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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Flagranti

Flagranti mag eine italienische Stadt sein, man weiß nur nicht, wo sie liegt. Einige glauben, mit Flagranti sei Rom gemeint, weil dort auch so viele Pfaffen und so viele deutsche Künstler gefunden würden. Andere wieder denken bei Flagranti an Neapel, weil ein Dichter einmal gesagt haben soll, in Flagranti möchte er gern begraben werden.

Einerlei. Es fuhr einmal ein reicher Schlächter nach Italien. Alle Städte dieses Landes wollte er sehen. Nur von Flagranti wollte er nichts wissen. Denn am Tage seiner Hochzeit war ihm vorausgesagt worden, in Flagranti würde er seine Frau einbüßen. Er aber mochte seine Frau nicht gern verlieren, weder in Flagranti noch anderswo. Darum fragte er alle Reisegefährten, wie er am besten eine Hochzeitsreise durch Italien machen könnte, ohne Flagranti zu berühren.

Oft verlangte die junge Frau nach Flagranti und quälte ihren Mann darum; da sagte er ihr einmal, was ihm prophezeit worden war, daß er sie nämlich dort verlieren würde. Ei, da wurde die junge Frau gierig und neugierig, ihrem Gatten ein bißchen verloren zu gehen. Sie sann nach und lachte und führte es aus.

Sie schloß ihm die Augen und bestach den Schaffner und die Leute am Bahnhof und den Facchino und den Vetturino. In einer sicheren Stadt glaubte der Schlächter auszusteigen, um da zu übernachten; aber er war schon in Flagranti.

Da fand die Frau einen Helfershelfer. Mit ihm in Gemeinschaft täuschte sie den Gatten. Sie fälschten die Straßennamen und die Hotelrechnung und die Zeitungen im Lesezimmer. Den »Anzeiger von Flagranti« warf der Helfershelfer ins Feuer und das »Abendblatt von Flagranti« nahm er auf ihr Zimmer.

Sie tranken zusammen den schweren Wein von Flagranti; der Gatte schlief ruhig die ganze Nacht und vermißte nicht die verlorene Gattin. Am nächsten Morgen war sie wieder da und sann nach und lachte und bestach alle Diener des Gasthofes und die Ausrufer der Straße, den Vetturino und den Facchino. So kamen sie auf den Bahnhof. Da war die junge Frau schon mit allen im Einverständnis. Nicht einmal auf den Fahrkarten war der Name Flagranti zu lesen. Schon lächelten beide Ehegatten.

Da schob sich der Eilzug in die Halle, mit dem sie weiterfahren wollten; und täppisch rief der junge, unbesonnene Bahnhofschreier: »Flagranti, fünf Minuten Aufenthalt.«

Die junge Frau war einer Ohnmacht nahe. Der reiche Schlächter aber ging schnaufend vor Zorn und Selbstbewußtsein in die Stube des Vorstehers und schrieb dort in das offene Buch eine Beschwerde über den vorlauten Bahnhofschreier.

»Denn ich habe ihn nicht einmal danach gefragt,« sagte er gütig und großartig zu seiner Frau.

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