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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Das blinde Volk

Es war einmal ein ganz blindes Geschlecht. Die Leute zwar in ihrer eigenen Sprache nannten das nicht so. Aber das ist nicht wunderbar, denn die Sprachen sind selber blind. Die Leute hatten rechts und links von der Nase plumpe Fühlhörner sitzen, mit welchen ein bißchen herumgetappt werden konnte; diese Fühlhörner nannten sie Augen, und wer diese Fühlhörner unverletzt im Gesichte trug, der hieß sehend.

Dieses ganz blinde Geschlecht war darum nicht ganz dumm. Die Leute sahen ein, daß sie sich von jemand führen lassen mußten, der – wie sie sich ausdrückten – noch besser sah als sie, der Augen höherer Ordnung hatte.

Da wählten sie einen Fürsten zum Führer. Der hatte ihnen gesagt, er sei in allem ein Geschöpf höherer Ordnung, habe also auch andere Augen als sie. Anders waren seine Fühlhörner in der Tat. Sie waren wie Zangen geformt, und was sie berührten, das hielten sie auch fest. Das blinde Geschlecht glaubte viele Jahre, die Zangen seien die Augen höherer Ordnung. Als das Kneifen aber kein Ende nahm, empörten sich die Leute und wählten den Priester zum Führer.

Der Priester hatte dem blinden Geschlechte vorgelogen, durch ein besonderes Wunder des Himmels sehe er mit seinen Hörnerstümpfen unendlich mehr als die gewöhnlichen Leute mit ihren Fühlhörnern. Die auszureißen war nämlich heilige Pflicht jedes Mannes, der Pfaffe werden wollte. Als nun der Priester Führer des blinden Geschlechts geworden war und mit der Sehergabe seiner armseligen Stümpfe prahlte, da wurde es Mode unter dem blinden Geschlecht, daß viele junge und alte Männer Pfaffen wurden und sich darum die Fühlhörner ausrissen, die sie ihre Augen nannten. So ging es viele Jahre. Dann aber glaubten die Pfaffen die Oberhand zu haben und beschlossen, allen Kindern des blinden Geschlechts schon während der Schulzeit die Fühlhörner gewaltsam auszureißen. Darüber entstand wieder eine Empörung, und das Volk beschloß, gar keinen Führer mehr zu wählen, vielmehr seine Angelegenheiten selbst zu ordnen. Und dabei blieb es.

Seitdem hilft sich das blinde Geschlecht auf die sinnreichste Weise. Wenn ein Fühlhorn, so sagen sie, nicht weiter sieht, als es selber reicht, so müssen hunderttausend Fühlhörner hunderttausendmal so weit sehen können, eine Meile weit. Sie tun sich darum bei wichtigen Fragen immer in großen Massen zusammen. Wenn dann ein jeder auch im Finstern sitzt – sind sie nur eine Masse, so nennen sie es hell. Sie haben sich auch daran gewöhnt, andere Dinge nach der Masse zu beurteilen. Ein bißchen Wasser nennen sie Schmutz, eine Masse Wasser den Ozean; ein bißchen Laster bestrafen sie, eine Masse Laster belohnen sie.

Auf diese sinnreiche Weise lebt das blinde Geschlecht seitdem ohne Führer und läßt sich nicht mehr betrügen.

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