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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Der Fluß

Zwischen der alten und der neuen Stadt führte die steinerne Brücke über den Fluß. In der Neustadt wirbelte es von Pauken, Zimbeln und Geigen. Vor den Buden sprangen Marktschreier und lockten die Leute mit Weibergesang, mit Wein und Würfelspiel.

Die Altstadt hatte nur stille Gräberstraßen, aber jenseits der Friedhöfe, auf der höchsten Klippe des Berges, stand eine graue Säule, oben loderte ein Feuerbrand, und aus dem Feuer rief es den Einsamen.

Durch die Gräberstraßen der Altstadt, vorüber an den Friedhöfen, strömte das Volk herbei, aus allen Dörfern und Flecken, über die Brücke nach der lustigen Neustadt. Rechts und links auf dem Steingeländer der Brücke standen ungefüge Bildwerke und winkten den Kommenden.

Von der Neustadt her, den Blick geradeaus gerichtet auf den lodernden Feuerbrand, wollte der Einsame das andere Ufer gewinnen. Aber wie die Wellen der Springflut, so unwiderstehlich bewegte sich der breite Menschenstrom ihm entgegen. Oder auch wie fließende Lava, der einzelne Mensch sah nicht einmal die nächsten. Ein dicker Mann war da, der hatte Gold in den Ohren und Gold in den Zähnen und schob seinen vergoldeten Bauch vor, wie ein verbrieftes Recht. Da war ein junges Weib, das hatte goldene Krallen und drohte jeden zu kratzen, der sie aufhielt. Zwei junge Leute hielten Stöcke mit goldenen Spitzen vor sich und stachelten zum Spaß, wer ihnen nicht rasch genug ging. Und hinter den Nächsten kam die Masse, die Welle.

Der einsame Mensch sah nur den Feuerbrand. Er streckte die Arme empor, und mit sehnsüchtigen Augen strebte er voran. Doch goldene Bäuche stießen ihn, goldene Krallen kratzten ihn, goldene Spitzen stachen ihn. Einer gegen alle. Dann hob ihn die Welle, die Masse, und schleuderte ihn über die steinerne Brüstung hinab in den Fluß.

Oder auch er sprang selbst hinab, um das andere Ufer zu gewinnen.

Der Fluß aber kannte seine eigenen Ufer nicht und trug den Einsamen leise hinab ins ewige Meer und dort hinunter in die stille Tiefe, wo nichts mehr lockte, nicht Geigenklang und nicht Weibergesang, keine graue Säule und kein Feuerbrand.

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