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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die Bahn auf die Jungfrau

Es war einmal ein junger Maschinenmeister, der hieß Krafft. Er lebte am Gebirge in Deutschland oder in Italien, wer kann das wissen. Er hatte einen großen Gedanken. Er wollte unter den Alpen eine Mine anlegen und alle höheren Berge in die Luft sprengen. Dann würden, deß war er sicher, die unfruchtbaren Felsen und Gletscher verschwinden und für hunderttausend Menschen Wohnsitz und Nahrung geschaffen werden. So wollte er oben und unten gleich machen. Und kühn teilte der zwanzigjährige Maschinenmeister Krafft seinen großen Plan der Welt mit.

Am Fuße der Alpen, nördlich oder südlich, wer kann das wissen, weidete eine fette Rinderherde und vernahm von der Geschichte. Da gab es lautes Brummen. Beim Auffliegen der Mine könnten die Steine bis zur Herde herüberfallen und einem der wertvollen Ochsen das Horn verletzen oder gar den Kopf. Krafft wurde angeklagt, mit geeigneten Werkzeugen einen Mordversuch auf Ochsen unternommen zu haben, absichtlich und mit Überlegung. Er wurde verurteilt und bekam zehn Jahre Zuchthaus. Er mußte Tüten kleben, aber er hielt es aus.

Wenige Stunden nach dem Verbüßen seiner Strafe war er schon in der Schweiz. Denn er war ja am Fuße der Alpen zu Hause, nördlich oder südlich, wer kann das wissen. Er war nun dreißig Jahre alt und berechnete seinen Plan noch genauer. Dann veröffentlichte er ihn aufs neue. Da gab es eine große Volksversammlung, in welcher die Gastwirte die Mehrheit hatten. Ein Gastwirt vom Rigi hielt eine sehr lustige Ansprache und machte sich darin über Herrn Krafft lustig, der nicht zu wissen scheine, daß auf den Bergspitzen noch Kellner wohnen und daß Kellnerleben und das Nationalvermögen außerdem auf dem Spiele stände, wenn man die Alpen abschaffte. »Das Chaib ist verrückt!« riefen alle Gastwirte. Und der Maschinenmeister Krafft wurde in ein Irrenhaus gesteckt. Es war sehr schön gelegen, der Nußbaumallee von Interlaken gerade gegenüber.

Nach zehn Jahren wollte niemand mehr für den fremden Mann die Kosten bezahlen; er wurde entlassen und kam nach England, vierzig Jahre alt und etwas kränkelnd. In London faßte er neuen Mut und ließ seinen alten Plan in den Zeitungen abdrucken. Da entstand ein großer Federkrieg, und in der »Times« sprachen es neunundneunzig Zuschriften aus, daß der Maschinenmeister Krafft ein Kulturfeind wäre, wenn er der gebildeten Welt das Vergnügen des Bergsteigens nehmen wollte.

Um sein Leben zu fristen, wurde der arme Maschinenmeister Schlosser und dann sogar Hufschmied. Doch kein Dieb bestellte bei ihm einen Nachschlüssel, und kein Pferd wollte sich bei ihm die Hufe beschlagen lassen. Da hatte er solange Hunger, bis er einmal auf der Straße umfiel. Nun wurde er sehr freundlich aufgehoben und in ein Armenhaus gebracht. Das konnte er lange Zeit nicht verlassen, weil er nur Pantoffeln an den Füßen und einen gelb- und grünkarierten Schlafrock auf dem Leibe hatte, und er wußte jetzt endlich, daß ein Genie nicht auffallen dürfe.

Nach zehn Jahren Armenhaus war er endlich mürbe. Darauf hatte ein englischer Maschinenmeister gewartet. Er brachte dem mürben Genie ein Paar schwarze Stiefel, einen schwarzen Rock und einen schwarzen Zylinderhut. Dann führte er den willenlosen Krafft in das Beratungszimmer einer Bank und gründete auf seinen Schultern eine Aktiengesellschaft.

Der Engländer hielt eine vortreffliche Rede. Es gäbe zwei Möglichkeiten, Berg und Tal zusammenzubringen; entweder müsse man die Berge auf die Ebene schmeißen oder man müsse die Ebene auf die Berge bringen. Der erste Plan sei an der öffentlichen Meinung gescheitert. Er müsse amendiert werden. Anstatt die Alpen in die Luft zu sprengen und für Hunderttausende Wohnsitz und Nahrung zu schaffen, werde das mürbe Genie eine Eisenbahn auf die Jungfrau bauen, auf der Gletscherhöhe ein Hotel errichten und so ebenfalls für zahlreiche Menschen der besten Stände in unerhörter Höhe Schlafräume und Pension mit allem Komfort der Neuzeit herstellen. Englands Eisenindustrie, das Hotelpersonal der Schweiz und die Rinderzucht der Nachbarländer würden dabei nicht zu Schaden kommen. Der Vertrag wurde sofort unterzeichnet.

Weil der Name Krafft aber durch den Aufenthalt im Zuchthaus, im Irrenhaus und im Armenhaus unansehnlich geworden war, nannte sich der Maschinenmeister von nun an Cräftlin.

Er baute die Bahn auf die Jungfrau und starb als reicher Mann. Auf der Jungfrau und in London würden ihm Denkmäler errichtet und ein drittes in seinem Geburtsort am Fuße der Alpen, nördlich oder südlich, wer kann das wissen.

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