.

Als er in die Schule kam, da machte ihm das Lügenohr viel zu schaffen. Er glaubte immer zu hören, ob die Lehrer etwas Wahres lehrten oder etwas Gelerntes. Das Wahre behielt er, das Falsche vergaß er und lachte noch dazu. Daß zum Beispiel eine Präposition den Akkusativ »regiere«, das glaubte er nicht, und merkte sich's darum nicht. Auch die sieben römischen Könige konnte er sich nicht merken. So wurde er bei seinen Lehrern unbeliebt und hieß ein schlechter Schüler.

Als ein Lehrer aber eines Tages erklärte, Tiere und Pflanzen seien allein um des Menschen willen geschaffen worden, da lachte der Junge hellaut auf. Dafür erhielt er auch sofort eine furchtbare Maulschelle.

Er fiel hin und ein durchsichtiges Heuschrecklein flog aus seinem linken Ohr. Er wurde recht krank, und als er wieder genas, hatte er Ohren wie andere Leute. Nur etwas taub war er links geworden, und so war er bald der Erste der Klasse.

Er blieb nun ein musterhafter junger Mensch bis in die Zeit hinein, da ihm ein braunes Bärtchen um Lippen und Wangen sproßte. Er glaubte alles und war beliebt bei hoch und nieder.

Eines Mittags wanderte er über Feld und legte sich in der heißen Stunde wegmüde hinter einen Heuhaufen. Er dachte an gar nichts. Da sprang ihm plötzlich etwas wie ein durchsichtiges Heuschrecklein, nicht größer als ein Marienkäferchen, auf den Rücken seiner rechten Hand und stöhnte zum Steinerbarmen. Der junge Ekel, der damals noch einen viel hübscheren Namen hatte, fragte mitleidig wie und wo und was, und erfuhr vom Heuschrecklein, daß es verdammt sei zugrunde zu gehen, wenn es nicht in der Ohrmuschel eines Sonntagskindes mit den und den Eigenschaften wohnen dürfe. Es kenne aber auf der ganzen Welt nur ein Sonntagskind mit den und den Eigenschaften, eben ihn, na kurz und gut, er hieß damals noch Hans. Und das Heuschrecklein bitte ihn inständig und erbärmlich, es doch wieder bei sich aufzunehmen; es sei damals bei der Ohrfeigengeschichte hinausgeschleudert worden. Hans werde freilich mit dem Heuschrecklein im Ohr wieder jede Lüge vernehmen, aber dafür wolle ihm das Heuschrecklein Gold und Ruhm verleihen, bergehoch.

»Ei,« rief Hans, »an Gold und Ruhm ist mir nichts gelegen; aber ein Lügenohr besitzen, das möchte ich wohl wieder.«

»Ich will dich auch Zaubereien lehren, die Menschen zu berücken und die Sterne zu sehen,« bat das Heuschrecklein noch erbärmlicher.

»So sei doch still, du kleiner Narr,« rief Hans. »Ich will ja nichts von dir! Brauchst keine Miete zu zahlen. Komm nur! Du bist mir ein lieber Gast.«

Da hatte Hans wieder sein Lügenohr und wurde der Ekel. Er zog in der Welt umher, und die Leute sahen es ihm an, daß er sie lügen hörte, lügen, wenn sie sich auch verstellten und Eide leisteten. In keiner Stadt konnte er darum lange bleiben. Bald mied man ihn wie einen Büttel.

Er aber war dem Heuschrecklein dankbar für alle seine Gaben. Die Zauberei und das Sterngucken war über alle Maßen schön, auch Gold und Ruhm war nicht zu verachten; aber das Lustigste war ihm doch das Lügenohr.

Was immer die Menschen sprachen, was immer sie taten und wie sie auch blickten, das Heuschrecklein in seiner Ohrmuschel zirpte seine stille Melodie, und der Ekel hörte, daß sie logen, logen mit Worten, Taten und Blicken. Der Ekel zog von Land zu Land und lachte wie der Sonnenschein und freute sich auf die Heimkehr. Denn es gefiel ihm wohl, daß alle Leute in der Fremde logen, und daß er, zurückgekehrt zu seinen lieben Genossen, Kurzweil zu erzählen haben würde aus der Fremde.

Lange blieb er fort. Braun und lang war sein Bart, und je drei weiße Haare hielten schon rechts und links Wache an seinen Schläfen, als er zurückkam in die Heimat zu seinen lieben Genossen.

Es erschreckte ihn nicht gleich, als es da hieß: »Der Ekel ist wieder im Land.« Denn er hatte Gold und Ruhm mitgebracht, bergehoch, und das Zaubern und Sternegucken war immer noch eine Freude. Und als seine Lieben und Genossen sein Gold und seinen Ruhm wahrnahmen, da nannten sie ihn auch wieder Hänschen. Er freilich hörte sie Ekel sagen.

Von dieser Stunde an wurden täglich zwei Haare weiß auf seinem Kopf, eins zur Rechten und eins zur Linken, und seine Lieben und Genossen logen, logen so vielemal am Tage, als sie Worte sprachen am Tage. Er wollte fliehen, aber er konnte nicht. In der Wogenbrandung und im Sturmgebrüll, im Feuerlärm und im Getöse der Schlacht, wohin er ging, überall hörte er das Zirpen des Heuschreckleins. Und wenn in der Volksversammlung ein tausendstimmiger Zuruf der Begeisterung erscholl, so hörte der Ekel noch das leise Zirpen.

Sein Haupt war halb weiß, halb braun, da traf er ein Weib, das schaute ihn verlangend an, verlangend nach Ruhm und Gold, nach Zauberei und Sterngucken und verlangend nach des Ekels Leib. Da endlich verstummte das Zirpen für eine Stunde, für eine gute Stunde.

Laut lachte der Ekel auf und hing dem Weibe die Zauberei und das Sterngucken in ihre Ohren, warf ihr Ruhm und Gold in den Schoß und schloß sie in seine Arme und hatte sie lieb, sehr lieb. Täglich eine Stunde schwieg sie und sah ihn verlangend an; dann verstummte das Zirpen und der Ekel ruhte aus und brauchte nicht zu fliehen vor seinem eigenen Lügenohr.

Täglich eine Stunde ruhte er aus. Dann aber kam ein Tag, da gebar das Weib ein Kind, das sah aus wie alle Kinder, und das Weib blickte ihn nicht mehr verlangend an und schwieg nicht mehr, und er hörte so viele Lügen, als Worte kamen aus ihrem Mund.

Nächtelang sprach der Ekel mit dem Heuschrecklein und bat um Armut, Elend und Taubheit. Das aber zirpte leise weiter in seinem Lügenohr, und er hörte jetzt schon Tiere lügen, die Haustiere, seinen Hund, seine Katze, seinen Star.

Da kaufte sich der Ekel ein kleines Schießgewehr und schoß nacheinander den Hund tot, die Katze tot und den Star. Jedesmal zögerte er lange. Darüber wurde das letzte Haar auf seinem Kopfe weiß, und er nahm noch einmal das kleine Schießgewehr und zögerte nicht und schoß das Heuschrecklein tot in seinem Lügenohr.

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