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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Malthus

Der Arbeiter Tillier meldete sich ängstlich beim Direktor des großen Eisenwerks.

»Ich hätt' 'ne Braut, Herr Direktor. Erlauben Sie's uns! Heiraten! Sie ist ein braves Mädchen, wir möchten nicht so...«

»Und nachher uns auf dem Halse liegen? Kerls, seid ihr denn des Teufels. Tillier, seien Sie vernünftig, trinken Sie 'nen Schnaps und seien Sie vergnügt.«

»Herr Direktor, wir möchten nicht so. Sie ist ein braves Mädchen. Heiraten!«

»Na denn, in drei Teufels Namen, ja. Sie kennen aber die Hausordnung, Tillier. Ein Arbeiter, der mehr als zwei Kinder hat, wird auf der Stelle entlassen.«

»Kennen wir ja, Herr Direktor. Ich dank' auch schön, und wenn ich...«

»Schon gut, ich habe keine Zeit.«

Tillier verließ das Dienstgebäude mit einem Gesicht, als ob ihm inwendig die Sonne aufgegangen wäre. Auf dem Hof wartete Marie. Sie sah ihn an und fiel ihm um den Hals.

»Ich dank' dir, ich dank' dir! Du sollst sehen!«

»Ja, Marie, ich hab's ihm auch gesagt, du bist ein braves Mädchen.«

Zu Ende des Jahres kam Tillier wieder zum Direktor. Wieder sah er aus, als wär' die Sonne in ihm aufgegangen.

»Herr Direktor, ich melde mich, wir haben eins.«

»Knabe oder Mädchen?«

»Ein Junge, Herr Direktor. Ein Junge. Na, die Fäustchen...«

Tillier lachte, daß der Direktor ihn beneidete.

»Es ist gut, Tillier. Ich habe es notiert. Sie kennen doch die Hausordnung? Gehen Sie an die Arbeit.«

»Heute ...«

»Was?«

»Nichts, Herr Direktor.«

Wieder ein Jahr darauf stand Tillier gebückt in einem Kessel, dessen Wände zusammengehämmert wurden. Er hatte von innen sich gegenzustemmen und die furchtbaren Hammerschläge auszuhalten.

»Das schien dir ja zu gefallen,« sagte ein Kamerad in der Mittagspause. »Du machtest ja ein Gesicht wie ein Pfefferkuchenmann.«

Tillier lachte.

»Ihr kennt ja meinen Jungen, was? Stramm! Und heut, wenn ich nach Haus komme, ist vielleicht wieder so einer da. Gott, Gott, meine arme Marie.«

Nach Feierabend eilte Tillier noch schneller als sonst zu seiner Wohnung. An der Schwelle zog er die Stiefel aus. Dann schlich er sich hinein.

Blaß lag Marie auf dem Lager, aber sie lächelte. Eine Nachbarin wärmte einen Kamillentee in der Ofenröhre.

»Na, Marie?« fragte Tillier.

»Ja, Tillier,« sagte die Nachbarin, »nur keine Bange. Zwillinge sind's. Beide gesund.«

Und sie wies mit einer Kopfbewegung nach der Stubenecke, wo in der Wiege des schlafenden Knaben, zu seinen Füßchen, zwei apfelgroße Kinderköpfe aus einem Pack von Linnen heraussahen.

Tillier näherte sich auf seinen Strümpfen. Er blickte die drei Kinderköpfe an, dann seine Marie und dann die Nachbarin.

»Ganz hübsch, was?« sagte er endlich und lachte.

Plötzlich fuhr er sich nach der Stirn. »Aber nun sind es ja drei?« schrie er auf.

»Eins und zwei macht drei,« sagte die Nachbarin, und sogar Marie lachte.

Tillier aber ging auf den Boden und hängte sich auf. Der Hausordnung wegen.

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