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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die Jury

Ein tüchtiger König hatte auch Adler in seinem Reich. Lange achtete er ihrer nicht, bis eines Tages ein Abenteurer an des Königs Tisch den Einfall vorbrachte, man könnte gut gezüchtete Adler zu einer Schwadron von Brief- und Paketträgern drillen für den nächsten Krieg. Der König schenkte dem Abenteurer eine abgelegte Komtesse zur Frau und lenkte seine hohe Aufmerksamkeit sofort auf die Adlerzucht. Für das bestgebaute Adlerweib setzte er einen Preis aus. Und Ochsen bestellte er zu Preisrichtern.

Vettern einer kalbenden Kuh, die dem König befreundet lebten, waren alle Preisrichter. Und allemal hörten sie zuerst die Meinung der Kuh, bevor sie auch nur »Muh« sagten. Es waren bebänderte Ochsen, und zierliche Glöckchen hingen ihnen von der Wampe hinunter.

Ein junges Adlerweib, weil es töricht war, ihren Adlermann verlassen hatte und sich in ihrem einsamen Stadtnest nicht wohl fühlte, meldete sich zum Wettbewerb. Ein stolzes Adlergeschöpf.

Um das Adlerweib standen die Preisgeschworenen herum, sieben Ochsen, und dem Neste zunächst die einflußreiche Kuh mit ihrem Kalbe.

»Hat sie Hörner?« fragte der Ochsenälteste und rüsselte mit seinem Maul vor den Augen des Adlerweibs.

»Mein Kälbi kriegt sie bald,« sagte die Kuh. »Und nicht einmal ihr Mann hat welche.«

»Muh,« machten die sieben Ochsen. »Hat sie ein goldenes Joch?« fragte der zweite Ochse und legte sich zum Wiederkäuen nieder.

»Nicht einen roten Pfennig,« sagte die Kuh. »Mein Kälbi hat auch kein Geld, aber es gehört zur Familie.«

»Muh,« machten die sieben Ochsen.

»Kann sie alten Fraß wiederkäuen?« fragte der dritte Ochse.

»Lebendiges schlingt sie hinunter,« rief die Kuh. »Seht nur, wie schön mein Kälbi schon wiederkäut.«

»Muh.«

»Hat sie 'nen Stall, 'nen warmen Stall?« fragte der vierte Ochse.

»Bei Mutter Grün, in Luft und Wind!« rief die Kuh. »Eine Hergeflogene! Aus dem Ausland! Nicht einmal eine Streu hat sie wie mein Kälbi, das hier geboren ist.«

»Muh.«

»War sie bei Hofe?« fragte der fünfte Ochse und bewegte die Wampe, daß die Schellen klingelten.

»Ohne Band und Schelle seht ihr sie,« rief die Kuh. »Da guckt mein Kälbi an. Seinem Vater zuliebe hat es, wie es nur vierundzwanzig Stunden alt war, schon ein Glöckchen gekriegt.«

»Muh.«

»Gibt sie Milch?« fragte der sechste Ochse.

Die Kuh antwortete gar nicht. Kälbi suchte muffelnd unter dem Adlerweib und kehrte dann kläglich zum strotzenden Euter der Mutter zurück.

»Muh.«

»Gibt sie Mist?« fragte der siebente Ochse.

Der Ochsenälteste bat das Adlerweib, sich ein wenig vom Neste zu lüften.

»Etwas Mist wenigstens muß da sein,« meinte er wohlwollend.

Da lagen zwei Eier.

»Wie ekelhaft!« rief die Kuh. »Nicht einmal Mist gibt sie. Nichts als diese schäbigen Eier. Adlereier. Riecht mal, wie schön mein Kälbi schon mistet.«

Da machten alle Ochsen »Muh« und sprachen den ersten Preis für Adlerzucht dem Kälbi zu. Das wurde später ein großer Ochse.

Damals aber war es noch jung und gut. Darum sagte es freundlich zum Adlerweib:

»Mach dir nichts draus. Was hättest du vom Preis des Königs gehabt, außer der Ehre? Der Preis ist ja ein Fuder Heu.«

Da stieß das Adlerweib ab und schwang sich auf durch den wogenden Äther, zurück zu ihrem Adlermann.

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