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Aus dem Märchenbuch der Wahrheit

Fritz Mauthner: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
booktitleDer letzte Tod des Gautama Buddha, Aus dem Märchenbuch der Wahrheit
titleAus dem Märchenbuch der Wahrheit
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1892
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070417
projectidfd68f955
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Die heilige Mehrheit

Die Männer im Mond haben Fernrohre anstatt Augen im Kopf. Sie kommen so auf die Welt. Sie können darum das Nächste nicht immer unterscheiden, sind aber sehr weitsichtig.

Eines Tages sahen die Männer im Mond, daß auf der halben Erde wieder einmal illuminiert wurde. Dörfer und Städte brannten, und Blut floß in Strömen. So war die Erde festlich rot bei Tag und bei Nacht. Die Männer im Mond schickten eine Gesandtschaft ab, welche ihnen die netteste Errungenschaft der Erdenbewohner ausspähen und mitteilen sollte. Denn auf dem Monde wußte man aus Erfahrung: wenn man auf der Erde illuminierte, so hatte wieder einmal eine große Revolution gesiegt, und die kurzsichtigen Erdenmenschen waren um eine weltbeglückende Weisheitslehre reicher geworden.

Nach acht Tagen schon kam die Gesandtschaft mit Freudensprüngen zurück. Die Erdenmenschen hatten wirklich etwas Funkelnagelneues erfunden, eine neue Gottheit: die heilige Mehrheit. Nun konnte es nicht mehr fehlen. Die neue Gottheit war gar nicht stolz und auch nicht selten; sie war so gemein, daß sie sich überall einführen ließ. Wer aber die heilige Mehrheit hatte, der hatte auf seiner Seite die Weisheit und die Kraft, die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Und es war doch bis dahin noch nicht vorgekommen, daß die Weisheit und die Kraft auf derselben Seite gestanden hätten, oder gar die Wahrheit und die Gerechtigkeit.

Die Männer im Mond beschlossen einstimmig, die heilige Mehrheit zu verehren; und sie ahnten gar nicht, daß dieser Beschluß selbst bereits von der neuen Gottheit eingegeben war. Es war von nichts mehr die Rede als von der Mehrheit. Von der heiligen Mehrheit erwartete man Beseitigung aller mondlichen Übelstände: Vergrößerung der Oberfläche, Verbesserung der Atmosphäre und Änderung der Umlaufszeit. Man ließ die heilige Mehrheit leben und feierte Feste ein ganzes Mondjahr lang, was auf der Erde so viel wie ein Monat ist. Zu Ehren der heiligen Mehrheit wurden Reden gehalten, Kinder verbrannt, Kraterweine getrunken und Meteore abgefeuert. Der Jubel war grenzenlos.

Als der Jubelmonat um war, traten die ältesten Männer im Mond zusammen zur Untersuchung der Frage, was die heilige Mehrheit eigentlich sei. Denn die drei Abgesandten hatten sich beeilt, zurückzukommen, und nur den neuen Gott verkündet, sich aber über das Wesen nicht geeinigt.

Der erste Abgesandte war der Meinung, die heilige Mehrheit sei der gefrorene Regen, der zur Winterszeit auf die Erde niederfalle und Berg und Tal, Haus und Feld mit einem gleichmäßigen farbenlosen Leichentuch bedecke.

Die Erklärung gefiel den Männern im Mond anfangs, denn sie deutete ihnen endlich die rätselhafte Erscheinung, die man auf der Erde beobachtete. Da aber auf dem Monde weder ein nasser noch ein gefrorener Regen niederfiel, so hätte man von dieser Gottheit keinen Vorteil gehabt. Die Männer im Mond stimmten ab, und das Dogma des ersten Abgesandten wurde mit allen gegen seine einzige Summe abgelehnt.

Der zweite Abgesandte wußte es besser. Die heilige Mehrheit war ein großer Wirbelwind, der von Zeit zu Zeit nicht nur Sand und Staub, sondern auch schwere Steine emporhob und, mit rasender Schnelligkeit dahinjagend, stolze Bäume umwarf und die Paläste der Erde gleich machte. Das schien das Richtige zu sein. Und weil das bißchen Atmosphäre auf dem Monde für starke Winde nicht genügte, so wurde das ganze Volk aufgeboten und mußte aus Leibeskräften blasen von beiden Seiten. Viele von den schwächeren Männern platzten dabei; aber ein rechter Wirbelwind kam nicht zustande, und so kehrten die Ältesten in den Versammlungssaal zurück, um den dritten Abgesandten zu hören.

Der war klüger gewesen als die beiden anderen und hatte ein Bild der neuen Gottheit gleich in der Tasche mitgebracht. Es war ein Driesel, das heißt eine Art Würfel zum Spielen. Die Ziffern von eins bis sechs standen um eine Achse herum, man drehte den Driesel, und wenn er nach einer Weile niederfiel, lag immer eine Ziffer oben. Das war das Orakel der neuen Gottheit. Sie selbst aber, die Mehrheit, war ein Bleiklumpen im Innern des Driesels, den konnte man beliebig verstellen, und wo der Bleiklumpen lag, da fiel der Driesel schließlich hin. Die heilige Mehrheit war nach den Mitteilungen des dritten Abgesandten ein falscher Würfel.

Jetzt überschlugen sich die Männer im Mond vor Freude. Einstimmig wurde beschlossen, einen ausgebrannten Vulkan mit dem letzten Kohlenvorrat neu anzuheizen und tausend Kinder hineinzuwerfen. Der falsche Driesel wurde ebenso einstimmig zur alleinigen Gottheit der Männer im Mond gewählt.

Bei jeder wichtigen Frage wurde er getrudelt, und nach der Aussage der oberen Ziffer wurde gehandelt. Es ging den Männern im Mond vortrefflich bei dem Orakel der neuen Gottheit. Der heilige Driesel verkündete ausnahmslos die Wahrheit. Wirklich und wahrhaftig.

Die Männer im Mond haben bis heute nicht erfahren, wie das kam. Nicht oben, unten lag ja der Bleiklumpen, die neue Gottheit! Unten lag das Orakel der heiligen Mehrheit! Die untere Ziffer galt! Und sie hatten immer die obere für die Wahrheit gehalten, hatten immer das Gegenteil getan vom Orakel der heiligen Mehrheit.

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