Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Mauthner >

Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
Schließen

Navigation:

Thron und Altar

I.

Zwei alte Steine lagen nebeneinander am flachen Ufer des Weltmeers. Der eine Stein hart und breit wie ein Hackblock, auf den man Menschenleiber legen und Köpfe und Arme und Beine abhauen konnte; der hieß der Thron in der heiligen Sprache des Landes. Der andere Stein hart und breit wie ein Herd, auf dem man wohlriechende Hölzer und lebendige Menschenleiber zu Asche brennen konnte; der hieß der Altar in der heiligen Sprache des Landes.

Lange stritten miteinander die Zwergriesen, die die Herrn der beiden Steine waren, um das Blutrecht. Sie stritten mit Feuer und Beilschwert, aber auch mit geistigen Waffen: mit Fluch und Bann und Gesetz. Sie kämpften ohne Entscheidung.

II.

Ein gewaltiger Sturm peitschte die Wellen des Weltmeers auf. Die Wellen jagten ans Ufer und drohten das Feuer des Altars zu löschen, den Thron zu unterspülen. Die beiden Zwergriesen schlossen da Frieden; aber im Frieden betrogen sie einander. Der Herr des Thrones hoffte, den unbeständigen Sand des Ufers durch Feuer und Blut zu festigen, daß sein Sitz nicht so leicht unterwaschen werden könnte. Der Herr des Altars hoffte sich hinter dem Thronstein zu bergen, so daß die Wellen sein Feuer nicht so leicht auslöschen könnten. Sie betrogen einander und sie verrieten einander. Der eine wie der andere träumte von Feuer und Beilschwert, wenn erst der unbeständige Sand wieder ruhig geworden wäre. Der Herr des Thrones träumte von dem Tage, an dem er dem Zwergriesen des Altars Kopf und Arme und Beine würde abhauen können auf seinem Hackblock; der Herr des Altars träumte ebenso von dem Tage, an welchem er den Zwergriesen des Thrones würde lebendig verbrennen können auf seinem Herde. Weil sie jedoch wachten, gaben sie einander freundliche Worte und gössen reichlich Blut und Feuer über den geduldigen Sand.

III.

Ein Kind spielte am flachen Ufer des Weltmeers, das Söhnchen der Zeit, des wahren Gottes. Das Kind sang und wußte nichts davon, daß die beiden harten und breiten Steine Thron und Altar hießen in der heiligen Sprache des Landes. Das Kind redete eine neue Sprache, die Sprache der Kinder.

Das Söhnchen der Zeit sagte sich: »Schön, die sind gerade gut, mit ihnen Fastnachtküchle zu spielen. Drüben rufen sie's: Butterbrotwerfen. Kommt nicht auf den Namen an. Dummes Menschengeschwätz.«

Und das Kind faßte den Hackblock, an den sich der Zwergriese des Thrones jammernd anklammerte, bückte sich, holte aus und warf den Stein jauchzend über die glatte Meeresfläche hin. Siebenmal prallte der Stein, weil der Zwergriese mit beiden Händen verzweifelt auf das Wasser aufschlug, vom Wasser ab und flog weiter. Dann versank er für immer in der Tiefe des Meeres. Mit seinem Herrn.

Das Kind faßte den Herd, an den sich der Zweigriese des Altars fluchend anklammerte, bückte sich, holte aus und warf den zweiten Stein, noch heller jauchzend, hinter dem ersten her. Dreizehnmal prallte der Stein ab und flog weiter. Dann versank auch er für immer in der Tiefe des Meeres. Mit seinem Herrn.

 << Kapitel 82  Kapitel 84 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.