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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die heilige Jadwiga

Die Herzogin Jadwiga von Polen war eine tugendliche Frau, hatte auch in allen Züchten ihrem Ehegemahl, dem Herzog, niemals ein Kind geboren. Der Herzog war ein gar zornmütiger Mann, hätte lieber eine minder tugendsame Frau gehabt und zog vor Ärger über sein leeres Haus in den Türkenkrieg. Seinen Vetter ließ er als Statthalter zurück, einen argen Mann, dem das Herzogtum wohl gefiel und vielleicht auch die Frau Herzogin. Die widmete sich, währenden Krieges, gänzlich den Werken der Barmherzigkeit. In einem Kloster der kleineren Brüder war eine Siechenanstalt eingerichtet worden, wo gar mancher wackere Geselle auf Genesung hoffte oder sich sterben legte, wenn er aus dem Kriege wund bis nach Hause gekehrt war. Geduldig wie eine Leibeigene, fromm wie eine Klosterfrau, sorgsam wie ein Arzt, freundlich wie eine Fürstin pflegte sie der Kranken, Tag und Nacht, unermüdlich. Gott möchte es irgendwann dem Herzog lohnen, sagte sie. Eines Tages, eben zur Vorfeier des heiligen Pfingstfestes, brachte man einen Jüngling in das Hospital, der trotz seiner argen Schwäche stattlich und fast verwogen dreinsah und mit leiser Stimme keck daherredete, als hätte er zu befehlen. Nur für wenige Tage sollte man ihn herbergen, dann wollte er auf das Schloß seines Herrn Vaters wieder heimreiten. In einem wilden Gemetzel, drunten am Draveflusse, war ihm sein Roß erschossen worden; er war zu Boden gestürzt, und da hatte ein Heidenpferd ihm mit den Hufen die Brust verletzt. Ein wenig nur. Acht Tage Bärenhaut und dann heidi! Der heilkundige Bruder aber hatte das Blut im Tüchlein geprüft und gab dem munteren Gesellen nur noch wenige Tage. Darum und weil er ein edler junger Fant war, wurde ihm ein eigenes kleines Gemach angewiesen, das auf den Fluß und die lenzhelle Landschaft hinausblicken ließ.

Als die Herzogin Jadwiga am Abend desselbigen Tages an sein Bette trat, um ihm das verordnete Tränklein zu reichen, starrte der Jüngling sie an, schwieg seine Worte hinunter und faltete die Hände. Wußte aber nicht, daß es die Fürstin war. Tagüber scherzte er leise auch in Gegenwart der Fürstin. Da sie am zweiten Abend an sein Bette trat, schwieg er wieder seine Worte hinunter, faltete die Hände und starrte sie an, wie man zu einem Gnadenbilde schaut.

Am dritten Tag erfuhr er von einem eifrigen Mönch, daß er hier und bald sterben sollte. Und erfuhr, daß es die Herzogin war, die ihn so huldreich pflegte. Da sie nun nach Sonnenuntergang an sein Bette trat, um ihm das Tränklein zu reichen, da sah sie, wie der junge Geselle sich rasch mit einem seinen Tüchlein über die Augen wischte. Dann aber starrte er sie wieder an, doch anders, daß sie ihn nicht gleich verstand. Wieder faltete er die Hände, aber er entfaltete sie darauf und streckte sie nach der Barmherzigen aus, sehnsüchtig, verlangend, lachend mit heimlicher Trauer. Und er schwieg seine Worte nicht hinunter und flüsterte: »Bevor ich sterbe! So jung!«

Er hatte das Tränklein lächelnd genommen. Sie stand aufrecht neben ihm und verstand ihn noch immer nicht. Doch die Dämmerung wurde tiefer und tiefer; und als es ganz finster geworden war im Gemach, da verstand sie auf einmal seine traurig lachenden, um das Leben betrogenen Augen. Seine Bitte: »Bevor ich sterbe! So jung!« Langsam fuhr sie mit der rechten Hand nach der Achselschnalle, und ruhig begann sie sich zu entkleiden. Still und fromm, als wäre sie allein wie vor Jahren in ihrem Mädchenzimmer, legte sie Stück für Stück sorgsam auf eine Kante. Ohne zu zögern, zog sie Schuhe und Strümpfe ab und dann das Hemd von holländischem Leinen, betete ein Vaterunser und legte sich still zu dem Knaben ins Bette. Der murmelte etwas in einer fremden Sprache. Wie eine Lobpreisung Gottes, so klang es.

