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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Meister Eitel Ich

Eitel Ich war ein berühmter Künstler, und man nannte ihn darum Meister. Er hatte es durch langjährige Übung dahin gebracht, auf der Pikkoloflöte neunundneunzig Sechsachteltakte mit Doppelgriff in einer Minute zu spielen. Das machte ihm keiner nach.

Früher hatte ihn die Pikkoloflöte gefreut, dann freute ihn eine Weile lang nur noch seine schwierige Passage.

Als er aber vierzig Jahre alt geworden war, ekelte ihm vor der Flöte und vor seiner Passage. Er wurde nicht mehr rot, wenn er sie vortrug, sondern blaß. Und hatte er sie zweimal vorgetragen, so mußte er sich immer fortschleichen; ihm wurde übel davon.

Jetzt freute ihn nur noch, daß man von ihm um der Passage willen sprach.

Jeden Morgen setzte er sich in sein Kaffeehaus und las die Zeitungen durch, ob er etwas über seine Passage darin fände. Er suchte mit brennenden Augen seinen Namen. Eitel Ich? Eitel Ich? Es war selten zu finden, und er war so durstig nach seinem Namen. Wenn er nur die Anfangsbuchstaben fand, Erlöser Jesus zum Beispiel, so schrak er schon zusammen und glaubte, er wäre gemeint.

Als er dann älter wurde, wurde er immer seltener genannt; denn einer seiner Schüler spielte hundertundneun Takte in einer Minute auf der Pikkoloflöte. Diesen Schüler haßte er nicht. Er hoffte es zu erleben, daß auch dieser gestürzt würde durch einen Größeren. Aber er haßte die anderen, deren Namen ihm in den Zeitungen auffielen, so rasch auch seine Augen darüber hinjagten.

Er haßte den Komponisten, dessen Oper er im Orchester auf der Pikkoloflöte begleitete. Er haßte Bismarck, weil nach ihm eine Insel in der Südsee benannt war. Er haßte den Astronomen, der einen neuen Stern entdeckt hatte. Zuletzt haßte Eitel Ich jeden Gemordeten, dessen Bild in den illustrierten Zeitungen zu sehen war; und er haßte den Mörder, wenn er entdeckt, unter großem Zulauf gerichtet und geköpft wurde. Blieb der Mörder aber ungekannt und ungenannt, dann rieb sich Eitel Ich vergnügt die Hände.

Eitel Ich war schließlich vollständig vergessen. Wo er nur ein großes E oder ein großes I in der Zeitung fand, in überseeischen Depeschen oder in Börsenzetteln, da stürzten seine Augen drauf los. Aber er fand seinen Namen nicht mehr. Am ersten Januar, als die Zeitungen in einer großen Totenschau alle berühmten Männer aufzählten, in alphabetischer Folge, die das Jahr über gestorben waren, da riß Eitel Ich im Kaffeehause ein Blatt an sich und buchstabierte alles, was unter I stand, und suchte sich unter den Toten. Er forschte in allen Blättern nacheinander und fand immer dieselben Namen und fand den seinen nicht.

Noch ein Jahr hielt er es aus. Dann, am zweiten. Weihnachtsfeiertage, zerhackte er seine Pikkoloflöte. Er ging ins Wasser. Am letzten Dezember fand man seine Leiche, und richtig brachten die Zeitungen in ihrer Totenschau die Nachricht, daß Meister Eitel Ich gestorben sei.

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