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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Mahadöh

Mahadöh, der Herr der Erde, kam herab zum siebentenmal. Er hatte vom sechstenmal her die Erinnerung an einen großen Moralischen. Diesmal wünschte er, Menschen göttlich zu sehen, Genuß ohne Bitternis zu erfahren, einen Rausch ohne Moralischen.

Als er nun hereingekommen, wo die letzten Häuser sind, ging er mitleidig, aber schnell vorüber. Er achtete kaum auf die gefälligen schönen Kinder und eilte nach der Mitte der Stadt, wo die vornehmsten Häuser stehen und die ersten Familien wohnen.

Zu den Menschen trieb es ihn, ehrlich und opferbereit. Den Tod wollte er auf sich nehmen, wenn er die Ärmsten dadurch loskaufen könnte von Not und Gewissensqual. Aber stärker noch als in den Tod trieb es ihn in die Arme eines liebenden Mitgeschöpfes. Sterben für die Elenden! Ja! Aber auch Leben wecken auf der Höhe der Menschheit.

Und Mahadöh suchte Rausch und Leben auf den Höhen der Menschheit.


Ihn fand ein erstaunliches Weib, die gelehrteste und geistreichste Frau der Zeit. Im Scherz und im Ernst wurde sie nicht anders genannt als die große Philosophin. Dabei war sie auch noch jung und erfreulich anzusehen.

Mahadöh ertrank in Liebe zu ihr, und vor Seligkeit glühte er in ihren Armen, und hätte lieber auf seine Sonne und die Sterne verzichtet, als auf den Anblick ihrer großen klaren Augen, die geheimnisvoll zu ihm sprachen wie seine Sterne mit ihm sprachen zur Nachtzeit.

Auch die große Philosophin schauerte wonnevoll in seinen Armen. Doch ewig offen hielt sie ihre großen Augen, auch im Genuß klar auf ihn gerichtet, als suchte sie etwas. Sie gestand es ihm ein. Sie konnte sich nicht ganz vergessen. Sie beobachtete sich im Taumel der Leidenschaft und beobachtete ihn. Noch nie hatte ihr ein Gott zum Studium vorgelegen.

Als sie ihn genugsam studiert hatte, lächelte sie traurig und überlegen. Sie nahm den goldenen Sonnenschein an sich, der bis dahin wie ein Diadem seine Locken umleuchtet hatte, und sagte:

»Ich habe mich doch in Ihnen geirrt, mein Freund. Es gibt eben keine Götter. Auch Sie sind kein Gott.«

Sie verschloß die Aureole, seinen goldenen Götterschein, in ihrer Raritätensammlung, klebte eine Nummer darauf und wurde ihm treulos.

Ohne seinen Götterschein trieb sich Mahadöh in den ersten Straßen der Stadt umher. Die gefälligen Weiblein lockten ihn, er aber wollte mit seiner Liebessehnsucht oben bleiben, auf den Höhen der Menschheit. Eines Tages begegnete ihm die Fürstin und winkte ihm. Da ertrank er in Liebe zu ihr und verging in ihren Armen. Ihr Schlafgemach war von Alabaster, der Boden mit Samt überzogen, die Wände mit Spitzen bedeckt, die Decke von Spiegelglas. Ihr Lager war weicher als der Flaum von Rosenblättern, und ihr Atem duftiger als der Atem der Rosen. Sie war nicht mehr so jung wie Mahadöh, aber auch sie schauerte in seinen Armen. Ihre Lippen lechzten nach ihm.

In später Stunde sagte er einmal zu ihr, und die Weihrauchglut aus der Ampel beschien dabei sein edles Antlitz: »Eigentlich bin ich ein Gott, Geliebte. Man hat mir nur den Schein genommen.«

Da jauchzte die Fürstin und schrie: »Einen Gott habe ich noch nicht getötet.« Und langsam saugte sie ihm das Blut aus unter der Weihrauchglut der Ampel.

