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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die Frau aus dem Tierpark

In einem alten Tierpark stand ein neues Schloß; dort wohnte ein Mann mit seiner Frau. Er war glücklich, weil er eine so schöne und treue Frau hatte, und sie war zufrieden, weil sie das neue Schloß im alten Tierpark bewohnen, Hochzeiten und Gastereien geben und ihre beiden Augen in hundert Spiegeln betrachten konnte.

Es machte ihr Freude, mit ihren beiden Augen alle Geschöpfe zu verlocken, ihren Gatten und die anderen Männer zu verlocken, aber auch die wilden Tiere des Parks. Eines Tages, als sie den schwarzen Panther gereizt hatte mit ihren beiden Augen, schlug der schwarze Panther nach ihr mit der Tatze, und sie verlor das Licht des einen Auges.

Da weinte sie, als ob sie sich auch das andere Auge blindweinen wollte, und schrie unaufhörlich: »Ich bin nicht mehr schön! Man wird mich nicht mehr lieben!«

Der Mann kniete neben ihrem Lager nieder und sagte: »Ich liebe dich, ich liebe deine Seele. Ich liebe dich mit dem toten Auge mehr als je ein Weib geliebt worden ist.«

Die Frau trocknete ihre Tränen.

»Was sagt man von meiner Schönheit? Kommen sie nicht in geringerer Zahl zu meinen Hochzeiten und Gastereien? Sprechen die Maler nicht, daß sie mich nicht mehr malen wollen für den großen Saal des neuen Schlosses?«

»Man beneidet mich, man drängt sich draußen, man sieht es nicht, daß dein eines Auge kein inneres Licht mehr hat.«

Mann und Frau lebten so weiter miteinander. Auf Hochzeiten und Gastereien strahlte die Frau und lockte die Männer, und das eine Glasauge glänzte so hell wie das lebendige andere Auge. Die Frau lockte Männer und Tiere, und nur vor schwarzen Panthern nahm sie sich in acht. Sieghaft schritt sie durch ihre Gemächer und über die Blumen des Parks, und keinen ihrer hundert Spiegel zerbrach sie. War sie aber mit ihrem Mann allein, so verdüsterte sich ihre Stirn und sie murmelte: »Ich bin nicht mehr so schön wie früher, man liebt mich nicht mehr wie früher. Man weiß, daß ich ein totes Auge habe.«

Der Mann sann und sann, wie er der Frau die Freude wiederbringen könnte. Als es ihm eingefallen war, zögerte er nicht. Er stach sich sein eines Auge aus und sagte gelassen: »Siehe, nun bin ich wie du, und ich habe dir gezeigt, wie man dich liebt.«

Leise zuckte sie mit den Achseln. Sie setzte sich neben sein Schmerzenslager, sie kühlte ihm die Wunde, sie pflegte ihn, wie er sie gepflegt hatte. Sorgenvoll beobachtete sie seine Genesung. Und als er aufgestanden war und sie wahrnahm, daß seine beiden Augen glänzten, als ob nicht das innere Licht des einen erloschen wäre, da lächelte sie sanft und flüsterte: »Ich danke dir. Du hast mich wunderbar beruhigt.«

Und sie ging fort mit ihrer strahlenden Schönheit und bezog mit einem anderen Manne ein anderes neues Schloß im Tierpark. Niemand hat je erfahren, daß das innere Licht ihres einen Auges ausgelöscht war. Niemand hat je erfahren, was aus dem Manne geworden ist, der sein Auge hingegeben hat.

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