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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Nebel

Ein Schiff, ein eiserner Riese, kam heran über das Weltmeer; wie ein Dolch brach es sich Bahn durch die Wellen, und in schwarzer Nacht steuerte es in den Kanal.

Die Nacht verging, aber keine Sonne ging auf. Nebel bettete sich auf dem Wasser.

Die Offiziere standen auf der Kommandobrücke, bleich. Zwei Mann hielten Wache am Nebelhorn, und so oft aus maigrünem Busch der Kuckuck seinen Ruf erschallen läßt, in kurzen Pausen, unermüdlich, ebensooft stieß das Hörn seinen grausenerregenden Schrei aus, die Warnung rundum, daß der eiserne Riese durch den Nebel fahre und blind geworden sei. Entsetzt flohen die alten Fische, und bleich blickten die Leute der Wache.

Es kam Antwort aus dem Nebel heraus. Von nah und von fern der gleiche grausenerregende Schrei, von nah und von fern das klirrende Singen von französischen Sirenen, und ganz aus der Nähe das verzweifelte Tuten der Segelschiffer, die ausgezogen waren nach Beute und nun umherirrten, blind zwischen blinden eisernen Riesen, wie Vögel im Netz.

Zur Rechten und zur Linken, vorn und hinten, fern und nah ertönte das warnende Grausen, das klirrende Singen und der Angstruf der armen Fischer. Da erbleichten auch die Gäste des eisernen Schiffs, die bis dahin nichts gedacht hatten als: Ei, das ist hübsch! Ein Nebel im Kanal! Jetzt schlotterten sie und gedachten der letzten Dinge.

Nur einer wurde nicht bleich. Ein Fiedler. Die Geige nahm er aus dem Kasten und küßte sie und nahm den Bogen und holte aus der Geige seine liebste Melodie. Er allein hörte sie, nicht die Offiziere auf der Brücke, nicht die Leute der Wache und nicht die Wanderer des Weltmeers.

Da wieder weit voraus, kaum hörbar noch, der warnende Schrei eines Nebelhorns. Derselbe Schrei dann näher und näher. Man erkennt ihn, wie man eine Menschenstimme erkennt vor anderen. Geradeaus kommt es heran. Immer lauter erdröhnt es und überschreit die klirrenden Sirenen und den Angstruf der Fischer. Immer näher und immer drohender wird das warnende Dröhnen. Jetzt tönt es dicht vor dem Heck. »Backbord!« donnert es auf der Brücke; und »Backbord!« ruft das Echo aus dem Nebel.

Hart neben dem eisernen Riesen dröhnt jetzt der Schrei. Die beiden Schiffe kreuzen einander, fremde Wellen schlagen an die Wände, aber man sieht einander nicht. Nur eine dunkle Wand scheint im Nebel vorüberzufließen.

Entsetzen lähmt die Leute der Wache. Das Nebelhorn verstummt. Nur der Fiedler spielt seine Melodie.

Da – von drüben – eine andere Geige nimmt die Melodie auf und begleitet sie, solange die schwarze Wand vorüberfließt, und noch eine Weile, bis der Nebel auch den Klang verschlingen will.

Da hebt der Fiedler Geige und Bogen und ruft hinüber in den hungrigen Nebel: »...ich liebe dich.«

Und aus dem Nebel, bevor er den Ruf noch verschluckt hat, kommt ein Echo zurück: »Ich liebe dich...!«

Nur der Fiedler hat es gehört, nicht die Offiziere auf der Brücke, nicht die Leute der Wache und nicht die Gäste des eisernen Schiffs, die bleichen Wanderer des Weltmeers.

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