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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die Schule des Gebens und die Schule des Nehmens

Im Weltall schwebte eine Insel, sie sah aus wie die Erde. Auf der Insel lebten zweierlei Menschen, die Reichen und die Armen. Die Reichen gaben und die Armen nahmen. Wenn nur die Reichen so zu geben und die Armen so zu nehmen verstanden hätten, wie beides gelehrt wird im alten Sonnenlande nach dem Buche der Freude. Auf der Insel aber hatte man noch nicht daran gedacht, das Geben zu lehren oder das Nehmen.

Da trat einmal ein junger König die Herrschaft an und beschloß in seinem Herzen, das Buch der Freude zum Gesetze zu machen. »Glück ist Pflicht,« so lautete dessen strengste Vorschrift. Und der junge König wollte endlich lehren lassen, was zumeist not tat, das Geben und das Nehmen. Er baute zwei weite, weite Schulen und setzte Kanzeln hinein für die Lehrer der Weisheit, die not tat.

Die eine Schule war für die Reichen bestimmt, die das Geben lernen sollten. Einfach das Haus, bescheiden außen und innen. Über dem niederen Eingang nur die Worte: »Bitten ... Danken.« Mahnen sollten sie den Reichen, zuerst zu bitten, daß der Arme die Gabe annehme, und dann für die Annahme zu danken. Demut und Wehmut sollte der Reiche erfahren, der einging in die Schule des Gebens.

Die andere Schule war für die Armen bestimmt, die das Nehmen lernen sollten. Heiter und prächtig das Haus, ein Palast. Golden auf Marmor der Spruch: »Dir wird gegeben, auf daß du glücklich machest.« Denn eine Entscheidung im Buche der Freude sagte: »Das Nehmen ist noch seliger als das Geben.« Hoch und herrlich das Portal, von nie welkenden Blumen umrankt. Stolz und froh sollte man eingehen in die Schule des Nehmens.

Noch während des Bauens berief der junge König die Lehrer, um sie zu unterweisen: daß Nehmen noch seliger sei als Geben, daß der reiche Arme den armen Reichen schöner beglücken könne, als der Reiche den Armen. Alles prägte er ihnen ein. Und als die Lehrer das Buch der Freude nicht begriffen, weil sie unter dem anderen Gesetze, aufgewachsen waren, da grämte sich der junge König, und man begrub ihn in einem grünen Hügel. Der Todesengel lächelte seltsam.

Bald darauf wurden die Schulgebäude fertig. Das Volk pries das Andenken des jungen Königs und strömte in die Schulen, wo das Geben und das Nehmen zu lernen war. Weil jedoch die Lehrer das Buch der Freude nicht begriffen hatten, weil den Armen die Inschrift »Bitten ... Danken« vertraut schien, den Reichen aber just die andere Inschrift »Dir wird gegeben, auf daß du glücklich machest«, und weil die gewohnte Sitte die Reichen in den Palast einlud, die Armen in das einfache Haus, darum gerieten die Reichen und die Armen in die falsche Schule.

Die Reichen lernten das Geben nicht. Was für die Armen bestimmt war, die Heiterkeit und der Stolz, das lernten sie; und es waren die Besseren unter ihnen, die sich ihrer Heiterkeit schämten und die den Stolz nicht in Hoffart ausarten ließen.

Die Armen lernten das Nehmen nicht. Was für die Reichen bestimmt war, das lernten sie, die Wehmut und die Demut; und es waren die Besseren unter ihnen, deren Wehmut sich nicht in Haß, deren Demut sich nicht in Bettlersinn verkehrte.

Nach wie vor stehen die beiden Schulen auf der Insel im Weltall, welche aussieht wie die Erde. Nach wie vor besuchen die Reichen und die Armen die vertauschten Schulen und wissen es nicht. Das Buch der Freude ist verloren gegangen.

Gute Feen rüsten die Wiege für einen kommenden Königssohn. Dem wollen sie die Gnade einbinden, daß er das Buch der Freude wiederfinde, daß er die Menschen das richtige Nehmen lehre und das richtige Geben.

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