Als Mahadöh seinen letzten Blutstropfen verloren hatte, ließ sie den Hofmaler kommen und den toten Gott für ihre Galerie malen. Dann befahl sie, den Körper auf die Straße zu werfen, und wurde ihm treulos. Leichenblaß und ohne seinen Götterschein setzte sich der blutlose Mahadöh auf eine Bank der öffentlichen Anlagen nieder. Ihn bekümmerte wieder die Not der Menschen; er half den Bettlern ihre Lasten tragen und fing die Schläge auf, die den Bettelkindern galten. Aber noch verzweifelte er nicht, sein Glück zu finden auf den Höhen der Menschheit.

Da kam das schönste Weib der Welt vorübergeritten und sah die durstigen Götteraugen aus seinem leichenblassen Gesicht auf sich gerichtet. Sie hieß die rote Schöne. Sie war so schön, daß Greise sich töteten, weil sie nicht mehr jung waren. Zweijährige Knaben weinten, wenn die rote Schöne vorüberritt und ihnen nicht lächelte.

Mahadöh ertrank in Liebe zu ihr und konnte nicht satt werden, ihre Schönheit zu schlürfen und zu sammeln mit seinen Götteraugen. Auch sie schauerte in seinen Annen vor Wonne, aber niemals vergaß sie ihre Schönheit zu hüten auch in seinen Armen.

»Küsse nicht so unvorsichtig! Das macht mir den Mund welk!«...

»Was machst du mit meiner Schönheit?« fragte sie einmal um die Mittagszeit, als sie in seinen Armen ruhte und die Sonne zugleich in ihrem Nackenhaargekräusel spielen ließ. »Was machst du mit meiner Schönheit, wenn du dich mit ihr gefüllt hast?«

»Ich könnte dich besingen, wie noch nie ein Weib besungen wurde.«

»So tu's, ich warte drauf.«

»Ich kann nicht singen, solange meine Augen deine Schönheit trinken.«,

»So schließ die Augen!«

»Ich kann die Augen nicht schließen, solange ich dich sehe. Und ich sehe dich immer.«

Da stach sie ihm die beiden Augen aus, und er sang zur Ehre ihrer Schönheit das schönste Lied, das je erklungen war.

Sie schrieb es auf und fügte es ihrem Liederbuche bei. Dann steckte sie seine beiden Augen auf ihren neuen Frühlingshut und wurde ihm treulos.


Leichenblaß, ohne seinen Götterschein und ohne Augen lag Mahadöh in seinem Garten. Da sah ihn die berühmteste Künstlerin des Landes und erkannte an seiner Tracht, daß er ein Gott sein müsse oder so etwas. Sie ließ ihn zu sich führen.

Es hatte nie eine vollkommenere Künstlerin gegeben.

Wenn sie sang, so lauschten selbst die Hunde; und wenn sie tanzte, blieben die Sterne stehen.

Er ertrank in Liebe zu ihr und lachte vor Glück, wenn sie in seinen Armen schauerte.

Die Tänzerin liebte ihn; und sie nahm Stück für Stück von seiner Göttertracht, was sie gerade für ihren Flitterstaat brauchen konnte, und sie tanzte, gekleidet in seine himmlischen Stoffe. Als er nichts mehr zu geben hatte, schnitt sie ihm die goldbraunen Locken ab, seine goldenen Augenbrauen und die goldenen Wimpern. Sie tat alles bedächtig in ihren Perückenkasten und wurde ihm treulos.


Leichenblaß, ohne Götterschein und ohne Augen, rattenkahl und rattenbloß fuhr Mahadöh zum Himmel zurück. Da nahm er wieder Göttergestalt an, aber er blickte menschlich und armselig drein.

»Na?« fragte Wolfgang Goethe und tätschelte dabei die gute Christiane, die als seliger Engel neben ihm stand, frisch und jung. Nur an der rechten Hüfte hatte sie ein Brandmal. Da hatte sie Goethe gefaßt, als er sie mit feurigen Armen zum Himmel emporhob. »Na, wie war's auf den Höhen der Menschheit?«

»Du hast doch wohl recht gehabt,« sagte Mahadöh. »Und wenn ich wieder herabkomme auf meine Erde, will ich die Liebe hier lassen und nur das Mitleid mitnehmen.«

»Ei,« sagte die gute Christiane in ihrer Dummheit, »ist Liebe denn nicht Mitleid?«

»Und die Klügsten sind sie auch noch, und überdies,« rief Wolfgang Goethe.

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