Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Fritz Mauthner >

Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
Schließen

Navigation:

Die Bescheidenheit

In den heiter-stillen Hallen, aus denen man nicht wiederkehrt, gab es mitten zwischen den anderen ewigen Freuden der Seligen auch einen Spieltisch der drei Unverschämten. Napoleon, der Kaiser, Schopenhauer, der Denker, und Helena, die Schöne, spielten da, unermüdlich, wie alles geschieht in den stillen Hallen des Jenseits, ihren Skat miteinander. Zu dreien. So war es behaglicher. Sie hatten einander bald gefunden, trotzdem der Name Helena dem Kaiser zuerst nicht gefiel und trotzdem der Denker mit gierig funkelnden Augen behauptete, ein Weiberfeind zu sein. Helena liebte es, mit wenigstens zwei Männern zu spielen. Hinter ihr gab es immer eine Schar von Kibitzen, die ihr in die Karten guckten und in den offenen Nacken unter dem rotgoldenen Haar.

Die Ersten unter den seligen Geistern blickten alle sehnsüchtig nach dem Spieltisch der drei Unverschämten; doch selbst Leutnants, Professoren und wirkliche Geheimrätinnen wagten es nicht, sich als seligen vierten Mann anzubieten.

Da sagte eines Tages der Vorsitzende des Totenreiches: »Die Kerls kümmern sich ja gar nicht um mich! Sie sollen mir die Bescheidenheit schon kennen lernen!« Er faßte einen grauen Schatten an der Hand und stellte ihn den drei Unverschämten vor. Es war eine von den ganz und gar Toten. Nicht groß, eher klein. Nicht stark, eher schmal. Nicht jung, eher alt. Nicht schön, formlos, wie ein Nebel. In den Kirchenbüchern war dieser Schatten die Bescheidenheit getauft, sonst hieß sie nur die graue Gans.

Sie setzte sich schüchtern an den Tisch der Unverschämten, sprach leise und fragte, ob sie nicht mitspielen dürfte. Helena warf den Kopf zurück, Schopenhauer spähte kurzsichtig nach den Formen der grauen Gans, Napoleon gab die Erlaubnis. Ihm war jedes Weib recht, zum Spiel.

»Nur einige bescheidene Bedingungen möchte ich zu stellen wagen,« lispelte die graue Gans und nahm dabei die Karten an sich.

»Auch noch!« rief Helena. »Erstens, Sire, möchte ich gehorsamst gebeten haben, daß wir den Point um eine Viertelbohne spielen. Ich wenigstens gehe nie höher. Ich sehe, daß die Herrschaften um ganze Kronen spielen oder so was. Könnten die Leute das nicht Protzenhaft nennen?« »Wie Sie wollen,« sagte der Kaiser, »aber ich besitze keine Bohnen.«

Da mußte Napoleon der grauen Gans ein Säckchen Bohnen abkaufen und die goldene Beute der Erde dafür geben, und sie spielten um Bohnenviertel weiter.

Während des Spiels plauderten die drei Unverschämten nach ihrer Art. Sie entwarfen Pläne, dem Saturn seine Ringe abzureißen und sie Helena um die Fußknöchel zu schlingen; sie kritisierten die Formen der Planeten und ihrer Kurven; und wenn sie scherzten, so schleuderten sie Blasphemien der Liebe, daß die Sonnenflecken blau wurden vor Scham. Die graue Gans strich von jedem sieben Bohnenviertel ein und flüsterte, zu Schopenhauer gewandt:

»Zweitens, hoher Meister, möchte ich verehrungsvoll die ergebenste Bitte stellen, daß unsere Unterhaltung sich schlicht und einfach mit den üblichen Gegenständen begnüge. Ihr Gespräch könnten die Leute hochmütig finden.«

Schopenhauer nickte. Man redete nur noch von Köchinnen und Schauspielerinnen, von den Marktpreisen und von Badereisen. Der Denker fühlte sich dumm werden, als wäre er ein grauer Schatten.

Hinter Helenas leuchtenden Schultern drängten sich die Kibitze so dicht, daß einer von ihnen erstickte. Hinter der grauen Gans stand niemand. Da sagte sie leise:

»Drittens, meine gute Schwester, möchte ich Sie um ein kleines Zeichen Ihrer Zuneigung bitten. Nehmen Sie doch einmal meine Tracht an. Grau müßte Mode werden. Lassen Sie sich doch Ihr grelles Haar abschneiden und setzen Sie eine graue Perücke auf. Auch wäre es freundlich von Ihnen, sich Ihr Gesicht endlich mal grau anstreichen zu lassen. Dem Alter nach sollten Sie doch anständigerweise schon eine Ruine sein. Und ziehen Sie doch endlich was an! Etwas Dichtes, etwas Graues, etwas bis an den Hals! Die Leute könnten Sie sonst für eitel halten.«

»Das ist die frechste Person, die mir mein Lebtag vorgekommen ist!« rief Helena.

»Sie irren,« meinte die graue Gans demütig, »ich bin ja die Bescheidenheit.«

Da fiel Helena vor Lachen hintenüber und strampelte mit den unsterblichen Beinen, daß sogar der erstickte Kibitz wieder lebendig wurde.

 << Kapitel 72  Kapitel 74 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.