Als ein dienender Bruder des Morgens das Gemach betrat, lag die Herzogin Jadwiga in festem Schlafe neben dem Gesellen; der aber war tot. Die Herzogin splitternackt und dennoch anzusehen wie eine Heilige.

Der Bruder schlug Lärm, nicht so fast aus Zorn, denn vor Schrecken. Mönche und dienende Brüder umstanden schon das Lager, als die Herzogin erwachte. Sie sah den toten Knaben, sie sah an sich hinunter und wies die Zeugen mit einer arg herrischen Gebärde hinaus. Draußen war Toben und Geschrei. Sie aber zog still und fromm all ihr Gewand wieder an, ordnete ihr Haar, netzte und trocknete die Augen und zündete dem Toten die Kerze an. Als sie an das Weihwasserbecken unter dem kleinen eisernen Kruzifix herantrat, wurde sie blaß und zögerte. Dann glaubte sie den Kruzifizus nicken zu sehen, und auch sie nickte. Sie besprengte den Leichnam ihres jungen Freundes mit dem geweihten Wasser und machte über ihn und über sich das Zeichen des Kreuzes. Sie klinkte die Tür auf und überschritt die Schwelle nach dem Vorsaal, wo der Statthalter sie schon erwartete, des Herzogs Vetter, der nicht wußte, ob die Mär von der nackt erfundenen Herzogin ihn mehr erfreute oder mehr erzürnte. Der hatte es jetzt gut. Er konnte seinem bösen Herzen folgen und dabei meinen und sagen, er täte seine Pflicht.

Eilig wurde ein Gericht zusammenberufen. Die Herzogin Jadwiga, die sich nicht mit einem Wort verteidigte, wurde zu Mittag enthauptet.

Sie trug noch den abgeschlagenen Kopf unter dem Arm, als sie bald darauf still und fromm und zuversichtlich an das Himmelstor klopfte. Der heilige Petrus trat heraus und wurde rot bei ihrem Anblick. »Metze« war noch das sanfteste Wort, das er ihr zurief. Sie könnte von Glück sagen, wenn man sie mit ein paar tausend Jahr Fegfeuer davonkommen ließe. In den Himmel lasse er kein so liederliches Weibstück.

So laut schimpfierte der heilige Petrus, daß der liebe Gott selber kam, nach dem Rechten zu sehen. Petrus mußte den Mund halten; Jadwiga aber, damit Petrus bei ihr nicht um jedes Ansehen käme, mußte vorerst noch vor der Himmelsschwelle stehen bleiben, über die Himmelsschwelle hinweg besprachen sich Schöpfer und Geschöpf.

Nachdem der liebe Gott alles erfahren hatte, sagte er zu ihr:

»So wahr ich allwissend bin, mußt du mir jetzt getreu eine Frage beantworten. Als du deinen lieben Leib neben den des Knaben legtest, Magd, hast du dir da eine Lust büßen wollen oder ein Werk tun der Barmherzigkeit? Antworte mir die lautere Wahrheit! Das befehle ich dir bei meiner heiligen Dreifaltigkeit!«

»Lieber Gott, bis zu dem Augenblicke, da ich mich neben den Knaben hinstreckte, habe ich nicht gewußt und nicht gedacht, was das ist: Lust. Er hat mir so leid getan. So wahr du bist.«

Der heilige Petrus wetterte dazwischen: »Dann aber, wie sie bei dem Kerle war...« Nicht einmal anzublicken brauchte ihn der liebe Gott. Er brach schon von selber ab.

Der liebe Gott aber sprach zur heiligen Jadwiga und setzte ihr den abgeschlagenen Kopf wieder auf: »Komm herein. Und auf einen guten Platz.« Zu Petrus sagte er noch und hob den Finger: »Und überhaupt die Weiber! ... Wenn sie einmal gut geraten find. Das wirst du nie verstehen lernen.«

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