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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Das große Karussell

Auf einer schönen und fruchtbaren Ebene lebten Kinder, nackt und bloß und froh. Es gab dort keine Häuser mit Stockwerken, es gab keine Kleider und keine Schule. Eines Tages kam ein alter Schullehrer von Anderswo auf diese Ebene und schüttelte seinen Kopf. Denn die Kinder wußten nicht einmal etwas von der vaterländischen Geschichte, nicht was zuerst und zuletzt geschehen war, und es gab unter den Kindern selbst keine Ersten und keine Letzten. Da baute ihnen der Schullehrer von Anderswo ein ungeheures Karussell. Am Rande der kreisrunden Scheibe standen hölzerne Pferde und Esel, Schlitten und Wagen, hölzerne Hirsche und Ziegen, Löwen und Tiger. Die Kinder aber durften sich setzen, wohin sie wollten. Der Schulmeister nahm in der Mitte Platz und drehte eine Kurbel. Mit der Kurbel setzte er das ganze Karussell in Bewegung und machte noch Musik dazu.

Die Kinder prügelten sich lange um ihre Plätze. Jedes wollte auf dem Hirsch sitzen oder auf dem Löwen oder, auf dem Schlitten, keines auf dem Esel oder auf der Ziege. Als sie endlich untergebracht waren und das Karussell sich drehte, gaben sie sich jedoch zufrieden. Wie aus einem Halse schrien sie alle: Ich bin zuerst, ich bin zuerst! Der vor mir ist der Letzte.

Und weil jedes glaubte den Letzten vor sich zu haben und den Zweiten hinter sich, wurde die Erfindung des Schulmeisters von Anderswo sehr beliebt. Namentlich des Sonntags mußte er von früh bis spät die Kurbel drehen, und die Kinder hopsten auf ihren hölzernen Tieren, spornten sie und peitschten sie, und jedes verlachte seinen Vordermann.

Viele tausend Jahre vorher gab es auf dieser Ebene noch keine Kinder und keine Menschen und keine Sprache. Nur ein großer Wald stand da. Durcheinander gemischt wuchsen riesenhaft in den Himmel hinein moosbewachsene, harzige, schwarze Stämme, die Pyramiden von Nadeln trugen, und andere glatte, graue Bäume, deren Laubkronen sich wie Domeshallen über den Nadelpyramiden wölbten. Auf dem Boden lagen klafterhoch umgerissene Stämme und harte Nadeln und rötliche welke Laubblätter. Bei Sonnenschein bröckelte es im Walde überall in den Baumstämmen am Boden, und an den aufrechtstehenden Bäumen krochen geschäftige Käfer hin und her und freuten sich ihres Lebens. In den Kronen wiegten sich Vögel und auf dem Boden raschelten Schlangen. Wenn es dann wieder geregnet hatte, so ging das Wasser an seine stille Arbeit. Es floß durch die feinsten Röhren in die Bäume hinein, sott in den Kronen Blätter und Nadeln, färbte sie schön und warf sie dann wieder hinunter. Auf dem Boden fraß es die liegenden Stämme und machte aus den harten Nadeln und den roten Blättern einen schönen Teig und hörte nicht auf zu wirtschaften, auf und nieder.

Da kamen Menschen in den alten Wald, zahme Menschen mit zahmen Hunden.

Unter denen war ein gelehrter Hund. Der machte: Wau! vor den Bäumen mit Nadeln und machte: Wau! vor den Bäumen mit Blättern. Da nannten die Menschen die einen Wau oder Fichte und die anderen Wau oder Buche. Und sie brachten ihrem Schöpfer ein Dankopfer, weil er ihnen die Sprache verliehen hatte. Die war schön. Denn außer den sprechenden Menschen konnte niemand wissen, daß die Nadelbäume Fichten und die Laubbäume Buchen hießen.

Die Menschen aber wurden übermütig durch diese herrliche Zaubergabe und benannten jetzt alles, was ihnen einfiel. Wenn ein Hund gegen den Himmel bellte, so sagten sie Oben. Wenn ein Huhn den Boden kratzte, so sagten sie Unten. Die stehenden Bäume nannten sie Leben, die ruhende Erde nannten sie Tod. Die Erde schwieg lange zu der Menschen Sprache, dann schüttelte sie sich eines Abends kurz nach Sonnenuntergang und verschlang die Fichten und Buchen, die bellenden Hunde und die sprechenden Menschen.


Viele, viele tausend Jahre früher gab es eine Zeit, wo man die Zeit noch nicht kannte. Das Zuerst und das Zuletzt war ja noch nicht erfunden, die Sage vom Leben und vom Tod war noch gar nicht erzählt. Dämmernd träumte das Chaos, das war die Nacht. Da ging zum erstenmal die Sonne auf. Ein goldener Trompeter voran und ein schwarz gezäumtes Pferd hinterher. Das Chaos gähnte und fragte: Was? Wecken? Auf?

Wirklich wachte das Chaos auf, und es war der erste Morgen.

Der Trompeter ging voran und schmetterte in die Welt des Chaos hinein: Heute ist heute! Ich bin heute, morgen kommt das schwarze Pferd.

Hinter dem Trompeter stieg die Sonne sieben Stufen hinauf, dann blieb sie stehen zu Mittag. Und wieder sieben Stufen hinab zum Abend.

Hinter der Sonne kam das schwarzgezäumte Pferd und sprach:

»Heute ist heute! Ich bin heute. Die Sonne war gestern, morgen ist der Trompeter.«

Rastlos und ruhelos in ewigem Kreislauf jagen seitdem das Morgen und Heute und Gestern hintereinander her wie die Kinder auf dem Karussell.

Heute zieht der Trompeter das Pferd am Zaum, morgen schlägt es mit den Hinterhufen nach ihm aus, und die Sonne hat ewig hinter sich das Morgen und vor sich das Gestern.

Außer der Welt in einem Schneekristall wohnt eine Frau. Sie heißt die Ewigkeit. Sie kann nicht sprechen. Und wenn sie vom redenden Menschen Worte hört, so lacht die Ewigkeit. Zuerst, Zuletzt, Leben, Tod, Gestern, Heut. Bei solchen Worten lacht sie am lautesten. Denn Frau Ewigkeit stammt aus einer Zeit, wo die Zeit noch nicht erfunden war.

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